Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 10

Chapter 103,613 wordsPublic domain

Wäre er ein uneheliches Kind, hieß es, so wären leichtere, weniger grausame und weniger gefährliche Mittel angewendet worden, um seine Abstammung zu verheimlichen, als die ungeheure Tat der viele Jahre lang fortgesetzten Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung. Je vornehmer eines der Eltern war, desto müheloser konnte das Kind entfernt werden, und noch weniger Ursache zu so bedeutenden und verräterischen Anstalten hätten Leute geringen Standes und geringen Vermögens gehabt; das Brot und Wasser, welches Caspar im verborgenen verzehren mußte, hätte man ihm auch vor aller Welt reichen dürfen. Denkt man sich Caspar als uneheliches Kind hoher oder niedriger, reicher oder armer Eltern, in keinem Fall steht das Mittel im Verhältnis zum Zweck. Und wer übernimmt grundlos die Last eines so schweren Verbrechens, zumal wenn er dabei die angstvolle Plage hat, es für unabsehbare Zeit Tag für Tag wieder und wieder verüben zu müssen? Aus alledem geht hervor, so fuhr der unerbittliche Ankläger fort, daß sehr mächtige und sehr reiche Personen an dem Verbrechen beteiligt sind, welche über gemeine Hindernisse unschwer hinwegschreiten, welche durch Furcht, außerordentliche Vorteile und glänzende Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung setzen, Zungen fesseln und goldene Schlösser vor mehr als einen Mund legen können. Ließe es sich sonst erklären, daß die Aussetzung Caspars in einer Stadt wie Nürnberg am hellen Tage erfolgen und der Täter spurlos verschwinden konnte; daß durch alle seit vielen Monaten mit unermüdlichem Eifer betriebenen Nachforschungen kein rechtlich geltend zu machender Umstand entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort oder einen bestimmten Menschen führte, daß selbst hohe Belohnungen keine einzige befriedigende Anzeige veranlaßten?

Deshalb muß Caspar eine Person sein, mit deren Leben oder Tod weittragende Interessen verkettet sind, folgerte Feuerbach. Nicht Rache und nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung gewesen sein, sondern er wurde beseitigt, um andern Vorteile zuzuwenden und zu sichern, die ihm allein gebührten. Er mußte verschwinden, damit andre ihn beerben, damit andre sich in der Erbschaft behaupten konnten. Er muß von hoher Geburt sein, dafür sprechen merkwürdige Träume, die er gehabt und die sonst nichts sind als wiedererwachte Erinnerungen aus früher Jugend, dafür sprechen der ganze Verlauf seiner Gefangenschaft und die daraus sich ergebenden Schlüsse; er wurde freilich im Kerker gehalten und spärlich ernährt, aber man hat Beispiele von Menschen, die nicht in böswilliger, sondern in wohltätiger Absicht eingekerkert wurden, nicht um sie zu verderben, sondern um sie gegen diejenigen zu schützen, die ihnen nach dem Leben getrachtet. Vielleicht auch, daß durch sein bloßes Dasein ein Druck ausgeübt werden sollte auf jemand, der mit zauderndem Gewissen an der Unternehmung teilgehabt und doch nicht wagen durfte, Einspruch zu erheben. Es wurde Sorgfalt und Milde an Caspar geübt; warum? Warum hat ihn der Geheimnisvolle nicht getötet? Warum nicht einen Tropfen Opium mehr in das Wasser getan, das ihn bisweilen betäuben sollte? Das Verließ für den Lebendigen wurde ein doppelt sicheres für den Toten.

Wenn nun in irgendeiner hohen, oder nur vornehmen, oder nur angesehenen Familie in Caspars Person ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung brachte, so müßte doch längst öffentlich bekannt sein, in welcher Familie dies Unglück vorgefallen. Da aber seit Jahren und unerachtet Caspars Schicksal ein weitbesprochenes Ereignis geworden, nicht das mindeste davon verlautet hat, so ist Caspar unter den Gestorbenen zu suchen. Das will heißen: ein Kind wurde für tot ausgegeben und wird noch jetzt dafür gehalten, welches in Wirklichkeit am Leben ist, und zwar in der Person Caspars; das will heißen, ein Kind, in dessen Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte, wurde beiseitegeschafft, um nie wieder zu erscheinen; es wurde diesem Kind, das vielleicht gerade krank gelegen, ein andres, totes oder sterbendes Kind unterschoben, dieses als tot ausgestellt und begraben und so Caspar in die Totenliste gebracht. War der Arzt im Spiel, hatte er Befehl, das Kind zu morden, fand er jedoch in seinem Herzen oder in seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen und das Kind zu retten, so konnte der fromme Betrug leichterdings vollzogen werden. Hier handelte jeder auf höhere Weisung, aber wo war der gebietende Mund? Wo der mächtige Geist, der ein solches Gewicht von Verantwortung für ewige Zeiten zu tragen unternahm? Wo das Haus, in welchem das Unerhörte geschah?

An dieser Stelle des Berichts stockte die Hand des Präsidenten, – tagelang, wochenlang. Nicht aus Schwäche noch aus Wankelmut, sondern mit dem schmerzlichen Zagen eines Feldherrn, der des Unheils und Verderbens sicher ist, wie immer die Schlacht auch enden möge. Die Krone von einem Fürstenhaupt zu reißen und mit Fingern auf das befleckte Diadem deuten, hieß das nicht, die Majestät auch des eignen Königs beleidigen, geheiligte Überlieferungen mit Füßen treten, die unmündigen Völker zum Widerpart stacheln? Doch wie nie zuvor empfand er die zeugende Gewalt des Wortes und wie Wahrheit aus Wahrheit fließt und drängt.

Er nannte das Haus mit Namen. Er wies nach, daß das alte Geschlecht jählings, in auffallender Weise und gegen jede menschliche Vermutung im Mannesstamm erloschen sei, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen Nebenzweig Platz zu machen. Nicht etwa in einer kinderlosen, sondern in einer mit Kindern wohlgesegneten Ehe hatte sich dies Aussterben ereignet, und nur die Söhne starben, die Töchter aber lebten weiter. So wurde die Mutter zur wahrhaften Niobe, doch traf Apollos tötendes Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter, hier aber ging der Würgengel an den Töchtern vorüber und erschlug die Söhne. Und nicht bloß auffallend, sondern einem Wunder ähnlich, daß der Würgengel schon an der Wiege der Knaben stand und sie herausgriff mitten aus der Reihe blühender Schwestern. Wie wäre es erklärbar, fragte Feuerbach, daß eine Mutter demselben Vater drei gesunde Töchter gebiert und als Söhne lauter Sterblinge? Darin ist kein Zufall, behauptete er furchtlos, sondern System, oder man muß glauben, die Vorsehung selbst habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um einen politischen Streich auszuführen. Nicht lange nach dem Erscheinen Caspars hat sich in Nürnberg das Gerücht verbreitet, Caspar sei ein für tot ausgegebener Prinz jenes Geschlechts, und immer wieder redeten die dunkeln Stimmen, sogar von einer angeblichen Geistererscheinung wurde, wie öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung gewagt, daß die gegenwärtigen Regenten den Thron durch Usurpation besäßen und daß noch ein echter Prinz am Leben sei. Gerüchte sind freilich nur Gerüchte; aber sie fließen oft aus guten Quellen; sie haben, wo es geheime Verbrechen gibt, häufig ihre Entstehung darin, daß ein Mitschuldiger geplaudert, oder mit seinem Vertrauen zu freigebig gewesen, oder eine Unvorsichtigkeit begangen, oder sein Gewissen erleichtern wollte, oder seine getäuschten Hoffnungen zu rächen sich vorgesetzt, oder im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen gesucht, ohne die Rolle des Verräters spielen zu müssen.

Der Präsident nannte nicht bloß die Dynastie mit Namen und das Land, das ihr erbeigen war, er nannte auch den Fürsten, dessen plötzlicher Tod vor mehr als einem Jahrzehnt Argwohn erregt hatte, er nannte die Fürstin, die, von hocherlauchter Abkunft, in selbsterwählter Einsamkeit ein unfaßbares Geschick betrauerte; er nannte diejenigen, die so über Leichen hinweg zum Thron geschritten, und neben dem Bild eines schwachen, doch ehrgeizigen Mannes tauchte die Gestalt eines Weibes auf, voll von dämonischem Wesen, der regierende Wille über dem grausen Geschehen.

Es war etwas von der Bitterkeit eignen Erlebens in den unumwundenen Hinweisen des Präsidenten. Denn er kannte die höfische Welt, in der Tücke und Hinterlist in eine Wolke von Wohlgerüchen gebettet sind und wo die Niedertracht ihre Opfer mit heuchlerischen Gnaden betäubt; er hatte ihre Luft geatmet, er hatte von ihren Tischen gespeist, von ihrem Gift genossen, den besten Teil seines Lebens und seiner Kräfte in ihrem Dienst vergeudet und war für die reinste Hingebung mit Schmach und Verfolgung belohnt worden; er kannte ihre Kreaturen und Helfershelfer, er kannte sie, denen die Geschichte nichts bedeutet als eine Stammbaumchronik, Religion eine Priesterlitanei, Philosophie einen fluchwürdigen Jakobinismus, Politik einen Blindekuhreigen mit Noten und Protokollen, der Staatshaushalt ein Rechenexempel ohne Probe, Menschenrechte ein Pfänderspiel, der Monarch ein Schild ihrer eignen Größe, das Vaterland ein Pachtgut und Freiheit das sträfliche Vermessen aberwitziger Toren. Die unersetzlichen Jahre schrien hinter seinen Worten hervor, erlittene Zurücksetzung und ein verfinsterter Geist. Er wollte seiner selbst nicht gedenken, doch die Worte entschleierten seinen Gram, wenn auch nicht für das Auge des Königs, der nur zu lesen brauchte, was geschrieben stand.

Die Schrift ward unter Anwendung peinlicher Vorsicht abgesandt, damit sie in keine andern Hände als in die des Regenten gerate, und der Präsident wartete von Woche zu Woche vergeblich auf Erwiderung, auf einen Bescheid, auf irgendein Zeichen. Da kam die Kunde von dem Mordanfall auf Caspar. Feuerbach reiste nach Nürnberg; seine eignen Maßnahmen hatten so wenig Erfolg wie die der Polizei. Am zehnten Tag seines Aufenthalts erhielt er ein Schreiben aus der königlichen Privatkanzlei, worin mit gebührendem Dank von seinen Mitteilungen Notiz genommen und mit Anerkennung des nicht genug zu bestaunenden Scharfsinns in der Entwirrung verwickelter Verhältnisse gedacht war, das aber in allen wesentlichen Punkten eine spröde Zurückhaltung zeigte; man werde prüfen; man werde überlegen; man müsse abwarten; gewichtige Rücksichten seien zu beachten; leicht erklärliche Beziehungen legten unbequeme Pflichten auf; die Natur des Unglaublichen selbst veranlasse eher zur Verwunderung, zur Bestürzung als zu unbesonnenem Eingreifen; doch verspreche man, ja man verspreche; vor allem werde Schweigen empfohlen, unbedingtes Schweigen; bei Verlust aller Gnade dürfe keine derartige Kunde als authentisch durch den Mund eines hohen Staatsbeamten nach außen dringen: man erwarte über den Punkt Verständigung und Unterwerfung.

Die Wirkung dieses geheimen Erlasses, mit welchem man ihm zugleich schmeichelte und drohte, der einer freundlich dargereichten Hand glich, worin der geschliffene Dolch blitzte, war um so heftiger, als der Inhalt längst geahnt und gefürchtet war. Feuerbach schäumte. Er zertrat das Sendschreiben mit den Füßen; er rannte mit keuchender Brust, die Fäuste gegen die Schläfen gedrückt, eine ganze Weile im Zimmer auf und ab, dann stürzte er aufs Bett, das Sausen seiner Pulse beängstigte ihn und er erlöste sich schließlich in einem lauten, langen Gelächter voll Wut und Zorn.

Dann blieb er stundenlang liegen und konnte nichts andres denken als das einzige Wort: Schweigen, Schweigen, Schweigen.

An demselben Nachmittag war der Bürgermeister Binder mehrmals im Gasthof gewesen und hatte den Präsidenten zu sprechen gewünscht. Der Kellner war stets mit dem Bescheid zurückgekommen, sein Pochen sei vergeblich, der Herr Staatsrat scheine zu schlafen oder wünsche nicht gestört zu werden. Gegen Abend kam Binder wieder und wurde endlich vorgelassen. Er fand den Präsidenten in ein Aktenheft vertieft, und seine Entschuldigung wurde mit der verletzend kurzen Bitte erwidert, er möge zur Sache kommen.

Der Bürgermeister trat betroffen einen Schritt zurück und sagte stolz, er wisse nicht, wodurch er sich das Mißfallen Seiner Exzellenz zugezogen haben könne, doch wie dem auch sei, er müsse eine derartige Behandlung zurückweisen. Da erhob sich Feuerbach und entgegnete: »Ums Himmels willen, Mann, lassen Sie das! Wer auf einem Scheiterhaufen schmort, hat einigen Grund, wenn er die Regeln der Höflichkeit vergißt!«

Binder senkte den Kopf und schwieg verwundert. Dann erklärte er den Zweck seines Besuchs. Daß Daumer die Absicht habe, Caspar aus seinem Haus zu entfernen, sei dem Präsidenten wahrscheinlich bekannt. Da nun der Jüngling soweit hergestellt sei, habe sich Daumer entschlossen, damit nicht hinzuwarten, sondern ihn baldmöglichst zu den Beholdischen zu bringen, die Caspar mit Freuden aufnehmen wollten. Alles dies sei genügend besprochen und man wünsche nur, den Präsidenten zu unterrichten, und bitte um seine Gutheißung.

»Ja, ich weiß, daß Daumer die Geschichte satt hat,« antwortete Feuerbach verdrießlich. »Ich mache ihm keinen Vorwurf daraus. Niemand hat Lust, sein Haus zu einer umlauerten Mordstätte werden zu lassen, obwohl dagegen Maßregeln ergriffen werden können, werden müssen. Von heute ab soll Caspar unter genauer polizeilicher Überwachung stehen; die Stadt haftet mir für ihn. Doch warum hat Daumer solche Eile? Und warum gibt man Caspar in die Familie Behold, warum nicht zu Herrn von Tucher oder zu Ihnen?«

»Herr von Tucher ist während der nächsten Monate berufshalber gezwungen, seinen Aufenthalt in Augsburg zu nehmen, und ich –« der Bürgermeister zögerte, und sein Gesicht wurde vorübergehend bleich, – »was mich betrifft, mein Haus ist kein Ort des Friedens.«

Rasch schaute der Präsident empor; sodann ging er hin und reichte Binder stumm die Rechte. »Und was ist es mit diesen Beholds? Was sind es für Leute?« fragte er ablenkend.

»O, es sind gute Leute,« versetzte der Bürgermeister etwas unsicher. »Der Mann jedenfalls; ist ein geachteter Kaufherr. Die Frau ... darüber sind die Meinungen geteilt. Sie gibt viel auf Putz und dergleichen, verschwendet viel Geld. Böses kann man ihr nicht nachsagen. Da es für Caspar, wie wir ja verabredet, von Vorteil ist, wenn er jetzt die öffentliche Schule besucht, genügt schließlich die bloße Beaufsichtigung in einem Kreis anständiger Menschen.«

»Haben die Leute Kinder?«

»Ein dreizehnjähriges Mädchen.« Der Bürgermeister, dem es wie aller Welt wohlbekannt war, daß Frau Behold diese Tochter schlecht behandelte, wollte noch etwas hinzufügen, um sein Gewissen zu beruhigen, doch da wurden Daumer und der Magistratsrat Behold gemeldet. Der Präsident ließ bitten. Alsbald zeigte sich das freundlich-grinsende Gesicht des Rats; der feierliche schwarze Kinnbart stand in einem komischen Gegensatz zu dem schon ergrauten Kopfhaar, das in feuchten Strähnen pomadeduftend über die Stirn hing.

Unter beständigen Verbeugungen trat er auf Feuerbach zu, der ihn nur eines flüchtigen Grußes würdigte und sich sogleich an Daumer wandte. Dieser wagte kaum dem forschenden Auge des Präsidenten zu begegnen, und die Frage, ob man Caspar die innere und äußere Anstrengung eines so durchgreifenden Wechsels schon zumuten dürfe, beantwortete er durch verlegenes Schweigen. Als sich Herr Behold ins Gespräch mischte und versicherte, Caspar solle in seinem Haus wie ein leiblicher Sohn betrachtet werden, unterbrach ihn der Bürgermeister mit den fast widerwillig hervorgepreßten Worten, darauf halte er nichts, wie man an Caspar selbst sehe, gebe es ja Eltern, die ihre leiblichen Kinder verkümmern ließen. Der Rat machte ein verlegenes Gesicht, rieb seine ausgemergelten Finger an der Stuhlkante und stotterte, er könne nichts weiter sagen, was an ihm läge, wolle er tun.

Der Präsident, stutzig geworden durch die beziehungsvollen Reden, sah die beiden Männer abwechselnd an. Darauf trat er dicht vor Daumer hin, legte die Hand auf dessen Schulter und fragte ernst: »Muß es denn sein?«

Daumer seufzte und entgegnete bewegt: »Exzellenz, wie hart mein Entschluß mich ankommt, das weiß nur Gott.«

»Gott mag es wissen,« versetzte der Präsident grollend, und seine untersetzte feiste Gestalt schien plötzlich drohend zu wachsen, »aber wird er es darum schon billigen? Wenn man Stein und Stahl zusammenschlägt, gibt es Funken; wehe aber, wenn bloß Schmutz und Krümel vom Stein fliegen. Da ist keine Dauer und keine Tüchtigkeit der Natur.«

Er kanzelt mich schon wieder ab, dachte Daumer, und die Röte des Unwillens stieg ihm ins Gesicht. »Ich habe getan, was in meinen Kräften stand,« sagte er hastig und mit Trotz. »Ich verschließe Caspar nicht mein Haus. Und mein Herz schon ganz und gar nicht. Aber erstens kann ich keine Gewähr für seine Sicherheit mehr leisten, und ich glaube, niemand kann es. Wie ist es möglich, Säemann zu sein auf einem Acker, unter dem ein verderbliches Feuer gloset und jeden Samen verbrennt? Und dann, was mehr ist, ich bin enttäuscht, ich gestehe es, ich bin enttäuscht. Nie will ich vergessen, was mir Caspar gewesen ist, wer könnte ihn auch vergessen! Aber das Wunder ist vorüber, die Zeit hat es aufgefressen.«

»Vorüber, ja vorüber,« murmelte Feuerbach düster, »das Wort mußte fallen. Die Augen werden stumpf vom Schauen ins Licht. Die Söhne werden verstoßen, wenn sie unsrer Liebe ein Übermaß abnötigen. Aber der Bettler kriegt seine Bettelsuppe. Meine geschätzten Herren,« fuhr er laut und förmlich fort, »tun Sie, wie Ihnen beliebt; in jedem Fall, dessen seien Sie eingedenk, bleiben Sie mir für das Wohl Caspars verantwortlich.«

Als Daumer auf der Straße war, ärgerte er sich noch immer über den Ton und die Worte des Präsidenten. Doch zugleich konnte er sich seine Selbstunzufriedenheit nicht verhehlen. In einer der verödeten Straßen nahe der Burg begegnete er dem Rittmeister Wessenig. Daumer war froh, eine Ansprache zu haben, und begleitete den Mann bis zur Reiterkaserne. Von Anfang an lenkte der Rittmeister die Unterhaltung auf Caspar, und Daumer bemerkte nicht oder wollte nicht bemerken, daß die Gesprächigkeit des Rittmeisters einen hohnvollen Beigeschmack hatte.

»Eine geheimnisvolle Sache, das mit dem Vermummten,« meinte Herr von Wessenig, plötzlich deutlicher werdend. »Sollte es Leute geben, die daran ernstlich glauben? Am hellichten Tag dringt ein Kerl, ein Kerl mit Handschuhen, bitte, dringt in ein bewohntes Haus, hängt sich einen Schleier übers Gesicht und zieht ein Beil aus der Tasche? Oder sollte er das Beil vorher offen über die Straße getragen haben? Mit Handschuhen, wie? Beim heiligen Tommasius, das ist eine gewaltige Räuberhistorie!«

Da Daumer nichts antwortete, fuhr der Rittmeister eifrig fort: »Nehmen wir einmal an, der famose Vermummte hat die Absicht gehabt, den Burschen zu töten. Warum dann die unbedeutende Wunde? Er brauchte ja nur ein bißchen kräftiger zuzuschlagen und alles war aus, der Mund, der ihn verraten mußte, war stumm. Man muß rein glauben, der behandschuhte Mörder hat sein Opfer einstweilen nur ein bißchen kitzeln wollen. Wahrhaftig, eine kitzlige Geschichte. Alle meine Bekannten, #parole d’honneur#, lieber Professor, sind empört über die Leichtgläubigkeit, die sich von so albernem Spuk zum besten halten läßt.«

Daumer hielt es für unter seiner Würde, Zorn oder Entrüstung zu zeigen. Er stellte sich, als hätte er nicht übel Lust, dem Rittmeister beizustimmen, und fragte gelehrig, wie man sich aber den ganzen Vorgang zu denken habe. Herr von Wessenig zuckte vielsagend die Achseln; er mochte heftiges Aufbrausen und scharfe Zurechtweisung erwartet haben, und weil dies nicht eintraf, legte er sein verhalten-feindseliges Wesen ab, war jedoch vorsichtig genug, sich nur in allgemeinen Vermutungen zu äußern. »Vielleicht ist der gute Hauser betrunken gewesen und auf der Treppe gefallen und hat dann die Mordsgeschichte ausgeheckt, um sich interessant zu machen. Das wäre ja noch harmlos. Andre sehen bei weitem schwärzer; man traut dem Halunken schon zu, daß er seine Wohltäter durch einen feingefädelten Streich hinters Licht geführt hat.«

Jetzt vermochte Daumer nicht mehr an sich zu halten. Er blieb stehen, wehrte mit beiden Händen ab, als drängen die Reden seines Begleiters wie giftige Fliegen auf ihn ein, und stürzte ohne Wort noch Gruß davon.

Das ist also die Welt, das sind ihre Stimmen, dachte er bestürzt; das zu denken, ist möglich, es auszusprechen, steht jedem Mund frei! Und dieser Abgrund von Unsinn und Bosheit soll dich verschlingen, armer Caspar! Wenn du auch nicht der Himmelszeuge bist, den ich wähnte, über ihnen schwebst du doch wie der Adler über Koboldsgezücht. Freilich, sie werden dir die Flügel brechen; vergebens wird die Schuldlosigkeit aus deinem Innern strahlen, sie werden es nicht sehen; vergebens wirst du vor ihnen weinen und vergebens lächeln, du wirst ihre Hand fassen und vor Kälte schaudern, du wirst sie anblicken, und sie werden stumm sein, angstvoll sucht dein Geist die Wege zu ihnen und Verrat führt dich auf den verderblichsten von allen ...

Man ist Prophet und hat ein mitleidiges Gemüt; man kennt die Menschen, man weiß, daß das Feuer brennt, daß die Nadel sticht, und daß der Hase, wenn er angeschossen wird, ins Gras fällt und stirbt; man kennt die Folgen dessen, was man tut, nicht wahr, Herr Daumer? Aber ist dies etwa ein Grund, den Geschehnissen, wie einem Feind, der das Schwert erhoben hat, in die Arme zu fallen und den Schlag abzuwenden? Nein, es ist kein Grund. Oder ist es nur Grund, ein kleines Entschlüßchen rückgängig zu machen? Nein, es ist kein Grund. Darin haben die Idealisten und Seelenforscher nichts voraus vor Dieben und Wucherern.

Man geht nach Hause, philosophierend geht man nach Hause, legt sich schlafen, und am nächsten Morgen sieht die Welt weit annehmbarer aus als am gestrigen, reichlich verstimmten Abend.

Das Amselherz

Vierundzwanzig Stunden später hält eine Kutsche vor dem Daumerschen Haus, und Frau Behold selber kommt, um Caspar zu holen. Wirklich, Frau Behold hat sich’s etwas kosten lassen, eine schwarzlackierte Kutsche mit zwei Pferden und einen Mann mit goldenen Knöpfen auf dem Bock.

Caspar wird von Daumer und den beiden Frauen zum Tor geleitet, auch der Kandidat Regulein verläßt seine Junggesellenklause. Anna kann sich der Tränen nicht erwehren, Daumer blickt finster vor sich hin, Frau Behold gibt dem Kutscher ein Zeichen, die Rosse schnauben, die Räder rollen und die Zurückbleibenden schauen stumm in die Dunkelheit, die das Gefährt verschlingt.

Das war der Abschied, und Caspar war’s, als gehe es weit fort. Aber es ging nur von einem Haus auf der Schütt zu einem Haus am Markt. Es war dies ein schmales, hohes Haus, welches so eingepreßt stand zwischen zwei andern, daß es aussah, als fehle ihm die Luft zum Atmen. Es hatte einen gezinnten Giebel, steilabhängend wie die Schultern eines verhungerten Kanzlisten, die Fenster hatten nichts Freischauendes, sondern etwas Blinzelndes, das Tor war seltsam versteckt und innen wand sich eine dunkle Treppe in vielen Biegungen, gleichsam in vielen Ausreden durch die Stockwerke; die alten Treppen knarrten und stöhnten bei jedem Schritt, und wenn die Türen geöffnet wurden, floß nur ein dämmeriges Licht aus den Stuben.

Caspar wohnte in einem Gemach gegen den viereckigen Hof; vor den Fenstern lief eine Holzgalerie mit verschnörkeltem Geländer, auf jeder Seite waren grünverhangene Glastüren, und unten stand ein eiserner Brunnen, aus dem kein Wasser floß.

Das Wunderliche lag darin, daß draußen der Markt war, wo viele Menschen laut redeten, wo die Händler ihre kleinen Läden und Verkaufszelte hatten, wo von morgens bis abends Frauen feilschten, Kinder kreischten, Rosse wieherten, das Geflügel gackerte, und daß man bloß das Tor hinter sich zu schließen brauchte und es wurde so still, als ob man in die Erde hineingestiegen sei.

Dies machte Caspar im Anfang Spaß. Es glich einem Versteckenspiel, er fand es lustig, sich zu verstecken, und gelegentlich sah er es darauf ab, ein andres Gesicht zu zeigen, als ihm zu Sinn war, oder andre Dinge zu sagen, als man von ihm erwartete. An einem der ersten Tage verlor Frau Behold ein silbernes Kettchen; Caspar behauptete, es im Vorplatz gesehen zu haben, obwohl er es keineswegs gesehen hatte.