Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 23

Chapter 233,758 wordsPublic domain

In wenigen Minuten hatte der Indianer dem Hirsch die Haut abgenommen, denselben zerlegt und sich mit den beiden Keulen beladen, während er die Schulterblätter und den Rücken desselben zusammenband und Carl zu tragen gab. Darauf ergriff er seine lange einfache Büchse und schritt mit seinem jungen Gefährten den Felsen zu, die sie bald erreichten. Leopard kannte den Weg nach der Höhle sehr gut, und trat voran in dieselbe hinein. Der Rappe sprang entsetzt vor dem Indianer zurück, Carl aber beruhigte ihn, und während jener das Roß von allen Seiten betrachtete und seine Formen lobte, legte Carl demselben Sattel und Zeug auf und befestigte das mitgebrachte Wildpret an demselben. Nachdem er nun noch die Büffelhaut über den Sattel geworfen hatte, leitete er das Pferd aus der Höhle dem Indianer nach, welcher einen, Carl noch nicht bekannten Pfad zwischen den Felsen hinabschritt, auf welchem sie bald die frisch grüne Prairie erreichten. Leopard war verstummt und schien in Gedanken versunken, und Carl war im Geiste schon im Fort zurück, sah sich von seinen Lieben umarmt und hörte ihren Jubel, ihre Worte der Liebe. So schritten sie schweigend an dem Waldsaume hin, bis sie nach einer halben Stunde das Lager der Delawaren erreichten.

Carl erkannte dasselbe schon von Weitem an den Rauchsäulen, die zwischen den einzelnstehenden Eichen aufstiegen, und bald darauf an den vielen Pferden, welche theils in dem Schatten der Bäume, theils in der nahen Prairie weideten.

Das Lager selbst bestand aus einigen zwanzig Zelten, die aus Baumwollenzeug verfertigt und vermittelst hölzerner Stangen aufgestellt waren. Vor jedem Zelte brannte ein Feuer, an welchem man Indianerinnen beschäftigt sah, Speisen zu bereiten, während daneben junge kräftige Männer auf Büffelhäuten ruhten, oder ihre Waffen reinigten und in Stand setzten. Wo man hinblickte, sah man zum Trocknen ausgespannte Thierfelle an den Bäumen hängen, oft einige Dutzend derselben, die bis in die höchsten Aeste hinauf sich in dem Winde schaukelten.

Als Leopard mit seinem Gaste in das Lager schritt, erhoben sich die Männer und kamen ihm entgegen, um ihn zu begrüßen; denn er war der Häuptling dieses Stammes und zugleich erster Häuptling aller Delawaren, die aus zehn solcher Abtheilungen bestanden. Die ganze Nation zählte kaum noch einige Tausend Seelen, obgleich sie in früheren Jahren die mächtigste unter den Indianern dieses Welttheils war, und die östlichen Länder von der Chesapeakebay bis zu den großen Landseen im Norden als ihr Eigenthum beherrschte. Von den Weißen aus ihrer Heimath verdrängt, blieben die Delawaren denselben dennoch treu befreundet, und wanderten unter blutigen Kämpfen mit anderen Indianern weiter und weiter nach Westen, bis sie endlich an dem Kanzasflusse, westlich von Missouri, eine bleibende Stätte sich gegründet hatten, welches Land ihnen von der Regierung der Vereinigten Staaten als freies unantastbares Eigenthum überwiesen wurde. Dort hatten sie sich nun einer Art von Civilisation hingegeben, das heißt, sie gaben ihr Wanderleben auf, bauten sich Dörfer, trieben Viehzucht und pflanzten Mais. In diesen kleinen Niederlassungen wohnten nur die alten Leute, die größere Zahl der Frauen und die Kinder, während die jungen Männer mit nur wenigen Weibern beinahe Jahr aus Jahr ein der Jagd lebten, und im Frühjahr nach Norden bis in die Felsengebirge, und im Herbst nach Süden bis an die Ufer des Golfs von Mexico dem Wild folgten. Auf ihrer Durchreise hielten sie sich nur einige Wochen in ihren Niederlassungen auf, und nahmen dann abermals auf ein halbes Jahr Abschied von den Ihrigen. Die Delawaren standen aber auch in dem Dienst der Regierung der Vereinigten Staaten, und wurden von derselben zu Unterhandlungen und Vermittlungen mit den anderen Nationen der Indianer verwandt, wofür sie jährlich eine sehr bedeutende Summe Geldes baar ausbezahlt bekamen. Dies Freundschaftsverhältniß zu der Regierung war theilweise eine Ursache, weshalb die Delawaren bei den anderen Indianern in hohem Ansehen standen; der Hauptgrund lag aber in ihrer Persönlichkeit, in ihrem Charakter. Offenheit, Biederkeit und tiefes Gefühl für Freundschaft, aber auch unversöhnliche Rachsucht, Kühnheit und Tapferkeit bis zur Verzweiflung waren ihre vorherrschenden Eigenschaften. Auch die mächtigsten Nationen unter den Indianern wagten es nicht, zu Feindseligkeiten mit den Delawaren Veranlassung zu geben, und erkannten ihre große Ueberlegenheit als Krieger an. Die Delawaren waren sämmtlich vortreffliche Schützen, besaßen die besten Feuerwaffen, und waren ebenso gewandt zu Fuß, wie zu Pferde. Namentlich gegen die südlichen Indianer, welche mit den Weißen in noch keinerlei freundliche Beziehung getreten waren, und noch in ihrem ursprünglichen Naturzustande lebten, standen sie in großem Vortheile; denn jene führten durchaus keine Feuerwaffen, weil die Weißen ihnen dieselben nicht ausbesserten und ihnen keine Munition zukommen ließen.

Jetzt war Leopard mit seinem Stamme auf seiner Rückreise nach Norden, nachdem er mehrere Monate lang in diesen südlichen Ländern gejagt hatte, und wollte wieder einige Wochen bei den Seinigen am Kanzasflusse rasten, ehe er nach Norden zur Jagd aufbräche; denn der Frühling sollte ihm voranziehen und dort die Grasfluren mit frischem Grün schmücken. Der Häuptling übergab Carls Roß einer Indianerin, damit sie für dasselbe Sorge trage, und führte ihn selbst zu seinem Zelte, wo er ihn willkommen hieß und ihm seinen Schutz und seine Gastfreundschaft zusicherte. Er sprach, wie alle Delawaren, sehr gut englisch, rief aber nun in seiner Muttersprache die Männer aus dem Lager zusammen, und theilte ihnen mit, in welcher Weise er mit dem fremden Knaben bekannt geworden sei, woher derselbe stamme und daß er beabsichtige, ihn zu seiner Familie an den Bärfluß zurückzubringen. Die Mittheilung über Carls Tüchtigkeit als Jäger erwarb ihm bei den Indianern sofort Ansehen und sie betrachteten mit großer Bewunderung seine Waffen. Sie hatten sich zu ihm gesetzt und ließen seine Büchse von Hand zu Hand gehen, da ein Jeder von ihnen dieselbe in Augenschein nehmen wollte, als plötzlich ein großer Raubvogel über ihnen erschien und seine Kreise in der Luft beschrieb. Leopard sah Carl lächelnd und fragend an, und deutete auf den Vogel über sich, als ob er wünsche, daß sein junger Gast die Mittheilung wahr machen möchte, welche er seinen Leuten über dessen Geschicklichkeit im Schießen gegeben habe. Carl blickte nach dem Vogel hinauf, ergriff rasch die ihm hingereichte Büchse, zielte einen Augenblick nach dem über ihm schwebenden Falken und gab Feuer. Der Raubvogel aber ließ in demselben Augenblick seine Flügel sinken, und fiel unter dem lautesten Jubel und den Freudenrufen der Indianer aus der Luft herunter in das Gras. Der Häuptling schaute mit einem stolzen Blick durch die Versammlung und reichte dann Carl wie zum Danke die Hand, indem er sagte: »Warum mußtest Du auch unter den Weißen geboren werden und nicht unter den Delawaren? Du würdest ein großer Mann unter ihnen geworden sein. Hättest Du keine Freunde am Bärflusse, so sollten die Delawaren Deine besten Freunde werden.«

Nun folgten alle Indianer dem Beispiele ihres Häuptlings, reichten Carl die Hand, und ein Jeder von ihnen sagte dem Knaben, daß er sein Freund sei. Carl war ganz glücklich über die liebevolle Behandlung, die ihm zu Theil ward, und es freute ihn, daß er Daniels Mittheilungen über die Delawaren so treu bestätigt fand. Er wurde nun mit der größten Aufmerksamkeit bewirthet, es wurden ihm in der Asche gebackene Bärentatzen, geröstete Markknochen von Büffeln und gebratene Hirschleber vorgesetzt, und herrlicher klarer Honig dazu gereicht. Nach dem Essen lagerten sich die Indianer um ihn im Schatten der Bäume, und er mußte ihnen von Europa erzählen; denn er hatte dem Häuptling mitgetheilt, daß er nicht in Amerika geboren sei.

Er hatte unzählige Fragen zu beantworten, und Alles, was der Knabe sagte, wurde mit größter Aufmerksamkeit angehört. Abends aber nach dem Essen, als sie vor dem Zelte des Häuptlings beim Feuer lagen, bat Carl diesen, er möge ihm nun auch über die Geschichte seines Volkes Etwas erzählen, da ihn dies eben so sehr interessire, wie ihn Carls Mittheilungen über Europa. Der Häuptling schien sich durch diese Bitte geschmeichelt zu fühlen, setzte sich aufrecht und begann mit ernstem, feierlichen Tone die Größe seines Volkes in jener Zeit zu schildern, als dasselbe die Ufer der Chesapeakebay, des Susquehanna und der großen Landseen im Norden seine Heimath nannte, und sein Reich sich bis an die Küsten des Oceans erstreckte. Mit hinreißender Begeisterung pries er den damaligen unerschöpflichen Reichthum der endlosen Jagdgründe in dem Lande der Delawaren, schilderte die Schönheit der edlen Pferde und der auserlesenen Waffen, welche seine Vorfahren besessen hatten, und nannte mit Verehrung die gefeiertsten Krieger, deren Namen seit Jahrhunderten von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht in dem Andenken des Volkes fortgelebt hatten. Er sprach von der Macht der Delawaren, von ihrer Wahrheitsliebe, von ihrer Gastfreundschaft, von ihrer Tapferkeit und von den vielen glorreichen Siegen, die sie über ihre Feinde erkämpft hatten. Er redete mehrere Stunden lang, ohne von einem der Umsitzenden unterbrochen zu werden, und ebenso, wie alle übrigen Zuhörer, wurde auch Carl von der feierlichen Mittheilung über die vergangene Größe der Delawaren tief ergriffen. Mit einem Ausdruck der Wehmuth, der Trauer verstummte der Häuptling endlich, und saß eine Zeitlang, schweigend vor sich niedersehend, da, dann ergriff er die Hand Carls und sagte mit einem Blick zu dem sternbedeckten Himmel über sich: »Es ist der Wille des großen Geistes, daß die rothen Kinder den Weißen Platz auf dieser Erde machen sollen!«

Abermals versank er dann in stummes Nachdenken, welches, wie es schien, die übrigen Indianer als einen Wink des Häuptlings betrachteten, sich zu entfernen; denn sie erhoben sich sämmtlich und begaben sich nach ihren verschiedenen Zelten. Als nun der Häuptling noch allein mit Carl beim Feuer saß, wandte er sich zu ihm und sagte: »Du nanntest heute früh einen Neger den Freund Deines Onkels; ich will wünschen, daß Dein Onkel sich nicht von dem Neger bethören läßt; ein Mohr ist niemals ein Freund, ein Mohr redet mit doppelter Zunge, und sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«

»Dann macht unser Freund Daniel eine Ausnahme von der Regel, er ist uns ein wahrer, aufrichtiger und uneigennütziger Freund,« fiel ihm Carl schnell in die Rede, um auch nicht einen Augenblick länger einen so ungerechten Verdacht auf seinem Daniel zu lassen.

»Das läßt er Euch glauben, so lange, bis es ihm einen Vortheil bringt, Euch zu hintergehen,« fuhr der Häuptling fort.

»Nein, nein, Daniel ist und bleibt ewig unverändert unser treuer Freund und will uns niemals verlassen,« fiel Carl wieder ein; denn von dem ehrlichen Daniel sollte Niemand etwas Unrechtes sagen.

»Er wird so lange bei Euch bleiben, bis er anderswo glaubt, einen angenehmeren Aufenthalt zu finden. Auch bei mir lebte ein Neger, er hieß der schwarze Panther, und er war mein bester Jäger, so wie mein bester Krieger. Den schwarzen Panther fürchteten die Indianer von dem Golf von Mexiko bis hinauf zu den Felsengebirgen! Er wurde unter uns geboren, denn sein Vater und seine Mutter waren Sclaven meines Vaters. Ich habe den Knaben zuerst auf ein Pferd gesetzt, ich habe ihm die ersten Waffen in die Hände gegeben und ihn angewiesen, sie zu gebrauchen, und ich war es, der ihm das Kriegsgeschrei der Delawaren lehrte, welches später Keiner von uns Allen mit solcher Gewalt ertönen lassen konnte, wie der schwarze Panther. Er hat an meiner Seite geschlafen, gespeist, gejagt und gekämpft, und wo der Leopard und der schwarze Panther erschienen, da war ihnen der Sieg gewiß. Seine Eltern starben, ihre Gebeine ruhen bei denen meiner Väter, und der schwarze Panther wurde dem Leoparden untreu und verließ ihn, ohne Abschied von ihm zu nehmen. Er floh den Ansiedelungen der Weißen zu, ich folgte ihm, um ihm die Füße zu lähmen und ihn den wilden Thieren als Beute zu überlassen; die Füße des schwarzen Panthers aber waren schneller und leichter, als die des Leoparden, und er entkam unter die Weißen. Ich habe nie wieder von ihm gehört; ein Neger hat kein Herz für einen Freund, er hat nur ein Herz für sich selbst.«

Bei diesen Worten des Häuptlings verstummte Carl, es war ihm, als ob ihm der Athem genommen würde, denn die Worte Daniels fielen ihm ein, die derselbe dem fliehenden Waco-Indianer zugerufen hatte, ehe er ihn niederschoß: »Du hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«

Daniel war der schwarze Panther, darüber konnte Carl nicht mehr in Zweifel sein, und mit Angst und Schrecken dachte er daran, daß der Häuptling den Neger im Fort wiedersehen und ihm dann ein Leids zufügen würde. Er bereute es tief, daß er überhaupt von Daniel gesprochen hatte, weil Leopard gewiß nach ihm fragen würde, wenn sie das Fort erreichten; und Carl sann auf Mittel und Wege, ein Zusammentreffen des Indianers mit dem Neger zu verhindern. Der Häuptling unterhielt sich noch eine Zeitlang mit dem Knaben; als er aber dessen Wortkargheit bemerkte, glaubte er, derselbe sei müde und wünsche, sich zur Ruhe niederzulegen.

Er bat ihn daher, in sein Zelt einzutreten, und wies ihm dort ein Lager an, welches die Frauen für ihn aus weichen Thierhäuten bereitet hatten. Dann wünschte er ihm eine sanfte Ruhe, die ihn für die Reise, welche sie am folgenden Morgen antreten wollten, stärken möchte.

Vier Tage später saßen Turners Abends, als die Sonne sich neigte, in deren wohlthuendem Strahlenlichte an der Außenseite des Forts auf einer Bank, und Daniel hatte sich neben ihnen im Grase niedergelassen. Sie ruhten sich von der vollbrachten Tagesarbeit aus, und ließen ihre Blicke in trauerndem Andenken an den geliebten, für sie verlorenen Carl über die weite Grasflur wandern, auf welcher sie glaubten, daß der treue, brave Knabe seinen Opfertod gefunden habe. Sie hatten schon eine Zeitlang in spärlicher Unterhaltung dagesessen, immer wieder war Carl genannt worden, immer wieder war die Unterhaltung verstummt, und Madame Turner hatte wiederholt die Thränen heimlich weggewischt, die ihr in die Augen getreten waren, da richtete sich Daniel auf seiner linken Hand empor, und hielt die Rechte über die Augen, indem er in die flache Ferne schaute.

»Sollten das Büffel sein, die dort herangezogen kommen? Sehen Sie dort den schwarzen Strich über jenem Mosquitobaum nicht? Er bewegt sich -- es sind wahrscheinlich Büffel. Wenn sie nahe herankommen, so will ich doch einen von ihnen schießen, wir können frisches Fleisch gebrauchen,« sagte der Neger, indem er wieder auf seinen Ellnbogen zurücksank und seinen Blick auf die Ferne geheftet hielt.

»Als Carl noch bei uns war, da hatten wir immer Ueberfluß an frischem Wildpret im Hause, seit seinem Scheiden scheint Alles bei uns die Thätigkeit verloren zu haben,« sagte Madame Turner, und abermals entfielen Thränen der Wehmuth ihren Augen.

»Ja wohl, die frohe, rege Thätigkeit hat uns verlassen; weiß der Himmel, ich mag die Büchse gar nicht mehr anrühren, denn immer sehe ich dann den lieben Carl wieder vor mir, und es ist mir, als ob mir das Herz zerreißen wollte,« sagte Daniel mit einem schweren schmerzlichen Athemzug, sprang aber plötzlich auf und rief: »Das sind keine Büffel, das ist ein Zug Indianer, sie kommen hierher.«

Mit diesen Worten rannte er in das Fort hinein und kehrte nach wenigen Augenblicken mit dem Fernglas in der Hand zurück. Er schaute nun durch dasselbe nach dem schwarzen Streifen hin, der jetzt deutlicher in seiner Bewegung am Horizont zu erkennen war.

»Das sind Indianer!« sagte er nach einer Weile mit einem Ton, der unverkennbar verrieth, daß ein Schreck den Neger ergriffen hatte.

»Es müssen viele Indianer sein, denn es ist ja ein langer Zug,« fiel Turner ein, der die Aufregung Daniels bemerkte, welcher unverwandt das Fernglas vor dem Auge hielt, ohne eine Sylbe zu erwiedern.

»Sollen wir nicht in das Fort gehen und unsere Waffen zur Hand nehmen?« fragte Turner mehr und mehr besorgt.

»Sie und die Ihrigen haben Nichts von jenen Indianern zu befürchten, es sind Delawaren, und die sind den Weißen in Freundschaft zugethan,« fuhr Daniel mit bebender Stimme fort und hielt immer noch das Fernglas vor das Auge. Plötzlich aber schlug er mit einem lauten Schrei die Arme auseinander und rief: »Carl -- Carl, unser Carl -- er lebt -- er kommt -- großer Gott -- es ist Carl!« und Carl, Carl schrieen Turners und breiteten weinend und jauchzend ihre Arme nach der Ferne aus, wo der Reitertrupp schnell dem Blicke deutlicher wurde. Daniel aber war in dem Fort verschwunden und kehrte nach wenigen Minuten mit seinen Waffen in der Hand unter sichtbarlich gesteigerter Aufregung zu Turners zurück.

»Ich muß fort,« sagte er, heftig bewegt; »die Delawaren dürfen mich nicht sehen; sollten sie nach mir fragen, so sagen Sie, ich hätte Sie verlassen, um wieder auf See zu gehen.«

»Daniel, um Gottes willen, Daniel, Du wolltest uns verlassen -- das ist unmöglich, Du darfst nicht fort -- bester Daniel, bleibe bei uns -- was soll ohne Dich aus uns werden!« riefen Turners durcheinander und schlangen ihre Arme um den Neger; doch dieser wand sich mit den Worten von ihnen los: »Ich muß fort, um Ihretwillen und um meiner selbst; wenn Carl nicht zu viel über mich geredet hat, so werden die Delawaren sich nicht lange aufhalten, und dann komme ich zu Ihnen zurück, ich bleibe im Walde. Sagen Sie nur dem Häuptling, wenn er nach mir fragt, ich sei wieder auf See gegangen.«

Mit diesen Worten sprang Daniel davon, eilte nach dem Kanoe, und verschwand bald darauf an der andern Seite des Flusses in dem Walde.

Turners standen sprachlos; das Glück und der Schmerz hatten sie gleich gewaltig ergriffen, und Thränen der Freude und des Leids füllten zugleich ihre Augen. Das Glück aber war für den Augenblick stärker; sie sahen den Reiterzug nahen, und mit ihm den todtgeglaubten Liebling ihres Herzens ihren Armen entgegeneilen. Näher und näher kamen die Reiter, schneller und stürmischer schlugen die Herzen der Turners, und sehnsüchtiger und verlangender breiteten sie die Arme nach dem geliebten Wiederkehrenden aus. Da sprengte von der Spitze der nahenden Schaar Carl Scharnhorst auf seinem Rappenhengst heran über das wogende Gras, und sauste unter jauchzenden Freudenrufen am Hügel herauf seinen Lieben zu. Er warf sich vom Pferde und Turners in die Arme. Es war ein Augenblick höchster Seligkeit, welche die Wiedervereinten überwältigend durchbebte, die keine Worte, die nur Thränen, heiße Freudenthränen hatten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu geben, ihren übervollen Herzen Luft zu machen.

»Wo ist Daniel?« rief Carl plötzlich, wie aus einem Rausche erwachend, und blickte sich erschrocken nach den Indianern um, die jetzt den Fuß der Höhe erreicht hatten und von ihren Pferden stiegen.

»Er ist fort, in den Wald; wir sollen sagen, er sei wieder auf See gegangen,« antwortete Turner rasch.

»Gottlob, dann wird Alles gut gehen!« sagte Carl und wandte sich schnell dem Häuptling zu, der jetzt auf der Höhe mit feierlichem Ernst herangeschritten kam. Carl ergriff seine Hand und führte ihn zu den Seinigen, indem er ihn denselben als seinen liebevollen hülfreichen Freund vorstellte. Turners hießen den Indianer mit so stürmischer Herzlichkeit willkommen, daß derselbe tief ergriffen ward, und mit augenscheinlicher Freude die Danksagungen, die Liebkosungen der beglückten Familie hinnahm. Sie ließen ihm kaum Zeit, seinen Leuten zuzurufen, daß sie weiter am Fluß hinauf ihr Lager aufschlagen möchten, und zogen ihn, von ihren Armen umschlungen, in das Fort hinein, um ihm dort wieder und wieder ihre Dankgefühle darzuthun.

Dem Häuptling waren solche stürmische Ausdrücke menschlicher Gefühle eben so fremd wie überraschend, denn der Indianer zeigt niemals in seiner äußern Erscheinung, was in seinem Innern vorgeht; im höchsten Schmerz, im höchsten Glück liegt dieselbe stolze Ruhe auf seinen Zügen. Diese Kundgebungen der Freude und der Dankbarkeit Turners aber rissen ihn aus seiner äußern Theilnahmlosigkeit, seine Züge erheiterten sich, Freude, herzinnige Freude strahlte aus seinen Blicken, -- und immer wieder drückte er Turner und dessen Gattin die Hände, und nahm die Kinder in seine Arme. Es dauerte lange, ehe der Sturm des unverhofften Glücks der Wiedervereinten verwogte; dann aber mußte Carl ausführliche Mittheilung über seine Schicksale und über seine Rettung machen. Alle lauschten seiner Erzählung mit der größten Theilnahme, manches »Gottlob« drang von den Lippen der Hörer, manch dankbarer Blick wurde von ihnen zum Himmel gesandt, und manche Thräne entfiel ihren Augen. Als er seinen Bericht aber beendet hatte, da ging der Knabe abermals aus einer Umarmung in die andere, und der Häuptling wiederholte die Worte: »Warum mußtest Du unter den Weißen, und nicht unter den Delawaren geboren werden!«

Bis jetzt war des Negers noch nicht erwähnt worden und Turners vermieden absichtlich jedes Wort, welches das Gespräch hätte auf denselben lenken können. Madame Turner und Julie entfernten sich, um ihren Gast auf das Beste zu bewirthen, und Turner und Carl unterhielten ihn, indem sie ihm ihre sämmtlichen Waffen zeigten, und ihm deren Vorzüge vor den, in diesem Lande gewöhnlich benutzten langen einfachen Büchsen auseindersetzten. Das Abendessen war für diese Wildniß ein ausgezeichnetes zu nennen. Madame Turner hatte dabei alle ihre Kochkunst aufgeboten und das Beste ihrer Vorräthe dazu verwandt. Auch war das gute Porzellan dabei aufgetragen, alles Silberzeug auf den Tisch gebracht und derselbe herrlich mit Blumen geschmückt. Dem Häuptling entging es nicht, daß Alles dies nur ihm zu Ehren geschah; denn er war schon oft von Grenzansiedlern bewirthet worden, wo es immer viel einfacher hergegangen war.

Die Aufmerksamkeiten und Herzlichkeiten Turners machten ihm Freude und er meinte, daß die Europäer mehr Gefühl für Freundschaft und Dankbarkeit hätten, als die Amerikaner.

Nach dem Abendessen, als er mit der Familie bei dem Kaminfeuer saß und so, wie Turner eine Cigarre rauchte, fiel ihm der Neger wieder ein, und er fragte halb verwundert, weßhalb derselbe sich noch nicht gezeigt habe, da er doch ein so guter Freund der Familie sein solle. Turner entgegnete ihm etwas verlegen, daß der Schwarze ihn vor Kurzem verlassen habe, um wieder auf See zugehen, weil ihm dort ein besserer Verdienst zu Theil werde.

Der Häuptling sah Carl mit einem triumphirenden Blick an, und sagte: »Glaubst Du nun noch an die Freundschaft eines Negers, junger Mann? Dein geliebter Daniel ist ein eben solcher Freund gewesen, wie mein schwarzer Panther; auch sein Herz ist so schwarz wie seine Haut.«

Carl gab dem Indianer keine Antwort, was dieser für Anerkennung seiner ausgesprochenen Ansicht hielt und darauf das Gespräch auf einen andern Gegenstand lenkte.

Der Abend verstrich in traulicher Unterhaltung und ehe der Häuptling dann von dem für ihn bereit gehaltenen Ruhelager auf Daniels Bett Gebrauch machte, begab er sich nach seinen Leuten, um ihnen zu sagen, daß er bei seinen weißen Freunden schlafen werde.

Am folgenden Morgen hatte Madame Turner schon sehr zeitig das Frühstück bereitet, weil ihr Gast mit Sonnenaufgang seine Weiterreise antreten wollte. Nach beendigtem Mahle wurde dem Häuptling sein Pferd vor das Fort gebracht, er nahm einen herzlichen Abschied von seinen Freunden, versprach, im nächsten Herbst sie wieder zu besuchen, und bemerkte dabei, daß Carl ihn dann auf einige Wochen begleiten und mit ihm jagen müsse. Der Knabe geleitete ihn darauf zu seinem Lager, und brachte die Indianer bis zu dem Weg, welcher durch den Wald nach dem Choctawbache führte, damit seine Freunde mit weniger Schwierigkeiten das Holz durchreiten könnten. Nochmals versprach er hier dem Häuptling, im Herbst mit ihm zu jagen, und sah mit erleichtertem Herzen die Delawaren dahinziehen, weil er die Minute kaum erwarten konnte, wo er Daniel in die Arme fallen würde.