Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 27
Zusammengepackt werden diese Zelte auf der Reise von Maulthieren getragen, und die langen Stangen, an deren Hals befestigt, von ihnen über Berg und Thal mitgezogen. Carls Aufmerksamkeit wurde gleichfalls durch die große Heerde von Pferden und Maulthieren angeregt, welche vor dem Lagerplatz in der Weide ging und aus mehr als fünfhundert dieser Thiere bestand. Sie werden von den Indianern theils zum Reiten, theils zum Tragen der Zelte, Geräthschaften und Vorräthe benutzt, und bei Gelegenheit auch, wenn Wild mangelt, geschlachtet und gegessen.
Leopard schied nach einer langen Unterredung mit dem Häuptling der Comantschen im freundlichsten Vernehmen von demselben, bat ihn schließlich noch, allen Indianerstämmen, mit welchen er zusammentreffen möchte, die Mittheilung wegen des schwarzen Panthers zu überliefern, und zog dann noch einige Meilen weiter am Flusse hinauf, um dort zu übernachten. Am folgenden Tage langten die Delawaren bei dem Handelshause der Regierung an, und schlugen in nicht großer Entfernung von demselben an dem Flusse, an dessen Ufer jenes gelegen war, ihr Lager auf.
Es war Abend geworden und Leopard sandte einen seiner Krieger an den Vorstand der Niederlassung, um denselben von seiner Ankunft zu unterrichten und ihm wissen zu lassen, daß er wünsche, am nächsten Morgen mit ihm zu handeln. Der Bote kam bald zurück, und brachte die Antwort, daß es dem Director der Handlung sehr erfreulich sein werde, die Delawaren bei sich zu sehen und sie bedienen zu können.
Mit dem anbrechenden Tage wurden nun alle Vorräthe, welche sie mit sich führten, bereit gemacht, und nach dem Frühstück beluden deren Eigenthümer ihre Pferde damit, um sie nach dem Handelshause zu schaffen.
Leopard und Carl geleiteten sie auf dem Wege, und nur die Weiber blieben im Lager zurück. Das sogenannte Handelshaus bestand aus einer Menge hölzerner Gebäude, welche in einem Viereck erbaut und mit einer hohen Pallisadenwand umgeben waren. Der Eingang führte in einen, gleichfalls von Blockhäusern eingeschlossenen Vorhof, durch welchen man dann erst in den innern Raum des eigentlichen Forts gelangte, und vor welchem Durchgang zwei kleine Kanonen aufgepflanzt waren, um denselben im Fall eines feindlichen Angriffs durch die Indianer damit zu vertheidigen. Der Vorhof war nun stets der Ort, wo die Wilden mit den Beamten der Niederlassung zusammenkamen, um ihre Händel abzuschließen, und wohin die Waaren gebracht und ihnen vorgelegt wurden.
Der Director des Geschäfts empfing Leopard und seine Begleiter mit großer Freundlichkeit, und sagte ihnen, daß sie zu einem sehr günstigen Augenblicke gekommen seien, da er vor wenigen Tagen bedeutende Zusendungen von Waaren erhalten habe, und sie aufs Beste bedienen könne.
Die Indianer übergaben nun einzeln ihre Vorräthe dem Geschäftsführer, und dieser bestimmte in Gemeinschaft mit Leopard für die Waare eines jeden Mannes den Preis, zu welchem die Handlung dieselbe übernehmen wollte, und von welchem ein gewisser Theil dem Häuptling zukam. Dann nannten die einzelnen Leute die Gegenstände, welche sie zu kaufen wünschten, und welche nun aus dem Fort in den Vorhof gebracht wurden. Dieselben bestanden in grobem feuerrothen Tuch, welches die Delawaren benutzten, um ihre Hüften damit zu umbinden, in bunten Baumwollenzeugen, seidenen Tüchern, Spiegeln, Perlen, Pfeifen, Waffen aller Art, Pulver und Blei, und Taback. Die Wahlen waren bald getroffen, und Carl wunderte sich dabei über die unerhört hohen Preise, welche seinen Freunden berechnet wurden. Nachdem die Leute sämmtlich befriedigt waren, erstand nun auch Leopard für den ihm zugefallenen Antheil an dem Erlös aus den Vorräthen der Indianer eine Menge Waaren, womit das Geschäft beendigt wurde. Der Director machte dann dem Häuptling noch verschiedene Geschenke, und bedauerte, daß die Delawaren keine geräucherte Büffelzungen mitgebracht hätten, wofür er augenblicklich einen sehr hohen Preis bewilligen könne; denn dieselben wären in den östlichen Staaten sehr gesucht.
Der Häuptling zeigte sich erfreut über diese Mittheilung und entgegnete dem Director, er wolle sofort eine Jagd nach Büffeln unternehmen, die, wenn sie glückte, ihn in den Stand setzen würde, einige hundert Büffelzungen binnen Kurzem hierherzubringen. Der Händler munterte ihn noch mehr zu dieser Jagd auf und sagte, er würde ihm für die Zungen noch viel schönere Waaren vorlegen.
Leopard nahm nun Abschied von ihm, die Leute schafften ihre Einkäufe in das Lager, und schon nach wenigen Stunden waren die Delawaren unterwegs nach Westen.
Leopard theilte seinem jungen Freunde mit, daß er nur _einen_ Ort kenne, wo er die beabsichtigte große Jagd auf Büffel ausführen könne; es frage sich nur, ob er zahlreiche Heerden dieser Thiere dort antreffen werde. Wäre dies der Fall, so wolle er sie mit seinen Kriegern einer tiefen Schlucht zutreiben, in welche sie hinunter stürzen und sich zu Hunderten tödten würden.
Carl war sehr gespannt auf diese neue Art von Jagd, und der Häuptling mußte ihm viel über solche, früher schon gehaltene erzählen.
Nach scharfem Reiten während zweier Tage gelangten sie an ein kleines Wasser, welches von schmalen Waldstreifen überschattet war. Hier wurde noch vor Sonnenuntergang das Lager aufgeschlagen, der Häuptling aber bestieg seinen Schimmel, Carl seinen Rappen, welcher während des heutigen Tagesmarsches nicht geritten war, und Beide eilten einer Höhe zu, die einige Meilen von dem Lager entfernt, sich weiter nach Westen in der Prairie erhob. Leopard wollte sehen, ob auf der Ebene jenseits des Hügels Büffel weideten, denn dort war der Platz, wo er die Jagd zu halten beabsichtigte. Schon auf dem Wege nach der Höhe trafen die beiden Reiter viele Büffel an, links und rechts konnte man bis in die weiteste Ferne Heerden dieser Thiere erkennen, und als sie die Anhöhe erreichten, von wo ihnen sich die Aussicht nach Westen öffnete, fanden sie zu ihrer Freude ihre Hoffnungen erfüllt. So weit das Auge reichte, war die Grasfläche mit Büffelheerden bedeckt. Der Häuptling bezeichnete Carl nun am fernen Horizonte eine Gruppe hoher Bäume, und sagte ihm, daß dort die Schlucht sich befinde, und daß sie sich eine Meile lang ausdehne. Dorthin sollte morgen nun die Jagd gemacht werden, und mit dem Wunsch, daß sie am folgenden Tage noch eben so viele Büffel hier antreffen möchten, traten die beiden Reiter ihren Rückweg an.
Im Lager herrschte an diesem Abend große Thätigkeit: die Männer setzten ihre Waffen in besten Stand, und die Weiber sahen das Sattelzeug genau nach und stellten alle Schäden daran sorgfältig wieder her. Viele waren aber damit beschäftigt, ein Gestell aus leichtem Weidenholz zu flechten, welches, wenn eine Büffelhaut darüber gehangen wurde, die ungefähre Form eines Büffels hatte. Dieses Gestell sollte bei der Jagd einer der Delawaren auf dem Kopf tragen, und den Büffelheerden den Weg nach der Schlucht zeigen. Hierzu war der beste Läufer, ein schlanker, kräftiger junger Bursch, gewählt und nachdem das Gestell fertig war, hing er die Büffelhaut darüber, hob es auf seinen Kopf, und rannte damit zur Belustigung Aller in den tollsten Sprüngen im Lager umher, während ihm von allen Seiten der lauteste Beifall gezollt wurde. Namentlich war Carl sehr überrascht, als plötzlich dies Ungeheuer um das Feuer des Häuptlings, bei welchem er ruhte, herumgaloppirt kam und der Indianer, der in ihm steckte, die fürchterlichsten Töne dabei ausstieß. Leopard war sehr mit der Ausführung dieses nachgeahmten Büffels zufrieden, und sagte dem Burschen, der die Vorstellung gab, daß er einen doppelten Antheil an der Beute haben solle, wenn die Jagd gut ausfiele. Nachdem das Abendbrod eingenommen war und man sich zur Ruhe begab, bestieg jener junge Krieger sein Pferd, legte die große Büffelhaut unter sich über den Sattel, nahm das Gestell auf seine Schultern, und ritt davon, um auf einem weiten Umwege von Westen her die Schlucht zu erreichen, wohin die Jagd gemacht werden sollte. Auf diesem Wege beunruhigte er die Büffelheerden an dieser Seite der Schlucht nicht, und er war morgens frühzeitig auf seinen Posten, um seine Rolle als Büffel zu spielen.
Beim ersten Grauen des Tages bestiegen die Delawaren nun ihre besten Pferde und ritten, von Leopard auf seinem Schimmel und Carl auf dem Falben geführt, nach der Anhöhe, welche der Häuptling am Abend zuvor besucht hatte. Es war noch nicht ganz Tag, als sie dort anlangten und die ganze Ebene bis nach der, viele Meilen entfernten Schlucht mit Büffelheerden bedeckt fanden. Viele dieser Thiere hatten sich noch nicht erhoben und ruhten sorglos in dem frischen jungen Gras. Der Häuptling sandte seine Krieger nun zur Rechten und zur Linken ab, um in einem weiten Halbzirkel die Heerden zu umstellen. Er selbst blieb mit Carl auf dem Hügel halten, und sie folgten mit den Blicken den davonreitenden Jägern, von denen von Zeit zu Zeit einer stehen blieb, um die Treiblinie zu bilden. Bald aber verschwanden die Weiterziehenden in der Ferne, und ihre Richtung wurde nur durch heraneilende Büffelheerden bezeichnet, welche, durch sie aufgeschreckt, vor ihnen flohen. Die Heerden auf der Ebene nach der Schlucht hin zeigten aber keine Unruhe, und die neu herzukommenden begannen gleichfalls zwischen ihnen zu weiden. Als es heller Tag geworden war, sagte der Häuptling zu Carl: »Sieh jetzt einmal durch Dein Glas nach der Schlucht hin, ob Du vor derselben einen einzelnen Büffel gewahren kannst, das würde unser Mann mit dem Gestell auf dem Kopfe sein. Er wird sich dort in der Gegend aufhalten, und erst, wenn die Büffel, von uns gejagt, angestürmt kommen, der Schlucht zufliehen, damit die Heerden ihm folgen.«
Carl sah lange Zeit nach den bezeichneten Bäumen hin, die sich am Horizont erhoben, konnte aber keinen einzelnen Büffel in deren Nähe erkennen. Der Häuptling hatte währenddem, mit der Hand über den Augen, gleichfalls unverwandt hingeblickt, und sagte plötzlich: »Ich glaube, ich sehe ihn, dort ist wenigstens ein schwarzer Punkt, und ich meine, derselbe habe sich den Bäumen etwas genähert. Gieb mir Dein Glas.«
Er nahm nun das Fernrohr aus Carls Hand, und hatte nur kurze Zeit hindurchgesehen, als er sagte: »Freilich ist es unser Mann, er steht gerade in der Mitte vor der Schlucht. Jetzt wirst Du ihn auch erkennen können, suche ihn rechts von den Bäumen.«
Carl nahm nun das Fernglas, und hatte kaum hindurchgeblickt, als auch er den nachgeahmten Büffel erkannte, der sich jenseits der Heerden vor der Schlucht aufgestellt hatte.
Von links und rechts kamen immer noch Büffel angezogen, und der Häuptling spähte nach den beiden äußersten Enden des Halbzirkels, in welchem seine Leute von beiden Seiten heranreiten sollten. Bald erschienen denn auch die letzten derselben wie dunkele Punkte in weiter Ferne, sie bewegten sich der Schlucht zu, und man konnte nun den ganzen Bogen, welchen die Delawaren beschrieben, vom Hügel herab übersehen. Plötzlich ließ der Häuptling sein gellendes Jagdgeschrei ertönen, und auf der ganzen Linie zu beiden Seiten wurde es dann auch von den Treibern angestimmt. Zugleich setzten Alle ihre Rosse in Galopp und stürmten der Schlucht entgegen, während die wilden Jagdrufe die sorglosen Büffel auf der ganzen Ebene aufscheuchten und alle vor den heranjagenden Reitern die Flucht ergriffen. In sausender Carriere folgte die ganze Linie der Indianer den fliehenden Heerden, die von beiden Seiten immer näher zusammengedrängt und von hinten im Sturmlauf vorwärts getrieben wurden. Je mehr die Indianer sich der Schlucht näherten, um so enger rückten sie in ihrer Linie zusammen und um so lauter und fürchterlicher ertönte ihr Jagdgeschrei. Nur einzelne Büffel wandten sich gegen die Linie, und wurden von den Kugeln der Indianer begrüßt. Keiner von diesen aber hielt sich um einen verwundeten oder getödteten Büffel auf, alle blieben in der Nähe und folgten den Heerden in wilder tobender Jagd. Auch Carl schoß mehrere Büffel nieder, sprengte aber immer mit dem Häuptling vorwärts, und ließ seinen Jagdruf aus Leibeskräften erschallen.
Während dieser Zeit stand der Indianer mit der Büffelhaut über dem Kopfe einige Tausend Schritte vor der Schlucht auf der Grasflur aufgestellt und schaute nach den aus der Ferne heranstürmenden Büffelheerden. Wie Donner kam es mit ihnen herangezogen, und die Erde begann unter den Füßen des Indianers zu beben. Er ging jetzt hin und her, hielt aber seinen Blick immer auf die vorderste Heerde gerichtet und suchte durch wiederholte Sprünge deren Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie kam auf ihn zu, und nun setzte er sich langsam in Trab, blickte sich aber immer wieder um, damit die wilden Schaaren ihm nicht zu nahe kommen möchten. Er beeilte bald seine Schritte mehr und mehr, und sah zu seiner großen Freude, daß die vorderste Heerde ihm geraden Weges folgte. Jetzt aber setzte er sich in raschen Lauf, denn Rippe an Rippe kamen die entsetzten Thiere in so rasender Flucht herangejagt, daß, wollte er nicht unter ihren Füßen zermalmt werden, er keine Sekunde mehr verlieren durfte. In fliegenden Sprüngen setzte er vor dem ihm folgenden Thiergewoge über die Prairie der Schlucht zu, und erreichte deren steilen Abhang, als nur noch fünfzig Schritte zwischen ihm und den Büffeln lagen. Ein Busch auf dem Abhange bezeichnete ihm die Stelle, wo er sichern Schutz zu finden wußte; denn dort führte ein schmaler Fußsteig, den die Indianer in die Felswand eingehauen hatten, zehn Fuß an derselben hinab und in eine Höhle, die sich dort tief in den Felsen erstreckte. Der Pfad war so schmal, daß ein Mensch ihn nur mit Lebensgefahr betreten konnte, denn neben demselben schoß der Abhang mehrere Hundert Fuß senkrecht hinunter. Der Indianer hatte den Busch über dem Pfad erreicht, warf das Gestell mit der Büffelhaut über den Kopf in den Abgrund hinunter, kletterte auf dem Pfad hinab und saß wenige Augenblicke später sicher geborgen in der Höhle. Die Felswand schien unter der Wucht der heranstürmenden Schaaren zu wanken, das Donnerdröhnen der Tritte hatte den Abhang erreicht, und jetzt sah der Indianer die Riesenthiere brüllend über sich durch die Luft fliegen und vor sich in die Schlucht hinabstürzen. Tausende von Büffeln wurden jetzt von den ihnen folgenden Reitern gegen den Abhang gejagt; zu spät wurden ihre vorderen Reihen denselben gewahr, denn ehe sie sich in ihrem Sturmlauf aufhalten und von der Schlucht sich abwenden konnten, drängten sie die folgenden Massen über den Felsrand hinaus. Nach wenigen Minuten aber hatte das wilde verworrene Thiergewoge Halt gemacht, und Leopard rief seinem jungen Freunde zu:
»Zurück, zurück, folge mir, laß dem Falben die Zügel!« und fort jagten Beide, und links und rechts sämmtliche Delawaren mit ihnen, denn jetzt waren die Büffel die Angreifer und die Jäger die Gejagten. Mit lautem Wuthgebrüll kamen die erzürnten colossalen Thiere gesenkten Kopfes herangebraust, und verfolgten ihre Feinde weit über die Grasflur, bis sie sich überzeugten, daß sie die flüchtigen Pferde nicht einholen konnten. Dann stampften sie, ihnen nachblickend, den Boden, und ließen ihr Siegesgebrüll ertönen.
In weitem Bogen führte der Häuptling nun seine Schaar in Galopp dem Ende der Schlucht zu, wo dieselbe sich in der Prairie erweiterte und abflachte, und dann ritten die Jäger in derselben hinauf, um zu ihrer Beute zu gelangen. Je weiter sie zwischen den beiden Felswänden vordrangen, um so höher erhoben sich dieselben, um so mehr näherten sie sich einander. Schon von Weitem sahen die Jäger die schwarzen Massen der herabgestürzten Büffel in der Schlucht liegen, und bald erkannten sie, daß viele derselben sich noch hin- und herwarfen und aufzustehen versuchten. In einer Länge von fünfhundert Schritten lagen unter der Felswand zwischen drei- und vierhundert Büffel, und hoch über ihnen sah der Indianer aus der Felsspalte hervor und bewillkommnete seine Kameraden bei der reichen Jagdbeute mit lauten Jubelrufen. Die noch lebenden Thiere wurden schnell getödtet, und dann begaben sich die Indianer eilig an die Arbeit, allen Büffeln die Zungen auszuschneiden. Nur wenige wurden ihrer Häute beraubt, alle aber den Geiern und Wölfen zum Schmause überlassen; denn kaum hatten die Jäger die Zungen der Büffel an ihren Sätteln hängen, so ging es ohne Aufenthalt nach dem Lager zurück, um die Beute den Frauen zum Trocknen und Räuchern zu übergeben. Zu so hoher Begeisterung Carl auch in der Aufregung der großartigen Jagd hingerissen wurde, so war ihm doch der Anblick der ungeheuren Zahl von gemordeten Thieren, die ihr Leben nur ihrer Zunge wegen hatten hingeben müssen, abschreckend und widrig gewesen, und er war froh, die Schlucht hinter sich zurückzulassen und seinen Blick an dem freundlichen Bilde zu weiden, welches die saftig grüne Fläche mit ihren tausendfarbigen Blumen ihm bot. Die Frauen hatten im Lager nun schon die nöthigen Gerüste über Kohlenfeuern aufgestellt, um die Zungen darüber zu räuchern und zu trocknen, und mit großem Jubel bewillkommneten sie die glücklichen Jäger und nahmen deren Beute in Empfang. Der Tag verstrich in großer Thätigkeit, und es wurde während desselben an keine weitere Jagd gedacht. Am folgenden Morgen aber forderte der Häuptling Carl auf, einen Gang mit ihm an dem Wasser hinab zu machen, da dessen Ufer immer reich von Wild belebt seien. Carl war schnell bereit, ergriff seine Büchse und verließ mit dem Häuptling das Lager, nachdem dieser seine Leute ersucht hatte, nicht gleichfalls am Flusse hinab zu jagen, sondern lieber die entgegengesetzte Richtung zu wählen. Er ließ dann Carl in den Waldstrich an dem linken Ufer gehen und begab sich selbst durch das seichte Wasser an dessen andere Seite, weil, wie er sagte, dort zu viel Röhricht stehe und Carl sich leicht darin verirren könne. Ehe sie sich trennten, bezeichnete er einen Ort, wo sich die Prairie bis an das Wasser in den Wald hinein erstrecke; dort sollte Carl auf ihn warten. Wohl eine halbe Stunde lang war dieser hin und her in dem ziemlich lichten Gehölz fortgeschritten, ohne irgend ein Wild zu Gesicht zu bekommen, da rauschte es plötzlich neben ihm in dem Röhricht am Wasser, es krachte und brach darin, und eine schwere dunkle Masse stürzte aus dem Dickicht hervor. Carl war hinter einen Baum gesprungen, und erkannte jetzt einen schwer verwundeten riesigen Büffel, der sich wahrscheinlich nach der gestrigen Jagd hierher geflüchtet und das Wasser aufgesucht hatte, um darin seine Wunden zu kühlen. Carl schoß nach ihm, doch da das Thier sich dennoch mühsam fortschleppen wollte, so gab er ihm seine zweite Kugel, welche dasselbe nun völlig tödtete.
In diesem Augenblick fiel an der andern Seite des Wassers in nicht großer Entfernung ein Schuß, und Carl schaute nach der Richtung hin, von wo der Schall gekommen war. Da hörte er die gellende Stimme des Häuptlings, und erkannte deutlich, daß er seinen Namen rief. Mit wenigen Sätzen hatte er durch das seichte Wasser hin das jenseitige Ufer erreicht, und brach sich gewaltsam Bahn durch das Röhricht, während der Hülferuf des Häuptlings immer lauter, immer dringender zu ihm herüber drang. Das Dickicht war aber zu sehr mit Ranken durchschlungen, als daß Carl sich hätte schnell vorwärts bewegen können, und der sumpfige Boden, in dem er oft bis an die Knie einsank, hinderte noch mehr seine Eile. Endlich ward es licht, er hatte einen offenen Grasfleck erreicht, und hörte nun von dessen anderer Seite her den Ruf Leopards ganz nahe aus dem Röhricht erschallen.
Carl stürzte sich in dasselbe hinein, bog es mit allen Kräften links und rechts zur Seite, und sprang plötzlich in eine offene Stelle, wo vor ihm auf dem Boden der Häuptling lag und mit einem ungeheuern Panther rang, der auf ihm saß und seinen Hals zu ergreifen trachtete. Leopard wehrte das grimmige Thier mit seiner linken Hand von sich ab, während sein rechter Arm mit Blut bedeckt machtlos in dem Grase hing. Mit _einem_ Satze warf sich Carl auf das wüthende Thier und stieß ihm sein langes Jagdmesser in die Seite. Der Panther fuhr herum, und schlug seine furchtbaren Tatzen in die Schulter seines neuen Gegners, doch Carls Messer fand mit dem zweiten Stoß das Herz des Raubthiers und streckte es todt zu Boden. Jetzt erst erkannte der Knabe, daß der Häuptling auf einem zweiten Panther lag, welchem der Kopf gespalten war. Leopard sank mit einem dankbaren Blick nach seinem Retter in das Gras zurück und verlor die Besinnung; Carl aber nahm schnell sein Tuch hervor und verband damit die Wunden an dem rechten Arm Leopards, aus welchem das Blut noch immer frisch hervorquoll. Dann holte er Wasser in seinem Hute herbei und wusch seinem Freunde die Schläfe und die Brust, bis derselbe die Augen wieder aufschlug. Der Häuptling deutete auf seinen rechten Schenkel, und als Carl denselben untersuchte, fand er mehrere sehr arge Wunden daran, die das Raubthier mit den Hintertatzen geschlagen hatte. Der Knabe wollte sein Hemd ausziehen, um dasselbe zum Verbinden dieser Wunden zu verwenden, da sah er das Tuch, welches der Häuptling um den Kopf getragen hatte, im Rohr hängen; er holte es schnell herbei und wand es sorgfältig um das verwundete Bein. Dann brachte er abermals Wasser in seinem Hut, um seinen Freund damit zu erfrischen, und fragte ihn nun, was er thun solle, damit er ihn in das Lager schaffe. Leopard bat ihn mit matter Stimme, seine Büchse zu laden und sie neben ihm niederzulegen, da er im Nothfall dieselbe auch mit der linken Hand würde abfeuern können; denn seine rechte war er nicht im Stande zu erheben. Carl erfüllte seinen Wunsch, und als ihn Leopard nun aufforderte, in das Lager zurückzueilen, lud Carl auch noch sein eigenes Gewehr, legte es bei dem Verwundeten nieder, und sprang dann auf dem Wege, den er gekommen war, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, wieder zurück nach dem Lager. Die Wunden an seinem eignen Arm beachtete er gar nicht, obgleich sie ihn schmerzten und das Blut aus dem Aermel bis auf seine Hand geflossen war.
Die Nachricht von dem Unglück, welches Leopard betroffen hatte, verbreitete großen Schrecken unter den Delawaren, die Kräftigsten von ihnen schlossen sich Carl sofort an, und er mußte sie zu ihrem Häuptling führen. Sie fanden denselben durch den bedeutenden Blutverlust sehr entkräftet, verfertigten schnell eine Trage, legten ihn auf dieselbe und hoben die Bahre auf ihre Schultern.
Leopard trug einem der Delawaren auf, die Häute der beiden Panther mitzunehmen, und auch die eines jungen Panthers, welchen er ihm in dem Röhricht bezeichnete, wo derselbe todt lag. Darauf setzte sich der Zug in Bewegung und langte nach Verlauf einer Stunde in dem Lager an. Die Männer, so wie die Frauen sammelten sich traurig um ihren geliebten Häuptling, er wurde in sein Zelt getragen, dort auf weichen Häuten gebettet, und zwei Indianerinnen legten nun Kräuter in die Wunden und verbanden dieselben dann von Neuem. Sie kochten auch einen Kräuterthee für ihn, den sie ihm von Zeit zu Zeit zu trinken gaben, und blieben während der ganzen folgenden Nacht bei ihm sitzen, um seine Schmerzen zu lindern und den Verband seiner Wunden häufig zu erneuen. Sie hatten auch Carl verbunden, der nun gleichfalls nicht von der Seite des Häuptlings wich, und dieser hielt oft lange Zeit des Knaben Hand in seiner Linken und schaute ihn mit dankbarem Blick dabei an. Gegen Morgen versank Leopard in einen tiefen Schlaf, aus dem er erst erwachte, als die Sonne schon hoch am Himmel stand. Er fühlte sich sehr gekräftigt, rief Carl lächelnd zu sich heran, und nachdem derselbe sich neben ihm niedergelassen hatte, erzählte er ihm, in welcher Weise er am Tage vorher so zu Schaden gekommen war. Er sagte, es sei seine eigene Schuld gewesen, und er verdiene die Schmerzen, die er sich selbst zugezogen habe.