Part 1
Carlos und Nicolás
von Rudolf Johannes Schmied
Mit vielen ganzseitigen Original-Steindrucken von Georg Walter Rößner
Verlegt bei Erich Reiß, Berlin
Copyright 1909 by Erich Reiß, Verlag
Spamersche Buchdruckerei in Leipzig
Inhalt
Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien Die Boleadoras 9 Der Chinese 19 Das Brüderchen 25 Die Tigerjagd 29 Herr Dr. Bürstenfeger 35 Ein Tag mit Herrn Dr. Bürstenfeger 41 Die Reise nach Mendoza 50 Die Stadt Mendoza 54 In den Kordilleren 60 Nach Paraguay 70 Paraguay 77 Die Revolution 84 Carlos und Nicolás auf dem Meere Auf dem großen Meer 97 In der Bai von Rio 104 Rio de Janeiro 108 Nach der Alten Welt 121 Europa 145
Carlos und Nicolás Kinderjahre in Argentinien
Ines Wolff zugeeignet
Die Boleadoras
Der breite Paraná mit seinen Inseln, eine Schafherde, über der ein hungriger Geier, nach Lämmern auslugend, kreist, kleine Trupps von Kühen und Pferden, das große, weiße Herrschaftsgebäude mit den Parkanlagen unterbrechen die Monotonie der Pampa.
Carlos und Nicolás saßen in weißen Matrosenanzügen am Stromufer. Sie waren Brüder. Carlos war sieben Jahre, Nicolás sechs.
Ihre Ponys, dickbauchige Pampasponys mit kurzen Hälsen und großen Köpfen, standen einige Schritte von ihnen schweißbedeckt und keuchend an einer Weide angebunden.
Die Knaben hatten hinter Straußen gejagt, ohne sie einholen zu können. Carlos hatte dabei seine Boleadoras verloren.
»Schenke mir deine Boleadoras[1], und ich tausche mein Pferd mit deinem«, sagte Carlos.
Carlos' Pferd war wertvoller. Wenn die Brüder um die Wette rannten, war es immer um zwei Nasenlängen voraus. Bei raschem Anhalten warf es nicht den Kopf zurück, daß er mit dem seines Herrn zusammenstieß. Es hatte nicht die böse Gewohnheit, nach dem Beine zu schnappen, wenn man aufsaß. Auch wußte es geschickt die gefährlichen, im Grase versteckten Löcher der Tucatús zu umgehen, die Nicolás schon manchmal zum Stürzen gebracht hatten.
Aber trotzdem wollte Nicolás nicht tauschen. Er spielte mit seiner Waffe und gab keine Antwort.
»Du kriegst meinen Sattel dazu«, fuhr der Bruder fort.
[Fußnote 1: Ein aus Lederriemen gedrehtes Seil, an dessen Enden Eisenkugeln hängen; zum Einfangen von Tieren.]
»Was hat dir Onkel Paulus alles geschenkt?« fragte Nicolás begierig.
»Sehr viel«, antwortete Carlos. »Zu meinem Geburtstage schenkte er mir ein großes Landgut in Paraguay mit zwei Millionen Pferden und einer Million Kühen. Nächstes Jahr reise ich hin auf meinem Dampfer Pingo; ich werde hundert Soldaten mitnehmen, um mit den Indianern zu kämpfen, drei Tigerfelle bringe ich dir mit; ich denke vierzig Indianer zu töten. Mein Landgut heißt Isla-Verde und liegt links neben dem Fluß. Aber weil du mir die Boleadoras gegeben hast, schenke ich dir das Landgut.«
Darauf zeigte er nach der Schafherde, die in einiger Entfernung von ihnen graste: »Die Schafe gehören mir.« Er zeigte nach einem Baum, der sich einsam aus der Steppe erhob: »Von jenem Ombú an gehört alles Land mir, hundert Meilen weit bis nach Chile. Ich schenke es dir.«
Bei diesen Worten machte er einen Schritt zurück, und ohne auf Dank zu warten, ging er mit leuchtenden Augen nach seinem Pferde, stieg auf und ritt hochaufgerichtet, die Kugeln über seinem Haupte schwingend, davon.
Nicolás blieb liegen und schaute ihm nach. Er dachte, wie edel sein Bruder sei, aber zugleich auch, was für ein Narr er sei, für ein paar armselige Boleadoras so viel Reichtum wegzugeben.
Eine geraume Weile lag er unbeweglich: »Du hast Landgüter, du hast Kühe und Pferde«, sagte er sich. Er schloß die Augen und ließ im Geiste all diese Herrlichkeiten an sich vorüberziehen. »Du hast einen Dampfer«, sagte er, die Augen öffnend, und sah nach dem Fluß hin.
Gleich würde der Dampfer hinter der Biegung des Stromes verschwinden. Ganz lautlos glitt er dahin. Man sah die Leute auf dem Verdeck nicht mehr.
Dann blickte Nicolás zum Himmel, ob keine Wolken da seien, denn er wußte, daß Stürme den Schiffen gefährlich sein könnten. Er wünschte, daß es bald aus Paraguay zurückkehren möchte; er würde hier am Ufer stehen und mit dem Taschentuch winken.
Damit erhob er sich. Es litt ihn nicht länger in der tödlichen Einsamkeit allein mit seinem unendlichen Glück.
Er wollte zu Juanita, der Tochter des Schafhirten, und ihr erzählen, wie unermeßlich reich er sei.
* * * * *
Nicolás stieg zu Pferd und ritt in kurzem Trabe davon, an dem Herrschaftsgebäude und dann an dem Galpon vorbei.
Unweit der Schafherde stand die Hütte von Juanitas Vater, und nicht weit davon saß sie im Grase und peitschte mit einer Gerte die Halme.
Sobald Nicolás sie sah, ließ er sein Pferd kurbettieren; er schlug, die losen Zügel in der Hand, darauf ein und riß es dann gleich wieder zurück.
Er liebte Juanita, und er wollte, daß sie ihn in Gefahr sehen solle.
Sie aber blickte ihn mit leisem Lächeln an. Ihr älterer Bruder Isidor war Pferdebändiger auf dem Gute von Don Ignacio Rodriguez, und das erschien ihr weit gefährlicher.
Nicolás hatte sich ihr inzwischen bis auf wenige Schritte genähert und begann sein Pony zu beruhigen, indem er ihm freundliche Worte sagte und auf Hals und Kruppe tätschelte.
Dann stieg er mit einem meisterhaften Sprung ab und stand dicht bei ihr.
Er war sehr ernst, beinahe feierlich.
»Juanita,« begann er, »vorhin ist der Tridente vorbeigefahren, du weißt, er ist der schnellste Dampfer von allen; ich habe ihn von Carlos bekommen mit dem Silbergeschirr, mit den Betten und Stühlen und mit der Maschine. Ich habe mir ein Landgut in Paraguay erworben mit Millionen von Kühen und Pferden.« Er zeigte nach dem Baume: »Von jenem Ombú an ist alles Land mein bis nach Chile.« Er zeigte nach der Schafherde: »Und auch die Schafe hier sind mein.«
Juanita hatte ihm zugehört, ohne daß eine Miene sich in ihrem Gesichte veränderte; bei seinen letzten Worten jedoch zuckte sie die Achseln, rümpfte die Nase und wiegte den Kopf langsam hin und her.
Eine kleine Pause entstand.
Endlich sagte sie: »Ich weiß nicht, ob du lügst, wenn du sagst, daß der Tridente dein ist und alle Landgüter in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile. Aber du lügst, wenn du sagst, daß die Schafe dein sind; die Schafe gehören meinem Vater, und wenn mein Vater tot ist, gehören sie meiner Mutter, und wenn meine Mutter tot ist, gehören sie meinem Bruder und mir.«
Nicolás war über diese Worte etwas betroffen, dann aber stieg der Ärger in ihm auf.
»Was mein ist,« antwortete er, »hat zuerst Papa und Onkel Paulus gehört. Papa und Onkel Paulus haben das Recht, zu verschenken, was sie wollen. Onkel Paulus lügt meinen Bruder nicht an. Er hat ihm das Land und die Sachen gegeben, er darf es.«
»Er kann dir alles Land und alle Schiffe verschenken, aber niemals die Schafe, die gehören meinem Vater.«
»Meinetwegen,« sagte Nicolás mit einer nachlässigen Gebärde, »die Schafe sollen deinem Papa gehören, ich würde sie ihm ja sowieso geschenkt haben. Gefallen mir einmal alle Reichtümer nicht, gebe ich sie her oder verkaufe sie und gehe nach Europa und kaufe mir die großen Wälder. Weißt du, was Wälder sind, Juanita?«
»Nein«, sagte sie.
»Natürlich kannst du nicht wissen, was Wälder sind, weil es hier keine gibt. In Buenos Aires und Uruguay sind die großen Städte und die Pampas. Die Wälder sind in Europa, und das sind viele große Bäume, die beieinander sind. Man kann tagelang darin reisen, die Bäume ragen beinahe bis zum Himmel.«
»Willst du wissen, wie es darin aussieht, beuge dich ins Gras herab und bleibe eine Weile ruhig. Aber schaue immer zwischen den Halmen hindurch. Gibst du dir Mühe und denkst du immer an einen Wald, wird es dir so vorkommen. Das hat mich Onkel Paulus gelehrt.«
Juanita verharrte eine Weile schweigend.
Schließlich sagte sie: »Beug' du dich doch zuerst herab, und wenn du einen Wald siehst, so sage es mir.«
Sogleich kniete Nicolás nieder.
Juanita sah ihn eine ganze Weile ernst an, plötzlich aber mußte sie laut auflachen, denn Nicolás erschien ihr in seiner kauernden Stellung komisch.
Er blieb trotzdem noch eine ganze halbe Minute unbeweglich, dann aber richtete er sich auf und sagte ärgerlich: »Ich begann schon die Wälder zu sehen, aber durch dein Lachen hast du mir alles verdorben.«
Nach einigen Sekunden aber war sein Ärger wieder verraucht.
»Beug' dich herab, Juanita,« beharrte er, »bleibe eine Weile ruhig, denke immer an die Wälder, und du wirst sie sehen.«
Sie war unschlüssig; es widerstrebte ihr, etwas zu tun, wozu ihr der richtige Glaube fehlte und was ihr außerdem etwas lächerlich erschien.
Aber da sie schließlich doch ein bißchen neugierig war, stand sie auf, kniete nieder und blieb eine Zeitlang still.
Doch es wollten sich ihr keine Wälder zeigen.
Sie richtete sich auf, strich sich über das Kleidchen und sagte: »Ich sehe nichts.«
Nicolás ließ resigniert den Kopf sinken.
Nicht lange jedoch, und er hatte sich von seiner Enttäuschung erholt.
»In Europa«, hub er an, »ist es schöner als hier, durch die Straßen fließen Ströme. Schwarze Boote fahren darauf. Der Himmel ist golden und blau; an allen Häusern sind Balkone und viele Blumen, ich habe es auf einem Bilde gesehen. In Europa gibt es Könige und nicht Präsidenten, sie fahren auf goldenen Booten und sind die reichsten Leute der Welt. Wenn die Präsidenten sehr reich werden wollen, müssen sie stehlen, habe ich schon oft sagen hören, die Könige brauchen das nicht, denn sie bekommen alles von selbst. In Europa gibt es Prinzessinnen, die sind tausendmal schöner als alle Frauen von Buenos Aires und Uruguay, sie haben goldene Haare und reiten auf weißen Pferden, manchmal tragen sie große Adler, die man Falken nennt, auf dem Arme. Könige und Prinzessinnen wohnen zusammen in Palästen, die sind am Meere gebaut, denn in Europa ist das Meer, und das ist der größte Strom von allen. Auf dem Meere fahren die größten Schiffe, die es gibt, Kanonen sind darauf, um gegen die Walfische zu kämpfen. Ich bin ein mächtiger Mann, Juanita, der viel Geld und Güter hat, und wenn ich groß bin, will ich mich zum Präsidenten von Buenos Aires machen, und weißt du, Juanita, was ich dann tue? Ich werde mir ein Meerschiff bauen lassen und werde nach Europa reisen, und als mächtigen Präsidenten von Buenos Aires müssen mich die Könige auf ihren goldenen Booten empfangen, und die Prinzessinnen sitzen dabei und spielen auf goldenen Harfen.«
Nicolás hielt inne, um zu hören, was sie dazu sagte.
Aber sie schwieg, und von ihrem Antlitz war gar nichts abzulesen, weder Unglauben noch Erstaunen.
Etwas gereizt fuhr er fort: »Wenn ich will, kann ich die Töchter der Könige heiraten, und ich werde es tun, Juanita, bei allen Königen werde ich anfragen, nur beim König eines großen Landes, das Paris heißt, nicht. Gegen diesen werde ich Krieg machen, denn er ist der Mächtigste, und wenn ich ihn dann mit meinem Schwert erschlagen habe, kann ich, wenn ich will, mich zum Herrscher seines Landes machen. Sag' mal, Juanita,« sagte er, seine Stimme erhebend, »möchtest du Königin von Paris werden?«
Es entstand eine Pause.
»Ph,« sagte sie, »ich möchte schon.«
»Gut,« antwortete Nicolás »du mußt mir aber versprechen, wenn du Königin bist, meine Frau zu werden.«
»Bin ich einmal Königin, will ich deine Frau sein«, sagte sie und zuckte die Achseln.
»Du wirst es, aber da müssen wir uns zuerst verloben, und du mußt mir einen Kuß geben.«
»Ich kann mich ja mit dir verloben und dir einen Kuß geben, aber alles, was du erzählst, ist ja Lüge«, meinte sie, die Nase rümpfend.
»Wenn du glaubst, daß ich lüge, gehen wir zu José und fragen wir ihn. José war König von England, früher, als es ihm noch gut ging und er nicht Knecht zu sein brauchte.«
»Meinetwegen, gehen wir zu ihm«, sagte sie und lächelte ziemlich überlegen.
José, ein geborener Neapolitaner, aber seit langem eingewandert, stand dicht beim Galpon und wusch den Schecken des Verwalters. Er goß Eimer auf Eimer über Bauch und Rücken des Pferdes, das bebend auswich; dazu fluchte er, denn jede Arbeit war ihm verhaßt. Unter den Pferden haßte er aber den Schecken, seiner heiklen Hautfarbe wegen, und weil er die schlechte Gewohnheit hatte, sobald er freigelassen war, sich auf der Erde zu wälzen.
Nicolás trat mit Juanita an ihn heran und sagte laut und in einem Tone, der keine Widerrede litt: »Nicht wahr, José, du warst früher König von England?«
Zuerst erstaunte José, dann aber antwortete er mit wildhumoristischem Auflachen: »Natürlich war ich König von England, _corpo di Dio_, war das eine fröhliche Zeit, damals, als ich noch König von England war!« Bei diesen Worten gab er dem Schecken einen Fußtritt, als wollte er ihn den grausamen Umschwung der Dinge vergelten lassen.
»Siehst du, Juanita«, sagte Nicolás, »José war König von England. Gehen wir jetzt.«
Als sie einige Schritte gegangen waren, sagte er: »Jetzt müssen wir uns verloben« und faßte sie bei der Hand; sie folgte ihm kichernd, und als sie an die Stelle gelangt waren, von wo sie gekommen waren, küßte er sie feierlich auf den Mund.
»Jetzt bist du meine Braut und wirst Königin von Paris«, sagte er. Er sah sie leuchtend an, tat einen Schritt zurück, wie vorhin sein Bruder, und stieg zu Pferd.
Im Galopp, graziös den Oberkörper wiegend, ritt er davon.
Juanita sah ihm nach, die Rechte schlaff am Leibe; mit der Linken wischte sie sich die feuchten Spuren ab, die Nicolás weihevoller Kuß zurückgelassen hatte.
* * * * *
Es war Nacht geworden, Carlos war nicht zum Abendessen zurückgekehrt, er war beim Puestero Eusebio; Gäste waren bei ihm und man hatte ein Lamm geschlachtet. Carlos hatte es abhäuten und ausweiden helfen.
Ziemlich spät ritt er heim. Seine Stimmung war etwas gedrückt, außerdem langweilten ihn bereits die Boleadoras.
Zu Hause war alles schlafen gegangen. Carlos sattelte sein Pferd ab und ließ es auf die Weide laufen. Dann ging er, die Boleadoras in der Hand, in sein und seines Bruders Schlafzimmer.
Nicolás lag im Bett, aber er schlief noch nicht; es brannte Licht.
»Wo warst du?« fragte Nicolás.
»Bei Eusebio.«
»Freuen dich die Boleadoras?«
Carlos gab keine Antwort.
»Was hast du?«
»Nichts«, sagte Carlos und zog sich mürrisch aus.
Nicolás fragte nicht weiter. Carlos ging ins Bett und löschte das Licht aus.
»Nicolás!« rief er plötzlich.
»Was?«
»Bah!« sagte Carlos und drehte sich im Bett um.
Es herrschte Stille.
Und nochmals: »Nicolás!«
»Was willst du denn?«
Sehr gepreßt kam es aus Carlos heraus: »Ich meinte nur ...« und dann: ... »die Boleadoras sind wieder dein.«
Die Knaben schwiegen.
Carlos richtete sich im Bette auf und sagte schmerzlich: »Die Boleadoras sind dein, denn den Tridente und das Gut in Paraguay und alles Land hinter dem Ombú bis nach Chile und die Schafe hat mir Onkel Paulus nicht geschenkt; daher durfte ich sie dir nicht schenken.«
Wieder herrschte Pause.
»Also hast du mich angelogen«, tönte es von Nicolás' Bett tief enttäuscht zurück.
»Ja, ich habe dich angelogen«, antwortete Carlos etwas erleichtert.
»Warum hast du mich angelogen?«
»Weil ich die Boleadoras haben wollte«, kam es zerknirscht zurück.
Nochmals Pause.
Nicolás raffte sich auf: »Schwörst du mir, daß du mich angelogen hast?«
»Ich schwöre es.«
»Küß' das Kreuz!«
Carlos machte ein Kreuz mit beiden Zeigefingern und schwor: »_Te juro, que Dios me castigue._«
»Hast du wirklich das Kreuz geküßt?« fragte Nicolás mißtrauisch, denn er konnte es der Dunkelheit wegen nicht sehen.
»Ja«, sagte Carlos.
»Schwörst du mir, daß dich sofort der Blitz treffen wird, wenn es nicht wahr ist?«
»Ich schwöre es«, antwortete Carlos.
Daraufhin herrschte vollständiges Schweigen.
Nicolás lag da, erfüllt von einer nie gekannten, unsagbaren Trostlosigkeit: Keine Güter! Kein Schiff! Keine Schafe! Nie würde er die Wälder von Europa kaufen, niemals würde er den König von Paris bekriegen dürfen und Juanita würde niemals seine Frau.
Er versank in tiefes Grübeln.
Vom Bette seines Bruders aber vernahm man ruhige Atemzüge; er schlief schon lange.
Was würde Juanita zu allem sagen? Wie sollte er ihr morgen unter die Augen treten? Er hatte sie angelogen, nie würde sie ihm das verzeihen.
Und weil er die quälenden Gedanken nicht los werden konnte, zündete er schließlich Licht an, stand auf, kroch unters Bett und zog eine kleine grüne Eisenbahn hervor: eine Lokomotive mit drei Waggons.
Aus der Schublade des Nachttisches holte er einen starken Faden und band ihn an den Schornstein der Lokomotive.
Lange stand Nicolás da, barfuß auf den Fliesen, und ließ die Eisenbahn im Kreise laufen.
Und das war seine Erlösung.
Langsam zog tiefer Trost und Friede in seine Seele ein.
Der Chinese
Hinter dem Hause im Hofe hielten Carlos und Nicolás Tiere, Haustiere und Tiere der Pampa. Oft machten sie Streifzüge und kehrten mit einem Fang zurück, einem jungen Strauß, einer Kropfeidechse, einem Gürteltier; sie stellten Fallen im Hof auf und fingen Beutelratten. Aber über die neuen Tiere vernachlässigten und vergaßen sie die alten. Einmal brachen die meisten aus. Ein junges Reh hatte oben im Salon übernachtet, eine Kropfeidechse war ins Bett einer Magd gekrochen. Da wurde Carlos und Nicolás gedroht, die Tiere müßten fort, wenn sie sich nicht besser um sie kümmerten.
Am nächsten Tag waren die Knaben, wie gewöhnlich, hinaus in die Pampa geritten. Nach einer Stunde scharfen Galopps wandten sie die Ponnys nach einem Ombú, um Rast zu halten; es war ein sehr heißer Tag, die Pferde ließen die Köpfe hängen und bewegten die Ohren müde nach den Seiten; die Sättel lagen beinahe auf ihren Hälsen. Als die Knaben sich dem Baum näherten, sahen sie dort einen seltsamen, kleinen, dicken Mann auf der Erde sitzen, den Kopf gegen den Stamm gelehnt. Statt eines Rockes oder Ponchos trug er einen ganz eigentümlichen Kittel, der ihm bis an die Kniee reichte; neben ihm lag ein breitrandiger Strohhut und ein rotes Bündel. Gleich nachher erkannten sie jedoch, daß es kein Mann war, sondern eine Frau in Männertracht; denn es trug einen langen, dünnen Zopf.
»Das ist komisch«, sagte Carlos und lachte.
»Sehr komisch«, sagte Nicolás und lachte auch.
Sie ritten ganz nah an den Baum heran: es war keine Frau.
»Ein Chinese!« sagte Carlos und erbleichte.
»Ein Chinese!« sagte Nicolás und erbleichte auch.
Der Kopf, der Kittel und der Hut waren ganz so, wie sie es bei Chinesen auf Bilderbogen gesehen hatten.
Der Chinese, der geschlafen hatte, war erwacht und sah die Knaben ohne merkliches Erstaunen an.
Sie wollten kehrtmachen und fliehen, denn sie hatten gehört, diese Menschen seien wild und blutdürstig wie die Indianer des Gran Chaco. Aber sie ermannten sich zugleich, denn keiner wollte vor dem anderen feig erscheinen; und dazu blinzelte und lächelte der Chinese so gemütlich und Vertrauen erweckend, daß Flucht den Knaben doppelte Feigheit erschien. Vielleicht ist es ein zahmer Chinese, dachten sie.
»Was schaut ihr mich so an, ihr Büblein?« fragte er endlich. Seine Stimme klang sanft; sie hatte nichts von einem wilden Indianergeheul.
»Wir schauen dich nicht an«, sagte Carlos und starrte fortwährend auf ihn.
»Seht mir diese Knaben!« Der Chinese lachte und schlug sich auf die dicken Schenkel; das Gesicht, das er dabei machte, war so komisch, daß auch Carlos und Nicolás in Lachen ausbrachen.
»Was hast du in deinem Bündel?« fragte Carlos nach einer Weile.
»Zwei Hemden und eine Hose; ich bin auf Reisen.«
»Weite Reisen?«
»Ich gehe von Gut zu Gut und suche mir eine Stelle als Koch. Meine Herrschaft hat ihr Gut verkauft und ist ausgezogen; da bin ich auch ausgezogen. Könnt ihr einen Koch bei euch brauchen, ihr Buben?«
»Nein«, sagte Carlos. Gleich darauf aber durchzuckte ihn ein Gedanke: »Wir können dir aber eine andere Stelle verschaffen.«
»So. Eine andere Stelle? Und die wäre?«
»Du könntest unsere Tiere pflegen, denn sonst müssen sie fort. Ich will Mama sagen, daß man dir so viel bezahlt wie einem Koch. Kannst du Tiere pflegen?«
»Gewiß; aber was für Tiere sind's, ihr lieben kleinen Knaben?«
»Verschiedene; wenn du mit uns nach Hause kommst, wirst du sie sehen.«
Der Chinese war damit einverstanden; die Kinder hielten kurze Rast, rückten dann die Sättel zurecht, schnallten die Gurte fester und stiegen zu Pferd. Der Chinese saß bei Nicolás hinten auf.
»Wie ist denn dein Name?« fragte Carlos; »denn wenn wir jetzt zu Mama gehen, um dir die Stelle zu verschaffen, müssen wir wissen, wie du heißt.«
Der Chinese nannte einen Namen, der sehr seltsam klang. Die Knaben brachten immer nur Bichuante heraus.
»Nennt mich nur immerhin Bichuante!« meinte der Chinese.
Mit stark klopfendem Herzen ritten Carlos und Nicolás in das Gut ein. Von irgendwoher erschien José, der Knecht, und starrte diesem seltsamen Aufzug mit offenem Munde nach. Die Knaben ritten bis zur Mitteltür des Hauses. Carlos sprang ab und rannte hinauf zu seiner Mutter.
Sie saß im Musikzimmer am Klavier. »Mama,« schrie er, »wir haben einen Chinesen mitgebracht, aber einen zahmen Chinesen!«
»Was habt ihr mitgebracht?« Sie unterbrach ihr Spiel.
»Einen ganz zahmen Chinesen, Mama, der Bichuante heißt.«
»Was redest du da für Unsinn? Was soll denn der Mann?«
»Er soll unsere Tiere pflegen, Mama.«
Carlos faßte seine Mutter am Arm, zog sie ungestüm nach dem Fenster und zeigte nach unten: »Dort ist er.«
Wahrhaftig: es war ein Chinese. »Das ist schon euer verrücktester Einfall!« sagte sie. Aber nachher ward ihnen gestattet, den Chinesen zu behalten.
Er trat sofort seinen Dienst an. Ställe mußten ausgebessert und gründlich gereinigt werden. Er stieg in den Taubenschlag hinauf und wirtschaftete. Weiß gesprenkelt und mit Federn bedeckt, kam er wieder herunter. Er grub für das Wasserschwein einen regelrechten Teich; bisher hatte es sich mit einem Tümpel begnügen müssen, der nach einer halben Stunde immer wieder ausgetrocknet war. Vor allem war es eine Freude, zu sehen, wie sanft er mit den Tieren umging. Die Kaninchen schnupperten ihm durch die Fenster ihrer Kisten entgegen, sobald er sich zeigte; nicht lange, und die Tauben setzten sich ihm auf die Schultern, das Reh lief ihm nach. Nicolás glaubte sogar zu sehen, wie das Gürteltier ihn freundlich anblinzelte. Die Knaben liebten den Chinesen, besonders Nicolás.
Von den Dienstboten hielt sich der Bichuante möglichst fern, denn sie lachten über ihn und spielten ihm auch manchmal einen Schabernack. Namentlich aber fürchtete er José. Als er einmal an der Küche vorbeiging, hörte er, wie der Knecht dem Gärtner sagte, er wolle den Chinesen umbringen (José haßte ihn, weil er fand, daß die Tierpflege eine zu leichte Arbeit sei). Der Bichuante erbebte, ließ aber nie ein Wort darüber verlauten. Nur wenn er zu Bett ging (seine Kammer lag neben der Josés), verriegelte er die Tür, schlief aber trotzdem immer gleich ein.
Er kümmerte sich aber gar nicht nur um die Tiere auf dem Hof. Er striegelte und sattelte die Ponnys, er putzte ihr Zaumzeug; einmal wusch er sogar den Schecken des Verwalters. Als José das sah, war er gleich darauf bedacht, ihm nach Kräften von seiner Arbeit aufzubürden, und seinem Beispiel folgten die anderen Dienstboten. Der Chinese verrichtete alles, still, ohne zu klagen.