Carlos und Nicolás

Part 5

Chapter 53,825 wordsPublic domain

Carlos und Nicolás konnten das nicht begreifen, aber sie mußten sich entschließen, zurückzukehren, denn es war spät und Herr Dr. Bürstenfeger würde wohl sehr unruhig sein. Der Mann begleitete sie ins Hotel zurück. Nicolás schaute manchmal verstohlen nach seinem Kropf.

Aber Herr Dr. Bürstenfeger hatte sonderbarerweise ihre lange Abwesenheit gar nicht beachtet. Er saß in seinem Bett und las in einem spanischen Buch mit Hilfe des dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte, über das letzte fürchterliche Erdbeben in Mendoza.

»Warum haben die Menschen so viel Kröpfe hier?« fragte Nicolás.

»Ja, das ist nicht schön!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger. »Aber das macht das kalkige Wasser.«

Nach Tische ging Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben spazieren.

Ein Bettler bat um Geld. Er hatte beim letzten großen Erdbeben ein Bein eingebüßt; er war geschwätzig, und um sich interessant zu machen, erzählte er, daß er dabei seine Eltern und seine sämtlichen Geschwister verloren habe.

Sie kamen durch den Teil der Stadt, von dem nur noch Ruinen erhalten waren, ein eingestürzter Kirchturm, eingestürzte Tore, geborstene, mit Gras bewachsene Mauern.

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »In einer einzigen Nacht sind beinahe zwanzigtausend Menschen in dieser Stadt umgekommen.«

Der folgende Tag war stockfinster. Staub fegte durch die Straßen, aber es regnete nicht.

Der Hauslehrer ging mit den Knaben in der Stadt spazieren, er ging später in seinem Zimmer auf und ab über eine Stunde lang, von einer Aufregung ergriffen, die immer mächtiger wurde ...

Es war nach Mitternacht, als er sich zu Bett legte. Kaum war er im Bett, als er wieder aufstand und sich anzog; er drückte den Kopf an eine Fensterscheibe, würgte die Tränen hinab, die ihm gewaltsam in die Augen drangen, und ballte die Fäuste.

So war Herr Dr. Bürstenfeger noch nie gewesen.

Er setzte sich aufs Kanapee und pfiff mit einer fürchterlichen Miene ein lustiges Liedchen.

Dann zog er sich rasch aus und warf sich aufstöhnend ins Bett. Lange wälzte er sich herum, plötzlich begann er zu beten: »Unser Vater, der du bist im Himmel ...«

»Unser Vater, der du bist im Himmel ...« wiederholte er.

Vier, fünfmal rekapitulierte er, aber er hatte in seiner maßlosen Aufregung die Fortsetzung vergessen.

Er saß in seinem Bett aufgerichtet und stierte ins Dunkle. Dann fiel er in wahnsinniger Erschöpfung zurück.

Er schlief zwei Stunden traumlos und dann träumte er, daß er von Bremen reise, und es war Sturm auf der See.

Er erwachte und hielt sich am Bettpfosten fest.

Draußen aber schwankten die Kirchtürme, daß die Glocken erklangen, die Menschenknochen im Orangenbaum bewegten sich; dann war es ruhig.

Die Leute im Hotel stürzten auf den Hof hinaus, die Einheimischen, die die Gefahr besser kannten, auf die Straßen.

Herr Dr. Bürstenfeger stürzte in Carlos' und Nicolás' Zimmer und dann mit ihnen ebenfalls auf den Hof hinaus.

Don Pablo Romero floh aus seinem Hause, in eine wollene Decke gehüllt, gefolgt von seinem schwarzen Hunde.

Don José Igarzabal floh im Hemd mit seinen elf Schwestern.

Aus allen Häusern stürzte man heraus; es war jetzt mit einem Mal eine furchtbare Bewegung in Mendoza.

Der Hotelhof war angefüllt mit Menschen.

In einem Zimmer aber saß eine schöne, blonde Frau und hielt einen kleinen Knaben und ein kleines Mädchen umfangen. Sie schämte sich, im Hemd zu fliehen.

Herr Dr. Bürstenfeger stand neben einer kaum bekleideten Engländerin.

Sie starrte nach der Hofmauer vor sich, in der ein breiter Riß gähnte ...

Eine halbe Stunde verging, es blieb ruhig.

Da erinnerte sich plötzlich Herr Dr. Bürstenfeger, daß er im Hemd war, und schämte sich.

Er ging in sein Zimmer, bekleidete sich schnell, holte zwei Decken und warf sie um Carlos und Nicolás.

Dann eilte er mit ihnen hinaus auf den Platz vor dem Hotel.

Eine Menschenmenge war dort versammelt.

Im Hintergrund kniete ein Priester und betete laut.

Die Knaben blickten erstaunt auf einen Zwerg mit einem Wasserkopf, der, ein Bündel in der Hand, laut heulte.

Über zwei Stunden stand dort Herr Dr. Bürstenfeger mit Carlos und Nicolás. Es blieb ruhig, die Sonne ging auf, die Luft war klar und schön.

Auf den Bergen zündeten die Hirten ihre Feuer an. Der Duft der Kräuter erfüllte die Stadt.

Carlos sagte zu Nicolás: Das ist der Geruch des Erdbebens.

Herr Dr. Bürstenfeger aber kehrte mit ihnen ins Hotel zurück. Auf seinen Lippen ruhte ein Lächeln großer Befreiung; er legte sich zu Bett und schlief zwölf Stunden hintereinander. Manchmal träumte er von seiner Heimat.

In den Kordilleren

Die Ansiedelung Don Pablo Romeros war eine kleine Oase, die aus einigen Wiesen, einem Obstgarten und einer Pappelallee bestand. Hinten erhoben sich die grauen, kahlen, nur mit dichtem Gestrüpp und Kakteen bewachsenen Berge, und vorn senkte sich ebenfalls kahl und grau die Ebene in die Pampa hinab.

Bloß zwei Zimmer seines Häuschens bewohnte Don Pablo, die übrigen hatte er Carlos' und Nicolás' Eltern überlassen, und weil trotzdem Raummangel war, waren noch drei Zelte aufgespannt worden. Das eine, etwas abseits gelegen, bewohnten die weiblichen Dienstboten, das zweite war als eine Art kleiner Salon hergerichtet, und im dritten schliefen Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás.

Seine Sorge um die Knaben blieb immer gleich mustergültig. Morgens, wenn sie erwachten, stand er an ihrem Bett, beinahe den ganzen Tag ließ er sie nicht aus den Augen. Abends, wenn sie schlafen gingen, kam er noch und gab ihnen den Gutenachtkuß.

Zum nicht geringen Verdruß der beiden hielt er aber immer fest am Prinzip der weiten Spaziergänge. Nur an Tagen, an denen er besonders zufrieden mit ihnen war, durften sie, während er zu Fuß ging, rechts und links von ihm auf ihren Maultieren reiten. Wünschten sie zu galoppieren, mußten sie fragen, und Herr Dr. Bürstenfeger antwortete: »Ja, aber nur bis zu jenem Strauch oder jener Kuh!« oder er verweigerte auch die Erlaubnis.

In der Regel aber blieb es bei den gewöhnlichen Spaziergängen, und sie durchstreiften zusammen die Gegend nach allen Richtungen. Zu Hause banden sie sich, auf Wunsch von Herrn Dr. Bürstenfeger, Lappen um die Füße, um keine Blasen zu bekommen. Auch versahen sie sich mit einer kleinen Apotheke, mit Mitteln gegen den Sonnenstich, den Schlangenbiß, mit Pflastern und Pflästerchen gegen kleine Verletzungen, mit Pfeffermünzpastillen und Orangen und Zitronenessenzen gegen den Durst. Um die Schultern hingen sie sich zwei Feldflaschen mit Wasser und eine blecherne Büchse, auf der ein grasender Hirsch abgebildet war -- gefüllt mit Brot, harten Eiern, Butter und »Landjäger«.

Und so zogen sie aus, zur Freude des gesamten Dienstpersonals; denn Fußgänger und dazu noch so ausgerüstete, waren hier seltene Leute.

Zu Anfang hielt Herr Dr. Bürstenfeger seine Leidenschaft ein wenig im Zügel, weil er fürchtete, sich zu verirren, und aus Angst vor den wilden Tieren, besonders auf den Spaziergängen in der Richtung nach den Bergen. Bald aber waren sie mit der Umgegend so vertraut, daß sie die ersten Gipfel ersteigen konnten, von denen aus man eine herrliche Aussicht auf die dahinter liegenden, höheren hatte. Herr Dr. Bürstenfeger zog seine Karte aus der Tasche, um nachzusehen, wie die wohl heißen möchten, aber es stand kein Name da, und als er später daheim fragte, wußte es auch niemand. Darüber mußte er heimlich den Kopf schütteln; er fand aber zugleich auch diese Kulturlosigkeit interessant.

Was seine Angst vor den wilden Tieren betraf, so brauchte er geraume Zeit, bis er sie überwunden hatte.

Zu den wilden Tieren zählte er aber auch die Schlangen, obgleich er wußte, daß sie zoologisch eigentlich nicht dazu gehörten. Ein abgebrochener Ast auf der Erde, der Schatten seines eigenen Stockes ... überall sah er welche.

Einmal sahen sie wirklich ein Puma in einiger Entfernung. Herr Dr. Bürstenfeger blieb stehen, erblaßte, sammelte sich aber und flüsterte: »der Silberlöwe greift nicht den Menschen an, sondern flieht ihn.« Ein andermal, als sie durch eine Schlucht gingen, kreiste in ziemlicher Höhe über ihnen ein Kondor, und obwohl der Hauslehrer wußte, daß er ihnen nicht gefährlich sein konnte, zog er doch krampfhaft die Knaben an sich und neigte einen Augenblick sehr erschrocken den Kopf ...

Die Spaziergänge nahmen einen nicht kleinen Teil des Tages ein, oft gab Herr Dr. Bürstenfeger dabei seine Lektionen. Den eigentlichen Unterricht erteilte er hinter dem Hause im Garten unter einem Nußbaum, wo ein Tisch und zwei Bänke standen.

Jeden Morgen mußte sie José, der Knecht, auf Befehl Herrn Dr. Bürstenfegers mit heißem Wasser scheuern, weil sie inzwischen wieder von den Vögeln beschmutzt worden waren; dann folgten ein paar Schulstunden, die auch nicht ohne Zwischenfälle abliefen. Es trieb sich z. B. José mit einer der Mägde weiter hinten herum, oder es wurde Obst von den Bäumen geschlagen, eine Kuh verirrte sich in den Garten, oder gar die Säue.

Diese zu hüten war ein kleiner, dreijähriger Indianer angestellt, der zusammen mit Julio beim letzten Ausfall im Azul erbeutet worden war. Er hieß Manuelito und hielt eine lange Gerte in der Hand, Beinkleider, die einem halbwüchsigen Knaben gehört hatten, umschlotterten seine Beine. Auf dem Kopfe trug er einen riesigen Filzhut, dessen Krempen auf seinen Schultern ruhten. So ausgerüstet, hatte er die Schweine auf die Weide zu treiben, die ihn aber gar nicht respektierten.

Einmal drangen sie durch eine schadhafte Stelle der Hecke in den Garten. Manuelito hatte sich ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegengestellt und geschrien: »Kehrt um, kehrt um, ihr Schweinchen!« Sie aber waren einfach über ihn hinweggetrampelt.

Als Carlos und Nicolás das sahen, schnellten sie von ihrer Bank auf und eilten Manuelito, der heulend auf dem Rücken lag, zu Hilfe.

Herr Dr. Bürstenfeger stand im Hintergrund und kämpfte einen harten Kampf zwischen Pflicht und Wohlwollen, aber die Pflicht siegte, und Carlos und Nicolás hatten hundertmal einen Satz abzuschreiben, der sich auf den Schulunterricht und Manuelito und seine Schweine bezog. Dieser Zwischenfall aber änderte durchaus nichts am Programm des Schultages. Zum Schluß nahm der Hauslehrer das Lineal in die Hand, reichte den Knaben ein Liederbuch, und sie stimmten alle drei an, er mit ungemein kräftigem Baß, Carlos und Nicolás mit sehr falscher Stimme:

Kuckuck, Kuckuck ruft aus dem Wald, Lasset uns singen, tanzen und springen.

»Tanzen und springen!« brüllte Herr Dr. Bürstenfeger und schlug mit dem Lineal auf den Tisch, daß ein Huhn, das sich in der Nähe aufhielt, gackernd davonstelzte, denn Carlos hatte drei Noten daneben gesungen. Im Hintergrund aber, den Knaben zugekehrt, stand Zenobia, die Mulattin, wiegte den Kopf, fletschte die Zähne und ahmte Herrn Dr. Bürstenfeger mit einem Besenstiel nach ...

Am gleichen Nachmittag noch machten sie einen Spaziergang in die Berge. In einer Schlucht sahen sie ein Pferd liegen, das abgestürzt war und die Vorderbeine gebrochen hatte. Als die drei herankamen, bewegte es mit einem unsäglich schmerzhaften Ausdruck der Augen den Kopf ein wenig in die Höhe und stöhnte.

Der Hauslehrer erlaubte, daß sofort der Spaziergang unterbrochen wurde, und die Knaben gingen zu Don Pablo und baten ihn, das Tier töten zu lassen. Aber Don Pablo antwortete: »Das Pferd ist in unser Gebiet eingedrungen, es gehört dem Nachbar, töte ich es, so muß ich es bezahlen.«

Die Knaben ritten zu Don Andrés (so hieß der Nachbar) und stellten an ihn die gleiche Bitte. Don Andrés lächelte und erwiderte, er werde heute jemanden hinschicken.

Abends aber lag das Pferd zu Carlos' und Nicolás' Entsetzen noch immer in der Schlucht und stöhnte.

Es fiel ihnen ein, daß es zu seinen Schmerzen auch noch Hunger und Durst leiden müsse, sie kehrten daher zum Gut zurück, Nicolás nahm ein Bündel Gras und Carlos einen Eimer mit, den er in einer Quelle, die halbwegs von der Schlucht entfernt war, füllte.

Das Pferd hob schnaubend den Kopf, sobald es das Wasser roch, wollte sich auf seinen beiden Vorderbeinen aufrichten und fiel mit einem Schmerzenslaut zurück. Carlos und Nicolás hoben seinen Kopf ein wenig in die Höhe, und so konnte es, ohne sich sonst zu bewegen, saufen.

Am folgenden Abend hatte man das Pferd noch nicht getötet, Don Andrés hatte es scheint's ganz vergessen.

Der Gedanke an das Tier ließ Carlos und Nicolás in der Nacht nicht ruhen.

»Ich höre es ächzen!« rief Carlos und richtete sich im Bett auf.

»Es ist nicht möglich, es ist zu weit«, antwortete Nicolás; aber ihm tat das Tier nicht weniger leid.

Pause.

»Weißt du was, wir wollen es töten, jetzt sofort, dann leidet es nicht mehr«, meinte Carlos.

Nicolás antwortete nicht gleich, dann aber sagte er ebenfalls entschlossen: »Ja!« ...

Sie standen auf, nahmen eine Axt aus der Küche, sattelten ihre Maultiere und ritten davon.

Es war eine wunderbare, sternklare Nacht, die Sträucher mit ihren harten, öligen Blättern, die harten Kräuter, gespeist vom trockenen, vulkanischen Boden, dufteten.

In der Schlucht lag das Pferd und stöhnte.

Nicolás sagte zu seinem Bruder: »Carlos, du bist der Ältere, du wirst das Pferd töten!«

Aber kaum hatte er das ausgesprochen, als ihn Beschämung und Mitleid mit Carlos ergriff.

»Losen wir!« sagte er mit gepreßter Stimme, rupfte zwei Gräser aus, die aus einem Riß in einem Steine wuchsen, und hielt sie ihm hin.

Carlos, das Beil in der Linken, zog zitternd einen Halm und hatte den kürzeren gezogen.

Da ging sein Bruder zehn Schritte weg, kehrte sich ab und hielt sich die Ohren zu.

Carlos ging entschlossen zum Pferd, streichelte es und hob dann das Beil in die Höhe, ließ es aber kraftlos sinken und weinte.

Nicolás hatte sich wieder umgewandt, stand da und sah ihn dumpf an.

Am folgenden Morgen ließen sie durch José, für eine kleine Geldsumme, die sie aus ihren Sparbüchsen nahmen, das Tier umbringen ...

Drei Tage später kam der General Acevedo zu Besuch aufs Gut. Er war ein Mann von etwa fünfzig Jahren mit bereits ergrautem Haar, groß und breit und mit einem starken Ansatz von Embonpoint. Er kam auf einem großen, schwarzen Maultier geritten, trug einen Poncho um die Schultern und ein weißes flatterndes Tuch um den Hals.

Das war ein Fest für die Knaben; er war immer sehr gut zu ihnen gewesen; stets brachte er ihnen Geschenke mit.

Diesmal holte er aus seiner Reisetasche zwei große Schachteln mit Bleisoldaten heraus und dazu noch für jeden eine Kinderpistole mit roten Zündhütchen.

Die Knaben schossen und stellten ihre Soldaten auf. Obgleich der General morgen schon wieder reisen mußte, fand er doch noch Zeit, ihnen einen großen Drachen zu machen.

Am nächsten Morgen vor dem Unterricht traten Carlos und Nicolás in sein Zimmer; das Fenster ging nach dem Garten.

Der General schlief noch, er trug ein elegantes, seidenes Nachthemd mit einer Brusttasche, in der ein Batisttaschentuch steckte. Die linke Hand lag auf der Bettdecke, sie war weiß, aber kräftig und gut gepflegt, die Nägel rosig und schön gestutzt.

Auf dem primitiven Waschtisch sah man ein Schlachtgewühl von Flakons. Es roch im Zimmer nach allen möglichen Essenzen. Auf dem Nachttisch stand eine offene Pomadenbüchse, in die drei Fliegen ihre Rüssel getaucht hielten. Daneben lag ein Revolver mit elfenbeinernem Griff und kleinen silbernen Initialen.

Auf der Erde lag offen seine Reisetasche aus indischem Strohgeflecht, in der ein Durcheinander herrschte.

Carlos und Nicolás schlichen auf den Fußzehen aus dem Zimmer, um den General nicht zu wecken; aber gleich nach der ersten Pause machten sie ihm wieder ihren Besuch. Er war eben erwacht, streckte seine Arme mit geschlossenen Fäusten in die Höhe und gähnte.

Die Knaben krochen zu ihm ins Bett und rupften ihm am Schnurrbart.

»Macht das eurem Schulmeister, verfluchte Bengels!« rief der General. »Wollen wir wetten, ihr habt ihm noch nie einen Streich gespielt?!«

Herr Dr. Bürstenfeger saß unter dem Nußbaum und las Klopstock, er war ganz darin versunken.

»Habt ihr ihm denn noch keinen einzigen Streich gespielt?« forschte der General.

Carlos und Nicolás schwiegen und sahen ihn mit großen Augen an.

»Ihr seid Kerls, ihr wollt Argentinier sein und wagt euch nicht an diesen _gringo_[2] heran! In eurem Alter war ich doch ein anderer Kerl, da habe ich meinen Lehrern ...«

Der General schwieg und schmunzelte.

»Was haben Sie ihnen getan?« fragten Carlos und Nicolás.

»Ich habe ihnen Honig auf die Bank geschmiert, Schwänze an die Röcke gehängt, einem habe ich ein Loch in seinen blechernen Nachttopf gebohrt, und da er die Gewohnheit hatte, nachts den Topf ins Bett zu nehmen, hat es ein großes Unglück gegeben.«

Carlos und Nicolás mußten lachen.

Der General höhnte: »Ihr wollt Argentinier sein? Schämt euch!«

Er strich Carlos über den Schopf und sagte: »Was dich betrifft, so traue ich dir sowieso nicht viel zu, du bist viel zu blond!«

Carlos war gekränkt. Er schwieg eine Weile, dann sagte er, jedoch ziemlich zaghaft: »So schlagen Sie doch was vor!«

»Bravo!« rief der General. Dann sann er nach.

»Um einen kleinen Anfang zu machen, nehmt eine Hand voll Zündhütchen, geht zu eurem Dr. Burstenfecherr und streut sie ihm in seiner Nähe auf den Boden. So wie ich ihn kenne, wird er Luftsprünge machen, wenn er darauf tritt.«

Die Knaben machten einen harten Kampf durch, aber die höhnische Miene des Generals trieb sie zum Entschluß.

Sie griffen in ihre Taschen, wo sie noch einen Haufen Zündhütchen hatten, traten aus dem Zimmer und schlichen auf den Hauslehrer zu.

Wie sie ganz nahe bei ihm standen, blickte Herr Dr. Bürstenfeger von seinem Buch auf und fragte: »Na, was wollt ihr, Karl und Nikolaus?«

Hinten aber saß der General aufgerichtet in seinem Bett, schwang den einen Arm in die Höhe und spornte die Knaben zum Kampf an.

[Fußnote 2: Verächtliche Bezeichnung für Fremder.]

Carlos antwortete: »Wir wollten sehen, was Sie da lesen, Herr Dr. Bürstenfeger.«

»Was ich da lese?« antwortete er nicht ohne leises Erstaunen, »ist der Messias von Klopstock, aber es wird noch manches Jahr vergehen, bis ihr auch darin lesen könnt, Karl und Nikolaus.«

Sie fragten nicht mehr, sie schlichen weiter, mit blutroten Köpfen; sie schämten sich vor dem General und schämten sich, daß sie nie gute Argentinier werden könnten.

Der General aber war ins Bett zurückgesunken und hielt sich den Bauch vor Lachen ...

Am Nachmittag reiste er wieder fort ...

Weiter oben, den Bergen näher, wuchs neben einer großen schattigen Weide bei einer Quelle ein Pfirsichbaum, der jedes Jahr um diese Zeit die schönsten Früchte trug.

Niemand wußte, wie er dahingekommen war, kein Mensch hatte ihn gepflanzt, vielleicht hatte irgendein Vorübergehender bei der Quelle einen Kern fallen lassen. Auch Carlos und Nicolás kannten ihn, und eines Tages baten sie ihren Lehrer, einen Ausflug mit ihnen dorthin zu machen, denn Pfirsiche waren ihre Lieblingsfrucht.

Da Herr Dr. Bürstenfeger heute sehr mit ihnen zufrieden gewesen war, so durften sie auf ihre Maultiere steigen, Herr Dr. Bürstenfeger stellte sich in die Mitte, und man brach auf.

Am Ziel angelangt, blieben die Knaben, auf seinen Befehl hin, auf ihren Tieren sitzen, Herr Dr. Bürstenfeger schritt zum Baume, von dem sich eine bunte Schar von Singvögeln kreischend erhob, und rüttelte am Stamm.

Eine ganze Anzahl Pfirsiche fiel herab, er hob einige auf, prüfte sie, bewegte unentschlossen den Kopf und sagte endlich: »Karl und Nikolaus, wartet eine Woche noch, dann sind sie ganz reif.«

Und nach diesem Bescheid kehrte er mit ihnen, ohne daß sie einen einzigen Pfirsich gegessen hatten, zum Gut zurück.

Als die Woche vorbei war, ließ er sie noch zwei Tage warten, dann sagte er: »Ich werde euch nicht begleiten, reitet allein!«

Er nahm Carlos' Hand in seine Rechte und die des Bruders in die Linke und fügte mit nachdrücklichem Ernst hinzu: »Karl und Nikolaus, ihr wißt, daß ich es gut mit euch meine, ihr seid bisher gehorsame Knaben gewesen, ich kann es ruhig sagen: bis auf gewisse Ausnahmen. Ich habe beschlossen, von nun an euch nicht mehr auf Schritt und Tritt zu folgen, ihr seid selbständig genug.«

Pause! -- Darauf feierlich: »Karl und Nikolaus, ich nehme euch das Versprechen nicht ab, ihr seid frei, zu handeln, wie ihr wollt. Aber Karl und Nikolaus« -- und jetzt lag ein Ausdruck von wehmütiger Sorge auf seinem Gesicht: »Ich bitte euch, als euer väterlicher Freund, eßt nicht mehr als vier Pfirsiche jeder!«

Carlos und Nicolás, glücklich, überhaupt Pfirsiche essen zu dürfen, gelobten ihm das, Herr Dr. Bürstenfeger aber zog die Hände zurück zum Zeichen, daß sie sich nicht durch ein Versprechen binden sollten.

So waren sie aus seiner Hut entlassen und ritten davon.

Bei der Quelle banden sie ihre Maultiere an die Weide und stiegen auf den Pfirsichbaum hinauf. Singvögel stoben kreischend auseinander.

Nun pflückte jeder von ihnen vier der schönsten Pfirsiche, und sie wollten schon wieder herabsteigen, als Carlos den Vorschlag machte, sie oben zu essen, weil es ihm schien, daß sie dann besser schmeckten; und so saßen sie sich denn gegenüber, jeder auf einem dicken Ast, lautlos und beobachteten sich gegenseitig aufmerksam, und wenn einer einen Biß tat, wartete der andere eine Weile und biß ein etwas kleineres Stück ab; denn jeder wollte, um einen längeren Genuß zu haben, der letzte sein. Bei diesem stummen Ringen verhielten sie sich so mäuschenstill, daß sämtliche verscheuchten Vögel sich wieder zurückwagten, und es war ganz still bis weithin. Unten nur hörte man die Quelle murmeln, und oben war ein Kauen und Picken.

Als nun Carlos seine vier Pfirsiche verzehrt hatte, hatte Nicolás noch einen, den wollte er auf dem Heimweg essen. Sie kletterten wieder herab und stiegen auf ihre Maultiere, Nicolás in etwas gedrückter Stimmung, Carlos tief melancholisch.

Stumm ritten sie nebeneinander her. Nicolás hielt seinen Pfirsich in der Hand, strich mit den Fingerspitzen darüber hin, manchmal roch er daran, einmal wollte er hineinbeißen, besann sich aber und steckte ihn wieder in die Tasche.

Carlos schaute zu, seine Augen füllten sich mit Tränen, er wollte sich zur Resignation zwingen, aber der innere Kampf dauerte fort.

Plötzlich hielt er sein Maultier an, stieß einen schweren Seufzer aus und sagte zu seinem Bruder: »Ich reite zu Bernabé, dem Ziegenhirten, sage Herrn Dr. Bürstenfeger, ich werde in einer Stunde nachkommen.« Dann wandte er sein Maultier, ritt zum Pfirsichbaum zurück und setzte sich auf den Ast, auf dem er vorhin gesessen war. Beschämt und zaghaft biß er in den ersten Pfirsich, dann aber wurde er kühner, und bald dachte er an nichts weniger, als an Herrn Dr. Bürstenfeger und seine inständige Bitte.

Als er endlich genug hatte, stieg er hinunter, setzte sich faul an den Baumstamm und war in kurzer Zeit, ohne daß er wußte wie, eingeschlafen.

Als er erwachte, verschwand gerade die Sonne hinter den Bergen, langsam krochen die Schatten die Ebene hinab.

Sein erster Gedanke war, daß er Herrn Dr. Bürstenfeger jämmerlich hintergangen hatte, und eine tiefe Traurigkeit erfüllte ihn. Er saß da, den Kopf an den Baum gelehnt, und weinte vor Reue.

Aber es war schon spät, und er mußte an die Rückkehr denken.

Im Schritt, die losen Zügel in der Hand, ritt er heimwärts; er war aber noch keine Viertelstunde geritten, als er sich mit Schrecken erinnerte, daß unter dem Baume die Kerne der vielen gegessenen Pfirsiche lagen, die würden ihn verraten, er kehrte daher um und vergrub sie nahe bei der Quelle. Schon wollte er wieder aufs Pferd steigen, als ihn plötzlich der Gedanke überfiel, aus den Kernen könnten Pfirsichbäume wachsen, und obgleich er wußte, daß es noch in weiter Ferne lag, ließ der Gedanke ihm doch keine Ruhe, er scharrte die Kerne wieder aus und steckte sie in seine Rocktasche.

Als er im Gut ankam, war die Ebene schon ganz vom Abend beschattet. Aber fern am Horizont stieg blutrot der Mond auf.

Vor ihm stand Herr Dr. Bürstenfeger.

»Du warst beim Ziegenhüter Bernabé«, sagte er, »du hättest nicht so spät heimkommen sollen, Karl.«