Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 17

Chapter 173,830 wordsPublic domain

Daniel reichte Carl sein Gewehr, zog die Holzaxt aus seinem Gürtel hervor und sprang behend vom Ufer hinab. Kaum nahete er sich auf dem sandigen Grunde dem Wasserpfuhl, in welchem der Alligator lag, als derselbe den Neger gewahrte und, seinen furchtbaren Rachen öffnend, aus der Vertiefung hervor und auf ihn zuschwamm. Die Bewegungen dieses häßlichen gefährlichen Thieres sind auf dem Lande glücklicherweise ebenso unbehülflich und langsam, wie die einer Schildkröte, und weder Mensch noch Thier hat es außerhalb des Wassers zu fürchten, wenn seine Gegenwart ihm einmal bekannt ist. Liegt es aber regungslos da, so gleicht es einem alten vermoderten Stück Holz und lauert darauf, daß ein lebendes Wesen sich ihm sorglos nahet, um es mit Blitzesschnelle mit seinem schrecklichen Gebiß zu erfassen, aus welchem keine Befreiung möglich ist.

»Wart, Ungeheuer, Du sollst keinen Schaden mehr thun!« rief Daniel dem erbosten Thiere zu, welches, mit dem Rachen schnappend und mit dem Schwanze um sich schlagend, ihm entgegen kroch.

Der Neger hatte sich ihm bis auf wenige Schritte genähert und schwang die schwere Axt über sich durch die Luft, der Alligator hob sich auf seinen Vorderfüßen so hoch auf, als er konnte, und hielt den weit aufgerissenen Rachen in die Höhe, als wolle er die Axt ergreifen; doch das schwere Eisen schoß pfeifend herab und vergrub sich in dem Schädel des Ungethüms. Daniel sprang zurück, mußte aber die Axt im Stich lassen, mit welcher im Kopf, der Alligator wüthend nach ihm schnappte und ihn verfolgte.

»Werfen Sie mir Ihre Axt herunter, junger Herr, ich mag dem Teufel doch nicht zu nahe kommen,« rief der Neger seinem Gefährten zu und fing dann die Axt, welche dieser vom Ufer herabwarf.

Der Alligator schlug mit Kopf und Schwanz in der größten Wuth um sich, während der lange Axtstiel über seinem Schädel hervorstand; doch Daniel benutzte einen Augenblick, wo er sich ihm von der Seite nahen konnte, und hieb ihm mit einem Schlage den Kopf vom Rücken ab.

»So, du gräuliches, böses Thier, nun ists vorbei mit deinem Morden, gieb mir nun meine Axt wieder,« sagte Daniel, indem er dem getödteten Alligator das Eisen aus dem Kopf zog und dann wieder auf das Ufer hinaufsprang.

Nun eilte er mit Carl am Bache weiter hinauf und sie hatten etwa einige tausend Schritte zurückgelegt, als sie vor sich über dem Bette des Baches eine Wand von umgestürzten Baumstämmen, Aesten und Reisholz gewahrten, die wild durcheinander hinlagen, aber doch eng mit einander verbunden schienen. Zugleich sahen sie seitwärts den Boden des Waldes mit Wasser bedeckt, welches, von diesem Damm zurückgehalten, über das Ufer des Baches ausgetreten war.

»Hallo, seid Ihr es, die uns den Streich gespielt haben? Das sollt Ihr mit Euren Fellen bezahlen!« rief der Neger, laut auflachend, und wandte sich dann zu seinem erstaunten Gefährten: »Was meinen Sie, wer hat wohl diesen Damm gebaut?«

»Wer anders, als Indianer -- das ist eine ungeheure Arbeit gewesen,« entgegnete Carl und sah verwundert auf die mehrere Fuß starken Baumstämme, die übereinander hingeworfen waren.

»Nein, nein, junger Herr, das sind ganz andere Zimmerleute, es sind Biber.«

»Biber -- ist es möglich -- Biber sollten diese Stämme abgenagt haben?«

»Freilich, sehen Sie nur die Stümpfe, die dort aus dem Wasser hervorragen; Sie können die Bisse an den abgenagten Stellen erkennen. Nun aber schnell, lassen Sie uns ein Loch in den Damm machen, damit wir das Wasser aus dem Felde kriegen. Dasselbe liegt höher als die Prairie und wird schnell trocken sein. O, wie werden sie sich im Fort freuen, wenn sie mit einem Male den Mais wieder sehen, dem die kurze Ueberschwemmung nur großen Vortheil bringt. Nehmen Sie sich aber in Acht, wenn das Wasser erst eine Oeffnung hat, so wird es mit einer furchtbaren Gewalt hervorbrechen, denn es ist an der andern Seite des Dammes wenigstens funfzehn Fuß tief.«

Es waren über ein Dutzend größerer und kleinerer Bäume von beiden Ufern her über den Bach gestürzt, die den Damm bildeten und so nahe zusammenlagen, daß derselbe nicht mehr als ungefähr dreißig Fuß Dicke betrug. Zwischen diesen Stämmen waren die Räume mit Aesten, Reisig, Buschwerk und Schlamm dicht ausgefüllt, so daß kein Wasser hindurch dringen konnte.

Daniel und Carl stiegen auf die Stämme hinauf, um zwischen ihnen dem Wasser Luft zu machen, als Daniel seinem Gefährten zurief:

»Sehen Sie nur die abgenagten Enden der Stämme und Aeste an, sieht es nicht aus, als ob sie mit einem scharfen Stemmeisen abgestochen wären. Und betrachten Sie nur die Menge von Spänen, die hier allenthalben umherliegen; man sollte glauben, man befände sich auf einem Zimmerplatze. Dort die beiden Espen sind auch schon rundum tief benagt, das steigende Wasser hat aber die Biber in ihrer Arbeit gestört, sonst hätten sie dieselben gleichfalls umgeworfen.«

»Wie künstlich die Thiere diese Tausende von Stöcken hier zwischen die Stämme unter unseren Füßen angebracht haben, um den Damm dicht zu machen und dem Schlamm Festigkeit zu geben.«

Während der Neger zu Carl sprach, zog er aus der Mitte des Dammes Stöcke, Aeste und Buschwerk hervor und warf es hinter demselben in das leere Bett des Baches, während Carl seinem Beispiel folgte und in gleicher Weise fleißig arbeitete. Sie hatten bald an der hinteren Seite des Dammes und in dessen Mitte bedeutende Oeffnungen gemacht, doch immer noch ließ er kein Wasser durch, weil seine vordere Seite, vor der sich der Bach gestaut hatte, mit einer dichten Lage von Schlamm bedeckt war. Daniel zog aber jetzt einige Büsche aus derselben hervor, das Wasser durchbrach die Schlammwand und der Strom schoß mit einer so rasenden Gewalt zwischen den Stämmen durch in das leere Bett hinter dem Damme, daß Reisig, Stöcke und Aeste sämmtlich in wenigen Augenblicken mit fortgerissen wurden und mit den hoch und wildschäumenden Fluthen dem Bärfluß zubrausten.

Daniel und Carl waren schnell auf das eine Ende des Dammes gesprungen, denn selbst die schweren Baumstämme warf der furchtbare Strom auseinander und stürzte sich in hochschlagenden Wogen zwischen ihnen durch.

»Setzen Sie sich zu mir auf diesen Stamm, junger Herr; in kurzer Zeit werden wir das Ufer am Bache hinauf wieder vom Wasser befreit sehen, dann wollen wir es versuchen, uns darauf hin einen Weg zu bahnen; es liegt etwas höher, als der Wald, und viel höher, als die Prairie außerhalb. Ich möchte gern die Häuser der Biber in Augenschein nehmen, um daraus auf die Zahl der Thiere zu schließen; es muß eine große Bibercolonie sein, sonst hätten sie diesen Damm nicht bauen können. An einem starken Baum nagen immer drei bis vier Biber zu gleicher Zeit, wenn sie ihn fällen wollen, was sie mit unglaublicher Schnelligkeit ausführen können, zumal da sie nur weiche Holzarten dazu wählen. Liegt der Baum einmal, dann fällt die ganze Colonie, die häufig aus hundert Stück besteht, darüber her und ein jeder Biber nimmt einen Ast vor. Wollen sie einen Damm bauen, so fällen sie die Bäume mit großer Geschicklichkeit so, daß sie über den Bach fallen, die abgebissenen Aeste tragen sie in den Zähnen zwischen die Stämme, so auch die dünneren Zweige und die Büsche, und dann führen sie auf ihren breiten, platten, haarlosen Schwänzen den Schlamm herbei, um alle Oeffnungen damit zu verkitten.

Der Bach, in seinem Laufe aufgehalten, steigt nun rasch und dehnt sich zu beiden Seiten aus, worauf die Biber in tiefen Stellen auf offenen Plätzen ihre Häuser in das Wasser bauen. Sie führen dieselben aus zwei bis drei Fuß langen Stöcken auf, welche sie im Kreis vom Grund des Wassers verflechten und zwischen einander so durchstecken, daß sie eine starke, dicke Mauer bilden, die sie noch drei bis vier Fuß über dem Wasserspiegel enger bauen, und dann oben in Form einer Kuppel vereinigen. Das Gebäude hat das Ansehen eines Bienenkorbes, hat aber sichtbarlich keinen Eingang, denn derselbe befindet sich auf dem Grunde des Wassers. Das Innere des Hauses ist mit einer, mitunter auch mit zwei Abtheilungen übereinander eingerichtet, von welcher die obere sich über dem Wasserspiegel befindet, und in welche der Eingang durch den Fußboden führt.

Diesen oberen Raum, welcher niemals vom Wasser berührt wird, füttern die Biber sauber mit Moos aus, und verwahren hier ihre Jungen. Im Norden, wo die Winter kalt sind, bringen sie im Herbst in den untern Raum des Hauses große Vorräthe von abgebissenen Stöcken, deren junge Rinde ihnen während der Zeit zur Nahrung dient, in welcher das Wasser mit Eis bedeckt ist und sie nicht an das Land gelangen können, um frische Zweige zu benagen; denn der Biber lebt ausschließlich nur von Baumrinden, und nicht, wie irrthümlich so vielfach geglaubt wird, von Fischen.

In einer Bibercolonie wird niemals ein fremder Biber aufgenommen, er muß sich entfernen, oder wird todtgebissen.

Ist die Gesellschaft zu zahlreich geworden, so theilt sie sich in zwei oder mehrere Partieen, und jede sucht sich einen andern Wohnort. Auch verlassen sie die Ansiedelung, sobald das weiche Holz in der Nähe des Wassers spärlich wird. Die Biber machen oft weite Reisen und wandern zusammen Stunden Weges über Berg und Thal, um sich eine Heimath zu suchen.«

»Das müssen ja einzige Thiere sein, können wir nicht eines derselben habhaft werden?« sagte Carl nach dieser Mittheilung des Negers.

»Eines derselben? nein, die ganze Gesellschaft wollen wir fangen, es soll uns auch nicht Einer davon entgehen. Ich werde nach dem Choctawbache reiten, und mir von den dortigen Ansiedlern sämmtliche Fallen borgen, die sie besitzen. Nur _einen_ männlichen Biber müssen wir schießen, ehe wir die andern fangen können; denn wir müssen von ihm das Bibergeil erhalten, um seine Kameraden damit nach der Falle zu locken. Er trägt dasselbe, eine ölige Flüssigkeit, in zwei Drüsen bei sich.«

Während sich die beiden Jäger in dieser Weise unterhielten, brauste und tobte das Wasser mit wildem Ungestüm durch den geöffneten Damm, und sank dabei schnell oberhalb desselben. Nach Verlauf von einigen Stunden wurden auch die Ufer des Bachs wieder sichtbar, und jetzt, wo das Wasser aus der Prairie nicht mehr über dieselben abfließen konnte, nahm die Strömung im Bache auch sehr ab.

»Unser Feld muß schon ganz von Wasser frei sein, denn dasselbe liegt vollkommen so hoch, wie dieses Ufer hier,« sagte Daniel, indem er aufstand. »Nun kommen Sie, wir wollen es versuchen, ob wir am Bache hinaufgehen können.«

Hiermit sprang er von dem Baumstamme hinab auf das Ufer, und Carl folgte ihm nach. Der Boden war außerordentlich weich und schlüpfrig, so daß das Gehen auf demselben sehr erschwert wurde, die Jäger aber schritten demungeachtet frisch darauf los, wenn sie auch mitunter bis an die Kniee einsanken, oder eine Strecke Wasser zu durchwaten hatten. Je weiter sie durch die Büsche, Ranken und Dornen vorrückten, um so lichter wurde der Wald, und sie hatten eine umfangreiche Blöße in demselben erreicht, durch welche der Bach sich hinwand, da blieb Daniel stehen und zeigte auf einen hohen, oben abgerundeten Reisig- und Knüppelhaufen, der sich wohl zehn Fuß aus dem Bache erhob.

»Das ist eins der Biberhäuser, es sieht aus, wie ein riesiges Stachelschwein. Die Bewohner desselben werden bereits in großer Noth sein, weil das Wasser so sehr gefallen ist. Ich bin überzeugt, daß sie sich sämmtlich zu dem Damme begeben, um ihn auszubessern; sie werden sich aber sehr wundern, wenn sie das große Loch in demselben bemerken. An diesem Biberhause können Sie sehen, weshalb die Thiere den Damm gebaut haben. Sie haben das Wasser so hoch gestaut, daß ihre Wohnung von einem unabsehbaren Wasserspiegel umgeben war, und dieselbe dadurch ihren Feinden verborgen und unzugänglich blieb. Jetzt ist das Ufer kaum noch zehn Schritt von derselben entfernt, und ein Jaguar, ein Panther, oder ein Bär kann vom Lande aus leicht die Thiere in ihrem Gebäude wittern und sie darin überfallen; denn der Reisighaufen ist leicht auseinandergerissen. Wenn die alten Biber nun auch selbst dadurch nicht gefährdet würden, weil sie nur in dem untern Raum in das Wasser zu springen brauchen, um sich dem Feinde zu entziehen, so würden doch ihre Jungen demselben ein Opfer werden, und deshalb setzen sie die ganze Umgegend unter Wasser. Nun will ich Ihnen einen Vorschlag machen, junger Herr: Ich glaube nämlich, daß es gerade jetzt ein sehr günstiger Augenblick ist, um einen Biber zu schießen, weil dieselben wegen des fallenden Wassers hin- und herschwimmen, und sich auf der Oberfläche sehen lassen werden, was sie sonst nur in der Nacht thun.

Sie können hier sitzen bleiben, und ich will weiter am Bache hinauf ein anderes Biberhaus wählen, um dabei zu lauern.

Im Fort wird man uns nicht zurückerwarten, da unsere Freunde an dem Fallen des Wassers erkennen werden, daß wir an der Arbeit sind. Verstecken Sie sich in den Busch an jener Pappel, von dort können Sie das Wasser übersehen. Wenn ein Biber sich auf der Oberfläche zeigt, so müssen Sie ihn auf den Kopf schießen und schnell zu ihm ins Wasser springen und ihn ergreifen, ehe ihn der Strom mit sich fortnimmt. Treffen Sie ihn nicht in den Kopf, so entgeht er Ihnen. Das Wasser hier ist nicht tief. Seien Sie sehr vorsichtig und bewegen Sie sich nicht; denn der Biber ist eins der schlausten Thiere; und verlieren Sie die Geduld nicht, wir müssen darauf rechnen, vielleicht bis zu einbrechender Nacht zu sitzen. Wenn es so lange dauern sollte, und Sie können nicht mehr zum Schießen sehen, so gehen Sie am Ufer hinauf bis zu mir, dann gehen wir bis an das Ende des Wassers, welches in der Prairie zurückgeblieben ist, und nehmen unsern Heimweg im trocknen Grase.«

Indem Daniel seinem Gefährten noch guten Erfolg wünschte, eilte er auf dem Ufer hin, und fand in nicht großer Entfernung von Carl eine Menge Biberhäuser aus dem Bache hervorsehen, so wie auch mehrere, die seitwärts in dem Walde in Vertiefungen standen und nur noch von wenig zurückgebliebenem Wasser umgeben waren. Er wußte aber, daß diese bereits von ihren Bewohnern verlassen seien, und nahm sich darum nicht die Zeit, sie zu durchsuchen. Er wollte aber nicht in der Nähe Carls bleiben, um demselben nicht durch einen Schuß die Jagd zu verderben, deshalb schritt er weiter am Bache hinauf, und gelangte dahin, wo das Wasser nicht aus seinem Ufer ausgetreten gewesen war, und der Wald zu beiden Seiten mehr aus hohen Bäumen und nur einzelnen Büschen bestand. Es war dieselbe Gegend, wo Carl an jenem Abend den Bären erlegt hatte. Hier fand Daniel noch ein Biberhaus in dem Bache, dessen Ufer sich auf dieser Stelle weit von einander entfernten und eine Art von kleinem See bildeten. Der Neger wählte einen hochgelegenen Platz am Ufer, von wo aus er den ganzen Wasserspiegel übersehen und mit Genauigkeit bis an das Biberhaus schießen konnte.

Es stand dort ein alter Ahorn, an dessen Stamm er sich niedersetzte, nachdem er einige Büsche vor sich in die Erde gesteckt hatte, um sich dem Blick der Biber zu entziehen. Es war Nachmittag geworden und die Sonne begann ihre Strahlen schräg durch den Wald zu werfen.

Alles war still und lautlos, weder in dem Laube der hohen Baumkronen, noch auf dem glatten Wasserspiegel war eine Bewegung zu erkennen, und der goldene Streif, den das Sonnenlicht über den Teich warf, wurde nur zuweilen durch einen aufspringenden Fisch gekräuselt. Stunden eilten dahin, ohne daß ein Biber seine Gegenwart verrathen hätte, obgleich der sprühende scharfe Blick des Negers fortwährend das Wasser überwachte. Die Schatten der Bäume dehnten sich länger und dunkeler über die Erde aus, und hier und dort wurden zwischen den Stämmen Hirsche und Antilopen sichtbar, die vertraut und sorglos dem Bache zuschritten, um ihren Durst in dessen kühlen Fluthen zu stillen. Daniel sah ihnen zu, wie sie mit einander scherzten, ihre Gehörne an einzelnen Stämmchen rieben, oder die zartesten Kräuter in dem Grase suchten; da plötzlich fuhren mehrere derselben, wie durch irgend etwas erschreckt, zusammen und hielten lauschend die Köpfe in die Höhe.

Daniel blickte schnell um sich durch den Wald, so weit sein Auge aber reichte, konnte er Nichts erkennen, was die Veranlassung zu der plötzlichen Aufmerksamkeit der Thiere hätte geben können. »Vielleicht war es ein großer Raubvogel, der sie erschreckt hat,« dachte Daniel und blickte wieder nach dem Biberhause; da sah er unweit desselben eine Bewegung im Wasser, es erschien ein dunkeler Punkt auf der Oberfläche und derselbe bewegte sich jetzt schnell dem Ufer zu. Es war ein Biber, der schwimmend mit der Nase das Wasser theilte, und von derselben aus zwei lange Streifen in einem spitzen Winkel hinter sich auf dem glatten Spiegel zurückließ.

Daniel hatte behutsam die Büchse an den Backen gehoben, und zielte dem nahenden Thiere auf den Kopf, bis dasselbe nur noch wenige Schritte vom Lande entfernt war, dann gab er Feuer. Der Biber überschlug sich im Wasser und warf dasselbe hoch um sich auf, da hatte der Neger aber schon seine Büchse an den Baum gestellt und war in _einem_ Satze bis zu der sterbenden Beute ins Wasser gesprungen. Er ergriff das Thier beim Schwanze und schwamm in wenigen Augenblicken mit ihm an das Land zurück.

Hier schüttelte er das Wasser von sich, hing seine Kugeltasche um und ladete den abgeschossenen Lauf seiner Büchse. Kaum hatte er dies vollbracht, und bückte sich, um sich wieder an dem Baume niederzusetzen und Carl zu erwarten, da fiel ein Schuß, und die Kugel schlug neben Daniels Kopf in den Baumstamm.

In weiten Sätzen sprang der Neger von der Anhöhe herab nach einer umgefallenen kolossalen Cypresse, die nur einige zwanzig Schritte von ihm entfernt lag, und warf sich hinter dem Stamme in das Gras nieder. Das scharfe, geübte Auge Daniels hatte aber beim ersten Umblicken den Schützen erkannt, einen Indianer, der hinter einer Eiche hervorsah und nach dem Schusse sich wieder hinter derselben verbarg. Diese Eiche stand weiter am Bache hinunter, etwa hundert Schritte von dessen Ufer entfernt, und der erste Gedanke des Negers war Carl zugewandt, der nun bald von dort her kommen mußte. Er schob die Holzaxt durch den Gürtel, den er um den Leib trug, und war im Begriff, den Indianer sofort anzugreifen, ehe derselbe seine Büchse wieder laden konnte, denn er wußte, daß die Wilden keine Doppelgewehre führten; doch hob er zuerst nur seinen Hut über dem Baumstamm hervor. In demselben Augenblick fielen von anderen Bäumen her wieder zwei Schüsse, und eine Kugel flog durch den Filz. Der Neger hatte gleichfalls die beiden Indianer gesehen, welche jetzt geschossen hatten.

Er war unschlüssig, ob er hervorspringen und den Kampf offen beginnen, so wie versuchen solle, den Weg zu Carl zu gewinnen; da kam ihm der Gedanke, daß möglicherweise eine noch viel größere Zahl von Wilden in der Nähe verborgen sein könnte und er dieselben bei einer Flucht seinem Gefährten gerade entgegenführen würde. Der Baum, hinter welchem er lag, war durch einen Sturm umgeweht und mit den Wurzeln aus dem Grunde gerissen, so daß diese mannshoch über dem Boden emporragten und tief in das Loch hinabhingen, welches sie in der Erde zurückgelassen hatten. In diese Vertiefung sprang Daniel jetzt hinein, weil er durch das Wurzelwerk des Baumes den Blicken der Feinde entzogen wurde und selbst doch zwischen demselben hindurch nach ihnen hinsehen konnte. Nur mit dem Kopfe ragte er über dem Erdboden empor, und vermochte die ganze Waldfläche nach den Indianern hin zu übersehen; so sehr sein Auge sich aber auch anstrengte, so konnte er doch Nichts von denselben gewahren. Er spähete unverwandt nach den drei Bäumen hin, von wo die Schüsse gekommen waren, und hielt selbst die sichere Doppelbüchse zum augenblicklichen Gebrauch fertig.

Die letzten Sonnenblicke waren verschwunden und der Abend breitete sein Düster durch den Wald aus, während die Besorgniß des Negers um seinen Gefährten von Minute zu Minute zunahm, und sich bis zu einer entsetzlichen Angst steigerte.

Derselbe mußte nun bald an dem Ufer heraufkommen, die Wilden mußten ihn in seinem sorglosen Schritt schon von Weitem kommen sehen, und dann war er sicher verloren! Es trieb den Neger jetzt mit tödtlicher Angst heraus aus seinem Versteck, damit Carl durch das viele Schießen vor der Gefahr, die seiner harrte, gewarnt wurde, da sah er, wie der Wilde, der zuerst nach ihm gefeuert hatte, mit Blitzesschnelle hinter der Eiche hervor und nach einer andern, dem Ufer näher stehenden, hinrannte. Er führte es so schnell aus, daß Daniel zwischen den Wurzeln, durch welche er blickte, ihm in seinem Lauf nicht mit der Büchse folgen konnte, und dann wurde in demselben Moment sein Blick auf noch zwei andere Indianer gezogen, die gleichfalls hinter Bäumen standen, und die er früher nicht gesehen hatte.

Es waren deren also fünf und sie beabsichtigten, ihn bis an das Ufer des Baches zu umzingeln; denn zwei derselben sprangen jetzt auf der andern Seite näher nach dem Wasser hin. Der Wilde, der zuerst seinen Stand gewechselt hatte, befand sich nun gerade in der Richtung, von wo Carl herkommen mußte, und Daniel spähete an ihm vorüber nach der kleinen Anhöhe, die sich in kurzer Entfernung hinter ihm erhob. In diesem Augenblick erschien der Hut seines Gefährten über dem Hügel, und gleich darauf seine Gestalt bis an die Brust.

»Indianer -- zurück, fliehen Sie!« schrie der Neger jetzt mit aller Gewalt seiner Stimme seinem jungen Freunde zu, und winkte, indem er aus der Vertiefung neben dem Stamm sprang, ihm mit seinem Hute entgegen. In derselben Sekunde feuerten seitwärts von ihm zwei Indianer, doch ohne Daniel zu treffen, der sich zugleich über dem Stamme aufrichtete und einen dieser Wilden durch den Kopf schoß, noch ehe derselbe sich hinter den Baum zurückziehen konnte. Mit einem furchtbaren Kriegsgeschrei stürzte der Neger nun hinter dem Stamm hervor und auf den Indianer zu, der zwischen ihm und Carl hinter der Eiche stand, der Wilde aber richtete seine Büchse ihm entgegen und würde dem Leben Daniels wahrscheinlich ein Ende gemacht haben; es blitzte aber in diesem Augenblicke von Carl her, und mit einem gellenden Todesschrei brach der Indianer zusammen.

»Hurrah!« schrie Carl, daß es weit durch den Wald schallte, und sprang seinem Freunde entgegen, und »Hurrah!« schrie Daniel und wandte sich den drei anderen Indianern zu, die jetzt die Flucht ergriffen und wie Hirsche zwischen den Bäumen davon sausten.

»Halt -- Du mußt zurückbleiben!« rief der Neger jetzt dem Letzten der fliehenden Wilden zu und hob stillstehend sein Gewehr an die Schulter. »Du bist ein Waco -- eine Schlange, und hast wohl einmal vom schwarzen Panther gehört!«

Das Feuer fuhr aus der Büchse Daniels, und so blitzschnell auch der Indianer in seinem Lauf hin und hergesprungen war, so hatte ihn doch die Kugel des Negers erreicht, und er überschlug sich im Todessturze zwei -- drei -- viermal.

Carl hatte den Augenblick benutzt, sein abgeschossenes Rohr wieder zu laden, Daniel aber unterbrach ihn darin, indem er seine Hand hastig ergriff und seine Lippen darauf pressend ausrief:

»Der gütige Gott hat uns gerettet, junger Herr, ihm sei Lob und Dank dafür!«

Freudebebend drückte er abermals Carls Hand an seinen Mund und sagte dann:

»Ich habe Ihnen wieder mein Leben zu danken, die Rothhaut hatte ruhig und gut gezielt, ich fühlte schon in Gedanken die Kugel, da machten Sie Funken und, wahrhaftig sie hatten nicht schlechter gezielt.«

»Und auch Du hast mir das Leben gerettet, Daniel, denn wenn Du mir nicht gewinkt hättest, wodurch Du Dein eignes Leben aufs Spiel setztest, so würde ich nichts von den Indianern gewahr worden sein, bis ich ihre Kugeln gefühlt hätte. Du hast eben so viel, und noch mehr für mich gethan, wie ich für Dich; denn auf mich wurde keine Büchse gerichtet.«