Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 6
Madame Turner hatte für sich und für Julie Näharbeiten mit auf das Verdeck genommen, um die Zeit nicht müssig zu verbringen, und Turner setzte sich mit einem Buche, welches über Amerika handelte, zu ihnen. Carl aber mit Arnold und Wilhelm hatte das Boot wieder bestiegen, um die See zu überspähen und zu wachen, ob sich nicht wieder die Gelegenheit zu einer Jagd darbieten würde. Daniel fand sich, so oft es seine Zeit erlaubte, bei den Knaben ein und wurde von ihnen dann mit tausend Fragen bestürmt; mit weiteren Erzählungen über sein Leben in der Wildniß aber vertröstete er sie auf den Abend, wo ihn seine Geschäfte nicht dabei unterbrechen würden.
Eine auffallende Ruhe und Stille herrschte auf dem Schiffe. Die Matrosen saßen auf dem untern Verdeck mit der Ausbesserung von Segeln beschäftigt, oder hingen hier und dort hoch in der Luft in dem Tauwerk der Masten, um kleine Schäden auszubessern, und der Kapitain ging ab und zu, indem er seine Anweisungen bei den Arbeiten gab. Nur von Zeit zu Zeit rief er die Matrosen herbei, um das eine oder andere Segel etwas straffer anzuziehen; denn außerdem gebrauchte das Schiff keine besondere Hülfe: es segelte unverändert während des ganzen Tages in derselben Richtung und dasselbe Bild, dieselben Erscheinungen umgaben fortwährend das Fahrzeug. Turners schauten zwar oftmals über die See hinaus und folgten mit den Blicken dem Laufe der rollenden Wogen; diese boten aber in ihrer regelmäßigen Bewegung dem Auge durchaus keine Veränderung, und Turner bemerkte dem Kapitain, als derselbe einmal zu ihnen getreten war, daß auf die Dauer eine Seereise doch sehr einförmig, ja langweilig werden müsse.
»Wir wollen hoffen, daß die unserige in dieser Beziehung recht langweilig bleiben möge; denn die Abwechselungen, die sie uns bieten könnte, sind nicht zu unserm Vortheil. Bei Windstille und glatter ruhiger See würden wir nicht aus der Stelle kommen, und ein Sturm, so schön und interessant die Landbewohner ihn sich auch denken mögen, ist und bleibt ein gefährliches Vergnügen. Wind und Wetter, wie wir es heute haben, ist des Seemanns höchste Lust; dieser Wind würde uns in einigen zwanzig Tagen nach Baltimore bringen.«
»Ich verzichte auch gern auf jede Abwechselung,« bemerkte Madame Turner, »der Himmel mag uns vor Stürmen bewahren!«
»Wir sind jetzt in der günstigen Jahrszeit, wo man sie am wenigsten zu befürchten hat; hoffentlich werden Sie ihre Bekanntschaft gar nicht machen,« erwiederte der Kapitain. Der Tag verlief ruhig und heiter und der Abend wurde von Carl und seinen Gefährten freudig bewillkommnet, denn gleich nach dem Abendessen setzte sich Daniel wieder zu ihnen und erzählte von seinem Leben in der Wildniß.
Am folgenden Morgen fühlten die Passagiere schon in ihren Betten an den heftigen Bewegungen des Schiffes, daß mit der See eine Veränderung vorgegangen sein müsse. Der erste Blick auf das Verdeck machte ihre Vermuthung auch wahr: ein sehr heftiger Wind jagte schwere graue Wolken fliegend über die Wogen, welche sich immer höher und gewaltiger erhoben und sich ungestüm gegen die Seiten des Goliath warfen. Die Matrosen waren eifrig beschäftigt, die oberen Segel ganz einzuziehen und die unteren zu verkleinern, alle Arbeiten auf dem Verdeck waren eingestellt, alle Taue, die nach den Segeln hinaufführten, lagen für schnellen Gebrauch zusammengeringelt an der Brüstung hin, und allenthalben auf dem Schiffe war die größte Ordnung hergestellt. Auf die Frage der Madame Turner an den Kapitain, ob er Besorgniß über das Wetter hege, erwiederte er, daß dasselbe weniger günstig zu werden scheine, und daß er alle Vorkehrungen treffen müsse, ihm zu begegnen. Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, bis er gegen Abend aus Südwesten in einem Sturm heranzog. Das Düster der einbrechenden Nacht vermehrte das Schauerliche des Bildes, welches die Umgebung des Goliath jetzt darbot. In rollenden Wasserbergen thürmte sich die See um ihn auf, donnernd brachen sich die Wogen unter seinem Kiel und warfen, hoch vor ihm aufsteigend, ihren weißen Gischt über das Verdeck hin. Dabei pfiff und stöhnte der Wind in dem rasselnden Tauwerk und drohte die wenigen kleinen Segel, die das Schiff noch trug, zu zerreißen. Der Sprühregen der Wogen, der ununterbrochen über das Verdeck peitschte, hatte die Passagiere von dort verjagt und sie in die Kajüte getrieben. Hier saßen sie bei dem matten Scheine der Ampel, die sich unter der Decke hin und her schwang, mit bangen Herzen beisammen, und lauschten dem Brausen und Toben des Sturmes und der Wogen, so wie dem Aechzen und Stöhnen des Schiffes und seiner Masten. Es ging schon auf Mitternacht, als der Kapitain durchnäßt hereintrat, um seinen Rock zu wechseln, und seine Passagiere noch auf fand. Er versicherte ihnen nun, daß noch durchaus keine Gefahr vorhanden sei, bot Alles auf, sie zu beruhigen, und bat sie dringend, sich zu Bett zu begeben; er würde statt ihrer wachen. Turners gaben seinen Vorstellungen nach, verbrachten jedoch eine sehr unruhige Nacht und hießen mit ganzem Herzen das neue Tageslicht willkommen.
Kurz vor der Frühstückszeit rief sie der Kapitain auf das Verdeck, um ihnen die Orkney-Inseln zu zeigen, in deren Nähe sich der Goliath jetzt befinde. Turner mußte seine Gattin beim Gehen halten und unterstützen, um das obere Verdeck zu ersteigen; denn das Schiff lag sehr auf der Seite und schwankte gewaltig auf und nieder. Die Wolken hingen in ihrem schnellen Zuge so tief auf das Meer herab, daß man nur von Zeit zu Zeit, wenn sie der Sturm auseinander fegte, einen weiteren Blick von dem Schiffe aus hatte, und eine geraume Zeit waren die Passagiere mit den Augen der Richtung gefolgt, in welcher der Kapitain die Inseln andeutete, ehe sie dieselben erkennen konnten.
In schwarzen steilen Felsmassen, um welche sich das graue Gewölk rollte, stiegen sie aus der wild tobenden Fluth auf, und die Außenlinien ihrer schroffen zackigen Wände wurden dem Auge bei Annäherung des Fahrzeuges immer deutlicher und schärfer. Bald hatte der Goliath die östlichste Inselgruppe bis auf geringe Entfernung erreicht und stürmte, von Wind und Wogen gejagt, an ihr vorüber. Die See bäumte sich an den nackten schwarzen Felsen und warf ihren weißen Schaum hoch an ihnen empor, während Milliarden von Möven, Enten, Gänsen und Tauchern ihre Höhen wie weiße Wolken krächzend umschwärmten und sich in großer Zahl auf ihren Spitzen niedergelassen hatten. Weithin erkannte man von Zeit zu Zeit noch mehrere andere dieser kahlen felsigen Inseln, die Jahr aus Jahr ein von der See gepeitscht, dem Zorn der Elemente Trotz bieten und auf denen, abgeschieden von der übrigen Welt, glückliche Menschen wohnen, die diese ihre Heimath lieben und sie gegen keine andere vertauschen möchten. Eilig zog der Goliath an den Inseln vorbei und bald verschwanden dieselben in der schweren grauen Luft, die der Sturm über das Meer hintrieb. Der Wind war ganz westlich geworden und nöthigte das Fahrzeug, seine nördliche Richtung beizubehalten. Nur wenige kleine Segel waren noch entfaltet, genug, um das Schiff steuern zu können, und doch schoß es mit fliegender Eile Woge auf, Woge ab dahin, während seine nackten Masten sich weit über die See hinaus neigten. Noch am selbigen Abend zog es an den Shetland-Inseln vorüber, die ein ähnliches Bild boten, wie die Orkneys, und am folgenden Tage kamen die Faroer-Inseln in Sicht. Der Sturm hatte immer noch nicht an Heftigkeit abgenommen, und immer noch mußte der Kapitain sein Schiff nach Norden steuern lassen, um dasselbe möglichst vor Schaden durch den Wind und durch die furchtbar rollende See zu behüten.
Auch die Faroer-Inseln blieben zurück, und der Goliath segelte nun in gerader Richtung auf Island zu. Jetzt aber schien der Sturm nachzulassen, er brauste nur noch stoßweise auf, die blauer gefärbten Wogen des Weltmeers dehnten sich länger, nahmen an Höhe ab, und nach und nach gewann die See wieder ein freundlicheres Ansehen. Die Temperatur aber hatte eine bedeutende Veränderung erlitten, es war empfindlich kalt geworden, so daß die Passagiere Tücher und Mäntel umhängen mußten, und eines Morgens, als sie auf das Verdeck kamen, war alles Tau- und Segelwerk bis in die Masten hinauf mit einer Eiskruste überzogen. Am Himmel war kein Wölkchen mehr zu sehen, und als die Sonne ihre Strahlen über das Meer ausbreitete, verschwand das Eis und die Kälte, und ein lauer Wind von Süden erinnerte die Reisenden wieder daran, daß sie sich im Monat Juni befanden. Das Meer hatte sich geglättet, es wogte nur noch wie in langen Athemzügen auf und nieder, und nur hier und dort lief eine weiße Schaumwelle spielend über die glatte glänzende Fluth. Dabei füllte der leichte Wind die Segel des Goliath bis in die höchsten Spitzen seiner Masten, und trieb ihn fast regungslos auf der endlosen Wasserfläche hin. Es war Sonntag und für die Schiffsmannschaft sowohl, wie für die Passagiere, nach einer so unfreundlichen gefahrvollen Zeit ein wahrer Festtag. Nach einem heißen Dankgebet, welches Turners dem Allmächtigen für seinen Schutz gebracht hatten, eilten sie sämmtlich auf das Verdeck, um sich des wunderbar schönen neu belebenden Morgens zu erfreuen. Der Himmel und die See lächelten ihnen entgegen, die weit umherkreisenden schreienden Möven schienen ihnen Grüße zuzurufen, und die lustigen Pourpoises spielten und jagten sich über die spiegelnde Fläche. Mit Bedauern sahen die Bewohner des Goliath den Tag seinem Ende nahen, und Turners hatten sich auf dem obern Verdeck zusammen niedergelassen, um der Sonne bei ihrem Scheiden noch ein dankbares Lebewohl zuzuwinken.
Je mehr dieselbe sich ihrem Fluthbette näherte, desto lebendiger färbte sich der Himmel im Westen mit Gold und Purpur, und als sie, eine durchsichtig glühende Scheibe, über den Rand des Meeres stand und ihr blitzender funkelnder Schein, wie ein Weg von Brillanten, bis zum Schiffe über die leicht gekräuselte Fluth tanzte, hatte sich der Himmel über ihr in ein Feuermeer verwandelt.
An der andern Seite des Oceans aber, im Osten, stieg in diesem Augenblick der Mond silberhell über der dunkeln Meeresfläche auf, hauchte sein bleiches Perlenlicht über sich am Himmel empor, und sandte seinen hell glänzenden Schein, wie ein zitterndes Atlasband, über die Wellen bis zu dem Goliath hin. Zugleich wurden die erstaunten bewundernden Blicke der Passagiere nach Norden hingezogen; denn dort erschien ein drittes Licht am Firmament, welches sich in zarten rosenrothen Strahlen aus dem Meere erhob, bis zu der Mitte des Himmelsgewölbes hinaufschoß, und sich zugleich bis zu dem Schiffe her auf der Fluth spiegelte. Es war das Nordlicht, die =Aurora borealis=, welches, wie in raschen Pulsschlägen, von Secunde zu Secunde an Kraft und Farbenpracht zunahm, bis es in ein leuchtendes Carmin überging, und sich zu seinen Seiten mit dem Feuermeer über der sinkenden Sonne und mit dem Perlenlichte des Mondes vereinigte. Die Sonne schied zuerst aus diesem zauberischen dreifachen Lichtbunde, sie sank, wie das sich schließende Auge des Tages in das Meer, auf dessen zitternder Fläche nur noch der Wiederschein des Himmels spielte; das Nordlicht verblich nach und nach, wie mit ermattendem Hauche stiegen seine Strahlen schwächer und schwächer empor, und der Mond zog triumphirend am Himmel auf und breitete, als Herrscher der Nacht, seinen Atlasschein über die endlose Fluth.
Lange noch saßen die Passagiere, in tiefer stummer Bewunderung versunken, auf dem Verdeck und hielten das entschwundene Zauberbild vor ihrem geistigen Auge gefesselt.
»Ach, wie schön ist das Meer, wie prächtig, wie furchtbar groß in seinem Zorne, wie lieblich, wie bezaubernd in seiner Ruhe!« rief Madame Turner tiefbewegt aus, als der Kapitain zu ihr trat, der mit einem gewissen Stolze die Verehrung bemerkte, welche die Familie seiner Heimath, der See, zollte.
»Es muß wohl schön sein; denn was sonst zieht den Seefahrer mit so unwiderstehlicher Gewalt immer wieder auf seine blauen Wogen hinaus, um zuletzt unter ihnen sein großes Grab zu finden -- wo bleiben die Matrosen alle -- wie selten stirbt ein alter Seemann auf dem Lande, und wie noch viel seltener begegnet man dort einem solchen, der sich Reichthümer erworben hat? Das Meer ist eine schönere Heimath, als das Land!« sagte der Kapitain, und schaute mit Wohlgefallen über die, im Mondlicht glänzende endlose Meeresfläche.
Am folgenden Morgen fanden die Passagiere das Schiff auf seiner andern Seite liegend durch die See gleiten, denn der Wind war in der Nacht herumgegangen und blies jetzt frisch von Nord-Ost her in die Segel. Das herrlichste Wetter begleitete den Goliath nun während einiger Wochen, und kaum wurde es einmal nöthig, die Segel anders zu stellen.
Zufrieden und beglückt durch den Gedanken, für das Wohl ihrer Kinder ein ruhiges gefahrloses Leben in dem Vaterlande geopfert zu haben und sich den Gefahren der See, so wie denen in einem fremden Lande und unter fremden Menschen preiszugeben, schwanden Turner und seiner Gattin die Tage angenehm und rasch, und die frohe Hoffnung, nun bald das Ziel ihrer Reise zu erreichen und ihren Fuß auf die Erde ihrer neu erwählten Heimath zu setzen, wurde täglich lebendiger in ihrer Brust. Die Kinder aber, denen der Ernst der verhüllten Zukunft noch keine Sorgen machte, zählten keine Stunden, keine Tage; sie sehnten nur an jedem neuen Morgen den Abend herbei, wo ihr Freund Daniel sich zu ihnen setzen und ihnen aus seiner Jugendzeit erzählen würde. Ehe dann die Knaben sich zur Ruhe begaben, theilten sie den Eltern gewöhnlich Bruchstücke aus den Erzählungen des Negers mit, so daß Turner zuletzt selbst neugierig wurde und einige Fragen an den Schwarzen zu stellen beschloß. An einem stillen Abend, als Daniel wieder seine jungen Zuhörer um sich versammelt hatte, trat Turner wie zufällig heran und ließ sich mit den Worten bei ihnen nieder:
»Nun Daniel, ich muß doch auch einmal etwas über Dein früheres Leben hören; Du bist ja unter den Indianern aufgewachsen.«
»Ja wohl, Herr, meine Eltern waren Sklaven unter einem der Indianerstämme, welche die fernen westlichen Länder Amerika's Jahr aus Jahr ein durchwandern und, dem Büffel folgend, im Frühling nach Norden und im Herbst wieder nach Süden ziehen. Sie leben ausschließlich von der Jagd und führen große Heerden von Pferden und Maulthieren mit sich, für welche sie stets die besten Weiden aufsuchen,« entgegnete der Neger.
»Dann hast Du Gelegenheit gehabt, die verschiedenen Länder Amerika's zu sehen und mit einander zu vergleichen; wo sind denn Deiner Ansicht nach die besten für einen Farmer zu finden?«
»Jedenfalls im Südwesten, denn dort sind die reichsten immergrünen Weiden, wo das Vieh Winter und Sommer im Freien gehen kann, stets reichliche Nahrung findet und seinem Eigenthümer weder Geld noch Mühe kostet. Wer dort eine Neigung zur Viehzucht besitzt, muß durch sie zum reichen Manne werden. Im Norden, wo im Winter Monate lang Schnee liegt und der Frost das Gras tödtet, kann der Farmer nur so viel Vieh halten, wie er im Winter in dem Stalle zu ernähren vermag. Dort ist er mehr auf den Ackerbau angewiesen, und auch damit steht der Norden gegen den Süden sehr zurück, wo man während des ganzen Jahres säen und ernten kann.«
»Das ist einleuchtend; aber im Süden ist es sehr ungesund, und ein weißer Mann kann die Arbeit nicht lange aushalten.«
»Darum nannte ich den Südwesten,« entgegnete Daniel; »dort ist es gesund, in den offenen waldlosen Prairien kann die Luft sich frei bewegen, und es giebt keine stehenden verdorbenen Gewässer, keine Sümpfe, wie in den südöstlichen Staaten.«
»Jene westlichen Länder aber sind noch im Besitze der Wilden und ein Ansiedler ist dort großen Gefahren ausgesetzt,« nahm Turner wieder das Wort. »Bist Du denn einmal in Baltimore gewesen und kennst Du das Land an den Ufern der Chesapeake-Bay?«
»Ich habe über ein Jahr dort auf einer Farm gearbeitet. Es ist ein herrlicher, reicher Landstrich, wenngleich auch dort der oft sehr strenge Winter die Viehzucht beschränkt. Auch herrschen im Herbste an den Ufern der Bay die Fieber, wenn sie auch nicht so bösartig sind, wie weiter im Süden.«
»Du hast also auch auf einer Farm gearbeitet, -- was hast Du denn dort gethan?«
»Nun, Alles, was dem Farmer zu thun obliegt. Ich hatte mich bei einer Wittwe vermiethet und besorgte mit noch einem Neger, dem Sklaven der Frau, die ganze kleine Wirthschaft; ich pflügte, säete, pflanzte, machte Einzäunungen, und brachte die Ernte ein. Wir bauten Mais und Taback, und verdienten der Wittwe vieles Geld,« sagte der Schwarze.
»Was kostet denn dort das Land?« fragte Turner.
»Das ist sehr verschieden, schlechtes Land kauft man für zehn Dollar und ganz gutes für hundert Dollar.«
»Also doch so hoch wird es dort bezahlt. Man schrieb mir, daß man das beste Land für zehn Dollar kaufen könne,« fiel Turner überrascht ein.
»Ja, ja, in Amerika redet ein Jeder in seinem eigenen Interesse. Wer Ihnen das geschrieben hat, wird auch wohl seinen Vortheil dabei im Auge gehabt haben.«
»Doch nicht, es war mein eigener Vetter, der es mir schrieb,« antwortete Turner, halb in Gedanken versunken, und setzte dann schnell hinzu, »aber im Westen, dort ist das Land noch billig.«
»Regierungsland kostet zwei und einen halben Dollar, gut oder schlecht, wie man sich es wählen will. Doch in der Nähe der Ansiedelungen ist alles gute Land schon von Speculanten angekauft, man muß also weiter hinaus in das Territorium der Indianer gehen. Man kauft aber auch zwischen den Ansiedelungen bestes Land zu vier bis zehn Dollar den Acker,« versetzte der Neger.
»Der Unterschied wäre also doch sehr bedeutend,« bemerkte Turner und sagte, indem er aufstand: »Ich habe Dich aber in Deiner Unterhaltung mit den Knaben unterbrochen, nun erzähle ihnen noch von den Jagden, denen Du in jenen schönen Ländern gefolgt bist. Wäre nicht mein künftiger Wohnort schon bestimmt, wahrhaftig, ich hätte selbst Lust, dort einen Versuch zu machen.«
»Der Sie auf die Dauer wahrscheinlich mehr befriedigen würde, als in den alten östlichen Staaten,« bemerkte der Schwarze noch, als Turner zu seiner Gattin und Tochter zurückging.
Einige Tage später änderte sich die Temperatur auffallend schnell, es wurde kühl und immer kälter, so daß die Passagiere abermals ihre Mäntel hervorsuchten. Obgleich sich der Kapitain nicht darüber äußerte, so zeigten doch die verschiedenen Anstalten, die auf dem Schiffe gemacht wurden, daß er irgend etwas befürchtete. Die Segel wurden trotz dem nicht heftigen Wind bis auf sehr wenige eingezogen, so daß das Schiff ungewöhnlich langsam durch das Wasser strich, es wurden zwei Matrosen auf die spitzen Masten des Goliath gesandt, um fortwährend die See zu überspähen, und mehrere male stieg der Kapitain selbst in den Mastkorb hinauf. Gegen Mittag zog ein immer dichter werdender Nebel von Norden her über das Meer und hüllte bald das Schiff so sehr ein, daß man kaum mehr vom einen Ende desselben bis zum andern sehen konnte. Dabei nahm die Kälte immer noch zu und, wie es schien, in gleichem Maße die Besorgniß des Kapitains. Turner fragte ihn um die Ursache dieses Nebels, worauf Bosse ihm ausweichend erwiederte, daß das Schiff sich auf der Bank von Neufoundland befinde, wo solche Nebel sehr häufig einträten. Der Mittag verstrich ohne die mindeste Aenderung in der Luft, nur auf dem Schiffe wurde die Vorsicht verdoppelt, und sehr oft sahen die Passagiere, daß der Kapitain ein Thermometer in die See hinab ließ und dasselbe beim Herausheben aufmerksam betrachtete. Die Dämmerung nahm rasch zu, als Daniel zum Abendessen rief. Die Passagiere ließen sich stets durch den Kapitain zu den Mahlzeiten geleiten, diesmal aber bat derselbe nur vorauszugehen, er würde nachfolgen. Erst nachdem Turners ihr Abendessen bereits beendigt hatten, erschien Bosse und zwar in großer Eile, um sich bald wieder auf das Verdeck zu begeben. Turner wandte sich abermals an ihn, um die Ursache seiner augenscheinlichen Besorgniß zu erfahren, doch wich er wieder wie früher einer erklärenden Antwort aus. Daniel hatte dem Kapitain Thee eingeschenkt, und derselbe hob die Tasse an seinen Mund, als ein furchtbarer Stoß und ein Krach das Schiff erschütterte, wie wenn es in Trümmer zerschlagen sei.
»Eis, Eis, Gott sei uns gnädig!« schrie der Kapitain und stürzte mit den Passagieren, den Stühlen und Allem, was auf dem Tische stand, bis an die hintere Wand der Kajüte; denn deren Eingang hatte sich so sehr empor gehoben, daß es kaum möglich war, ihn zu erklimmen. Das Zetergeschrei, womit sich Madame Turner und die Kinder umklammerten, wurde von den Angstrufen, die auf dem Verdeck erschallten, übertönt, und donnernd und krachend hörte man Fässer, Kisten und Ballen über das Schiff poltern.
Kapitain Bosse war der Erste, dem es gelang, die Kajüte zu verlassen, und mit größter Anstrengung und durch die Hülfe des herbeieilenden Daniel erreichten denn auch Turners das Verdeck.
Ein schrecklicher, entsetzlicher Anblick bot sich hier ihren Augen dar. Das Schiff stand, wie ein sich bäumendes Roß, mit der Spitze hoch gegen den Himmel erhoben, und etwas seitwärts vor ihm blickte man gegen die glänzende Riesengestalt eines vierzig Fuß hohen ungeheuren Eisberges. Unbeweglich, wie festgemauert stand der Goliath, sein Vordertheil aus dem Wasser erhoben, auf dem Eise, während sein Ende bis an die Kajütenfenster von der See bespült wurde. So trieb er langsam mit der kolossalen Eismasse auf den Wogen hin.
Die Verwirrung, die Bestürzung, die Verzweiflung unter der Mannschaft und den Passagieren war grenzenlos, Alle rannten, so weit es das abschüssige Verdeck zuließ, wild durcheinander hin, man schrie, weinte, betete, und glaubte jeden Augenblick, der Goliath würde in Stücken auseinander brechen; er aber rührte sich nicht und hatte das Aussehen, als sei er es, der den Eisberg besiegt habe.
Turners lagen vor der vordern Wand der Kajüte zusammengekauert und hielten sich umklammert, als wollten sie sich selbst im Tode nicht trennen. Die erste Viertelstunde war die entsetzlichste, dann gab die Verzweiflung schon einem Hoffnungsgedanken Raum, und bald fing man an, die Lage zu prüfen und zu bereden. Der Kapitain war der Gefaßteste und Ruhigste auf dem Schiffe; er ließ die Luken öffnen und stieg selbst in die unteren Räume, um zu untersuchen, ob die Wände des Goliath Schaden gelitten hätten. Nirgend aber zeigte sich eine Spur von einer Beschädigung. Mit hoffender Zuversicht trat er tröstend zu Turners und versicherte ihnen, er hege die feste Ueberzeugung, daß das Fahrzeug ohne Gefahr von dem Eise loskommen werde.
»Wir haben wenigstens auf drei Monate Lebensmittel an Bord,« sagte er »und in wenigen Tagen treiben wir in den Golfstrom hinein, in dessen warmem Wasser das Eis sehr schnell unter dem Schiffe schmelzen wird. Nur ein Sturm könnte uns jetzt gefährlich werden; in dieser Jahreszeit aber und in diesem Breitengrade haben wir solchen nicht zu befürchten.«