Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 3
Mit angsterfüllter Brust stand sie einige Augenblicke, unschlüssig, was sie thun solle. Es war etwas Ernstes, etwas Schreckliches geschehen, das hatte ihr der Blick ihres Gatten gesagt -- was aber konnte es sein -- was in der Welt gab es, dessen Verlust einen solchen erschütternden Eindruck auf Turner machen konnte? Sie mußte es wissen -- sie mußte das Unglück mit dem Gatten tragen, wie sie das viele Glück mit ihm getheilt hatte!
Schnell glitt sie aus der Stube durch den langen Corridor nach dem Zimmer ihres Gemahls und öffnete leise die Thür.
Turner saß in dem Lehnstuhl, seine Arme stützten sich auf seine Kniee, sein Kopf war auf seine Hand gesunken, und der Schreckensbrief lag vor ihm auf dem Fußboden. Er hatte es nicht gehört, als seine Gattin in das Zimmer und zu ihm an den Stuhl trat. Sanft neigte sich diese zu ihm nieder, legte leise ihren Arm um seine Schultern und weckte ihn aus seiner Erstarrung. Einen Augenblick sah er der geliebten Lebensgefährtin in die thränenschweren Augen und sagte dann mit dumpfer Stimme: »ja, ja, Marie, das Glück ist auch bei uns wandelbar geworden; wir müssen in diesem Herbst die Kluse verlassen!«
»Großer Gott! und warum denn?« fragte Madame Turner mit bebender Stimme und drückte ihre gefalteten Hände gegen die Brust.
»Der zweite Sohn unserer Gutsherrschaft soll die Kluse als Erbtheil erhalten, und will sie selbst bewirthschaften. Er ist verlobt, wird im Herbst heirathen, und dann hierher ziehen. Unsere Pacht läuft um diese Zeit ab, und die Bedingungen in dem Pachtbriefe sind der Art, daß wir nichts gegen diesen harten Beschluß einwenden können.«
»Die Leute werden doch unmöglich so an uns handeln, sie können uns nicht so ohne Weiteres davonjagen, ehe wir eine andere Pachtung haben,« sagte Madame Turner, nach Trost haschend.
»Sie können es, Marie, und sie wollen es.«
»Es wäre ja eine unerhörte Rücksichtslosigkeit, eine Grausamkeit sonder Gleichen. Das Gut ist schon über hundert Jahre in den Händen Deiner Familie gewesen, Du hast mit Freuden die verlangte höhere Pacht bezahlt und Alles in so guten Stand gesetzt, wie es niemals früher gewesen ist -- es wäre unerhört, ja sündlich, so gegen uns zu verfahren!« fuhr Madame Turner fort, und suchte gefaßt zu erscheinen, während die Thränen über ihre Wangen rollten.
»Und doch wird es geschehen,« entgegnete Turner; »sie schreiben, daß eine Aenderung in dem Beschlusse unmöglich sei. Wir kommen in eine verzweifelte Lage. Großes Vermögen besitzen wir nicht, wenn wir unser Inventar verkaufen müssen, werden wir bedeutend dabei verlieren, und dann, wo wollen wir so schnell wieder eine Pachtung finden? Eine zweite Kluse giebt es für uns nicht; _der_ Goldbaum hat uns seine letzten Früchte getragen; das Glück will uns verlassen, Marie!«
»Gott hat uns ja noch nie verlassen, Max, und er wird es auch jetzt nicht thun! Auf einem andern Gute können wir ebenso glücklich sein, wenn wir uns auch etwas mehr einschränken müssen,« entgegnete Madame Turner, indem sie unbemerkt sich die Thränen von den Augen wischte.
»Ein anderes Gut, das ist leicht gesagt; wenn uns aber die Mittel nun nicht ausreichen sollten!« erwiederte Turner vor sich hinblickend.
»Turner -- wir haben viele reiche und gute Freunde,« nahm die Frau wieder das Wort, indem sie die Hand ihres Gatten ergriff und ihm, wie mit einem Trost in die Augen sah.
»Du hast Recht, Marie,« sagte Turner nach kurzem Schweigen, »ich habe nicht an sie gedacht; sie werden, wenn es nöthig sein sollte, uns gern helfen, da sie wissen, daß sie es mit rechtlichen Leuten zu thun haben. Ich will übrigens gleich nach Tisch zu meiner Gutsherrschaft reiten, und sie zu bereden suchen, daß sie mir die Kluse wenigstens noch auf ein Jahr in Pacht läßt. Dann kann ich mich nach einem anderen Gute umsehen und Vorbereitungen zu unserem Umzuge treffen. Die Leute werden ja billig sein.«
Mit diesen Worten ergriff Turner, leichter aufathmend, den Brief und legte ihn auf den Tisch, während seine Gattin ihren Arm in den seinigen schlang und nun mit ihm im Zimmer auf und nieder schritt.
»Ich habe seit vergangenem Jahre wiederholt auf Erneuerung meines Pachtcontracts gedrungen, es wurde aber immer hinausgeschoben und ich hielt es wahrlich kaum noch für nöthig, einen Contract mit den Leuten zu machen, weil die Kluse ja die langen Jahre in meiner Familie geblieben ist. Wer hätte so etwas denken können!« sagte Turner im Auf- und Niedergehen.
»Die Kluse können uns die Menschen nehmen, unser Glück aber nicht, Max, wir nehmen es mit uns, wohin wir auch ziehen, wenn Gott nur uns Allen unsere Gesundheit erhält. An Arbeit sind wir gewöhnt und thun sie gern. Sprich einmal mit den Leuten, und versuche es, sie zur Billigkeit zu stimmen. Uebrigens ist die Kluse ja nicht das einzige Gut in der Welt, wenn wir auch unser liebes Werrathal lange Zeit vermissen werden,« versetzte Madame Turner, und die Herzen der zum ersten Male in ihrem Leben vom Unglück Bedrängten erleichterten sich nach und nach durch die tröstenden Worte, die sie mit einander wechselten.
Madame Turner verließ ihren Gatten in einer viel gefaßteren Stimmung, als der, in welcher sie zu ihm gekommen war. Auch die erschreckten Gemüther der Kinder beruhigten sich, als die Eltern, wenn auch ernster, als sonst, doch weniger bekümmert beim Mittagsessen erschienen, welches heute sehr zeitig eingenommen wurde. Gleich nach Tisch reichte Madame Turner ihrem Gatten den Kaffee, Julie brachte die Wachskerze zum Anzünden der Cigarre, und Carl Scharnhorst führte den Rappen vor das Haus. Herr Turner ließ nicht lange auf sich warten, schwang sich in den Sattel und reichte seiner Frau zum Abschied die Hand mit den Worten: »Gott wird uns helfen!«
»Gewiß wird er es thun,« entgegnete Madame Turner mit vollster Zuversicht, und winkte ihrem Gatten noch einen Gruß nach.
Der Ritt war vergebens; denn Turner brachte bei seiner Rückkehr die Nachricht mit, daß alle seine Bitten, seine Vorstellungen umsonst gewesen seien, und daß die Gutsherrschaft unabänderlich auf seinen Abzug von der Kluse im kommenden Herbst bestehe.
Die Kunde von diesem Beschluß verbreitete sich bald in dem Städtchen, und mit ihr wurden vielerlei Vermuthungen über die eigentliche Ursache der Kündigung Seitens der Gutsherrschaft laut. Namentlich sagte man sich im Vertrauen, daß es mit den Vermögensverhältnissen Turners sehr schlecht stehe. Obgleich aber diese Gerüchte von Mund zu Mund gingen, so waren sie doch nicht bis auf die Kluse gedrungen, und beinahe eine Woche verstrich, ohne daß Turners etwas Anderes aus dem Städtchen erfuhren, als was die Knaben, wenn sie Abends aus der Schule kamen, ihnen erzählten.
»Unbegreiflich ist es mir, daß sich noch keiner unserer Freunde hier hat blicken lassen,« sagte Turner eines Abends, als er mit seiner Familie nach dem Abendessen in traulichem Kreise im Garten saß. »Ich will morgen doch einmal in die Stadt reiten und hören, was unsere Bekannten sagen. Sie werden sicher den innigsten Antheil an unserem Geschick nehmen. Vielleicht weiß auch der Eine, oder der Andere von einem Gute, welches pachtlos wird; jedenfalls ist mir der Rath eines Freundes willkommen.«
Am folgenden Tage gleich nach dem Mittagsessen bestieg Turner sein Pferd, um nach der Stadt zu reiten, und Madame Turner rief ihm beim Abschied nach: »grüße nur Alle recht herzlich von mir.«
Von dem Gasthause aus, wo Turner sein Pferd abgab, leitete er seine Schritte zuerst zu der Wohnung des Kreisraths, und erkundigte sich dort in der Hausflur, ob derselbe zu sprechen sei.
»Ja wohl, Herr Turner, der Herr ist in seinem Arbeitszimmer, er wird sich freuen, Sie zu sehen,« entgegnete ihm die Magd mit einem freundlichen Gruß und öffnete eine Thür, indem sie den Herrn Turner anmeldete.
Der Kreisrath, den Turner als einen seiner wärmsten Freunde betrachtete, empfing ihn mit großer Höflichkeit, doch nannte er ihn nicht, wie früher, »mein verehrter Freund,« sondern nur Herr Turner. Er führte ihn durch das Zimmer nach einer Thür, indem er sagte: »meine Damen werden sich sehr freuen, Sie zu sehen.«
Turner aber hielt ihn mit den Worten zurück: »ich möchte Sie gern einige Augenblicke allein sprechen, denn es ist eine wichtige Angelegenheit, in der ich mir Ihren Rath erbitten wollte.«
»Gern, gern, mit Freuden stehe ich zu Ihren Diensten; wahrscheinlich einer Klage wegen. Haben Sie einen schlechten Schuldner, sind Sie schon, oder _sollen_ Sie noch betrogen werden? Auf meine Hülfe können Sie rechnen. Sagen Sie mir gefälligst nur, was ich für Sie thun kann?« erwiederte der Kreisrath, indem er Turner nach dem Sopha führte und neben ihm Platz nahm.
»Sie haben oft mein Glück hoch gepriesen, Herr Kreisrath, es will mir untreu werden,« begann Turner nach einer kurzen Pause.
»Wie so? Sie erschrecken mich!« sagte der Kreisrath mit erzwungenem Ausdruck der Ueberraschung, um Turner nicht zu verrathen, daß ihm dessen Mißgeschick bereits bekannt sei.
»Denken Sie sich, die Pacht ist mir gekündigt, ich muß im Herbst die Kluse verlassen,« fuhr Turner mit beklommener Stimme fort.
»Es ist wohl nicht möglich! Was ist denn der Grund?«
»Der zweite Sohn meiner Gutsherrschaft hat die Besitzung als Erbtheil erhalten, und will sie selbst bewirthschaften.«
»Das ist ja schrecklich -- will man Ihnen denn keine Zeit geben, sich nach einer anderen Pachtung umzusehen? Das geht doch nicht so Hals über Kopf, da hat das Gesetz auch noch ein Wort mitzusprechen; haben Sie Ihren Pachtbrief bei sich?«
»Derselbe hätte schon im vorigen Jahre erneuert werden müssen, und ich habe wiederholt darauf gedrungen, man verschob es aber von einem Monat zum andern, und so ist es denn bis auf den heutigen Tag unterblieben. Die Pacht läuft in diesem Herbste ab, und ich habe nach den Bestimmungen in dem alten Contract gesetzlich kein Recht zu einer Beschwerde. Nennen Sie es nicht Nachlässigkeit, wenn ich nicht ernster auf zeitige Erneuerung des Pachtbriefes drang. Das Gut war seit so langen Jahren in den Händen meiner Familie, daß ich den schriftlichen Contract nur als eine Form betrachtete, der zu irgend einer Zeit nachgekommen werden konnte. Wie hätte ich denken können, daß die Verzögerung Seitens meiner Gutsherrschaft eine beabsichtigte gewesen wäre?« sagte Turner mit einem schweren Athemzug.
»Ja, ja, verehrter Herr Turner, nehmen Sie es mir nicht übel, aber allermindestens trifft Sie doch der Vorwurf leichtsinnigen Vertrauens in die Rechtlichkeit anderer Leute; solchem blinden Vertrauen darf man sich heutzutage nicht mehr hingeben; wo es sich um Mein und Dein handelt, da halte ich einen Jeden im Voraus für einen Spitzbuben, dann weiß ich, daß ich nicht hintergangen werde,« entgegnete der Kreisrath mit entschiedener Betonung.
»Dazu würde ich mich nie überreden können, Herr Kreisrath, und ich für meine Person ziehe es vor, gelegentlich betrogen zu werden, ehe ich den Glauben an Rechtlichkeit unter meinen Nebenmenschen aufgeben und in ihnen nur Spitzbuben sehen sollte. Ich habe gottlob noch die Ueberzeugung, viele ehrliche Freunde zu besitzen, die mich auch, selbst wenn es sich um Mein und Dein handelt, nicht für einen Schurken halten,« sagte Turner mit mehr als ihm gewohnter Heftigkeit.
»Ganz recht, da bin ich vollkommen Ihrer Ansicht, aber Freundschaft und Geschäft sind zwei ganz verschiedene Dinge; wo das persönliche Interesse redet, da muß die Freundschaft aufhören. Nun sagen Sie mir, soll ich vielleicht einmal mit Ihrem Gutsherrn reden und ihm ins Gewissen greifen? Ich scheue keine Mühe, wenn ich Etwas für Sie thun kann, und mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Dienste.«
»Ich bin Ihnen dankbar für Ihre Bereitwilligkeit, mir zu helfen, muß aber darauf verzichten, da ich diesen Versuch bereits selbst vergebens gemacht habe. Man will von einer Aenderung in dem Beschluß Nichts hören,« versetzte Turner, kalt berührt von den Grundsätzen des Mannes, den er immer für einen warmfühlenden Freund gehalten hatte. Die Unterhaltung wurde wortkarger und gezwungener, und Turner erhob sich bald darauf, um sich zu entfernen. Der Kreisrath nöthigte ihn auch nicht, länger zu verweilen und sagte, indem er ihn bis an die Thür begleitete, mit einer höflichen Verbeugung: »mein Rath steht Ihnen jederzeit zu Gebote, Herr Turner.«
Dieser erwiederte die Zusicherung mit einer stummen Verneigung, und eilte zusammengepreßten Herzens in die Straße hinaus.
Der Kreisrath war gerade derjenige unter seinen Freunden gewesen, von dem er die wärmste Theilnahme an seinem Schicksal erwartet hatte, und welche Gefühle, welche Grundsätze hatte dieser Mann jetzt gegen ihn ausgesprochen!
Unentschlossen, ob er geraden Wegs wieder zu seinem Pferde zurückkehren und nach Hause reiten, oder ob er noch andere seiner Freunde aufsuchen sollte, schritt Turner, in düstere Gedanken versunken, langsam in der Straße hin. Das Gefühl drängte sich ihm unwiderstehlich auf, daß er überall dieselbe herbe Erfahrung machen würde, wie bei dem Kreisrath, wenn auch sein Herz sich dagegen sträubte und an dem Glauben an wirklich wahre Freundschaft festhielt. An der Ecke, wo die Straßen sich theilten, blieb er einen Augenblick zögernd stehen, dann schritt er aber schnell nach dem Gasthause hin, entschlossen, es abzuwarten, welche Theilnahme ihm seine anderen Freunde, ohne von ihm dazu aufgefordert zu sein, zeigen würden; denn die Kunde von seinem Mißgeschick mußte sich bereits in dem Städtchen verbreitet haben.
Madame Turner hatte sich gleich nach ihres Gatten Entfernung in ihre Wirthschaft begeben, um in den häuslichen Arbeiten sich zu zerstreuen und ihre Gedanken von dem schweren Schlag abzulenken, der ihr bisher ungetrübtes Glück getroffen hatte. Was sie aber auch unternahm, sie konnte nirgend Ruhe finden, und mit jeder Stunde wuchs ihr Verlangen nach der Rückkehr ihres Gatten. Wieder und immer wieder begab sie sich in das Wohnzimmer, aus dessen Fenstern sie weit auf der Straße, die nach dem Städtchen führte, hinblicken konnte, um zu sehen, ob sie Turner noch nicht erspähen könne. Als aber nun die Sonne versank, da setzte sie sich an dem Fenster nieder und hielt ihre Augen auf den fernsten sichtbaren Punkt der Straße geheftet. Endlich erkannte sie ihren zurückkehrenden Gatten, er kam aber nicht, wie sonst, im schnellen Trabe, das Pferd ging nur im Schritt, und sie meinte, so langsam sei Turner niemals nach Hause geritten. Sie konnte ihn nicht im Zimmer erwarten, sie warf ihr Tuch um und eilte hinaus ihm entgegen.
»Du bringst keine frohe Nachricht mit Dir, Turner,« sagte sie, als sie mit ihm auf der Straße zusammen traf und ihm die Hand zum Willkommen reichte.
»Nein, Marie, wir haben uns in einem unserer Freunde sehr verrechnet, und zwar in dem Kreisrath. Die Nachricht, daß wir die Kluse verlassen müßten, schien mehr sein Bedenken, als seine Theilnahme zu erwecken, und statt warmer herzlicher tröstender Worte erhielt ich Nichts bezweckende kalte Rathschläge und steife Höflichkeiten. Er war ein Freund im Glück, ist aber kein Freund in der Noth!« entgegnete Turner, indem er abstieg, das Pferd leitete, und Arm in Arm mit der Gattin der Wohnung zuschritt.
»Der Kreisrath?« sagte Madame Turner überrascht mit halblauter Stimme, »er war doch immer so herzlich und liebevoll gegen uns!«
»Ja, der Kreisrath, er machte mir nur Vorwürfe und rieth mir, wo es sich um Mein und Dein handele, alle Menschen für Spitzbuben zu halten, so wie er es thue, um sich vor Betrug zu schützen.«
»Der Himmel bewahre Dich vor solchem Glauben, Turner, lieber mag man uns betrügen. Nein, es giebt noch gute Menschen, und grade im Unglück werden wir sie erkennen. Was sagten denn Apothekers?«
»Ich bin nicht bei ihnen gewesen. Es war mir unmöglich, mich einer zweiten solchen Täuschung auszusetzen. Wir wollen abwarten, welchen Trost uns unsere Freunde bringen; suchen werde ich denselben nicht bei ihnen. Ich ging vom Kreisrath wieder in das Gasthaus zurück. Dort fand ich viele Bürger versammelt, die mir immer herzlich zugethan waren, wenn sie mir sonst auch nie näher gestanden haben. Die Leute waren außer sich, sprachen sich heftig gegen die Gutsherrschaft aus, und erklärten schließlich, daß ich unter keiner Bedingung diese Gegend verlassen dürfe. Es müsse Rath geschafft werden, auf irgend eine Weise ein Gut für mich in der Nähe auszumitteln, weil ich immer den Armen und Bedürftigen eine Stütze gewesen sei. Sieh, Marie, das hat mir wohlgethan, und mich tausendfach für den Verlust eines reichen vornehmen Freundes entschädigt.«
»Dessen Hülfe wir auch nicht nöthig haben werden, wenn uns der _eine_ treue barmherzige Freund, der uns bis jetzt so väterlich beigestanden hat, seine Gnade auch fernerhin angedeihen läßt,« sagte Madame Turner, indem sie zum Himmel aufblickte.
»Ja, Marie, Gott ist immer unser treuster Freund gewesen, und wir wollen fest auf seine fernere liebevolle Hülfe bauen. Was uns im Augenblick als Mißgeschick erscheint, wird sich sicher zu unserm Besten wenden; es sei uns willkommen, wie es sich auch gestalten mag!« Mit diesen Worten legten die beiden Gatten ihre Hände ineinander, als wollten sie sich gegenseitig das Versprechen geben, in diesem Glauben niemals zu wanken.
Am nächsten Morgen setzte Turner mehrere Anzeigen für verschiedene Zeitungen auf, worin er bekannt machte, daß er ein Gut zu pachten suche, und schrieb zugleich eine Menge Briefe an auswärtige Freunde, welche er aufforderte, sich für ihn zu bemühen und ihm mitzutheilen, wenn sie von einer offenen Pachtung hören sollten. Er brachte die Schreiben selbst nach der Stadt zur Post, und wurde dabei allenthalben in den Straßen von den Einwohnern angehalten, da ein Jeder aus seinem Munde hören wollte, ob das Gerücht von der Pachtkündigung wahr sei. Es herrschte nur _eine_ Stimme unter den Leuten, die der Entrüstung gegen die Gutsherrschaft und die der wärmsten liebevollsten Theilnahme für Turner. Von seinen Freunden aber bekam er Keinen zu sehen. Mochte es nun Zufall sein, daß Keiner derselben ihn beim Vorübergehn vor deren Wohnung bemerkt hatte; bis jetzt aber war er kaum jemals durch das Städtchen gegangen, ohne daß der eine, oder andere Freund ihn aus dem Fenster angerufen, oder ihn in der Straße, oder im Gasthaus aufgesucht hatte. Vor der Apotheke sogar blieb er eine geraume Zeit stehen, weil mehrere Bürger ihn dort anredeten, um ihm ihr Bedauern über das ihn betroffene Mißgeschick auszusprechen; er erkannte hinter dem Fenster die Frau und die Töchter des Apothekers, sah, wie dieselben sich schnell von den Fenstern entfernten, und erwartete nun von Augenblick zu Augenblick, daß sein Freund, der Apotheker, zu ihm heraus in die Straße kommen würde, -- allein, er hatte sich getäuscht, es ließ sich Niemand aus dem Hause sehen.
Auf der Kluse wurde es jetzt sehr still, denn die vielen angesehenen, reichen Freunde, von denen sich Jahr aus, Jahr ein fast täglich eine Anzahl dort eingefunden hatte, blieben aus; Tage und Wochen eilten dahin, ohne daß Einer derselben sich hätte sehen lassen, obgleich das Wetter ungewöhnlich schön und einladend war, und die Gärten im reichsten üppigsten Schmuck ihre ersten Früchte darboten. So schmerzlich sich Turners nun auch durch diese Theilnahmlosigkeit und Vernachlässigung berührt fühlten, so würde doch ihr unbedingter guter Glaube an die Biederkeit ihrer Nebenmenschen nicht dadurch beeinträchtigt worden sein, wären nicht die nachtheiligen Gerüchte zu ihren Ohren gekommen, welche man über sie in dem Städtchen verbreitet hatte. Tief gekränkt und entrüstet darüber, bemühte sich Turner, die Quelle zu entdecken, aus welcher diese Verläumdungen entsprungen waren; doch umsonst, alle seine Nachforschungen dieserhalb blieben vergebens.
Zum ersten Male in ihrem Leben fühlten sich Turners von den Menschen zurückgestoßen, und ihr Glaube an dieselben begann zu wanken. Um so enger und um so inniger aber schlossen sie sich in ihrem Familienkreise aneinander, und kamen bald zu der Ueberzeugung, daß ihr wahres Glück niemals durch die Menschen vermehrt worden war, daß es immer nur in ihnen selbst, in ihrer Liebe für einander bestanden hatte. Mit doppeltem Eifer, mit doppelter Thätigkeit widmeten sie sich ihren Geschäften und machten, wo sie konnten, schon jetzt Vorbereitungen für ihren Abzug von der Kluse. Sie wurden nun nicht mehr durch viele Besuche von ihren Arbeiten zurückgehalten, und die Ersparnisse in Folge von deren Ausbleiben stellten sich als nicht unbedeutend heraus. Bald waren die sogenannten Freunde, die Schmarotzer, vergessen, und Turners befreundeten sich täglich mehr mit dem Gedanken, das ihnen unentbehrlich geglaubte schöne Werrathal zu verlassen.
Abschnitt 2.
Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der Beschluß zur Auswanderung. -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. -- Der Neger. -- Die Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. -- Der Sonnenuntergang. -- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler. -- Todesnachricht. -- Der Verlust.
Auf Carl Scharnhorst übten die Veränderungen in Turners Verhältnissen einen auffallenden Einfluß aus; es schien, als fühle er, daß er die Kinderschuhe ausziehen, daß er seinen Lieben bald seine Kräfte leihen und ihnen bald eine thätige Hülfe werden müsse. Er war ernster als sonst, mit unermüdlichem Fleiße besuchte er die Schule, empfing noch bis spät Abends Privatunterricht, und das erste Licht des Morgens fand ihn schon bei seinen Büchern.
So segenreich und vielversprechend das Frühjahr auch erschienen war, so verminderten sich doch die Hoffnungen auf eine ergiebige Ernte von Tag zu Tag mehr, da eine anhaltende Dürre sich eingestellt hatte. Die Heuernte war schon vollständig mißrathen, weil das Gras wegen Mangels an Regen durch die Sonnengluth verbrannt wurde, und aus gleichem Grunde darbten die Früchte auf den Feldern; denn der ausgetrocknete Boden konnte ihnen keine Nahrung zum Wachsen und Gedeihen geben. Die Kornernte kam heran, und begann vier Wochen früher als gewöhnlich, sie lieferte nur kleine leichte Körner und kurzes gehaltloses Stroh. Auch das Grünfutter konnte nicht gedeihen, es vertrocknete auf dem Lande, der Weizen lieferte schlechtes Gewicht, und den Hafer lohnte es kaum der Mühe zu mähen. Diese Ergebnisse drückten schwer auf die schon bedrängten Herzen der Turners, denn grade diese Ernte sollte ihnen ja baares Geld in die Hand liefern, und ihnen helfen, anderswo eine neue Heimath zu gründen. Dennoch verließ sie die Hoffnung und der Glaube nicht, daß Alles sich zu ihrem Besten gestalten würde, und unverdrossen boten sie alle ihre Kräfte, alle ihre Thätigkeit auf, die Ernten um so sorgfältiger einzubringen. Turner hatte schon viele Güter in Augenschein genommen, wobei er wiederholt wochenlang von der Kluse abwesend geblieben war, doch keines von allen hatte ihm zugesagt, theils, weil sie werthlos, theils, weil sie zu bedeutend waren, als daß er sie mit eigenen Mitteln hätte übernehmen können. In der Nähe war überhaupt kein Gut zu pachten, welches nur einigermaßen seinen Anforderungen entsprochen hätte, wodurch sich die Nothwendigkeit für ihn herausstellte, sein Inventar, das heißt seine Geräthschaften, Vieh und Pferde und alle seine Vorräthe zu verkaufen, die er weithin nicht mit sich nehmen konnte. Die Zeit, wo Turner die Kluse verlassen sollte, rückte immer näher, wieder und wieder begab er sich auf Reisen, um pachtfreie Güter zu besehen, aber immer kehrte er ohne den gewünschten, ersehnten Erfolg nach Hause zurück.