Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 20

Chapter 203,904 wordsPublic domain

Er war während des ganzen Nachmittags den Huftritten seines Rosses unermüdlich gefolgt, bald rechts, bald links, bald vorwärts, bald rückwärts, so daß er zuletzt gar nicht mehr wußte, in welcher Richtung er gehe, denn die Sonne hatte sich versteckt, und seinen Compaß hatte er unglücklicherweise zu Hause gelassen. Es war ihm aber im Augenblick auch ganz einerlei, wohinaus er ginge, denn er stand ja immer noch auf der Fährte seines Falben, und das war der beste Wegweiser, den er jetzt sich wünschen konnte. Lange Zeit hatte die Fährte deutlich gezeigt, daß das Pferd flüchtig gewesen war, dann aber hatte es sich in Trab gesetzt, und nun erschienen die Fußtritte im Schritt. Es war um dieselbe Zeit, als Daniel den Bären fand, daß Carl nur noch mühsam die Fährte seines Rosses erkennen konnte, und mit traurigem, verzweifelnden Herzen blickte er zu dem grauen Himmel auf, weil er befürchtete, daß ein schwerer Regen jedes Kennzeichen von dem Wege verwischen würde, welchen der Falbe eingeschlagen hatte. An sich selbst dachte er noch gar nicht, er fühlte keine Müdigkeit, keinen Hunger, keinen Durst; das heiße Verlangen, sein braves Pferd wiederzufinden, erdrückte jedes andere Gefühl in ihm. Jetzt wurde er irre in der Fährte, es war zu dunkel, um sie noch zu erkennen; er beschloß daher, hier unter einer alten Eiche zu schlafen und am folgenden Morgen sein Suchen wieder zu beginnen.

Er stellte seine Büchse an den Baum und war im Begriff, seine Jagdtasche abzulegen, als er in der Ferne unter den Eichen eine Bewegung bemerkt zu haben glaubte. Er fuhr zusammen, denn die Hoffnung, die ihn bis hierher begleitet hatte, erwachte in dem Augenblick wieder mit aller Stärke. Er verwandte keinen Blick von jenem Fleck zwischen den schwarzen Stämmen, und da bewegte es sich abermals. Schnell hatte er die Büchse ergriffen und sprang von Baum zu Baum, jedoch vorsichtig dem sich bewegenden Gegenstand zu, der vor seinem Blick immer heller erschien, bis er plötzlich die gefleckte Jaguarhaut auf der unbestimmten Form seines Falben erkannte.

»Falber, Falber!« schrie er dem Pferde zu, um sich ihm zeitig zu erkennen zu geben, damit das geängstigte Thier nicht etwa die Flucht vor ihm ergreifen möge, und ging nun mit liebkosenden, zutraulichen Worten näher und näher zu ihm hinan.

Das Pferd hatte ihn bald erkannt, wieherte ihm freudig entgegen, und als Carl mit den Worten zu ihm trat: »Ja, Falber, ehrlicher Falber, freuest Du Dich denn, daß ich wieder bei Dir bin?« da wieherte das Thier abermals und legte seinen Kopf auf die Schulter seines jungen Herrn.

Carl war im Begriff, dem Pferde Sattel und Zeug abzunehmen, da erkannte er weiterhin unter den Eichen einen Gebüschstreifen, und er zog es vor, dort sein Nachtlager aufzuschlagen, weil er in dem Dickicht weniger leicht gesehen werden konnte, und die Dunkelheit ihn noch nicht genug verbarg. Er führte sein Pferd nach dem Gebüsch hin und fand in demselben zu seiner größten Freude ein frisches Quellwasser, welches wahrscheinlich den Falben herbeigelockt hatte; denn derselbe war schon dabei gewesen, wie dessen Huftritte in dem weichen Boden zeigten.

Für Carl war diese Entdeckung eine große Wohlthat, denn jetzt, da sein Verlangen nach dem Pferde gestillt war, fühlte er seine Erschöpfung und einen brennenden Durst.

Er warf sich an den Quell nieder, und als er sich nach Herzenslust daran gelabt hatte, nahm er dem Falben Sattel und Zaum ab und band ihn mit dem Seil, welches derselbe zu diesem Zwecke um den Hals trug, an ein junges Bäumchen, damit er noch in dem üppig grünen wilden Roggen weiden könne, der zwischen den Büschen den Boden bedeckte.

Dann legte Carl sein Jagdgeräth ab, breitete seine Jaguarhaut unter einer alten Eiche aus, und ließ sich darauf nieder, um nun der Ruhe zu pflegen, die ihm so sehr nöthig war. Madame Turner hatte ihm am frühen Morgen, wie sie immer zu thun pflegte, wenn Carl auf die Jagd gehen wollte, ein Stück Brod und etwas Fleisch in die Jagdtasche gesteckt, dies holte er jetzt hervor und stillte seinen Hunger damit, der sich auch nun fühlbar gemacht hatte.

Carl meinte, so gut habe ihm noch niemals eine Mahlzeit geschmeckt, er fühlte sich dabei so froh und so beglückt im Herzen, denn er dachte an seine geretteten Brüder und an den Jubel, den ihre Rückkehr nach der überstandenen Gefahr im Fort erzeugt haben mußte. Freilich wußte er, daß Turners sehr besorgt um ihn sein würden, er hatte ihnen ja aber sagen lassen, daß er vielleicht spät nach Hause kommen könne und mit dem ersten Tageslicht wollte er ja auch seinen Rückweg nach dem Fort antreten.

Wo hinaus aber lag das Fort? -- darüber war Carl mit sich nicht eins, er tröstete sich aber damit, daß Morgen die Sonne scheinen würde und er nur ihrem Aufgange entgegenzureiten brauche, um an den Bärfluß zu gelangen; denn derselbe floß ja von Süden nach Norden in den rothen Fluß.

Dieserhalb beruhigt, und mit dem beseligenden Bewußtsein, eine gute That vollbracht zu haben, sank er bald auf seinen Sattel zurück und verfiel in einen süßen, stärkenden Schlaf.

Der Wind nahm von Stunde zu Stunde an Heftigkeit zu, er pfiff und heulte durch die alten Eichen, schüttelte ihre gewaltigen Aeste und warf ihr trockenes Holz von ihnen auf die Erde nieder; Carl hörte nicht, was um ihn her vorging und fühlte nicht, wie der Wind in seinen reichen Locken wühlte, er schlief den Schlaf der Guten und träumte von seinen Brüdern. Kaum aber graute der Tag, als er erwachte und sich verwundert umblickte, denn im ersten Augenblick wußte er nicht, wo er war.

Der Falbe wieherte laut auf, als er die Bewegung seines Herrn sah, und Carl ermunterte sich schnell und sprang zu dem Pferde, um dasselbe auf einen andern Weideplatz zu führen. Zugleich hörte er etwas weiter an dem Wasser hinunter den kollernden Ruf von wilden Truthühnern, womit sie den Morgen begrüßten. Carl hatte nichts mehr zum Essen bei sich, deshalb ergriff er seine Büchse und sprang schnell in das Buschwerk dem Rufe der Truthühner nach. Er gelangte an die letzten Büsche, als er wohl fünfzig dieser kolossalen Vögel aus demselben hervor und unter den Eichen hinrennen sah.

Ihr Lauf war so flüchtig, wie der eines Pferdes, doch Carl hatte schnell einen der größten Hähne unter ihnen gewählt und sandte ihm seine Kugel nach. Sie traf, der Vogel stürzte, mit den Flügeln um sich schlagend, zusammen, und Carl trug ihn eilig nach seinem Lagerplatz. Dort zündete er sogleich ein Feuer an, schnitt die besten fettesten Stücke Fleisch von der Brust des Vogels, spießte sie an einen Stock und pflanzte sie vor der Feuergluth zum Braten auf. Das Frühstück war bald bereitet und schmeckte Carl vortrefflich, als er es aber beendet, eilte er, sich zum Nachhauseritt fertig zu machen, denn er wußte, wie sehr man nach seiner Rückkehr verlangen würde.

Der Falbe hatte sich in dem fetten wilden Roggen tüchtig etwas zu Gute gethan, er wurde rasch gesattelt und Carl schwang sich auf ihn hinauf, mit dem freudigen Gedanken daran, welcher Jubel ihn im Fort empfangen würde. Die Sonne war nicht erschienen, der hohe Himmel war mit einem hellen einfarbigen Grau überzogen und der Wind blies mit einer solchen Gewalt durch die Bäume, daß ihre Aeste wild umherschlugen und knarrten und krachten. Carl beschloß nun, auf der Fährte des Falben seinen Rückweg nach dem Bären zu suchen, denn von dort aus konnte es ihm dann nicht mehr schwer werden, sich nach Hause zu finden. Das niedergetretene Gras hatte sich aber während der Nacht in den Huftritten wieder aufgerichtet, der Wind hatte die Halme über denselben vereinigt, und es war unmöglich, sie noch zu erkennen. Carl blickte verlegen um sich, denn er wußte wirklich nicht, wohinaus er reiten sollte. Die Richtung, von woher er am Abend zuvor den Falben zuerst erblickt hatte, glaubte er jedoch zu erkennen und hiernach wählte er seinen Weg; denn geritten mußte werden. Er setzte sein Pferd in Trab und ließ seine Blicke über den Boden schweifen, in der Hoffnung, doch wohl einmal des Falben Spur vom vergangenen Tage zu finden; doch es gelang ihm nicht, so aufmerksam er auch war. Wie hätte dies auch geschehen können, er ritt ja ganz in der entgegengesetzten Richtung von der, welcher er zu folgen glaubte; er ritt nach Westen, und das Fort lag hinter ihm in Osten. Als er nun glaubte, in die Nähe des Bären zu kommen, strengte er seine ganze Sehkraft an, um ihn zu entdecken, aber vergebens; er ritt und ritt stundenlang in gleicher Richtung vorwärts, vom Bären sah er nichts, und plötzlich befand er sich an dem Rande des Eichenwaldes, wo derselbe sich an die Prairie anlehnte. Mit aller Zuversicht, daß er sich auf dem rechten Wege nach dem Bärflusse befinde, ritt er in das hohe trockene Gras hinaus, dessen lange Halme der Sturm in einander verwirrt hatte. Das Gehen wurde dem Pferde mitunter in den Vertiefungen der Prairie beschwerlich, weil dort das Gras ihm bis an den Sattel reichte, auf den Höhen aber munterte Carl es zur Eile auf, und willig folgte das Thier dem Wunsche seines Reiters. Jetzt stieg eine Waldinsel vor Carls Blick empor, und er bewillkommnete sie als das Wäldchen, welches seinen Brüdern Rettung gebracht hatte; nun war er sicher, daß er ohne Schwierigkeit seinen Weg nach dem Fort finden würde. Er kam näher und näher und immer mehr überzeugte er sich, daß es dasselbe kleine Gehölz sei, in dessen Nähe er sich gestern von seinen Brüdern getrennt hatte. Auch selbst, als er dasselbe erreichte, glaubte er noch, die einzelnen Bäume zu erkennen, und daß er von der Spur des Bären nichts mehr sah, war ja bei diesem Sturm nicht zu verwundern. Er ritt getrost weiter, mußte aber seinen Hut tief auf den Kopf drücken, damit ihm derselbe nicht davon flog. Der Wind steigerte sich mehr und mehr, bis er um die Mittagszeit als entfesselter Orkan von Süden her über die unabsehbare Grasfläche brauste. Vergebens suchte Carls Blick in der Ferne den Wald des Bärflusses zu entdecken, der seiner Berechnung nach schon sichtbar sein mußte, und ein unheimliches Gefühl der Ungewißheit über die eingeschlagene Richtung drängte sich ihm unwillkürlich auf. Es fiel ihm jetzt auch auf, daß er ungewöhnlich viele Thiere auf der Prairie in Bewegung sah, und zwar mit einer Unruhe, die er früher nie so allgemein an ihnen bemerkt hatte. Namentlich kamen deren immer mehr von Süden mit dem Sturme herangezogen und schienen sich weniger um Carl zu kümmern, als sonst. Er hatte eine Zeitlang verwundert dem Winde entgegen geblickt, als er plötzlich einen dunklen Streif über dem fernen Horizont gewahrte. Er hielt denselben im ersten Augenblick für aufsteigendes Gewölk, dann aber kam er ihm nicht mehr wie gewöhnliche Wolken vor, es war ein glatter langer Strich, der sich schnell über den äußersten Rand der Prairie erhob und immer schwärzer von Farbe wurde. »Das ist kein Gewölk; was aber kann es sein, das mit dem Sturm dort heranzieht?« dachte Carl, und sah in weitester Ferne noch immer mehr Thiere heranjagen. Da fuhr es ihm wie ein Blitzstrahl durch die Gedanken: »Wenn es ein Prairiebrand wäre!« Kaum hatte er es gedacht, so stand auch die Gewißheit in ihm darüber fest, denn das Bild, welches Daniel ihm so oft von diesem Schreckensereigniß gegeben hatte, stimmte vollkommen mit dem überein, welches er jetzt vor Augen hatte.

Der schwarze Strich waren Rauchwolken, die schon beinahe um den dritten Theil des Horizonts sichtbar wurden, und sich weiter und weiter hinter Carl ausdehnten.

Zugleich änderte der Sturm seine Richtung und kam mehr von Osten hergezogen. Noch lebte die Hoffnung in Carl, daß seine Richtung ihn nach dem Bärflusse führe, wenn auch viel weiter nach dessen Mündung in den rothen Fluß, als das Fort lag. Hier war keinenfalls seines Bleibens, und nur die Flucht konnte ihn und sein Roß von einem grausigen Untergange in den Flammen des brennenden Grases retten. Auch der Falbe schien jetzt die drohende Gefahr, die mit jenen Rauchwolken aufstieg, zu ahnen, denn er sah schnaubend nach ihnen hin und drängte sich in das Gebiß, um davoneilen zu dürfen. Kaum aber hatte Carl ihm die Zügel gegeben, so flog das Thier mit ihm davon, als wolle es den Sturmwind hinter sich zurücklassen.

Links und rechts jagte es an fliehenden Hirschen, an einzelnen Büffeln, an wilden Pferden vorüber, und soweit Carls Auge reichte, belebte sich die Grasfläche in jedem Augenblicke mehr mit Thieren der Wildniß, die alle vor dem Orkane dahin jagten. Carl suchte sein Pferd zu beruhigen, um ihm auf die Dauer die Kraft zu erhalten, er sprach zu ihm und klopfte mit der Hand seinen festen Hals; die Aufregung des Thieres schien sich aber immer mehr zu steigern und seine Sprünge immer weiter, immer flüchtiger zu werden. Carl blickte zurück nach dem rasch aufsteigenden schwarzen Gewölk, und sah, wie unter demselben die weiteste Ferne der flachen Prairie sich mehr und mehr mit bewegten dunkeln Massen bedeckte. Diese Massen waren die fliehenden vierfüßigen Bewohner dieser Wildniß, die das Feuer von weit her vor sich hingetrieben hatte, und die jetzt in gedrängten Reihen in wilder Flucht ihre Rettung suchten. _Einen_ Trost fühlte Carl in dem Hinblick auf seinen Falben, den, daß derselbe den Lauf ebenso lange aushalten würde, als eines jener Tausende von Thieren, die ihm folgten; denn ließen seine Kräfte früher nach, so wäre der Tod unter den Füßen jener Massen unvermeidlich gewesen. Dahin jagte Carl Scharnhorst mit dem Sturme um die Wette, Hügel auf, Hügel ab; vergebens aber spähete er nach dem Walde des Bärflusses, sein Blick schweifte rundum nur über eine endlose Grasfläche. Immer eiliger, immer drohender zogen die Rauchwolken am Himmel empor und rollten sich in schwarzen schweren Massen über einander an demselben hin; schon jagten sie sich, wie in wildem Kampfe über Carls Haupt, mit ihrem Weiterzuge nahm das Tageslicht mehr und mehr ab, und ein Düster, wie das hereinbrechender Nacht, legte sich auf die im Sturme wogende weite Grasfläche. Plötzlich zog ein röthlicher Schein über das schwarze rollende Gewölk, und als Carl sich umwandte, sah er im Halbzirkel hinter sich die Flammen des brennenden Grases über dem äußersten Rande der Prairie emporlodern. Sie schlugen hoch und wild zum Himmel auf und beleuchteten mit ihrem glühendrothen Scheine das wogende Thiergewirre, das sie im Todeslaufe vor sich hertrieben. Die ganze Fläche hinter Carl schien zu leben, und wie ferner Donner drang es von dort her zu seinem Ohr. Die Rauchwolken hatten den ganzen Himmel überzogen, sie schienen rundum auf dem Rande der Prairie zu liegen, und die durch sie erzeugte schwarze Nacht wurde nur durch das glühende Feuerlicht der immer höher in der Ferne hinter Carl aufsteigenden Flammen verscheucht. Fort ging es mit des Sturmes Rasen über viele, viele Meilen weite Strecken, immer noch gleich flüchtig trug der brave Falbe seinen Reiter weit vor den heranstürmenden Thiermassen hin, und nur einzelne der schnellsten Bewohner dieser Steppen, Hirsche, Antilopen und wilde Pferde begleiteten ihn zu beiden Seiten auf der verzweifelten Flucht. Alles rannte in blinder Verwirrung durcheinander hin, Alles in seiner Schnelligkeit Rettung suchend, Alles vor dem furchtbaren Elemente fliehend, dessen Flammen, vom Orkan getragen, über das Grasmeer wirbelten und in ihrer Gluth verzehrten, was ihrem Bereich verfiel.

Nicht weit von Carl jagte ein Trupp wilder Pferde; an ihrer Spitze befanden sich viele Füllen, welche, wie es schien, durch die Alten zur Eile angetrieben wurden, denn diese rannten hinter ihnen hin und her, und ließen sie nicht zurückbleiben. Zwei der Füllen aber stürzten plötzlich zusammen, und während die Heerde an ihnen vorübersauste, blieben ihre Mütter bei ihnen zurück, stießen sie mit dem Kopf, scharrten an ihnen mit den Vorderfüßen und suchten sie auf alle Weise zum Aufstehen zu bewegen; es war aber umsonst, die Kleinen konnten sich nicht wieder erheben. Nochmals versuchten es die Stuten, sie aufzutreiben, dann aber sahen sie mit entsetztem Blick nach den Flammen zurück, und jagten der Heerde nach. Bald darauf brach ein mächtiger Hirsch vor Carl zusammen, er sprang wieder auf und suchte sich auf den Füßen zu erhalten, sank aber immer wieder nieder, und als Carl an ihm vorüberjagte, hob das erschöpfte Thier den Kopf empor und schaute ihn an, als ob es seine Hülfe erflehen wolle.

Hier stürzte ein Pferd, dort eine Antilope, da ein Hirsch, ein Büffel; ihre Kameraden aber flohen davon und überließen sie ihrem Schicksale.

Noch hatte des Falben Schnelligkeit nicht nachgelassen, Angst und Entsetzen trieben ihn vorwärts, und die Verzweiflung gab seinen Gliedern immer noch neue Kräfte. Dennoch fühlte Carl, daß die Bewegungen des edlen Thieres härter und weniger leicht wurden, und mit Schrecken hörte er durch das Heulen und Brausen des Orkans die mühsamen schweren Athemzüge des treuen Rosses. Bald aber wurden auch dessen Sprünge kürzer, seine Glieder hoben sich nicht mehr hoch über das trockne harte Gras, sie theilten mühsam dessen verworrene Halme, und Erschöpfung zeigte sich in seiner verminderten Schnelligkeit. Augenscheinlich kamen die Flammen und die heranstürmenden Heere der wilden Thiere jetzt Carl näher, und mit Entsetzen schaute er bald rückwärts in die, zwar noch ferne auflodernde Gluth, bald in die düstere Weite vor sich. -- Wo -- wie -- sollte er Rettung finden, Rettung für sich und für sein ihm so theures Pferd!

In der Ferne, nur in der weiten Ferne konnte er sie suchen; ein Wald -- ein Wasser -- klang es mit verzweifelndem Verlangen durch Carls Seele, und mit schmerzlichem Zucken stach er beide Sporen in die von Schweiß triefenden Flanken des ermüdeten lieben Rosses. Hoch schnellte das Thier sich wieder über das Gras hinaus und ließ in fliegender Carriere abermals eine Meile hinter sich zurück; um so schneller aber sanken seine Kräfte, und um so mühsamer wurden seine Anstrengungen, sein Athmen. Der kürzeste Aufenthalt aber war sicherer, unvermeidlicher Tod; vorwärts, war die Losung, und abermals trieb Carl den Falben zu wilder Flucht an, und nochmals folgte das treue Thier der Aufforderung seines Reiters. Es sauste hinab in ein schmales Thal und hatte die nächste Höhe mit letzter Anstrengung erreicht, da stürzte es mit seinem Reiter zusammen und wandte seinen Kopf mit einem Blick nach ihm hin, als wolle es Abschied von ihm nehmen. Mit Entsetzen sprang Carl empor, und schlang seine Arme um den Hals des geliebten Thieres; wie konnte er ihm helfen -- wie konnte er sich selbst retten?

Er sah zurück in die zum Himmel auflodernden, im Fluge heranziehenden Flammen, sah die schwarzen Thiergestalten im Sturmlauf näher kommen, und hörte den Donner, womit sie den Boden unter sich erdröhnen ließen. Hier durfte er nicht weilen; noch einen kurzen Abschied dem Falben, und mit der Büchse in der Hand rannte Carl über die Höhe davon. Er hatte aber kaum vierzig Schritte zurückgelegt, als er hinter einem niedrigen Gebüschstreifen in einer Vertiefung ein sumpfiges Wasser gewahrte, welches in kurzer Entfernung bei einem alten kolossalen Mosquitobaum seinen Anfang zu haben schien. Carl lief zu dem Baume hin, der hoch auf dem Ufer stand und sich über das Wasser neigte, welches tief unter seinen Wurzeln als klarer Quell hervorkam und nach dem Sumpfstreifen hinfloß. Der gütige Gott hatte ihn zu seiner Rettung hierhergeführt, das fühlte Carl mit dankerfülltem Herzen, und mit gläubiger Zuversicht auf seinen fernem Beistand warf er noch einen Blick in die Vertiefung unter den Wurzeln des Baumes, und rannte dann mit fliegenden Sprüngen zu seinem Pferde zurück. In wenigen Augenblicken hatte er die Gurte des Sattels gelöst, denselben von dem Pferde herabgezogen, den Strick, den dasselbe um den Hals trug, so wie den Zaum von ihm genommen, und trug Alles in Eile in die Aushöhlung, welche sich unter dem Baume in dem Ufer befand. Jetzt erinnerte er sich, daß Daniel ihm gesagt hatte, man müsse bei einem Prairiebrand selbst das Gras, wo es niedrig stehe, anzünden, um einen Platz zu gewinnen, wo dann das heranziehende Flammenmeer keine Nahrung mehr finden würde; da dachte er aber an seinen Falben, sollte er selbst dem treuen Thiere den Tod bereiten? Unmöglich, das konnte er nicht, und wenn er selbst ein Opfer des Feuers werden sollte. Er riß schnell seinen Hut vom Kopfe, füllte ihn an dem Quell, rannte damit zu dem erschöpften Pferde, und goß demselben das Wasser über den Kopf. Das erschreckte Thier raffte sich auf, stürzte wankend vorwärts und erreichte den Sumpf, in welchem es abermals zusammenbrach.

»Gottlob!« rief Carl aus, als er das Wasser aus dem hohen schilfartigen frischen Grase über dem Thiere aufspritzen sah; denn möglicherweise blieb dasselbe dort von der schnell über ihm hinziehenden Gluth verschont. Da hörte er aber wieder den Donner der heranstürmenden Thiere, und sah schon im Geiste, wie dieselben seinen armen Liebling unter ihren Füßen zermalmen würden. Es stand aber nicht in seiner Macht, mehr für das Roß zu thun, und die unter ihm dröhnende Erde mahnte ihn, auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein. Er sprang nach dem Baume zurück und in die Vertiefung unter demselben in das Wasser hinein. Er legte sich darin nieder, so daß seine Kleidung ganz durchnäßt wurde, sein Gepäck und seine Waffen schob er unter den Wurzeln des Baumes tief in das Ufer hinein, indem er schnell mit dem Messer und mit den Händen die Höhle noch vergrößerte. Dann tauchte er die Jaguarhaut in den Quell, um sich damit zu überdecken, sobald das Feuer sich nahe; denn Daniel hatte ihm erzählt, daß sich die Indianer bei einem Prairiebrande wohl in eine frische Büffelhaut einwickelten, um sich gegen das Feuer zu schützen.

Das Ufer war ziemlich hoch, das Gras an dessen Abhang und um das Wasser konnte nicht brennen, da es noch grün war, und die Büsche, die auf dem Ufer standen, gewährten gleichfalls noch Schutz. Auch vor den fliehenden Thierschaaren war er sicher, und seine ganze Besorgniß, seine Angst war nur noch dem lieben Falben zugewandt. Derselbe hatte sich aber wieder etwas erhoben und streckte seinen Kopf empor, als wolle er über das Ufer hin nach dem dumpfen Getöse spähen, welches schnell näher kam und von Minute zu Minute lauter und dröhnender mit dem Brausen des Orkans die Luft erfüllte.

Jetzt verfinsterte sich die Luft, ein dichter schwarzer Aschenregen wehte über die sumpfige Vertiefung und raubte Carl jeden Blick in die Ferne, nur den Falben konnte er noch erkennen, weil der Sturm die Asche hoch über denselben hinauswehte. Zugleich meldete das Erzittern der Erde das Nahen der wilden fliehenden Thierschaaren an, und der Donner ihrer Tritte, die Schreckenstöne ihres Gebrülls, ihres Geheuls mischten sich mit den furchtbaren betäubenden Accorden des Sturmes.

Carl erfaßte die im Wasser vor ihm liegende Jaguarhaut, hielt aber zusammengepreßten Herzens seinen Blick immer noch auf seinen Falben geheftet; da sprang derselbe, wie von neuem Entsetzen ergriffen, aus dem Schilf heraus, erreichte mit verzweifelten Sätzen das trockene Ufer, und stob in die Finsterniß hinaus, womit die fallende Asche die Ferne bedeckte. Plötzlich wurde es hell, die ganze Luft erglühte, statt der schwarzen Asche wehte dieselbe brennend als Feuerregen über die Prairie, und Himmel und Erde schienen in Flammen zu stehen. Der Baum, unter welchem Carl verborgen lag, erbebte bis in seine Wurzeln, das Ufer schien über ihm einbrechen zu wollen, das Getöse betäubte sein Gehör, und links und rechts stürzten sich Büffel, Bären, Rosse, Hirsche, Antilopen, Wölfe, Jaguare und Panther übereinander hin von der Höhe hinab in den Sumpf hinein. Im Augenblick war derselbe, so weit Carls Blick reichte, mit wilden Thieren ausgefüllt, auf welche andere vom Ufer hinabsprangen und sich ihren Weg über deren Körper zu bahnen suchten. Der Kampf derselben war ein furchtbarer, verzweifelter, aber ein kurzer; denn Kopf an Kopf und Rippe an Rippe drängten sich Tausende von nachfolgenden Thieren über die Streitenden hin, und die Bahn für den Sturmlauf der großen Massen, die jetzt erst vor den Flammen herangebraust kamen, war geebnet: Alles, was säumte, was stürzte, ward unter den Füßen zermalmt.