Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 22

Chapter 223,895 wordsPublic domain

Der Morgen zitterte über die Erde und der Tag warf bald sein helles, heiteres Licht auf die öde, ausgestorbene Wüste. Es that Carl leid, den Rappen in seiner Ruhe stören zu müssen, er wollte aber in der Kühle des Morgens den besten Ritt machen, und lieber in der Mittagshitze rasten. Der Hengst sprang rasch empor und schaute ganz erfrischt und munter um sich, ja, er widersetzte sich sogar ein wenig, als sein Herr ihm Sattel und Zeug auflegen wollte. Dies Zeichen von Stärkung war Carl jedoch sehr willkommen, und er wandte nur Güte an, um das Thier zur Weiterreise fertig zu machen. Dann schwang er sich auf dessen Rücken, und hatte seinen großen Spaß darüber, als der Hengst in Galopp fiel und mit ihm davonrennen wollte. Bald aber wurden Carl die Anstrengungen des Rappen doch zu bedenklich, und er faßte die Zügel mit beiden Händen, um ihn in seiner Gewalt zu behalten. Das Thier aber war kaum zu bändigen, hob die Nase immer hoch gegen den frischen Wind und drängte sich gewaltsam rechts aus der Richtung, in welcher sein Reiter es zu halten suchte. Diese auffallende Veränderung in dem Benehmen des Pferdes, und namentlich das hartnäckige Bestreben, etwas weiter nördlich zu gehen, fiel Carl auf, und er ließ ihm mehr Freiheit. Kaum fühlte das Roß aber die lockern Zügel, als es mit seinem Reiter dahin sauste, wie wenn es nie ermüdet gewesen wäre, so daß Carl seine Last hatte, nur einigermaßen noch die Herrschaft zu behaupten.

Der Lauf des Hengstes wurde immer wilder, immer flüchtiger und unbändiger, und sein Reiter konnte Nichts mehr thun, als sich nur im Sattel zu erhalten. In wenigen Minuten waren einige Meilen zurückgelegt, da erblickte Carl in der Ferne vor sich einen hellgrünen Streif, und nach ein paar Minuten später erkannte er deutlich zwei Pappeln, das sicherste Zeichen, daß Wasser sich in der Nähe befinde. Jetzt ward es ihm klar, weshalb das Thier so gewaltig nach dieser Richtung gestrebt hatte, denn der Wind wehte gerade von den Pappeln her, und das Pferd hatte das Wasser schon auf Meilen weit gewittert.

In sehr kurzer Zeit waren die Pappeln erreicht, welche an dem Ufer eines klaren, nach Nordost fließenden Baches standen. Noch ehe aber das Roß an das Ufer kam, hielt Carl es mit Gewalt an, sprang aus dem Sattel, nahm diesen von dem Rücken des Pferdes, und leitete dasselbe dann an dem Zügel nach dem Wasser, weil er voraussetzte, daß das Thier sich in den Bach hineinlegen würde. Dies geschah nun auch sofort, der Hengst warf sich in dem Bache nieder und wälzte sich von einer Seite zur andern; dann sprang er auf, schüttelte sich, stillte seinen Durst und wandte sich darauf nach dem frischen saftigen Grase an dem Ufer. Carl befestigte ihn mit dem Strick an eine der Pappeln, so daß er beide Ufer erreichen und darauf weiden konnte, und nachdem er nun selbst seinen großen Durst gelöscht hatte, ließ er sich in dem Grase nieder und verzehrte einige Stücke des getrockneten Fleisches.

Erquickt und gestärkt ruhte er mit dem Rücken an einem der Bäume, und sah während einiger Stunden mit Freude seinem Rappen zu, wie derselbe zwischen dem hohen, vom Feuer verwelkten schilfartigen Grase die zarten frischen Halme und Kräuter verzehrte, und sich daran labte. Endlich hatte sich das Thier gesättigt und die Ruhe schien ihm jetzt das Nothwendigste zu sein, denn es ließ sich im Grase nieder und streckte die Glieder darin aus. Auch Carl fühlte sich schläfrig und die Augen waren ihm zugefallen. Nach einer Weile aber schlug er sie wieder auf und ließ seinen Blick über die weite öde Fläche wandern, als wolle er sich überzeugen, daß er sich unbesorgt einem festen Schlafe hingeben könne.

Da traf sein Auge in der Ferne auf einen hellen Fleck, den er früher nicht bemerkt hatte. Er zog sein Fernglas hervor, und erkannte durch dasselbe einige zwanzig Antilopen, welche über die schwarze Ebene wanderten und wahrscheinlich, wie sein Rappe es gethan hatte, das Wasser aufsuchten. Ihre Richtung war aber weiter nach dem Bache hinauf, wo kein Busch, kein hohes Gras ein Annähern an dieselben möglich machte, und da Carl die große Neugierde dieser Thiere kannte, so hieb er schnell einen langen Stock von der Pappel, spitzte ihn unten zu, band sein Taschentuch an das obere Ende, und pflanzte diese Fahne einige fünfzig Schritt am Bache hinauf in dessen erhöhtes Ufer. Nun legte er sich hinter die Pappel und beobachtete die Antilopen durch sein Fernglas. Sie kamen unbekümmert und unaufmerksam immer näher, bis sie plötzlich stillstanden und sämmtlich die Köpfe emporrichteten. Sie blickten verwundert und neugierig nach der im Winde wehenden Fahne. Ein altes Thier setzte sich jetzt in Bewegung und schritt dem Rudel voran der Fahne zu, während die anderen sich zusammendrückten und der Alten folgten. Carl hielt immer noch das Glas auf sie gerichtet, bis sie sich in Trab setzten, dann griff er schnell nach der Büchse, hob sich hinter dem Baum auf ein Knie und machte sich zum Schusse bereit. Jetzt kamen die Antilopen im Galopp nach der Fahne herangesprungen, und als sie dieselbe bis auf fünfzig Schritte erreicht hatten, wandten sie sich im Kreis um sie und jagten direct auf die Pappeln zu. Da hob der Rappe seinen Kopf aus dem Grase empor, und die Antilopen sprangen erschrocken zur Seite. Carl aber hatte seine Büchse schon fest auf einen jungen Bock gerichtet und gab Feuer. Das Thier überschlug sich, und bemühte sich vergebens, wieder aufzuspringen, um seinen Gefährten zu folgen; es konnte nicht weiter, die Kugel war ihm am Herzen durchgegangen. Mit raschen Sprüngen hatte Carl den Bock erreicht und ihm den Todesstoß gegeben. Er schnitt schnell das beste Fleisch von ihm ab, um für einige Tage frisches Wildpret zu haben, und zündete darauf ein Feuer bei den Pappeln an, über welchem er sich ein Mittagsmahl aus den feistesten Stücken bereitete. Es schmeckte ihm ganz vortrefflich, er labte sich nochmals durch einen frischen Trunk, und dann streckte er sich im Grase aus, um sich vollends für die Weiterreise zu stärken.

Die Sonne begann sich schon zu neigen, als er erfrischt erwachte und seinen Rappen zum Aufstehen ermunterte. Derselbe schien auch neues Leben bekommen zu haben, und Carl hatte ziemlich viel Mühe, um ihn zu satteln. Endlich aber saß er wieder auf dem Rücken des Hengstes, und ließ ihn nun tüchtig austraben, indem er dem Bache hinauf folgte, da derselbe aus Südwest hergeflossen kam. Er beabsichtigte nämlich, so weit in dieser Richtung vorzudringen, wo das Feuer nicht mehr gewüthet hatte, und dann seinen Weg nach Osten einzuschlagen, wo er jedenfalls auf Ansiedelungen stoßen mußte. An diesem Wasser war sein Pferd vor Hunger und Durst gesichert, und es stand zu erwarten, daß er auch an seinen Ufern Wildpret antreffen werde. Er ritt noch spät in die Nacht hinein, schlief abermals an dem Rande des Baches, und folgte demselben während des ganzen nächsten Tages. Mit Sonnenuntergang erreichte er auf einer Höhe, wo wenige entlaubte Eichen standen, die Quellen des Baches, und schlug hier sein Nachtlager auf. Am folgenden Morgen glückte es Carl wieder, einen feisten Hirsch zu erlegen, wodurch sein Vorrath an frischem Fleisch ersetzt wurde.

Das Wasser war hier nun zu Ende, und der Knabe würde abermals mit Zweifeln über seine nächste Zukunft sein Pferd bestiegen haben, hätte er nicht von hier aus in der Ferne vor sich die blauen Umrisse eines über dem Prairierand aufsteigenden Waldes erkannt. Mit neuer Hoffnung, in jenem Walde endlich die Grenze der Verwüstung, die das Feuer angerichtet hatte, zu finden, verließ er die Quellen, und gab seinem Hengst die Zügel, damit er ihn schnellmöglichst aus dieser Einöde tragen möge. Der Rappe hatte sich sehr erholt, und begann durch seinen Uebermuth seinem Reiter oft viel zu schaffen zu machen, dieser aber kannte ein sehr gutes Mittel, um ihn zu bändigen: er ließ ihn nach Herzenslust laufen, und wenn er dann, etwas ermüdet, langsam gehen wollte, dann trieb er ihn mit den Sporen zum Galopp an, bis ihm der weiße Schaum auf den schwarzen Flanken stand. Nach einigen Stunden flüchtigen Rittes näherte sich Carl dem Walde, dessen grüner Schein von immergrünen Baum- und Straucharten zeugte, die sich in demselben befanden. Carls Hoffnung, hier die Grenze der Feuerverwüstung zu finden, wuchs mit jedem Schritte des Rappen, und sie wurde zur Wahrheit, als er um die Mittagszeit das Holz erreichte. Der Brand war bis an dessen Saum gedrungen, und war an ihm hin nach Nordwesten gezogen. Der Wald war ziemlich licht, nur einzeln zeigte sich hier und dort eine Dickung von immergrünen Lorbeer- und Myrthenarten in demselben, aber allenthalben unter den einzelnstehenden Bäumen befand sich frisches junges Gras, in welchem das Feuer keine Nahrung gefunden hatte.

Carl verfolgte seine Richtung durch den Wald, in der Hoffnung, Wasser zu finden, welches er um so sicherer glaubte, weil sich nach allen Seiten hin ungeheure Felsstücke aus dem Boden erhoben. Schon nach Verlauf einer halben Stunde gelangte er an die westliche Seite des Holzes, wo dasselbe sich an eine hügelige Prairie anlehnte, die, so weit das Auge reichte, mit frischem jungen Grase bedeckt war. Dieses Land mußte vor einigen Monaten von Indianern abgebrannt sein, wie denn überhaupt alle Prairiebrände durch die Wilden erzeugt werden. Wenn ein Indianerstamm eine Zeitlang an einem Orte verweilt hat und das Wildpret spärlicher wird, so zieht er weiter und benutzt den Augenblick, wo der Wind von daher weht, wohin er reisen will, um das Gras anzuzünden, damit er, wenn er nach einigen Monaten in diese Gegend zurückkehrt, hier frische Weide und Reichthum an Wild vorfindet.

An dem Saume des Waldes traf Carl denn auch auf ein herrliches klares Wasser, welches von einer felsigen Höhe zu seiner linken Seite herabkam. Er beschloß, hier zu rasten, sich und sein Pferd auszuruhen, und dann der Grenze der Feuerverwüstung bis zu deren Anfang nach Südost zu folgen. -- Die Felsen erhoben sich in dem Walde in kurzer Entfernung von Carl, und er lenkte sein Pferd nach ihnen hin, indem er an dem rauschenden Wasser hinaufritt.

Je näher er den hoch übereinander aufgethürmten Steinmassen kam, um so mehr einzelne mächtige Felsblöcke lagen zwischen den Bäumen umher, so daß er endlich sein Roß in das Wasser selbst leiten mußte, um nach dessen Quellen gelangen zu können.

Ohne große Schwierigkeiten erreichte er den Fuß der hohen Felsenpartie, wo das Wasser aus einer tiefen Spalte in dem grauen Gestein lustig hervorsprudelte und durch einen kleinen Grasplatz rieselte, der ihm sein frisches üppiges Grün verdankte. Dies war ein herrlicher Weideplatz für den Rappen, so wie ein recht heimliches Versteck für ihn und seinen Reiter, deßhalb sah sich Carl nach einem passenden Ort um, wo er sein Lager aufschlagen wollte. Er war nur eine kurze Strecke an den steil aufstrebenden Felsen zwischen uralten immergrünen Eichen und umherliegendem Gestein hingeschritten, als er hinter einem dichten Lorbeergebüsch eine tiefe Spalte in der Felswand bemerkte, die sich nach unten sehr erweiterte und eine geräumige Höhle zu bilden schien. Als er seinen Rappen zu deren Eingang führte, fand er, daß sie weit in den Berg hineinführte und geräumig genug war, ihn und sein Pferd in sich aufzunehmen. Einen passenderen Platz für seine Rast hätte er sich gar nicht wünschen können; nur wollte er vorsichtig das Innere der Höhle untersuchen, ob auch kein Raubthier darin verborgen sei, denn es war ja die Schlafzeit der Bären. Er führte den Rappen von dem Eingange hinweg, befestigte ihn an einem Baum, und schritt dann mit der Büchse in der Hand in die Höhle hinein. Kaum aber war er eingetreten, als ein betäubendes Geklapper darin erschallte und Carl schnell wieder in den Eingang zurücksprang; denn er erkannte das warnende Zeichen der Klapperschlange, welches sie mit der Klapper an dem Ende ihres Schwanzes einem jeden Nahenden giebt, und er glaubte, daß wenigstens hundert dieser Thiere sich in der Höhle befinden müßten, um ein solches Getöse hervorzubringen. Er hatte aber in der Nähe des Forts schon so unzählig viele dieser Schlangen todtgeschlagen und wußte, daß sie einem Menschen in keiner Weise gefährlich werden können, wenn ihm nur ihre Gegenwart bekannt ist, da sie nur aus Nothwehr beißen und immer ängstlich vor dem Menschen fliehen. Carl bewaffnete sich daher mit einem tüchtigen langen Stock, und ging dann in die Höhle zurück. Die Schlangen hatten sich sämmtlich in das hinterste Ende derselben geflüchtet und sich zwischen losem Gestein verkrochen, das Tageslicht fiel aber von der Höhe der Felsspalte hinreichend auf sie herab, so daß Carl sie erkennen konnte. Als er sich ihnen nun näherte, hoben sie die Köpfe hoch empor und klapperten durch die schnelle zitternde Bewegung ihres Schwanzes; jeder Hieb des Knaben aber, den er nach einem der Köpfe führte, tödtete eine Schlange. Es waren deren, große und kleine zusammen, einige Dutzende; Carl warf sie mit dem Stock zur Höhle hinaus und untersuchte in derselben Alles genau, ob sich keines dieser widrigen Thiere noch irgendwo versteckt halte, er hatte sie aber sämmtlich getödtet. Nun befreite er sein Roß von Sattel und Zeug, trug Alles in die Höhle hinein, und band dann den Rappen auf dem nahen Grasplatz in die Weide. Er hatte einige köstliche Stücke Hirschfleisch mit hierhergebracht, welche er jetzt für seine Mahlzeit zubereitete, und zwar innerhalb der Höhle, wo er ein Feuer anzündete. Der Rauch desselben zog durch die hohe Spalte, wie durch einen Schornstein ab, und verschwand in den dichtbelaubten Kronen der Lebenseichen, die ihre ungeheuern Aeste rings um den Felsen ausbreiteten, so daß eine aufsteigende Rauchsäule Carls Gegenwart nicht an Wilde verrathen konnte, im Falle sich deren in der Umgegend aufhalten sollten. Von dem Eingange der Höhle aus konnte er nicht allein sein Pferd beobachten, sondern auch, wie von einer Festung herab, weithin durch den Wald blicken, und hielt während des ganzen Tages scharfe Wacht. Mit Ausnahme von einigen Rudeln Hirschen, die flüchtig vorüberzogen, gewahrte er aber weder Thiere, noch Indianer, und er wunderte sich, hier nicht einen größern Reichthum von Wildpret zu finden, da im Walde sowohl, als auch auf der nahen Prairie das Gras jung und üppig stand, und im Osten das Land auf so ungeheure Entfernungen kahl gebrannt war.

Als die Sonne sich neigte und der Rappe nicht mehr weiden wollte, sondern sich in dem Grase zum Ruhen niederlegte, führte ihn Carl in die Höhle und befestigte ihn dort an einem starken Holzpflock, den er mit dem Beile zurechtgehauen und in eine enge Spalte zwischen dem Gestein eingeschlagen hatte. Dann stellte er einige dicht belaubte Büsche vor die Höhle, damit der Eingang einem unberufenen fremden Auge verborgen bleiben möge, und nahm seine Waffen, um in der Nähe zu versuchen, ob er ein Stück Wild erlegen könne. Nochmals durchblickte er von der Höhe herab den Wald, und ging dann vorsichtig zwischen den Felsstücken hin, indem er fortwährend mit wachsamem Auge um sich spähete. Er traf nur wenig Wild an, und die einzelnen Hirsche und Antilopen, die er zu Gesicht bekam, waren außerordentlich scheu und flohen schon auf weite Entfernungen, wenn er sich ihnen nahen wollte. Er hatte in der Umgebung des Forts, wo er und Daniel doch so oft jagten, niemals das Wild so scheu gesehen, und erklärte sich dessen Wildheit hier durch den stattgehabten Prairiebrand, welcher die Thiere so in Flucht gesetzt haben mußte. Es war schon sehr düster geworden, als Carl an dem Wasser hinauf nach seiner Höhle zurückging, ohne daß es ihm gelungen war, eine Jagdbeute zu machen, und er erstieg die felsige Höhe im letzten Scheine des scheidenden Tageslichtes, da kam es ihm vor, als ob er in der Ferne einen Schuß gehört habe. Er blieb stehen und lauschte lange Zeit, es war aber Alles still, und er suchte sich zu überreden, daß er sich verhört habe, denn der Schuß konnte nur von einem Indianer herrühren, und die Gegenwart von Wilden, welche in dieser Gegend jagten, konnte auch die Ursache von dem scheuen Benehmen der Thiere sein.

Er beruhigte sich aber, als er durch die Büsche in die Höhle trat, denn in diesem Versteck war er zu gut verborgen, als daß ihn ein Indianer hätte auffinden können, und lange wollte er ja auch nicht hier verweilen. Wenn er hier nur einen Hirsch erlegte und dessen Fleisch trocknete, so hoffte er mit diesem Mundvorrath seine Rückreise nach dem Fort ausführen zu können, im Fall ihm die Jagd unterwegs keine neue Beute liefern sollte. Zu diesem Zweck wollte er am folgenden Morgen sein Jagdglück noch einmal versuchen.

Seinen Rappen fand Carl, wohlbehalten der Ruhe pflegend, auf dem Boden ausgestreckt, und das Thier hob nur zutraulich den Kopf empor, um seinen Herrn zu begrüßen. Carl klopfte ihm schmeichelnd den Hals, legte dann seine Waffen ab und zündete ein Feuer an, um sein Abendbrot zu bereiten. Sobald dieses aber geschehen war, löschte er das Feuer wieder aus, damit der helle Schein in der obern Felsspalte seine Gegenwart nicht etwa verrathen möge. Er hätte es gern während der Nacht unterhalten, denn es wurde sehr kühl und der Wind blies in die Höhle herein, seine Vorsicht aber untersagte es ihm, deßhalb hüllte er sich dicht in seine Büffelhaut und empfahl sich Gottes Schutz, während ihm die Müdigkeit die Augen zudrückte.

Der Morgen graute, als Carl aus einem ruhigen erquickenden ungestörten Schlafe erwachte und schnell emporsprang, damit er die Dämmerung noch zu der beabsichtigten Jagd benutzen könne. Mit der Büffelhaut um die Schultern und der Büchse in der Hand, trat er aus der Höhle auf einen der vorspringenden Felsen und durchspähete und überlauschte die nahe Umgebung, dann erfrischte er sich schnell bei dem sprudelnden Wasser, trug die Büffelhaut in sein Versteck zurück, und trat nun seine Wanderung in den Wald hinab an, von Stein zu Stein, lauschte auf jedes, auch das leiseste Geräusch, und achtete auf jede Bewegung, die ein leichter Luftzug in dem schwer bethauten Laub und in den üppigen Pflanzen um ihn her erzeugte. Wohl eine halbe Stunde lang war er in dem Walde hin- und hergeschlichen, ohne auch nur ein Stück Wild zu Gesicht zu bekommen, da warf die Sonne ihren ersten Blick durch die immergrünen Bäume, und in dem goldigen Lichte, welches auf eine frische grüne Grasfläche unter hohen Lebenseichen fiel, erkannte Carl die glänzend rothe Farbe eines sich äsenden Hirsches. Er schlich sich leichten Fußes schnell von Eiche zu Eiche, und hatte sich dem Thiere bis auf hundert Schritte genähert, als dieses plötzlich zusammenfuhr und mit weiten Sätzen davon sprang. Carl aber folgte ihm mit dem Rohre seiner Büchse, und es hatte nur wenige Sprünge gethan, als der Schuß des Knaben den Wald durchhallte und der Hirsch, tödtlich getroffen, zusammenstürzte. Freudig sprang Carl zu ihm hin, warf sich über ihn her, damit er ihm nicht entgehe, und gab ihm mit dem Jagdmesser den Todesstoß. Die Büchse hatte er neben sich in das Gras gelegt und knickte bei dem Hirsch, um ihn auszuweiden, da sagte eine Stimme ganz in seiner Nähe:

»Ei, ei, noch so jung und doch schon ein so guter Jäger?«

Carl fuhr erschrocken empor, indem er zugleich seine Büchse ergriff, und blickte sich nach dem Sprecher um; da trat in kurzer Entfernung von ihm ein großer schöner Mann hinter einer Eiche hervor und winkte ihm freundlich zu, indem er sagte:

»Brauchst nicht zu dem Gewehre zu greifen, Du hübscher Knabe, denn wenn ich Dir hätte etwas zu Leide thun wollen, so würde ich Dich nicht angeredet haben. Du warst ja in meiner Gewalt und auch ich weiß die Büchse zu handhaben; aber Dein Schuß nach diesem Hirsch war ein Meisterschuß, und es jagen nicht viele Jäger in diesem Lande, die Dir denselben nachthun können. Wo lagert Deine Jagdgesellschaft? Ich bin ein Delaware und ein Freund der weißen Männer, führe mich zu ihnen, damit ich mit ihnen rauchen und reden kann.«

Carl hatte auf den ersten Blick erkannt, daß der Fremde ein Indianer sei, wenngleich dessen Erscheinung von der jener Wilden verschieden war, die er bisher gesehen hatte. Derselbe trug ein aus Wildleder verfertigtes, bunt gesticktes und zierlich befranztes Jagdhemd, welches ihm bis an die Kniee reichte, trug hirschlederne Gamaschen und Mokassins von demselben Material, und um seinen Kopf war ein buntes seidenes Tuch in Form eines Turbans gewunden. Unter demselben hing das glänzend schwarze Haar des Indianers über seine breiten Schultern herab, und um seinen braunrothen Nacken lag eine breite Perlenschnur, an welcher eine große silberne Medaille mit dem Bildniß des Präsidenten der Vereinigten Staaten bis auf seine nackte dunkelfarbige Brust reichte. Er war eine hohe schöne Mannsgestalt von schlankem aber muskulösen Bau, und die Formen seines männlichen Gesichts waren edel und ausdrucksvoll. Die Adlernase und die hohe Stirn zeugten von Willenskraft, Entschlossenheit und Muth, und in seinen großen dunklen Augen lag ernste Ruhe und tiefe Leidenschaftlichkeit zugleich. Dieselbe Ruhe lag auf seiner ganzen stolzen Erscheinung, und jede seiner Bewegungen schien von ihr beherrscht zu werden. Als er aber zu Carl sprach, hatten seine Züge einen freundlichen milden Ausdruck angenommen, der dem Knaben Vertrauen einflößte und die schreckhafte Ueberraschung, die sich seiner im ersten Augenblicke bemeistert hatte, verscheuchte.

»Wenn Du ein Delaware-Indianer bist, so habe ich keine Ursache, vor Dir besorgt zu sein; denn die Delawaren sind ja immer Freunde der Weißen gewesen, und haben gegen die Engländer mit großer Treue an ihrer Seite gefochten, als sie sich von deren Herrschaft befreiten. Daniel hat mir sehr viel Gutes von den Delawaren erzählt,« entgegnete Carl, indem er ohne Bangen dem Indianer die Hand hinreichte, die dieser zutraulich ergriff.

»Wer ist denn der Daniel, der so viel Gutes von den Delawaren gesagt hat?« fragte der Indianer.

»Er ist ein Neger, der sich als Freund bei meinem Onkel aufhält,« antwortete Carl.

»Und wo ist denn Dein Onkel? führe mich zu ihm,« fuhr der Indianer fort.

»Mein Onkel ist nicht hier, er wohnt am Bärfluß, ich bin allein hier.«

»Du allein hier?« fragte der Indianer mit einem Tone, als bezweifle er die Wahrheit von Carls Aussage.

»Ja, ganz allein. Der Prairiebrand hat mich hierhergetrieben und es ist ein Wunder, daß ich nicht dabei umgekommen bin. Mein armes Pferd habe ich verloren, doch habe ich mir ein wildes Pferd dafür gezähmt, welches mich hierhergetragen hat,« erwiederte Carl mit seiner natürlichen Offenherzigkeit.

»Du setzest mich in Erstaunen; bist ja doch nur noch ein Knabe, und Dein Benehmen, so wie Deine Handlungen sind die eines tüchtigen Mannes. Wie heißest Du? mein Name ist Leopard.«

»Ich heiße Carl Scharnhorst, und mein Onkel am Bärfluß heißt Max Turner,« antwortete Carl.

»So komm mit mir in mein Lager, Carl, ich bin mit meinem Stamme auf dem Wege nach dem Bärfluß, und will Dich zu Deinem Onkel zurückbringen. Am Choctawbache habe ich viele Freunde, die ich in jedem Frühjahre besuche. Wo hast Du Dein Pferd?« nahm der Indianer wieder das Wort und legte liebkosend seine Hand auf die Schulter des Knaben.

»Dort hinauf, in jenem Felsen,« entgegnete Carl, nach der Höhe zeigend.

»In der Höhle dort oben? Ich habe schon manchen feisten Bären in ihr getödtet, sie ist ein Lieblingsaufenthalt der Petze. Lade Deine Büchse, ich will dem Hirsch schnell die Haut abnehmen,« sagte der Indianer, und kniete bei dem erlegten Thiere nieder, während Carl den Schuß in seinem Gewehr ersetzte.

»Du wirst nicht viel Wild mehr in diesem Walde angetroffen haben,« fuhr Leopard während seiner Arbeit fort, »wir haben über zweihundert Hirsche und Antilopen hier geschossen, denn wir fanden sehr viel Wild hier vor, als wir vor einem Monat hierherkamen, und das Feuer auf der Prairie trieb uns noch eine große Anzahl davon zu. Es ist gut, daß ich Dich getroffen habe, denn wir wollten morgen von hier aufbrechen. Schade nur, daß Du nicht früher hier warest; ein Jäger wie Du es bist, wäre mir sehr willkommen gewesen.«