Carlos und Nicolás

Part 6

Chapter 63,781 wordsPublic domain

Ganz harmlos, etwas vorwurfsvoll sagte er das, und doch war etwas wie leises Mißtrauen in seiner Stimme.

»Ich war beim Ziegenhirten Bernabé«, antwortete Carlos. Seine Stimme zitterte, er blickte Herrn Dr. Bürstenfeger nicht in die Augen. Trotz der ziemlichen Dunkelheit sah Herr Dr. Bürstenfeger, daß Carlos über und über rot war.

Da wußte er, daß er ihn belogen hatte, und stumm wandte er sich ab, von Beschämung überwältigt.

Carlos aber ging ins Zelt, legte sich zu Bett und schluchzte in die Kissen hinein.

Nach Paraguay

Im Garten blühten die Veilchen, es duftete der Mimosenbaum; aber der Winter hatte schon lange begonnen.

In der Frühe standen Carlos und Nicolás im Garten vor dem Springbrunnen. Der bronzene Reiher streckte den Kopf in die Höhe, und kalte Tropfen rieselten ihm über Hals und Brust in das Bassin herab, wo sich eine dünne Eisschicht gebildet hatte. Die Knaben drückten den Finger darauf, daß sie brach, und sie dachten: Hundertmal so dick und tausendmal so weit, und es ist ein Fest in Europa, die roten Lampions leuchten, auf großen Tribünen spielt die Musik, und man schwebt wie auf weiten Flügeln über die Fläche.

So hatte es Tia Lolita erzählt und ähnlich auch Herr Dr. Bürstenfeger.

Tia Lolita war die jüngste Schwester ihrer Mutter; die Knaben nannten sie aber gewöhnlich nur Lolita.

Sie war sechzehn Jahre alt, hatte langes, goldblondes Haar und trug ein blaues Kleid mit Matrosenkragen. Jedermann sagte, sie sei ein ungewöhnlich schönes Mädchen. Carlos und Nicolás meinten: vielleicht das schönste auf der ganzen Welt.

Damals, als sie noch im Kloster erzogen wurde, sahen die Knaben sie nur manchmal des Sonntags. Dann aber spielte sie mit ihnen, erzählte ihnen schöne Geschichten und ritt mit ihnen aus. Jetzt, da sie von Europa zurück war, wo sie sich mit der Großmama zwei Jahre aufgehalten hatte, kam sie beinahe jeden Tag zu ihnen auf Besuch.

In Herrn Dr. Bürstenfeger aber schien seitdem etwas Seltsames vorzugehen.

Oft mitten im Unterricht, wenn Carlos und Nicolás über einem Rechenexempel saßen oder aus dem Gedächtnis ein Lesestück niederschrieben, erhob er sich plötzlich, stampfte auf, ballte die Fäuste, setzte sich ans Klavier und phantasierte mit flammenden Backen, und seine Hände rasten über die Tasten, wie losgelassene Pferde auf der Pampa; mit einem Schlage aber hielt er inne, seufzte tief auf, und es war ein sehr wehmütiges Spiel, das nun folgte.

Manchmal, wenn Carlos und Nicolás hinten im Garten waren, sahen sie ihn auf der Terrasse auf und ab gehen, den Blick zu Boden gerichtet, wie in tiefe, melancholische Gedanken versunken. Es war die Zeit, wo er sonst immer die Hefte korrigierte; die Knaben wußten nicht, was es zu bedeuten hatte.

Eines Morgens, während der ersten Pause -- Carlos und Nicolás schnitten Figuren aus einem Pappdeckel -- klopfte es, und Tia Lolita stand im Zimmer.

Herr Dr. Bürstenfeger machte einen Schritt zurück, über und über errötend, verbeugte sich und wischte sich die Finger, die voll Kreide waren, an den Rockschößen ab.

Die Knaben sprangen auf, packten die Tante an beiden Armen und drehten sie im Kreise herum.

»Carlos und Nicolás«, sagte sie, die Hand an der Stirne, denn es war ihr schwindlig, »wir reisen in einigen Tagen alle miteinander nach der Kolonie Trinidad. Mama hält es nicht mehr aus!«

Die Knaben stürzten ins Zimmer ihrer Mutter: es war wahr, in einer Woche reiste man. --

Es goß in Strömen an dem Tage der Abfahrt.

Carlos und Nicolás knieten auf dem Sofa im Salon des Dampfers und schauten zum Fenster hinaus. Die Wolken hingen zerfetzt und niedrig. Aus dem Schornstein stieg schwarz der Rauch auf. Die Knaben folgten ihm mit den Blicken, und als er ganz hoch war, glaubten sie, er sei jetzt auch eine Wolke.

Man hatte vor drei Stunden Campana verlassen; große beladene Barken strichen vorüber, langsam, mit eingezogenen Segeln, die dunkel vom Regen waren. Carlos und Nicolás schauten auf die trübe Fläche des Stromes, auf der fortwährend Blasen entstanden und platzten. Leise pochte die Maschine.

Darauf setzten sie sich zu Tia Lolita, die melancholisch in einem großen roten Album blätterte, und verlangten, daß sie ihnen eine Geschichte erzählte.

»Das Märchen von Amlet!« bat Carlos.

Herr Dr. Bürstenfeger, der in der Nähe saß und eine Idylle von Voß las, sah auf.

»Meinst du Hamlet? ... Aber das ist doch kein Märchen, sondern ein Trauerspiel!«

Carlos begriff das nicht recht, es war doch keine wahre Geschichte, sondern ausgedacht.

»Erzähle uns lieber das Märchen vom Swinegel und sine Fru, es ist viel schöner!« rief Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sah manchmal auf, die Parallele schmerzte ihn.

Und Tia Lolita erzählte, um Carlos zu befriedigen, »das Märchen von Amlet« und dann das Märchen vom Swinegel und sine Fru, um Nicolás zu befriedigen.

Herr Dr. Bürstenfeger hatte zugehört und war entzückt, er sagte sich: Hamlet ist doch eigentlich nichts für Kinder, aber wie hat sie gewußt, es ihnen nahezubringen, mit welch feinem Eindringen in die kindliche Seele!

Hundertmal schon hatte Tia Lolita ihnen das Märchen von Amlet erzählt, und hundertmal schon das Märchen vom Swinegel und sine Fru; aber es war immer wieder eine neue Geschichte für sie.

Carlos sagte: »Armer, armer Amlet, aber auch armer Polonius!«

Über das Schicksal der Ophelia jedoch waren sie sehr erfreut, Tia Lolita hatte nämlich, um ihre Gemüter nicht zu sehr zu belasten, es von Grund aus umgestaltet und einen fröhlichen Ausgang erdacht.

Nicolás sagte: »Beim Märchen vom Swinegel und sine Fru kann man auch traurig und lustig sein, die Swinegels sind komisch, aber der Hase tut mir leid.«

Tia Lolita bestätigte das, und Herr Dr. Bürstenfeger lächelte nachsichtig und milde.

Es wurde zu Tische geläutet, nachher ging Herr Dr. Bürstenfeger in seine Kabine, um ein Mittagsschläfchen zu halten.

Carlos und Nicolás spielten mit Tia Lolita Fangen, und dann versteckten sie sich, und sie mußte sie suchen.

Carlos war schlau; er wußte, daß sie schwerlich auf Deck gehen würde, weil es in Strömen regnete, ging hinauf und duckte sich in eine Taurolle.

Nach seinem Mittagsschläfchen begab sich Herr Dr. Bürstenfeger in den Salon; er fand die Knaben nicht, suchte sie und sah sie schließlich oben auf Deck mit aufgespannten Regenschirmen bei Backbord sitzen, jeder eine lange Angelrute in der Hand. Die gehörten dem Schiffskommissär. Sie hatten sie vor seiner Kabine stehen sehen, und auf ihre Frage, ob er erlaube, daß sie damit Fische für das Abendessen fingen, war er überaus erfreut darüber gewesen; und nun saßen Carlos und Nicolás bereits dreiviertel Stunden lang da und fingen nichts.

Der Lehrer legte ihnen die Hand auf die Schulter und belehrte sie, es sei bei der schnellen Fahrt nicht gut möglich, Fische zu fangen, und der Schiffskommissär, der weiter hinten unter Dach stand, lachte und meinte, die Fische müßten lange Beine haben, und warnte sie vor dem Kapitän, der beleidigt sei, denn sein Schiff sei kein lahmer Klepper.

Bei Tisch sahen Carlos und Nicolás nach der Spitze, wo der Kapitän saß, und waren nachher furchtbar froh, weil er nichts gesagt hatte.

Heute hatte man frei gehabt, aber morgen war Schule ...

»Wir werden gesattelt«, sagte Carlos zu Nicolás, als Herr Dr. Bürstenfeger sie zum Unterricht abholte. Sie meinten, so müsse es auch ihren Ponys zumute sein, wenn die Knaben mit ihren Zäumen kamen.

Übrigens war es ungewiß, wer diesen Witz erdacht hatte, Carlos oder Nicolás. Der Witz war alt, jeder nahm ihn für sich in Anspruch, und sie hatten sich manchmal ernstlich darüber gestritten.

Auf Carlos' Vorschlag führten sie seit einiger Zeit ein Notizbuch in der Tasche, und machte einer von ihnen einen Witz, so wurde er sofort in beide Hefte eingetragen und darunter geschrieben:

Diesen Witz hat Carlos (oder Nicolás) am 5. November 18.. um 4 Uhr nachmittags auf einem Ritt nach Flores gemacht.

Es folgten dann beide Unterschriften.

Aber auch dies lief nicht immer ohne Streitigkeiten ab, denn oft war der andere geneigt, den Witz zu schlecht zu finden, als daß er notiert werden sollte, was ihn aber manchmal nicht daran hinderte, später, als er bereits längst vergessen schien, darauf zurückzukommen und für sich die Autorschaft zu beanspruchen. --

In Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine lag alles fein säuberlich nebeneinander: das Rechenbuch, das Lesebuch, die französische Grammatik, zwei Hefte und zwei gespitzte Bleistifte.

Sie setzten sich. Zuerst kam das Rechnen, dann folgte Französisch.

Draußen vor der Tür aber war Geräusch zu hören, ganz sicher stand dort jemand und horchte.

Carlos wurde unruhig. Herr Dr. Bürstenfeger aber tat, als höre er nichts. Er öffnete die Grammatik und las:

»_Ma tangt a oublie song parablü_«, und Carlos übersetzte: »Meine Tante hat ihren Regenschirm vergessen.«

Herr Dr. Bürstenfeger las: »_Hannibal frangschi les Alp._«

Carlos starrte nach der Tür. Er hörte kichern, ganz deutlich sah er ein Auge durch das Schlüsselloch.

Er würgte und übersetzte: »Hannibal hat seinen Regenschirm vergessen.«

Herr Dr. Bürstenfeger fuhr auf, er glaubte, Carlos erlaube sich einen Scherz. Dann aber erkannte er seine Verwirrung.

Er stand auf, ging entrüstet nach der Tür und öffnete.

Es war Tia Lolita gewesen, die schnell entschlüpft war, ohne daß Herr Dr. Bürstenfeger sie gesehen hatte.

Der Unterricht wurde fortgesetzt.

Zum Schluß kam das Freiturnen, der Gesang wurde ausgelassen.

Herr Dr. Bürstenfeger öffnete die Luke, damit frische Luft herein käme, und es wurde mit der Kniebeuge begonnen, zuerst er und Carlos allein, weil zu wenig Raum in der Kabine war.

Carlos dachte: Wir bewegen uns auf und ab wie die Kolben unten in der Maschine. Er empfand es aber nicht als einen Witz, weil er zu erbittert war ...

In der Nacht schliefen Carlos und Nicolás lange nicht ein vor Aufregung; am Morgen würden sie ihr Landgut passieren, noch nie waren sie im Schiff daran vorbeigefahren. Außerdem hatten sie einige Tage vor ihrer Abfahrt einen Brief an den Verwalter geschrieben, unter welchen die Mama ihre Unterschrift gesetzt hatte. Darin stand, daß, wer Zeit hätte: der Capataz, Ramon der Stallknecht, Juanita die Tochter des Schafhirten, Juan der Sohn des Capataz, sich, sobald das Schiff in Sicht wäre, ans Ufer begeben sollte, weil Carlos und Nicolás mit dem Taschentuch winken wollten.

Die Knaben baten den Kapitän, sich möglichst nahe an der Küste zu halten, und gaben ihm den Grund an.

Der Kapitän, der ihnen scheinbar das Fischen gar nicht übelgenommen hatte, erklärte sich bereit, und wirklich fuhr er so nahe daran vorbei, als er konnte.

Von allem Gesinde aber waren nur Ramon der Stallknecht und Miguel der Koch anwesend.

Carlos und Nicolás waren ganz außer sich vor Freude, winkten und schrieen, man konnte aber nichts verstehen.

In gestrecktem Galopp kam plötzlich Juan auf Carlos' Pony, das er ihm für die Zeit seiner Abwesenheit geliehen hatte, dahergeritten.

Um zu zeigen, daß er so schnell als das Schiff sei, ritt er in Karriere mit diesem parallel und hieb unbarmherzig auf das Pferd ein; mit seinem dicken Bauch und seinem kurzen Halse glich es einer dahinstürmenden Wildsau.

Carlos hatte sich anfangs gefreut, dann aber begann er, sich über Juan zu ärgern.

»Hau nicht so! Hau mein Pferd nicht so!« schrie er, »sonst hau ich dich!«

Juan aber kehrte sich nicht daran, erstens weil er nichts hörte, und zweitens, weil Carlos ihn doch nicht hauen konnte.

Die Passagiere aber lachten. --

Man hatte bereits San Nicolas, Rosario und Santa Fé hinter sich.

Die warme Luft des Nordens begann sich schon bemerkbar zu machen. Heute war ein schöner, windstiller Tag.

Nach dem Mittagessen lag man auf Deck unter dem aufgespannten Toldo auf langen Strohstühlen und trank schwarzen Kaffee und rauchte Zigaretten.

Auch Herr Dr. Bürstenfeger war oben, lag aber nicht, sondern saß, auch rauchte er nicht Zigaretten, sondern eine leichte Bremer Zigarre, von denen er einen großen Vorrat aus Deutschland mitgebracht hatte, ohne sie dem Zoll vorzuenthalten.

Zwei Stunden später hielt plötzlich das Schiff mit starkem Erbeben an, die Schaufelräder bohrten sich in den Grund, ein Dutzend Gläser und sechs Flaschen zerbrachen, ein Buch fiel in Herrn Dr. Bürstenfegers Kabine vom Netz. Es war Wassertiefstand, und man war auf eine Sandbank aufgefahren. Es war aber weiter kein Unglück geschehen.

Gegen Dämmerung kam ein großes Dampfschiff den Strom herab; mit Tauen versuchte es das andere frei zu machen, aber es war umsonst.

Am Morgen jedoch, als Carlos und Nicolás erwachten, war man bereits wieder in voller Fahrt begriffen. Ein Sturm hatte in der Nacht das Schiff flott gemacht.

Vor Ablauf einer Woche langte man in Formosa an. Man ging ans Land. Auf einem Balkon saß ein schönes kleines Mädchen, fächelte sich mit einem Papierfächer und kokettierte zu Carlos und Nicolás herab. Carlos und Nicolás blieben stehen und lächelten hinauf, Herr Dr. Bürstenfeger drängte vorwärts; das schöne kleine Mädchen klappte den Papierfächer zu und lachte.

Sieben Stunden war man bereits wieder unterwegs; ein Dampfer mit Militärbesatzung fuhr stromabwärts. Es galt, Formosa zu Hilfe zu kommen, das soeben von Horden von Tobasindianern angegriffen worden war.

Carlos und Nicolás hörten die Nachricht und waren trostlos, daß ihr Schiff so früh abgefahren war, so daß sie sich nicht am Kampfe beteiligen konnten. Es fiel ihnen plötzlich ein, daß das kleine schöne Mädchen, das in Formosa auf dem Balkon gestanden hatte, in großer Lebensgefahr sein müsse. Niemals würden Carlos und Nicolás erfahren, ob sie tot sei, denn sie hatten die Straße, wo sie wohnte, vollständig vergessen, auch konnten sie sich ihres Gesichtes gar nicht mehr erinnern, so starken Eindruck es auch auf sie gemacht hatte. Und sie waren erfüllt von Traurigkeit.

Ganz in der Frühe hielt wieder der Dampfer an. Vom Lande wurde eine lange Brücke bis zum Schiff geschlagen, ein langer Zug von Indianern und Indianerinnen brachte Orangen an Bord in großen Körben, die sie auf den Köpfen trugen.

Bis spät nachmittags dauerte das Verladen. Auf dem vorderen Teil des Schiffes ragte ein goldener Berg von Orangen, ein leiser Wind ging und brachte den Duft herüber.

Carlos und Nicolás gruben sich ein Loch in den Berg, kauerten hinein und aßen Orangen.

Der Kapitän sah es, auch die Verlader sahen es, sagten aber nichts.

Die Knaben jedoch glaubten von niemandem beobachtet zu sein und fanden es romantisch und abenteuerlich.

Gegen Dunkelwerden fuhr man ab. --

Am Morgen nach dem Frühstück -- die Knaben saßen im Eßzimmer -- erscholl plötzlich auf Deck Gewehrschießen. Sie sprangen auf und eilten hin, Herr Dr. Bürstenfeger sehr besorgt hinter ihnen her.

Oben wurde auf Alligatoren geschossen, die sich auf dem nahen Ufer sonnten.

Vor einer Stunde hatten sich die ersten gezeigt, bis jetzt zählte man bereits über zwanzig; zwei Passagiere hatten ihre »Remingtons« heraufgebracht, und andere eilten, es ihnen nachzutun.

»Karl und Nikolaus,« rief streng Herr Dr. Bürstenfeger, »kommt zum Unterricht herab!«

Carlos begann zu weinen, Nicolás war sehr niedergedrückt. Aber es half nichts.

Es wurde die Grammatik aufgeschlagen, und Carlos las: »_Après la bataille de Marathon_ ...«

Oben auf Deck aber krachte ein Schuß nach dem andern.

»_Après la bataille de Marathon_ ...« heulte Carlos. »Oh, Herr Dr. Bürstenfeger, lassen Sie uns hinauf!«

Aber Herr Dr. Bürstenfeger wehrte streng ab.

Er hätte wohl den Unterricht verschoben, wenn es sich um eine würdigere Sache gehandelt hätte, aber er wollte nicht, daß Carlos und Nicolás ihren Spaß daran hätten, daß Tiere getötet werden.

Da ging die Türe auf, und Tia Lolita stand in der Kabine.

»Herr Dr. Bürstenfeger,« bat sie, »lassen Sie die Knaben hinauf!«

Herr Dr. Bürstenfeger war blutrot. Er verbeugte sich und sagte flehend: »Mein gnädiges Fräulein, ich bitte ... ich bitte Sie ... nein ... mein gnädiges Fräulein ...!«

Es war umsonst, Tia Lolita kehrte unverrichteter Sache zurück.

Es waren aber nicht drei Minuten vergangen, da schlug er plötzlich sein Buch zu und rief, während seine Stimme vor Beschämung bebte: »Geht hinauf, Karl und Nikolaus, geht hinauf!« --

Am Abend war man in Asuncion.

Paraguay

»Nach dieser langen Flußfahrt ist es nötig, daß wir uns endlich einmal gründlich Bewegung machen«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und nahm Carlos und Nicolás bei der Hand.

Und sie spazierten auf den Straßen von Asuncion, der Stadt mit den blendend weißen Häusern, den vorgebauten Holzgitterfenstern, den bedeckten Galerien, in denen Hängematten hingen, und den breiten, ungepflasterten Straßen mit der roten, weichen Erde. Der Duft der Orangenblüte erfüllte die Stadt. Frauen, eingehüllt in lange, weiße Tücher, wandelten langsam und sehr aufrecht, bunte Krüge auf den Köpfen. In ihren Gärtchen, unter Orangenbäumen, lagen die Männer, manchmal nur mit einem Hemd bekleidet, und schliefen.

»Es ist dies ein paradiesisches Land,« sagte der Lehrer, »ohne Hast und Qual und ohne Arg verbringen die Menschen hier ihre Tage, brauchen, um zu leben, nur die Hand auszustrecken nach den herrlichen Früchten, die diese gütige Erde ihnen spendet.«

Der Weg führte sie am Markt vorbei.

Carlos und Nicolás sahen zwei Affen je auf einem großen Kürbis kauern. Vier uralte, verschrumpfte Indianerinnen saßen um einen großen Kessel, kauten Mais und spuckten ihn hinein.

»Der Speichel bringt den Mais zum Gären, daraus wird Schnaps«, sagte Herr Dr. Bürstenfeger und schüttelte sich.

Aber die Aufmerksamkeit der Knaben war auf die beiden Affen gerichtet.

Wenn man nach Paraguay käme, sollten sie einen haben, hatte die Mama gesagt.

Eine der alten Indianerinnen erhob sich, setzte auf jede Hand einen Affen und hielt sie dem Hauslehrer hin.

Sie wimmerten und kratzten sich.

»Herr Dr. Bürstenfeger, kaufen Sie uns einen Affen!« baten Carlos und Nicolás zugleich.

Herr Dr. Bürstenfeger machte eine erschrockene Bewegung; er erinnerte sich an das Versprechen, das ihnen die Mama gegeben hatte.

Aber kein Tier war ihm so unsympathisch wie ein Affe.

»Kaufen Sie uns einen Affen!« wiederholten die Knaben.

Nach einigem Zaudern begann er mit der Indianerin zu unterhandeln.

Carlos und Nicolás waren sich nicht einig in der Wahl; schließlich einigten sie sich auf den, der auf der linken Hand saß, und der Lehrer gab seine Einwilligung.

Als aber die Indianerin die Kiste, in die er hineingehörte, in die Höhe hob und ihn an der Schnur zog, an der er angebunden war, fielen sich beide Tiere in die Arme und begannen laut zu heulen.

Sie wußten es von manchen Vorgängern, daß es galt, Abschied zu nehmen.

»Arme Affen!« sagten Carlos und Nicolás.

Auch Herr Dr. Bürstenfeger war voller Mitleid.

Die Affen hielten sich umklammert, der Lehrer war ratlos.

»Kaufen Sie beide!« baten die Knaben.

Herr Dr. Bürstenfeger rang mit sich.

»Es wäre eine Grausamkeit, die armen Tiere zu trennen!« entschied er endlich.

Er gab der Indianerin eine Weisung, die Knaben jubelten, und einige Minuten später zogen sie heim, Carlos und Nicolás rechts und links von Herrn Dr. Bürstenfeger, jeder mit seiner Kiste und seinem Affen. --

Zwei Tage später fand die Weiterreise nach Trinidad statt; es war ein Ritt von fünf Stunden.

Zum erstenmal in seinem Leben mußte sich Herr Dr. Bürstenfeger entschließen, auf ein Pferd zu steigen. In ganz Asuncion war kein einziger Wagen aufzutreiben. Sie hätten kaum fortkommen können auf der weichen, lockeren Erde der Wege.

Da der Tag zu heiß war, entschloß man sich, nachts zu reisen.

Man brach um 11 Uhr auf, bei herrlichem Mondschein, um mit beginnender Dämmerung anzukommen.

Die Pferde waren zahm und mager, und es war gesorgt worden, daß Herr Dr. Bürstenfeger das zahmste erhielt. Die Eltern, Tia Lolita und die übrigen ritten voraus. Carlos und Nicolás ritten neben ihrem Lehrer und waren beschäftigt, sein Tier anzutreiben, wenn sie traben wollten. Gewöhnlich aber ging es im Schritt, da der Weg zum größten Teil durch Urwälder führte. --

Die Kolonie Trinidad war von Urwäldern umgeben, nachts drang von dort das Geschrei der Brüllaffen herüber.

Der größte Teil der Einwohnerschaft bestand aus deutschen Bauern und Handwerkern, die beinahe alle eine zweifelhafte Vergangenheit hatten.

Sie waren zusammengewürfelt aus allen Teilen des Reiches, und man hörte sämtliche Dialekte nebeneinander.

Es lebten aber auch dort Leute aus anderen Gesellschaftsklassen: verbummelte deutsche Studenten, durchgefallene Mediziner, die sich um die Praxis rauften, verlotterte Richter und Advokaten. Sie nannten sich »alte Semester« und berauschten sich nachts an billigem Schnaps; es wimmelte in Trinidad von Wirtshäusern. Des Tages aßen sie Orangen, Bananen und Mandioca, das kostete wenig.

Alle Einwohner lebten in Haß und Hader miteinander.

Ging Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás im Dorfe spazieren, widerhallten seine Ohren von böswilligem Klatsche.

Der Bäcker lauerte ihm auf und begeiferte den Schuster, der Schuster ging ihnen heimlich nach, und sobald Herr Dr. Bürstenfeger frei war, redete er schmählich über den Bäcker, der Tischler folgte und erzählte Ruchloses von der Frau des Bienenzüchters.

Und ganz so war es auch mit den Ärzten, Richtern und Advokaten bestellt.

Anfangs ließ Herr Dr. Bürstenfeger wortlos den Schwall über sich ergehen. Dann aber wehrte er mit den Händen ab und floh nach dem Urwald.

Aber als er nach Hause zurückkehrte, umging er das Dorf. --

Zweimal in der Woche war es Carlos und Nicolás erlaubt, allein auszureiten. Herr Dr. Bürstenfeger erlaubte es, weil die Gegend sicher war, von den friedlichen Guarangsindianern war keine Gefahr zu erwarten.

Auf ihren mageren, struppigen Pferden schlugen die Knaben am liebsten die Richtung dahin ein, wo bald nach dem Urwald die Steppe begann.

Da konnten sie lange Galopp reiten, und es erinnerte sie an die Pampas in Argentinien. Nur erhoben sich hier von Zeit zu Zeit kleine Palmenhaine. Die Palmen aber standen nicht dicht beieinander, sondern so, daß die Sonne breit hineinfluten konnte.

Sie ritten, bis der Urwald ein schwarzer Streifen am Horizont war, stiegen von den Pferden und legten sich ins Gras, wie sie es oft auf ihrem Gute getan hatten, und lauschten in die Stille hinein; eine Heuschrecke klapperte, irgendwo sang ein Vogel. Diese Geräusche und die Hitze des Tages wiegte sie in Halbschlaf ein.

Carlos träumte, er jage hinter Straußen, dann träumte er, daß er mit den wilden Tobasindianern kämpfe. Plötzlich erwachte er. Er rieb sich die Augen, und es war seltsam, was er eben geträumt hatte, sah er deutlich aber regungslos in die Wolken gezeichnet, die über dem Horizonte lagerten, und je länger er hinstarrte, um so lebendiger wurde das Bild. Er schloß die Augen und sah es langsam vergehen, er öffnete sie, und das Bild schwebte über dem Horizonte. --

Eines Tages, als Carlos und Nicolás in den Urwald ausritten, begegneten sie einem kleinen Indianer. Er hielt eine große bunte Schlange, die er eben getötet hatte, auf einem Stocke.

Carlos fragte, ob er sie verkaufen oder gegen irgend etwas vertauschen wollte.

Da er nickte, sie aber kein Geld hatten, sprang er vom Pferd und gab ihm eine Satteldecke dafür.

Auf dem Heimritt beschlossen sie, eine Schlangensammlung zu machen.

Sie verschafften sich Flaschen, denen sie die Köpfe abschlugen, und füllten sie mit Spiritus.

Einen Teil ihrer Mußestunden aber verbrachten sie damit, Schlangen aufzustöbern, die sie töteten, in die Flaschen taten und sorgfältig in ihrem Kleiderschrank verschlossen, weil sie wußten, welchen Abscheu Herr Dr. Bürstenfeger vor diesen Reptilien hatte.

Aber das Unglück wollte es, daß einmal der Schrank aufblieb und Herr Dr. Bürstenfeger hineinsah und mit einer Miene, als blicke er in Blaubarts Kammer.

Er strafte sie aber nicht, er war nur sehr blaß und sagte: »Karl und Nikolaus, ihr habt mich unendlich betrübt!«

Carlos und Nicolás gelobten ihm unter Tränen, nie mehr eine Schlange zu fangen, flehten ihn aber an, diese behalten zu dürfen, da sie ja tot seien und dabei so wunderbar schöne Tiere.