Part 7
Diese letztere Bemerkung erregte in Herrn Dr. Bürstenfeger wieder ein Gefühl des Grausens. Mit großem Nachdruck erwiderte er: »Daß ihr nie mehr welche fangen werdet, weiß ich -- im übrigen habe ich euch nichts mehr zu sagen!«
Damit entfernte er sich.
Seine Unterhaltung mit den Knaben beschränkte sich von nun an auf das Allernotwendigste; er hatte durch Zenobia in Erfahrung gebracht, daß die Schlangen noch immer im Schrank seien.
In der Schule sagte er mit höchst betrübtem Tonfall: »Jetzt gehen wir zum Kopfrechnen über«, oder »Karl, schlag deine Grammatik auf!«
Und das trieb er so lange, bis Carlos und Nicolás es nicht mehr ertragen konnten und die Schlangen vergruben.
Herr Dr. Bürstenfeger zuckte mit keiner Miene, als er es erfuhr. Abends aber, als sie zu Bett gegangen waren, gab er ihnen mit ungleich mehr Herzlichkeit, als in den letzten Tagen, den Gutenachtkuß. --
Eines Vormittags während der großen Pause saßen Carlos und Nicolás rechts und links von Tia Lolita unter dem Bananenbaum vor dem Hause.
Carlos hatte ihr die Zöpfe aufgeflochten und das Haar auf die Schultern gelegt, daß auch ihr Gesicht umrahmt war. So fand er sie noch viel schöner als gewöhnlich und nannte sie Genovefa.
»Du siehst wie Sneewittchen aus,« sagte Nicolás, »das war die schönste Königstochter.«
Tia Lolita lachte: »Ich kann doch nicht Sneewittchen gleichen; ihr Haar war doch so schwarz wie Ebenholz, und ich bin blond!«
»Aber der Gänsemagd gleichst du«, meinte er.
Herr Dr. Bürstenfeger kam vorbei. Er blieb stehen und starrte Tia Lolita an.
»Mit einer Gänsemagd vergleicht Nicolás mich, was meinen Sie dazu, Herr Dr. Bürstenfeger?« sagte sie und stellte sich gekränkt.
»Oh, oh!« meinte Herr Dr. Bürstenfeger, fand aber keine Worte mehr, er schien verwirrt.
Nicolás war geärgert: »Ich meine doch nicht eine gewöhnliche Gänsemagd, sondern die Gänsemagd, die in Wirklichkeit eine Königstochter war, ihr Haar war eitel Gold, und sie mußte mit Kurtchen die Gänse hüten.«
Mit dieser Erklärung war Tia Lolita zufrieden, sie gab Nicolás einen Kuß, und er schmiegte seinen Kopf an ihre Schulter.
Herr Dr. Bürstenfeger machte ganz unwillkürlich eine rasche Bewegung und ging weiter. Dann begab er sich hinauf in den Salon, setzte sich ans Klavier und phantasierte.
Tia Lolita und Carlos und Nicolás lauschten, ohne ein Wort zu sprechen.
Carlos sagte: »Wie schön spielt doch Herr Dr. Bürstenfeger!«
»Sehr schön spielt er«, antwortete sie aufrichtig. --
Einige Tage später hatten die Landbewohner Tanz weiter draußen unter einem uralten Baum.
Ein alter Indianer spielte die Gitarre und sang leise dazu.
Es war Mondnacht, und die jungen Indianerinnen tanzten. Sie hatten feine, schmale Gesichter und große, dunkle Augen. Die dicken Haarflechten fielen auf die braunen nackten Schultern. Sie trugen weiße Leinenhemden und weiße Sommerröcke, eine Korallenkette um den Hals und sämtliche Finger mit Ringen geschmückt.
Der Duft der Orangenblüte wehte herüber.
Tia Lolita schwatzte mit Herrn Dr. Bürstenfeger. In einem Anfall von Laune lachte sie ihm zu und neckte ihn harmlos.
Herr Dr. Bürstenfeger starrte sie wortlos an mit klopfendem Herzen.
»Wollen wir auch einmal tanzen!« sagte sie.
»Ja, ja ...!« stammelte Herr Dr. Bürstenfeger; er wußte selbst nicht recht, was er sagte.
Und sie tanzten. --
Als Carlos und Nicolás im Begriff waren, zu Bett zu gehen, ging Herr Dr. Bürstenfeger nebenan in seinem Zimmer langsam auf und ab und murmelte leise etwas vor sich hin.
Plötzlich blieb er stehen, schlug die Hände vors Gesicht und schluchzte: »Ich liebe dich, Lolita ... sei mein Weib, ich liebe dich mit meiner ganzen Seele!«
Carlos und Nicolás hörten das, und maßloses Erstaunen ergriff sie.
Sie saßen sprachlos auf ihren Stühlen und konnten es lange nicht fassen.
... Seine Frau sollte sie werden, Tia Lolita! Aber armer Herr Dr. Bürstenfeger!!
Sie waren von tiefem Mitleid mit ihm erfüllt, waren aber weit entfernt, den Umfang seines Schmerzes zu ehren.
Tia Lolita würde ja den Prinzen heiraten, mit ihm auf sein Schloß ziehen und die schönste Königin der Welt werden. Niemals würde sie Herrn Dr. Bürstenfeger heiraten! ...
Am nächsten Tag während des Unterrichts war der Lehrer sehr seltsam, er hörte kaum auf die Antworten, die Carlos und Nicolás gaben.
Ein dunkles Gefühl sagte ihnen, er wisse, daß sie den Prinzen heiraten werde, und darüber sei er so traurig.
Abends bei anbrechender Dunkelheit saßen sie mit Tia Lolita in ihrem Zimmer am offenen Fenster.
»Wirst du den Prinzen heiraten?« fragte Carlos.
»Gewiß«, antwortete sie.
»Armer Herr Dr. Bürstenfeger!«
Tia Lolita lachte.
Was sich gestern ereignet hatte, hatten sie ihr arglos erzählt. Anfangs war sie betroffen gewesen und dann aufs höchste belustigt.
Da, unten im Garten, kam Herr Dr. Bürstenfeger daher.
Er ging, den Kopf zu Boden gerichtet, und bewegte die Hände, wie im Selbstgespräch.
Er ging zur Bank und setzte sich.
Ganz deutlich hörten sie, wie er leise sagte: »Lolita!«
Carlos ahnte nicht, was in Herrn Dr. Bürstenfeger vorging; aber ein Mitleid ergriff ihn, unbestimmt, doch übergewaltig.
Er lief die Treppe herab, zum Garten hinaus, Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen: »Armer Herr Dr. Bürstenfeger!«
Aufs höchste betroffen, sah ihn der Lehrer an.
»Armer Herr Dr. Bürstenfeger, sie wird ja den Prinzen heiraten!«
Oben am Fenster war Bewegung.
Herr Dr. Bürstenfeger sah hinauf und sah Tia Lolita dort sitzen.
Da erkannte er, daß er belauscht worden war, und erhob sich jäh, während ihm das Blut ins Gesicht strömte.
Dann aber fiel er zurück, ließ den Kopf sinken und begann zu schluchzen, aufgelöst in wahnsinnige Beschämung.
Carlos stand da, sah ihn an und begriff das große Rätsel nicht.
Plötzlich aber fiel er ihm um den Hals und brach ebenfalls in Schluchzen aus.
Aus den Urwäldern aber ertönte laut das Konzert der Brüllaffen.
Die Revolution
Ein paar Jahre waren vergangen.
Man wohnte seit einigen Wochen in der Stadt, da die Villa restauriert wurde.
In zehn Tagen aber sollten Carlos und Nicolás mit Herrn Dr. Bürstenfeger nach Europa reisen.
Carlos wurde nächstens zehn Jahre. Sie waren in ihrem Unterricht so weit, daß sie in die erste Klasse des Gymnasiums eintreten konnten, und es war dafür eine kleine Stadt irgendwo in Deutschland bestimmt worden.
Nach Europa! jauchzten Carlos und Nicolás, das war endlich einmal eine weite Reise. Übers Meer reiste man, wo die Wellen wie Berge waren. Man sah Walfische und Haifische. Man erlebte vielleicht auch Schiffbruch, man strandete auf einer einsamen Insel und nährte sich von Gräsern und Kräutern, bis die Vorräte des Wracks ans Land geschafft waren. Dann kam ein Schiff vorbei, Carlos und Nicolás würden die Hemden ausziehen und damit winken, und dann würden sie endlich nach Europa kommen und eine herrliche Robinsongeschichte erlebt haben.
In Europa aber versank man bis zum Hals in den Schnee, wenn man auf den Straßen ging. Das erschien ihnen lustig. Dann waren auch dort die großen Schlittenfahrten. Sechs Pferde waren vor die Schlitten gespannt, und in Karriere ging es über Berge und Täler und durch den Wald. Oft verfolgten sie Wölfe.
In der Schule war es schön. Man ging mit einem Tornister auf dem Rücken dahin, und um zehn Uhr war Picknick, das mußte man sich von zu Hause mitnehmen.
Die Schule fand in einem großen Saale statt, darin wimmelte es von Schülern. Der Lehrer sprach mit lauter Stimme, alle lauschten, und jeder wollte der Beste sein. Wenn man so allein zu zweit im Hause Schule hatte, war man lange nicht so ehrgeizig.
So war es in Europa! Carlos und Nicolás wußten es, obgleich Herr Dr. Bürstenfeger es nur zum Teil so dargestellt hatte. --
Heute aber saßen sie noch in Buenos Aires im Spielzimmer und stellten eine Liste auf von den Knaben und Mädchen, die sie für übermorgen einladen wollten, zu Carlos' Geburtstag.
Carlos wollte, daß auch sein bester Freund dabei sein sollte, ein Junge in seinem Alter, der auf einem lahmen Schimmel ritt mit einem Schafspelz als Sattel, und dessen Vater Knecht bei den Schlächtereien in Barracas war.
Herr Dr. Bürstenfeger aber fand es durchaus nicht statthaft, und so verließen denn die drei das Haus, ohne daß Carlos' Wunsch willfahrt worden wäre, um die Einladungen zu besorgen.
Zuerst gingen sie zu Aguieres, die nicht weit von ihnen wohnten.
Sie wurden zum älteren Bruder des Freundes, der zwanzig Jahre alt war und einen Schnurrbart hatte, ins Zimmer gebeten.
Er saß vor einem großen Schreibtisch, auf dem ein Haufen Papiere lagen, schien nachdenklich und besorgt und versprach zerstreut, daß sein kleinerer Bruder, der augenblicklich noch in der Schule sei, zu Carlos' Geburtstag kommen werde. Dann schrieb er sich das auf einen Zettel auf.
Im Sagnan begegneten Herr Dr. Bürstenfeger und die Knaben der Mama, einer Dame aus den nördlichen Provinzen mit mattem Teint und großen, sanften Augen. Sie gab den Knaben einen Kuß und bestätigte die Erlaubnis.
An Carlos' Geburtstag erwachten die Knaben ganz in der Frühe. Im Dämmerlicht sahen sie die vor den Betten aufgestellten Geschenke.
Nicolás wurde ebenfalls zu Carlos' Geburtstag beschenkt, weil der seine kurz nach Weihnachten fiel.
Auf einer großen Kiste lag ein Zettel, darauf zu lesen stand: Von Herrn Dr. Bürstenfeger.
Nachdem sie von den übrigen Sachen fieberhaft Kenntnis genommen hatten, eilte Carlos im Hemd nach der Küche und holte ein Brecheisen, um die Kiste zu öffnen.
Darin fanden sie eine Pappschachtel, die beinahe die ganze Kiste einnahm. Als sie diese öffneten, fanden sie wieder eine Schachtel darin, und in dieser ein Paket. Es war aber kein Paket, sondern zusammengeknülltes Zeitungspapier.
Wie sie bereits verzagen wollten, stießen sie auf einen großen Zettel, auf dem zu lesen stand:
»Diese Kiste mit allem, was darin ist, nennt man bei uns einen Julklapp.«
Unzufrieden mit dieser Erklärung, suchten sie jetzt ohne alle Hoffnung weiter, fanden aber zuletzt, in braunes Papier eingewickelt, zwei schöne Bücher als Geschenk, in die Herr Dr. Bürstenfeger eine herzliche Widmung geschrieben hatte.
Carlos und Nicolás zogen sich an und gingen ins Spielzimmer; es war noch ganz still im Hause.
Auch draußen war es still, die Tramways fuhren noch nicht, nur ein Bäckergeselle ritt auf seinem Maultier pfeifend die Straße herab.
Carlos und Nicolás hatten eine Menge Bleisoldaten erhalten, die wurden ihren Armeen einverleibt. Dann zogen sie einen Kreidestrich mitten über den großen Tisch, die Kanonen wurden mit Erbsen geladen, und die Schlacht begann.
Unten auf der Straße aber ertönte gedämpfter Trommelschlag, die Knaben sprangen zum Balkon, ein Bataillon Infanterie zog vorüber.
Inzwischen war es ganz hell geworden, die Dienstboten waren aufgestanden.
An der Straßenecke stand ein Trupp Leute, ein Stück weiter wieder einer.
Eine Schwadron Polizei mit Gewehren ritt im Trabe vorbei, von einigen Neugierigen gefolgt.
Immer noch fuhren die Tramways nicht ...
Herr Dr. Bürstenfeger war mittlerweile aufgestanden. Er beglückwünschte Carlos zu seinem Geburtstag, die Knaben dankten für das schöne Geschenk; darauf gingen sie ins Eßzimmer, um zu frühstücken.
Auf dem Gang hörten sie die Köchin laut und aufgeregt sprechen.
Herr Dr. Bürstenfeger stand auf, um zu hören, was geschehen war.
Ganz aufgelöst erzählte sie, man hätte sie nicht auf den Markt gelangen lassen, die Plaza sei mit Militär besetzt, Kanonen stünden dort, das Pflaster sei ausgehoben.
»Revolution!« sagte Mauricio, der Diener aus Galicien.
»Waas ...!« entgegnete Herr Dr. Bürstenfeger.
»Das ist die Revolution!« riefen Carlos und Nicolás und stürmten nach dem Balkon.
Auf der Plaza aber krachte eine Salve, daß die Fenster klirrten; das war der Beginn. --
Es dauerte eine geraume Weile, bis Herr Dr. Bürstenfeger sich von seinem ersten großen Schreck erholt hatte, sofort aber nahm er die Knaben unter seine Obhut.
»Die Revolution, die Revolution!« schrieen Carlos und Nicolás und waren ganz außer sich.
Herr Dr. Bürstenfeger beschwor sie, zu schweigen, und faßte sie dann streng an beide Hände.
Darauf befahl er Mauricio, alle Fenster, die auf sein sollten, zu schließen.
Um nun kümmerlich sehen zu können, was auf der eigenen Straße geschah, mußte man auf Stühle steigen.
Von Zeit zu Zeit ertönte von der nahen Plaza wieder eine Salve.
Aber auch in anderen Teilen der Stadt begann es lebendig zu werden; Bürger stiegen bewaffnet auf die flachen Dächer ihrer Häuser, aus Fenstern und Balkonen wurde geschossen.
Mit anbrechender Dunkelheit aber wurde es allmählich überall still.
Losgelöste Rotten durchzogen schreiend die Straßen.
Man verriegelte die Häuser, um sich gegen Einbrecher zu schützen.
Auch bei Carlos und Nicolás wurde das Tor sorgfältig geschlossen, und Herr Dr. Bürstenfeger ging hinunter, um sich davon zu überzeugen. --
Als die Knaben zu Bett gegangen waren, unterhielten sie sich noch lange über die Lage.
Es waren Flugschriften von der Regierung und auch von der Revolutionspartei herausgegeben worden, die vom Gange der Ereignisse berichteten.
Herr Dr. Bürstenfeger und der Papa hatten heute bei Tische darüber gesprochen, und Carlos und Nicolás versuchten, sich davon ein Bild zu machen: sie waren sich klar, der Präsident hatte viel gestohlen, und wer ein guter Argentinier war, mußte Revolution machen.
Gewiß wollten Carlos und Nicolás sich Mühe geben, gute Deutsche zu sein, aber sie wollten auch gute Argentinier bleiben.
»Weißt du was!« sagte Carlos. »Sollte der Präsident daran sein, zu gewinnen, so ziehen wir beide auch in die Revolution, und alle unsere Freunde müssen mit. Auf unseren Ponys reiten wir einher und helfen den Präsidenten schlagen.«
Mit diesem Entschlusse schliefen sie beruhigt ein ...
Bei anbrechendem Tage wurden sie durch lautes und ununterbrochenes Schießen geweckt. Auch auf nahen Straßen schoß man.
Ein Bataillon Infanterie zog unten auf der Straße mit aufgepflanztem Bajonett nach der Plaza, ohne Trommelschlag.
Gleich würden sie dort sein. Carlos und Nicolás erschauerten.
Wenige Minuten, und eine neue, das allgemeine Krachen übertönende Salve erfolgte.
Das war der Empfang.
»Mein Gott!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger und entfärbte sich.
Wieder zog eine Rotte schreiender Menschen vorüber, mit Stößen von Flugblättern beladen.
Sie türmten sie zu Bergen auf und verbrannten sie.
Dabei brüllten sie: »_Viva la revolucion!_«
»_Viva la revolucion!_« schrien Carlos und Nicolás, von Begeisterung ergriffen.
»Schweigt, um Himmels willen,« rief Herr Dr. Bürstenfeger; »enthaltet euch jeder Meinungsäußerung!«
Gegen Mittag erschien das Geschwader, das eine Tagreise südlich von Buenos Aires stationiert hatte. Es kam den Revolutionären zu Hilfe.
Und jetzt begann von dorther ein Bombardement auf die Stadt.
Die weiblichen Dienstboten hatten sich schreiend in die Küche geflüchtet, denn schon eines der ersten Geschosse war nicht sehr weit vom Hause geplatzt.
Die Eltern, Carlos und Nicolás und Herr Dr. Bürstenfeger saßen zusammen im Eßzimmer.
»Recht töricht,« meinte der Papa, »jetzt gilt ja Freund und Feind gleich.«
»Büberei!« hauchte Herr Dr. Bürstenfeger, er war kreidebleich.
»Wenn wir aufs Dach stiegen, könnten wir alles sehen«, sagte Carlos zu Nicolás.
Niemand hatte es gehört. Die Mama stand bei der Tür, Herr Dr. Bürstenfeger war ganz aufgelöst, der Papa sprach über die Aussichten der Revolution.
Die Knaben stiegen die Treppe zum flachen Dach hinauf.
Die fünf Panzer des Geschwaders standen etwa einen Kilometer entfernt in Schlachtlinie.
Sie schossen abwechselnd.
»Klingt es nicht wie eine Eisenbahn, die vorübersaust?« sagte Carlos zu Nicolás, wenn eine Bombe vorbeiflog.
... Plötzlich stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihnen.
»Karl und Nikol...!« mehr brachte er nicht heraus. Aschfahl war er im Gesicht. Er packte jeden an einem Arm, und seine Hände waren wie Schraubstöcke.
Ohne ein Wort zu sagen, stieg er mit ihnen die Treppe hinab und brachte sie zu Papa und Mama.
Die ganze Zeit hielt jetzt Herr Dr. Bürstenfeger die Hände der Knaben erfaßt.
Das Bombardement dauerte fort.
»Herr Dr. Bürstenfeger,« flehten sie, »lassen Sie unsere Hände los!«
»Nein«, sagte er.
»Wir bitten Sie, Herr Dr. Bürstenfeger!«
Er ließ sie los.
»Wir möchten ins Spielzimmer«, sagten sie und standen auf.
Herr Dr. Bürstenfeger folgte ihnen.
Sie stellten ihre Bleisoldaten auf, schossen mit Erbsen und spielten Revolution. Jeder von ihnen war die Revolutionspartei. Sie vergaßen sich ganz und rückten einander auf den Leib.
»Haltet ein!« rief Herr Dr. Bürstenfeger und ergriff sie bei den Armen. Dann legte er seine Hände auf ihre Schultern und sagte emphatisch: »Karl und Nikolaus!« und nun zeigte er mit einer raschen Bewegung nach draußen, »euren braven Eltern und dann mir habt ihr es zu verdanken, daß ihr nicht werdet, wie jene bübischen ... dort ...«
Bei diesen letzten Worten platzte nicht weit eine Bombe, daß die Scheiben barsten.
Carlos und Nicolás aber, sinnlos vor Aufregung, sprangen zum Fenster, rissen es auf und sahen einige Häuser weiter eine große rote Wolke Ziegelstaubes aufsteigen -- dort, wo die Bombe geplatzt war ...
Was in den nächsten drei Stunden vorging, sahen Carlos und Nicolás nicht.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte sie ins Schulzimmer eingesperrt, das hinten auf den Hof hinausging; er war ganz ratlos.
Sie sahen nicht, wie der ältere Bruder ihres Freundes, der zwanzigjährige Augiere, der, so jung er auch war, zu den Häuptern der Revolution gehörte, von vier bewaffneten jungen Bürgern auf einer Bahre am Hause vorbeigetragen wurde.
Er war von einer Kugel unterhalb der Brust getroffen worden, und man brachte ihn, weil er es wünschte, zu seiner Mutter nach Hause. Er würde wohl heute noch sterben.
Sie hörten nur das Sausen und Krachen der Bomben.
Herr Dr. Bürstenfeger aber saß, ohne daß die Knaben es wußten, draußen bei der Tür.
Er wollte nahe bei ihnen sein in diesen gefährlichen Stunden, kein Vorwurf sollte ihn treffen ...
Gegen Abend hörte das Bombardement auf, und auch auf Plätzen und Straßen wurde es ruhiger.
Herr Dr. Bürstenfeger entließ sie aus ihrer Haft.
Als sie einige Augenblicke später im Eßzimmer auf den Stühlen standen und auf die Straße herabsahen, kam ein langer Zug Karren vorbeigefahren. Leichen von Soldaten, Polizisten und Bürgern lagen darauf gehäuft.
Nicolás wandte sich ab, Carlos aber blickte wie festgebannt hin, und da sah er, wie in diesem Haufen sich Arme und Beine bewegten, es waren noch Verwundete darunter.
Von Schauder und Angst ergriffen, floh er in sein Zimmer und vergrub sein Gesicht in die Kissen.
Den Plan, der Revolution zu Hilfe zu kommen, falls der Präsident siegen sollte, hatten sie jetzt plötzlich ganz fallen gelassen ...
Als sie nachts im Bett lagen -- sie konnten lange vor Aufregung nicht einschlafen --, klopfte es mit einem Mal laut an die Haustür, es war gegen zwölf Uhr.
Carlos fuhr auf.
»Öffnen, öffnen, um Gottes willen, öffnen!« rief jemand unten.
Carlos sprang aus dem Bett und eilte in Herrn Dr. Bürstenfegers Zimmer.
»Herr Dr. Bürstenfeger, jemand klopft unten und verlangt herein!«
Der Hauslehrer saß aufrecht in seinem Bett, stierte ihn an und antwortete nicht.
Carlos lief ins Zimmer seines Vaters:
»An der Haustür klopft jemand und bittet _por el amor de Dios_, daß man ihn hereinläßt!«
Der Papa stand auf und ging ans Fenster.
Unten stand ein Polizist, über und über mit Kot bedeckt, ganz verstört.
Der Papa schlüpfte in seine Beinkleider und zog den Rock an.
Draußen war Herr Dr. Bürstenfeger.
»Wir müssen ihm öffnen!« meinte der Lehrer düster.
Beide gingen, von Carlos und Nicolás gefolgt, hinunter.
Der Polizist trat schnell in die geöffnete Tür, sein linker Arm blutete.
Er hatte einen Streifschuß bekommen.
Man führte ihn in die Küche, weckte den Diener und verband seinen Arm.
Armer Gallego! dachten Carlos und Nicolás, von Mitleid erfüllt.
Es war ein spanischer Galicier, einer der vielen eingewanderten armen Teufel, die sich mit der ersten besten Anstellung zufriedengeben mußten.
»Man schießt auf uns, von den Dächern, zu dieser Zeit noch. Wie Fliegen tötet man uns, ich bin der letzte der Patrouille!« sagte er.
Sein angstverstörtes Gesicht war auf Herrn Dr. Bürstenfeger gerichtet.
Er bat, man möchte ihm die glänzenden Knöpfe seiner Uniform abschneiden, damit er nicht auf den ersten Blick kenntlich sei.
Carlos und Nicolás holten zwei Messer aus der Schublade und machten sich sofort daran.
»Legen Sie auch Ihr Käppi ab,« sagte Nicolás, »und setzen Sie einen alten Hut von Papa auf, so glaubt jeder, Sie seien ein Zivilist!«
Der Polizist sah Nicolás einen Augenblick an, als leuchte ihm dieser Vorschlag ein.
Dann aber meinte er kläglich: »Nein, das geht doch nicht ... ich darf nicht ... die Knöpfe höchstens.«
Man hatte ihm Wein gebracht, er trank drei Gläser.
Nach einer halben Stunde aber sagte er, er müsse fort, er dürfe nicht länger bleiben.
Er konnte sich anfangs kaum auf den Beinen halten: die Wirkung des Weines, die durchwachten Nächte und die Angst.
Der Diener begleitete ihn hinunter und öffnete ihm.
Nicolás sagte: »Armer Polizist, ich habe so große Furcht, daß man ihn tötet.«
Er aber huschte an den Häusern entlang, sah manchmal verstohlen in die Höhe, ob nicht jemand herunterziele, und verschwand dann um die Straßenecke ...
Als Carlos und Nicolás am Morgen erwachten, hörten sie unten auf der Straße die Trambahn fahren, der Kutscher stieß in sein Horn, es waren die ausgelassensten Melodien; polternd fuhren die Karren. Auf ihren kleinen dickbäuchigen Pferden ritten die Milchmänner. Man hörte das Klatschen der Milch in ihren Blecheimern.
Carlos öffnete das Fenster.
»Nicolás,« rief er seinem Bruder zu, der eben erwachte, »die Revolution ist zu Ende, glaube ich!« ...
»Wir haben Frieden«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger, als die Knaben zum Frühstück erschienen. »Gott sei Dank, Frieden ... Karl und Nikolaus, jetzt dürft ihr wieder ungehindert auf den Balkon!«
In dem Augenblick zog unten eine Rotte Menschen vorbei. Sie schrien: »Fort ist sie, fort ist die Canaille!«
Damit war der Präsident gemeint, er war gestürzt; gestern war er fort nach Paris mit einigen Millionen.
»Fort ist sie, fort ist die Canaille!« Der Jubel griff um sich, alles Volk stimmte mit ein.
Acht Tage später reisten Carlos und Nicolás nach Europa ...
Sie waren im Zimmer ihrer Mutter und sagten ihr Adieu.
Sie wollte nicht mit aufs Schiff, um nicht die Qual des Abschieds zu verlängern.
Der Papa aber würde die Knaben bis nach Montevideo begleiten.
Sie weinte, Carlos und Nicolás weinten.
»Nicht wahr, du besuchst uns bald!« Nicolás hielt die Mama umarmt.
»In einem Jahr reise ich hinüber«, schluchzte sie.
Plötzlich begann Carlos laut zu heulen: »Ich will nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!«
Und Nicolás heulte: »Ich will auch nicht nach Europa, ich will bei dir bleiben!«
Draußen aber stand Herr Dr. Bürstenfeger mit seiner Reisetasche, auf der Veilchen und Rosen gestickt waren, die Uhr in der Hand.
Eine Viertelstunde später fuhren die drei an der Calle Horida vorbei.
Carlos wandte sich dreimal schnell nach der großen Holzflasche um und dachte schluchzend: Wann werde ich die wiedersehen?! ...
Auf der Landungsbrücke wartete der Papa.
Die Knaben fielen ihm um den Hals: »Nicht wahr, bis nach Montevideo begleitest du uns ...?!«
»Ja, meine lieben Jungens«, sagte er und wischte sich eine Träne ab, die ihm über die Backe lief.
Carlos und Nicolás auf dem Meere
Auf dem großen Meer
Die Lombardia hatte vor drei Stunden Montevideo verlassen. Carlos und Nicolás standen mit Herrn Dr. Bürstenfeger hinten auf Deck.
Eine halbe Tagereise hinter ihnen lag Buenos Aires; nun endlich waren sie auf dem Meer. In den Abschiedsschmerz, der die Knaben erfüllte, mischte sich die freudige Erwartung noch nie gesehener, vielleicht unerhörter Dinge.
Sie fragten einen Schiffsoffizier, der neben ihnen stand, ob Sturm im Anzuge sei.
»Gott sei Dank nein!« antwortete lachend der Offizier, worauf sie sich auf morgen vertrösteten.