Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 13
Wenn Carl nun während des ganzen Tages unermüdlich arbeitete und jede Gelegenheit mit Liebe und Lust erfaßte, um sich nützlich zu machen, so gehörte doch stets der frühe Morgen und der späte Abend ihm, und wurde von ihm verwandt, um seiner Liebhaberei, der Jagd, zu folgen. Daniel war dabei immer, wenn es dessen Zeit erlaubte, sein treuer Begleiter, und bald ward der Wald, bald die Prairie von ihnen zusammen durchstreift. Bei diesen Ausflügen gestattete Daniel seinem jungen Freunde stets den ersten Schuß nach dem Wild, und half nur noch mit einer Kugel nach, wenn Carl dasselbe nicht gleich tödtlich getroffen, oder gar ganz gefehlt hatte. Der Neger war ein außerordentlich guter Schütz und seine Schnelligkeit im Gebrauch der Büchse hielt mit der seines Falkenauges gleichen Schritt. Oftmals wurde Carl dadurch so überrascht, daß er laut seine Verwunderung darüber aussprach, welches Daniel dann immer mit Lachen beantwortete und sagte, das sei noch eine Erinnerung aus seinem Indianerleben. Eines Abends, nachdem sie des Tages Arbeit beendet hatten, ritten sie vor Sonnenuntergang in die Prairie hinaus, um dort wo möglich noch einen Hirsch zu erlegen. Wie aber das alte Sprichwort sagt, »es ist alle Tage Jagdtag, aber nicht alle Tage Fangtag,« so kann man oft in dem besten Jagdrevier sich abmühen, ohne Beute zu machen. So ging es den beiden Jägern heute, und sie lenkten halb verdrießlich ihre Pferde zurück nach der äußersten Spitze des Waldes am Pflaumenbach, welche sich eine Stunde weit hinaus in die Prairie erstreckte und durch einige himmelhohe Pappeln und Cypressen auf viele Meilen weit zu erkennen war.
Die Dämmerung zog schon über die Gegend, als sie diese Waldspitze erreichten und längs derselben hinritten, um nach Hause zurückzukehren. Hier standen die Bäume sehr einzeln, so daß man weit durch den Wald blicken konnte, dessen Boden hier nur mit niedrigem Grase bedeckt war und nur hier und dort einzelne Büsche trug. Daniel erzählte während des Reitens seinem jungen Gefährten von früheren Jagden und dieser hörte ihm aufmerksam zu, ließ aber demungeachtet seinen Blick dabei seitwärts durch den Wald schweifen. Plötzlich hielt er sein Pferd an und sagte leise zu Daniel:
»Was ist das dort unter der Eiche, siehst Du den schwarzen Punkt nicht?«
»Ein Bär, wahrhaftig; er hat uns noch nicht gesehen, schnell, springen Sie ab und schleichen Sie sich an ihn, der Wind ist günstig.«
Im Augenblick war Carl von seinem Pferde und sprang, tief gebückt, von Baum zu Baum durch den Wald. Der Bär suchte Eicheln und stand mit dem Kopf von Carl abgewandt.
Dieser kam ihm schnell näher und hatte ihn bis auf hundert Schritte erreicht, als er auf ein trockenes Reis trat, dessen Brechen und Knacken ihn selbst erschreckte. Er warf sich nieder, aber in demselben Augenblick setzte sich der Bär auf seinem Hintertheil auf, und blickte sich nach Carl um. Dieser hatte jedoch seine Büchse schon auf ihn gerichtet und gab Feuer. Der Bär rannte davon und Carl schoß auch den zweiten Lauf nach ihm ab, ohne ihn jedoch in seiner Flucht aufzuhalten.
In diesem Augenblicke sauste Daniel zu Pferde an ihm vorüber und unter den Bäumen hin dem dichten Walde zu, um dem fliehenden Bären den Weg dorthin abzuschneiden, und Carls Falber stürmte ihm mit fliegenden Steigbügeln nach. Vergebens rief Carl dem Pferde zu, es folgte zügellos dem Kameraden, und bald war die wilde Jagd in der Richtung nach der Spitze des Waldes vor seinen Augen verschwunden, da der Bär sich vor dem heranjagenden Neger und dem losen Roß abgewandt hatte. Carl lauschte der Jagd, deren Richtung ihm durch den gellenden Ruf Daniels bezeichnet wurde, und begann seine Büchse wieder zu laden, während er mißmuthig schon in Gedanken sah, wie sein Gefährte nun ohne ihn den Bären erlegen würde. Da schallte abermals der wilde Jagdruf Daniels zu seinem Ohr und zwar in nicht so großer Entfernung; Carl blickte auf, und dort kam der Bär in weiten Sätzen unter den Bäumen hergerannt. Er kam geraden Wegs auf Carl zu, dieser hatte soeben die Kugeln in die Läufe gesteckt und den Ladestock hervorgezogen, um sie hinunter zu stoßen; konnte er noch fertig laden, bis das grimmige Thier ihn erreicht hatte? das war die Frage, die sich ihm aufdrang. Mit aller Macht stieß er die eine Kugel in den Lauf hinab, der Bär war nur noch fünfzig Schritte entfernt, jetzt stieß Carl die zweite Kugel hinunter, warf den Ladestock von sich und griff nach den Zündhütchen, da hatte ihn der Bär bis auf zwanzig Schritt erreicht und stieß, den furchtbaren Rachen weit geöffnet, ein dumpfes Wuthgebrüll aus. Carl spannte beide Hähne seiner Büchse, warf dieselbe an die Schulter, und im Knall stürzte der Bär über Kopf nieder. Im nächsten Augenblicke hob er sich wieder hoch auf seine Hinterfüße und, seine Vordertatzen nach dem Schützen ausstreckend, schritt er zähnefletschend auf ihn zu. Carl rührte sich nicht, er sah fest über den Lauf nach dem Kopfe des Bären, gab Feuer und das wüthende ungeheure Thier stürzte todt zu seinen Füßen. In fliegender Carriere kam Daniel herangejagt und stieß einen lauten Freudenschrei aus, als er den Bären niedersinken sah, denn die Gefahr, in der sein junger Freund schwebte, war ihm nicht entgangen; es war ihm aber nicht möglich gewesen, dem Bären geraden Wegs zu folgen, da dieser sich durch eine Reihe hoher Steinblöcke vor ihm geflüchtet hatte, die er zu umreiten genöthigt gewesen war.
»Gratulire, junger Herr, das ist Ihr erster Bär, und ein feister Bursche ist es, er wiegt wenigstens achthundert Pfund,« rief Daniel, indem er vom Pferde sprang und Carl auf die Schulter klopfte, »das haben Sie gut gemacht, es war mir schon bange, Sie möchten den Kopf verlieren und sich auf die Flucht begeben; das Thier würde Sie in wenig Augenblicken eingeholt haben, auch selbst wenn Sie einen Baum erstiegen hätten. Diese schwarzen Bären klettern wie die Katzen, wohingegen die grauen, oder Grisleybären nicht klettern können. Nun aber, schnell nach Hause, wir müssen noch heute Nacht das Thier holen, damit die Wölfe es nicht zerreißen.«
Bei diesen Worten zog Daniel seine Jacke aus und warf sie über die Jagdbeute, und Carl folgte seinem Beispiele. Dann band der Neger Carls weißes Taschentuch an einen Baumzweig, so daß dasselbe über dem todten Thiere hin- und herwehte, und nun bestiegen sie ihre Pferde, nachdem Carl den Sattel auf seinem Falben wieder zurechtgelegt hatte, der ihm während der Jagd unter den Bauch gerutscht war. Nun ging es im Galopp über die Prairie der Niederlassung zu, die sie mit der Dunkelheit erreichten.
Die Nachricht von dem Jagdglück erzeugte große Freude im Fort, denn Warwick hatte Turners viel von dem Nutzen erzählt, den ein Bär um diese Jahreszeit dem Haushalte gewähre. Der Korbwagen, in welchem Madame Turner die Reise gemacht hatte, wurde angespannt, Daniel versah sich reichlich mit Kienspänen, um sie als Fackeln zu gebrauchen, zündete einige davon an, und ritt dem Wagen voraus, auf welchem Carl Platz genommen hatte und die Pferde lenkte. In der Prairie ging die Fahrt leidlich von Statten, obgleich manchmal ein umgefallener Mosquitobaum, oder ein Graben, den Gewitterwasser gerissen hatten, dieselbe für kurze Zeit unterbrach; als es aber in den Wald hineinging, da waren solcher Hindernisse viel mehr, und die alten Baumstümpfe, die nicht mehr hoch aus der Erde hervorsahen, gaben dem Fuhrwerk manchen unerwarteten heftigen Stoß. Daniel war aber zu wohl mit dem Leben in der Wildniß vertraut, als daß er nicht das Erreichen seines Ziels hätte möglich machen sollen, und bald rief er freudig aus: »Dort sehe ich schon Ihr Taschentuch wehen; die Herren Wölfe werden es hoffentlich respektirt haben!«
Der Bär lag denn auch wirklich noch so, wie sie ihn verlassen hatten. Sie fuhren den Wagen dicht an ihn heran, obgleich die Wagenpferde sich Anfangs weigerten, in die Nähe dieses gefürchteten Thieres zu kommen, und dann wurden Anstalten gemacht, um den Bär auf das Fuhrwerk zu befördern. Vermittelst Stricken und Hebebäumen gelang dies den beiden Jägern endlich, wenn auch nur durch die größte Anstrengung, und nun wurde die Rückreise angetreten. Es lag etwas Schauerliches in dieser Fahrt: die Nacht war rabenschwarz, das Fackellicht erhellte mit seinem rothen Scheine nur die nächste Umgebung, der schwarze Rauch des Kienholzes umwölkte den Wagen, auf dem das todte Ungeheuer lag, und nach allen Richtungen hin ertönte das unheimliche, klagende Geheul der Wölfe. Daniel ritt schweigend voran, und ebenso stumm lenkte Carl ihm die Pferde nach, während Beide die Büchsen zum raschen Gebrauch bereit hielten. Endlich aber zeigte sich die Pallisadenwand des Forts in dunkelem Umriß vor dem nächtlichen Himmel, und Turner trat mit einer Fackel in der Hand aus der Festung hervor. Im Triumph zog der Wagen durch das Thor ein, wo Madame Turner und die Kinder auf den Anblick des erlegten Thieres harrten. Der Bär wurde nun von dem Fuhrwerk herabgeworfen und mit einem Ausruf der Ueberraschung begrüßt. Man betrachtete und bewunderte ihn von allen Seiten, und dem Schützen Carl ward allgemeines Lob gespendet.
»Warum habt Ihr aber das Thier nicht an Ort und Stelle ausgeweidet? Ihr hättet dadurch doch weniger Gewicht auf den Wagen zu heben brauchen,« fragte Turner, indem er auf den kolossalen Umfang des Bären schaute.
»Weil wir dann das feinste und beste Feist verloren haben würden. Das Fett, welches zwischen den Eingeweiden des Bären liegt, ist so zart, daß es, so lange es noch warm ist, Einem zwischen den Fingern zerfließt, und es wäre Schade gewesen, es zu verlieren, denn es giebt das köstlichste Oel. Wir wollen den Petz auch ruhig liegen lassen bis morgen,« entgegnete Daniel, indem er die Stränge der Pferde vom Wagen löste, und diese in ihre Stände an der Pallisadenwand führte, wo sie mit den anderen Rossen jede Nacht befestigt wurden.
Bald nachher saßen die Kolonisten sämmtlich vergnügt um den Tisch und erfreuten sich des Abendbrods.
»Daniel, kurz vorher, ehe Ihr kamet, muß irgend Etwas bei den Kühen gewesen sein, denn sie fingen mit einem Male schrecklich zu brüllen an, und sprangen wie toll in der Einzäunung umher,« sagte Turner zu dem Neger.
»Das kann ein Panther, möglicherweise aber auch ein Jaguar gewesen sein, diese Gesellen werden uns überhaupt noch viel zu schaffen machen. Ich will morgen, ehe wir die Kühe hinauslassen, spüren, um mich zu überzeugen, was es gewesen ist; denn wir dürfen solche Besuche nicht dulden,« entgegnete der Neger. In diesem Augenblicke ertönten abermals die lauten erzürnten Stimmen der Kühe und Daniel sprang rasch auf, ergriff seine Büchse, rief Pluto und eilte zu dem Thore. Er öffnete dasselbe schnell und glitt, von Carl gefolgt, hinaus und durch die Dunkelheit der Einzäunung zu, in welcher die Kühe brüllend umhertobten. Es war umsonst, in der Finsterniß einen Gegenstand erkennen zu wollen, darum schoß Daniel und auch Carl die Büchse ab, und Beide ließen laute, gellende Schreie ertönen, indem sie den Hund hetzten.
Pluto sprang zwar bellend in die Finsterniß hinaus, kam aber sogleich wieder zurück und Alles ward still; denn auch die Kühe hatten sich beruhigt.
Die Nacht verstrich ohne weitere Störung, und als der Morgen anbrach, begab sich Daniel nach den Kühen, um nach dem nächtlichen Besucher zu spüren. Bald entdeckte er denn auch die Fährte eines mächtigen Jaguars, der die Einzäunung umschritten, es aber doch nicht gewagt hatte, zu den erbosten Kühen hineinzuspringen. Daniel spürte nun seiner Fährte nach und fand, daß er von dem Pflaumenbache hergekommen war. Dort aber das Lager des Raubthiers aufzufinden, war ohne dazu abgerichtete Hunde nicht möglich, und man mußte sich damit begnügen, dasselbe bei einem wiederholten Besuche in der Nähe des Forts zu belauern. Nun machte sich Daniel dabei, den Bären zu streifen, zu zerlegen und dann die prächtige Haut zum Trocknen aufzuspannen. Mit dem größten Erstaunen sahen Turners den Rücken des Thieres von der Haut entblößen, wo derselbe mit einer sechs Zoll hohen Lage Feist bedeckt war; in gleichem Maße befand sich das Innere des Bären mit Fett durchwachsen, und die Vorrathskammer der Madame Turner erhielt einen wesentlichen Zuwachs an köstlichem Oel. Nach dem Frühstück begaben sich Carl und Daniel in den Wald hinter dem neu angelegten Feld, um dort ein Vorhaben auszuführen, welches sie schon lange besprochen hatten. Sie wollten nämlich eine Falle bauen, um wilde Truthähne zu fangen, deren sich unzählige in diesem Walde aufhielten, weil dort sehr viele Pecanußbäume standen, deren Früchte sie außerordentlich lieben und deren Genuß sie sehr fett macht. Auf einer Blöße im Walde baute Daniel eine Hütte, indem er junge Baumstämmchen im Kreis tief in den Boden steckte, sie oben mit den Spitzen zusammenband und sie dann mit dünnen Stöcken durchflocht. Die Hütte war mannshoch und so dicht, daß man kaum den Arm zwischen den Stämmchen durchstecken konnte. Nun begann Daniel in einiger Entfernung von derselben einen Pfad zu graben, der nach der Hütte hin immer tiefer wurde, so daß er wohl zwei Fuß tief unter dem Geflecht hin in dieselbe hineinführte und sich innerhalb wieder erhob. Die Stämmchen, unter welchen dieser Weg durchführte, wurden über demselben durch Stöcke und Weidengeflecht an ihren Enden verbunden. Nun streute Daniel um den Anfang des Pfades und auf demselben hin bis in die Hütte hinein losen Mais, welchen die Truthähne sehr lieben. Wenn nun die Vögel beim Aufpicken der Körner dem Pfade folgen und unter dem Geflecht in die Hütte hineingehen, so finden sie den Weg niemals wieder heraus, da sie die Köpfe erheben und an dem Geflecht hin- und herlaufen, um zwischen demselben einen Ausgang zu finden, nie aber daran denken, sich zu bücken und eben so hinauszugehen, wie sie hereinkamen. Die Arbeit war nach einigen Stunden vollbracht, und Daniel hoffte, daß sie schon heute Abend einige Gefangene gemacht haben würden. Carl konnte kaum den Sonnenuntergang erwarten, wo er mit dem Neger wieder nach der Falle gehen würde; um so fleißiger aber war er Tags über bei einer Arbeit, die er auf Anrathen Daniels begonnen hatte. Er verfertigte nämlich eine lange starke Leiter, die von dem steilen Uferabhange innerhalb des Forts bis auf ein Felsstück hinabführen sollte, welches unten aus dem Strome hervorsah. Es war eine Vorsichtsmaßregel des Negers für den Fall, daß einmal die Wilden das Fort stürmen würden, wo die Leiter dann dessen Bewohnern die Flucht aus demselben möglich machen sollte. Man konnte auf ihr leicht den Felsen im Flusse erreichen, und von da in dem Kanoe nach dem jenseitigen Ufer in den Wald gelangen, wo Daniel einen Fußpfad bis zu dem Fahrwege ausgehauen hatte. Bis jetzt war zwar noch kein Indianer wieder gesehen worden, Daniel sagte jedoch, daß man gerade darum am meisten auf seiner Hut sein müsse. Während Carl an der Leiter beschäftigt war, schlugen Turner und der Neger lange eiserne Nägel, an denen sie die Köpfe abgefeilt hatten, in die Spitzen der Pallisaden, damit dieselben bei einem etwaigen Sturm den Indianern das Uebersteigen erschwerten.
Unter solchen und ähnlichen Arbeiten verstrich der Tag, Carl legte vergnügt sein Handwerkszeug bei Seite und hing das Jagdgeräth um. Voller Erwartung eilte er nun mit Daniel den Hügel hinab und dem Walde zu, wo sie die Falle erbaut hatten. Sie traten in den Wald ein, und schlichen sich durch denselben hin, als plötzlich von fern her ein lautes Rauschen und Schlagen zu ihren Ohren drang.
»Wahrhaftig, es sitzen schon welche darin, hören Sie nicht, wie sie mit den Flügeln schlagen!« rief Daniel und sprang voran durch das Dickicht, während Carl ihm mit allem Eifer folgte.
Bald hatten sie die Hütte erreicht und gewahrten fünf kolossale Truthähne in derselben, die mit hochgehobenen Hälsen darin umherrannten und mit den Flügeln schlugen, als wollten sie davonfliegen.
»Ja, wartet nur, ich will Euch den Weg zeigen!« rief Daniel und zog sein Jagdmesser hervor, während Carl gleichfalls mit dem Messer in der Hand an die Hütte sprang. Sie steckten nun die Arme durch das Geflecht und hieben mit dem Messer den Gefangenen die Köpfe ab. Sie wurden nun auf den Pfad herausgezogen, und frischer Mais auf denselben gestreut. Es waren fünf Hähne von außerordentlicher Größe, denn sie wogen ein jeder gegen fünfzehn Pfund. Daniel band dreien von ihnen die Füße zusammen und hing sie über die Schulter, während Carl sich mit den beiden andern belud, um den Heimweg anzutreten.
Um diese Zeit saß die Familie Turner neben dem Thore vor den Pallisaden auf einer Bank und ruhte sich von des Tages Arbeit aus. Es war einer jener milden, wonnigen Abende, wie sie der November in diesen südlichen Ländern gewöhnlich bietet. Die Luft zog kühlend und kräftigend über das hohe wogende Gras der Prairie, aus dem die Blumen des Herbstes ihre bunten, in den prächtigsten Farben leuchtenden Köpfe hervorhoben, die Sonne hatte den fernen flachen Horizont erreicht und ließ ihre letzten Strahlen auf dem hohen Walde des Bärflusses ruhen, dessen dunkeles Grün schon mit Gold und Carmin gemischt und mit dem brennend rothen Laube der Schlingpflanzen durchwirkt war; glänzend silberweiße Reiher und rosenrothe Flamingo's schwebten dem Urwalde zu und schwangen sich in dem scheidenden Blick der Sonne auf die schwindelnde Höhe der Cypressen, die ihre Riesenarme über den brausenden Fluß streckten, und der Whippoowill rief seinen eignen Namen klagend und wehmüthig durch das Dunkel des Waldes.
Turner und dessen Gattin saßen in stummer Bewunderung und heiligem Anstaunen der Naturschönheit, die sie umgab, und dankten mit demüthigem Herzen dem Schöpfer dieser Herrlichkeit für die Gnade, mit der er sie hierhergeführt und beschützt hatte.
»Wie unendlich gnädig ist uns Gott gewesen, Marie!« brach Turner das Schweigen.
»Und er wird uns auch ferner gnädig sein,« sagte Madame Turner mit einem flehenden Blick zu dem Himmel, wo der Abendstern, freundlich blinkend, ihrem Auge begegnete, als wolle er ihr die Zusage ihrer Bitte verheißen.
»Wie sonderbar sich Alles zu unserm Besten fügte!« nahm Turner wieder das Wort. »Die Vorsehung hat uns doch augenscheinlich den braven Daniel als Hülfe in unserer Noth zugesandt; was hätten wir wohl ohne ihn anfangen wollen! Wie weiß er mit Allem umzugehen und wie liebevoll unterweist er unsern Carl in allen Geschäften. Was die Beiden auch anfangen mögen, es gelingt ihnen. Soll mich einmal wundern, ob sie wirklich wilde Truthähne fangen werden.«
»Mein Gott, sieh das Thier dort -- es springt über die Einzäunung zu den Kälbern!« rief Madame Turner in diesem Augenblick entsetzt aus, und Turner rannte mit dem Ausruf: »Ein Jaguar, ein Jaguar!« in das Fort, um seine Büchse zu holen. Doch ehe er zurückkehrte, hatte das Raubthier eins der Kälber niedergerissen, hatte es mit seinem furchtbaren Gebiß auf dem Rücken erfaßt, und setzte mit _einem_ Sprunge mit der Beute über die Einzäunung. Trotz dem Rufen und Schreien der Madame Turner und der Kinder ließ es seinen Raub nicht fahren, und floh in langen Sätzen über das Gras dem Walde zu, während das Kalb in seinem Rachen die jämmerlichsten Klagetöne erschallen ließ.
Turner kehrte mit der Waffe zurück, jedoch nur um dem Räuber nachzusehen, der sich wiederholt einige Augenblicke ruhte und dann seine Flucht weiter fortsetzte. Mit wüthendem Gebrüll und hoch in die Luft gestreckten Schwänzen kamen zugleich die Kühe aus der Prairie herangejagt, um dem klagenden Kalbe beizustehen, dessen Stimme verhallte aber bald und sein Mörder verschwand mit ihm in dem Walde.
Mit Schrecken und Leidwesen hatten Turners den ganz unerwarteten Vorfall mit ansehen müssen, ohne etwas dagegen thun zu können, und die Kinder weinten und jammerten über den Verlust des hübschen kleinen Kalbes und konnten sich noch lange Zeit darüber nicht zufrieden geben.
»Es soll mir aber eine Lehre sein, nicht wieder ohne meine Büchse vor das Fort zu gehen,« sagte Turner, »wie leicht hätten uns auch Indianer hier überraschen können. Man wird viel zu leicht gleichgültig gegen die Gefahr. Geht lieber in das Haus, ich will hier in dem Thore bleiben, bis unsere beiden Jäger zurückkehren; sie werden hoffentlich bald kommen.«
Die Dunkelheit brach schnell herein und bald kamen auch die beiden schwerbeladenen Jäger den Hügel heraufgeschritten.
»Endlich, ich habe sehr nach Euch verlangt,« sagte Turner zu ihnen, und theilte ihnen nun gleich mit, was sich während ihrer Abwesenheit zugetragen hatte.
»Das ist glücklich,« bemerkte Daniel, »es kostet uns allerdings ein Kalb, aber nun muß auch der Jaguar sterben. Er wird das ganze Thier nicht in dieser Nacht verzehren und kommt sicher morgen Abend noch einmal zu ihm zurück, dann werden wir ihn erwarten.«
»Ja, ja, wer weiß, wohin er das Kalb getragen hat, er rannte ja so leicht mit ihm davon, als ob es ein Hase wäre,« entgegnete Turner.
»Mag er rennen, so weit er will, ich finde ihn; ich war einst der berühmteste Spürer unter den Indianern; umsonst hatte man mir meinen Namen nicht gegeben!« sagte Daniel mit einem leuchtenden Blick, wie von einer plötzlichen Begeisterung ergriffen.
»Wie nannte man Dich denn?« fragte Turner. Der Neger bereute aber augenscheinlich schon, was er gesagt hatte und erwiederte, sichtbarlich verlegen:
»Man nannte mich den Spürer.«
Dabei warf er die drei Truthähne von der Schulter und zog sie hinter sich her in das Fort, indem er sagte:
»Wir bringen aber für Madame Turner fünf herrliche Braten; unsere Falle hat sich gut bewährt.«
»Aber, Carl und Daniel, Ihr seid ja prächtige Jäger, Ihr bringt uns so viel Fleisch in das Haus, daß wir es kaum verbrauchen können,« sagte Madame Turner, als sie die fetten Hähne erblickte. »Ich habe das Bärenfleisch eingesalzen, wie Du mir riethest, Daniel, nun mußt Du mir aber die Vorrichtung machen, um es zu räuchern, damit wir es bewahren können.«
»Das will ich morgen früh thun, wenn wir das Kalb aufgefunden haben. Ich will dann eine Art von Rauchhaus bauen, damit wir immer einen tüchtigen Vorrath von geräuchertem Fleisch halten können; man weiß nicht, wie uns die Indianer einmal verhindern möchten, frisches Wild zu haben,« entgegnete der Neger.
»Mache mir nicht bange, Daniel, der Himmel wird uns hoffentlich vor solchen Schreckensscenen bewahren,« sagte Madame Turner, bat dann Carl, die Hähne außerhalb an das Haus aufzuhängen, und ging, um das Abendessen zu bereiten.
Nach Tisch, als das Fort verschlossen war, saßen die Kolonisten traulich um den großen Tisch herum, mit verschiedenen Arbeiten beschäftigt. Madame Turner und Julie hatten Näharbeiten vor sich, Turner mit seinen beiden Söhnen machten Mais von den Kolben los, um ihn am folgenden Morgen für die Mühle bereit zu haben, Carl verfertigte Patronen mit etwas kleineren Kugeln, als er gewöhnlich für seine Büchse gebrauchte, um für einen Nothfall schneller damit laden zu können, und Daniel arbeitete an den beiden Hörnern des Büffels, welchen Carl erlegt hatte, um für ihn versprochener Maßen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus anzufertigen. Von dem Bären hatte er die großen Fangzähne gleichfalls aufbewahrt, um für seinen jungen Freund ein Pulvermaß und eine Pfeife daraus zu machen. Pluto war die Bewachung der Festung übergeben, welcher Pflicht er treulich nachkam, indem er in der Mitte der Einzäunung lag und auf jeden Ton außer derselben lauschte oder einen Rundgang an den Pallisaden machte.