Carlos und Nicolás

Part 8

Chapter 83,707 wordsPublic domain

Die Knaben hatten in ihrer Kabine um die Betten gelost. Nicolás war das obere zugefallen; von da aus konnte er durch die gegenüberliegende Luke gerade aufs Meer sehen.

Sollte er, wenn er nachts erwachte, die Wolke am Horizont schauen, die unfehlbar Sturm verkündete, hatte er seinen Bruder zu wecken.

Es reisten nicht viel Passagiere in der ersten Klasse. Mit einem dicken fröhlichen Priester aus Montevideo waren sie gleich Freunde geworden.

Sie hatten ihn abends bei Tische beobachtet, wie er vor jedem Gericht seine Reverenz machte.

Nachher lag er oben auf Deck auf seinem Reisestuhl ausgestreckt und verdaute.

»Seid ihr noch nicht seekrank, Süßwasserratten!« sprach er Carlos und Nicolás an.

»Wir sind keine Süßwasserratten,« antwortete Carlos und zeigte nach seiner Matrosenmütze, worauf der Name eines großen französischen Panzers stand, »und vor dem Sturm fürchten wir uns auch nicht!«

»Bravo!« rief der fröhliche Priester.

Darauf erzählten sie ihm, daß sie mit ihrem Hauslehrer, Herrn Dr. Bürstenfeger, nach einem schönen Städtchen in Deutschland reisten, das Mufflingen hieße, um in die Schule zu gehen. Dort wohnten auch ein Onkel und eine Tante von ihnen. Sie selbst zwar seien aus Buenos Aires und daher Argentinier, aber zugleich auch Deutsche, weil ihr Vater ein Deutscher sei.

Der fröhliche Priester antwortete: »Wenn ihr in Argentinien geboren seid, so seid ihr Argentinier, und vergeßt ihr das, seid ihr keine braven Kerle!«

»Wir bleiben gute Argentinier!« antworteten ein wenig gereizt beide Knaben.

»Das ist gut!« meinte zufriedengestellt der Priester.

Nicht weit von ihnen an der Reling stand ein Herr mit einem langen fahlen Gesicht und einer fahlen Glatze.

Auch er war ihnen bei Tisch aufgefallen. Seltsam düster hatte er vor sich hingeschaut und manchmal ganz absonderlich gelächelt.

Jetzt machte er Carlos und Nicolás heimlich Winke, die sie aber nicht gleich verstanden. Schließlich begriffen sie, daß sie zu ihm hinüber sollten, und, wie es schien, in einer sehr dringlichen Angelegenheit.

Als eine Pause in der Unterhaltung entstand, gehorchten sie möglichst unauffällig.

»Das ist ein schwarzer Pfaffe«, sprach leise und finster der Herr mit der fahlen Glatze und zeigte auf den fröhlichen Priester, der mit geschlossenen Augen wieder seine Verdauung pflegte. »Gebt euch nicht mit ihm ab, schwarze Pfaffen bringen Unglück. Ich würde wieder an Land gegangen sein, wenn nicht noch zwei Mönche mit weißen Kutten an Bord wären.«

Darauf erzählte er anschaulich und grausig von den Schrecken eines Schiffunterganges, von Menschen, die verzweifelt mit den sturmgepeitschten Wellen ringen, sprach vom Nachlassen ihrer Kräfte, dem völligen Ermatten und der Drangsal des Ertrinkens, sprach vom Hai und beschrieb seine Gestalt und seinen Charakter. »Wehe denen, die in seinen grausigen Rachen gerieten!« Er ließ krachende Knochen hören und herzzerreißende Aufschreie und schloß seine Schilderung mit dem Bild eines oben am höchsten Mast angeklammerten Mannes im Lichte des zuckenden Blitzes.

Und dabei rieb er sich die Hände und lachte unheimlich, als bereiteten ihm diese Vorstellungen ein unsägliches Vergnügen.

Carlos und Nicolás aber überlief es eiskalt. Sie hatten keine Sehnsucht mehr nach dem Sturm.

Und als sie nachher in ihren Betten lagen, schaute Nicolás voller Angst nach dem Horizont, ob sich nicht vielleicht die unheilverkündende Wolke zeige.

Am nächsten Morgen, als sie erwachten, schaukelte das Schiff beträchtlich. Ein wenig beunruhigte sie das, denn sie hatten die Erzählung des Herrn mit der Glatze noch nicht vergessen.

Durch die Luke sahen sie, daß das Meer nun blau statt grün, die Wellen aber nicht viel höher waren als gestern, und das enttäuschte sie wieder, denn sie mußten längst auf offenem Ozeane sein.

Rasch zogen sie sich an und eilten auf Deck. Sie ließen die Blicke nach allen Richtungen schweifen, doch überall sahen sie nur Himmel und Wasser.

Carlos und Nicolás schöpften einige Male tief Atem, und Carlos sagte: »Es ist doch schön, das große Meer!«

Bald darauf fiel ihnen ein, daß sie eigentlich auch zu Herrn Dr. Bürstenfeger müßten; überdies klingelte es schon zum Frühstück.

Sie gingen in seine Kabine; er lag noch im Bett und war ungemein bleich.

»Mir ist nicht recht wohl, Karl und Nikolaus,« sagte er, »mein Magen ist wieder einmal nicht in Ordnung; aber geht nur jetzt zum Frühstück; ich werde gleich folgen.«

Im Eßzimmer saß bereits der fröhliche Priester vor einer Tasse Schokolade. Er war erstaunt, Carlos und Nicolás so früh munter und immer noch nicht seekrank zu sehen.

Beide Knaben dachten zugleich an die gestrige Warnung des Herrn mit der Glatze. Aber wie sie jetzt wieder in des Priesters breites gutmütiges Gesicht sahen, verging ihnen sofort alle Angst. Sie begriffen nicht recht, daß er ihnen gefährlich sein könnte, nur darum, weil er ein schwarzes Gewand trug.

Der fröhliche Priester tauchte einen Zwieback in seine Schokolade und sagte: »Nun, Jungens, setzt euch neben mich!«

Aber sie hatten auf ihren Lehrer zu warten.

Sie begannen miteinander zu plaudern. Der Priester machte ihnen den Vorschlag, nicht nach Deutschland zu reisen, sondern mit ihm nach Rom. Er werde sie dort dem Papst vorstellen, und in wenigen Jahren schon würde ganz sicher Nicolás ein Erzbischof und Carlos ein Kardinal werden.

Was ein Erzbischof sei, wußten ungefähr die Knaben; aber unter einem Kardinal verstanden sie nur einen grauen Vogel mit einer roten Haube. Davon hatten sie viele auf dem Gute in der Pampa mit Klebruten gefangen. Aber das zu sein bedankte sich Carlos lebhaft.

Der Priester erklärte ihnen, ein Kardinal, wie er ihn meine, sei ein mächtiger Kirchenfürst, der übrigens auch eine rote Haube trage. Darauf behauptete er, in Deutschland liefen die Leute auf acht Beinen umher und der Großtürke sei dort Herrscher. Er schneide allen seinen Untertanen die Ohren ab und mache sich daraus einen türkischen Salat.

Carlos und Nicolás merkten nun, daß der fröhliche Priester Witze machte, und lachten. Sie dachten wieder an den Herrn mit der fahlen Glatze; sehr wahrscheinlich hatte er gestern auch nur Witze gemacht.

Inzwischen erschienen die übrigen Passagiere; auch der Herr mit der Glatze. Ganz zum Schluß kam Herr Dr. Bürstenfeger. Von den Damen war keine einzige da.

»Die werden jetzt schon seekrank sein«, meinte der Priester.

Der Herr mit der Glatze nahm weit von ihnen Platz und warf düstere Blicke auf die Knaben.

Carlos und Nicolás glaubten, er fahre mit seinen gestrigen Späßen fort, grüßten ihn und lachten.

Aber die finster vorwurfsvolle Miene, die er daraufhin machte, verwirrte sie wieder ganz.

Herr Dr. Bürstenfeger setzte sich zwischen Carlos und Nicolás und schenkte sich und ihnen Schokolade ein, trank aber selbst beinahe nichts. Weder Kuchen noch Brot berührte er; dabei aber schien er in einemfort seltsam zu schlucken.

Von Zeit zu Zeit ermahnte er sie, die Bissen nicht, wie es ihre Gewohnheit war, hinunterzuschlingen, sondern ordentlich zu kauen. Bei der schaukelnden Bewegung des Dampfers seien die Magen ohnehin nicht sehr aufnahmefähig.

Der fröhliche Priester, der Herrn Dr. Bürstenfeger gegenübersaß, sah ihn einige Male verstohlen an und zwinkerte dann den Knaben zu.

Carlos und Nicolás schauten ihren Lehrer an; er war noch bleicher als vorher; es war ihnen klar, er war seekrank. Sie hatten großes Mitleid mit ihm, aber zugleich dachten sie: Wenn das andauert, haben wir keine Schule!

Sie hatten kaum fertig gegessen, als Herr Dr. Bürstenfeger aufstand und sagte: »Gehen wir auf Deck, die Luft ist dort besser!«

»Ach diese Schiffsgerüche!« seufzte er auf der Treppe und blieb eine Zeitlang stehen.

»Es riecht nur nach Teer«, meinte Nicolás.

Oben irgendwo stand ein Froschspiel. Carlos und Nicolás nahmen es sofort in Beschlag.

Herr Dr. Bürstenfeger marschierte mit langen Schritten auf Deck auf und ab.

Nun stieg eine Dame aus einem Städtchen in Patagonien die Treppe hinauf. Den Kopf hatte sie in einen schwarzen Schal gewickelt, ihr Gesicht war gelbgrün.

Schwankend ging sie auf ihren Reisestuhl zu, der sich in der Nähe von Carlos und Nicolás befand, blieb plötzlich stehen, blickte zu Boden, ächzte, ging dann einige Schritte nach der Seite und beugte sich über die Reling.

Herr Dr. Bürstenfeger sah sie, und Schweißtropfen perlten auf seiner bleichen Stirn. Er machte kehrt und verfügte sich schnell nach der anderen Seite des Decks.

Wenige Minuten darauf erschien er wieder, aschfahl und mit einer Haarsträhne über der Stirn.

»Karl und Nikolaus,« sagte er, seine Stimme klang mitleiderregend, »ich gehe in meine Kabine, bleibt meinetwegen hier, aber treibt keinen Unfug und besucht mich bald!«

Damit entfernte er sich.

Gleich nachher sahen die Knaben weiter hinten den Herrn mit der Glatze in Gesellschaft eines kleinen hageren Herrn, der Pantoffeln trug und eine Reisemütze mit einem großen weißen Hornschirm.

Der Herr mit der Glatze hielt ihn am Rock fest und redete lebhaft auf ihn ein. Der Herr mit der Reisemütze wiegte den Kopf und zuckte die Achseln; schließlich gab er ihm einen Klaps auf die Schulter und machte sich lachend von ihm los. Er ging auf die seekranke Dame zu und streichelte ihr teilnehmend die Wange.

Sie stöhnte leise und schloß die Augen.

Aber auch der Herr mit der Glatze war herangetreten.

Carlos und Nicolás hörten, wie er eindringlich von einem schweren Kesselschaden auf einer früheren Reise sprach und sich dann in düstere Mutmaßungen über die Lombardia erging.

Die seekranke Dame öffnete langsam ihre großen leeren Augen, schloß sie wieder und hauchte: »Mir ist jetzt alles gleich.«

Der Herr mit der Reisemütze jedoch rief: »Um Himmels willen, wissen Sie denn immer nur von solch unheimlichen Dingen zu reden? Sie verderben einem ja die ganze Reisefreude!«

»Niemandem will ich die Reisefreude verderben, ich schweige!« rief der Herr mit der Glatze aus, wobei er ein unheimliches Gelächter erschallen ließ.

»Der Herr macht keine Späße«, sagte Carlos leise und erschrocken zu seinem Bruder.

»Nein, er macht keine Späße«, antwortete Nicolás.

Beide sehnten sich jetzt nach dem fröhlichen Priester, weil er so lustig war, und sie gingen ihn suchen.

Er lag weiter vorn auf seinem Reisestuhl und schlief.

Die Knaben wollten ihn nicht wecken. Da das Froschspiel sie bereits langweilte, gingen sie nach Zwischendeck, um die Emigranten zu sehen.

Viele hundert Menschen waren dort beisammen: Italiener, Spanier, Basken; Leute aus allen möglichen Nationen.

Sie standen umher, saßen auf Kisten und Säcken oder lagen auf der Erde ausgestreckt mit einem Bündel als Kopfkissen. Manche waren seekrank; einige hatten sich übergeben, auf dem Platze, wo sie waren.

Im großen und ganzen aber war Lustigkeit. Man schwatzte laut, man sang, es wurde Gitarre gespielt. --

Kurz vor dem zweiten Frühstück gingen die Knaben zu ihrem Lehrer.

Er lag im Bett und hatte Rock und Kragen abgetan. Neben ihm auf dem Boden stand ein Blechkübel.

Sein Aussehen war bejammernswert.

»Karl und Nikolaus, ist euch wohl?« fragte Herr Dr. Bürstenfeger mit matter Stimme, indem er sich langsam aufrichtete.

»Ja«, antworteten Carlos und Nicolás zögernd, denn im Netze auf Armweite von ihm sahen sie einen Stoß Hefte.

»Das ist gut,« fuhr er fort, »denn seht, mir ist sehr schlecht, und ich bin für heute nicht in der Lage, euch Unterricht zu geben.« Er faßte sich an die Stirn und schwieg einige Sekunden. »Damit ihr nun die Zeit nicht zwecklos verbringt, nehmt diese Hefte und seht sie durch, es sind alles Sachen, die wir noch zusammen an Bord behandeln werden.«

Nach diesen Worten langte er mit einer schmerzlichen Miene nach dem Netz, ergriff die Hefte und streckte sie ihnen hin.

Eine Weile saß er aufgerichtet und blickte stumm geradeaus. Dann beugte er sich rasch über sein Bett und übergab sich in den Kübel.

Carlos und Nicolás verließen ihn höchst mißmutig.

»Jetzt ist er seekrank, und wir haben doch nicht frei!« sagte draußen Carlos.

»Wären wir etwas länger in seiner Kabine geblieben, würden wir auch seekrank geworden sein, und wir hätten frei«, antwortete Nicolás.

Darauf hielten sie Rat, wann sie mit ihrer Tätigkeit beginnen wollten, und beschlossen, sie für einstweilen aufzuschieben.

Bald nachher ertönte die Glocke zum zweiten Frühstück.

Sehr selten hatten sie Gelegenheit gehabt, ohne ihren Lehrer zu Tisch zu gehen. Es war ihnen eine langentbehrte Freude, Schüsseln, die ihnen nicht schmeckten, weitergehen zu lassen, und sie machten jetzt ausgiebigen Gebrauch davon. Dafür aßen sie dreimal Torte und auch Bananen und Orangen nach Herzenslust.

Herr Dr. Bürstenfeger kam den ganzen Tag nicht aus seiner Kabine.

Sie machten ihm einige pflichtschuldige Besuche. Auf seine Fragen, ob sie auch fleißig gewesen seien, gaben sie nur ausweichenden Bescheid.

Am folgenden Morgen war das Wetter gut, die Bewegungen des Dampfers weit ruhiger und regelmäßiger.

Herr Dr. Bürstenfeger befand sich in leidlichem Zustand; er erschien auf Deck und erteilte den Knaben am Vormittag schon zwei Stunden in seiner Kabine. Von Zeit zu Zeit waren über ihren Köpfen in regelmäßigen Abständen schwere Schritte hörbar.

Während Carlos mühselig und weinerlich die dritte lateinische Deklination hersagte, dachten beide Knaben: oben spaziert jemand, der keine Schule hat!

Als der Unterricht zu Ende war, liefen sie auf Deck, neugierig zu erfahren, wer es sei.

Es war der fröhliche Priester, der ein lustiges Lied trällernd seinen Vormittagsspaziergang machte.

»Meinen Appetitsspaziergang für den Lunch«, erklärte er. Darauf stellte er fest, daß er heute bereits drei Meilen gegangen sei.

Nachmittags hatten Carlos und Nicolás nochmals Unterricht. Den Rest der Zeit verbrachten sie spielend auf Deck und in Gesellschaft des Priesters.

Abends nach Tisch hörten Carlos und Nicolás den Schiffsarzt über den Herrn mit der fahlen Glatze reden. Er sei ein italienischer Handlungsreisender in Konserven, ein harmloser Herr, der seine phantastischen Grillen habe, niemand nehme ihn ernst.

So vergingen die Tage, das Wetter war gut, der fröhliche Priester aß mit Appetit, der Herr mit der Glatze fuhr fort in seiner düsteren Freude an allem Ungemach, und Herr Dr. Bürstenfeger gab seinen Unterricht, aber jetzt auf Deck, weil die Hitze in der Kabine zu drückend wurde.

In der Bai von Rio

Am fünften Tage frühmorgens fuhr die Lombardia in die Bai von Rio ein. Der Himmel war heiter, die Luft schwül.

Herr Dr. Bürstenfeger stand mit Carlos und Nicolás auf Deck.

Er rief begeistert aus: »Unsäglich lang habe ich mich auf diesen Anblick gefreut, Karl und Nikolaus. Herrlicheres bietet die Natur nicht oft! -- Bai von Rio de Janeiro, seit Entdeckung Amerikas gepriesen von den hehrsten Reisenden aller Nationen, sei mir gegrüßt!«

Eine Weile verharrte er stumm in Betrachtung der Ufer; dann bemerkte er: »Schaut hin, Karl und Nikolaus, rechts von uns haben wir jetzt das Fort Santa Cruz und links den weltberühmten Zuckerhut -- Pao d'Azuka. Der Meerbusen -- gerade fahren wir hinein -- ist einer der inselreichsten der Welt und hat die erstaunliche Breite von mehr als zwanzig Kilometer! -- Betrachtet diese Hügel, diese Berge! Noch sind wir ihnen freilich zu fern, als daß wir uns ein Bild machen könnten ihrer über alle Begriffe göttlichen Vegetation!«

»Seht«, rief er nach einer Weile, »nun die Stadt selbst!«

Eine Zeitlang genoß er schweigend ihren Anblick: »Wahrhaftig, man sollte glauben, nur glücklich sei dieses Rio zu preisen, um solchen Kranzes lodernder Schönheit willen; aber auf dieser Stadt ruht zugleich abgrundtief der Fluch des Schöpfers. Eine lautlose, gespenstische Schlacht wird hier zum großen Teil des Jahres geschlagen, ich meine das Wüten des fürchterlichen gelben Fiebers, das die Dünste dieser nur zu freigiebigen Erde nähren. Die günstige Jahreszeit, Karl und Nikolaus, bewahrt uns davor.«

Neben ihnen tauchte jetzt der italienische Handlungsreisende auf, und erstaunt sahen die Knaben auf seiner fahlen Glatze eine seltsame gelbe Kruste.

»Ich beschwöre Sie und jedermann im Interesse von uns allen,« wandte er sich an Herrn Dr. Bürstenfeger, »gehen Sie nicht an Land, laden Sie sich nicht das schreckliche Fieber auf, hören Sie vielmehr auf meinen inständigen Rat: Nehmen Sie um Himmels willen Schwefel ein oder bestreuen Sie sich damit.« Er zeigte auf seine Glatze. »Es ist das einzige halbwegs sichere Mittel gegen die Ansteckung. Was mich betrifft, ich schließe mich jetzt in meine Kabine ein, bis wir diesen verruchten Ort weit hinter uns haben!«

Nach diesen Worten machte er kehrt und verschwand.

Kopfschüttelnd sah ihm Herr Dr. Bürstenfeger nach. Dann meinte er: »Karl und Nikolaus, ich muß schlechterdings annehmen, daß dieser Herr sich mit seinem seltsamen Rat nur einen Scherz erlaubt hat, Schwefel als inneres Mittel wird freilich hie und da angewandt, aber schwerlich glaube ich,« und nun lächelte Herr Dr. Bürstenfeger, »daß durch bloßes Bestreichen des Kopfes bei Fieberanlässen irgendwelche Wirkung erzielt wird, obwohl, ich wiederhole es, jetzt gar keine Gefahr ist.«

Herr Dr. Bürstenfeger schüttelte den Kopf und lächelte noch lange.

Plötzlich rief Carlos erfreut: »Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, wenn Sie, ich, Nicolás und alle Passagiere uns mit Schwefel bestreuten, dann wären wir ja alle miteinander eine Schwefelbande?!«

»Karl,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger, »ich bitte dich, laß mich wenigstens aus dem Spiel bei deinen recht törichten, wirklich übel angebrachten Witzen!«

Eine Viertelstunde darauf warf die Lombardia Anker.

Als der kleine Dampfer der Sanität das Schiff verlassen hatte, fuhren Barken und Boote heran, beladen mit Orangen, Bananen, Ananas, Kokosnüssen und Käfigen mit kreischenden bunten Vögeln.

Auf einem Berg von Orangen stand eine Kiste, auf der zwei Affen hockten.

Sofort hatten Carlos und Nicolás sie gesehen. Die beiden Affen waren ganz so wie die, welche sie in Paraguay gekauft hatten.

Weil sie ihnen mit der Zeit lästig geworden waren, hatten sie die Knaben in Buenos Aires einem Straßenjungen für einen Drachen vertauscht, aber seit einiger Zeit war wieder ihr größter Wunsch, zwei Affen zu besitzen. Die Eltern hatten die Erlaubnis gegeben, auf der Reise nach Europa ein Paar zu kaufen, wenn sich die Gelegenheit bieten sollte.

Beinahe gleichzeitig mit den Knaben hatte auch Herr Dr. Bürstenfeger die beiden Affen bemerkt.

Heftig erschrocken wollte er sich schnell mit Carlos und Nicolás nach der anderen Seite des Decks verfügen.

Aber schon riefen sie: »Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie nicht dort die zwei Affen, kaufen Sie sie uns, Papa und Mama haben es erlaubt!«

Einen Augenblick schwieg Herr Dr. Bürstenfeger, dann erwiderte er: »Es sei, ich weiß, es war dies der Wunsch eurer Eltern. Es wird mir aber schwer; ihr seid Zeugen, zu oft und über Gebühr haben mich die beiden unappetitlichen Vorgänger dieser häßlichen grimassierenden Tiere geärgert.«

Carlos und Nicolás hatten jetzt für Herrn Dr. Bürstenfegers Mißmut keinen Sinn, sondern waren hocherfreut, weil er zu kaufen gesonnen war.

Wenige Minuten nachher stand die Kiste vor ihnen auf Deck, und sie waren nun ausschließlich mit den Affen beschäftigt, die Welt um sich her vergessend. --

Kurz darauf trat eine Dame unbestimmten Alters neben sie an die Schiffsbrüstung.

Die Knaben hatten sie bisher nur ein einziges Mal flüchtig am Tage ihrer Abreise, unten bei Tische gesehen.

Sie war klein und hager, mit einem Gesicht voller Sommersprossen, trug ein altmodisches Kleid und Ringellocken auf der Stirn. Ihre Nase war stark gerötet; sie trug eine Brille.

»Himmlisches Panorama!« rief sie aus und ließ beide Arme auf die Brüstung sinken. »Ach doppelt schön erscheint einem die Welt,« und dabei schielte sie nach Herrn Dr. Bürstenfeger, »wenn man fünf Tage krank in seiner Kabine lag!«

Plötzlich hatte sie auch die beiden Affen bemerkt.

»Sieh mal an,« rief sie aus, »was sind das für zwei allerliebste, süße Geschöpfchen!«

Sie trippelte heran und begann die Affen am Halse zu kraulen; dabei blickte sie ganz eigentümlich Herrn Dr. Bürstenfeger an.

»Wohl der Papa der beiden jungen Herren«, nickte sie und zeigte auf Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger rieb sich die Hände und schien etwas verlegen zu sein.

»Ich bin der Erzieher dieser beiden Knaben, mein Name ist Bürstenfeger«, antwortete er, indem er sich verneigte.

»Ach das trifft sich ja reizend; ich war Erzieherin in Buenos Aires, mein Name ist Libussa v. Pfnühl.« Sie brach in ein silberhelles Lachen aus. »Miß Von nannten mich kurzweg meine argentinischen Schülerinnen. Was wissen diese indolenten Zierpüppchen von deutschem Adel! Aber das sage ich Ihnen, glücklich bin ich jetzt, nach Deutschland zurückzureisen, zu meinem guten, geliebten Bruder. Ach,« sie schlug die Augen zum Himmel auf, »er ist eine Perle!«

»Seht erfreut, sehr erfreut«, murmelte in einem fort Herr Dr. Bürstenfeger.

»Übrigens,« sie neigte den Kopf auf die Seite und lächelte Herrn Dr. Bürstenfeger schelmisch an, »ich wußte bereits, wer Sie sind, Herr Doktor, nichts bleibt ja hier an Bord verborgen.«

Sie senkte die Augen nieder und fuhr fort zu lächeln. Ihre Finger spielten mit einer dünnen silbernen Uhrkette, die sie um den Hals trug.

Was will diese Dame! dachten Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger war betreten; er räusperte sich, rieb sich die Hände und machte kleine Verbeugungen, indem er fortwährend lächelte.

»Karl und Nikolaus,« sagte er und sah die Knaben kläglich an, »wollen wir uns nicht nach einer geeigneten Unterkunft für die beiden Affen umsehen? Gleich kommt die Barkasse, und wir müssen an Land!«

Er stammelte einige Entschuldigungen, verbeugte sich und entfernte sich mit den Knaben.

Sie gingen nach Zwischendeck; ein Matrose nahm die Affen in seine Obhut.

Darauf stiegen sie als erste in die Barkasse.

Herr Dr. Bürstenfeger trug einen rohseidenen Rock und einen breitrandigen Strohhut; Carlos und Nicolás hatten weiße Matrosenanzüge an.

Rio de Janeiro

Erst nach längerer Zeit kam es zur Abfahrt; dann waren sie in zehn Minuten an Land, und bald nachher spazierten sie in den Straßen von Rio im Menschengewühl umher.

Carlos und Nicolás fiel es auf, wieviel Neger es in dieser Stadt gab.

Die Hitze auf den Straßen war unerträglich. Herr Dr. Bürstenfeger hielt in der Linken ein deutsch-portugiesisches Lexikon und in der Rechten sein Taschentuch, womit er sich von Zeit zu Zeit seufzend den Schweiß von der Stirne wischte.

Sie gingen durch die schmale, elegante Hauptstraße Rua d'Ouvidor, die nur für Fußgänger bestimmt war.

Der Anblick gelber, ausgemergelter brasilianischer Herren in schwarzen Gehröcken und Zylindern steigerte in Herrn Dr. Bürstenfeger das Hitzegefühl.

Sie blieben vor einem Schaufenster stehen, wo in Massen Fächer und phantastische Blumen ausgestellt waren, aus dem Gefieder brasilianischer Singvögel gefertigt.

»Barbarisches Verfahren!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte den Kopf.

Man sah in der Auslage auch Broschen, Ohrringe und Armbänder, hergestellt aus bunt schillernden Käfern.

Schließlich trat Herr Dr. Bürstenfeger in den Laden und kaufte einen Kasten mit brasilianischen Schmetterlingen für seinen jüngeren Bruder in Deutschland, der Botanik und Zoologie studierte.

Als sie wieder auf der Straße waren, blieb Herr Dr. Bürstenfeger stehen und ächzte: »Flüchten wir uns jetzt um Gottes willen auf irgendeinen freien Platz, wo man atmen kann; dort wollen wir in Erwägung ziehen, was wir weiter machen wollen!«

Bald darauf standen sie auf einer großen Plaza, die von grellem Sonnenlicht durchflutet war.

Vor einem großen rosafarbigen Palaste ging eine Schildwache in scharlachroter Uniform auf und ab. Ein barfüßiger Neger, der Zuckerwaren verkaufte, kam an Carlos und Nicolás vorbei. Er schwang eine Knarre in der Hand, hielt eine weiße Zuckerstange zwischen den wulstigen Lippen und nickte den Knaben einladend zu.

Die Sonne brannte unerträglich.

Carlos und Nicolás hatten die Krempen ihrer Strohhüte herabgezogen. Ihre Gesichter glühten.