Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 24

Chapter 243,697 wordsPublic domain

Der Neger hatte aber aus dem Dickicht des Waldes die Bewegungen der Indianer beobachtet, war, als er sie den Weg nach dem Choctawbache einschlagen sah, mit fliegender Eile durch den Wald nach dessen anderer Seite gerannt, und hatte den Saum erreicht, als die Delawaren schon in der Prairie jenseits angelangt waren. Er kletterte schnell auf einen der höchsten Bäume, um ihnen von dort aus weit hin mit dem Blicke folgen zu können, und als er sie endlich in der blauen Ferne verschwinden sah, da ließ er sich rasch auf die Erde nieder, und rannte nun, von der Sehnsucht seines treuen Herzens getrieben, nach dem Fort, um seinen geliebten jungen Freund wieder zu sehen. Kaum hatte er den Fleck an dem Ufer des Flusses erreicht, wo er unter überhängenden dichten Laubmassen das Kanoe verborgen hatte und dasselbe in den Strom hinein gerudert, als Carl von dem Fort hergesprungen kam, und ihm jubelnd und jauchzend entgegen eilte. Das Glück der Beiden, als sie sich in die Arme fielen, kannte keine Grenzen, und »mein Daniel, mein Carl!« war Alles, was sie hervorstammeln konnten.

Der Neger ging nun mit Carl Arm in Arm nach dem Fort zurück, wo er mit großer Freude von Turners empfangen wurde, und wo er ihnen nun mittheilte, daß er der schwarze Panther sei, der vor einer Reihe von Jahren dem Häuptling entsprungen war. Er gestand es ein, daß derselbe ihn gut und liebevoll behandelt habe, stellte aber ein jedes Unrecht, welches man in seiner Flucht finden möchte, in Abrede, da seine beiden Eltern freie Neger gewesen und von den Delawaren gewaltsam zu Sclaven gemacht waren. Sie hatten an der Indianergrenze sich eine Niederlassung gegründet, waren dort von dem Vater Leopards überfallen und fortgeführt worden. An ihm, sagte Daniel, hätten sie demnach kein Eigenthumsrecht, wenn es überhaupt ein Recht gebe, einen Menschen als Eigenthum zu besitzen, und er fühle sich durchaus frei davon, ein Unrecht gegen Leopard begangen zu haben.

Turner fragte den Neger nun, was denn der Häuptling mit ihm thun würde, wenn er ihn wieder in seine Gewalt bekäme; worauf Daniel erwiederte, daß derselbe ihn in einer grausamen Weise umbringen würde, da die Rache eines Indianers nur mit dem Tode seines Feindes ende.

»Wenn der Häuptling aber Deinen Werth in Geld ausgezahlt bekäme, würde er Dich dann nicht verkaufen?« fragte Turner.

»An Geld ist dem Indianer Nichts gelegen, weil er Alles besitzt, wonach seine Wünsche trachten. Außerdem opfert er auch Alles seiner Rache,« entgegnete der Neger, und wies alle Anerbietungen Turners, ihm sein ganzes baares Geld zur Verfügung zu stellen, als nutzlos zurück. Er suchte aber zugleich seine Freunde zu beruhigen, indem er ihnen auseinandersetzte, daß ihm keine große Gefahr drohe, da die Delawaren nur im Frühjahr und im Herbst diese Gegend besuchten, und er selbst sich dann vor ihnen leicht verborgen halten könne. Andern Indianern sagte er, wäre er nicht so genau bekannt, und so könnten die Delawaren auch nicht erfahren, daß er der schwarze Panther sei, und sich hier aufhalte.

Der Tag verstrich in dem Glücke, welches mit Carl unter die Ansiedler zurückgekehrt war, und als der Abend kam, verließ Daniel das Fort, um in dem Walde zu übernachten, wo er überhaupt verweilen wollte, bis die Delawaren sich aus der Gegend entfernt haben würden. Er nahm einige Häute und Kochgeschirr mit sich, um sich eine Art von Wohnung im Walde einzurichten. Carl begleitete ihn, um ihm dabei behülflich zu sein, und den Platz seines Aufenthaltes zu kennen.

Der Knabe kehrte spät nach dem Fort zurück, und die Besorgniß um den Sieger minderte sich, als er die Nachricht brachte, wie derselbe sich gut versteckt habe, und sicher Niemand ihn auffinden könne. Am folgenden Morgen besuchte er seinen Freund wieder, brachte ihm Brod und andere Lebensmittel, und Tags darauf ritt er frühzeitig nach dem Choctawbache, um Erkundigungen über die Delawaren einzuziehen.

Bei Warwicks, in deren Nähe dieselben gelagert hatten, wurde Carl mit großem Jubel bewillkommnet; sie hatten schon durch die Indianer von seiner Rettung gehört und wußten es ihm besonders großen Dank, daß er nun selbst gekommen war, um sich ihnen zu zeigen. Die Delawaren hatten schon früh am Morgen ihr Lager abgebrochen und waren dem rothen Flusse zugeritten, um sich nach ihrer Ansiedelung am Kanzasstrome zu begeben.

Ungeachtet dieser erfreulichen Nachricht, die Carl seinem Freunde überbrachte, verweilte derselbe noch einige Wochen in dem Walde, da er sagte, einem Indianer dürfe man nie trauen; dann aber kehrte er in das Fort zurück, und die Besorgniß wegen der Sicherheit Daniels wurde bald vergessen.

Das Frühjahr hatte seinen ganzen Schmuck, seine ganze Pracht über Wald und Prairie ausgebreitet, und die bunte Blumenflur prangte in dem frischen Grün der Bäume und der Büsche, so wie in dem saftigen, üppigen jungen Grase. Aus dem glänzenden dunkeln Laube der Magnolien, die sich zwischen den Riesenbäumen des Waldes zum Himmel erhoben, glänzten deren alabasterweiße Blüthen wie kolossale Rosen hervor, die Tulpenbäume waren mit goldigen Blumen übersäet, der Hundeholzbaum streckte seine großen weißen Sternblüthen gegen den blauen Himmel, die Bignonie trug ihre blaßrothen Blüthenfackeln zur Schau, die Jucka hielt den dreißig Fuß langen, mit schneeigen Glocken behangenen Blüthenstengel über ihrer Stachelkrone empor, und in tausendfältigem Farbenspiel schlangen sich die blühenden Lianen von Ast zu Ast, von Wipfel zu Wipfel, und wehten wie bunte Guirlanden in der lieblich duftenden Frühlingsluft, die über die Blumenfelder der unabsehbaren Prairie gezogen kam. Der Spottvogel, der Cardinal, der Blauvogel sangen in dem schattigen Dunkel des Waldes ihre süßen Lieder, der Kolibri summte von Blüthenkelch zu Blüthenkelch, und das glänzend bunte Gefieder der Papageien blitzte und funkelte durch die reichen üppigen Laubmassen. Alles sollte neues reges Leben empfangen, und auch die Ansiedler waren von frischer Thätigkeit beseelt; denn die Arbeit gedieh unter ihren fleißigen Händen und versprach ihnen eine reiche sorgenlose Zukunft. Das Feld prangte in größter Ueppigkeit, der Garten bot ihnen Ueberfluß und der Viehstand vermehrte sich schnell. An die Gefahren, welche ihnen von Seiten der Indianer drohten, hatten sie sich gewöhnt, und dadurch hatten dieselben für sie das Fürchterliche verloren, ja, sie würden sie ganz vergessen haben, hätte nicht der vorsichtige Freund Daniel sie immer wieder daran erinnert und bei jeder Gelegenheit sie ermahnt, auf ihrer Hut zu sein. Er sorgte dafür, daß Abends die Pferde immer zeitig in das Fort gebracht wurden, daß dessen Thor immer gut und fest verschlossen ward, daß man die Hunde hinaussperrte, und daß die Waffen stets zum augenblicklichen Gebrauch in gutem Stand blieben. Auch ließ er die drei Knaben oft nach einem Ziel schießen, und hatte stets für den besten Schuß ein Geschenk zu geben, welches dann in einem Pulvermaß, einem Kugelbeutel, einer Angel, oder einer ähnlichen kleinen Arbeit seiner eigenen Hände bestand. Die Ruhe im Fort blieb jedoch ungestört, und die Ansiedler hätten jetzt ihr stilles Glück nicht mehr für alle Freuden in der großen Welt vertauscht.

Der Wald bot nun auch in den süßen überreifen Maulbeeren seine ersten Früchte, und Daniel ging regelmäßig, wenn der Abend kam, mit den Kindern über den Fluß und sammelte mit ihnen einen Korb voll dieser köstlichen Beeren.

Madame Turner brachte dieselben dann beim Abendbrod auf den Tisch, gab herrliche kühle Milch dazu und Alle labten sich dann an dem Gericht nach Herzenslust.

Es war eines Abends spät geworden, ehe Daniel mit seinen jungen Freunden aus dem Walde zurückkehrte, denn sie hatten dies Mal viele Maulbeeren gesammelt, weil Madame Turner den Kindern versprochen hatte, Fruchtkuchen davon zu backen. Turner hatte bereits die Pferde getränkt und in das Fort gebracht, als Daniel mit den Knaben dort anlangte; das Thor wurde geschlossen, die Hunde hinausgesperrt, und bald saßen die Ansiedler in traulichem Kreise um den großen Tisch, und erfreuten sich an dem einfachen guten Mahle, welches Julie aufgetragen hatte. Dann holte ein Jeder von ihnen seine Arbeit herbei; Carl mußte wieder erzählen, wie er unter den Wurzeln des Mosquitobaumes gesessen hatte, als die fliehenden Thierschaaren bei ihm vorüberbrausten und das Feuermeer über ihn hinzog; hundert Fragen mußte er beantworten, und bald wurde er bedauert, bald wurde über ihn gelacht, wobei er dann immer von ganzem Herzen mit einstimmte. Der Abend verstrich in der heitersten Stimmung und es war später als gewöhnlich geworden, ehe die Ansiedler ihr Lager aufsuchten und sich einem sorglosen Schlafe hingaben.

Friedliche Ruhe lag auf dem Fort, die Pferde hatten sich in ihren Ställen auf dem Boden hingestreckt, und Pluto lag regungslos in dem Hofe. Es war Mitternacht, als Daniel durch das ziemlich ferne Gebell der Hunde außerhalb des Forts geweckt wurde. Er richtete sich auf seinem Lager auf und lauschte dem Lärm, welcher schnell näher und näher kam. Die Hunde wichen unverkennbar vor einem Feinde zurück, und ihr Gebell wurde mit jedem Augenblick heftiger und wüthender. Jetzt klagte und heulte einer derselben laut, und alle hatten bald darauf die Pallisaden erreicht, wo nun Pluto aus dem Innern des Forts mit seiner tiefen Baßstimme in ihren rasenden Lärm mit einstimmte. Der Neger sprang aus dem Bette und wollte Carl wecken, doch dieser war auch schon auf den Füßen und fragte:

»Was mögen die Hunde vorhaben?«

»Es müssen Indianer sein, die sie zurücktrieben, ich hörte das Bellen der Hunde schon weit in der Prairie. Nur schnell in die Kleider und zu den Waffen, ich will Herrn Turner wecken!«

Mit diesen Worten sprang Daniel nach Turners Zimmer und wollte an die Thür klopfen, als dieser ihm schon entgegentrat und bestürzt sagte:

»Ich glaube, es sind Indianer vor dem Fort, nur schnell mit den Waffen in den Hof, ehe sie die Pallisaden übersteigen, es ist draußen so finster, daß man keine Hand vor Augen sehen kann.«

»Ich will es bald hell machen, eilen Sie, nehmen Sie die Schrotgewehre, Arnold und Wilhelm müssen helfen!« rief der Neger, und sprang in den Hof hinaus, wo es so dunkel war, daß man kaum die Spitzen der Pallisaden gegen den Himmel erkennen konnte. Dort traf er Carl, der mit der Schrotflinte in der Hand, der Doppelbüchse über der Schulter und den Revolvern im Gürtel nach der Höhe der Pallisaden spähete, während Pluto mit wüthendem Gebell an denselben auf und niederrannte.

»Geben Sie Acht, junger Herr, daß keiner der Wilden übersteigt, ich will schnell die Feuer anzünden und dann gehen Sie in jenen Thurm,« rief Daniel, eilte zu dem einen der früher erbauten Galgen, und füllte den Eisenkorb mit Kienspänen. In diesem Augenblick sprang Pluto mit rasender Wuth an der andern Holzwand in die Höhe, und über derselben erschien eine dunkle menschliche Gestalt.

»Carl, Carl, dort, sehen Sie!« schrie der Neger, als er den Indianer auf den Pallisaden erblickte; da blitzte es aber schon aus Carls Flinte, und der Wilde verschwand mit einem gellenden Schrei. Der Krach des Gewehrs und der Schrei des Indianers aber wurden von einem höllischen Zetergeheul außerhalb des Forts beantwortet, als würde es von hundert Kehlen angestimmt.

Nun loderten die Flammen des angezündeten Kienholzes aus dem Eisenkorbe auf, und im nächsten Augenblick hatte Daniel denselben emporgezogen, so daß der Hof und die Umgebung des Forts blendend erhellt waren. Ein noch stürmerisches Geschrei erschallte jetzt außerhalb der Festung, und Carl, der in einen der Vorbaue gesprungen war und durch eine Schießöffnung blickte, sah, wie die Indianer in verworrenen Haufen in wilder Flucht den Hügel hinabrannten.

»Das haben sie nicht erwartet!« rief Daniel, indem er sich beeilte, den zweiten Eisenkorb mit Holz zu füllen und anzuzünden. »Sie haben einen Schrecken bekommen, werden aber doch bald zurückkehren.«

Auch der zweite Korb schwang sich nun mit seiner Feuergluth über die Pallisaden, und Turner trat mit Arnold und Wilhelm in den Vorbau daneben, während Daniel sich zu Carl in die andere Ecke der vordern Holzwand begab. Die Wilden hatten sich außer Schußweite von dem Fort in dem hohen Grase gesammelt, und die Belagerten erkannten zu ihrem Schrecken, daß die Zahl ihrer Feinde über hundert betragen mußte. Daniel aber ermuthigte seine Gefährten und versicherte sie, daß sie die Wilden sicher von dem Fort zurückhalten würden, wenn sie tüchtig mit Schrot unter sie schössen, denn so viele Kugeln in einem Schusse sei ihnen etwas Neues und würde sie mit Entsetzen davon jagen. Er benutzte den Augenblick, um sämmtliche Gewehre aus dem Hause zu holen und noch Vorrath von Pulver und Schrot herbeizuschaffen. Nachdem er Waffen und Munition vertheilt, trat er wieder zu Carl und schaute nach den Indianern hinaus.

»Sie berathen sich, auf welche Weise sie stürmen wollen,« sagte er zu Carl. »Es sind Reiterindianer, denn dort etwas weiter in der Tiefe sehe ich ihre Pferde. Jetzt laufen sie zu denselben hin; was mögen sie vorhaben?«

Wirklich waren sämmtliche Wilde zu ihren Pferden geeilt, doch konnten die Belagerten nicht erkennen, was sie dort vornahmen. Bald darauf aber sollte es ihnen klar werden, denn sie sahen die Feinde jetzt mit ihren Lasso's in den Händen heranschreiten, während sie Bogen und Pfeile in dem Köcher über den Schultern und die Streitaxt im Gürtel um den Leib trugen.

»Sie haben ihre Lasso's geholt, um dieselben über die Spitzen der Pallisaden zu werfen und daran in die Höhe zu klettern. Sie wollen stürmen. Schießen Sie immer in den dichtesten Haufen, dann wirkt das Schrot besser,« rief Daniel seinen Kameraden zu, während die Indianer sich in drei Abtheilungen sonderten. Plötzlich stimmte einer von ihnen den Kriegsgesang an und Alle ließen nun ein furchtbares Geheul ertönen.

»Das ist das Kriegsgeschrei der Comantschen; geben Sie Acht und schießen Sie nicht fehl!« rief Daniel laut aus und sagte dann zu Carl: »Schießen Sie immer dahin, wo Viele zusammen sind, und nicht zu nahe, damit das Schrot sich auseinander breitet.«

Die Wilden kamen in drei Haufen mit einem betäubenden Zetergeschrei wie im Sturmwind herangesaust, und hatten in wenigen Augenblicken die Pallisaden bis auf vierzig Schritt erreicht, da krachte es aus den Schießscharten, und das tödtliche Blei fuhr aus den Gewehren der Ansiedler tausendfach in die nackten Körper der Indianer, daß dieselben in wilder Verwirrung durcheinander stürzten. Sie wichen aber nicht zurück, sie warfen ihre Lasso's über die Spitzen der Pallisaden und kletterten an den Stricken in die Höhe. Das mörderische Feuer aber, welches aus beiden Vorbauen der Festung auf sie unterhalten wurde, stürzte die Meisten zu Boden, und nur dreien von ihnen gelang es, unverwundet in das Fort herabzuspringen. Kaum aber berührten sie die Erde, als Pluto einen derselben niederriß und Carl den Wilden mit dem Revolver erschoß, in dem Augenblick, als derselbe die Streitaxt gegen den Hund erhob, Turner den zweiten mit einem Büchsenschusse tödtete, und Daniel sich mit dem Messer in der Hand auf den dritten warf und mit ihm zu Boden stürzte. Es war nur ein Kampf weniger Sekunden, dann sprang der Neger von seinem getödteten Gegner auf und eilte zu Carl zurück, um wieder durch die Schießscharte zu blicken. Die Indianer waren geflohen und sammelten sich abermals außer Schußweite, während viele Verwundete vor den Pallisaden sich heulend im Grase wanden und Todte hier und dort umherlagen. Jetzt sprang Daniel aus dem Vorbau durch den Hof nach der hintern Seite des Forts und ließ die Leiter auf den Felsen in den Fluß hinab, indem er seinen Gefährten zurief: »Schnell, schnell, retten Sie sich in den Wald, Madame Turner, Julie, schnell, schnell, ehe es zu spät wird!«

Madame Turner und Julie waren bleich und bebend aus dem Hause getreten, und wie von einer höhern Macht getrieben, folgten Alle der Aufforderung des Negers. Turner stieg zuerst auf den Felsen hinab, ihm folgte seine Gattin, dann kamen ihre Kinder, und Carl stand noch zögernd an der Leiter, indem er die Hand des Negers ergriff, und sagte: »Du gehst mit uns, Daniel?«

»Nein, nein, ich bleibe, es giebt noch _ein_ Mittel, die Niederlassung zu retten. Fort, fort, führen Sie die Ihrigen durch den Wald und eilen Sie nach Warwicks; der Allmächtige wird Sie in seinen Schutz nehmen!«

Mit diesen Worten drängte der treue schwarze Freund seinen Liebling Carl auf die Leiter und auch dieser erreichte den Felsen. Turner sprang nun mit den Anderen in das Kanoe und ruderte an das jenseitige Ufer. Der Neger ergriff dann seine Doppelbüchse, öffnete schnell das Thor und stürzte nun hinaus vor das Fort, wo er im hellen Scheine des Feuerlichtes sich im Angesichte der noch berathenden Indianer aufstellte.

»Kennt Ihr den schwarzen Panther der Delawaren?« schrie er mit donnernder Stimme den Comantschen zu, und schwang seine Axt hoch über sich durch die Luft, daß ihr blanker Stahl in dem Feuerschein blitzte. »Wer von Euch will den Scalp eines Delawaren erbeuten? So viele Haare, wie derselbe enthält, so viele Scalpe der Comantschen werden die Delawaren als Zahlung dafür nehmen. Kommt heran, wenn Ihr den schwarzen Panther besiegen wollt, bringt aber Eure besten Waffen mit!«

Nun stimmte der Neger das furchtbare Kriegsgeschrei der Delawaren an und tanzte, seine Waffen über sich schwingend, nach dieser Schreckensmelodie deren Kriegstanz.

Die Ueberraschung und zugleich der Schreck der Wilden war augenscheinlich groß, denn sie standen unbeweglich und stierten nach dem schwarzen Delawaren hinauf, auf dem das Licht des lodernden Kienholzes flackerte; nicht lange aber besannen sie sich, denn sie beredeten sich nur wenige Minuten, warfen dann ihre Waffen von sich und kamen, die Arme auf der Brust gekreuzt, auf Daniel zugeschritten. Der Häuptling nahm das Wort und sagte:

»Die Comantschen sind Freunde der Delawaren und Freunde des schwarzen Panthers. Sie wußten nicht, daß ein Delaware unter diesen Bleichgesichtern lebte, sonst würden sie nicht nach deren Leben getrachtet haben. Laß uns unsere gefallenen Brüder mit uns nehmen und lösche Deine Feuer aus; Du kannst ruhig schlafen!«

Dabei reichte er Daniel die Hand, machte dann nochmals das Zeichen der Freundschaft, und winkte seinen Leuten zu, die Todten und Verwundeten fortzuschaffen. Der Neger theilte ihm mit, daß noch drei Todte in dem Fort lägen und ging, von einer Anzahl Wilden gefolgt, in dasselbe hinein, welche die Erschlagenen davon trugen. Nach Verlauf von einer Stunde waren die Comantschen verschwunden und die Feuer in den Körben waren erloschen.

Daniel saß in dem Zimmer an dem großen Tische und vor ihm brannte eine düstere Lampe. Er hatte seine Stirn in seine Hand gelegt und dachte an die Folgen dieser Nacht. Es war kein Zweifel darüber, daß binnen ganz kurzer Zeit die Delawaren von seinem Hiersein unterrichtet werden und sofort hier erscheinen würden, um seiner habhaft zu werden. Was sollte er thun? flüchtete er sich von hier, so mußten Turners mit ihrem Leben, oder wenn sie entkamen, mit ihrem Eigenthum dafür büßen, denn die Delawaren würden die ganze Niederlassung zerstören. Er würde dann die Ansiedelung aus den Händen der Comantschen gerettet haben, um ihre Vernichtung den Delawaren zu überlassen. Blieb er hier und überlieferte sich dem Leopard, so wußte er, daß ein schrecklicher Martertod seiner erbarmungslos harrte. Er saß lange Zeit regungslos an dem Tische und dachte an die Zukunft seiner Freunde, und der bleiche Schimmer des nahenden Tages stahl sich durch die Thür herein, als er aufstand und hinausging, um die Pferde in das Gras zu binden. -- Er hatte beschlossen, hier zu bleiben, und sich den Delawaren zu überliefern.

Nachdem er die Pferde in die Weide geführt hatte, brachte er Alles im Fort wieder in Ordnung, was während der Verwirrung in der Nacht in Unordnung gerathen war; er reinigte die Gewehre, lud sie wieder, hing sie in Turners Zimmer an der Wand auf und verbrachte den Tag mit Arbeit im Fort und im Garten. Daß seine Freunde glücklich die Niederlassung am Choctawbache erreicht hatten, darüber war er beruhigt, denn Carl war ja bei ihnen, und er war überzeugt, daß sofort alle Männer von dort hierhereilen würden, um die Indianer zu vertreiben. So geschah es denn auch. Noch stand die Sonne hoch am westlichen Himmel, als eine Schaar von vierzig Reitern mit dem alten Warwick an ihrer Spitze aus dem Walde hervorgesprengt kam und zu dem Fort heraufjagte.

Auch Turner und Carl befanden sich unter ihnen, und ihr Erstaunen war groß, als Daniel aus dem Fort hervortrat und ihnen mittheilte, daß die Comantschen in Frieden abgezogen seien. Auf die Frage, wie dies möglich und was sie dazu bewogen habe, sagte der Neger, er sei zu ihnen hinausgegangen und habe mit ihnen geredet und ihnen gesagt, daß die Männer am Choctawbache bald hier sein und sie verfolgen würden, so weit sie ihre Pferde tragen könnten. Wenn nun diese Mittheilung Warwicks und seinen Gefährten auch räthselhaft und unglaublich erschien, so war es doch Thatsache, daß Alles in und um das Fort sich unversehrt fand, und daß die Wilden sich entfernt hatten.

Preis und Lob wurde über den treuen Neger ausgesprochen und Warwick meinte, daß Daniel im Besitze eines Zaubermittels sein müsse, durch welches er die Rothhäute gebändigt habe. Die Männer vom Choctawbache traten bald darauf ihren Heimweg wieder an und mit ihnen Warwicks beide Söhne, der Alte aber wollte hier bleiben, bis am folgenden Tage Madame Turner mit ihren Kindern hierher zurückgekehrt sein würde.

Carl hatte in der Nacht die Seinigen glücklich durch den Wald geführt und hatte mit ihnen erst gegen Mittag die Niederlassung Warwicks erreicht, denn das Gehen in dem hohen Grase der Prairie war Madame Turner und den Kindern sehr mühsam geworden. Nur die Angst und das Entsetzen vor den Wilden hatte es ihnen überhaupt möglich gemacht, den Weg ohne Aufenthalt zurückzulegen, und zu Tode erschöpft waren sie bei ihren theilnehmenden Freunden angelangt. Die beiden Söhne Warwicks sollten ihnen nun die frohe Kunde bringen, daß alle Gefahr vorüber sei und sie dann am folgenden Tage zu Pferde nach dem Fort zurückgeleiten. Carl ritt ihnen am nächsten Morgen entgegen und langte dann auch noch vor der Mittagszeit mit ihnen wohlbehalten zu Hause an. Madame Turner rief allen Segen des Himmels auf den treuen Daniel herab und ihre Danksagungen wollten kein Ende nehmen. Der alte Warwick frohlockte über das Ereigniß, welches Turners unter so großer Gefahr glücklich überstanden hatten; denn er meinte, daß sie nun, nachdem die Comantschen, die mächtigsten Indianer dieses Landes, ihren Angriff aufgegeben hätten, vor allen übrigen Wilden sicher wären und weissagte ihnen nun ungestörten Frieden in ihrem Eigenthum. Seine langjährige Erfahrung, seine genaue Bekanntschaft mit dem Thun und Lassen der Indianer und seine zuversichtlichen Worte flößten Turners Vertrauen ein und beruhigten ihre Gemüther, denn immer noch klangen die Schreckenstöne der Wilden durch ihre Seelen. Der biedere alte Freund scherzte und lachte über die einzelnen Scenen in jener Nacht, und that Alles, um die erschreckten Herzen der Ansiedler aufzuheitern. Er verweilte bei ihnen, bis die Sonne sich neigte, sagte ihnen dann ein herzliches Lebewohl, versprach bald wieder zu kommen, und trat dann mit seinen beiden Söhnen den Heimritt an.