Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 14

Chapter 143,767 wordsPublic domain

Die Nacht verstrich in ungestörter Ruhe und kaum graute der Tag, als Daniel seinen jungen Freund weckte und Beide ihr Jagdgeräth umhingen, um das geraubte Kalb aufzusuchen. Turner ließ sie aus dem Thor, was er stets zu thun pflegte, wenn die Beiden sich entfernt hatten. Daniel folgte nun der Spur des Jaguars, welche er leicht an dem niedergedrückten Grase erkennen konnte. Bald hatte er mit seinem Gefährten den Wald erreicht, wo einzelne gebrochene Pflanzen oder der wunde Erdboden, auf dem das Raubthier seine Tatzen niedergesetzt hatte, als Wegweiser dienen mußten. Dem Neger schien es durchaus keine Schwierigkeit zu machen, auf der Fährte zu bleiben, wenn Carl auch kein Zeichen derselben erkennen konnte. Daniel aber stand oft still und zeigte seinem Freunde die unbedeutenden Merkmale, denen er folgte, und unterrichtete ihn, dieselben zu bemerken. Die Spur zog sich in ziemlich gerader Richtung zwischen den Büschen hin, wie es schien, der Gegend zu, wo der Pflaumenbach in den Bärfluß mündete. So weit hatte jedoch der Jaguar nicht für nöthig gefunden, seinen Raub zu tragen, denn plötzlich standen die beiden Jäger vor dem zerrissenen Kalbe, von welchem sein Mörder die ganze eine Seite verzehrt hatte. Die Ueberreste davon lagen in einem Dickicht, welches aus Dornen, Rankengeflecht und hohen Kräutern bestand und von den Laubmassen der umstehenden Bäume, die ihre Aeste bis auf den Boden herabhängen ließen, versteckt wurde.

»Dies ist ein böser Platz, um dem Burschen aufzulauern, an Schießen ist hier nicht zu denken, und dann würde er uns auch früher gewahren, als wir ihn. Wir müssen sehen, wohinaus er von hier gegangen ist und ihn auf seinem Rückwege erwarten,« sagte Daniel und suchte auf dem Boden, um im Dickicht die Spur des Jaguars aufzufinden. Plötzlich blieb er stehen und sagte:

»Er ist gestern Abend, nachdem er sich gesättigt hatte, von hier fortgegangen und heute früh wieder hierher zurückgekehrt. Vielleicht haben wir ihn selbst so eben verscheucht. Hier steht eine Spur, die von dem Pflaumenbach her in das Dickicht führt, und zwei, die dorthin zurückzeigen, und hierbei ist eine ganz frische. Nun wird er während des Tages sicher nicht wieder kommen, aber umso gewisser gegen Abend. Wir wollen jedoch schon früh genug hier sein. Lassen Sie uns dieser frischen Fährte folgen, bis sie über eine offene Stelle im Walde führt, auf der man um sich sehen kann.«

Mit diesen Worten schritt Daniel, gebückt und auf den Boden spähend, voran und Carl vorsichtig hinter ihm her. Nach einer Weile blieb der Neger stehen und schaute um sich auf die Erde.

»Dort, wo Sie stehen, ist die Fährte ganz deutlich in dem feuchten Boden ausgedrückt, hier vermisse ich sie!« rief er Carl zu. »Gehen Sie nicht von jener Stelle, ich will in einem weiten Bogen um Sie gehen, dann muß ich die Fortsetzung der Spur finden.«

Er hatte nur kurze Zeit in einiger Entfernung von Carl gesucht, als er sich mehr zu dessen rechter Seite befand und rief:

»Kommen Sie hierher, der Bursch ist über diesen freien Platz gegangen, und hier soll er auch sterben; eine vortheilhaftere Gelegenheit, um ihm unbemerkt aufzulauern, kann man sich nicht wünschen.«

Als Carl aus den Büschen hervor zu Daniel trat, zeigte dieser auf die Erde vor sich und sagte:

»Sehen Sie, hier ist er frisch hinüber geschritten, und dort in dem Büschchen vor jener alten Eiche sollen Sie sich heute Abend verbergen; ich wette Zehn gegen Eins, daß er diesen Weg wieder zurück einschlägt. Nun wollen wir aber nochmals nach dem Kalbe eilen und auch der andern Fährte nachgehen, damit ich für mich gleichfalls einen Platz aussuche; denn es wäre ja möglich, daß er dort zurückginge.«

Mit derselben Sicherheit verfolgte Daniel bald darauf die andere Spur, die sich etwas weiter rechts wandte, und wählte auf derselben wiederum eine weite Blöße, um Abends darauf selbst seinen Stand zu nehmen. Dieselbe war einige hundert Schritt von der für Carl gewählten entfernt und durch ein undurchdringliches Dickicht von ihr getrennt. Nachdem sich die Jäger genau die Plätze gemerkt hatten, begaben sie sich auf den Heimweg, wollten aber im Vorübergehen doch nach ihrer Falle sehen. Zu Carls übergroßer Freude saßen richtig wieder zwei Hähne in der Hütte, die schnell getödtet und hervorgezogen wurden.

»Nun wollen wir aber die Falle schließen und erst dann wieder öffnen, wenn wir Wild nöthig haben,« sagte der Neger und verstopfte den Eingang mit Büschen. Dann nahm er einige Hände voll Mais aus den Taschen und streute sie auf den Pfad, damit die Vögel sich daran gewöhnen sollten, hier immer Futter zu finden.

Ziemlich ermüdet kehrten die Jäger mit der neuen Beute nach dem Fort zurück, wo Madame Turner sie mit Bärentatzen zum Frühstück tractirte. Nach gehaltener Rast begab sich Daniel, von Herrn Turner unterstützt, an den Aufbau eines Rauchhauses, welches sie aus dünnen Baumstämmen aufführten und mit Schindeln bedeckten; Carl aber nahm die Angel, um zu versuchen, ob er eine Schildkröte fangen könne. Zu diesem Zwecke werden vier große Fischhaken so mit dem Rücken zusammengebunden, daß die Spitzen nach allen vier Seiten auseinander stehen. Wenn sie nun an der Leine befestigt sind, so bindet man einige Zoll über denselben ein Stück Fleisch an die Schnur und senkt sie in das Wasser. Die Schildkröte ergreift das Fleisch mit den beiden Vorderpfoten, mit denen sie es fest hält, um es zu benagen; wird nun die Angel schnell in die Höhe gezogen, so muß einer der Haken in die Füße des Thieres fassen, und es ist gefangen.

Nicht weit vom Fort machte der Fluß im Walde eine sehr kurze Biegung, und der Strom, der mit aller Kraft sich hier hereindrängte, hatte das Ufer unterhöhlt. Das Wasser war sehr tief, und Carl kannte diese Stelle als einen Lieblingsplatz der Schildkröten, weshalb er hierher eilte und seine Angel auswarf. Er hatte gar nicht lange auf dem Rande des hohen Ufers gestanden und den Bewegungen des schwimmenden Korks zugesehen, den der Strudel in dieser Bucht im Kreise herumtrieb, als es an der Angel zuckte. Es zuckte wieder und stärker und nun wurde der Kork in die Tiefe gezogen. Carl schlug schnell die Angel in die Höhe, fühlte aber gleich, daß ein sehr schweres Gewicht daran hing; es mußte eine große Schildkröte sein, die jetzt mit dem Strome davon eilte und gewaltig an der Angel riß. Carl hielt dieselbe mit aller Kraft an, in diesem Augenblicke aber glitt er mit beiden Füßen auf dem lockern Boden des Ufers aus, und schoß von demselben hinab in die Fluth. Er sank bis auf den Grund, stieß sich von dort wieder nach oben und gerieth, anstatt auf die Oberfläche des Stromes, unter die ausgehöhlte Uferbank in tausend Wurzeln, die aus derselben in dem Wasser hinabhingen. Er verlor jedoch die Geistesgegenwart nicht, sondern erkannte sofort seine Lage, stieß sich mit geöffneten Augen wieder in die Tiefe hinunter und dann nach dem Lichte hinauf, wo er im nächsten Augenblicke über dem Wasserspiegel auftauchte. Mit einigen kräftigen Zügen erreichte er das jenseitige niedrige Ufer, auf dem er landete und sogleich sich nach seiner Angel umblickte, die er wohl hundert Schritt weiter stromabwärts schwimmen sah. Er lief auf dem Ufersand hin, sprang abermals in das Wasser und holte die Angel an das Land. Nun zog er vorsichtig die Leine an, und es gelang ihm, die Schildkröte trotz alles Sträubens auf den Sand zu ziehen. Sie wog gegen vierzig Pfund und war eine sogenannte weichschaalige, deren Schild sich zu Gallerte kocht und sehr schmackhaft ist. Er band die Leine um sie und schleifte sie hinter sich her durch den Wald bis an das Ufer gegenüber dem Fort, wo er Daniel rief, damit er ihn in dem Kanoe über den Fluß hole. Carls Erscheinung verursachte unter den Seinigen im ersten Augenblick Schreck und Besorgniß, dann wurde aber herzlich über sein Abenteuer gelacht und er selbst lachte tüchtig mit. Auf die köstliche Suppe aber, welche Madame Turner versprach, für den folgenden Tag aus der Schildkröte zu bereiten, freuten sich Alle schon im Voraus. Nachdem Carl sich umgekleidet hatte, betheiligte er sich beim Aufbauen des Rauchhauses, bis die Sonne sich zu neigen begann und Daniel an die Zeit mahnte, nach dem Walde zu gehen, um den Jaguar zu belauern. Heute versahen sich die beiden Jäger jedoch außer mit Büchse und Messer auch noch ein Jeder mit einem Revolver, und so ungern Turners auch sahen, daß Pluto sich vom Fort entfernte, so mußte er doch mitgehen.

Die Sonne stand noch ziemlich hoch über dem fernen Rand der Prairie, als die beiden Schützen den Platz im Walde erreichten, welcher für Carl ausgewählt war. Er machte seinen Sitz vor der Eiche zurecht und steckte noch mehrere Büsche vor sich herum, damit er dem spähenden scharfen Auge des Jaguars verborgen bleiben möchte. Eine Wurzel der Eiche stand ziemlich hoch aus der Erde hervor und bildete für Carl einen bequemen Sessel, während der Stamm des Baumes ihm als Rücklehne diente.

»Machen Sie nur keine rasche Bewegung, auch selbst nicht mit den Augen, denn der Jaguar überblickt die Blöße sicher, ehe er aus dem Dickicht hervortritt. Halten Sie Ihren Blick besonders dorthin gerichtet, von wo seine Fährte herführt, von dort wird er wohl kommen,« sagte Daniel, als Carl sich zurecht gesetzt hatte und Pluto hinter der Eichenwurzel verborgen lag. »Uebereilen Sie sich nur nicht und nehmen Sie sich Zeit zum Schießen. Steht das Thier still, so zielen Sie nach dessen Kopf, bleibt es im Gehen, so halten Sie ihm hinter das Schulterblatt, und sollte es nach dem Schusse auf Sie zuspringen, so setzen Sie ihm den Hund entgegen, dann werden Sie eine gute Gelegenheit finden, ihm die zweite Kugel durch den Kopf zu jagen. Vor Allem bleiben Sie ruhig und kaltblütig. Nun will ich mich auf meinen Stand begeben, Einem von uns wird er doch wohl kommen, hoffentlich Ihnen; Waidmannsheil!«

Mit diesen Worten eilte der Neger geräuschlos zwischen den Büschen und Stämmen hin und verschwand bald vor Carls Blicken.

Eine feierliche Ruhe herrschte durch den Wald, kein Lüftchen rührte sich, auch die zartesten Ranken, die wie leichtes buntes Spitzengewebe von den Aesten der hohen Bäume herabhingen, bewegten sich nicht, und jeden leisen Ton, wie das Fallen einer Frucht, das Hüpfen eines Eichhörnchens, konnte man weithin hören. Mit jeder Minute wurde es stiller und heimlicher, denn auch die Vögel verstummten und nur noch einzeln ließ ein Wasserrabe seine krächzende Stimme von dem Flusse her ertönen. Die letzten Strahlen der Sonne, die sich hier und dort durch die Laubmassen stahlen und sich blendend hell auf den Baumstämmen spiegelten, verblichen, und das Düster des Abends zitterte mit dem Wiederschein des Feuermeers am westlichen Himmel durch den Urwald. Carl saß regungslos und bewegte nur von Zeit zu Zeit langsam seinen Blick über die Blöße vor sich, um ihn dann wieder auf den Fleck zu heften, wo die Fährte des Jaguars aus dem Dickicht hervorkam. Dort war der feuchte Boden mit üppigen Pflanzen bedeckt, deren brennend rothe Kelchblumen aus dem tiefsten Schatten des darüber hängenden dichten immergrünen Lorbeergesträuches hervorleuchteten, und aus diesen dunkeln Laubmassen hingen die schneeweißen, federartigen, zwei Fuß langen Blüthen einer Magnolienart herab, die man »des alten Mannes Bart« nennt. Carl ergötzte sich an der Farbenpracht, die trotz des zunehmenden Düsters das saftige Grün des Laubes durchwirkte, da bewegte sich eine der weißen lang herabhängenden Blüthen, als sei der Strauch, an dem sie hing, durch irgend Etwas erschüttert worden. Mit verhaltenem Athem und fest gefaßter Büchse stierte Carl in das Dunkel unter den dicht belaubten Zweigen hinein, da bewegte sich abermals eine der weißen Blüthen, welche aus dem vordersten Busche hervorsah.

Jeder Nerv, jede Muskel in Carl war angespannt, sein Blick wollte das tiefste Dunkel durchdringen; da theilten sich die blutrothen Blumen und die goldgelbe schwarz gefleckte Gestalt des Königs dieser Wälder, des Jaguars, schritt lautlos zwischen ihnen hervor. Er stand jetzt still und seine wie Feuer glühenden Augen überspähten die Waldblöße. Carl hatte die Büchse schon an der Schulter, als der erste goldige Schein zwischen den rothen Blüthen sichtbar wurde, und blickte über den Lauf hin auf den buntgefleckten Kopf des Königthiers.

In dem Augenblick, als er seinen Schritt anhielt, preßte Carl die Büchse noch fester gegen die Schulter, heftete ihr Korn noch unbeweglicher auf das Haupt des Feindes und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs dröhnte durch den Wald und der Pulverdampf rollte sich in einer dichten Wolke über den offenen Platz, doch Carl hatte im Schuß schon erkannt, daß der Jaguar zusammenbrach.

»Pluto, faß!« schrie er dem Hunde zu und sprang mit der Büchse in der Hand durch die Büsche vor sich; da sah er das Raubthier an der anderen Seite der Blöße in das Dickicht hineinsetzen.

»Faß, Pluto!« rief er abermals dem Hunde nach, der schon die Dickung erreicht hatte und den Jaguar verfolgte. Auch Carl war mit wenigen Sprüngen in den Büschen und stürzte, sich gewaltsam Bahn brechend, vorwärts; da sperrte ein riesiger umgefallener Baumstamm seinen Weg. Zugleich hörte er an dessen anderer Seite die Stimme Pluto's, und erkannte, daß derselbe mit dem grimmigen Raubthier in verzweifeltem wüthenden Kampfe sei. Mit _einem_ Satze war er auf dem Baumstamme, um ihn zu überspringen; die Borke aber zerbrach unter seinen Füßen, und er selbst versank bis an die Brust in dem vollständig zu Pulver vermoderten Stamme. Er sah, wie der Jaguar seinen Hund unter sich liegen hatte, wollte sich aus dem Stamme hervorheben, um dem treuen Thiere zu helfen, da erblickte ihn der furchtbare Feind und wandte sich mit weit geöffnetem Rachen von dem Hunde ab, auf ihn zu. Carl senkte ihm seine Büchse entgegen mit dem Bewußtsein, daß er verloren sein würde, wenn die Kugel fehl ginge. Der Jaguar aber hatte nur einen Sprung vorwärts gethan, als Pluto ihn schon wieder erfaßte und seine Zähne in sein Hintertheil einschlug. Das Raubthier fuhr mit wildem Stoßgebrüll herum, um abermals den Hund zu ergreifen, da feuerte Carl, und die Kugel zerschmetterte den Kopf des wüthenden, gefährlichen Gegners.

In diesem Augenblick riß Daniel das nahe Gestrüpp auseinander und sprang mit gespannter Büchse aus demselben hervor, der Tiger lag todt zu seinen Füßen, und Pluto stand über ihm und ließ, ihn zwischen den Zähnen schüttelnd, seine Wuth an ihm aus.

»Gott sei gelobt!« rief der Neger, von dem getödteten Jaguar nach seinem jungen Freunde überrascht aufblickend, der seine Büchse von sich gelegt hatte und sich nun aus dem Baume hervorzuheben suchte.

»Um des Himmels Willen, wie kommen Sie in den Baum?« rief Daniel aus, indem er Carl zu Hülfe sprang, ihn aus seinem Gefängnisse zu befreien.

»Ich war in eine Falle gerathen, Daniel, und wenn Pluto, der brave treue Hund nicht noch zu rechter Zeit zugefaßt hätte, so würde es mir vielleicht so ergangen sein, wie dem Kalbe. Das Thier sprang wüthend auf mich ein,« entgegnete Carl lachend, und trat frohlockend zu dem Jaguar hin.

»War recht, Pluto, so war es recht, alter treuer Kerl, faß ihn, zaus ihn, das war brav!« rief er, indem er sich über den Hund hinbeugte und seine Arme liebkosend um ihn schlang.

»Freund Pluto hat aber einige tüchtige Feldzeichen davon getragen, sehen Sie, er blutet gewaltig aus der Schulter und auch am Halse; die lange Wunde auf der Schulter ist mit den Krallen gerissen.«

»Ja wohl, und das Ungeheuer würde ihn todt gemacht haben, wäre ich nicht hinzugekommen, denn er lag unter demselben und wehrte sich so gut er konnte. Als mich nun der Jaguar in meiner Falle erblickte, verließ er Pluto und wandte sich gegen mich, aber der treue Hund fiel ihm schnell in die Keule, und ich gewann Zeit, meinen Schuß anzubringen.«

»Und ein Meisterschuß war es, gerade durch den Schädel. Hatten Sie ihn denn mit dem ersten Lauf gefehlt, Sie haben doch zweimal geschossen?«

»O nein, ich muß ihn auch das erste Mal getroffen haben, denn er stürzte im Feuer zusammen, dennoch habe ich nicht sicher geschossen, da ich nach seinem Kopfe zielte.«

»Sie haben mit der Büchse gewankt, hier ist das Kugelloch, der Schuß ist ihm durch den Hals gegangen,« sagte Daniel, indem er Pluto zurückzog und auf den mächtigen Nacken des Tigers zeigte.

»Ja, Daniel, ich gestehe es, das Herz schlug mir gewaltig, so daß ich es laut hören konnte und es flimmerte mir vor den Augen. Das nächste Mal aber, wenn ich wieder nach einem Jaguar schieße, soll es besser gehen. Gefürchtet habe ich mich aber nicht,« sagte Carl und warf das schöne Thier auf den Bauch, um die herrliche Zeichnung der schwarzen Flecken auf seinem Rücken zu bewundern. Als Carl es anfaßte, fiel Pluto sofort wieder über den Feind her, doch jener zog ihn mit den Worten zurück: »Laß ihn in Ruhe, er ist todt, und Du verdirbst das schöne Fell,« dabei schmeichelte er den Hund und wandte sich an Daniel: »Was wirst Du mir denn aus diesen Fangzähnen machen?«

»Gar nichts, ich will Ihnen den ganzen Schädel aufbewahren; wir vergraben ihn in einen Ameisenhaufen; die Ameisen nagen das Fleisch sehr sauber ab, darauf legen wir ihn in die Sonne, damit er recht schön weiß bleicht und dann hängen Sie ihn an einen Nagel über Ihr Bett. Sie werden sich noch manchmal über den Meisterschuß freuen. Nun aber muß ich mich wahrhaftig eilen, um die Haut noch abzunehmen, ehe es ganz dunkel wird.«

Hiermit stellte der Neger die wieder abgespannte Büchse an einen Baum, zog das Messer aus der Scheide, und begann, bei dem Jaguar niederknieend, denselben seines schönen Kleides zu berauben. Carl war ihm dabei behülflich, während Daniel ihn unterwies und Vorsicht anempfahl, nicht in die Haut zu schneiden. Dieselbe wurde bis an den Kopf abgestreift, dieser nun von dem Körper getrennt und somit war die Arbeit beendet, während die Nacht vollständig hereingebrochen war. Daniel warf das Fell über seine Schulter und ergriff die Büchse, da trat Carl nochmals zu dem Jaguar hin und sagte: »Ich will mir doch nun auch seine Krallen zum Andenken mitnehmen.«

Er schnitt sie schnell von den Tatzen ab, steckte sie in seine Jagdtasche und folgte nun dem Neger, der sicheren Schrittes durch die Finsterniß dem Waldsaume zueilte. Auf dem Wege bis dorthin geriethen sie aber wiederholt so sehr in die Ranken und Dornen des Dickichts, daß ihnen Hand und Gesicht blutete, als sie die Prairie erreichten.

»Morgen will ich doch gleich einige Hirschhäute gerben, damit wir uns Lederanzüge machen können. Wir werden schön aussehen, wenn wir nach Hause kommen,« sagte Daniel, nun rasch an dem Walde hinschreitend, der sich wie eine schwarze Wand zu dem sternbedeckten Himmel erhob.

»Hier ist das Kleid des Räubers!« rief Carl triumphirend, als Turner das Thor öffnete und die beiden Jäger einließ.

»Also wirklich!« entgegnete Turner, freudig überrascht. »Ich hatte meine großen Zweifel, ob es Euch gelingen würde, seiner habhaft zu werden. Kommt herein, auch die Andern werden sich freuen.«

Carl hatte dem Neger die Haut abgenommen und trug sie stolz in das Zimmer, wo er sie auf dem Boden ausbreitete.

»Das ist ja ein ungeheures Fell, es ist über sechs Fuß lang,« sagte Turner, indem er erstaunt die Haut betrachtete.

»Und wie prächtig ist es gezeichnet, und wie glänzend und glatt ist das Haar,« fiel Madame Turner ein.

»Er holt uns keine Kälber wieder,« sagte Carl und erzählte nun den Hergang der Jagd.

»Das war ja aber eine große Gefahr, der Du ausgesetzt warst, Carl; wie leicht hätte Dich das Thier verletzen können. Du mußt Dich wahrhaftig mehr in Acht nehmen, Du bist zu dreist,« fiel Madame Turner mit liebevollem Tone ein und strich dem Knaben die wild um seinen Kopf hängenden weichen Locken zurück.

»Dreist ist schon gut, nur muß die nöthige Vorsicht und Ueberlegung damit gepaart werden,« versetzte Turner; »hättest Du Dich vorsichtig auf den Baum gehoben, so hättest Du unbemerkt dem Jaguar wohl Deinen zweiten Schuß anbringen können, und Du wärest nicht in dem Stamme versunken.«

»Aber, lieber Onkel, wer konnte denn denken, daß der Baum inwendig aus lauter Pulver bestand,« entgegnete Carl, und zeigte nun die Krallen, die er dem Thiere abgeschnitten hatte. Dann mußte Pluto herbeitreten und seine Wunden in Augenschein nehmen lassen, wofür er von Madame Turner mit einem Ueberreste von einer Hirschkeule belohnt wurde.

»Aber, Carl, wie siehst Du denn aus -- Dein Rock hängt ja in Fetzen um Dich,« sagte Julie, als dieser dem Lichte näher trat; »hat ihn Dir der Jaguar zerrissen?«

»O nein, der ist so nahe nicht an mich gekommen; die Dornen haben es gethan, als wir in der Dunkelheit durch den Wald gingen,« entgegnete Carl, indem er vor den Spiegel trat und die vielen Oeffnungen in seinem Rocke betrachtete, durch welche das weiße Hemd hervor schien.

»Ich werde morgen Hirschhäute gerben, aus denen wir uns Kleidung machen wollen, denn aller andere Stoff hält auf der Jagd nicht aus. Auch _meine_ Jacke hat diesmal große Noth gelitten,« fiel der Neger ein und verließ mit den Worten das Zimmer: »Ich will schnell noch die Häute der zuletzt geschossenen Hirsche in das Wasser legen, damit sie weich werden.«

Bald kehrte er zurück und nahm mit Turners am Tische Platz, um das Abendbrod zu verzehren. Nachdem dies geschehen war, griff ein Jedes wieder zu einer Arbeit, und Daniel kam heute mit der Anfertigung des Pulverhorns und des Trinkbechers zu Ende, welche er Carl überreichte, als sie sich erhoben, um sich zur Ruhe zu begeben. Beide Hörner waren äußerst sauber und geschmackvoll gearbeitet und machten Carl außerordentlich große Freude. Er dankte dem freundlichen Neger von ganzem Herzen und wünschte nur eine Gelegenheit zu finden, ihm gleichfalls eine Freude bereiten zu können.

Abschnitt 5.

Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Büffeljagd. -- Der Lasso. -- Die wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. -- Vorsichtsmaßregeln. -- Der Mais. -- Die Biber. -- Der Alligator. -- Die Wacoindianer.

Am folgenden Morgen holte Daniel die Hirschhäute aus dem Fluß und rief Carl zu sich, um ihm zu zeigen, in welcher Weise sie zu bereiten seien. Er hatte zu diesem Zwecke mehrere Hirschköpfe aufbewahrt, schnitt auch den des Jaguars aus dessen Haut, und nahm nun aus sämmtlichen Schädeln das Gehirn heraus. Er mischte dasselbe in einem Gefäße mit Wasser zu einem dünnen Brei, und nachdem er die Hirschhäute auf ein von der Rinde entblößtes Stück Baumstamm gelegt und mit einem Ziehmesser von allen Fleischtheilen und von den Haaren gereinigt hatte, bestrich er sie mit diesem Brei, faltete sie dann mehrere Male zusammen und legte schwere Steine darauf. Die Jaguarhaut behandelte er ebenso, nur ließ er das Haar auf ihr sitzen. In dieser Weise ließ er sie bis zum folgenden Morgen liegen, wusch sie dann im Flusse sauber aus und hing sie im Schatten auf. Noch ehe sie aber ganz trocken wurden, nahm er sie ab, um sie trocken zu reiben. Er hatte zu diesem Zwecke ein breites Brett in die Erde eingeschlagen, dessen in die Höhe stehendes Ende zugeschärft und nach den Seiten hin abgerundet war. Auf diese nach oben stehende Schärfe legte er nun eine Haut und zog dieselbe darauf von einer Seite nach der andern hinunter, wobei er alle Kraft anwandte, um die Fasern derselben auseinander zu dehnen.