Carlos und Nicolás

Part 10

Chapter 103,659 wordsPublic domain

Jetzt ertönte die Glocke zum Abendessen. Herr Dr. Bürstenfeger erschien auf Deck, trat mit den Knaben an die Reling und zeigte nach dem sich entfernenden Festlande: »Karl und Nikolaus, seht noch einmal hin nach der letzten Küste eures Heimatkontinentes; es werden viele Jahre vergehen, bis ihr es wieder erblickt!«

Nach der Alten Welt

Fräulein von Pfnühl hatte zwei Tage seekrank in ihrer Kabine gelegen, am dritten erschien sie wieder.

Beim Lunch bemerkten Carlos und Nicolás, daß sie sehr oft zu ihnen hinüberschaute und Herr Dr. Bürstenfeger dann krampfhaft auf seinen Teller blickte.

Nachher hatte sich Carlos zu den Affen begeben.

Auf Deck war Fräulein von Pfnühl eifrig bemüht, ihren Reisestuhl von einer Stelle zur anderen zu rücken. Dabei warf sie hilflose Blicke auf Herrn Dr. Bürstenfeger, der zufällig mit Nicolás in der Nähe stand.

Nicolás sprang hinzu, um ihr behilflich zu sein.

»Laß das,« zischte sie ihn an, »hast du denn nie Schularbeiten zu machen, du Dummbart?!«

Erschreckt wich Nicolás zurück.

Gleich kam Herr Dr. Bürstenfeger nach. Er brachte den Stuhl nach der Stelle, die sie wünschte, und ordnete ihre Kissen.

Sie dankte; er wollte sich mit einer Verbeugung zurückziehen. Aber sie redete ihn an:

»Ach, Herr Doktor, gehen Sie noch nicht, es freut mich so, Sie wiederzusehen; nehmen Sie doch einen Augenblick Platz!« Dabei ließ sie sich auf ihren Stuhl nieder und zeigte auf einen Rohrsessel neben sich.

Herr Dr. Bürstenfeger murmelte: »Sehr angenehm« und setzte sich am Rande des Rohrsessels.

»Nun,« meinte sie, »wie finden Sie unsere Mitreisenden?! -- Ach, Herr Doktor,« sie schlug die Augen, die sie einige Sekunden gesenkt hatte, zu ihm auf, »ich lese in Ihrer Seele -- wie können Sie an dieser zusammengewürfelten, zum Teil fragwürdigen Gesellschaft Gefallen finden -- gerade Sie, Herr Doktor!« Sie stieß einen Seufzer aus, schloß die Augen und sah ihn dann gleich wieder an.

»Und überhaupt, wo findet man die Menschen, die einem ganz zusagen, mit denen man eins sein möchte in seinem tiefsten Innern?! ... Was folgt dem einsamen Heischen hochgestellter Seelen nach Wahlverwandtschaft?« Wieder seufzte sie und schloß die Augen: »Ach nur Resignation!«

In diesem Augenblick war nicht weit von ihnen ein seltsam langgezogenes Gewinsel hörbar, dem gleich darauf ein markdurchdringendes erbostes Schreien und Quieken folgte.

Gleich nachher tauchte Carlos auf, beide Affen, die sich grimmig balgten, an ihren Schnüren hinter sich herzerrend.

»Karl, was hast du wieder mit dem süßen Tierchen getan!« schrie Fräulein von Pfnühl, indem sie sich aufrichtete.

Carlos wandte sich weinerlich an Herrn Dr. Bürstenfeger: »Ich brachte sie auf meinen Schultern vom Zwischendeck hierher, sie haben das Zanken bekommen und sich einander verwickelt, und als ich sie auf die Erde setzte, bekamen sie noch mehr das Zanken!«

Der Lehrer winkte dem Decksteward, und nicht ohne Mühe gelang es, die Affen wieder auseinander zu bringen.

Worauf Carlos und Nicolás, von Herrn Dr. Bürstenfeger begleitet, sie in ihre Kiste zurückbrachten.

»Karl und Nikolaus,« sagte Herr Dr. Bürstenfeger, »ich gehe jetzt einstweilen in meine Kabine, doch bitte ich euch ernstlich, treibt keinen Unsinn!«

»Zu der verrückten Dame gehe ich nicht mehr!« sagte Nicolás.

»Nikolaus, was sind das für Ausdrücke!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger.

»Sie hat mir ein Schimpfwort gesagt!«

»Ein Schimpfwort, wieso?!«

»Sie hat mich einen Dummbart genannt!«

»Das ist kein Schimpfwort!« Herr Dr. Bürstenfeger unterdrückte ein Lächeln. »Aber wahrscheinlich hast du es auch verdient!«

»Ich habe es nicht verdient, ich habe ihr nur mit ihrem Stuhle helfen wollen!« antwortete Nicolás.

»Schon gut«, meinte nach einer kleinen Weile Herr Dr. Bürstenfeger. »Man darf einer alten Dame nicht gleich alles übelnehmen, sie wird es nicht so böse gemeint haben!«

Darauf ging er.

Nun erzählte Nicolás seinem Bruder, was ihm geschehen war.

»Mich hat sie vorhin auch angeschnauzt!« sagte Carlos.

Um sich zu rächen, beschlossen die Knaben die verrückte Dame auch nur Miß Von zu nennen.

Sie kehrten nach Deck zurück und begegneten dort dem fröhlichen Priester, der trotz der großen Hitze wieder seinen Spaziergang machte.

Sie schlossen sich ihm an, er erzählte ihnen Geschichten, die sie sehr lustig fanden, aber zugleich auch im höchsten Grade lügenhaft.

Als ihm nichts mehr einfiel, verließen sie ihn und setzten sich auf eine Bank.

Lange saßen sie schweigend da und baumelten mit den Beinen.

Carlos sagte schließlich: »Wie langweilig ist eine Seereise ... man sieht nichts ... nie ein brennendes Schiff und auch niemals einen Walfisch!«

»Es ist langweilig, aber bald sind wir im schönen Europa«, tröstete ihn Nicolás.

Darauf beschlossen sie wieder nach Zwischendeck zu ihren Affen zu gehen.

Unterwegs blieben sie vor einem Windleiter stehen, der nach dem großen gemeinsamen Schlafraum der Emigranten führte.

Carlos steckte den Kopf in die Öffnung, zog ihn aber rasch zurück und machte »brr!«

Sofort steckte nun Nicolás den Kopf hinein, schnellte aber auch gleich zurück.

»Das stinkt!« sagten beide.

Sie wollten schon weitergehen, als Nicolás vorschlug: »Wenn du mir zwanzig Centavos gibst, rieche ich zwanzig Sekunden hinein!«

»Gut, wetten wir«, antwortete Carlos und zog die Uhr.

Nicolás' Kopf verschwand in der Öffnung.

»Zwanzig!« rief Carlos, als die Zeit um war.

Nicolás aber, um seine Willenskraft zu zeigen, beschloß es zwanzig Sekunden länger auszuhalten. Hochrot tauchte dann sein Kopf aus der Öffnung.

Er schüttelte sich, spuckte aus und schneuzte sich.

»War das ein Gestank!« rief er aus. »Jetzt gib mir die zwanzig Centavos!«

»Die Wette gilt nicht, du hast bis vierzig gerochen und nicht bis zwanzig!« antwortete Carlos.

Nicolás sah seinen Bruder an, er traute seinen Ohren nicht.

»Ich bezahle nichts!« sagte Carlos.

»Meinst du, daß ich umsonst den schrecklichen Gestank ausgehalten habe?!« rief Nicolás zornig.

»Es galt nur bis zwanzig; ich zahle nichts!« beharrte Carlos.

»Du bist betrügerisch und gemein!« rief Nicolás und wollte auf ihn eindringen. Schon wurden sie handgemein; da erschien Herr Dr. Bürstenfeger.

»Was ist hier los, Karl und Nikolaus?!« fragte er streng.

Nicolás erzählte ihm aufgeregt den Fall.

Herr Dr. Bürstenfeger runzelte die Stirn, sann eine Weile und antwortete sehr ernst: »Dein Vorschlag, Nikolaus, der reinen Geldgier entsprungen, zeugte von wenig Geschmack, Stolz und persönlicher Würde. Die Ausführung war außerdem im höchsten Grade gesundheitsschädlich. -- Nicht weniger geschmacklos, Karl, war dein Eingehen in diesen unappetitlichen Kontrakt. Dein weiteres Betragen Nikolaus gegenüber sehr mutwillig und durchaus nicht brüderlich. Jetzt kommt mit, und macht Schularbeiten, die viele Freiheit, die ich euch der Hitze wegen gegeben habe, scheint euch nicht gut zu bekommen!«

Damit erfaßte er sie bei den Händen. Sie folgten ihm aufs höchste verdutzt.

Bald folgte ein Tag von unerträglicher Hitze, denn man hatte vollständige Windstille. Totenstill und bleifarben lag das Meer. Dunstschleier verbargen die Sonne; von Zeit zu Zeit gingen Regenschauer nieder. Dann aber wurde die Temperatur noch drückender.

Im Maschinenraum arbeiteten halbnackt die Heizer, Herr Dr. Bürstenfeger lag reglos unter dem aufgespannten Zeltdach auf Deck: unter der Dusche im Badezimmer aber stand der fröhliche Priester und dachte: Reiste ich jetzt nicht nach Rom, um den Heiligen Vater zu sehen, ich wollte, eine Seereise sollte immer dauern. --

Manche Passagiere verbrachten die Nacht auf Deck. Carlos und Nicolás lagen in ihren Betten und wälzten sich hin und her.

Kurz nach Mitternacht -- Herr Dr. Bürstenfeger war eben in einen unruhigen Schlaf verfallen -- wurde er plötzlich durch laute Schreie geweckt.

Er richtete sich jäh auf und noch unsicher, ob er geträumt habe, saß er reglos aufrecht mit stark klopfendem Herzen und horchte gespannt.

»Hilfe, Hilfe, ich sterbe!« kreischte durchdringend eine weibliche Stimme.

»Mein Gott, mein Gott, ... was für ein Unglück ist da wieder geschehen!« Herr Dr. Bürstenfeger rang nach Atem; dann war er mit einem Satz aus dem Bett.

»Hilfe, Hilfe!« gellte es wieder.

Wie von Sinnen drehte sich Herr Dr. Bürstenfeger im Kreise herum; er suchte etwas: seine Hosen. Jetzt hatte er sie; im Nu war er drin.

Er stürzte in den Gang; draußen standen schon Leute.

Von neuem ertönten durchdringende Schreie.

»Schwarzer Pfaffe, Schiffsuntergang!« rief der Herr mit der fahlen Glatze.

Man eilte in der Richtung, woher die Schreie kamen, allen voran Bepino der Nachtsteward.

Er riß die Tür einer Kabine auf.

Mit einem Satz stand Herr Dr. Bürstenfeger neben ihm. Aber er prallte zurück.

In ihrem Bett lag Fräulein von Pfnühl, und ein fliegender Fisch schnellte über ihr auf und nieder.

Auch die übrigen Passagiere wichen zurück.

Gleich erschien Bepino aus der Kabine, den Fisch, der heftig zappelte, in den Händen.

»Durch die offene Luke hat er sich ins Bett der Dame verirrt!« rief er vor Lachen platzend.

Es erfolgt ein allgemeines Gelächter.

Hinten vor ihrer Kabinentüre standen Carlos und Nicolás in ihren Nachthemden und lachten auch aus vollem Halse.

»Nicht wahr, Herr Dr. Bürstenfeger, jetzt hat Miß Von auch das Gruseln gelernt!« rief Carlos aus.

»Ihr müßt auch bei allem dabei sein; geht schlafen!« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger und schob sie in die Kabine hinein.

* * * * *

Am nächsten Morgen gingen Carlos und Nicolás nach Zwischendeck, um ihre Affen zu füttern. Gerade erhielten auch die Emigranten ihre erste Ration.

Irgendwo kauerte ein altes verrunzeltes Mütterchen auf der Erde, den Rücken gegen eine Kiste gelehnt; sie war bisher noch nie auf Deck erschienen.

So ein uraltes Mütterchen glaubten Carlos und Nicolás noch nie in ihrem Leben gesehen zu haben. Ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet; die Augen, die nie zuckten, schienen seltsam ins Weite zu blicken.

Ein Bursche, der eine Baskenmütze trug, kniete mit einem Blechteller vor ihr und flößte ihr Suppe ein. Daneben stand eine Frau mit einem zerrissenen Schal gegen einen schwarzbärtigen Mann gelehnt, der leise und scheinbar zerstreut auf einer Ziehharmonika spielte, während sie an einem großen Stück Brot kauend sehr ernst auf die Alte herabblickte.

Carlos und Nicolás erfuhren gleich darauf, daß die vier eine Familie waren und die Alte beinahe hundert Jahre alt und blind.

* * * * *

Als Carlos und Nicolás zum Promenadendeck zurückkehrten, spazierte die schöne Dame mit den Purpurlippen, in Gesellschaft eines brasilianischen Herrn, der im Gespräch lebhaft mit den Händen gestikulierte. Von seinen Fingern, die voller Ringe waren, ging ein Blitzen und Funkeln aus.

Gerade als die Knaben an ihnen vorbeikamen, glitt ihr ein mit Perlen besetzter Kamm aus den Haaren und fiel auf den Boden.

Die Knaben bückten sich rasch danach, Nicolás hatte ihn erfaßt, lief der Dame nach und überreichte ihn ihr.

»Ich danke dir, mein lieber Junge«, sagte die schöne Dame, streichelte ihn mit der Hand über den Kopf und gab ihm einen Kuß. »Ihr liebenswürdigen Kavaliere, ich muß euch doch endlich mal die längst versprochenen Bonbons geben, kommt mit!«

»Gleich bin ich wieder da«, nickte sie dem Herrn zu und lief lachend die Treppe hinunter. Carlos und Nicolás hinter ihr drein, in ihre Kabine.

»Das ist ja hier wie in einem Kleiderschrank«, rief Carlos aus, denn ringsherum hingen Kleider, Spitzenblusen und seidene Röcke. Die Gardinen waren vollgesteckt mit Schleiern, Krawatten und Bändern. Handtaschen und Hutschachteln, Stiefel und Schuhe waren unter die Betten gezwängt.

»Und wie es wunderschön riecht!« rief nochmals Carlos.

»Gefällt euch das Parfüm, meine Jungens?« Sie griff nach einem kleinen silbernen Flakon, der auf dem Waschtisch stand.

»Na, gebt mir eure Taschentücher.«

Rot und verlegen sahen sich Carlos und Nicolás an.

Zögernd sagte Nicolás, indem er noch mehr errötete: »Unsere Taschentücher sind sehr schmutzig!«

»Das schadet nichts,« lachte sie, »gebt nur her; Jungens haben immer schmutzige Taschentücher!« und damit entleerte sie die Hälfte ihres Fläschchens in die Taschentücher der Knaben.

Darauf holte sie eine große Schachtel mit Pralinés aus ihrem Koffer und füllte davon Carlos' und Nicolás' Taschen.

Dann gab sie jedem einen laut schallenden Kuß:

»So, jetzt aber muß ich rasch wieder hinauf!« ...

Kurz nachher lag die schöne Dame oben auf Deck auf ihrem Reisestuhl; ihr Kopf lehnte gegen ein rotseidenes Kissen; der Herr mit den Ringen fächelte ihr Kühlung zu mit einem großen japanischen Fächer und redete leise und eindringlich auf sie ein.

Sie lächelte nach einer Weile und nickte.

Ganz in ihrer Nähe saßen Carlos und Nicolás stumm auf einer Bank und knabberten an ihren Bonbons.

»Du,« sagte Carlos, »hier habe ich einen mit Likör!«

Ganz weit hinten stand Herr Dr. Bürstenfeger vor einer schwarzen Tafel und konstatierte freudig: »Drei Meilen mehr als gestern!«

Gegen Abend waren die Knaben wieder auf Zwischendeck.

Das alte blinde Mütterchen hockte noch immer in ihrer alten Stellung, ihre zitterigen Hände hielt sie gefaltet, die Augen blickten ins Weite.

Carlos und Nicolás schritten scheu an ihr vorbei; sie gingen bis ganz vorn nach der Spitze des Schiffes.

Der Steuermann auf der Brücke drehte das Rad. Langsam wandte sich das Schiff nach Nordosten.

Die Sonne neigte sich gegen den Horizont, blutrot und strahlenlos. Jetzt berührte sie ihn. Schon war sie unter.

»Die Sonne ist tot, ertrunken!« sagte Carlos zu seinem Bruder.

In verschleiertem Blau dämmerte der Himmel weiter.

Zwei ungeheure Wolkenbänke standen gleich gigantischen Torflügeln rosenrot im Nordosten.

Und mitten auf das offene Tor zu fuhr das Schiff.

Ein junger Mann und eine junge Frau standen neben Carlos und Nicolás an der Reling. Ihre Gesichter waren verhärmt, ihre Kleider abgetragen.

Der junge Mann zeigte in der Richtung des offenen Tores.

Tränen glänzten in seinen Augen. Er sagte leise: »Sieh, ist es nicht, als führen wir endlich unserem Ziele entgegen?« --

Sie stand da, stumm und sah nach den Wolken.

Zwei italienische Emigranten sangen:

In guerra non voglio andare perquè si mangea male e si dorme in terra.

»Carlos, horch', es ist das Lied, das José immer zu Hause sang!« sagte Nicolás.

Gleich fielen andere Stimmen ein, und bald brauste es aus mehr als hundert Kehlen:

In guerra non voglio andare perquè si mangea male ...

Ein gellender Schrei unterbrach den Gesang: »Jesus, Maria, Mutter ist tot!«

Und gleich darauf erfolgte ein herzzerreißendes Weinen.

Die Frau mit dem Schal war auf die Knie gesunken, ihre Arme hielten das alte tote Mütterchen umfangen.

Und neben ihr kniete der junge Baske, und der Mann mit der Ziehharmonika und sie bekreuzten sich schluchzend.

Ein Haufen Männer und Frauen umdrängte die Gruppe. Viele Frauen waren niedergekniet, hielten die Hände vors Gesicht und jammerten laut; bald knieten alle Frauen. Das Jammern und Schreien griff um sich: der ganze große Haufe stimmte laut mit ein in die Totenklage.

Bleich und wortlos standen Carlos und Nicolás auf ihren Plätzen.

Erschreckt durch den Lärm spähte Herr Dr. Bürstenfeger vom Promenadendeck nach ihnen aus. Zugleich ertönte die Glocke zum Abendessen.

Carlos und Nicolás gingen rasch nach der ersten Klasse, die Blicke vom Haufen, der die Alte umgab, abgewandt.

Bei Tisch konnten sie keinen Bissen herunterbringen. Sie dachten an das alte Mütterchen; vor einer halben Stunde noch hatte sie lebend dagesessen mit gefalteten Händen, und nun war sie eine Tote.

Nachher hörten sie, wie der Herr mit der fahlen Glatze der Dame aus Patagonien erzählte, heute noch werde man die Leiche auf ein Brett geschnallt und in ein Segeltuch gewickelt ins Meer senken.

Carlos und Nicolás erschauerten.

Gegen zehn Uhr brachte Herr Dr. Bürstenfeger die Knaben in ihre Kabine.

Als er fort war, zündeten sie das Licht wieder an und lagen schweigend in den Betten, fortwährend an das tote Mütterchen denkend.

Endlich meinte Carlos: »Um ein Uhr wird sie ins Meer geworfen!«

»Um zwei Uhr hat man gesagt.«

»Niemand weiß es genau.«

»Wirst du heute nacht einschlafen können?« fragte eine Weile darauf Nicolás.

»Brr, ich bleibe sicher die ganze Nacht wach.«

»Wir sollten versuchen, an etwas Lustiges zu denken, vielleicht könnten wir dann doch einschlafen! -- Weißt du noch, wie alle gelacht haben, als du einmal eines Abends, als wir noch klein waren, zu Mama ins Eßzimmer gelaufen kamst und sagtest, ein Wolf sei in ihrem Zimmer, und es war doch nur Papa, der auf dem Sofa fürchterlich schnarchte!«

»Ja, Mama hatte mir an dem Tage die Geschichte von Rotkäppchen erzählt«, antwortete Carlos.

Er schwieg.

»Arme Alte«, sagte er nach einer Weile.

»Denke doch nicht immer daran!« --

»Nicolás, fährt das Schiff nicht langsamer?!« Carlos richtete sich in seinem Bett auf. »Jetzt -- ich glaube, man wirft sie ins Meer!«

Nicolás horchte gespannt; auch ihm war recht gruselig zumute.

»Nein, das Schiff fährt gleichschnell!« flüsterte er.

Es wurde elf. Der Steward trat in die Kabine und löschte die Lichter.

Carlos und Nicolás hielten es jetzt nicht länger in ihren Betten aus.

Sie standen auf, knieten auf dem Sofa und schauten durch die Luke. Draußen war stockfinstre Nacht, das Meer schwarz wie Tinte.

Sie hörten, wie die Wellen rauschten und gegen das Schiff aufschlugen. Sonst war es totenstill.

»Wie dunkel!« flüsterte Carlos. »Wenn man nur einen einzigen Stern sehen könnte!«

»Ob wohl die Fische die Alte gleich auffressen werden?« meinte er nach einer Weile.

»Sie werden sie wohl bald auffressen,« antwortete Nicolás, »aber vielleicht kommt sie auch heil bis zum Grunde!«

»Wie tief mag wohl der Meeresgrund sein?«

»Vielleicht so tief, als der Acongaqua hoch ist.«

Carlos schloß die Augen, und erschauernd suchte er sich den Grund des Meeres vorzustellen.

Sie schwiegen lange.

Wieder fuhr Carlos zusammen. Er faßte seinen Bruder beim Arm: »Hörst du nicht ... die Stricke?! Jetzt wird sie heruntergelassen!«

Sie hielten den Atem an und horchten.

Nicolás sagte: »Es waren nur die Taue der Boote, die sich bewegten.«

Nun sprachen sie nicht mehr; sie horchten angestrengt weiter.

Schließlich fielen Nicolás die Augen zu. Er ging ins Bett und war gleich eingeschlafen. Carlos blieb vor der Luke, bis der Morgen begann. Dann begab er sich auch ins Bett und verfiel sofort in einen schweren Schlaf. --

Gegen acht Uhr trat Herr Dr. Bürstenfeger in die Kabine.

Hell schien die Sonne durch die Luke.

»Heraus, ihr Langschläfer«, rief er. »Es hat schon längst zum Frühstück geläutet!«

Carlos und Nicolás richteten sich auf und rieben sich schlaftrunken die Augen.

Vom Zwischendeck ertönte Gesang und Gitarrespiel.

Die gestrigen Ereignisse traten plötzlich wieder in ihre Erinnerung.

»Da singen sie ja wieder, und heute nacht hat man doch das Mütterchen ins Wasser geworfen!« rief Carlos aufs höchste verwundert aus.

Herr Dr. Bürstenfeger antwortete lächelnd: »Bedenkt, Karl und Nikolaus, daß dies ein leichtlebiges Völklein ist, unter einem heiteren Himmel geboren. Freude und Leid wechseln schnell bei ihnen ab!«

Im Eßzimmer fragten die Knaben sofort den Obersteward, wann man in der Nacht die Leiche ins Meer gesenkt hätte. »Um zwei Uhr«, antwortete der Obersteward.

»Wir haben aber gar nichts gehört!« sagte Carlos.

»Dergleichen Sachen werden hier möglichst still abgetan«, antwortete der Obersteward.

* * * * *

Zwei Tage später passierte man die Linie. Abends war Galadiner. Der Speisesalon war mit Fähnchen und Papiergirlanden ausgeschmückt, auf den Tischen standen große Aufsätze mit Kuchen und Knallbonbons.

Die Damen hatten ihre schönsten Kleider angezogen; die Dame mit den Purpurlippen trug Brillanten im Haar und Perlen um den Hals; Herr Dr. Bürstenfeger erschien im Gehrock und weißer Krawatte, Carlos und Nicolás in ihren besten weißen Matrosenanzügen mit hellblauen seidenen Kragen.

Man war in der festlichsten Stimmung. Es wurde viel Champagner getrunken; auch Carlos und Nicolás durften mittrinken; gegen Ende der Mahlzeit herrschte die ausgelassenste Fröhlichkeit ...

Nach Tisch spazierte Herr Dr. Bürstenfeger mit den Knaben auf Deck auf und ab. Er hatte ihnen die Erlaubnis gegeben, heute bis elf Uhr aufzubleiben.

Die Sonne war vor kurzem untergegangen; schnell kam die Nacht.

Herr Dr. Bürstenfeger war sehr aufgeräumt ...

»Bis jetzt, Karl und Nikolaus,« sagte er, »können wir uns im großen und ganzen über die Seereise nicht beklagen; aber unendlich freue ich mich doch auf Deutschland; der Winter hält jetzt dort seinen Einzug, unser prächtiger deutscher Winter; ihr werdet Schlittschuhlaufen lernen und Schneemänner machen, hei, das wird ein Spaß!«

Herr Dr. Bürstenfeger wurde immer aufgeräumter. Er erzählte ihnen weiter von den Freuden des Winters und dann viele lustige Geschichten aus seiner Kindheit und Studentenzeit.

Carlos und Nicolás hörten begierig zu. So vergnügt hatten sie ihren Lehrer noch nie gesehen.

Durch die geöffneten Oberlichtfenster sahen Carlos und Nicolás ins Eßzimmer hinab. Alles war schon aufgestanden; nur Fräulein von Pfnühl saß noch auf ihrem Platze, vor sich ein Glas und eine halbgeleerte Flasche.

»Herr Dr. Bürstenfeger, sehen Sie,« sagte Carlos, »wieviel Puder sich Miß Von auf ihre Nase gepappst hat, und dabei ist sie doch noch rot!«

»Still, Karl, werde nur nicht übermütig,« antwortete Herr Dr. Bürstenfeger lächelnd, »Fräulein von Pfnühl ist und bleibt eine gute, harmlose Dame!«

Er verfügte sich mit den Knaben nach Hinterdeck, blieb dort stehen und begann etwas vor sich hinzusummen.

»Herr Dr. Bürstenfeger, singen Sie doch lauter!« baten Carlos und Nicolás.

Herr Dr. Bürstenfeger sang:

»Als die Römer frech geworden, sim serim sim sim sim sim, sogen sie nach Deutschlands Norden, sim serim sim sim sim sim, Vorne mit Trompetenschall terätätätäterä Ritt der General-Feldmarschall terätätätäterä Herr Quintilius Varus wau wau wau wau wau wau, Herr Quintilius Varus, schnäderängtäng, schnäderängtäng, schnäderäng tängderängtängtäng.«

»Was ist das für ein komisches Lied?!« unterbrachen ihn Carlos und Nicolás lachend.

»Ein wackeres deutsches Kneiplied, das ich gar oft gesungen habe in feuchtfröhlichem Zecherkreise.«

Herr Dr. Bürstenfeger sang weiter:

»In dem Teutoburger Walde, sim serim sim sim sim sim, Huh! wie pfiff der Wind so kalte, sim serim sim sim sim sim, Raben flogen durch die Luft, trä ...«

»Endlich gefunden!« ertönte emphatisch eine Stimme.

Vor Herrn Dr. Bürstenfeger stand Fräulein von Pfnühl.

»Wie eine Stecknadel habe ich Sie gesucht, Herr Doktor; ich mußte Sie sehen, Sie sprechen, Sie mich einzig verstehende, mir wahlverwandte Seele!«

Fräulein von Pfnühl machte einen Schritt näher. Ein Geruch nach Kognak, wie noch nie, schlug Herrn Dr. Bürstenfeger entgegen.

»Sie guter, edler Mann,« Fräulein von Pfnühl begann laut zu schluchzen, »lassen Sie mich an Ihrem Busen meinen Lebensschmerz ausweinen!«

Herr Dr. Bürstenfeger wich entsetzt zurück.

Sprachlos starrten Carlos und Nicolás Fräulein von Pfnühl an.

»Ich habe den Glauben an die Welt verloren«, schluchzte sie wieder laut auf.

Von neuem näherte sie sich ihm, ihr Kopf senkte sich gegen Herrn Dr. Bürstenfegers Brust.

»Karl und Nikolaus, zu Bett, zu Bett, es ist die höchste Zeit!« Herr Dr. Bürstenfeger ergriff Carlos und Nicolás bei den Händen und zog sie mit sich fort.

»Ich will noch nicht zu Bett!« schrie Carlos und zerrte an seinem Arm.

»Du hast zu gehorchen!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.

»Wir dürfen bis elf Uhr aufbleiben, Sie haben es erlaubt!« heulte Carlos.

»Marsch, marsch!«

Sich widersetzend und laut heulend, folgte Carlos; Nicolás trabte resigniert mit. Herr Dr. Bürstenfeger eilte mit ihnen die Treppe hinunter, in seine Kabine, dort ließ er sie los.

»Alberner, törichter Junge!« herrschte er Carlos an.

Knirschend und schluchzend rieb sich Carlos sein Handgelenk. Plötzlich heulte er laut auf: »Ich bekomme den Krebs!«

»Waas!« rief Herr Dr. Bürstenfeger.