Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 7
Unter Bangen und Zagen verstrich die Nacht, das leiseste Knarren in den Fugen des Fahrzeuges schreckte die Bewohner desselben auf und klang wie Todesruf in ihre Ohren. Dabei nahm die Kälte so zu, daß alle Mäntel und Decken nicht hinreichten, sich zu wärmen, und mit ängstlichem Sehnen wurde der Morgen erwartet. Bei Anbruch des Tages verstärkte sich der Wind, und da der Eisberg sich so gedreht hatte, daß das Schiff mit der Spitze dem Luftstrom entgegen stand, so ließ der Kapitain Segel aufziehen, in der Hoffnung, daß dieselben den Goliath von dem Eise zurückdrängen würden. Wohl füllten sie sich kräftig und beugten die Masten und Segelstangen zurück, aber das Fahrzeug rührte sich nicht. Da kam dem Kapitain der Gedanke, ob er nicht mit Hülfe der Anker das Schiff in Bewegung setzen könnte; der größte wurde in ein Boot hinabgelassen, die Kette desselben von der Spitze des Schiffes unter dessen Bauch hingezogen, und einige zwanzig Schritte hinter dem Ende des Fahrzeuges ward der schwere Anker in die See hinabgeworfen. Er sank tief im Wasser über den äußersten Rand des Eisberges, und nun ließ der Kapitain die mächtige Winde in Bewegung setzen, um die Ankerkette anzuziehen. Es fragte sich, ob der Anker beim Aufwinden den Eisrand unter dem Wasser erfaßte, dann war Hoffnung vorhanden, daß er das Schiff zu sich zurückziehen könne. Die Winde drehte sich geraume Zeit, plötzlich aber stand sie still, denn der Anker saß fest. Mit vereinten Kräften legten sich jetzt alle Matrosen gegen die Winde, es waren noch mehrere Segel aufgezogen, die Masten beugten sich und ächzten, die Ankerketten knarrten, das Schiff wankte, es neigte sich zur Seite, noch einen Ruck -- und rauschend glitt es in die See zurück. Ein jauchzendes, jubelndes »Gott sei gelobt!« schallte von allen Seiten über das Verdeck, denn der Goliath schaukelte sich wieder leicht auf den Wogen, und der Eisberg zog an ihm vorüber. Der Anker wurde nun aufgezogen, das Schiff vor den Wind gebracht, und bald steuerte es abermals ruhig seinem Ziele zu. Von jetzt an sollten die Reisenden am Bord des Goliath das Meer nur noch in seiner freundlichsten Laune sehen; die Wogen trugen sie spielend dahin, die Sonne, von ihrem Auftauchen aus dem Ocean bis zu ihrem Hinabsinken verbarg sich nicht mehr vor ihren Blicken, und nach Verlauf von einigen Wochen färbte sich die See plötzlich grün, das sichere Zeichen, daß das Land nicht mehr fern sei. Mit lauten Freudenrufen wurde bald darauf die Küste Amerika's begrüßt, und mit frisch gefüllten Segeln zog der Goliath stolz in die Chesapeake-Bay ein.
Wie strahlten die Blicke der Familie Turner nach den Ufern dieses wunderbar schönen Gewässers hinüber, wie hingen sie freudig an jedem Farmhause, an jeder Hütte, die friedlich und anmuthig unter hohen Baummassen hervorsah; -- sollte doch auf diesem Ufer auch ihre neue Heimath gegründet werden! -- Noch eine Nacht mußten sie auf dem Goliath zubringen, morgen aber hofften sie die amerikanische Erde zu betreten. Nur wenige Stunden während dieser Nacht gaben sich die Passagiere der Ruhe hin, denn das Mondlicht beleuchtete die Küsten der sich immer mehr verengenden Bay mit Tageshelle, so daß die Blicke der Einwanderer immer noch von dort angezogen wurden, und die Hunderte von großen und kleinen Schiffen, welche mit ihren weißen aufgeblähten Segeln an ihnen vorüber schaukelten und nickten, fesselten sie bis spät in die Nacht hinein auf dem Verdeck. Kaum aber graute der Tag, als sie sämmtlich aus der Kajüte hervoreilten, um ihre Augen wieder an den schönen Ufern zu weiden und jeder Farm im Vorübersegeln Grüße zuzusenden; denn der Vetter Victor wohnte ja unmittelbar an der Bay und war ja schon lange im Besitze der Nachricht, daß sie mit dem Goliath reisen würden. Der Name des Schiffes war mit großen schwarzen Buchstaben an dessen Spitze geschrieben, so daß der Vetter mit Hülfe eines Fernglases denselben lesen konnte -- vielleicht eilte er dann sofort nach Baltimore, um seine lieben erwarteten Verwandten bei ihrer Ankunft daselbst zu empfangen. Die Sonne neigte sich schon, als die Thürme und Kuppeln dieser Stadt aus der blauen Ferne hervortraten, und die Abenddämmerung strich über die Erde, als der Goliath die Landspitze erreichte, von welcher aus Baltimore sich bis auf die ferneren Höhen ausdehnt. Hier, an der Point, wie man diesen äußersten Theil der Stadt nannte, legten alle aus See kommenden großen Schiffe an, und bald war der Goliath an einem Werfte befestigt und aller seiner Segel beraubt.
Mit einem stummen, aus tiefstem Herzen kommenden Dankgebet zum Himmel traten Turner und seine Gattin mit den Kindern an das Land, um nun sogleich einen Brief an den Vetter Victor der Post zu übergeben, damit dieser, von ihrer glücklichen Ankunft benachrichtigt, sobald als möglich in ihre Arme eilen möchte. Daniel, der in der Stadt bekannt war, mußte sie begleiten, und Kapitain Bosse versprach mit dem Abendessen auf ihre Rückkehr zu warten, denn es war zu spät geworden, um noch nach einem Gasthause übersiedeln zu können. Daniel rieth Turner, einen Wagen zu nehmen, da man eine halbe Stunde gebrauche, um nach der eigentlichen Stadt zu gehen, und weil ihm und den Seinigen nach so lange entbehrter Bewegung der Weg sauer werden würde. Turner folgte dem Rathe des Negers weniger aus Besorgniß vor dem weiten Spaziergang, als weil er den Kapitain nicht zu lange mit dem Abendessen auf sich warten lassen wollte. An der nächsten Straßenecke, wo viele Miethwagen hielten, wurde ein solcher bestiegen, Daniel setzte sich zu dem schwarzen Kutscher auf den Bock, und im Galopp jagten die Pferde mit dem leichten Fuhrwerk dahin. Die hohen prächtigen Gebäude, die Kirchen mit ihren Kuppeln und Thürmen, die Monumente und die wogenden Menschenmassen auf den Trottoirs, Alles von dem hellen Licht des Mondes beschienen, machten einen überraschenden, einnehmenden Eindruck auf die Ankömmlinge, und der Gedanke, in der Nähe einer so schönen belebten Stadt zu wohnen, that ihnen wohl. Die Post wurde bald erreicht, der Brief abgegeben, und ohne Aufenthalt lenkte der Kutscher die Pferde nach der Point zurück. Frühzeitig am folgenden Morgen verließen die Passagiere nun das Schiff und dessen freundlichen Führer, und bezogen ein Gasthaus zweiten Ranges ganz in der Nähe des Werftes, wo der Goliath lag. Kapitain Bosse, der mit dem Wirth des Hauses schon seit Jahren bekannt war, führte Turners bei ihm ein, und schnell hatten sie sich dort wöhnlich eingerichtet.
Turner stattete nun dem Kaufmann, auf welchen seine Wechsel ausgestellt waren, einen Besuch ab, um das Geld dafür in Empfang zu nehmen. Man gab ihm für den Betrag Anweisungen auf zwei verschiedene Banken, welche er in denselben vorzeigte und wogegen ihm die Summen zur Verfügung gestellt wurden. Turner empfing von der einen Bank den ganzen Betrag der Anweisung mit viertausend Dollar in Gold, in der anderen Bank aber ließ er das Geld, welches nicht ganz drei tausend Dollar betrug, stehen, um nicht sein ganzes Vermögen einem etwaigen Diebstahl auszusetzen.
»Es ist besser« sagte er zu seiner Gattin, »wenn wir nur einen Theil unseres Geldes bei uns im Hause haben; in der Bank kann es uns nicht gestohlen werden.«
Der dritte und vierte Tag verstrich, ohne daß der Vetter Victor selbst, oder nur eine Antwort von ihm erschienen wäre; denn Turner ging Morgens und Abends nach der Post und erkundigte sich nach Briefen. Dies Schweigen war ihm und den Seinigen recht unangenehm, wenn es auch in keiner Weise Besorgniß erregte, denn die unregelmäßige schlechte Postverbindung im Lande seitwärts von den großen Straßen machte es erklärlich. Als aber auch der fünfte Tag verfloß, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Vetter eingetroffen war, entschloß sich Turner, selbst zu ihm hinzureisen und ihn zu überraschen.
Der Wirth des Gasthauses, dem Turner den Wohnort seines Vetters bezeichnete, rieth ihm, einen Wagen zu miethen und sich hinfahren zu lassen, wenn die Reise auch zu Schiff in kürzerer Zeit gemacht werden könne. In einem Segelboot sei er mehr von Wind und Wetter abhängig und habe weniger Bequemlichkeit, während die Kosten ziemlich gleich wären. Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch trat Turner die Reise an und nahm Carl Scharnhorst mit sich, um nicht ganz allein zu fahren und weil er selbst weniger gut englisch sprach, als der Knabe, der sich viel bei Daniel darin geübt hatte. Es war ein herrlicher heiterer Morgen, die Sonne verscheuchte bald den Nebel, der sich von der Bay aus weit über das Land gelegt hatte, und freudigen, muthigen, thatkräftigen Herzens begrüßte Turner die waldige Höhe, über welche die rohe Straße führte. Bunte, in goldigem Sonnenschein glänzende Vögel schwirrten durch den frischen grünen Wald, oder sangen ihr Morgenlied auf den himmelhohen Bäumen, graue und schwarze Eichkätzchen huschten über den Weg und jagten sich spielend an den Baumstämmen hinauf, und zu Carls großer Freude schwang sich ein mächtiger weißköpfiger Adler in nicht großer Entfernung von dem vorüberfahrenden Wagen auf eine Eiche. Carl rief dem Kutscher zu, anzuhalten, sprang mit seiner Büchse in der Hand aus dem Wagen, und eilte der Höhe zu, auf welcher die Eiche stand. In diesem Augenblicke erhob über der nahen Bay, auf welche Carl von hier aus einen Blick hatte, ein Fischadler ein lautes Geschrei, schoß, die Flügel an sich drückend, pfeilschnell nach dem Wasserspiegel hinunter, verschwand einen Augenblick unter demselben, und stieg dann mit einem großen Fisch in den Krallen wieder aus der Fluth empor. Kaum aber hatte er sich mit seinem Fang erhoben, als der Adler von der Eiche herabschoß und mit Blitzesschnelle auf ihn Jagd machte. Der Fischadler stieg schreiend gerade gegen den Himmel auf, der weißköpfige aber folgte ihm mit gewaltigem Flügelschlage, bis plötzlich sein fliegender Gegner den Fisch fallen ließ und er denselben noch einholte und ergriff, ehe er das Wasser erreichte. Nun zog der mächtige Vogel mit seiner Beute nach der Eiche zurück, um sie dort zu verzehren. Carl hatte, hinter Baumstämmen verborgen, der Jagd zugesehen und sich nun vorsichtig bis auf Schußweite dem Räuber genähert, der schon emsig beschäftigt war, den Fisch zu verspeisen. Die Büchse knallte und der Adler, von der Kugel in die Brust getroffen, stürzte todt mit dem Fisch auf die Erde herab. Im Triumph trug Carl beide zum Wagen hin, und erzählte nun seinem Onkel in größter Freude den Hergang der Jagd.
»Das ist der Lauf der Welt, Carl; der Mächtigere unterdrückt und beraubt den Schwächern,« sagte Turner lächelnd zu dem Knaben.
»Aber Onkel, ich habe ja nur den Räuber bestraft,« entgegnete Carl halb verlegen.
»Das heißt, weil es Dir überhaupt Spaß machte, den Vogel zu erlegen,« antwortete Turner scherzend. »Du hast ihn übrigens gut getroffen, und Du schießest schon sehr sicher mit der Büchse.«
»Sie ist ja auch ein Geschenk von Dir, lieber guter Onkel, da muß ich ihr doch Ehre machen,« entgegnete Carl, indem er Turners Hand ergriff und sie zärtlich drückte.
Der Weg bot während des ganzen Tages die reizendste Abwechselung: bald führte er durch weite üppige Grasflächen, auf denen prächtiges Vieh in großen Heerden weidete, bald zog er sich durch reiche Mais- und Tabacksfelder und an lieblichen Pflanzerwohnungen vorüber, bald wurde er von hohem Urwald überschattet, der sich wie ein Laubgewölbe über ihm schloß und nur hier und dort einzelnen Sonnenstrahlen gestattete, den mit riesigen Kräutern bedeckten Boden zu erreichen, und bald wieder streckte er sich über kahle Höhen, von wo man auf die grüne Fluth der Bay hinabschaute, auf welcher sich unzählige große und kleine Schiffe unter ihren weißen Segeln wiegten. Je näher Turner dem Ziele seiner Reise kam, um so stärker wurde das Verlangen nach dem Augenblick, wo er dem Vetter in die Arme eilen würde, und wieder und wieder fragte er den Kutscher, wie lange er noch zu fahren habe. Endlich, als die Sonne sich schon neigte, deutete der Fuhrmann nach einem seitwärts von der Straße an dem Ufer der Bay gelegenen Gehöft, und bezeichnete dasselbe als die ersehnte Farm. Kaum eine Viertelstunde war nöthig, dieselbe zu erreichen, und mit hochschlagendem Herzen sprang Turner aus dem Wagen und eilte durch den kleinen verwahrlosten Garten dem Hause zu. Seine Blicke schweiften nach allen Richtungen vor sich, um den Vetter zu erspähen, als ein Mann in Hemdsärmeln aus der Hausthür unter die Veranda trat und die Ankommenden verwundert betrachtete. Turner näherte sich ihm, begrüßte ihn freundlich, und fragte ihn in gebrochenem Englisch, ob Herr Victor Turner hier wohne, und ob er zu Hause sei.
»Herr Victor Turner ist todt, er ist vor zwei Monaten am Fieber gestorben; ich habe seiner Wittwe diese Farm abgekauft, und sie ist, so viel ich weiß, über New-York nach Deutschland zurückgekehrt,« antwortete der Fremde mit gleichgültigem Tone, und setzte dann noch hinzu: »Wollen Sie nicht näher treten, Herr?«
Turner stand, wie vom Blitz getroffen, und starrte den Fremden an, als forsche er, ob er wohl recht gehört habe.
»Mein Vetter todt?« rief er dann plötzlich, die Hände zusammenschlagend, aus, »es ist wohl nicht möglich!«
»Aber wahr, er ist todt und begraben, dort unter jenem Ahorn liegt er, wohin er vor seinem Ende noch bestimmte, beerdigt zu werden,« erwiederte der Fremde, nahm die Schöpfkelle aus dem Eimer mit Trinkwasser neben der Thür, und reichte sie Turner mit den Worten hin: »Wollen Sie nicht einen frischen Trunk zu sich nehmen, Herr?«
Turner, ohne Antwort zu geben, sank von Schreck und Schmerz überwältigt, auf eine Bank nieder, bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen, während sich Carl weinend an ihn schmiegte und den Arm um seinen Nacken schlang. Nach einigen Minuten jedoch sammelte sich Turner wieder, und fragte den jetzigen Herrn der Farm, ob ein Wirthshaus in der Nähe sei, wo er die Nacht zubringen könne.
»Trinkhäuser giebt es viele an der Straße, aber keine Wirthshäuser; das nächste ist zehn Meilen von hier entfernt. Wollen Sie jedoch bei mir bleiben, so sind Sie willkommen. Sie müssen vorlieb nehmen, ich habe noch keine Frau,« sagte der Farmer, und rief dann dem Kutscher zu, er solle die Pferde ausspannen und nach dem Stalle bringen.
Turner nahm nothgedrungen das Anerbieten an, verbrachte aber eine schreckliche Nacht unter dem Dache, unter welchem er Rath, Hülfe und Liebe für sich und die Seinigen zu finden gehofft hatte. Jetzt stand er allein, verlassen und ohne alle Freunde auf dieser fremden Erde; wo und wie sollte er nun eine Heimath suchen und finden? Trostlos trat er am folgenden Morgen seine Rückreise nach Baltimore an, und näherte sich bei Sonnenuntergang der Stadt mit einer tiefen Wehmuth im Herzen, denn er sollte nun auch den Seinigen die glückliche sorgenlose Ruhe nehmen und ihnen die Schreckenskunde überbringen.
»Großer Gott, Max, allein?« sagte Madame Turner zu ihm, als er aus dem Wagen stieg und sie den Ernst auf seinen Zügen las.
Turner schlang liebevoll seinen Arm um die Gattin und führte sie schweigend nach ihrem Zimmer. Dort theilte er ihr nun die schwere Trauerbotschaft mit, unter der auch sie im ersten Augenblick erlag. Sie wurde bleich, sie bebte und warf sich weinend an ihres Gatten Brust, doch bald ermannte sie sich wieder in dem Gedanken an den Allmächtigen, der ihnen immer so gnädig in der Noth beigestanden und sie noch kürzlich auf der See vom nahen Untergange gerettet hatte. Beide sprachen einander Trost ein, Beide sahen unbedingt und unerschütterlich nur ihr Bestes in Allem, was Gott über sie verfüge, und sie beschlossen, vorsichtig, aber ohne Zagen den Weg zu verfolgen, den sie für das Wohl der Kinder eingeschlagen hatten. Turner wollte sich nicht im Ankauf einer Farm übereilen, er wollte sich mit Ruhe nach einer solchen umsehen, und namentlich bei der Wahl derselben darauf bedacht sein, daß sie in einer gesunden Gegend läge. Sein Hauswirth sprach ihm auch Muth ein, derselbe war fast mit allen Farmern, die unweit der Bay wohnten, bekannt, da dieselben gewöhnlich zu Schiff ihre Producte nach der Stadt führten und dann bei ihm abstiegen. Turner besaß noch ungefähr sieben tausend Dollar baares Geld, und der Wirth hatte ihm schon von vielen hübschen, sehr einträglichen Farmen erzählt, die mit allem Zubehör für weniger angekauft waren. Bis zum Herbst hatte er ja Zeit, sich umzusehen, und da er sehr billig wohnte, so machte ihm der verzögerte Aufenthalt im Gasthause auch keine Sorgen. Schon nach wenigen Tagen stiegen mehrere Farmer aus dem Lande in dem Gasthause ab; der Wirth machte Turner mit ihnen bekannt, und sie luden ihn freundlich ein, mit ihnen nach Hause zu segeln, da sie ihm in ihrer Gegend verschiedene Pflanzungen zeigen könnten, die käuflich wären. Turner nahm den Vorschlag an, blieb über eine Woche von der Stadt entfernt, und kehrte sehr befriedigt zurück, wenn er sich auch noch nicht zum Kauf entschlossen, sondern vorher noch andere Ländereien in Augenschein nehmen wollte. Er machte dann mehrere kleine Reisen zu gleichem Zweck landeinwärts, weil ihm gesagt wurde, daß dort weniger Fieber herrschten, als an den Ufern der Bay, und seine Zufriedenheit mit dem Lande wuchs von Tag zu Tag. Kapitain Bosse, der mit Einnehmen einer neuen Ladung nach Europa beschäftigt war, suchte Turners häufig in den Abendstunden auf, und freute sich stets, wenn er hörte, daß es ihnen in ihrer neuen Heimath gefalle.
Eines Morgens saß Turner mit dem Wirthe auf der Bank vor der Thür des Gasthauses und unterhielt sich mit ihm über die Vorzüge und Nachtheile einer Farm, die ihm ganz in der Nähe der Stadt angeboten war. Wohl über eine Stunde hatten sie hier geplaudert und kaum bemerkt, daß die Straße mehr, als gewöhnlich, von Fußgängern belebt war, die dem obern Theile der Stadt zueilten. Jetzt aber kam ein Trupp junger Männer bei ihnen vorüber, von denen einer dem Wirth zurief, daß eine Bank ihre Zahlungen eingestellt habe und mit Ungestüm von dem Volke bedrängt werde. Turner, der es nicht deutlich verstanden hatte, ließ sich die Aussage durch den Wirth erklären, und hörte nun zu seinem furchtbaren Entsetzen, daß es gerade die Bank sei, in welcher er sein Geld stehen habe. Mit bebenden Lippen theilte er dies nun dem Wirthe mit, und beschwor ihn, sich seiner anzunehmen und ihm behülflich zu sein, um sein Eigenthum zu retten. Der Wirth war sogleich bereit ihn zu begleiten; sie bestiegen ohne Aufenthalt einen Wagen und eilten der Stadt zu. Je weiter sie fuhren, um so belebter fanden sie die Straßen, und bald wurde das Gedränge so groß, daß der Wagen nicht mehr weiter fahren konnte. Turner und der Wirth stiegen aus, und erreichten bald darauf das geschlossene Bankgebäude, vor welchem sich Tausende von Menschen versammelt hatten.
»An wen kann ich mich denn wohl wenden, um wenigstens einen Theil meines baar eingelegten Geldes wieder zu bekommen?« fragte Turner in seinem Schrecken den Wirth.
»Ja, bester Herr, es thut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, aber ich würde Ihnen keinen Dollar für Ihre ganze Forderung geben. Wie ich höre, so hat die Bank ungeheure Summen in Papiergeld ausgegeben, der Präsident derselben und der Cassirer sind mit der Baarschaft durchgegangen, und es wird Niemand einen Cent herausbekommen. Fügen Sie sich in Ihr Schicksal, es ist Nichts daran zu ändern. Hätten Sie mich um meinen Rath gefragt, ich würde Sie davor gewarnt haben, das Geld in dieser Bank stehen zu lassen.«
Mit diesen Trostworten ergriff der Wirth den Arm Turners und zog ihn mit sich fort aus dem Gedränge, um ihn von dem Orte zu entfernen, der ihm beinahe die Hälfte seines Vermögens kostete.
Abschnitt 3.
Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. -- Der Hirsch. -- Die Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. -- Die wilden Pferde. -- Die Prairie. -- An der Frontier. -- Der Büffel. -- Die wilden Truthähne.
Dieser neue Schlag war zu schwer für Turners, als daß sie sich sobald hätten darüber erheben können. Aller Trost, den ihnen der freundliche Wirth sowohl, als auch Kapitain Bosse einzusprechen suchten, fand kein Gehör bei ihnen, sie gaben sich ihrem Schmerz, ihrem Unglück hin, und sahen mit Verzweiflung auf die Kinder. Mehrere Tage verstrichen, ohne daß sie hätten den mindesten Beschluß fassen, oder auch überhaupt ihre Lage überblicken können. Sie verließen kaum ihre Zimmer, saßen dort mit den Kindern in Kummer und Jammer versunken, und dachten an das schöne Werrathal zurück. Eines Abends, als die Sonne sich neigte und der Abendwind kühlend durch die Thür und die Fenster des Zimmers strich, saß Turner mit seiner Gattin in der düstern Ecke des Gemachs und gab seinem Gram Worte: »Es bleiben uns nicht mehr volle viertausend Dollar übrig, damit kann man hier im Lande keine Farm kaufen, die uns zu ernähren vermöchte. Arbeitskräfte besitzen wir nur in meinen und Carls Händen, und wenn wir auch gern das Unsrige thun wollen, so ist uns die Arbeit, wie sie hier vorkommt, doch noch zu neu und fremd, als daß wir viel zu schaffen im Stande sein werden. Hätten wir das Geld nicht verloren, so könnten wir uns einen Neger miethen, oder auch kaufen; wir würden ihn ja gut und nicht als Sklave behandelt haben. So aber besitzen wir nicht einmal genug Vermögen mehr, um Land, Vieh und Geräthschaften zu kaufen. Ich weiß nicht, was aus uns hier werden soll!«
Bei diesen letzten Worten ließ Turner muthlos die gefalteten Hände zwischen seinen Knieen hinabsinken, und blickte niedergebeugt auf den Fußboden vor sich. Madame Turner weinte und sah gleichfalls schweigend vor sich nieder; vergebens suchte sie nach einem Auswege, nach einem Trostwort.
Carl Scharnhorst, welcher schweren Herzens während dieser Tage dem Schmerz und Gram der geliebten Pflegeeltern gefolgt war, saß ihnen auch jetzt schweigend gegenüber, und sah ihre Trostlosigkeit, ihre Verzweiflung. Plötzlich aber erhob er seinen Kopf, seine Augen glänzten und verriethen, daß ein Hoffnungsgedanke ihn belebe. Er stand schweigend auf, nahm seinen Hut und Stock, und verließ das Zimmer. Mit raschen Schritten eilte er in der düster werdenden Straße hinab nach dem Werfte, wo der Goliath lag, und erstieg wenige Minuten später das Verdeck des Schiffes. Die Matrosen bewillkommneten ihn aufs Freundlichste, denn alle hatten den Knaben liebgewonnen, sie theilten ihm aber mit, daß der Kapitain nach der Stadt gegangen sei. Carl entgegnete ihnen, er komme, um Daniel zu sprechen, von welchem er wünsche, über Verschiedenes Auskunft zu erhalten. Auf den Ruf seines Namens kam der Neger herbeigeeilt, und freute sich herzlich, seinen jungen Freund zu sehen. Carl nahm ihn mit sich auf das obere Verdeck nach dem Boote, wo sie so manchen Abend in traulicher Unterhaltung beisammen gesessen hatten, und bat ihn, an seiner Seite Platz zu nehmen.
»Daniel, ich habe Dich Etwas zu fragen, worauf Du mir offen und ehrlich antworten mußt,« begann Carl, indem er die Hand des Negers ergriff, und ihn mit seinen großen treuen Augen ansah.
»Gern, junger Herr, will ich dies thun, so wie ich Alles gern thun werde, um Ihnen dienen zu können. Sie und die Ihrigen sind so freundlich gegen mich gewesen, wie es ein Amerikaner gegen einen Schwarzen gar nicht sein kann und wie ich es Ihnen niemals in meinem Leben vergessen werde. Was soll ich Ihnen denn beantworten?« entgegnete der Neger mit freundlicher Miene.
»Sage mir, warum fährst Du zur See und verdienst Dein Brod nicht lieber auf dem Lande, wo Du doch nicht immer so großen Gefahren ausgesetzt bist?« fragte Carl.
»Das will ich Ihnen sagen, weil ich im Dienste des Kapitains Bosse eine bessere Behandlung genieße und weniger der Verachtung der Weißen ausgesetzt bin, als in den Vereinigten Staaten. Aber warum wünschen Sie dies zu wissen, junger Herr?« entgegnete Daniel.
»Du hast wohl gehört, Daniel, daß mein Onkel so viel Geld an der Bank verloren hat.«
»Ja wohl, und es hat mir sehr leid gethan.«