Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 5
Unter den Bürgern des Städtchens erregten diese ernsten Anstalten für einen Abschied auf immer, großes Aufsehen und die wärmste Theilnahme. Mit allgemeinem Bedauern sah man eine so biedere, so hochgeehrte und beliebte Familie sich nach einem fernen Lande wenden, und von allen Seiten suchte man Turners die Verehrung, die sie hier weit und breit genossen, durch Hülfsleistungen und Liebesdienste aller Art an den Tag zu legen. Die vornehmen, reichen früheren Freunde aber schämten sich in tiefster Seele ihrer niedrigen selbstsüchtigen Handlungsweise, und vielfach wurden ihnen Kundgebungen der Verachtung zu Theil; die öffentliche Meinung hatte sie gerichtet.
Abermals zog das Frühjahr lächelnd und neu belebend in das freundliche schöne Werrathal ein, Wald und Flur schmückten sich wieder mit jungem Grün, die Gärten prangten wieder in reichster Blüthenpracht, die Schwalben begrüßten schwirrend die heimathlichen Berge und suchten über den Thüren und in den friedlichen Hausfluren ihre Nester auf, und die Nachtigallen sangen ihre süßen klagenden Lieder, wie zum Abschied an die reisefertige Familie Turner.
Der Wonnemonat ging zu Ende, als ein geräumiges Schiff unweit des Städtchens vom Ufer stieß, und Alt und Jung der Einwohnerschaft den Passagieren im Boote ein herzinniges Lebewohl zurief. Es war die Familie Turner, die mit feuchten Augen von dem Schiffe her nach dem Ufer zurück schaute, und von den vielen wahren Freunden und von der Heimath Abschied nahm. Lange noch hingen ihre thränenvollen Augen an den geliebten Mitbürgern, an dem Städtchen, an der Kluse, an den trauten Bergen, bis sie die klare Fluth der Werra um eine schroffe nahe Basaltkuppe trug, und sie nun ihre Blicke vorwärts richteten. Sie nahten sich dem Fuße der Wichtelkuppe, da schlossen Turner, so wie seine Gattin, Carl beim Anblick des Baumes, der über der Felswand hing, von der furchtbaren Erinnerung tief ergriffen, an ihre Herzen, und dankten ihm nochmals mit seelenvollster Innigkeit für die Rettung ihres Kindes.
Carl hatte von Allen das unternehmendste Aussehen: er trug einen grauen Filz, dessen breiter Rand über seine Schultern hinausragte, einen kurzen grauen Rock, unter welchem das umgeschnallte Jagdmesser hervorsah, und über seiner offenen Brust lag der durch Juliens Hand schön gestickte Riemen seiner Waidtasche. Seine Büchse, mit deren Gebrauch er es bereits zu einer außerordentlichen Fertigkeit gebracht hatte, hielt er im Arm, um im Vorüberfahren hier oder dort einen Meisterschuß nach einem Vogel anzubringen.
Von dem für das Wohl ihrer Kinder gefaßten großen Entschluß beseelt, und von dem festesten Willen, denselben mit allen Kräften zu einem glücklichen Ende auszuführen, durchdrungen, saßen Turner und dessen Frau auf dem vorderen Theile des Schiffes und nahmen schweigend von jedem zurückgelassenen Dörfchen, von jedem Berge, ja von dem ganzen lieben Werrathale Abschied -- Abschied auf Nimmerwiedersehen. Niemals war ihnen das Thal so lieblich, so reizend erschienen, als jetzt, wo sie ihre Blicke zum letzten Male daran weideten; niemals war ihnen die Werra so klar smaragdgrün vorgekommen, als jetzt, wo ihre dahineilenden spielenden Wellen sie den Wogen des Weltmeeres zutrugen. Es war Abend, als das Thal sich öffnete, und das malerisch schön gelegene Städtchen Münden im Duft der blauen Ferne sichtbar wurde. Dort war das Ziel dieses ersten Tages der angetretenen langen Reise. Bald glitt das Boot an dem altergrauen Herzogsschloß vorüber der Weser zu, und legte sich, wo die Fluthen der beiden Ströme sich vereinigen, an die Seite eines größern Schiffes, welches die Reisenden am folgenden Tage aufnahm und sie glücklich nach Bremen trug. Hier gönnte man ihnen einige Ruhe, weil das Schiff, welches sie nach Amerika führen sollte und welches unweit der Wesermündung vor Anker lag, seine Ladung noch nicht vollständig eingenommen hatte. Diese Rasttage benutzten sie, um sich noch mit vielerlei kleinen Bedürfnissen zur Reise zu versehen.
Turner zahlte sein Geld an ein großes Banquierhaus, von welchem er dagegen Wechsel auf Baltimore, dem Ziel der Reise, erhielt, und wohl versorgt mit allem Nöthigen, begab er sich nebst den Seinigen nach mehreren Tagen an Bord eines Segelfahrzeugs, welches sie auf das Seeschiff bringen sollte. Ihr Fuß hatte jetzt zum letztenmale die heimathliche Erde berührt, und mit tiefer Wehmuth sahen sie Bremen bald hinter sich in der Ferne verschwinden. Der Wind war stark und günstig, eilig glitt das Fahrzeug auf dem sich rasch erweiternden Strome dahin, und als die Sonne sich neigte, schaukelte es sich auf hohen halbsalzigen Wogen bis an die Seite des Schiffes Goliath, welches in großer Entfernung vom Lande vor Anker lag. Der Kapitain dieses mächtigen Schiffes, ein kräftiger wettergebräunter Seemann, Namens Bosse, bewillkommnete die Familie Turner von der hohen Brüstung herab, ließ eine hölzerne Treppe aushängen, und unterstützte mit seinem Steuermann die Passagiere, das Fahrzeug zu besteigen. Carl Scharnhorst war der Letzte, der noch im Boote zurückblieb, weil er erst seinen Liebling, Pluto, sicher an Bord des Goliath wissen wollte. Er hob ihn in seinen Armen an der Treppe in die Höhe, wo der Steuermann den Hund an dem Halsband erfaßte und ihn zu sich hinauf zog, und dann erst folgte Carl nach.
Als Turners glücklich auf dem Verdeck angelangt waren, reichte der Kapitain ihnen sämmtlich die Hand und versicherte ihnen, daß er Alles aufbieten werde, um ihnen die Reise so angenehm als möglich zu machen. Er führte sie dann in die prächtig ausgestattete Kajüte, wo sie zum Willkommen ein Glas Wein mit ihm trinken sollten. Sie hatten kaum Platz genommen, als die Kinder und auch Madame Turner plötzlich erschrocken auffuhren, denn ein Mann, so schwarz wie Ebenholz, trug den Wein und die Gläser herein. Es war der erste Neger, den sie in ihrem Leben erblickten, und sein plötzliches Erscheinen hatte sie sehr überrascht. Gleich darauf stimmten sie aber in das Lachen mit ein, in welches der Neger selbst ausbrach, weil er bemerkte, daß seine schwarze Farbe den Fremden einen solchen Schreck eingejagt hatte. Es war ein sehr freundlicher gutmüthiger Mensch, hieß Daniel, oder kurzweg Dan, und hatte die Aufwartung in der Kajüte zu besorgen. Der Kapitain füllte die Gläser, stieß mit seinen Gästen an und trank mit ihnen auf eine recht glückliche schnelle Ueberfahrt nach der neuen Welt. Dann wies er ihnen drei kleine Zimmer an, deren Thüren in die Kajüte führten, und deren jedes zwei Betten übereinander enthielt. Madame Turner mit Julie nahmen von dem einen Besitz, Turner und Wilhelm von dem zweiten, und Carl mit Arnold bezogen das dritte Gemach. Bald aber fanden sie sich sämmtlich wieder auf dem Verdeck ein, um bei dem scheidenden Tageslicht ihre neue schwimmende Wohnung zu überblicken, welche sie durch den Ocean tragen sollte, und welche ihnen für viele Wochen als Aufenthaltsort bestimmt war. Die Weser erschien hier schon so breit, daß man das jenseitige Ufer kaum erkennen konnte, und nach Westen hin ruhte das Auge auf einer endlosen Wasserfläche. Die Sonne hatte dort den Horizont erreicht und ließ, in die Fluth hinabtauchend, ihre Abschiedsstrahlen auf den dahin eilenden Wogen tanzen und blitzen, bis ihr letztes Licht versunken war und nur der Feuerschein des Himmels sich noch glühend auf der bewegten Fluth spiegelte. Die Schauer der einbrechenden Nacht zogen über die unabsehbare Fläche, brausend rollten die Wogen der Nordsee zu, warfen sich ungestüm gegen das an den Ankerketten auf- und niedersteigende Schiff, und in ihrem dumpfen Rauschen verhallte der eintönige Gesang der Matrosen, womit dieselben das Aufwinden der Güter aus dem Segelkahn begleiteten. Auf dem hohen Verdeck über der Kajüte saß Turner neben seiner Gattin und hielt ihre Hand in der seinigen. Der Ernst und die Feierlichkeit der sie umgebenden Natur stand mit der Stimmung ihrer Seelen im Einklang, sie blickten schweigend den unaufhaltsam dahin fliehenden Wogen nach; welchen Stürmen, welchen Klippen jagten dieselben wohl zu! Sie dachten an ihre eigene Zukunft, an ihr und ihrer Kinder Schicksal; welchen Beschwerden, welchen Widerwärtigkeiten zogen sie wohl entgegen!
»So wie diese Wellen verlassen auch wir unsere friedliche stille Heimath, Marie, um auf dem großen Lebensmeere heftigern Stürmen, vielleicht auch höherem Glück zu begegnen,« sagte Turner nach langem Schweigen.
»Die Wellen treibt keine Sorge für Anderer Glück von der Heimath fort, wir wandern für unsere Lieblinge aus, um ihnen eine segensreichere Zukunft zu schaffen, als wir selbst beanspruchen. Mit unserer Liebe für sie wollen wir tragen, was uns das Schicksal auch auferlegen mag, wir haben es in Gottes Hand gegeben, und er wird es zu unser Aller Besten lenken,« entgegnete die Frau, mit vertrauungsvollem Herzen zu dem besternten Himmel aufblickend, während Turner ihre Hand an seine Lippen preßte.
Die Kinder, die auf dem untern Verdeck den Matrosen bei deren Arbeit zugesehen hatten, kamen jetzt, von Carl geführt, zu den Eltern herauf, und schmiegten sich an dieselben an; denn Alles war ihnen so neu und fremd, und die rasch zunehmende Dunkelheit steigerte das unheimliche Gefühl, welches die ernste öde Umgebung ihnen aufdrängte.
»Morgen früh, mit Gottes Hülfe, werden wir in See gehen,« sagte Turner zu den Kindern, »die Reise durch den Ocean ist mit vielen Gefahren verbunden, und man muß alle Vorsicht gebrauchen, sich denselben nicht unnöthig auszusetzen. Haltet Euch immer in unserer Nähe auf, und wenn wir nicht auf dem Verdeck sein sollten, so folgt dem, was Carl Euch räth.«
In diesem Augenblicke trat der Kapitain herzu, und bat, ihn zum Abendessen in die Kajüte zu begleiten.
»Ich denke, diese erste Mahlzeit am Bord des Goliath soll Ihnen sämmtlich nach Ihrer heutigen Fahrt recht gut munden; morgen, wenn das Schiff im Segeln ist, möchte sich leicht Appetitlosigkeit einstellen.«
Mit diesen Worten ließ der Kapitain seine Passagiere nach der Kajüte voranschreiten, und als er mit Carl den Zug beschloß und sah, wie Pluto demselben auf dem Fuße folgte, bemerkte er noch, zu dem Knaben gewandt: »Deinem Hunde, mein Sohn, müssen wir morgen auch einen Platz bestimmen, wo wir ihn an die Kette legen können, damit ihn bei den Arbeiten der Matrosen kein Unfall trifft. Es ist wirklich ein schöner Hund.«
»Ja und ein so braver treuer Hund, wie es wenige giebt,« entgegnete Carl stolz, und klopfte den lockigen Nacken des Thieres.
Die Passagiere ruhten am folgenden Morgen noch im tiefsten Schlafe, als sie plötzlich durch das Rasseln der schweren Ankerkette geweckt wurden und sich auf ihrem Lager hin- und hergeschaukelt fühlten. Rasch waren sie in den Kleidern und eilten auf das Verdeck, um von dem Festlande Abschied zu nehmen; denn das Schiff war bereits in vollem Segeln und stürmte bei heftigem Südwind der Nordsee zu. Höher und mächtiger hoben sich die Wogen, sie wurden durchsichtiger und grüner, ihre Häupter bedeckten sich mit weißem Schaum, und, sich übereinander hinstürzend, warfen sie ihren Gischt weit um sich her. Das Land war nur noch wie ein Nebelstreif zu erkennen; doch die Blicke der Auswanderer hingen fest an diesem letzten Zeichen der theuren Erde, und lange schon bildete nur das Wasser noch den fernsten Gesichtskreis, als die Scheidenden immer noch Land zu sehen glaubten, und ihm ihr Lebewohl zuwinkten. Der Goliath hatte die Nordsee erreicht, als der Wind sich drehte, und immer mehr und heftiger von Westen herblies. Der Kapitain, in der Hoffnung, daß derselbe ganz nördlich werden würde, steuerte dem Canal zu, und die Bewegung des Schiffes, welches nun gegen Wind und Wogen ankämpfen mußte, wurde mit jedem Augenblick unangenehmer. Die Folge hiervon war, daß sich bei den Passagieren die Seekrankheit einstellte, daß sie auf alles Frühstück verzichteten und sich in ihre Betten zurückzogen. Auch die Anzeige Daniels, daß das Mittagsessen aufgetragen sei, vermochte sie nicht, ihr Lager zu verlassen; denn schon der Gedanke an Speisen war ihnen zuwider. Nachmittags aber fühlten sie sich plötzlich weniger unwohl, sie meinten, das Schiff mache nicht mehr solche gewaltige stoßende Bewegungen, und nach und nach kamen sie aus ihren Zellen hervor. Der Wind stand so fest und gerade von dem Ocean in den Canal herein, daß der Goliath nur mit großer Schwierigkeit und vielem Zeitverlust hätte gegen denselben ansegeln können, weshalb Kapitain Bosse sich entschlossen hatte, in der Nordsee hinauf und nördlich um England seinen Weg nach dem Weltmeer zu nehmen. Dadurch, daß der Wind nun mehr seitwärts in die Segel des Goliath blies, wurden dessen Bewegungen regelmäßiger und weniger heftig, und in gleichem Maße nahm das Unwohlsein der Passagiere ab. Herr und Madame Turner erholten sich weniger schnell und waren genöthigt, sich auf dem Verdeck auf wollenen Decken niederzulegen, die Daniel dort für sie ausbreitete; aber die Kinder hatten bald die Seekrankheit vergessen und ergötzten sich an dem neuen prächtig großen Schauspiel, welches sie umgab. Mit aufgeblähten Segeln bis in die Spitzen seiner Masten überwölkt, stieg das Schiff an den durchsichtigen smaragdgrünen Wasserbergen hinan, theilte deren schäumende Höhen und schoß dann wieder in die Tiefe hinab, um sich abermals auf die nächste Woge zu heben. Die Sonne strahlte aus dem eilenden Gewölk hervor und warf hier und dort helle Lichtstreifen auf das wogende Meer, und der Sprühregen, der sich vor dem scharfen Kiel des Goliath aufthürmte und seitwärts an ihm vorüberstäubte, blitzte in ihrem Schein in allen Farben des Regenbogens. In der Mitte des obern Verdecks war das große Boot, mit dem Kiel nach oben gekehrt, auf mehreren Stützen befestigt, so daß man unter demselben Schutz gegen Regen und Sonnenschein finden konnte. Diesen Platz hatte Carl für sich und seine Gefährten zum Sammelplatz erkoren, sobald Matrosen sich auf dem Verdeck zeigten, um Arbeiten zu verrichten. Jetzt aber, wo das Schiff ruhig und ohne weitere Hülfe beim Winde segelte, waren Carl und Arnold, so wie Wilhelm oben auf das Boot gestiegen, weil sie von hieraus über die Brüstung des Schiffes hinaus das Meer frei überblicken konnten. Der Neger Daniel fand großes Gefallen an den wackeren Knaben und gesellte sich, sobald er einige Augenblicke Zeit hatte, zu denselben, um sich mit ihnen zu unterhalten; denn er hatte schon beinahe zwei Jahre auf diesem Schiffe gedient und recht gut Deutsch reden gelernt. Die Knaben faßten bald Zutrauen zu dem ehrlichen Schwarzen, und er mußte ihnen über Alles, was sie nicht kannten, Auskunft geben. Die weißen und bunten, großen und kleinen Möven, die auf ihren langen sichelförmigen Schwingen segelnd über das Meer hinschwebten und von Zeit zu Zeit in den Schaum einer Wellenspitze hineinstießen, nahmen insbesondere die Aufmerksamkeit der Kinder in Anspruch, und Dan, ihr schwarzer Freund, erzählte ihnen dabei von den felsigen Inseln, nördlich von Schottland, auf welchen diese Vögel in unzähligen Schaaren brüteten.
»Fische, Fische, große Fische!« riefen plötzlich die Knaben einstimmig, und zeigten über die See hinaus.
»Das sind Pourpoises, Braunfische, oder Seeschweine, sie kommen gerade hierher, und werden bald den Goliath umschwärmen, besonders gern spielen sie in dem Schaume vor dem Schiffe,« antwortete der Neger, gleichfalls nach den großen Fischen schauend, deren mehrere hundert von weit her angebraust kamen, indem sie aus der See emporschossen, einen Bogen durch die Luft beschrieben, und, mit dem Kopfe voran, wieder in die Fluth hinabtauchten. In diesem spielenden Laufe jagten sie, den Schaum um sich aufspritzend, pfeilschnell über die Wogen heran, und sie hatten das Schiff bis auf einige hundert Schritte erreicht, als Carl nach der Kajüte springen wollte, um seine Büchse zu holen. Daniel aber hielt ihn zurück und bedeutete ihn, daß die Büchse nicht die rechte Waffe sei, um diese Fische zu jagen.
»Mit der Harpune kann man einen fangen,« sagte er aufspringend, »soll ich sie herbeiholen?«
»Ach ja, Dan, geschwind, da sind die Fische schon dicht beim Schiff -- hu -- wie sie brausen!« riefen die Jungen, und Daniel rannte eiligst hinab in die Kajüte, um deren Wunsch zu erfüllen. Wenige Augenblicke nachher erschien er wieder auf dem untern Verdeck mit dem zwei Fuß langen Eisen, dessen scharfe Spitze mit Widerhaken versehen war, stieß einen langen schweren Stock in das hohle andere Ende desselben, befestigte eine starke Leine daran, und winkte nun den Knaben, zu ihm herabzukommen. Diese folgten jauchzend dem Neger bis an die vordere Spitze des Schiffes, wo derselbe das Seil der Harpune an der Brüstung befestigte, über welche die Kinder in die See hinabschauten und den hin- und herschießenden Fischen mit den Blicken folgten. Daniel hatte sich auf die Brüstung an das starke Tauwerk gestellt, welches von da nach den Masten hinaufführt, und hielt, in das Meer hinabspähend, die Harpune zum Wurf bereit in die Höhe. Die Fische schienen es besonders zu lieben, seitwärts an dem Schiffe vorüberzujagen und sich dann in den Schaumberg hinein zu stürzen, der sich vor demselben aufthürmte. Wiederholt zuckte Daniel mit der Lanze, als wolle er sie hinabschleudern, hielt sie aber immer noch zurück, um seines Wurfes gewiß zu sein; plötzlich aber fuhr sie sausend hinunter, und ihre Spitze begrub sich tief in dem Rücken eines der Fische.
»Getroffen, getroffen!« rief Carl jubelnd, doch der Fisch war in die Tiefe hinunter geschossen und zog das lange Seil schwirrend nach sich. In wenigen Augenblicken hatte dasselbe jedoch das Ende erreicht, und man konnte sehen, daß das gespießte Thier mit gewaltiger Kraft an demselben riß und zuckte. Daniel rief nun einige Matrosen zu Hülfe, um die Beute auf das Verdeck zu ziehen. Mit großer Anstrengung wurde das Seil eingezogen, bald erschien der Fisch, dagegen kämpfend und um sich schlagend, über den Wogen, und nun hoben ihn die Matrosen über die Brüstung und ließen ihn auf das Verdeck fallen. Es war ein ungeheures, nicht mit Schuppen, sondern mit einer braunen glatten Haut bedecktes Thier, im Gewicht von mehr als zweihundert Pfund. Bald hatte es sich verblutet und wurde von den Matrosen seiner Leber beraubt, dem einzigen genießbaren Theile seines Körpers. Es ward in Stücken gehauen und seines Thranes wegen ausgebraten.
Durch diese Jagd hatte Daniel seinen jungen Freunden eine große Freude bereitet und sich in ihrer Gunst nur noch fester gesetzt.
Herr und Madame Turner fühlten sich wieder so viel wohler, daß sie an dem Abendbrod Theil nahmen, wenn sie sich dabei auch mit einem Stück Zwieback und einer Tasse Thee begnügten. Dann eilten sie aber auf das Verdeck zurück, weil ihnen die frische Seeluft besonders wohl that, und der aufmerksame Daniel richtete ihnen dort abermals aus wollenen Decken ein Lager her. Julie hatte ihre Mutter während des ganzen Tages nicht verlassen, bereitete Limonade für sie, reichte ihr zuweilen ein Stück einer Orange, deren sie von Bremen einen Vorrath mitgenommen hatte, und war jeden Augenblick ihres Winkes gewärtig, um ihr einen Wunsch zu erfüllen.
Der Kapitain kam wiederholt zu den Passagieren herangetreten, um sich nach ihrem Befinden zu befragen, und als der Tag sich neigte, setzte er sich in traulicher Unterhaltung bei ihnen auf dem Verdeck nieder.
»Die Knaben scheinen mit Daniel Freundschaft geschlossen zu haben,« sagte Turner zu dem Kapitain, »durch den Fang des Fisches hat er sich ihre Herzen gewonnen. Jetzt sitzen sie alle drei wieder um ihn, und lassen sich von ihm erzählen.«
»Der Neger ist ein ungewöhnlich guter Bursche, ein ausgezeichneter Diener und ein Mensch, der sehr viel im Leben durchgemacht hat,« antwortete der Kapitain. »Seine Eltern waren Sklaven unter einem Indianerstamm im fernen Westen Amerika's, dort wurde er geboren und dort verlebte er seine Jugendzeit. Nachdem ihm aber Vater und Mutter durch den Tod entrissen waren, entfloh er den Wilden, gelangte nach langer Verfolgung durch dieselben glücklich in die Grenzansiedelungen der Weißen und kam endlich als freier Schwarzer nach New-York, wo er sich mehrere Jahre durch Arbeiten ein rechtliches Brod erwarb. Ich lernte ihn kennen, als ich vor einigen Jahren mein Schiff in jener Stadt ausbesserte, wobei er sich mir als Arbeiter vermiethete. Ich gewann ihn lieb und machte ihm den Antrag, mit mir auf See zu gehen, um die Aufwartung in meiner Kajüte zu übernehmen. Er willigte ein, und so ist er bei mir geblieben, und bis auf den heutigen Tag haben wir noch nie ein böses Wort mit einander gewechselt. Er ist ein zuverlässiger, ehrlicher und treuer Mensch.«
»_Den_ Eindruck hat er mir vom ersten Augenblick an gemacht, und es ist mir lieb, daß er sich der Jungen annimmt, da er über sie wachen wird,« entgegnete Turner, nach dem Neger hinschauend, der zwischen den drei Knaben oben auf dem Boote saß, und sie eifrig unterhielt.
Er erzählte ihnen aus seinem Leben unter den Wilden, von den Jagden nach Büffeln, Bären und wilden Pferden, von den blutigen Kämpfen unter den verschiedenen Indianerstämmen und von den herrlichen, noch von weißen Menschen unbewohnten unermeßlichen Ländern, in denen die Wilden ihr unstätes heimathloses Leben führen. Die Knaben horchten mit großer Spannung den Mittheilungen des Schwarzen und unterbrachen ihn nur selten durch einzelne Fragen. Besonders aber war Carl ganz Ohr und sah sich schon im Geiste auf einem flüchtigen Hengste dem fliehenden Büffel folgen, oder im wilden Kampfe einen grimmigen Bären erlegen. Die Dunkelheit hatte sich über das Meer gebreitet und die Nachtluft wurde empfindlich kühl, als Herr Turner die Knaben in ihrer Andacht störte, mit der sie den Erzählungen des Negers lauschten, indem er sie daran mahnte, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben.
»Onkel, hättest Du doch gehört, was uns Daniel erzählt hat!« sagte Carl, als sie in der Kajüte angelangt waren. »Er hat uns die Jagden beschrieben; die Büffel werden zu Pferde gejagt, man sprengt an ihre Seite und schießt sie vom Pferde herab mit Pistolen. Das muß ein Spaß sein!«
»Aber ein sehr gefährlicher Spaß, mein lieber Carl, bei dem man ganz leicht Hals und Beine brechen, oder unter den Füßen des Büffels zertreten werden kann,« antwortete Turner lächelnd. »Wo wir uns niederlassen werden, da giebt es keine Büffel mehr.«
»Das ist schade, ich hätte doch einmal gern eine solche Jagd mitgemacht,« bemerkte Carl mit einem Ausdruck vereitelter Hoffnung.
»Nun, wer weiß, ob Du nicht einmal eine Reise nach dem Westen machen wirst, das ist ja so weit nicht!« sagte Turner tröstend, und setzte noch hinzu: »wenn wir erst unsere Farm in Ordnung und ein paar gute Ernten gemacht haben, dann kann man einmal einige Wintermonate daran wenden, um die Länder im Westen zu sehen; es soll dort herrlicher Boden sein.«
»Der beste Boden in ganz Amerika, sagt Daniel,« antwortete Carl rasch und begeistert.
»Und Büffel und Bären und wilde Pferde zu Tausenden, nicht wahr?« fiel Turner lachend ein. »Nun, legt Euch in Gottes Namen zur Ruhe, und träumt meinetwegen, daß Ihr auf einem Büffel spazieren reitet.«
Die Nacht verstrich ohne alle Störung, die Schläfer ließen sich durch die wiegende Bewegung des Schiffes in liebliche Träume schaukeln, und am frühen Morgen fanden sie sich wieder heiter und guter Dinge auf dem Verdeck ein. Die Sonne tauchte prächtig und klar aus dem Meere empor, der Himmel wölbte sich wolkenlos und durchsichtig über der wogenden Fluth, und der frische Wind füllte die Segel des Goliath mit aller Macht und trieb ihn eilig auf seiner einsamen Bahn dahin.