Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 9
Madame Turner rief jetzt zum Abendessen, welches auf dem Deckel einer großen Kiste vor dem Zelte aufgetragen war; ihre Lieben ließen sich um denselben im Grase nieder, und auch Daniel setzte sich auf Turners Wunsch mit in die Reihe. Es mundete Allen herrlich, denn der lange Tagesmarsch hatte das Mahl gewürzt, und Alle meinten, so gut hätte es ihnen doch niemals in Deutschland geschmeckt. Es war eine lauwarme stille Nacht, der Rauch und die Funken des lustig flackernden Feuers wirbelten sich wie eine golddurchwirkte Säule gerade zum Himmel auf, und hier und dort in den Oeffnungen zwischen den unbewegten riesigen Baumkronen blitzten die hellen Sterne am dunkeln Firmament. In dem weiten Kreise, den das Feuerlicht um das Lager schuf, zitterten die schwarzen langen Schatten der majestätischen Baumstämme auf den Laubmassen, und weiter hin in der Finsterniß des Waldes schwebten Myriaden von leuchtenden Insecten. Spät noch saßen Turners, von der Schönheit der Nacht entzückt, und lauschten den Erzählungen Daniels. Er sprach von den unabsehbaren wogenden Grasfluren der westlichen Länder, von dem wundervollen Blumenflor, womit dieselben Jahr aus Jahr ein geschmückt, von den kristallhellen brausenden Gewässern mit ihren goldig schimmernden Fischen, von dem durchsichtig blauen Himmel und von der ewig bewegten kühlen Luft, die erquickend und stärkend über jene Länder ziehe. Unter den Indianern geboren, war deren hoher Sinn für die Schönheiten der Natur auf ihn übertragen, und seine lebendigen gefühlvollen Beschreibungen von den Fluren, wohin er die Wanderer jetzt führte, begeisterten diese mit den beglückendsten Hoffnungen. Endlich mahnte Turner an die Nachtruhe und begab sich mit den Seinigen in das Zelt, während Carl es vorzog, bei Daniel vor dem Feuer zu schlafen. Dieser machte ihm nach Jägerbrauch ein Lager zurecht, breitete die wollene Satteldecke für ihn aus, gab ihm den Sattel als Kopfkissen und hieß ihn seine Büchse als Schlafkameraden neben sich legen. Ruhig und in wonnigen Träumen, wie sie nur der Schlaf unter heiterem Sternenhimmel zu geben vermag, schwand den Ruhenden die Nacht, und der frühe Morgen, als noch das Laub sich unter dem schweren Thau neigte, sah sie schon wieder auf ihrem Wege nach Westen. Ueber zwei Wochen wanderten sie in dieser Weise vom Anbrechen bis zum Sinken des Tages durch das waldbedeckte sumpfige Arkansas, und zwar oftmals halbe Tage lang, ohne auf ein anderes Zeichen der Cultur zu stoßen, als die rohe, durch das Fällen von Bäumen geschaffene Straße, auf der sie fuhren, verrieth. In den einzelnen Farmen, an denen sie vorüber zogen, kauften sie Mais für die Zug- und Reitthiere, Mehl und Kartoffeln für den eigenen Bedarf, und wurden mitunter mit Milch, Buttermilch, Eiern und Butter beschenkt. So reich und üppig der Boden dieser Farmen aber auch war, so kühl und heimisch deren Wohnhäuser auch in dem Schatten dichtbelaubter uralter Bäume versteckt lagen, so stand doch unverkennbar auf den bleichen kraftlosen Gestalten ihrer Bewohner geschrieben, daß ein böser Feind, das Fieber, sich unter ihnen aufhalte, welches fortwährend aus den endlosen Sümpfen der Wälder erzeugt wurde. Mit verwunderten, oft neidischen, oft wehmüthigen Blicken betrachteten die Leute auf diesen Ansiedelungen die frischen rosigen Gesichter der deutschen Wanderer, und riethen ihnen auch wohl, nicht in diesem Lande des Todes zu weilen. Das Fieber schien aber keine Gewalt über die kräftigen gesunden Naturen der Turnerschen Familie zu haben, und frisch und heiter begrüßten sie die ersten Grasfluren im westlichen Ende von Arkansas. Der Anblick dieser Prairie, wenn sie auch nur einige Meilen im Durchmesser hatte, überraschte und entzückte die Herzen unserer Reisenden sehr. Das hin- und herwogende hohe Gras, die Farbenpracht der Blumen, die aus demselben hervorsahen, der kühlende Luftstrom, der erfrischend darüber hinzog, stand so sehr mit dem einförmigen beschränkten Bilde im Gegensatz, welches der undurchdringliche Urwald mit seiner schweren, schwülen Luft den Wanderern während einiger Wochen geboten hatte, daß sie wie aus einem düsteren Gefängniß hervortraten und wieder frei aufathmeten. Noch einmal sollte sie aber der unheimlich dichte Wald umfangen, und die Sonne stand schon niedrig, als sie von der hochgelegenen Grasfläche in denselben hineinfuhren. Die Bewohner einer an dem äußersten Anfange der Prairie gelegenen Farm, von denen Turners mit Mais versorgt worden waren, hatten sie aufmerksam darauf gemacht, daß sie in diesem Walde ein böses, gefährliches Wasser finden würden, welches bei dem leichtesten Regen so schnell steige und aus seinen Ufern träte, daß es die ganze Gegend zu seinen Seiten auf viele Meilen weit überschwemme. Als die Wagen in diesen Wald hinein fuhren, zogen schwere Gewitterwolken am Himmel hin, welche bald die Sonne verdunkelten und sich immer drohender und schwärzer aufthürmten. Daniel hielt die Stiere an, und fragte, ob es nicht besser sei, hier den Regen abzuwarten, doch Turner zog es vor, noch an diesem Abend den Wald zu durchziehen, da derselbe nur wenige Meilen breit sein sollte. Er fürchtete, daß das Wasser steige und es ihnen dann vielleicht auf viele Tage, ja auf Wochen unmöglich machen werde, den waldigen Grund zu passiren. Daniel trieb nun die Ochsen zu verdoppelter Eile an, und während Turners ihm folgten, ritt Carl Scharnhorst voran, um den Weg, und namentlich den Fluß in Augenschein zu nehmen. Die Straße war nur breit genug für _einen_ Wagen und bot Daniel kaum hinlänglich Raum, zu Pferde neben den Stieren herzureiten. Dabei wurde der Weg immer sumpfiger und grundloser, so daß die Räder bis an die Achsen versanken. Der Zuruf Daniels und die Peitsche trieben aber die Ochsen mit Eile vorwärts, und schon konnte der Neger in einiger Entfernung Carl erkennen, der sein Pferd in dem seichten Flusse tränkte, als das Fuhrwerk über einen, im Morast versunkenen Baumstamm fuhr, und der schwere eiserne Nagel, der den Vorder- und Hinterwagen zusammen hielt, mit einem lauten Krach zerbrach. Daniel, der sofort erkannte, was geschehen war, brachte im Augenblick die Zugthiere zum Stehen und theilte mit Bestürzung Herrn Turner den Unfall mit, indem er zugleich auf das Gewitter hindeutete, welches schon schwer über dem Walde hing. Turner sah mit Entsetzen den Wagen an; in diesem Zustande konnte derselbe nicht vom Flecke bewegt werden. War es wirklich möglich, daß das Wasser in so unglaublich kurzer Zeit steigen könne, wie die Farmersleute gesagt hatten, so durften Turners die Fluth schon binnen wenigen Stunden hier um sich erwarten, und dann war an eine Rettung des Wagens und der Ladung nicht mehr zu denken. Wohin man nach den Bäumen und Büschen blickte, erkannte man die Spuren früherer Ueberschwemmungen an dem Schlamm, Schilf und Reisig, welches die Strömung zehn Fuß hoch von der Erde an ihnen zurückgelassen hatte, so daß ein solches Wasser die Fuhrwerke bedecken und wahrscheinlich mit sich fort reißen mußte. Rathlos und ohne zu einem Entschlusse kommen zu können, hielt Turner mit dem Neger bei dem Wagen, als Carl herangeritten kam, um zu fragen, was die Ursache des Haltens sei. Unter Angst und Schrecken wurde ihm der Grund mitgetheilt. Auch Carl war im ersten Augenblick bestürzt und sah besorgt bald nach dem Wagen, bald nach dem angeschwemmten Reisig in den Aesten der Bäume; dann aber wandte er sich rasch zu dem Neger und sagte:
»Daniel, Du hast mir ja von einer Holzart erzählt, aus welcher die Indianer ihre Bogen verfertigen, und welches so hart und so zähe sei, wie Stahl; sollte dies Holz vielleicht hier im Walde wachsen? dann könnte man ja einen Nagel daraus machen.«
»An allen den Flüssen, etwas weiter westlich, trifft man dieses Holz an, es wäre darum nicht unmöglich, daß es sich auch hier vorfände. Die Indianer nennen es =bois d'arc=, oder Bogenholz. Ich will mich schnell einmal danach umsehen,« antwortete der Neger, wie von einer Hoffnung belebt, band sein Pferd mit dem Zügel an einen Baum, und eilte mit der Axt in der Hand in das Dickicht hinein. Carl war abgestiegen und sprang auf den Wagen, um die Kiste zu öffnen, in welcher die Werkzeuge sich befanden. Nachdem er verschiedene derselben auf die Erde hinab geworfen hatte, begab er sich unter das Fuhrwerk, um den Schaden näher zu untersuchen, und er hatte dort nur wenige Minuten verbracht, als Daniel in der Ferne einen lauten Jubelruf erschallen ließ.
»Er hat das Holz gefunden!« rief Carl freudig aus, hob die schwere Winde dann von dem Wagen und setzte sie unter denselben, um ihn damit in die Höhe zu heben. Turner war ihm dabei behülflich, indem er ein Stück Holz von einem umgefallenen Baume des weichen Bodens wegen unter die Winde legte, und nun begannen Beide mit vereinten Kräften den schweren Wagen aufzuwinden. Bald war dies so weit geschehen, daß Carl die beiden Stücke des zerbrochenen eisernen Nagels aus der Oeffnung hervornehmen konnte, und nun hing Alles davon ab, ob Daniel wirklich das erwünschte Holz mit sich brachte.
Ein heftiger Donnerschlag erschreckte jetzt die Hoffenden und mahnte sie von Neuem an die Gefahr, in der sie schwebten. Zugleich fielen schwere Regentropfen auf sie nieder und wenige Augenblicke später goß es wie ein Wolkenbruch vom Himmel herab. Durch den dichten Regen wurde aber Daniel jetzt sichtbar und zwar mit einem starken Ast in der Hand.
»Gottlob, nun sind wir gerettet!« rief Carl, ihm entgegentretend, und nahm ihm das Holz ab. Schnell ergriff er dann das scharfe Beil, womit er den Ast, um den Nagel daraus herzustellen, zu behauen begann. Das Holz aber war so hart, daß die Arbeit nur sehr langsam von Statten ging und mit jedem Hiebe ertönte der Stahl in hellem Klange. Dabei strömte die Fluth ununterbrochen so gewaltig auf die Erde nieder, daß bald, so weit man sehen konnte, die ganze Grundfläche einem See glich, der mit jeder Minute an Tiefe zunahm, und bereits zu strömen begann. Madame Turner hatte sich mit den Kindern in ihren Wagen geflüchtet, wo sie das starke darüber gespannte Leinentuch gegen die Nässe schützte, während die beiden Männer das Tuch über den großen Wagen strammer anzogen und Carl den Nagel eifriger bearbeitete. Endlich war derselbe fertig, war passend und sauber abgerundet und Carl setzte ihn mit Hülfe Turners und des Negers an den Platz des eisernen Nagels ein. Dann ward der Wagen wieder niedergelassen und Alles war zur Weiterfahrt bereit. Jetzt war es die Frage, ob das Stück Holz stark genug sein würde, namentlich während des ersten Anfahrens, um der großen Gewalt zu widerstehen, die gegen dasselbe wirken mußte; denn die Räder waren bis an die Achsen versunken. Die Pferde wurden bestiegen, Carl ritt voran, Daniel rief den Stieren zu und schwang die gefürchtete Peitsche über deren Köpfen, sie legten sich mit aller Kraft in die Ketten und unter schwerem Knarren und Aechzen setzte sich nach wiederholten äußersten Anstrengungen der Thiere der Wagen in Bewegung. Das Wasser wurde mit jedem Schritt tiefer und die Strömung stärker, und als die Stiere in den Fluß hinein schritten, reichte ihnen die Fluth bis an die mächtigen Seiten hinauf. Das Wasser stieg in den großen Wagen, konnte der Ladung aber keinen Schaden zufügen, weil der untere Theil derselben aus Gegenständen bestand, auf welche die Nässe nicht nachtheilig wirkte. Die Räder an dem Fuhrwerk der Madame Turner waren sehr hoch, so daß der Strom kaum über den Fußteppich in denselben drang, dennoch steigerte dies die Bangigkeit der Frau und Kinder während der Durchfahrt sehr. Bald aber war das jenseitige Ufer glücklich erreicht und mit frohen, von Angst befreiten Herzen erkannten die Wanderer, daß der Grund unter ihnen wieder fester wurde. Der Weg hob sich allmählig, er wurde steiler und trockener, der Donner rollte nicht mehr so anhaltend, so fürchterlich, und der Regen verlor an Heftigkeit. Hier und dort theilte sich bald darauf das eilende Gewölk, der blaue Himmel schien hindurch und die sinkende Sonne warf noch ihre Strahlen freundlich und mild auf die krystallhell glänzende Tropfensaat, die der Regen an jedem Blatt, jedem Halme, jedem Reis zurückgelassen hatte. Jetzt erreichten Turners am Ende des Waldes einige steile Höhen, von wo sie auf die so gefahrvoll durchwanderte Niederung zurückblicken konnten. Das ganze bewaldete Thal war ein reißender Strom, aus dessen weißschäumenden Wogen die höheren Bäume emporragten und ihre unteren Aeste mit der Fluth spielen ließen. Nach Westen aber, wo jetzt die Sonne nahe über dem flachen Horizont stand, lag eine endlose unabsehbare Grasfläche vor den erstaunten Blicken der Wanderer, und mit frohlockenden Herzen begrüßten sie diese erste offene Prairie. Das üppige saftige Grün dieser weiten Flur war durch den Regen erfrischt worden, und die letzten Blicke der Sonne beleuchteten glühend die feurigen Blüthen der hohen Cactusarten, die sich in Turners Umgebung aus dem Grase erhoben.
Unter einer Gruppe uralter, undurchdringlicher, dicht belaubter Lebenseichen hielten die Wagen an und die müden Zugthiere wurden aus ihrem Zwange erlöst. Heute sollten sie für ihre lange und schwere Arbeit entschädigt werden, sie sollten sich während der Nacht an dem zarten frischen Grase laben. Daniel hatte mit unglaublicher Schnelligkeit jedem der Thiere die beiden vorderen Füße mit einem Streifen roher Ochsenhaut zusammengefesselt, so daß sie dieselben nur zugleich vorwärts setzen konnten und dadurch mehr oder weniger an weiterem Fortgehen gehindert wurden. Dann trieb er sie dem Grase zu und überließ es ihnen, sich die beste Weide zu suchen. Die Reitpferde wurden dagegen in der Nähe mit langen Stricken an einzeln stehende Bäume ins Gras gebunden, damit auch sie sich darin laben möchten, ohne sich weit vom Lager entfernen zu können. Turner hatte auf einem steinigen Fleck das Zelt aufgeschlagen, Carl und die beiden anderen Knaben hatten Reisholz herbeigeholt und dasselbe nicht ohne Mühe angezündet, und Madame Turner war mit Julie beschäftigt, das Abendbrod zu bereiten. Jetzt kam Daniel auch mit einem schweren Stück von einem trockenen Baumstamm heran, schleifte denselben an das flackernde Feuer und ging dann wieder, um noch mehr Holz für die Nacht herbeizuschaffen. Es rührte sich kein Wind, die Luft aber war erquickend kühl und rein und es kam den Reisenden vor, als athmeten sie mit jedem Zug noch einmal so viel Luft ein, als sonst. Nacht legte sich über die weite Landschaft, der Himmel im Westen glühte noch in dunkelm Carmin über dem schwarzen äußersten Rande der Prairie und das Firmament war mit funkelnden Sternen übersäet. Die Familie Turner und der treue Daniel saßen vor dem hochauflodernden großen Feuer, über dessen Lohe sich die Aeste der alten Eichen zitternd hin- und herschwangen, und priesen die Gnade des Allmächtigen, welcher sie ihre Rettung aus der überstandenen Gefahr verdankten. Carl war wieder die Hand gewesen, durch welche ihnen Gott diesen Beistand hatte angedeihen lassen, und mit herzinnigen Segenswünschen dankte Turner dem anspruchslosen hülfreichen Knaben.
Die durchnäßten Gegenstände waren an dem großen Feuer getrocknet, die Reitpferde wurden an den Wagen befestigt und Turner legte sich in dem Zelte zur Ruhe, während Carl und Daniel ihr Nachtlager wieder vor dem Feuer herrichteten.
Kaum graute der Tag, als Alle, vom süßen Schlaf gestärkt, sich erhoben und Vorbereitungen zur Weiterreise machten. Die Reitpferde wurden abermals ins Gras gebunden und das Feuer zur Bereitung des Frühstücks frisch angefacht. Die Stiere, so wie die drei Wagenpferde, hatten sich während der Nacht ziemlich weit von dem Lager entfernt und standen weidend dort im hohen Grase. Die Sonne stieg prächtig und heiter über dem waldigen Osten auf und goß ihr belebendes Licht über die endlose Grasflur, auf der hier und dort einzelne Rudel von Hirschen zu erkennen waren. Turners saßen beim Frühstück, ließen aber ihre Blicke dabei wiederholt über die Prairie schweifen, da jeder Punkt auf derselben ihre Neugierde anzog.
»Was kommt dort hinter der Waldspitze hervor?« fragte Carl plötzlich, indem er seitwärts nach der waldigen Niederung zeigte, wo dieselbe sich an die Prairie lehnte.
»Schnell, schnell, das sind wilde Pferde, schnell auf die Gäule, damit wir sie von unseren Wagenpferden abhalten, sonst sind diese für uns verloren!« rief Daniel erschrocken aus und sprang mit einem Zaum in der Hand nach einem der Reitpferde, während Turner und Carl hastig seinem Beispiel folgten. Im Augenblick waren den drei Thieren die Zäume übergeworfen, Turner, Daniel und Carl schwangen sich auf deren nackte Rücken, und in Carriere sausten sie über die Prairie, den wilden Rossen entgegen. Diese waren aber schon zu nah herangekommen, als daß die Reiter sie noch hätten von den Wagenpferden zurückhalten können, welche, als ob sie nach der Freiheit ihrer wilden Kameraden verlangten, denselben trotz der Fesseln in schwerfälligen, doch flüchtigen Sprüngen entgegeneilten. Ehe noch die Reiter sie erreichten, waren sie in dem wirren Haufen der wilden Schaar verschwunden, die, über zweihundert Köpfe stark, jetzt in gedrängten Massen vor den Reitern über das wogende Gras dahinstürmte.
»Vorwärts, nur frisch dazwischen, wenn die Fesseln an den Füßen unserer Pferde halten, so können sie uns nicht entgehen!« rief Daniel und trieb sein Roß zu möglichster Eile an; doch Carl sauste an ihm vorüber, sein Falber war das schnellste der Thiere und er war der Erste, der sich den fliehenden Pferden nahte. Die Erde dröhnte unter den Hufen der wilden Rosse, hoch wehten die langen Mähnen und Schweife, ihre rothen weitausgespannten schnaubenden Nüstern glühten wie Feuer und ihre großen Augen blitzten mit Entsetzen nach Carl hin, der jetzt ihre letzten Reihen erreichte. Es schien, daß die Thiere bisher noch ihren Lauf gemäßigt hatten, um die gefesselten Kameraden zu schützen und sie mit sich fort zu nehmen; als aber der Falbe mit Carl auf seinem Rücken ihnen zu nahe kam, da brachen sie in wilder fliegender Flucht los und ließen die noch mit letzter Anstrengung ihnen folgenden Wagenpferde zurück. Nur _ein_ mächtiger goldbrauner Hengst wandte sich noch einmal um, schoß in hohen Bogensätzen dicht an Carl vorüber und umkreiste wiehernd die gefesselten Brüder, als wolle er sie nochmals zur Flucht anfeuern; dann aber schoß er wie ein Pfeil davon, seiner fliehenden Heerde nach. Die Wagenpferde blieben ermattet stehen, doch Carl jagte an ihnen vorüber, die Lust der wilden Jagd war zu groß, als daß er sie schon hätte aufgeben können, er drückte beide Sporen fest in die Seiten des flüchtigen Falben und in fliegendem Sturm ging es nun über die Prairie, den davonsausenden Rossen nach. Näher und näher rückte er der geängsteten Schaar, deren kräftigste Thiere die letzten waren, wie es schien, um die jüngeren vorwärts zu treiben, und der goldbraune Hengst blieb noch weiter zurück, als wolle er den schrecklichen Reiter von ihnen abhalten. Jetzt aber wurden zwei Füllen hinter der verworrenen Masse sichtbar, ein schwarzes und ein weißes, ihre Schnelligkeit nahm ab, sie ermatteten mehr und mehr, umsonst umschwärmte sie der goldbraune Hengst, sie konnten nicht weiter und fielen gänzlich erschöpft in das Gras nieder. Carl hatte sie erreicht und hielt, laut jubelnd, seinen Falben an, da gewahrte er zu seiner Freude Daniel, der in voller Carriere herangejagt kam. Beide waren von ihren Pferden gesprungen, hoben die ermatteten hübschen Füllen auf die Füße und schmeichelten und liebkosten sie, doch es dauerte lange, ehe dieselben sich erholten und wieder zu Athem kamen.
»Wenn wir nur einen Strick hätten, Daniel, damit wir sie binden und mit uns nehmen könnten, sie sind zu lieb und hübsch, und welch prächtige Pferde müssen sie werden!«
»Wir gebrauchen keines Strickes, junger Herr,« antwortete Daniel lachend und beglückt über die Freude, die Carl empfand, »lassen Sie die Thiere nur erst ganz zu Kräften kommen, dann folgen sie geduldig unsern Pferden; wir werden wenig Mühe mit ihnen haben, denn sie sind schon stark genug, um sich selbst ernähren zu können.«
So wie Daniel es vorhergesagt hatte, so geschah es auch. Als die Füllen wieder zu Kräften gekommen waren, bestiegen die Reiter ihre Pferde, und die kleinen Verwaisten folgten denselben, als ob es ihre Mütter wären. Der Jubel war groß, als Carl und Daniel mit den beiden Pferdchen im Lager anlangten, Madame Turner und die Kinder waren außer sich vor Freude, sie liebkosten die schönen Thiere und Carl machte seinen Brüdern, Arnold und Wilhelm ein Geschenk mit dem Rappen, den kleinen Schimmel aber schenkte er seiner Schwester Julie. Turner hatte die Wagenpferde auch glücklich wieder zum Lager zurückgetrieben, und so war aus dem Schrecken eine große Freude hervorgegangen. Nun wurde sich schnell zur Abfahrt gerüstet, und als der Zug sich in Bewegung setzte, folgten die beiden Füllen dem dritten Wagenpferde, welches zu diesem Zwecke hinter das Fuhrwerk der Madame Turner angebunden war.
Das schöne herrliche Land der Prairieen lag jetzt vor den Reisenden ausgebreitet, bald schwanden die letzten blauen Umrisse der Wälder von Arkansas, und wie auf einem wogenden, mit Blumen übersäeten grünen Meere zogen die Wanderer über die reichen, wellenförmig auf- und niedersteigenden Grasfluren hin. Sie hatten das Indianergebiet westlich von Arkansas betreten, und erreichten am zweiten Abend das Fort Towson, in dessen Nähe sie übernachteten. Der Befehlshaber der Dragonerabtheilung, welche hier auf Station lag, um die Grenzansiedelungen der Weißen gegen die Gewaltthätigkeiten der Indianer zu schützen, bezeigte sich sehr freundlich gegen Turners und besuchte sie noch vor ihrer Weiterfahrt am folgenden Morgen in ihrem Lager. An diesem Tage gelangten sie bei dem neuen Grenzstädtchen Franklin an, wo sie den rothen Fluß überschritten, um sich aus dem Lande zu entfernen, welches von der Regierung der Vereinigten Staaten den verschiedenen Indianerstämmen, die sie aus den östlichen Staaten vertrieben hatte, als Eigenthum angewiesen war. Nun lagerten Turners auf der nördlichen Grenze von Texas. Von hier aus ward der Weg nur durch undeutliche Wagenspuren bezeichnet und das Gefühl, der vollständigen Wildniß näher zu kommen, drängte sich den Reisenden mehr und mehr auf. Nur selten trafen sie noch ein einsames Blockhaus an, bis sie nach Verlauf von einer Woche endlich das letzte Grenzstädtchen Preston am rothen Flusse erreichten. Man nannte es Stadt, wenn es auch nur aus wenigen Holzhäusern bestand, die unter einzelnen Baumgruppen versteckt lagen und durch sandige Fußpfade mit einander verbunden waren. Mehrere Kaufleute, die alle für die Grenzansiedler nöthigen Bedürfnisse feil hielten, ein Schneider, ein Schmied, ein Schuhmacher, ein Arzt und ein Advocat nebst mehreren Farmern und zweien Schenkwirthen bildeten die Einwohnerschaft. Die Trachten dieser Leute bekundeten, daß sie an der äußersten Grenze der Civilisation wohnten, denn dieselben bestanden zum großen Theil in Lederanzügen, und die langen Messer, die Pistolen und die Büchsen, welche sie mit sich führten, deuteten die Nähe der Wildniß an.