Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 25
Die sorglose Ruhe, der glückliche Friede, welche bisher die Ansiedler umgeben hatten, waren aber tief erschüttert, und mit Bangen und Zagen sahen sie jetzt immer die Nacht hereinbrechen. Daniel that sein Möglichstes, ruhig und sorglos zu erscheinen, um seinen Freunden Muth zu geben und vor ihnen seinen eignen Seelenkampf zu verbergen, der ihm, wo er ging, wo er stand, sein unvermeidliches furchtbares Ende vorspiegelte. Tage verstrichen aber, und Wochen eilten dahin, ohne daß die Ruhe im Fort abermals gestört worden wäre, und dem Frühling mit seinen tausend Schönheiten, seinen zahllosen Reizen gelang es, die Herzen der Bedrängten wieder zu ermuthigen, zu erfreuen. Die ganze Natur war ja heiter und festlich gestimmt, es war ja kaum möglich, an etwas Trauriges, etwas Schreckliches zu denken, denn das Bild eines ewigen Friedens umgab die Niederlassung. Bei Turners zog nach und nach das frühere Glück, die frühere heitere Zuversicht in ihre Zukunft wieder ein; aber im Herzen Daniels wurde es von Tag zu Tag trüber, und mit Bangen schloß er Abends das Fort, mit Bangen blickte er Morgens über dessen Umgebung. Er wollte seinem Schicksal nicht entgehen, er wollte sich für seine Freunde opfern, aber es schauderte ihn, dachte er an die grausame Rache der Indianer. Er war stets der Erste, der Morgens einen Blick aus den Schießscharten der Pallisaden warf, um zu sehen, ob die Delawaren das Fort noch nicht umstellt hätten; denn sobald dieselben erschienen sein würden, wollte er sich durch Turner an sie ausliefern lassen, damit bei den Indianern jeder Vorwurf gegen seine Freunde verschwinden möge.
Abschnitt 8.
Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe. -- Das Rennen wider Willen. -- Das Handelshaus. -- Großer Büffelfang. -- Der Panther. -- Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen.
Daniel hatte sich eines Morgens so eben mit dem Gedanken an die Delawaren von seinem Lager erhoben, und trat in den Hof, um einen Blick über die Prairie zu thun, als das laute, lärmende Gebell der Hunde außerhalb des Forts ihm wie ein Blitzstrahl durch die Seele fuhr. Er sah im Geiste seine Henker nahen, sprang an die Schießöffnung, und nun ward der Gedanke zur Wahrheit; denn dort kamen die Delawaren mit Leopard an der Spitze im Galopp über das wogende Gras dem Fort zugejagt. Die Liebe zum Leben, der Trieb der Selbsterhaltung blitzte mit einem Gedanken an die Leiter und an das Kanoe in Daniel auf; noch war es Zeit, zu fliehen, noch konnte er dem Tode unter den Händen der Barbaren entgehen! Er blickte nach dem Abhang, wo die Leiter lag, er sah aber auch die geschlossenen Thüren, hinter welchen seine Freunde in sorglosem glücklichen Schlummer ruhten, und verschwunden war jedes Wanken, jedes Zagen, er wollte sich seinen Feinden überliefern.
Der Lärm der Hunde brachte nun auch Carl und Turner erschreckt in den Hof, doch Daniel rief ihnen zu, es seien die Delawaren, die sich naheten und von denen sie Nichts zu befürchten hätten.
»Die Delawaren -- doch nicht mit Leopard?« rief Turner erschrocken; »dann eile fort in den Wald, Daniel, daß sie Dich nicht hier finden!«
»Sie kommen, um mich zu holen, und ich werde mit ihnen gehen,« antwortete der Neger entschlossen.
»Nimmermehr, nun und nimmermehr, Daniel, lieber wollen wir uns sämmtlich unter den Trümmern des Forts begraben lassen. Fort, guter Daniel, fort in das Boot, noch ist es Zeit,« rief Turner dringend und zog den Neger nach der Leiter hin.
»Es ist umsonst, die Delawaren wissen durch die Comantschen, daß ich hier bin; denn diesen habe ich es in jener Nacht gesagt, um sie von weiteren Feindseligkeiten abzuhalten. Durch meine Flucht würde ich Sie sämmtlich dem Tode weihen. Ich liefere mich an Leopard aus,« sagte Daniel unerschütterlich, und weigerte sich, die Leiter zu betreten, welche Carl auf den Felsen hinabgelassen hatte. Dieser, so wie Turner aber schlangen ihre Arme um den treuen Freund und flehten und beschworen ihn, zu fliehen, und sie ihrem Schicksale zu überlassen.
Daniel aber blieb bei seinem Entschluß, und zeigte einige Augenblicke später nach dem jenseitigen Ufer, wo jetzt vor dem Walde schon mehrere Delawaren erschienen.
»So werden wir mit Dir sterben, Daniel, lebendig sollen diese Barbaren weder Dich noch uns in die Hände bekommen. Carl, hole die Waffen!« rief Turner außer sich, schlang abermals seine Arme um den Freund und flehte ihn an, sich zu vertheidigen.
»Halloh, weißer Mann, höre mich, ich bin Leopard, der Delawarenhäuptling!« rief jetzt die Donnerstimme des Indianers außerhalb des Forts, indem derselbe mit seiner Streitaxt an das Thor schlug.
»Was willst Du, kommst Du als Freund oder als Feind zu mir? Bedenke, daß ich mich unter dem Schutze des Präsidenten der Vereinigten Staaten befinde, in dessen Diensten Du stehst.«
»Ich komme als Freund zu Dir und bitte Dich, mir mein Eigenthum, den schwarzen Panther auszuliefern, der unter Deinem Dache wohnt.«
»Du hast kein Eigenthumsrecht an ihn, denn dein Vater hat dessen Eltern geraubt und sie zu seinen Sklaven gemacht,« entgegnete Turner entschlossen.
»Richte über Deine eigenen Angelegenheiten, nicht über die meinigen. Ich werde mein Eigenthum, den schwarzen Panther, lebendig oder todt mit mir von hier nehmen. Er kann mir nicht entgehen, denn ich werde Deine Festung umstellt halten, bis der Hunger Euch Alle tödtet, oder bis Ihr mir den schwarzen Panther überliefert. Ich lehne mich nicht gegen den Willen des großen Vaters, des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf, denn ich werde keine Gewalt gegen Dich gebrauchen und Deine Holzwände nicht ersteigen; es soll kein Fuß eines Delawaren Dein Haus betreten, Du magst frei ein- und ausgehen, aber Lebensmittel lasse ich nicht in Deine Festung ein, bis der schwarze Panther in meinen Händen ist.«
»Ich werde Dir folgen, Leopard, obgleich Du kein Recht an mir hast,« schrie Daniel dem Indianer zu, doch Turner unterbrach ihn und rief: »So entferne Dich von meinem Eigenthum, so weit, daß Dich meine Kugeln nicht erreichen können; ich werde mich und meinen Freund Daniel vertheidigen, und meine Freunde vom Choctawbache werden bald hier sein und mir beistehen!«
»Thue, was Du willst, der Leopard redet nur _einmal_!« rief der Häuptling von draußen und gab weiter keine Antwort.
Madame Turner und die Kinder waren zu Tode erschrocken in den Hof gekommen, und hörten mit Entsetzen, um was es sich handele. Sie weinten und jammerten, und hingen sich flehend an Daniel, der bei seinem Entschluß blieb, das Fort zu verlassen und sich den Delawaren zu überliefern.
Als Turner durch eine Schießöffnung blickte, sah er, daß die Indianer außer Schußweite rings um das Fort ihre Zelte aufgeschlagen hatten, und daß ihre Pferde weiterhin im Grase weideten.
»Noch eine Bitte mußt Du mir zugestehen, Daniel, Du mußt hier bleiben, bis ich nochmals mit dem Häuptling gesprochen habe,« sagte Turner nun zu dem Neger, »ich will hinaus zu ihm gehen und will ihm all mein vorräthiges Geld bieten, um Dich frei zu kaufen. Ich habe noch mehr, als er für Dich fordern kann.«
Daniel stellte ihm vor, daß es umsonst sein würde; Madame Turner und die Kinder hingen sich an Turner, und wollten ihn nicht hinausgehen lassen; doch er blieb bei seinem Entschluß, und öffnete das Thor. Carl mußte es wieder hinter ihm verschließen, und nun schritt er den Hügel hinab dem Zelte zu, vor welchem er den Häuptling sitzen sah.
»Sei mir willkommen in meinem Lager,« sagte Leopard, dem Nahenden entgegen gehend, und bot ihm die Hand zum Gruß; »die Delawaren sind Freunde der weißen Männer.«
Damit leitete er Turner vor sein Zelt und ließ ihn neben sich auf einer Büffelhaut Platz nehmen.
»So zeige es mir, daß Du mein Freund bist, ich fordere einen Freundschaftsdienst von Dir und will Deinen Schaden nicht. Verkaufe mir den Neger, ich bin bereit, Dir einige tausend Dollar für ihn zu geben; mehr Geld besitze ich nicht,« sagte Turner, und ergriff bittend die Hand des Häuptlings.
»Geld kann kein Unrecht gut machen, welches einem Delawaren zugefügt ist. Behalte Du Dein Geld und gieb mir meinen schwarzen Panther,« antwortete der Häuptling mit unerschütterlicher Bestimmtheit.
»Nun, so will ich versuchen, ob meine Freunde am Choctawbache mir auf mein ganzes Eigenthum noch Geld borgen wollen, ich zahle Dir Alles, was ich aufbringen kann für den Neger,« nahm Turner wieder das Wort.
»Und wenn Du mir alles Geld der weißen Männer geben könntest, so würde ich Dir den schwarzen Panther nicht dafür verkaufen,« entgegnete Leopard mit einem finstern Blick, und blieb gegen alle Vorschläge, alles Flehen Turners unerbittlich.
Mit blutendem Herzen kehrte dieser unverrichteter Sache in das Fort zurück, und gab sich dort mit den Seinigen dem Schmerz und dem Jammer über das unvermeidliche Schicksal des geliebten Freundes hin.
Den Tag verbrachten die schwer Bedrängten unter Wehklagen und Thränen, nur Carls Augen waren trocken geworden, und es glänzte ein Gedanke auf deren Spiegel, der in seiner Seele immer lebendiger aufstieg. Er wurde stumm und nachdenkend, und erst, als die Sonne sich neigte, sagte er zu Turner: »Ich will noch einmal mit dem Häuptling reden, vielleicht gelingt es mir, ihn milder zu stimmen; er ist mir sehr gut gewesen.«
Turner schlang seinen Arm um den braven Knaben und drückte ihn innig an seine Brust, indem er sagte: »Du meinst es so gut, Carl, der Himmel mag Dich unterstützen, ich fürchte aber, es wird auch umsonst sein. Gehe mit Gott und versuche es, das Herz des Wilden zu erweichen.« Darauf geleitete Turner den Knaben zu dem Thore und ließ ihn hinaus.
Als Carl den Hügel hinabschritt, kam ihm der Häuptling schon von Weitem entgegen und empfing ihn mit den Worten: »Warum willst Du mich zwingen, auch Dir eine Bitte abzuschlagen, da Du weißt, daß ich sie Dir nicht gewähren kann, und da Du weißt, wie gut ich Dir bin? Habe ich Dir doch gesagt, wie leid es mir thut, daß Du nicht als Delaware geboren bist!«
»Und wenn ich nun dennoch ein Delaware werden wollte, ein treuer Delaware mit Leib und Seele, würdest Du mich nicht lieber haben, als ihn?«
Bei diesen Worten Carls war es, als ob ein plötzlicher Sonnenschein über die finstern Züge des Häuptlings führe, er sah den Knaben überrascht und in höchstem Erstaunen an, ergriff plötzlich dessen beide Hände, zog ihn an seine Brust und schlang seine sehnigen Arme um ihn.
»Du, ein Delaware?« rief er, außer sich vor Freude; »und wenn ich hundert schwarze Panther für Dich geben müßte, so solltest Du ein Delaware werden! Dein Herz ist groß, ja es ist größer für Freundschaft, als das meinige, ich will Dir aber ein eben so guter Freund sein, als Du es dem schwarzen Panther bist. Ja, Knabe, Du sollst Delaware, Du sollst mein Freund werden, und ich gebe den schwarzen Panther für Dich auf.«
»Du mußt ihm nicht allein seine Freiheit geben, er muß als Delaware unter Deinem Schutze bei den Meinigen bleiben, damit sie und ihr Eigenthum gegen jede Feindseligkeit anderer Indianer sicher gestellt werden. Willigst Du hierin ein, so ziehe ich mit Dir, und will Dir ein treuer Freund sein,« sagte Carl mit freudestrahlendem Blick; denn nun hoffte er nicht allein, seinen Freund Daniel zu retten, er hoffte auch, für immer alle Gefahren von seinen Lieben abzuwenden.
»Ich gehe es ein, der schwarze Panther ist frei, er bleibt als Delaware bei den Deinigen, und wer ihren Frieden stört, dessen Herz sollen die Delawaren den Wölfen hinwerfen. Du ziehst mit mir, Carl, Du sollst auf meinem Lager schlafen, sollst mit mir essen, mit mir jagen und kämpfen und die Delawaren werden Dich lieben und ihren letzten Scalp für Dich hingeben, wenn Du in Gefahr kommen solltest.«
Hiemit reichte der Häuptling Carl die Hand und dieser schlug ein.
»Wird Dein Onkel Dich aber mit mir gehen lassen?« fragte der Indianer nun bedenklich, »ich darf Dich nicht rauben.«
»Ich gehe aus eignem Willen mit Dir, freilich muß es heimlich geschehen. Ich sage es meinem Onkel schriftlich, daß ich freiwillig mit Dir gezogen bin, und lasse den Brief in meinem Zimmer zurück. In dieser Nacht, wenn Alles im Fort schläft, schleiche ich mich davon und komme zu Dir; noch ehe der Tag graut, müssen wir weit von hier fort sein. Halte Alles zum schnellen Aufbruch bereit, nach Mitternacht bin ich bei Dir.«
Mit dem beseligenden Gedanken, durch sein Handeln die Seinigen für immer vor allen Gefahren zu schützen und seinen Freund Daniel dem Tode zu entreißen, verließ Carl den Häuptling und kehrte leichtern Herzens in das Fort zurück.
»Du bringst frohe Kunde, Carl, ich lese es auf Deinen Zügen,« sagte Turner, als er den Knaben am Thor empfing und, von Hoffnung bewegt, dessen Hand ergriff.
»Der Häuptling ist friedlicher gestimmt, er will morgen noch einmal mit Dir reden,« entgegnete Carl entschlossen, sein Vorhaben, welches er für das Wohl seiner Lieben ausführen wollte, nicht auf seinen Zügen zu verrathen.
»Gottlob!« sagte Turner, »nun wird sich doch noch Alles zum Guten wenden; Carl, Du bist und bleibst unser Schutzengel.«
Madame Turner dankte dem Knaben unter Thränen für den neuen Beweis seiner Liebe, und Daniel gab sich mit den innigsten Danksagungen der Hoffnung hin, daß sein Geschick eine günstige Wendung nehmen möge.
Als die Sonne versunken war und Turner daran erinnerte, daß die Pferde in das Fort hereingebracht werden müßten, sagte Carl: »Ich will sie zum Wasser führen und sie dann wieder in das Gras bringen; wir wollen sie während der Nacht draußen lassen. Es zeigt von Mißtrauen gegen die Delawaren, wenn wir sie hereinholen.« Turner stimmte seiner Ansicht bei, und Carl tränkte nun die Pferde und band sie dann wieder in die Weide, seinem Rappen aber gab er dabei einen Platz nicht weit von dem Zelte des Häuptlings. Nachdem er in das Fort zurückgekehrt war und die Seinigen mit Daniel in dem Speisezimmer versammelt fand, ging er in seine Stube und schrieb schnell einen Abschiedsbrief an alle seine Lieben. Er theilte ihnen den Grund mit, weßhalb er sie verließ, sagte ihnen, daß es ihn hoch beglücke, sie allen Gefahren zu überheben, und bat sie, sich nicht über sein Entfernen zu grämen, da es ihm ja gut gehen würde, und er sie im nächsten Herbst besuchen wolle. Er schloß den Brief mit der Bitte, ihm nicht zu folgen, da er fest entschlossen sei, bei den Delawaren zu bleiben, und ihn nichts vermögen werde, in das Fort zurückzukehren. Er richtete diese letzten Worte insbesondere an Daniel, beschwur ihn, nun treulich bei den Seinigen auszuhalten, und dadurch Carls Schritt zu heiligen. Die Thränen, welche während des Schreibens seinen Augen entquollen, gestatteten ihm kaum, den Brief zu beenden, und er mußte sich wiederholt dabei unterbrechen. Als er ihn endlich geschlossen hatte, richtete er die Aufschrift an seinen Onkel, und verbarg dann das Schreiben in seiner Lederjacke. Er steckte nun schnell alle Gegenstände, die er mitnehmen wollte, in seine Jagdtasche, hing dieselbe neben seine Waffen, und ging dann zu den Seinigen, um mit ihnen das Abendbrod zu verzehren. Mit schwerem Herzen setzte er sich an dem Tische nieder, es war ja zum letzten Male, daß er sich hier mit seinen Lieben versammelte, und unbemerkt wischte er die Thränen von seinen Augen, die er nicht zurückhalten konnte. Sein Schweigen und sein Ernst fiel nicht auf, denn auch die Anderen saßen bekümmert und wortkarg da, und dachten an das Schicksal Daniels, welches erst morgen entschieden werden sollte. Carl erhob sich zuerst, um sich zur Ruhe zu begeben, und die Anderen folgten seinem Beispiel; denn die Stimmung war zu traurig, um ein längeres Zusammensein zu veranlassen. Carl küßte die Seinigen, wie er immer zu thun pflegte, wenn er ihnen eine gute Nacht wünschte; er küßte sie aber inniger, heißer und länger als sonst, denn er nahm einen stummen Abschied von ihnen. Er weinte dabei bitterlich, welches man der Ungewißheit über Daniels Schicksal zuschrieb, und Turner suchte Carl zu beruhigen, und tröstete ihn mit dem Vertrauen auf den Allmächtigen, der ihnen beistehen würde. Alle begaben sich nach ihren Ruhestätten, doch der Schlaf blieb ihnen noch lange fern, und erst gegen Mitternacht hatten die Bewohner des Forts die Augen geschlossen; nur Carl war noch wach, fühlte von Zeit zu Zeit auf dem Zifferblatt seiner Uhr, wie spät es sei, und lauschte nach den Athemzügen Daniels, ob derselbe auch fest schlafe. Es war schon lange nach Mitternacht, als er sich leise von seinem Lager erhob, sich schnell ankleidete und den Brief an seinen Onkel auf den Tisch legte. Dann schnallte er die Revolver und das Jagdmesser um, hing die Jagdtasche über seine Schulter, nahm die Jaguarhaut und seine wollene Decke, ergriff die Büchse und schlich vorsichtig in den Hof hinaus. Pluto kam freudig zu ihm herangesprungen, Carl aber wies ihn liebkosend zur Ruhe, und schritt nach dem Thore, welches er geräuschlos öffnete. Er ging hinaus, trug sein Gepäck an die vordere Wand der Pallisaden, und kehrte noch einmal in das Fort zurück, um sein Sattelzeug zu holen. Als er wieder durch das Thor hinausschritt, wollte Pluto ihm folgen, er drückte den Hund aber schmeichelnd zurück, und schob das Thor hinter sich zu. Nun eilte er mit Sattel und Zeug den Hügel hinab zu dem Zelt des Häuptlings, wo dieser ihn beim Feuer freudig empfing und ihm sagte, daß Alles zur Abreise bereit sei.
Carl lief nun noch einmal zu den Pallisaden hinauf, um seine dort niedergelegten übrigen Sachen zu holen, sandte noch einen heißen innigen Abschied aus der Tiefe seines Herzens an alle seine Lieben, und ging dann wieder zu Leopard, dessen Zelt bereits zusammengepackt war und auf den Rücken eines Pferdes gebunden wurde. Carl führte seinen Rappen zum Feuer, legte ihm schnell das Reitzeug und Gepäck auf, wobei der Häuptling ihm behülflich war, und stieg dann in den Sattel, während die Indianer sich zu Pferde um ihn sammelten und freudig in ihm ihren neuen Gefährten begrüßten. Bald war nun auch der Häuptling zu Roß, und der Reiterzug setzte sich, mit ihm und Carl an der Spitze, in Bewegung, während dieser seinen thränenschweren Blick auf die dunklen Umrisse des Forts gerichtet hielt, und im Stillen den geliebten dort Ruhenden sein letztes heißes Lebewohl sagte. Lautlos zogen sie in eiligem Schritt durch die dunkle Nacht dahin, und bald war der letzte Lichtschein der verlassenen Lagerfeuer und die schwarze Form der Pallisadenwände ihren Blicken entschwunden.
In dem Fort aber herrschte Todtenstille, denn selbst das gewohnte Geräusch, welches die Pferde während der Nacht dort zu erregen pflegten, unterbrach die Ruhe nicht.
Der Morgen graute und Daniel erwachte mit dem festen Entschluß, sich heute dem Häuptling zu überliefern, wenn die bevorstehende Unterhandlung mit demselben keinen friedlichen Vergleich herbeiführen sollte. Er erhob sich leise von seinem Lager, um seinen Freund Carl nicht im Schlafe zu stören, da gewahrte er, daß Carls Bett leer war. Der Neger erschrak und richtete seinen nächsten Blick nach der Wand, wo die Waffen des Knaben zu hängen pflegten; sie waren fort. Jetzt sah er den Brief auf dem Tische liegen und erkannte die Handschrift seines Freundes, denn dieser hatte ihm ja Unterricht im Schreiben ertheilt. Ein Brief von Carl, an seinen Onkel gerichtet, -- was konnte die Veranlassung dazu sein -- warum war Carl nicht hier? Der Neger zitterte am ganzen Körper, mit dem Brief in der Hand stürzte er hinaus in den Hof und nach dem Thore -- das Thor war offen, und die Indianer waren verschwunden! Wie gelähmt stand Daniel da, und sah auf den Brief, der in seiner bebenden Hand zitterte; das Papier sagte ihm, was der Knabe für ihn gethan hatte. Ohne Worte, ohne Thränen sank er auf die Kniee und preßte den Brief zitternd mit beiden Händen auf sein Herz. Er wußte nicht, was er that, wußte nicht, was er thun sollte, das Geschehene war zu ungeheuer, zu schrecklich, als daß er es hätte fassen können, es drückte ihn, wie ein riesiges Unglück zu Boden und preßte ihm das Herz und die Brust zusammen.
Plötzlich aber fuhr er auf, stürzte in das Fort hinein zu Turners Haus und schrie:
»Carl ist fort, Herr Turner, Carl ist fort!«
»Was sagst Du, Carl fort?« rief Turner, aus dem Zimmer hervorspringend, und ergriff hastig den Brief, den ihm der Neger entgegenstreckte.
»Er ist fort, Herr, er ist mit den Delawaren fortgezogen. Lesen Sie, lesen Sie schnell, ich muß ihn noch einholen und ihn aus den Händen der Indianer befreien; ich bin es, dessen Besitz sie verlangten, nicht Carl, mich sollen sie haben!« schrie der Neger in höchster Verzweiflung und stierte auf den Brief, den Turner mit zitternder Hand entfaltet hatte und ihn mit ängstlicher Hast durchflog.
»Carl, Carl!« klagte er dann mit einem Blick zum Himmel, und ließ sein Antlitz auf den Brief in seine beiden Hände sinken.
»Er soll zurückkehren, Sie sollen ihn wieder haben!« schrie der Neger, und wollte davon eilen, doch Turner ergriff ihn beim Arm und sagte:
»Es ist umsonst, Daniel, er wird nicht zurückkehren! Glaubst Du, daß Carl seine Freiheit mit Deinem Leben erkaufen würde?«
»Er soll, er muß zurückkehren, die Delawaren sollen mich tödten, und dann bleibt Carl nicht bei ihnen,« rief Daniel, und wollte sich von Turner losreißen; doch dieser hielt ihn zurück und sagte:
»So höre, was er schreibt, und was er Dir in diesem Briefe sagt, dann wirst Du einsehen, daß es nutzlos wäre, wenn Du ihm folgtest.«
Turner las nun dem Neger den Brief vor, und dieser stand wie vernichtet da, rang die Hände und jammerte wieder und wieder:
»Warum habe ich mich auch nicht gleich selbst ausgeliefert!«
»Es war nicht Deine Schuld, Daniel, wir selbst haben Dich ja gehalten. Der Himmel, der Alles so gefügt hat, wird unsern Liebling beschützen, und ihn doch wieder in unsere Arme zurückführen. Carl lebt, er lebt nur für uns, und weiß, daß mit ihm ein großer Theil unseres Glücks verloren ist. Er wird wiederkehren!«
So suchte Turner den treuen Neger und sich selbst zu trösten, und den herzzerreißenden Schmerz von sich abzuwehren; als er aber seiner Gattin und den Kindern die Kunde von Carls Aufopferung überbrachte, da überwältigte sie sämmtlich der Jammer, und sie brachen weinend und schluchzend in lautes Wehklagen aus.
Carl ritt immer noch schweigend an der Seite des Häuptlings, und immer noch entfielen Thränen seinen Augen.
»Dein Herz ist traurig, Carl,« sagte Leopard theilnehmend zu ihm, »und das macht auch mich traurig; meine Freude aber darüber, daß Du mein Freund werden willst, ist groß, und soll Dich wieder froh machen. Die Delawaren werden Dich lieben, und Du wirst einst ein großer Mann unter ihnen sein, sie werden Dir folgen, wenn der Leopard zu schwach wird, um sein Jagdroß zu reiten, und sein Auge zu matt, um die Kugel in das Herz des Wildes zu senden. Du sollst die schönsten Pferde haben, und die Frauen der Delawaren werden die prächtigsten Häute für Dich zubereiten und Dir die weichsten Jagdhemden und Gamaschen anfertigen.«
»Ich bin mit Allem zufrieden, wenn ich nur weiß, daß es meinen Freunden am Bärflusse gut geht,« antwortete Carl, mit feuchtem Auge auf die glänzend schwarzen Mähnen niedersehend, die der Rappenhengst in seinem Uebermuthe schüttelte.
»Niemand soll und wird nun noch den Frieden Deiner Freunde stören, und Du wirst sie zweimal des Jahrs wiedersehen und sie erfreuen.«
»Das hast Du mir versprochen, Leopard, und mußt es halten; nur mit dieser Hoffnung kann ich fern von ihnen zufrieden sein.«
»Du wirst zufrieden, Du wirst glücklich sein, denn unser Leben ist ein glücklicheres, als das der Weißen. Wir haben Alles, wonach unsere Herzen sich sehnen; die Weißen haben niemals das, wonach sie streben; das Geld stiehlt ihnen die Ruhe, wir lachen darüber; uns kann das Geld nicht froh, nicht traurig machen.«
Carl blieb wortkarg, doch der Häuptling hörte nicht auf, ihn zu unterhalten und ihm das Leben der Indianer von der schönsten Seite zu schildern.