Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 21
Carl hatte beim ersten Erscheinen dieser furchtbaren Schaaren nach einem Revolver gegriffen, und hielt ihn fest in der Hand, die Thiere aber bemerkten ihn nicht, denn alle strebten weiter. Nur ein riesiger Panther wandte sich aus dem Getümmel der Höhle zu, um in ihr Schutz zu suchen. Er stutzte vor der gefleckten gelben Haut des Jaguars, welche Carl bis über die Brust heraufgezogen hatte, er erkannte in ihr den König dieser Wildniß und zögerte, zähnefletschend, sich ihm zu nahen. Carl hatte ihm aber den Revolver zwischen die glühenden Augen gerichtet und schoß ihm die Kugel durch den Schädel. Ohne Zucken sank das Raubthier vor Carls Füßen zusammen und der Krach des Schusses verhallte unbemerkt in dem Donnerdröhnen, womit die vorüberstürmenden Thierschaaren die Luft erfüllten. Unaufhaltsam und ununterbrochen zog Heerde auf Heerde in dicht gedrängten Reihen im buntesten Gemisch und in fliegendem Laufe zu Carls beiden Seiten vorüber, Freund und Feind nebeneinander, und hier und dort sah Carl eine Leopardenkatze, einen Lux auf dem zottigen Rücken eines kolossalen Büffels reiten.
Endlich wurden die Reihen lichter und die erschöpften Nachzügler stürzten mit Aufwand ihrer letzten Kräfte vorüber, um bald von den Flammen eingeholt und von ihnen vernichtet zu werden. Der Feuerregen war mit den Thieren weiter gezogen, der Himmel aber hatte sich in ein blendendes Gluthmeer verwandelt und der Sturm trug jetzt eine sengende Glühhitze heran. Carl warf noch einen Blick an dem Ufer empor, er sah die Flammenspitzen hoch über sich in der Luft ausgestreckt züngeln, warf sich in die Höhlung zurück und zog die nasse Jaguarhaut über den Kopf. Es waren Augenblicke zwischen Leben und Tod, er hielt den Mund dicht an die Erde, dennoch schien ihn die glühende Luft ersticken zu wollen, seine Gedanken verwirrten sich, und er hörte nur noch ein stürmisches Sausen und Brausen in der Luft. Es waren aber nur Augenblicke der Qual und der Betäubung, denn plötzlich wehte es kalt, ja eisig in die Höhle hinein; Carl warf die Jaguarhaut von sich, und verschwunden war Feuer und Gluth. Es war wieder Tag, Carl sah den hohen grauen Himmel wieder über sich, und sah vor sich die schwarzen Rauchwolken über den aufwirbelnden Flammensäulen vor dem Orkane nach Westen hin über die weite Ebene jagen. Er sprang aus seinem Versteck hervor auf das Ufer hinauf und blickte dem dahineilenden Grasbrande nach. Ein Bild des Todes, der Erstarrung umgab ihn. So weit sein Auge reichte, lag die, noch vor wenigen Minuten im Sturme wogende Prairie, eine schwarze kahle Fläche, ausgebreitet, und wohin er schaute, traf sein Blick auf versengte und verbrannte schwarze Thiergestalten, deren viele noch mit dem Tode rangen. Carl fiel auf seine Kniee, faltete seine Hände und dankte, zum Himmel aufsehend, dem Allmächtigen für seine wunderbare Rettung. Dann stand er auf und blickte auf die Verwüstung um sich; wohin sollte er sich wenden, um die lebende Welt wiederzufinden? Thränen traten ihm in die Augen, denn er dachte an die Angst, an die Sorgen der Seinigen, und fühlte sich so verlassen, so hülflos. Was mochte auch wohl aus seinem Falben geworden sein -- derselbe war gewiß auch in den Flammen umgekommen! Hätte er ihn jetzt noch gehabt, dann wäre ihm nicht bange gewesen, der hätte ihn gewiß wieder nach dem Fort zurückgetragen. Carl schaute nach dem Platze, wo sein Pferd mit ihm zusammengestürzt war, und sah etwas weiter hin bei einem Mosquitobaum sich Etwas bewegen. Er ging näher und erkannte einen schwarzen Pferdekopf, der sich, wie es schien, aus einer Vertiefung erhob. Bald sah er das ganze Pferd, einen Rappen, der in einem steinigen trocknen Graben lag, wie sie häufig von schweren Gewitterregen in der Prairie erzeugt werden. Er trat nahe an das wilde Roß hinan, es war ein Rappenhengst von etwa vier Jahren, der aber Carl nicht zu bemerken schien und nur nach Luft schnappte. Er war aber nicht versengt, denn seine Mähnen hingen lang und glänzend an seinem Nacken, und über seine Stirn fielen lange Locken von seinem Kopf herab. Es war ein schönes Thier, nur sein Blick war nicht, wie er sein sollte, denn seine Augen waren mit Asche und Staub angefüllt. Die Vertiefung, in welcher das Roß lag, hatte dasselbe vor den schnell über ihn hineilenden Flammen geschützt; denn das Gras ward ja in wenigen Augenblicken von dem Feuer verzehrt, und der Sturm hatte dieses ja fliegend über die Erde hingetrieben.
Carl sprang rasch nach seiner Höhle zurück, zog den Strick seines Falben hervor und eilte damit zu dem wilden Pferde. Er befestigte denselben um dessen Hals, und band dann das andere Ende fest an den nahestehenden Baum. Das Thier war so erschöpft, daß es sich Alles ruhig gefallen ließ, auch selbst, daß Carl mit ihm sprach und ihm Kopf und Hals mit der Hand klopfte. Nun ging er wieder nach seinem Versteck, um dem Thiere Wasser zu bringen. Da er aber in dem Hut nur zu wenig herbeitragen konnte, so nahm er die Jaguarhaut, faßte ihre vier Enden und die Seiten zusammen, versenkte sie in den Quell, und hob sie dann mit Wasser gefüllt empor. Nun trug er sie vorsichtig zu dem Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das Thier erschrack gewaltig und sprang auf die Füße, es war aber zu schwach, um das Ufer zu erklimmen. Carl wiederholte die Uebergießung noch einigemale, und zuletzt gelang es dem Pferde, aus der Vertiefung auf die versengte Erde bei dem Baume zu springen. Carl verkürzte nun den Strick, so daß das Thier den Graben nicht wieder erreichen konnte, und er sah zu seiner Freude, wie es sich nach und nach erholte. Daniel hatte ihm oft erzählt, daß man wilde Pferde leicht dadurch bändigen könne, wenn man ihnen mit dem Lasso den Hals für einige Augenblicke zuschnüre und ihnen dann die Schlinge wieder löse. Er holte schnell den Lasso, den er am Sattel trug, und legte dem Rappen die Schlinge um den Hals, damit er im Stande sein würde, ihn zu bändigen, wenn er mit der Rückkehr seiner Kräfte böse werden sollte. Noch aber war das Thier ganz geduldig und ließ Alles mit sich thun.
Carl holte nun einen Hut voll Wasser und drückte ihn dem Pferde unter das Maul, so daß dasselbe in das Wasser kam. Das Thier schreckte mit dem Kopfe zurück, leckte aber doch seine Lippen ab, schnaubte laut aus den Nüstern und zeigte, daß ihm die Erfrischung wohlgethan habe. Sein Durst mußte schrecklich sein, denn als Carl sein Verfahren wiederholte und ihm abermals das Wasser unter das Maul hielt, trank es gierig den ganzen Hut leer. Carl brachte ihm so viel Wasser, bis es nicht mehr trinken wollte, und wusch ihm dann die Augen aus. Im Anfang erbebte das Pferd jedesmal, wenn der Knabe sich ihm nahte, bald aber sah es ihn nicht mehr so scheu an und ließ ihn, ohne zu erschrecken, bei sich kommen. Er holte nun von dem Ufer des Sumpfes frisches Gras und reichte es dem Thiere, dasselbe wollte aber noch kein Futter annehmen, worauf Carl das Gras an dem Baumstamme niederlegte.
Er hatte nun wieder ein Pferd, ob er es aber zum Reiten würde benutzen können, das war noch die Frage; versuchen wollte er es jedoch jedenfalls. Jetzt mußte er aber auch an sich selbst denken, denn sein eigener Magen verlangte nach Speise. Wegen Nahrung brauchte er nun freilich nicht in Verlegenheit zu sein, denn es lagen ja Hunderte von getödteten Thieren ganz in seiner Nähe. Er ging nach dem Ufer des Sumpfes, der mit todten Körpern vollständig ausgefüllt war und fand an dem Rande desselben einen jungen Hirsch, den die fliehenden Heere niedergetreten hatten. Carl schnitt das zarteste Wildpret aus ihm heraus, zündete ein Feuer neben dem alten Mosquitobaume an, denn trockenes Holz lag in Menge unter demselben, und bereitete nun sein Mittagsessen. Das Quellwasser war herrlich und stillte seinen Durst. Er hatte aber auch an die nächste Zukunft zu denken, denn mehrere Tage mußte er jedenfalls hier verweilen, ehe er das Pferd würde reiten können. Zeigte sich die Sonne wieder, so stand zu erwarten, daß die vielen Thierkörper schnell in Verwesung übergehen würden, wo er dann deren Fleisch nicht mehr benutzen konnte, und auf diesem öden abgebrannten Lande durfte er wohl nicht hoffen, ein lebendes Thier erscheinen zu sehen. Er zerschnitt darum das Fleisch des Hirsches in sehr dünne Streifen und trocknete es über einem rauchenden Kohlenfeuer.
Der Sturm hatte sehr nachgelassen, der Himmel hatte sich aber um so finsterer überwölkt und drohte mit Regen. Die Nacht brach herein, Carl reichte seinem Pferde nochmals Wasser, trug ihm dann einen Arm voll Gras hin und legte sich auf den versengten Erdboden bei dem Feuer nieder, nachdem er dieses mit einigen starken Stücken Holz versehen hatte. Obgleich seine Kleidung wieder getrocknet war und er das Feuer während der Nacht unterhielt, so fror ihn doch sehr, denn er besaß nichts, um sich darin einzuhüllen und konnte auch die Jaguarhaut nicht unter sich legen, weil dieselbe noch naß war. Er beschloß darum, am folgenden Morgen einem der Büffel, welche todt im Schilfe lagen, die Haut abzunehmen und sie für seinen Gebrauch, so gut er konnte, zuzubereiten, denn dies hatte er von Daniel gründlich gelernt. Als der Tag graute, erwachte Carl aus einem mehrstündigen festen Schlaf und richtete seinen ersten Blick nach dem Rappenhengst hin. Derselbe hatte sich schon erhoben und verzehrte das letzte Gras, welches Carl ihm am Abend vorher zugetragen hatte. Als aber dieser sich ihm nahete, sprang er entsetzt zurück, bäumte sich und riß mit aller Gewalt an dem Seil, womit er an dem Baume befestigt war. Carl suchte das Pferd mit guten Worten zur Ruhe zu sprechen, es schnaubte ihm aber gewaltig entgegen und stierte ihn scheu und geängstigt an, und als er ihm einen Hut voll Wasser holte, drängte es sich von ihm zurück und geberdete sich wild und unbändig. Jetzt ergriff Carl den langen Lasso, dessen Schlinge der Hengst um den Nacken trug und zog dieselbe zu. Das Roß bäumte und sträubte sich gegen die Gewalt, die ihm angethan wurde, aber der Athem ward ihm genommen und es stürzte, an allen Gliedern zitternd, zu Boden. Carl löste nun schnell die Schlinge, um das Pferd vor dem Ersticken zu bewahren, und suchte dasselbe durch Liebkosungen zu beruhigen; kaum aber athmete das Thier wieder, als es aufsprang und noch wilder, noch wüthender tobte. Carl jedoch zog abermals die Schlinge zu, wieder stürzte der Hengst zusammen, und diesmal ließ sein Bändiger ihn länger dulden und es dauerte geraume Zeit, ehe das Thier sich erholte, nachdem die Schlinge wieder geöffnet war.
Es schien jetzt die Uebermacht seines Herrn anzuerkennen, denn es duldete nun, daß derselbe sich ihm näherte und ihm wie früher mit der Hand das glatte Haar strich. Sein Zittern und Beben zeigte aber, daß seine Angst sehr groß war, wenn es sich auch nicht mehr zu widersetzen wagte. Das Wasser, welches Carl ihm reichte, wollte es nicht trinken, doch es verzehrte das Gras, welches er ihm reichlich zutrug.
Nachdem Carl nun selbst etwas gebratenes Fleisch und einen frischen Trunk aus dem Quell zu sich genommen hatte, begab er sich in das hohe grüne Schilf zu einem todten jungen Büffel, von welchem er sich die Haut aneignen wollte. Es lag ein alter Büffel und ein Pferd auf dem jungen Thiere, welche beide Carl nur mit großer Anstrengung zur Seite ziehen konnte, um zu jenem zu gelangen.
Nach langer Arbeit aber setzte er es doch durch, und nahm dem Thiere die Haut ab. Sie war groß genug, um sich darin vom Kopf bis zu den Füßen einzuhüllen, und war doch nicht so unhandlich und schwer, wie die eines ausgewachsenen Büffels. Carl spaltete nun mit dem Beil, welches er am Sattel trug, mehreren der umherliegenden Thiere die Köpfe, nahm das Gehirn aus denselben und strich die ganze Haut damit an, worauf er sie zusammenfaltete und sie mit Steinen und Stücken Holz beschwerte, um sie am folgenden Tage zuzubereiten. Sein Pferd verzehrte heute alles Gras, welches er ihm reichte, verstand sich aber erst gegen Abend dazu, Wasser aus dem Hut zu trinken.
Mit dem Neigen des Tages theilte sich das Gewölk, der blaue Himmel blickte hier und da hervor und die Sonne zeigte sich wieder. Sie warf im Scheiden ihre letzten Strahlen über die abgebrannte schwarze Fläche, und Carl sah verwundert nach ihr ihn, denn dort, wo sie versank, hatte er geglaubt, daß es Sonnenaufgang sein müsse. Er war demnach nach Westen geflohen, während er der festen Meinung gewesen, nach Osten dem Bärfluß zuzujagen. Es lagen nun drei bis vier Tagereisen zwischen ihm und seiner Heimath, und der Weg dorthin führte über eine öde Strecke, auf welcher kein Gras für sein Pferd mehr stand, und auf welcher es sehr ungewiß war, ob er für dasselbe und für sich Wasser antreffen werde, um den Durst zu stillen. Diesen Weg konnte er deßhalb nicht einschlagen, um das Fort zu erreichen; welche andere Richtung sollte er aber wählen? Er wußte, daß der rothe Fluß von Westen nach Osten strömte und daß er denselben in nördlicher Richtung treffen mußte; wie weit es aber zu dessen Ufern sei, das konnte er sich nicht beantworten. Das Feuer war von Südost gekommen und nach Nordwest gezogen, also nach dem rothen Flusse hin, darum hielt es Carl für das Rathsamste, seinen Weg nach Südwesten zu verfolgen, in der Hoffnung, dort am ersten auf Land zu stoßen, welches vom Feuer verschont geblieben war. Jedenfalls mußte er noch einige Tage hier verweilen, bis er das Pferd so weit gezähmt hatte, daß er es reiten konnte. Er legte ihm schon am folgenden Tage den Sattel einmal auf, legte ihm den Zaum an, und hing sich mit den Armen wiederholt auf seinen Rücken, welches das Thier zitternd und bebend duldete, theils, weil es noch sehr entkräftet war, theils aber auch, weil es die Schlinge noch immer an das Erdrosseln erinnerte. Außerdem aber schien es auch die Hülfe und die Wohlthaten seines Herrn anzuerkennen, und sich immer weniger vor ihm zu fürchten. Carl bereitete heute auch die Büffelhaut, wobei er sich mehrerer schweren Steine als Werkzeuge bediente, und wobei ihm der warme Sonnenschein sehr zu Hülfe kam.
Während Carl nun mit den Vorbereitungen zu seiner Weiterreise beschäftigt war, herrschte in dem Fort der größte Jammer über das schreckliche Schicksal, das ihn aller Vermuthung nach erreicht haben mußte. Daniel war an jenem Abend, als er Carl suchte und den Bären gefunden hatte, bei diesem während der Nacht liegen geblieben, und hatte am folgenden Morgen viele Meilen weit mit der größten Mühe die Fußtritte seines jungen Freundes und die des Falben verfolgt, bis dieselben seinen Blicken unbemerklich wurden und er nur noch auf gut Glück weiter ritt und nach einem Zeichen von Carl spähete. Plötzlich aber sah er die schwarzen Rauchwolken von Süden her aufsteigen und mehr und mehr nach Westen hinziehen. Der Gedanke, daß Carl in das Feuer gerathen sein könne, war ihm entsetzlich, und als er Nachmittags zufällig wieder die Spur des Falben erkannte, die nach Westen zeigte, da trieb ihn die Verzweiflung vorwärts. Er stieg vom Pferde ab, um die Fährte leichter verfolgen zu können, und gelangte dann auch wirklich auf ihr in die abgebrannte Prairie hinaus, wo er bald an den Huftritten des Falben erkannte, daß derselbe im Sturmlauf dahingeeilt war. Nicht lange aber konnte er ihnen folgen, weil die fliehenden Thierschaaren sie ausgetreten hatten.
Alle Hoffnung für die Rettung Carls war jetzt in der treuen Seele des Negers erstorben, denn nur zu gut wußte er es, daß derselbe dem, vom Sturm gejagten Feuer nicht hatte entfliehen können.
Mit blutendem Herzen schaute er lange Zeit über die endlose schwarze Fläche vor sich, und wandte sich dann unter Thränen zurück nach dem Eichenwald, wo er ohne Speise und ohne Trank die Nacht verbrachte. Als er aber am folgenden Tage ohne Carl nach dem Fort zurückkehrte, da brachen Turners sämmtlich in lautes Wehklagen aus, und Alle weinten und rangen die Hände über den Verlust des braven Knaben, der sich für ihr Wohl, für ihr Glück geopfert hatte. Der Bericht des Negers stellte es außer allen Zweifel, daß Carl in den Flammen des brennenden Grases seinen Tod gefunden habe, nachdem er aus dem Kampfe mit dem Bären siegreich hervorgegangen war. Auch in den Ansiedelungen an dem Choctawbache erregte die Kunde von Carls Schicksal großes Bedauern, namentlich bei Warwick; denn der alte Herr hatte in dem Knaben immer eine Hauptstütze der Niederlassung am Bärfluß erkannt.
Es war nun eine Woche verstrichen, seit Carl dem Flammentode entgangen war, und von Tag zu Tag hatte das gefangene wilde Pferd sich zutraulicher und williger gegen ihn gezeigt. Er hatte ihm jeden Morgen Sattel und Zaum aufgelegt, und das Thier erlaubte ihm nun schon, seinen Rücken zu besteigen, welches er recht häufig that und es dabei am Zügel hin- und herlenkte, ohne jedoch den Strick vom Baume zu lösen. Die in Verwesung übergehenden, umherliegenden todten Thiere mahnten ihn jetzt aber dringend, diesen Ort zu verlassen, und er beschloß eines Morgens nach dem Frühstück, einen Proberitt auf seinem Rappen zu machen. Er löste den Strick von dem Baume, stieg in den Sattel und lenkte das Pferd in weitem Kreise um den Sumpf über die kahle Fläche, und zu seiner großen Freude folgte das Thier geduldig dem Zügel, wenn es auch nur langsam mit seinem Reiter dahinschritt. Es war noch immer sehr matt, denn wenn Carl ihm auch hinreichend Gras zugetragen hatte, so konnte es sich doch nicht so davon erholen, als wenn es sich selbst die Nahrung gesucht hätte. Nachdem Carl wohl eine Stunde lang so umhergeritten war, lenkte er das Pferd nach dem Quell, damit es sich an dem frischen Trank erquicken möge, und dann ritt er an den Sumpfrand in das beste Gras, und ließ das Thier dort weiden.
Er verbrachte beinahe den ganzen Tag in dieser Weise mit der Pflege seines Rosses, welches sich denn auch zum ersten Male seit seiner Gefangennehmung wirklich nach Herzenslust sättigte und sich dann geduldig wieder an den Baum befestigen ließ.
Abschnitt 7.
Ritt durch die Wildniß. -- Wasser. -- Die Antilopen. -- Die Grenze des Prairiebrandes. -- Die Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Häuptling. -- Das Lager der Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rückkehr in das Fort. -- Indianerfreundschaft. -- Der Frühling. -- Die Bestürmung. -- Letztes Mittel. -- Die nahende Rache.
Am folgenden Morgen hatte Carl nun schon frühzeitig den Hengst gesattelt, hatte die Büffelhaut zusammengerollt und hinter den Sattel gebunden und das getrocknete Fleisch an demselben befestigt. Nachdem er selbst, so wie sein Pferd sich noch einmal an dem Quell gelabt hatten, bestieg er dasselbe und ritt in den Strahlen der aufsteigenden Sonne nach Südwesten davon. Die Hoffnung, die Seinigen bald wieder zu sehen, trieb ihn vorwärts, und der Gedanke, durch sein Erscheinen ihren Kummer, ihren Gram zu heilen, beseligte sein junges hochschlagendes Herz. Er trieb den Rappen zur Eile an, und ließ ihn häufig lange Strecken traben, nach Verlauf von einigen Stunden aber fand er schon aus, daß dessen Kräfte zu einem tüchtigen Ritt, wie er ihn auf dem Falben oft gemacht hatte, nicht ausreichten. Er mußte darum seiner Sehnsucht nach den Seinigen Zwang anthun und sich mit einem raschen Schritt des Thieres zufrieden stellen, wobei ihn die Ueberzeugung tröstete, daß nur die große Ermattung desselben ihn überhaupt in den Stand gesetzt habe, es seinem Willen so weit unterthänig zu machen. Die weite Fläche, über welche er seinen Weg richtete, gewährte einen schauerlichen trostlosen Anblick; wie in einem schwarzen Trauerkleide lag sie, wellenförmig auf- und niedersteigend um ihn ausgebreitet, nirgends war ein grüner Halm, ein grüner Baum zu sehen, hier und dort bezeichnete eine dünne aufsteigende Rauchsäule den trocknen Stamm einer abgestorbenen Mimose, welche Feuer gefangen hatte und nun so lange glühte und kohlte, bis selbst die Wurzeln in der Erde verbrannt waren, und in allen Richtungen sah man Schwärme von Geiern über todten Thieren schweben, die den Flammen des Prairiebrandes zum Opfer geworden waren. Links und rechts ritt Carl an gefallenen Büffeln, Bären, Hirschen und Antilopen vorüber, manch schönes Pferd sah er verendet liegen, und der todten Wölfe waren es unzählige, deren versengte Körper wie schwarze Steine über dem verbrannten Boden emporragten.
Vergebens spähete Carl unaufhörlich und sehnsüchtig in die Ferne, ob er nicht den freundlichen grünen Schein lebender Vegetation erkennen könne; das finstere Bild blieb unverändert. Die Sonne überschritt ihren Höhepunkt und neigte sich dem westlichen Horizont zu, und noch hatte Carl seinem Pferde nicht einen Augenblick Rast gegeben, immer noch hielt er an dem Glauben fest, er müsse einen grünen Punkt in der schwarzen Ferne entdecken.
Der Rappe war sehr erschöpft, und sein Reiter mußte ihn mit den Sporen antreiben, sollte er nicht stille stehen. Endlich aber half auch dieses Mittel nicht mehr, und Carl stieg ab, um dem Thiere die Last zu erleichtern. Er ging nun zu Fuße und zog sein Pferd an dem Zügel hinter sich her, denn die Hoffnung konnte er nicht aufgeben, Wasser zu finden.
Die Sonne hatte den flachen dunklen Rand der Prairie erreicht und versank hinter demselben wie ein glühender Feuerball, während der Himmel über ihr sich blutroth färbte, und sein feuriger Wiederschein über die schwarze Steppe zitterte. Jetzt weigerte sich der Rappe, noch einen Schritt weiter zu gehen, und Carl sah es ein, daß es nicht böser Wille des Thieres, sondern vollständige Entkräftung war, die dasselbe an die Stelle fesselte. Er zog es mit Gewalt bis zu einem Mosquitobaume, befestigte es an dessen Stamm und nahm ihm seine Bürde ab. Wie gern hätte er ihm Gras weit hergeholt und ihm Wasser in seinem Hut zugetragen, aber wo sollte er es hernehmen? Ihn selbst peinigte der Durst, und doch würde er ihn gern ertragen haben, hätte er dem erschöpften Thiere nur helfen können. Dasselbe legte sich bald nieder, und Carl streckte sich, ohne ein Abendbrod genossen zu haben, neben ihm auf seiner Jaguarhaut aus, und deckte sich mit dem Büffelfell zu; denn das getrocknete Hirschfleisch hätte er nicht verzehren können, ohne erst seinen Mund mit einem Trunk Wasser zu erfrischen. Die Nacht breitete sich schnell über die Einöde aus, weder nah noch fern verrieth ein Laut die Gegenwart eines lebenden Wesens, und selbst die Lüfte schienen zur Ruhe gegangen zu sein, denn nicht der leiseste Hauch bewegte die reichen Locken Carls, der mit dem Kopf auf den Sattel zurückgesunken war und den Sternen sein Leid klagte, die so heiter blitzten und so freundlich auf ihn niederfunkelten.
Ein bleicher Lichtstreifen am östlichen Himmel zeigte sich über dem Rande der Steppe und verkündete den nahenden Tag, als Carl aus süßen wonnigen Träumen, wie sie nur die frische Jugend spendet, erwachte, und sich verwundert umschaute; denn er konnte im ersten Augenblick sich nicht besinnen, wo er eigentlich war. Die schwarze schwere Masse seines Rappen, den er neben sich durch die Dunkelheit erkannte, rief ihm seine Lage schnell ins Gedächtniß zurück, und er schaute nun besorgt und mitleidig auf das entkräftete Thier und rührte sich auf seinem Lager nicht, um seinen armen Leidensgefährten nicht in seiner Ruhe zu stören. Er lenkte aber seinen Blick zu den hellen Sternen über sich, faltete seine Hände und bat den Allmächtigen, ihm seinen fernern gnadenreichen Beistand zu verleihen.
Carls Vertrauen auf Gottes Schutz und Hülfe war von seiner frühesten Kindheit an unbedingt und unerschütterlich gewesen, und der augenscheinliche wunderbare Beistand des Höchsten in den vielen großen Gefahren, in welchen der Knabe sich trotz seiner Jugend schon befunden hatte, war an ihm nicht unbeachtet vorübergegangen, er hatte das Vertrauen nur tiefer in seinem dankbaren Herzen befestigt. Auch jetzt schaute er mit Zuversicht und unverzagt in die nächste Zukunft, und sagte sich, daß die Hand, die ihn schützend hierhergeleitet hatte, ihn auch ferner nicht verlassen würde.