Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 16

Chapter 163,731 wordsPublic domain

Am folgenden Morgen gab es nun viele Arbeit im Fort. Turner und dessen Frau und Tochter zerlegten das Fleisch und salzten es ein, einen Theil davon aber hingen sie, in dünne Scheiben zerschnitten, auf Stöcken über ein stark rauchendes Kohlenfeuer, wo auch die Sonnenstrahlen darauf einwirken konnten, um es schnell zu trocknen. Daniel und Carl nahmen die beiden Büffelhäute vor und reinigten sie mit dem Ziehmesser von allen Fleischtheilen, welche noch an der Haut saßen; dann bestrichen sie die schönste derselben mit dem Gehirn der beiden Büffel und falteten sie zusammen, um sie am folgenden Tage zu gerben; die zweite Haut aber legte Daniel mit dem Haar nach unten auf einen ganz ebenen Platz, und nagelte sie auseinandergespannt mit hölzernen Pflöcken auf die Erde fest. Dann stach er sein sehr scharfes Messer in die Mitte derselben ein, drehte es in einen kleinen Halbzirkel, so daß er die Haut hier fassen konnte, und begann nun einen zollbreiten Streifen aus derselben zu schneiden, indem er ihn mit der linken Hand an sich zog und ihn im Kreise immer weiter aus der Haut löste, bis er endlich die Holzpflöcke erreichte und das ganze Fell in einen, mehrere hundert Fuß langen Streifen zerschnitten war. Dieses Band wurde nun zwischen einzelnstehenden Bäumen von einem Stamme zum andern ausgespannt und die Haare davon mit scharfen Messern abgeschabt. Außer Carl mußten Arnold und Wilhelm dem Neger bei dieser Arbeit behülflich sein, und nachdem sie sauber vollendet war, wurden schwere Holzstücke an den Hautstreifen gehangen, damit derselbe sich so lang als möglich ausdehne. Dabei wurde er naß erhalten und am folgenden Morgen in fünf gleich lange Stücke zerschnitten. Dieselben rollte Daniel zu Knäueln auf, band deren Enden zusammen und hing sie an den Ast eines Baumes. Nun begann er, diese fünf Streifen fest zusammen zu flechten, so daß er einen Strick daraus bereitete, der über vierzig Fuß lang war. Denselben spannte er abermals zwischen zwei Bäumen aus, rieb ihn tüchtig mit Bäröl ein und hing schwere Gewichte daran, um ihn möglichst auszudehnen, wodurch er dünn und rund wurde und die einzelnen Streifen sich fest ineinander zogen. Nachdem dieses Lederseil mehrere Tage so ausgespannt und vollkommen getrocknet war, verflocht Daniel das eine Ende desselben zu einer Schlinge, wodurch der Lasso fertig wurde. Er war sehr glatt und geschmeidig und von außerordentlicher Stärke. Die andere Büffelhaut hatte Daniel gegerbt, sie war weich und zart, wie ein Tuch, und gab für Carl eine prächtige Bettdecke.

Eines Morgens beim Frühstück, als Madame Turner das Gefäß mit Honig auf den Tisch setzte, welchen sie zum Versüßen des Kaffee's von Warwicks erhalten hatte, sagte sie: »Hier ist aber der letzte Honig, wir müßten einmal versuchen, ob wir nicht von Warwicks welchen kaufen könnten.«

»Honig kaufen?« rief Daniel lachend, »das wäre schön -- wir wohnen ja in dem Lande, wo Honig fließt. Nein, Madame Turner, Sie brauchen deshalb nicht zu Warwicks zu schicken, ich will Ihnen sogleich so viel holen, wie Sie bedürfen. Geben Sie uns nur einige Eimer, und in ein paar Stunden sollen dieselben mit Honig gefüllt sein.«

Madame Turner hielt Daniel beim Wort, und nach dem Frühstück nahm er die drei Knaben mit sich nach dem Ufer des Flusses, wo dasselbe sich sandig abflachte. Dort setzte er sich nieder und hielt seinen Blick auf den Wasserrand geheftet. Nach wenigen Minuten schon kamen mehrere Bienen geflogen und ließen sich zum Trinken an dem Wasser nieder. Als sie sich wieder in die Luft erhoben, folgte Daniel ihnen mit dem Blick, so weit er sie sehen konnte, ging dann bis dorthin und steckte einen Stock in die Erde, auf welchem er ein mit Honig bestrichenes Papier befestigt hatte. Nach kurzer Zeit fielen mehrere Bienen auf dasselbe nieder und beluden sich schnell mit der Süßigkeit. Als sie nun wieder davon flogen, folgte ihnen Daniel abermals mit dem Stock und pflanzte denselben da auf, wo er sie zuletzt gesehen hatte. So ging es nun wohl eine Viertelstunde weit am Waldsaume hin, bis die Bienen, deren Zahl sich schnell vermehrt hatte, sich von dem Papier nach einer alten Platane wandten, die an dem äußersten Ende des Waldes stand.

»Dort in jenem Baume wird wohl ihre Wohnung sein,« sagte Daniel, indem er nach der Platane ging und deren Aeste betrachtete.

»Richtig, da oben sind sie,« rief er den Knaben zu, »sehen Sie den schwarzen Fleck an jenem starken Aste? Das sind die Bienen vor dem Eingange ihres Baues. Carl, zünden Sie ein tüchtiges Feuer hier an, ich will mich auf den Baum machen und den Ast abhauen.«

Der Neger warf nun den Lasso über einen der Aeste des ungeheuren Baumes, so daß die beiden Enden an dem Stamme herunterhingen, befestigte sie um denselben und kletterte nun an dem Seile hinauf. Dann ließ er eine Leine von oben herab, an welche die Knaben die Holzaxt binden mußten, die er daran zu sich heraufzog. Nun stieg er nahe zu dem Aste hin, in welchem die Bienen hausten, und begann ihn dicht am Stamme abzuhauen. Es war keine leichte Arbeit, denn der Ast hatte über drei Fuß im Durchmesser und der Stand des Negers war unbequem, so daß dieser sich oftmals ruhen mußte; dennoch begann nach einer Stunde der Ast sich zu neigen und stürzte plötzlich mit lautem Krachen zur Erde nieder. Er zerbrach im Falle in mehrere Stücke, und die Aushöhlung, in welcher der Honig sich befand, war geöffnet. Die Bienen wirbelten sich, wie eine schwarze Wolke über ihrer zertrümmerten Wohnung auf, und Daniel rief den Knaben zu, beim Feuer zu bleiben, bis er hinabgestiegen sei. Er ließ sich nun wieder an dem Lasso zur Erde nieder, eilte zum Feuer und ergriff einige Feuerbrände. Die Knaben mußten desgleichen thun, und nun trugen sie die rauchenden Stücke Holz zu dem zerbrochenen Aste, unbekümmert um die Bienen, die denselben dicht umschwärmten. Der starke Rauch vertrieb die erzürnten Thiere schnell, und ihre Räuber begannen nun, mit den Messern die Wachszellen aus der Höhlung des Astes zu schneiden und die mitgebrachten Gefäße damit zu füllen. Der Honig war so hell, wie Wasser, und von so köstlichem gewürzigen Geschmack, daß die vier Bienenjäger sich während der Arbeit nach Herzenslust daran labten. Sie hatten vier Eimer damit gefüllt und traten schwer beladen ihren Rückweg nach dem Fort an, wo Madame Turner durch den herrlichen Honig freudig von ihnen überrascht wurde.

»An Honig soll es nie fehlen, denn ich will mich verbindlich machen, in ganz kurzer Zeit über hundert Bienenstöcke aufzufinden,« sagte Daniel, erfreut, seinen Freunden sich abermals nützlich erwiesen zu haben. »Es wäre aber schade, wenn wir uns die Bienen entgehen lassen wollten, denn es ist ein kräftiger junger Schwarm; wir wollen sie heute Abend einfangen und hier beim Fort aufstellen.«

Um dies auszuführen, wurde im Walde ein Stück von einem umgefallenen hohlen Baume abgeschnitten und mit den Ochsen nach dem Fort geschleift. Dort wurde es mit der unteren Oeffnung auf ein Brett gestellt, die obere mit einem solchen vernagelt und ein Eingang an dem untern Rande eingeschnitten. Als nun der Abend kam, begaben sich die Bienenjäger wieder nach dem abgehauenen Aste, wo sie die Bienen auf einen Haufen versammelt fanden. Daniel schüttete sie in einen Sack, trug sie nach dem Fort, und schüttelte sie dort in den hohlen Baumstumpf hinein, der dann wieder auf das Brett gestellt wurde. Schon am folgenden Morgen fingen die Bienen an zu arbeiten, und ihre neue Wohnung mit Zellen zu versehen.

Alles gedieh unter der Arbeit und der Sorge der fleißigen Ansiedler; der Garten lieferte ihnen ununterbrochen einen Ueberfluß an herrlichen Gemüsen und Früchten; die köstlichsten Melonen kamen trotz der Winterzeit zur Reife, sehr schmackhafte Kürbisse wurden geerntet und andere wegen ihrer äußern Schale gezogen, die zu Gefäßen aller Art benutzt wurden, und süße Kartoffeln und Erdnüsse wuchsen in Menge. Auch der Viehstand hatte sich vermehrt, es waren mehrere Kälber geboren, die Sau hatte acht niedliche Ferkel zur Welt gebracht und die Hühner waren kaum noch zu zählen. Diese wurden gänzlich sich selbst überlassen, sie schliefen während der Nacht in den nächststehenden Bäumen, brüteten in den Büschen ihre Eier aus, und führten dann ihre Kleinen nach dem Fort, wo eine solche Schaar jungen Anwuchses immer freudig begrüßt wurde.

Das Rauchhaus war mit Fleisch gefüllt, die durch Daniel und Carl verfertigten Bütten mit Salzfleisch versehen, ein großer Vorrath von Heu war im Fort aufgestapelt, und eine zweite Ladung Mais war vom Choctawbache herbeigeschafft worden. Die Familie Warwicks hatte Turners wiederholt besucht, und alle deren Mitglieder freuten sich innig über das segensreiche Gedeihen der Ansiedelung. Warwick war jederzeit eine Gelegenheit willkommen, wo er Turners gefällig oder dienlich sein konnte, und er brachte ihnen bei seinen Besuchen immer irgend ein nützliches Geschenk mit. So hatte er ihnen einen Beutel voll Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosenkerne geschenkt, um sie zu pflanzen, da in diesem Lande aus den Kernen die vortrefflichsten Obstbäume gezogen werden, und meist schon im vierten Jahre Früchte tragen. Auch hatte er bei seinem letzten Besuche vier ausgewachsene junge Hunde mitgebracht, damit dieselben helfen sollten, das Fort zu bewachen.

Bei dieser Gelegenheit sprach er auch sein großes Erstaunen darüber aus, daß Turners so ganz und gar von den Feindseligkeiten der Indianer verschont geblieben waren, und erklärte, daß dies zu den wirklich ungewöhnlichen Ausnahmen gehöre. Er hoffte und wünschte, daß diese Ruhe nicht diejenige sein möge, welche einem schweren Sturme voranzugehen pflege, und rieth besonders unausgesetzte Vorsicht an.

Die Weihnachten naheten und Madame Turner konnte nicht umhin, auch hier Vorbereitungen für das Begehen des Festes zu treffen, wie sie so oft frohen Herzens in dem alten theuren unvergeßlichen Deutschland gethan hatte.

Es wurden aus dem Wachs der wilden Bienen kleine Kerzen bereitet, es wurden Honigkuchen gebacken, zu welchem Zwecke von Warwicks ein Fäßchen Weizenmehl gekauft worden war, Nüsse, und zwar die allerherrlichsten, hatte der Wald geliefert, nur der Tannenbaum, wie er in Deutschland das Weihnachtsfest zierte, war hier nicht zu finden. Statt seiner schaffte aber Daniel einen schönen Cederbaum an, und stellte ihn am Weihnachtsabend in einem der Häuser auf. Der Neger, der noch nie dies Fest hatte begehen sehen, der aber so viel durch die Kinder darüber erfahren hatte, freute sich selbst wie ein Kind darauf, und konnte kaum den Abend erwarten, bis er die Lichter an dem Baume brennen sehen würde.

Die Nacht brach herein und Alle, bis auf Madame Turner, hatten sich in dem Wohnzimmer versammelt, während diese in der Stube bei dem Baume beschäftigt war. Endlich ertönte die Schelle, die Thür in dem andern Hause öffnete sich, der helle Kerzenschein drang aus ihr hervor, und die Kinder stürmten mit ihrem Freunde Daniel, und von Turner gefolgt, in das blendend erleuchtete Gemach. Da hob sich der geschmückte Baum im prächtigen Lichterglanz, Kisten mit bunten Tüchern überdeckt, vertraten die Stelle der Tische, und auf ihnen lagen Geschenke für alle Anwesenden und standen Teller mit allerlei Backwerk und Nüssen.

Dabei war das Zimmer mit blendend weißen Leinentüchern behangen und mit frischem immergrünen Laub geziert, und neben dem Kamin, in welchem ein lustiges Feuer flackerte, stand auf einem improvisirten Tische ein großer Suppennapf mit dampfendem Punsch, wozu Warwicks gleichfalls die Ingredienzen geliefert hatten. Die Freude, der Jubel Aller war groß, der Neger aber schien am Tiefsten ergriffen.

Er stand verwundert und sprachlos da, und wußte nicht, wohin er seine Blicke wenden sollte, bis Madame Turner ihn freudig bei der Hand ergriff und ihn zu dem Tische führte, auf welchem seine Geschenke lagen. Sie hatte für ihn, so wie für Carl, eine Weste aus Hirschleder gearbeitet und schön mit bunter Seide gestickt, Turner hatte sich vom Choctawbache her eine Pfeife und Taback für ihn verschafft und außerdem ihn mit Baumwollenzeug zu einem ganzen Anzug beschenkt. Die dankbare Rührung des Negers überwältigte ihn vollständig, bebend küßte er Allen die Hände, und Thränen der Freude netzten seine schwarzen Wangen. Carl fand auf seinem Tische eine goldene Uhr, welche Turner für ihn aus Deutschland mitgebracht hatte, und eine Menge kleiner Handarbeiten von seiner Tante und von Julie prangte daneben im hellen Lichtscheine.

Arnold und Wilhelm waren von ihrer Mutter mit ledernen Jacken beschenkt, die sie aus den Häuten von Hirschen verfertigt hatte, welche durch die Knaben selbst erlegt worden waren.

Wenn nun auch Manches fehlte, was in Deutschland dazu beigetragen hatte, die Feierlichkeit und den Glanz des Weihnachtsfestes zu erhöhen, so war die Heiterkeit und das Glück der Ansiedler deswegen nicht weniger groß, und mit wonnig bewegten Herzen gaben sie sich der Freude hin, die ihnen der heilige Abend bot.

Er verstrich in sorgloser Fröhlichkeit, und Mitternacht mahnte daran, daß es Zeit sei, sich zur Ruhe zu begeben, als die Hunde außerhalb des Forts plötzlich ein wüthendes Gebell anstimmten. Sie waren durch die, für sie angelegten kleinen Oeffnungen in den Pallisaden hinaus gerannt, und schienen im Anfang ganz in der Nähe der Festung irgend einen Feind vor sich zu haben, bald aber entfernte sich der Lärm in der Richtung nach dem Pflaumenbache hin, wo er zuletzt verhallte.

Turner, Daniel und die Knaben hatten eilig zu ihren Waffen gegriffen, und sich damit in dem Hofe aufgestellt.

Sie hefteten ihre Blicke gegen den nächtlichen Himmel auf die Spitzen der Pallisaden, um etwaigen Feinden das Uebersteigen zu wehren, und lauschten dabei auf jeden Ton nahe und fern. Bald aber kamen die Hunde sämmtlich zurück in das Fort und gaben dessen Bewohnern durch ihre Rückkehr die beruhigende Ueberzeugung, daß kein Feind sich mehr in der Nähe befinde. Daniel bat seine Freunde dringend, sich zur Ruhe zu begeben, er selbst wolle während dem Rest der Nacht im Hofe wachen, wobei Carl es sich nicht nehmen lassen wollte, ihm Gesellschaft zu leisten.

Turners dankten ihm für seine Liebe, seine Fürsorge und gingen dann beruhigt nach ihren Lagern, worauf Daniel die vier, von Warwick erhaltenen Hunde aus dem Fort schickte, Pluto aber bei sich behielt. Dann setzte er sich mit Carl auf die Bank vor dem Hause, von wo er die Pallisaden übersehen konnte, und erzählte seinem jungen Freunde von den vielen blutigen Fehden, die er unter den Indianern mitgefochten hatte. Die Nacht verstrich aber ohne alle Störung, und als der Tag kam, und Turner wieder im Hofe erschien, ging der Neger mit Carl aus dem Fort, um sich davon zu überzeugen, was die Ursache der nächtlichen Störung gewesen sei. Er suchte um den Fuß des Hügels in dem bethauten Gras, und erkannte bald an den niedergebeugten und zerknickten Halmen die Spur der Hunde, wo sie ihren Feind verfolgt hatten. Die Fährte des Feindes selbst konnte er in dem Grase nicht unterscheiden, er ging aber der Spur bis in den Wald am Pflaumenbach nach. Dort wandte sich dieselbe am Holze hin und auf dem ersten Büffelpfad in dasselbe hinein. Hier blieb Daniel stehen, gab Carl seine Büchse zu tragen, und legte sich nun auf die Kniee nieder, um die staubige Erde auf dem Wege zu untersuchen. Er war nur eine kurze Entfernung auf demselben hingekrochen, als er Carl zu sich rief, und ihm den kaum sichtbaren Abdruck eines menschlichen Fußes in dem leichten Staube zeigte.

»Es sind Waco- oder Tonkoway-Indianer gewesen, man kann es deutlich an der Schärfe der dicken harten Sohlen unter ihren Mokassins erkennen,« sagte er.

»Diese beiden Stämme sind sogenannte Fußindianer, und zwar die einzigen, welche diese südlichen Länder bewohnen, während alle übrigen Stämme Pferdeindianer sind, das heißt, Indianer, welche ihre Jagd- und Kriegszüge zu Pferde machen und stets große Heerden dieser Thiere auf ihren Wanderungen mit sich führen.

Die Pferdeindianer sind Jahr aus Jahr ein auf der Reise, sie leben ausschließlich von der Jagd, ziehen im Frühling weit nach Norden in die großen endlosen Prairien, den unzähligen Büffelheerden nach, und kehren im Herbst wieder nach Süden zurück, wo die Weiden nie aufhören zu grünen. Diese Fußindianer dagegen verlassen diese Gegend nicht, und schleichen wie Schlangen in den Wäldern und Büschen umher, weil sie mit den Pferdeindianern in ewigem Kriege leben, und von ihnen ebenso sehr gehaßt und verfolgt werden, wie von den weißen Grenzansiedlern.

Sie sind sämmtlich mit Feuerwaffen versehen, während die anderen Wilden dieser Länder keine solche besitzen, und darum sind sie auch viel gefährlicher, als diese. Wir müssen jetzt sehr auf unsrer Hut sein, denn dies ist sicher nicht ihr letzter Besuch bei uns gewesen.«

Der Neger zeigte seinem Gefährten nun die Spur noch weiter auf dem Pfade hin, um ihn dadurch zu unterrichten, und dann begaben sie sich nach dem Fort zurück, um noch einige Vorsichtsmaßregeln gegen solche nächtliche ungebetene Gäste zu treffen.

Dort angelangt, verfertigte Daniel aus dem Bandeisen, womit die Kisten Turners benagelt gewesen waren, zwei weitläufige Geflechte in der Form von Körben, welche dazu dienen sollten, Kienspäne darin anzuzünden und die Umgebung des Forts bei Nacht schnell zu beleuchten. Er errichtete nun in jeder der beiden vorderen Ecken der Pallisadenwand aus leichten Baumstämmen hohe Galgen, und befestigte an die Spitze von deren Armen eine Rolle. Durch diese zog er eine eiserne Kette, an deren Ende er einen der Körbe anhing, so daß man denselben daran aufziehen konnte, bis er mehrere Fuß hoch über den Pallisaden in der Luft hing. Auf diese Weise wollte der Neger bei einer nächtlichen Störung die ganze Umgebung des Forts hell erleuchten, damit man durch die Schießscharten den Feind erkennen und nach ihm feuern könne. Die Vorrichtung war außerordentlich einfach und sehr bald ausgeführt, und auch noch ein tüchtiger Vorrath von Kienspänen herbeigeholt.

Diese neue Erinnerung an die Gefahr, in welcher Turners lebten, hatte ihre Besorgniß wieder frisch angefacht, mit Bangen sahen sie den Abend nahen und fuhren bei dem leichtesten Gebell der Hunde zusammen. Die Pferde wurden mit Sonnenuntergang schon aus dem Grase geholt, getränkt und in das Fort geführt, dann das Thor desselben geschlossen, und die vier neuen Hunde hinausgelassen und ausgesperrt. Die Schrotflinten waren sämmtlich für eine etwaige Vertheidigung der Festung mit Röllern geladen, und alle übrigen Waffen zum schnellen Gebrauch in Bereitschaft gesetzt.

Mehrere Wochen eilten aber wieder dahin, ohne daß von Indianern Etwas gesehen worden wäre, und die Besorgniß der Ansiedler nahm abermals nach und nach in der Gewöhnung an die Gefahr ab. Die Zeit war gekommen, daß das Feld mit Mais bestellt werden mußte, bei welcher Arbeit abwechselnd bald Turner, bald Carl dem Neger behülflich war, Einer von ihnen aber immer in dem Fort zurückblieb.

Während das Feld nun nochmals gepflügt und dann besäet wurde, mußten die Hunde dessen Umgebung bewachen, zu welchem Zwecke Daniel sie auf allen vier Seiten desselben ankettete.

Auch diese Arbeit wurde ohne alle Störung ausgeführt, und nach wenigen Wochen zeigte der Mais sich in frisch grünen Reihen über dem Felde. Die Freude der Colonisten über diese üppig aufschießende Hoffnung für die erste Ernte war groß, und mit Leidwesen zogen sie auf das Anrathen Daniels die vielen überflüssigen Pflanzen aus den schönen Reihen, obgleich der Neger ihnen erklärte, daß an einer geringern Zahl derselben bedeutend mehr und besserer Mais wachsen würde. Bei dieser Arbeit halfen auch Arnold und Wilhelm, so wie sie sich auch fleißig dabei betheiligten, als mit der Hacke die Erde um die Pflanzen aufgehäuft wurde. Von dem Hügel aus konnte man nach dem Felde hinsehen, und sobald das Fort am frühen Morgen geöffnet wurde, erfreuten sich die Bewohner desselben an dem hellgrünen Schein, womit der Mais zu ihnen herüberglänzte. Man mag sich nun den Schrecken der Ansiedler denken, als sie eines Morgens aus der Festung traten und sahen, daß das Feld, so wie die ganze Grasfläche vom Fuße des Hügels an bis in die Ecke am Pflaumenbach, sich in einen See verwandelt hatte. Carl war der Erste, der die Ueberschwemmung gewahrte, und auf seinen Ruf kamen alle Uebrigen herausgeeilt, um eben so traurig überrascht zu werden.

»Das ist Wasser aus dem Pflaumenbache, denn der Bärfluß ist ja nicht gewachsen,« sagte Daniel, indem er sinnend auf den ruhigen Wasserspiegel blickte, der sich wohl eine halbe Meile weit an dem Walde des Pflaumenbachs hinaufzog. »Sicher ist der Abfluß des Baches in den Bärfluß gehemmt, und darum hat sich das Wasser seitwärts Luft gemacht. Wie kann dies aber geschehen sein?«

»Sollten uns die Indianer vielleicht einen Streich gespielt haben, um unsere Ernte zu zerstören?« bemerkte Turner.

»Nein,« entgegnete Daniel mit Bestimmtheit, »von Indianern haben wir nur verborgene oder offene Angriffe auf unsere Person zu erwarten, sie werden, wenn es in ihrer Macht steht, uns tödten; uns aber nur Schaden zuzufügen, das fällt ihnen nicht ein. Warum bringen sie unsere Kühe nicht um, die oftmals so weit in die Prairie hinausgehen, daß wir sie von hier aus nicht mehr sehen können? Wenn sie das Wasser so hoch zu stauen im Stande wären, daß wir darin ertrinken müßten, oder wenn sie es uns bei einer Belagerung gänzlich entziehen könnten, um uns verdursten zu lassen, so würden sie es thun; aber eine solche schwere Arbeit auszuführen, wie das Abdämmen des Pflaumenbaches, ohne daß sie unser Leben dadurch gefährdeten, daran werden sie nicht denken. Es hat eine andere Ursache, mag sie sein, welche sie will. Wir werden sehr bald darüber ins Klare kommen; nehmen Sie Ihre Waffen, junger Herr, wir wollen gleich nach dem Pflaumenbache hingehen.«

Hiermit sprangen der Neger und Carl in das Fort, Beide ergriffen ihre Büchsen und eilten an der Einzäunung des Gartens hin bis an das Ufer des Bärflusses, denn dasselbe lag höher, als die Prairie, und war noch von Wasser frei. Sie folgten dem Ufer in den Wald hinein, und konnten nur mit großer Mühe dort ihren Weg darauf fortsetzen, weil dasselbe dicht mit Dornen und Büschen bedeckt war. Dennoch bahnten sie sich ihren Weg und trafen schon hier und da das Wasser bis auf das Ufer des Bärflusses vorgedrungen. Sie schritten bald bei dem überschwemmten Felde vorüber und näherten sich der Mündung des Pflaumenbaches, hörten aber das gewohnte heftige Rauschen nicht, womit derselbe seine Fluthen in den Bärfluß hinabstürzte. Hier war der Boden des Waldes auch trocken, und als sie nun das Ufer des Pflaumenbaches erreichten, fanden sie dessen Bett größtentheils von Wasser frei, und nur hier und dort eine Vertiefung mit demselben angefüllt.

»Wie ich es vorhersagte, der Bach ist abgedämmt, aber weiter nach oben,« sagte Daniel, von dem Ufer hinabblickend, »ich bin doch wirklich neugierig, wie dies geschehen ist; ich kann mir nicht denken, daß es die Indianer gethan haben sollten. Kommen Sie, wir wollen am Bache hinaufgehen, um uns das Räthsel zu lösen.«

Der Neger voran, und Carl ihm folgend, waren sie nur eine kurze Strecke gegangen, als Daniel stehen blieb und in das Bett des Baches hinabzeigte, indem er sagte:

»Dem Burschen da unten wollen wir aber doch das Lebenslicht ausblasen; sehen sie den ungeheuren Alligator, wie er aus dem Wasserloch hervorsieht, es ist zu seicht für ihn. Halten Sie meine Büchse, ich will ihm den Kopf abhauen.«