Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 19
Die beiden jüngeren Knaben waren schon ganz gute Reiter, da sie sich fast täglich übten, indem sie die Pferde zum Wasser brachten, und sehr häufig Abends, wenn die Kühe nicht bei guter Zeit zu Hause kamen, in die Prairie hinausritten und das Vieh heimtrieben; dabei gab es denn manch lustiges wildes Rennen. Turner hatte sich durch Warwick zwei mexikanische Sättel für seine Knaben verschafft, in welchen man ungleich sicherer und fester sitzt, weil sie einen hohen Sattelknopf und sehr hohe Rücklehnen haben. Zugleich waren die Knaben schon recht gute Schützen, wenn auch nicht so gewandte Jäger, wie Carl; denn Turner war zu ängstlich, um sie allein weit hinausreiten zu lassen. Am folgenden Morgen sollten sie nun ihre erste Jagd zu Pferde machen, und Carl sollte sie führen und über sie wachen, damit ihnen kein Unglück zustoße; denn Daniel war mit dem Felde sehr beschäftigt, und einen Hirsch konnten die drei Knaben ja leicht allein in der Nähe des Forts erlegen.
Arnold und Wilhelm konnten kaum den Tag erwarten, und als dessen erstes Licht erschien, waren sie schon mit den Vorbereitungen der Jagd beschäftigt. Sie richteten Alles so ein, wie Carl es that, nur fehlten ihnen die Revolver, welche jener heute umschnallte, und die schöne Jaguarhaut, die derselbe auf dem Sattel liegen hatte.
Die beiden Schimmel wurden nach dem Frühstück für sie aufgezäumt, Turner untersuchte selbst noch das Riemenzeug, und als er seinen beiden Söhnen in die Sättel half, ermahnte er sie nochmals zur größten Vorsicht und sagte zu Carl: »Du wirst gut auf sie Acht geben, Carl; Eines mußt Du mir aber noch versprechen: daß ihr keine Büffeljagd machen wollt, hörst Du, mein Junge!«
»Nein, gewiß nicht, Onkel; wir schießen nur einen Hirsch, und dann kommen wir gleich zurück,« entgegnete Carl mit seiner treuherzigen Stimme.
»Nun, so reitet mit Gott,« sagte Turner, während seine Gattin zu Carl an das Pferd getreten war, und, ihm die Hand drückend, sagte: »Carl, sei vorsichtig mit meinen Kindern, und kommt bald zurück.«
»Das trockene Gras ist so hoch, junger Herr, daß Sie sehr nahe an das Wild hinanreiten können,« rief der Neger noch Carl zu. »Halten Sie dann die Pferde an, binden Sie den Schimmeln die Füße zusammen, und schleichen Sie sich mit Ihren Brüdern zu Fuße an die Hirsche. Sie können Arnold und Wilhelm heute den ersten Schuß zukommen lassen, und nur noch nachhelfen, wenn es nöthig sein sollte.«
Carl winkte dem Neger scheidend die Versicherung zu, daß er thun werde, wie derselbe ihm angedeutet hatte, und lustig trabten die drei Knaben den Hügel hinab bis in das hohe Gras, wo die Pferde von selbst in Schritt fielen. Das Gras reichte den Thieren bis an den Bauch hinauf und war abgestorben, während die jungen Halme schon Fußlang zwischen ihm emporstanden und auf dem Grunde eine frischgrüne Decke bildeten. Carl nahm die Richtung nach der Spitze des Waldes am Pflaumenbache, wo dieselbe in der Prairie endigte, weil er dort immer das meiste Wild gesehen hatte. Auf dem Wege dahin sprangen wiederholt Hirsche aus dem hohen Grase und flohen vor den nahenden Reitern, doch vergebens strengte Carl seine Blicke an, weidendes Wildpret von fern zu erkennen, um sich ihm vorsichtig nahen zu können.
Sie hatten die letzte Waldspitze erreicht, die nur aus einzelnen hohen Bäumen bestand, und Carl hielt sein Pferd an, um unter demselben hinzuspähen, ob dort nicht ein Hirsch zu erkennen sei. Nachdem er vergebens eine zeitlang auch mit dem kleinen Fernglas den Wald durchschaut hatte, sagte er zu seinen Kameraden: »Sonderbar, daß gerade heute hier kein Hirsch steht, ich bin doch fast nie hier gewesen, ohne mehrere zu sehen. Man kann hier so leicht von Baum zu Baum an sie schleichen. Es hilft uns Nichts, wir müssen in die Prairie hinausreiten, dort nach jenen Waldinseln zu, die Ihr wie blaue Wolken über dem Grase hervorblicken seht. Laßt uns weiter reiten, wir treffen sicher bald Wildpret an.«
Hiermit lenkte Carl sein Pferd von der Waldspitze ab nach Westen in die offene Grasflur, und Arnold und Wilhelm ritten zu seinen beiden Seiten. Wohl eine Viertelstunde lang hatten sie während des Reitens eifrig sich nach Wildpret umgesehen, als Carl in weiter Ferne vor sich ein Rudel starker Hirsche erkannte, die sich vertraut äßten und mit einander scherzten.
»Dort steht ein Rudel, seht dort, wo die zwei Mosquitobäume aus dem Grase hervorragen; gleich links daneben.«
»Ja, ja, ich sehe sie!« sagten seine beiden Gefährten zugleich.
»Es ist noch sehr weit, wir können noch viel näher zu ihnen hinreiten. Es sind starke Hirsche, ich kann schon von hier die Geweihe erkennen, denn der Bast sitzt noch daran, was sie so dick macht. Beugt Euch aber etwas auf den Hals der Schimmel, damit Eure schwarzen Hüte uns nicht verrathen,« sagte Carl und neigte sich selbst nach vorn. Sie ritten in langsamem Schritt vorwärts und die Formen der Hirsche wurden ihren Blicken immer deutlicher.
»Es sind neun Stück,« hub Carl wieder nach einer Weile an.
»Wollen wir noch nicht absteigen?« fragte Arnold in seinem Jagdeifer.
»Nein, noch nicht; ich will es Euch schon sagen, wenn es Zeit ist. Legt Euch nur hübsch hinter die Hälse Eurer Pferde,« entgegnete Carl, indem er neben dem Kopf seines Rosses nach dem Wild blickte. Plötzlich fuhr der Falbe zusammen und machte einige Sätze vorwärts, indem er schnaubend seinen Kopf hoch empor richtete und hinter sich blickte. Carl riß ihn angehalten mit dem Zügel zurück, und schaute sich dann selbst um.
»Mein Gott, was kommt dort von der Waldspitze her -- seht Ihr es -- dort über dem Grase -- es ist ein Bär -- aber kein schwarzer -- es ist ein grauer Bär!« rief Carl, seinen Falben mit Gewalt zurückhaltend, während auch die Schimmel schon das Weite suchen wollten.
»Ach Gott, Carl, was sollen wir thun? der holt uns ein. Laß uns nach dem Fort zurückjagen!« rief Arnold entsetzt und Wilhelm jammerte: »Ach lieber Gott -- Carl -- hilf uns!«
»Er hat uns den Weg nach dem Fort abgeschnitten. Seid aber nur ruhig, er kann uns nicht einholen, unsere Pferde sind zu gut. Laßt den Schimmeln die Zügel und folgt mir, treibt sie aber nicht an und sitzt fest im Sattel. Es hat Nichts zu sagen, der soll uns wohl nicht kriegen. Vorwärts!« rief Carl und ließ seinem Falben die Zügel schießen, der nun, von den beiden Schimmeln gefolgt, über das hohe trockne Gras dahinsauste. Augenscheinlich hatten die Thiere trotz der großen Entfernung den furchtbaren Feind erkannt, denn sie wandten im vollen Jagen die Köpfe bald links bald rechts, um nach dem Bären zurückzublicken, der in ungeheuren Sätzen über das Gras heranstürmte und ihnen in Schnelligkeit vollkommen gleich blieb.
»Er bleibt schon zurück!« rief Carl jetzt seinen Brüdern zu, um sie zu beruhigen, obgleich ein Blick nach dem Bären ihn überzeugte, daß derselbe noch eben so nahe hinter ihnen war, als im ersten Augenblick der Flucht. Er hielt seinen Falben gewaltsam zurück, da es ihm schien, daß die Schimmel ihm nicht so schnell folgen konnten, gab ihm aber immer wieder die Zügel, um die beiden Wagenpferde zu größerer Eile anzufeuern.
»Laßt nur die Zügel frei und treibt Euere Pferde etwas mehr an, dann wollen wir bald in Sicherheit sein!« rief Carl, indem er sich nach seinen Brüdern umsah, und zugleich einen Blick auf das schreckliche Thier warf, welches immer in gleichem Sprunge ihnen folgte.
Schneller konnten die Schimmel nicht laufen, das sah Carl wohl ein, und er wußte, daß sein Falber ihn mit Leichtigkeit von ihnen fortgetragen haben würde; er hielt ihn aber zurück, so daß er nur einige zwanzig Schritte vor seinen Kameraden hinsauste. Fort ging es in unausgesetztem Sturmlauf vorwärts Hügel auf, Hügel ab, ohne daß die Entfernung zwischen den beiden Rossen und dem ihnen folgenden Ungeheuer sich vermindert hätte. Meile auf Meile blieb zurück, die Pferde bedeckten sich mit Schweiß, die weißen Schaumflocken flogen von ihren Gebissen, und immer keuchender schnaubten sie aus ihren weitausgespannten blutrothen Nüstern. Carl sprach seinen Brüdern unaufhörlich Muth zu, und diese trieben die Schimmel mit Sporn und Peitsche an; ihre Schnelligkeit aber begann nachzulassen, und der Bär kam ihnen näher. Vor den Fliehenden hob sich jetzt rasch die Waldinsel deutlich empor, und nach ihr hin richtete Carl seinen Lauf. Noch wußte er nicht, in welcher Weise das kleine dichte Gehölz ihnen Hülfe bringen sollte, wenn es aber eine Rettung gab, dann mußte sie dort gesucht werden. Näher und näher rückten sie dem Wäldchen, und näher und näher kam ihnen der grimmige Feind. Noch lagen nur hundert Schritte zwischen ihnen und dem Gehölz, als Carl sein Roß noch mehr zurück hielt, so daß seine Brüder an seine Seite kamen.
»Jetzt sind wir gerettet!« rief er ihnen zu, »sobald wir an dem Wäldchen dicht vorüberjagen, biegt Ihr Beiden links um dasselbe herum, so daß der Bär Euch nicht mehr sieht; ich bleibe etwas zurück, bis er mir ganz nahe ist, und dann lasse ich meinen Falben rechts ab davon jagen. Der Bär wird mir folgen, ich werde ihm aber bald aus den Augen sein, und dann komme ich nach Hause. Eilt, so schnell Ihr könnt, von der Waldinsel nach dem Fort, und sagt dort, daß der Bär mich nicht kriegen könnte, daß ich aber erst spät nach Hause kommen würde.«
Das Wäldchen war erreicht, Carl blieb jetzt hinter seinen Brüdern zurück, und rief ihnen zu:
»Vorwärts, jagt um das Holz herum und dann nach Hause, ich komme bald nach.«
Dabei parirte er sein Pferd, das sich wild und entsetzt bäumte, denn der Riesenbär kam herangestürzt und war nur noch kaum hundert Schritte von ihm entfernt. Carl sah ihn an, er bebte aber nicht, denn er sah im nächsten Augenblick seine Brüder um das Gehölz verschwinden. Jetzt ließ er dem Falben abermals die Zügel schießen und jagte rechts vom Holze ab in die Prairie hinaus. Seinen Blick aber hielt er nach dem Ungeheuer gerichtet, ob es ihm auch folgen würde.
»Gottlob!« entfuhr Carls Lippen, als er den Bären hinter sich sah, und nun sprach er dem Falben zu, sein Bestes zu thun. Kaum fühlte das brave Thier die freien Zügel, kaum hörte es den aufmunternden Ruf seines Reiters, da flog es davon, als ob seine Hufe den Boden gar nicht berührten, und der Bär blieb weit zurück.
»Gottlob!« sagte Carl abermals, als er gewahrte, daß der Feind ihm nicht so schnell folgen konnte, und »Gottlob!« rief er laut aus, als er nach der Insel zurückblickte, und an deren anderer Seite seine beiden Brüder schon in weiter Ferne davonjagen sah.
»Nun sollst du mich wohl nicht kriegen, du abscheuliches Thier,« dachte Carl, und schmeichelte seinem Falben, indem er ihm den nassen Hals liebkosend klopfte. Bald war der Bär mehrere tausend Schritte hinter dem entschlossenen Knaben zurück und derselbe athmete wieder freier auf. Er ließ seinem Pferde jetzt freien Willen, denn daß der Bär ihn nicht einholen konnte, das war ja gewiß; dennoch schaute er immer nach demselben zurück, in der Hoffnung, daß er die Jagd aufgeben würde. Der Bär veränderte weder seinen Sprung, noch seine Eile, und stürmte in der Bahn vorwärts, die der Falbe in dem Gras gebrochen hatte. Die Insel verschwand hinter Carl in blauem Duft und vor ihm hob sich ein Waldstrich aus der Prairie empor, der sich weit am westlichen Horizont hinzog. Das mußte der Wald sein, von welchem ihm Daniel oft erzählt hatte, daß er nur aus einzeln stehenden Lebenseichen bestehe, deren Kronen ein dichtes Laubdach bildeten, während der Boden mit einer feinen Grasdecke überzogen sei. Den Wald mußte Carl zu erreichen suchen, so dachte er und trieb jetzt seinen Falben stärker an, denn dessen Schnelligkeit hatte abgenommen, und es schien dem Knaben, daß der Bär wieder etwas näher gekommen sei. Das Pferd gehorchte im Augenblick jeder Anforderung seines Reiters, aber jedesmal auf kürzere Zeit, dann ließ es wieder im Laufe nach. Seine Sprünge wurden kürzer und mühsamer, sein Athem wurde schwer, und Carl erkannte es zu seinem Schrecken, das die Kräfte des edlen Thieres schnell abnahmen. Im Laufe des Bären war keine Aenderung.
Die Möglichkeit, daß das furchtbare Ungethüm ihn einholen könne, fing an, in dem Knaben mehr und mehr zur Gewißheit zu werden, und die dann nöthige Vertheidigung vereinigte jetzt mit aller Willenskraft seine ganze geistige Thätigkeit.
Der Schuß durch den Kopf und der durch das Herz des Thieres mußten ihm gelingen, davon war Carl überzeugt, und dann war er und der Falbe gerettet. Wie aber, wenn die Kugeln dennoch nicht den rechten Fleck träfen? Der graue Bär konnte aber nicht klettern, hatte Daniel gesagt, und der Eichenwald war ja schon ganz nahe vor Carl, ein Baum sollte ihm Schutz und dem Pferde Rettung bringen! Jetzt drückte der Knabe beide Sporen fest in die nassen Flanken des treuen Rosses, und nochmals stob dasselbe fliegend dahin, und abermals ließ es den Bären weiter zurück. Die Eichen waren erreicht und in sausender Carriere jagte Carl zwischen ihnen hindurch, indem er weithin nach einem Baume spähete, der seinem Zweck entsprechen würde. Noch hatte er mehrere tausend Schritte Vorsprung vor seinem grimmen Verfolger, da hielt er plötzlich das Pferd vor einer Eiche an und sprang im selbigen Augenblick aus dem Sattel.
Ein Schlag mit der Peitsche und die in der Ferne heranstürmende Riesengestalt des Bären trieben den Falben in wilder Flucht davon, während Carl die Büchse um den Nacken hing und den nicht starken, aber rauhen Stamm der Eiche erklomm. Nach wenigen Augenblicken stand er auf den ersten Aesten, die wohl funfzehn Fuß über der Erde erhaben waren, und nahm die Büchse vom Nacken, um sie zum Gebrauch fertig zu machen. Jetzt hörte er die schweren Tritte des Bären nahen, die Erde dröhnte unter seiner Wucht und Carl konnte deutlich das laute Aechzen seines Athems vernehmen.
Da kam der Bär unter den Eichen her, gerade auf den Baum zu, auf welchem Carl stand. Wie aber, wenn derselbe vorüberrennen und dem Pferde folgen sollte -- dann wäre dasselbe verloren! In schwerfälligen ungeheuren Sätzen stürzte der Bär jetzt zwischen den nächsten Stämmen hervor, Carl hatte die Büchse auf ihn gerichtet, er gab Feuer, und riß den Hut vom Kopf, den er dem Ungeheuer vor die Füße warf, in dem Augenblick, als dasselbe den Baum erreichte. Mit einem dumpfen Wuthgebrüll fiel der Bär über den Hut her und schlug seine Zähne und Klauen in den Filz ein, da blitzte es zum zweiten Male vom Baum herab, und im Schuß rollte der Bär kopfüber. Im nächsten Augenblick aber richtete er sich wieder empor und sah zähnefletschend nach dem Schützen hinauf. Er sprang an dem Stamme in die Höhe und schlug mit den Riesentatzen nach seinem Gegner, reichte jedoch nicht ganz bis an den Ast, auf dem Carl stand, und dieser sah, wie ihm das Blut vom Kopf und von der Seite herabströmte. Mit einem furchtbaren Wuthausbruch faßte der Bär den Baumstamm und schüttelte ihn, als wolle er ihn aus der Erde reißen. Carl aber hatte den Revolver gezogen, hielt ihn dem brüllenden Umgethüm entgegen und feuerte in dessen weitgeöffneten Rachen.
Der Bär umklammerte nach dem Schusse mit den Vordertatzen den Stamm und stieß ein röchelndes dumpfes Brummen aus. Carl aber richtete den Revolver nun mitten auf den Kopf des Thieres und mit dem Knall sank dasselbe zuckend, und an allen Gliedern zitternd, am Stamme nieder.
»Gott sei gelobt und gedankt!« rief Carl aus und faltete seine Hände, indem er die Waffen in den Armen an sich drückte und mit thränenfeuchtem Blick zum Himmel über sich schaute. Dann sah er wieder hinab, da lag das Ungeheuer zu seinen Füßen hingestreckt, doch das Leben war noch nicht ganz aus ihm gewichen. Carl schob den Revolver in den Gürtel und ladete, so schwierig es ihm auch wurde, seine Büchse wieder, denn ehe er sich zu dem Thiere hinabbegeben wollte, mußte er von dessen Tod überzeugt sein. Er schoß ihm nun noch eine Büchsenkugel durch den Schädel, worauf jede Bewegung des Bären aufhörte und Carl sich an dem Stamme herabließ. Einige Augenblicke stand er erstaunt vor dem todten Riesenkörper, dann aber dachte er an seinen Falben und beschloß, dem treuen Thiere sofort zu folgen. Er ladete schnell den abgeschossenen Lauf, suchte nun die Spur des Pferdes, der er dann mit mit raschen Schritten folgte; denn das Gras war seiner Eile nicht hinderlich.
Die Sonne stand hoch am Himmel und Carl war durch die ungewöhnlichen Anstrengungen sehr ermüdet, der Schatten aber, den das dichte Laubdach der immergrünen Eichen gewährte, und die frische Luft, die unter demselben hinzog, thaten ihm wohl und ließen ihn wieder zu Kräften kommen. Das Gras war sehr fein und nicht lang, so daß er jeden Tritt seines Pferdes leicht erkennen und ihm ohne Unterbrechung folgen konnte, während sein Blick sehnlichst und besorgt auch in die Ferne schweifte, ob er das geliebte Roß nicht erspähen könne.
Um diese Zeit naheten sich seine geretteten Brüder dem Fort. Kaum konnten die Schimmel sich noch im Galopp erhalten, so sehr die Peitschen und Sporen der Knaben sie auch antrieben.
Immer noch wandten diese bebend ihre ängstlichen Blicke zurück über die weite Grasflur, und meinten, sie müßten im nächsten Augenblick wieder das entsetzliche Thier hinter sich herstürmen sehen. Auch die Pferde hatten das Ungeheuer noch nicht vergessen, denn auch sie blickten sich oft schnaubend um, und stürzten vorwärts, als wollten sie laufen, bis sie todt zusammenbrächen. Der Anblick des Forts gab den Rossen und Reitern wieder Trost und ließ sie ihre Erschöpfung vergessen, und mit fliegenden Mähnen und verhängten Zügeln jagten sie mit den letzten Kräften durch das hohe Gras dem heimischen Hügel zu.
Madame Turner hatte wohl eine Stunde über die gewohnte Zeit mit dem Mittagsessen auf die Rückkehr der Knaben gewartet, und ging jetzt hinaus vor das Fort zu ihrem Gatten und zu Daniel, welche schon seit einiger Zeit dort gesessen hatten, um nach den jungen Jägern auszuspähen. Noch war Nichts von ihnen zu sehen, und auch Julie war hinzugetreten, als Madame Turner sagte:
»Wo mögen die Jungen nur so lange bleiben, sie wollten sich doch nicht weit entfernen.«
»Sie werden wohl einen Hirsch angeschossen haben und ihn verfolgen. Man weiß stets, wann man auf die Jagd geht, nie aber, wann man von ihr zurückkommen wird,« bemerkte Daniel.
»Daß man aber gar Nichts von ihnen sehen kann und daß wir auch keinen Schuß gehört haben!« sagte Turner mit sichtbarer Unruhe.
»Wenn ihnen nur kein Unglück zugestoßen ist. Wir hätten sie doch nicht sollen allein reiten lassen,« fiel Madame Turner ein.
»Carl ist ja dabei und er ist ein eben so guter Schutz, als ob ich mitgeritten wäre. Seien Sie ohne Sorgen, er wird die beiden Knaben wohlbehalten zurückbringen,« versetzte der Neger.
»Dort sehe ich Etwas herankommen, ich glaube es sind die Schimmel,« fiel Julie plötzlich ein, und zeigte in die flache Ferne.
»Das sind sie -- in voller Jagd -- sie haben Etwas angeschossen!« sagte Daniel und hielt die Hand über die Augen, um schärfer spähen zu können.
»Mein Gott -- ich sehe den Falben nicht -- nur die beiden Schimmel kann ich erkennen!« rief der Neger nach einer Weile und setzte mit ängstlicher Stimme noch hinzu: »Das ist auch keine Jagd das sieht mir aus wie Flucht; da ist Etwas geschehen, -- sie kommen ja in gerader Richtung auf uns zu -- Carl ist nicht dabei!«
»Um des Himmels Willen, wenn ihm nur kein Unglück zugestoßen ist!« sagte Madame Turner und preßte ihre gefalteten Hände bebend zusammen.
Schweigend, und von Schrecken erstarrt, hefteten Alle ihre Blicke auf die beiden heranjagenden Knaben und ihre Angst, ihr Entsetzen steigerte sich mit jedem Sprunge, den die Schimmel über das Gras thaten.
Bald erkannten sie auch an den Bewegungen der Pferde deren große Erschöpfung, sahen, wie die Knaben sie mit den Peitschen zur Flucht antrieben, und wie den Thieren der weiße Schaum von den Gebissen flog.
»Wo ist Carl, um Gottes Willen, wo ist Carl?« riefen Alle zugleich den Knaben entgegen, als dieselben in Galopp den Hügel heraufgesprengt kamen, und »wo ist Carl?« wiederholten Alle, als Turner und Daniel sie aus den Sätteln hoben.
»Ein grauer Bär!« war Alles, was die entsetzten Knaben hervorstammeln konnten, die sich jetzt weinend in die Arme ihrer Eltern schmiegten.
Daniel hatte aber kaum das Wort »Bär« gehört, als er in das Gras hinunterstürzte, sein Pferd von dem Strick befreite und mit ihm nach dem Fort zurückrannte.
In wenigen Minuten hatte er es gesattelt, hatte seine Waffen ergriffen, und trat nun zu Turners in das Haus, um noch weitere Auskunft über Carls Schicksal zu erhalten, ehe er sich zu dessen Auffinden entfernte.
Er fand die ganze Familie in Thränen und Jammer, denn jetzt hatten die Knaben den Hergang der unglücklichen Begebenheit erzählt. Mit lautem Schluchzen und Wehklagen empfingen Turners den treuen Neger, und machten sich die bittersten Vorwürfe, daß sie ihre Zustimmung zu der Jagd gegeben hatten.
»Noch ist nicht Alles verloren,« sagte Daniel tröstend, »der Falbe ist ein edles Pferd und Carl ein guter Reiter. Er hat die Richtung nach dem Eichenwald genommen, und er wußte, daß der graue Bär nicht klettern kann. Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, daß der Himmel ihn beschützt hat.«
Hiermit sprang der Neger hinaus zu seinem Pferde, schwang sich in den Sattel und sprengte in fliegendem Lauf der Waldspitze am Pflaumenbache zu. In sehr kurzer Zeit hatte er dieselbe erreicht und dort auch die Riesenfährte des Bären erkannt. Im Galopp folgte er derselben nach der Waldinsel, wo Carl seine Brüder gerettet und den Blutdurst des Raubthieres auf sich selbst gelenkt hatte. Hier fand Daniel nun die Fährte des Falben mit der des Bären zusammen, und sie führten ihn dem Eichenwalde zu.
Der Himmel hatte sich mit grauem Gewölk überzogen und ein heftiger Wind war von Süden her aufgesprungen, als der Neger den Wald erreichte, unter dessen Laubdach das immer dort herrschende Düster schon durch den einbrechenden Abend vermehrt wurde. Dennoch konnte Daniel von seinem Pferde herab die Fährten des Falben und des Bären erkennen, wenn er ihnen auch mehr Aufmerksamkeit schenken mußte, als in dem hohen Grase der Prairie, wo die zerrissenen und niedergedrückten Halme dieselben auf weithin bezeichneten. Er mußte seiner Eile, seiner Sehnsucht aber Gewalt anthun und im Schritt reiten, um nur die Fährten nicht zu verlieren. Bald aber wurde es so düster, daß er dieselben vom Sattel herab nicht mehr erkennen konnte, weshalb er abstieg und sein Pferd führte. Mit schwerem Herzen ging er von Baum zu Baum und suchte den Gedanken zu bekämpfen, daß er plötzlich den Fleck erreichen würde, auf welchem sein junger Freund ein Opfer seines edlen Herzens geworden -- und durch das fürchterliche Thier gemordet war. Er mußte der zunehmenden Dunkelheit wegen gebückt gehen, um die Fußtapfen des Bären erkennen zu können, schritt aber immer noch mit möglichster Eile vorwärts, als er plötzlich aufsah und sein Blick auf das getödtete Ungethüm fiel.
»Gerettet, gerettet, mein junger Herr ist gerettet!« schrie der Neger laut zum Himmel auf und hob seine Hände gefaltet empor, dann zog er sein Pferd im Trabe hinter sich her zu dem Bären, bei dem er niederfiel, um sich zu überzeugen, daß er durch Carls Kugeln getödtet sei. Bei seiner Herzensfreude jubelte er hell auf, ließ seinen gellenden Jagdruf durch den Wald ertönen und feuerte die beiden Rohre seiner Büchse ab. Antwort wurde ihm keine andere gegeben, als die, welche eine Eule ihm klagend zurief; der Neger aber lachte lustig auf und sagte: »Du lügst, ich habe bessere Kunde von meinem jungen Herrn!«
Carl war schon zu weit von Daniel entfernt, als daß er dessen Schüsse hätte hören können.