Part 4
Herr Dr. Bürstenfeger bahnte sich, Carlos und Nicolás an der Hand, einen Weg durchs Gedränge, schüttelte den Kopf und murmelte: »Schon über 30 Advokatenschilder in einer halben Stunde gezählt.«
Sie kamen bis zur Calle Florida. Dies war die Straße des eleganten Publikums und der schönen Läden.
Vor der Confiteria del Aguila stauten sich die Gecken. Elegante, schöne Frauen gingen vorüber. Equipagen fuhren langsam in langer Reihe.
Herr Dr. Bürstenfeger blieb plötzlich stehen und sah zu einem Haus empor. Auf dem Dache ragte eine Flasche, wohl über 8 Meter hoch. Die Flasche war aus Holz, und der Name eines bekannten Likörs stand schräg darauf in Riesenlettern.
»Amerikanismus!« murmelte Herr Dr. Bürstenfeger und stampfte leise mit dem Fuß auf.
Ein paar Minuten später traten sie in den Schuhladen ein. Als sie wieder herauskamen, hatten Carlos und Nicolás strahlende Gesichter: jeder hielt einen eben geschenkten Luftballon in der Hand. Sie schauten abwechselnd zu ihnen hinauf und herab auf die neuen Schuhe, die sie trugen, und das erschwerte sehr das Gehen im Gedränge. In einem fort mußte Herr Dr. Bürstenfeger ermahnen.
Sowie sie aus dem ärgsten Gewühl heraus waren, zog Herr Dr. Bürstenfeger seine Uhr und sagte: »Jetzt steigen wir in eine Tram und machen unseren versprochenen Besuch bei der Familie Hanfstett.«
Der siebenjährige Alberto Hanfstett, ein bildschöner und verwöhnter Knabe, war ein Freund von Carlos und Nicolás. Auch seine Mutter hatten sie von Herzen gern, denn sie gab ihnen Kuchen und Bonbons, soviel sie nur wollten, und sie freuten sich jetzt darauf.
Seit vierzehn Tagen hatten sie auch dort einen Hauslehrer, einen gewissen Herrn Klausroth, der mit der Absicht, sich dem kaufmännischen Beruf zu widmen, nach Amerika gekommen war. Seine Anlagen aber waren rein pädagogische, und so hatte er sich zum Kaufmann ungeeignet erwiesen.
Herr Dr. Bürstenfeger war nur einmal flüchtig mit ihm zusammengekommen, und er sehnte sich, in nähere Beziehungen zu ihm zu treten.
Auf der Trambahn verkürzten sich die Knaben die Zeit damit, daß sie die Insassen einer heiteren Kritik unterzogen.
»Sieht nicht unser Gegenüber so aus wie eine Ziege?« fragte Carlos leise.
Nicolás quiekte: »Großartig, ganz wie eine magere Ziege!«
Carlos fragte: »Schau dir mal den dort drüben an, sieht er nicht so aus wie ein Huhn?«
Nicolás betrachtete ihn eine Weile mit naiver Unverblümtheit und bestätigte es fröhlich.
Carlos fand, daß ein kleiner dicker Herr, der seine Brille abgenommen hatte und jetzt matt und müde dreinblickte, einem abgezäumten Pony glich; auch damit war Nicolás sehr einverstanden.
Herr Dr. Bürstenfeger hatte einige spanische Worte, die er verstand, aufgefangen und legte sich ins Mittel, denn er fand solche Vergleiche sehr unpassend.
Hanfstetts bewohnten eine prächtige Villa in einer schönen, breiten Straße.
Der Diener, der ihnen öffnete, geleitete sie bis zur Türe des Schulzimmers: »Der Unterricht müsse schon zu Ende sein.«
Sie klopften, traten ein, aber es war noch Schule.
Herr Klausroth stand vor der Schulbank, ein Buch in der Hand und sagte:
»_La mesa_ der Tisch.«
Unter der Bank aber hockte Alberto und sang trotzig zu einer selbst erfundenen Melodie: »Ich will kein Deutsch lernen!«
»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte Herr Klausroth mit einem zynischen Lächeln.
Er durfte ihn nicht hauen, die Mama erlaubte es nicht.
»_Tschisch, tschisch_«, sagte Alberto. Das bedeutete Tisch und war eine Verhöhnung der deutschen Sprache.
Herr Dr. Bürstenfeger, der anfangs nicht begriff, was da vorging, machte plötzlich einen Schritt zurück und breitete abwehrend die Hände nach Carlos und Nicolás aus.
»_La mesa_ der Tisch«, sagte Herr Klausroth, lächelte, stampfte leise mit dem Fuß auf und spielte mit fünf Fingern Klavier auf der Bank.
Jetzt wollte Alberto sich vor Carlos und Nicolás zeigen.
Er kroch unter der Bank heraus, verfügte sich auf allen vieren hinter eine lange Gardine und war unsichtbar.
Herr Klausroth folgte ihm.
»_La mesa_ der Tisch«, wiederholte er mit wachsendem Zynismus.
Er rieb sich die Hände: »Ich darf ihn nicht hauen, ich haue ihn nicht! _La mesa_ der Tisch.«
Nun erfolgte gar keine Antwort.
Herr Klausroth fuhr fort, sich die Hände zu reiben, und lachte laut; er schien ungemein aufgeräumt zu sein.
Alberto steckte den Kopf zur Gardine heraus und rief: »_Tschisch, tschisch, tschisch!_«
In dem Augenblick aber ging die Tür auf, und der Papa stand auf der Schwelle, eine Gerte in der Hand.
Er hatte geahnt, was vorging.
Schnurstracks verfügte er sich zur Gardine, und was jetzt geschah, sahen weder Herr Dr. Bürstenfeger noch Carlos und Nicolás.
Bestürzt packte er sie bei den Händen und verließ mit ihnen das Haus.
In ihrem Zimmer aber saß Albertos Mama und weinte, weil ihr Sohn Prügel bekommen sollte.
Sie war eine geborene Rodriguez, und auch sie haßte die deutsche Sprache ...
Herr Dr. Bürstenfeger ging, Carlos und Nicolás an der Hand, die schöne breite Straße entlang mit beschleunigten Schritten, weil die Erregung noch mächtig in ihm war.
Sie kamen an der herrlichen Villa der Familie Ilinares vorbei.
Aus dem Gartenportale fuhr eine elegante Equipage heraus, in der das achtjährige Töchterchen Julietta mit ihrer Gouvernante saß.
Man grüßte. Carlos sagte zu Herrn Dr. Bürstenfeger: »Das hübsche Mädchen ist meine Braut.«
Herr Dr. Bürstenfeger zwang sich zu einem Lächeln: »Du kannst noch keine Braut haben, Karl.«
»Warum nicht?«
»Weil du noch zu jung bist«, dabei drückte er kaum merklich seine Hand.
»Bah!« antwortete Carlos, »Alfredo Lopez, mein Freund, ist ein Jahr jünger als ich, und hat acht Bräute.«
Herr Dr. Bürstenfeger antwortete nichts, runzelte aber stark die Stirn.
In die schöne, breite Straße, auf der sie gingen, mündete eine andere, die stark vernachlässigt war.
Es war kein Trottoir und kein Pflaster da, außerdem versank man ein wenig in den Kot.
Irgendwo lag ein totes Pferd mit aufgedunsenem Bauch.
Aasgeruch wehte herüber.
»Brr!« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, ließ Carlos' Hand los und hielt sich die Nase zu.
»Das ist noch gar nichts!« rief Carlos und bückte sich nach einem Ziegelstein. »Passen Sie auf, jetzt werfe ich, das Pferd platzt und dann stinkt es ganz fürchterlich!«
»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger, ließ seine Nase los, packte Carlos' Hand wieder und floh mit ihnen aus dem Bereich des Kadavers.
Es waltete aber ein Unstern über dem heutigen Tage. Zu Hause angekommen, sagte Carlos zu seinem Bruder: »Wir haben noch Zeit; jetzt führen wir unser Turnier auf!«
In einer halben Stunde hatten sie aus Brettern zwei Schilde gezimmert; aus Zeitungspapier machten sie primitive Helme, in die sie Hahnenfedern spießten.
Zwei lange Stecken, an deren Spitzen ein Wedel war, womit man an den Decken der Zimmer nach Spinngeweben suchte, verwandelten sie in Lanzen.
Die Wedel aber wurden zum Kopfschmuck ihrer Ponys verwandt, denen sie auch noch die Stalldecken umgelegt hatten.
Ihrem vierjährigen Schwesterchen, die sie »die Dicke« nannten, weil sie kugelrund war, drückten sie eine Kindertrompete in die Hand. Sie war der Herold und mußte zum Kampfe blasen.
Carlos und Nicolás stiegen auf ihre Pferde; sie waren anzuschauen wie zwei prächtige Ritter. Die Backen des Schwesterchens blähten sich, Carlos und Nicolás stürmten aufeinander los, über die Beete.
Wie sie ganz nahe beieinander waren, scheuten die Pferde und machten einen Sprung auf die Seite, so daß sie unverrichteter Sache ein Stück weitertraben mußten.
Wieder stellten sie sich auf, wieder wollten sie aufeinander eindringen.
Schon kündigte die Schwester den Kampf an, als mit fliegenden Schößen eine Gestalt daherkam: »Wehe euch, Karl und Nikolaus, haltet ein!«
»Halt ein!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und war mit einigen Sprüngen am Zügel von Carlos' Pferd.
»Die Dicke« floh erschrocken mit der Kindertrompete.
Carlos ließ die Lanze sinken.
»Herunter!« schrie Herr Dr. Bürstenfeger und machte mit beiden Zeigefingern eine gebieterische Bewegung nach der Erde.
Die Knaben stiegen ab, und ohne Schild und Lanze -- Carlos hatte auch noch seine Hahnenfeder verloren -- folgten sie dem Lehrer in der Richtung des Hauses.
Friedlich grasten die Ponys nebeneinander, während die Wedel auf ihren Köpfen leise zitterten.
Wetternd tauchte von der einen Seite der Gärtner auf und höhnend von der anderen José, der Knecht ...
Von nun an war Herr Dr. Bürstenfeger ungemein scharf in seinen Maßregeln.
Wenn die Knaben ausritten, ging er neben ihnen zu Fuß auf dem Trottoir.
Die Reise nach Mendoza
Das war eine schwere Zeit gewesen, viele Wochen hatte die Mama sehr krank im Bette gelegen. Seit gestern erst durfte sie wieder ein wenig im Garten spazierengehen, und heute hatte der Arzt bestimmt, daß sie in die Kordilleren hinauf sollte, dort würde sie sich vollständig erholen.
Carlos und Nicolás mußten mit Herrn Dr. Bürstenfeger vorausreisen. Er hatte im Auftrage der Eltern einiges mit Don Pablo Romero zu besprechen, der sich in dieser Zeit in Mendoza aufhielt, ihnen aber sein Landgut oben am Fuße der Berge beinahe ganz zur Verfügung gestellt hatte. Die wichtigen Teile in dieser Angelegenheit wurden Herrn Dr. Bürstenfeger so oft und so nachdrücklich auseinandergesetzt, daß er anfing, sich etwas beleidigt zu fühlen. Man hatte ihn nämlich im Verdacht, ein wenig unpraktisch zu sein.
Viel Mühe hatte er nun, Carlos und Nicolás zu beruhigen, die die Abreise mit brennender Ungeduld erwarteten; wo sie auch waren, in der Schule, auf den Spaziergängen, bei Tische, weilten ihre Gedanken in den fernen Bergen, die sie zum erstenmal in ihrem Leben besuchen sollten, bei Maultieren, Pumas und Kondors.
Herr Dr. Bürstenfeger aber, der sich ein Bild von Land und Leuten machen wollte, kaufte sich eine Karte und spanische und deutsche Bücher; die spanischen las er mit Hilfe eines dickbauchigen Lexikons, das er aus Europa mitgebracht hatte. Die Karte breitete er auf dem Tisch aus und spießte Stecknadeln auf Flüsse und Berge, Städte und Dörfer, die ihn interessierten.
Carlos brannte vor Neugier, zu wissen, was das zu bedeuten habe, wagte aber nicht zu fragen, weil die Erläuterungen des Hauslehrers immer fürchterlich lang waren ...
Zehn Tage später saßen die drei im Herrenschlafwagen der Pazifikbahn. Bald hatten sie Buenos Aires mit seinen Lichtern, Schornsteinen, Vororten und Anlagen hinter sich, und es umfing sie die weite Pampa.
Carlos und Nicolás hatten schon lange keine Eisenbahnfahrt mehr gemacht, nach dem Landgut reisten sie immer zu Schiff. In einem Schlafwagen aber waren sie noch nie gefahren.
Alles um sie her war neu und entzückte sie. Sie kletterten auf die Betten und tasteten nach der Decke hinauf, die sie nicht erreichen konnten, sie berochen die Wand, den Lederriemen an der Fensterscheibe, sogar die Reisetasche eines fremden Herrn, bis Herr Dr. Bürstenfeger, der mit dem Gepäck beschäftigt war, es sah und einschritt.
Nach zehn Uhr ermahnte er sie, sich zum Schlafen niederzulegen.
Das war eine neue Freude für die Knaben.
Der Hauslehrer war schon eingeschlafen, als sie sich das Versprechen abnahmen, einander zu wecken, wenn einer von ihnen auch einschlafen sollte, was doch zu schade wäre. Und so sahen sie, auf ihren Arm gestützt, zum Fenster hinaus, und als ihnen das zu langweilig wurde, starrten sie zur Decke empor, wo über ihnen leise die Lampe zitterte. Ganz hinten im Wagen schnarchte jemand von Zeit zu Zeit. Jedesmal ließ dann ein anderer in seiner Nähe ein Wimmern oder ein Seufzen hören. Herr Dr. Bürstenfeger aber lag auf dem Rücken, die Hände über der Brust gefaltet, und gab keinen Laut von sich.
Endlich schliefen auch Carlos und Nicolás ein. Als sie erwachten, ging gerade die Sonne auf, und zu beiden Seiten des Geleises lag ein Feld von Gerippen, Knochen von Pferden und Rindern, die der letzte große Frost getötet hatte. In der Ferne galoppierte ein Reiter. Dann verschwanden Reiter und Gerippe, der Zug fuhr an einer Lagune vorbei, groß wie ein See, bevölkert mit Reihern und Störchen, Kibitzen und Enten. Weit entfernt stand ein Ombú, am Horizont eine große Baumgruppe, irgendein Landsitz. Und beide bewegten sich in ihrer Richtung.
Herden von Straußen weideten nahe am Geleise, weiter hinten verbreitete sich als großer, hellgrauer Fleck eine Schafherde.
Dann erschienen Rinder und Pferde. Sie trabten manchmal bis dicht ans Geleise heran und flohen wieder zurück, die Rinder mit erhobenen Schweifen, die Pferde mit steilen Mähnen.
Der Zug hielt an einer kleinen Pampastation. Eine Dame stieg in den vorderen Wagen, eine Provinzlerin in bunten Farben, sie hatte sich für die Reise aufgeputzt. Eine fette alte Indianerin in einem geblümten Kattunkleid bot Fleischpasteten feil, verkaufte aber nichts, weil die Passagiere noch schliefen.
Neben der Station stand ein Tilbury mit zwei abgetriebenen Gäulen. Sie schlugen mit den kotigen Schwänzen nach den ersten Fliegen, die ihnen der heiße Sommertag brachte. In einiger Entfernung sauste die Post heran, in eine Staubwolke gehüllt. Zwölf Pferde waren davorgespannt.
Der Zug fuhr weiter.
Man stand auf und trank den Kaffee im Restaurationswagen. Als Carlos und Nicolás zurückkehrten, hatte sich der Schlafwagen zu ihrem nicht geringen Erstaunen vollständig verändert, an der Stelle der Betten standen Stühle.
Bis zum Abend ringsum das gleiche Bild: Rinder, Pferde, Schafe, Strauße und die weite Pampa.
Aber Carlos und Nicolás langweilten sich nicht. Sie verstanden, sich die Zeit auf ihre Weise zu vertreiben. Sie zählten z. B. die gescheckten Rinder, die gescheckten Pferde und schwarzen Schafe, die sie sahen, und wer mehr gezählt hatte, hatte gewonnen.
Oder sie führten seltsame Gespräche miteinander. Carlos fragte tiefsinnig: »Was möchtest du lieber sein, wenn man dich wählen ließe, der Mann, der dort in der Ferne reitet, oder dieser Herr im Staubmantel auf dem Perron?« Und Nicolás antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: »Lieber dieser Herr, denn er ist kein Gaucho und braucht niemandem zu dienen.«
Carlos entgegnete: »Aber der Gaucho kann reiten, so viel er will, vom Morgen bis zum Abend.«
Darauf wußte Nicolás nichts zu erwidern.
Dann gaben sie diesem Frage- und Antwortspiel eine scherzhafte Wendung. Carlos fragte: »Was möchtest du lieber sein, der Stuhl, auf dem du sitzest, oder der Stuhl, auf dem ich sitze?«
Da griff gewöhnlich Herr Dr. Bürstenfeger in diese Unterhaltung ein, weil er sie zu albern fand, und schlug etwas Nützlicheres vor. Er holte einen Band Fabeln oder ein Märchenbuch aus seiner Reisetasche und las den Knaben vor.
Damit waren sie auch einverstanden, und mit pochenden Herzen und roten Gesichtern hörten sie zu, und ihre Blicke hingen an seinen Lippen.
Bei besonders aufregenden Stellen, wie z. B. da, wo die böse Hexe sagt: Heda, Gretel, sei flink und trag Wasser, Hänsel mag fett oder mager sein, morgen will ich ihn schlachten und kochen, fuhr Carlos von seinem Stuhl auf und zuckte mit der Nase.
Herr Dr. Bürstenfeger klappte das Buch über seinen Zeigefinger zusammen und sagte mißbilligend: »Verhalte dich still, Karl, und mache keine Grimassen!« Und um zu zeigen, wie häßlich das aussähe, fuhr er selbst von seinem Stuhl auf und zuckte ein paarmal mit der Nase, hielt sich aber dabei den Kneifer fest, damit er nicht herunterfalle. Dann las er in seiner Geschichte weiter ...
Gegen Abend wurde verkündet, daß man in einer Stunde die ersten Ausläufer der Kordilleren sehen würde.
Sofort knieten Carlos und Nicolás ans Fenster und ihr Blick war unverwandt nach dem Horizont gerichtet; sie rührten sich nicht von der Stelle, bis die Berge auftauchten, aber da waren sie enttäuscht, denn sie hatten sie sich viel, viel höher vorgestellt ...
Am nächsten Morgen um sechs Uhr kamen sie in Mendoza an.
Die Stadt Mendoza
Herr Dr. Bürstenfeger trat, Carlos und Nicolás an der Hand, aus seinem Zimmer im Hotel, hinaus auf den ersten Hof. Ein Orangenbaum stand dort, an dem drei große Knochen hingen.
»Was sind das für Knochen?« wandte sich Herr Dr. Bürstenfeger an einen Kellner.
»Menschenknochen, eine Erinnerung an das große Erdbeben vor dreißig Jahren.«
»Barbarisch!« dachte der Hauslehrer, blieb eine Weile in Gedanken versunken vor dem Baum stehen, und dann erinnerte er sich plötzlich, daß er den Eltern einen Brief zu schreiben habe.
Er überließ Carlos und Nicolás eine kleine Viertelstunde sich selbst und ging zurück in sein Zimmer.
Er schrieb, daß sie heute gesund angekommen seien, Karl und Nikolaus seien ganz artig, er werde ein wenig Toilette machen und sich mit ihnen zu Don Pablo Romero begeben und dann auch der Familie Igarzabal Grüße bringen, wie er es am Tage der Abreise versprochen habe.
Carlos und Nicolás gingen unterdessen nach dem zweiten Hof und sahen dort einen kleinen barfüßigen Indianer, der Ball spielte. Carlos fragte, ob sie mitspielen dürften, er sagte ja, und sie waren drei Parteien.
Das erste Mal gewann der Indianer, das zweite Mal Nicolás, das dritte Mal wieder der Indianer.
Darauf kauerten die drei sich an die Wand hin.
Carlos fragte den Indianer, wie er heiße.
»Julio!« antwortete er. »Ich bin von Julio Roca bei seinem letzten Ausfall im Azul erbeutet worden.«
»Also bist du ein wilder Indianer?« fragte Carlos nicht ohne Respekt.
»Ich bin Indio Pampa!« sagte Julio mit Würde, »mein Vater wurde getötet, meine Mutter ist in Stellung in Entre-Rios.«
»Siehst du oft deine Mutter?« fragte Carlos.
»Ich habe sie seit dem Tage, an dem ich gefangen wurde, nicht mehr gesehen.«
»Warst du sehr traurig, als dein Vater getötet wurde?« fragte Nicolás.
Julio grinste.
Herr Dr. Bürstenfeger trat auf. Er nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie gingen zu Don Pablo Romero.
Der Hauslehrer wußte, daß alle Häuser in Mendoza, die bekleideten und die unbekleideten, aus Lehm waren, seit dem letzten fürchterlichen Erdbeben.
Aber man begann bereits das Unglück zu vergessen, und von Zeit zu Zeit wagte sich wieder ein Ziegelsteinbau empor.
Es war heute ein trüber Tag, in der Luft lag ein seltsamer Geruch, den Herr Dr. Bürstenfeger sich nicht zu deuten wußte.
Es war der Geruch von Kräutern auf den nahen kahlen Bergen, womit die Ziegenhirten ihr Feuer anzündeten.
Den Knaben schien es, als ob die Menschen auf den ziemlich leeren Straßen unheimlich langsam gingen und als ob auch die Wagen und Karren unheimlich langsam fuhren.
Vor dem Hause Don Pablo Romeros wartete ein Kabriolett.
Herr Dr. Bürstenfeger klopfte mit dem bronzenen Klopfer an die Tür.
Eine alte, schmutzige Mulattin, gefolgt von einer Meute von Hunden, öffnete.
Mitten im Hof stand ein verkrüppelter Orangenbaum, überall lungerten Dienstboten herum. Im Hintergrund lehnte ein Bursche an einer Mauer und spielte auf einer Mundharmonika.
Ein großer zottiger Hund lag auf der Erde und wälzte sich nach den Sonnenstrahlen, die die Wolken durchbrachen, erschauerte aber, als zugleich ein feiner Sprühregen ihn bespritzte.
Die Mulattin führte die Gäste ohne weiteres in den Salon. Auf den Möbeln waren die Bezüge, auf dem unebenen Fließboden lagen Zigarettenstummel. Es roch nach Weihrauch.
Die Mulattin forderte sie auf, zu Don Pablo Romero einzutreten.
Der lag in seinem Zimmer, das von Zigarettenqualm erfüllt war, im Bett. Seine Füße schauten unter einer wollenen Decke hervor. Sie ruhten auf einem schwarzen, vollständig unbehaarten, mit Warzen bedeckten Hunde.
Der Hauslehrer erfuhr später, daß man solche Hunde dort als Bettwärmer gebrauchte.
Auf dem Nachttisch schwammen in einer braunen Brühe unzählige Zigarettenstummel.
Während sich Herr Dr. Bürstenfeger mit dem Hausherrn unterhielt, machten die Knaben ihre Beobachtungen; sie sahen, daß Don Pablo Romero kein Nachthemd trug, sondern ein Taghemd, sie sahen, daß aus der einen Warze des Hundes ein langes Haar wuchs. Sie beobachteten Herrn Dr. Bürstenfeger, wie er die Hände bewegte, während er sprach, denn weil er sich nur schwer auf spanisch verständlich machen konnte, mußte er stark durch Gestikulationen nachhelfen, und sie sahen, wie er bei seinen Erläuterungen Kreise zog, Dreiecke beschrieb, wie er die Hände auseinanderbreitete und sie beseligt wieder zusammenlegte, weil er das Wort gefunden hatte.
Don Pablo Romero sagte endlich, sein Kabriolett warte draußen, er habe beabsichtigt, heute hinauf nach seinem Gute zu fahren, aber es werde wohl nichts daraus werden.
Er lud den Hauslehrer und die Knaben ein, mit ihm eine Fahrt in die Umgebungen der Stadt zu machen, etwa in einer Stunde, wenn es ihnen recht sei.
Sie waren damit einverstanden, verabschiedeten sich und gingen ein paar Straßen weiter zur Familie Igarzabal. Herr Dr. Bürstenfeger klopfte. Nach einer langen Pause, in der sich nichts rührte, stellte sich Carlos auf eine Fußspitze, streckte den Arm aus und wollte noch einmal klopfen, aber Herr Dr. Bürstenfeger zog streng seinen Arm zurück. Schließlich mußte er sich selbst dazu entschließen. Jetzt hörte man eine Stimme, von der man nicht wußte, ob sie aus dem Munde einer Frau oder eines Mannes kam. »Pancha, man hat geklopft!«
Und dann nach einer Weile aus dem Hintergrund links eine andere Stimme, und diesmal war es bestimmt die einer Frau: »Es hat geklopft, Pancha!«
Darauf näherten sich träge Schritte, und eine Magd mit einem Kropf öffnete.
Herr Dr. Bürstenfeger machte ein schmerzliches Gesicht. Sie führte sie geradewegs in den Salon.
Dort waren elf Frauen versammelt und unter ihnen ein kleiner fetter Herr mit einem blassen weichen Gesicht und einer hängenden Unterlippe.
Es war die Familie Igarzabal. Wie Herr Dr. Bürstenfeger und Carlos und Nicolás wußten, lauter Geschwister. Zwei hatten eine Häkelarbeit in der Hand. Zu ihrem großen Erstaunen sahen die Knaben, daß auch der Herr häkelte.
Don José Igarzabal erhob sich und sprach; und es war jene Stimme, von der man nicht wußte, ob sie einer Frau oder einem Mann angehörte.
Sie blieben nicht lange dort.
Um die Stunde auszufüllen, nach deren Ablauf sie bei Don Pablo Romero sein sollten, gingen sie ein wenig auf den Straßen spazieren.
Die Sonne hatte sich hinter den Wolken verkrochen, es regnete nicht mehr.
Alle drei waren ziemlich wortkarg, es erfüllte sie eine unbestimmte Traurigkeit. Besonders der Hauslehrer war sehr niedergeschlagen ...
Die Magd Don Pablo Romeros bat sie, sofort ins Schlafzimmer zu gehen.
Sie klopfte, es blieb still; da hatte Carlos, bevor Herr Dr. Bürstenfeger ihn daran hindern konnte, geöffnet.
Eingehüllt in Zigarettenqualm, schlief der Hausherr, der Hund knurrte. Der Lehrer nahm Carlos und Nicolás bei der Hand, und sie verließen das Haus.
Sie kehrten ins Hotel zurück, Herr Dr. Bürstenfeger zuerst ungemein gekränkt über Don Pablo Romeros Empfang, dann aber gequält von einem Gefühl wachsender Traurigkeit.
Wieder schien die Sonne durch die Wolken, wieder rieselte ein feiner Regen herab.
Über ihnen spielte jemand immer wieder eine Tonleiter ...
Plötzlich trat der Hauslehrer auf eine tote Ratte, machte einen Sprung und wischte sich dann den Schweiß von der Stirne ab.
Sie gingen weiter. Da sah Herr Dr. Bürstenfeger ein Plakat, das er in Breslau bei seiner Abreise noch gesehen hatte. Seine Züge erhellten sich, aber bald umfing ihn wieder Traurigkeit.
Im Hotel bat er die Knaben, in den Hof zu gehen und Ball zu spielen, er wollte sich ein wenig ausruhen.
Kaum war er in seinem Zimmer, als Carlos auf einen Berg zeigte und Nicolás den Vorschlag machte, hinaufzusteigen, in einer Viertelstunde würden sie wieder zurück sein.
Sie gingen und gingen, länger als eine Stunde, weit zur Stadt hinaus, an Weinbergen vorbei, die von niedrigen Lehmmauern umschlossen waren, aber der Berg entfernte sich immer mehr von ihnen.
Da fragte Carlos einen Mann, der einen Kropf hatte, wie weit es wohl bis dahin sei.
Der Mann antwortete, nachdem er eine Weile nachgedacht hatte: »Etwa drei bis vier Stunden.«