Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 12
Die Sonne war eben versunken, als die Reiter Warwicks Niederlassung erreichten und dort mit großer Freude empfangen wurden. Die beiden prächtigen Truthähne und die Büffelzunge wurden der Hausfrau übergeben, und die beiden Wolfsfelle prangten während der Nacht ausgespannt bei dem Lagerfeuer, welches Carl und Daniel für sich errichtet hatten. Am folgenden Morgen ritt Warwick zu allen Ansiedlern am Choctawbache und forderte sie auf, dabei behülflich zu sein, für Turner die Häuser am Bärflusse zu erbauen. Zwei Tage später nahm dieser mit den Seinigen von Warwicks Familie Abschied, um das Ende seiner langen Wanderung zurückzulegen, wobei Warwick selbst und noch einige zwanzig Männer vom Choctawbache ihn begleiteten. Obgleich keine Spur von einem Wagen nach dem Bärflusse führte, so gelangten sie doch ohne große Schwierigkeit durch die offene Prairie bis an den Wald, in welchem jenes Wasser floß, hier aber mußte Halt gemacht werden, weil die Wagen nicht auf einem Büffelpfade den Wald durchziehen konnten. An dessen Saume unter einer schattigen Eiche wurde ein Feuer angezündet, bei welchem Madame Turner eine Mahlzeit bereiten wollte, während die Männer sich mit dem Aushauen eines Weges durch den Wald beschäftigten. Carl fehlte zwischen diesen nicht, und schwang seine Axt trotz einem der Männer. Warwick führte den Zug, um dem Wege die Richtung nach einer Stelle am Flusse zu geben, wo das Ufer nicht sehr steil und das Wasser seicht war. Alle größeren Bäume ließ man unberührt stehen, indem man den Weg hin und her zwischen ihnen durchwand, und hieb nur die dünneren Stämme und das Buschwerk dicht an der Erde ab. Beides wurde zur Seite in das Dickicht geworfen. Die Arbeit ging sehr rasch von Statten, weil Warwick für den Weg immer die lichtesten Stellen wählte, da es weniger darauf ankam, denselben so kurz wie möglich zu machen, als ihn mit der wenigsten Mühe herzustellen. Schon nach Verlauf von einigen Stunden war derselbe bis an den Fluß beendet, worauf die Männer zu Madame Turner zurückkehrten, um sich bei der Mittagsmahlzeit von der Arbeit zu erholen. Sie erlaubten sich aber nur eine kurze Rast, dann eilten sie wieder nach dem Flusse, um ihr begonnenes Werk zu vollenden. Das Ufer zu beiden Seiten desselben wurde nun abgetragen, so daß ein Wagen ohne große Schwierigkeit hinab- und hinauffahren konnte, und dann führten die Männer den Weg weiter durch das Holz nach der, westlich von demselben gelegenen Prairie. Die Sonne war noch nicht versunken, als sie die Arbeit vollbracht hatten und zu den Wagen zurückkehrten, die jetzt schnell bespannt und zur Durchfahrt durch den Wald in Bewegung gesetzt wurden. Nur ein guter Fuhrmann, wie es Daniel war, konnte mit dem langen Gespann von drei Paar Ochsen diese Fahrt ausführen, da die Biegungen des Weges zwischen den Bäumen hier oft sehr kurz waren. Es ging aber Alles gut, und noch strahlte das scheidende Tageslicht von dem glühenden Abendhimmel her über die dunkelnde Prairie, als die Wanderer aus dem düstern Walde hervorzogen und ihre künftige Heimath mit jubelnden Herzen begrüßten.
Nicht weit von dem Platze, wo der Weg den Wald verließ, erhob sich der Hügel, welcher für die Ansiedlung ausgewählt war, und dorthin richtete sich jetzt der Zug. Mit einem herzinnigen »Gottlob« stieg Turner vom Pferde und »dem Allmächtigen sei es gedankt,« sagte Madame Turner, als sie ihr Gatte vom Wagen hob und sie, von Hoffnung und Vertrauen für die Zukunft beseelt, an seine Brust drückte. Bald war das Zelt an dem Hügel unweit der Quelle aufgeschlagen, ein Feuer vor demselben angezündet, ein anderes Feuer loderte auf dem Hügel empor, wo die Männer vom Choctawbache sich lagerten, und alle Zug- und Reitthiere weideten mit gebundenen Füßen in dem hohen saftigen Grase, welches den Boden in der Nähe des Lagers bedeckte. Mit freudigem beglückenden Gefühl stellte Madame Turner an diesem Abend die Töpfe, Pfannen und Kannen auf die Kohlengluth; es war ja das erste Mahl, welches sie in der so lang ersehnten neuen Heimath bereitete. Mit einem inbrünstigen Dankgebet zu Gott schlossen Turners erst spät in der Nacht die Augen, während die Männer vom Choctawbache auf dem Hügel um das Feuer herum so sorglos eingeschlafen waren, als ob sie in dem Schooße der Civilisation ruhten. Carl Scharnhorst und Daniel hatten sich ihre Ruhelager bei dem Feuer vor dem Zelte bereitet und zwar Carl auf der weißen Wolfshaut. Die Schläfer lagen so fest und unbeweglich, daß die Feuer nach und nach erloschen und kein Zeichen von Leben mehr im Lager zu erkennen war. Auch die Pferde und die Stiere hatten sich in dem Grase niedergelegt, um sich von des Tages Arbeit zu erholen, und nur das Brausen des Flusses unterbrach die Stille, die auf Wald und Flur lag. Der Mond stand hoch am Himmel und die dichten Ulmen warfen ihre schwarzen Schatten auf die sorglosen Schläfer. Da erwachte Carl, weil er glaubte, Pluto habe geknurrt. Er schlug die Augen auf und überzeugte sich, daß er sich nicht geirrt hatte; denn der Hund saß aufrecht und knurrte jetzt wieder, indem er unbeweglich in der Richtung auf die Pferde hinabblickte, die sich unterhalb des Hügels gelagert hatten. Carl setzte sich auf, und spähete aufmerksam weiter über die Thiere hinaus, da kam es ihm vor, als ob er in einiger Entfernung von denselben einen dunkeln Gegenstand sich langsam durch das Gras bewegen sähe. Bald glaubte er, sich getäuscht zu haben, dann aber wieder meinte er, er hätte es sich deutlich dort bewegen sehen. Er stieß Daniel leise an und weckte ihn, ohne Geräusch zu machen.
»Daniel, ich sehe dort Etwas sich im Grase bewegen, dort hinter den Pferden, sollte das wohl ein wildes Thier sein?« sagte er leise zu dem Neger, und dieser hob sich auf seinem Arm empor und blickte eine Zeitlang regungslos nach dem bezeichneten Platze. Dann sagte er: »Das sind keine wilde Thiere, es sind wilde Menschen, es sind Indianer, die unsere Pferde stehlen wollen. Nehmen Sie ihre Büchse zur Hand, wir wollen ihnen doch einen Schreck einjagen.«
»Es ist aber noch viel zu weit, um zu schießen,« flüsterte Carl.
»Wenn sie aber in die Nähe der Pferde kommen, so wird es nicht mehr zu weit sein. Ich will es Ihnen sagen, wenn es Zeit ist, zu feuern.«
»Aber die Tante wird sich erschrecken, Daniel, ich will es ihr schnell sagen, daß wir schießen wollen.«
»So eilen Sie sich, und stehen Sie nicht auf; kriechen Sie auf den Knieen nach dem Zelte hin. Aber eilen Sie sich, die Kerls kommen schnell näher,« flüsterte Daniel, und Carl glitt auf Händen und Füßen durch das hohe Gras in das Zelt hinein. Nach wenigen Augenblicken kehrte er daraus zurück und schlich sich ebenso vorsichtig wieder an des Negers Seite, der ihm zuflüsterte: »Sehen Sie dort, junger Herr, über die beiden Schimmel hinweg, dort bewegt es sich jetzt, das müssen mehrere Indianer zusammen sein. Jetzt können Sie sie sehen, das Gras ist da nicht so hoch, wahrhaftig, es sind drei oder vier Kerls. Schießen Sie, es kann nicht viel weiter sein, als hundert Schritte; schießen Sie aber kein Pferd; jetzt, Feuer!«
Der Blitz fuhr kaum aus dem Rohr, da sprangen sechs dunkle menschliche Gestalten hinter den Pferden aus dem Grase empor und flogen mit des Hirsches Schnelligkeit über die, vom Monde mit Tageshelle beleuchtete Fläche.
»Jagen Sie auch die andere Kugel hinter den Spitzbuben her!« rief Daniel, und Carl gab abermals Feuer. Die Indianer aber verdoppelten nur noch ihre Eile und waren bald in der nebelichten Ferne verschwunden.
Der Krach des ersten Schusses hatte die Schläfer aus ihrer Ruhe aufgejagt, Alle hatten zu ihren Waffen gegriffen, und als ihnen der zweite Schuß die Richtung zeigte, wo der Feind zu suchen sei, so erkannten auch sie die fliehenden Indianer, und schossen sämmtlich noch ihre Büchsen nach ihnen ab, obgleich sie schon längst außer dem Bereiche der Kugeln waren.
»Die Schurken haben wenigstens das Blei pfeifen hören und kommen nun sobald nicht wieder; es hat öfterer geknallt, als sie erwartet hatten,« rief Warwick in seinem Zorn, und setzte dann, indem er den Indianern die geballte Faust nachstreckte, noch hinzu: »Aber wartet, Ihr werdet hier am Bärflusse noch Blut lassen!«
Auch Turner war gleich nach dem ersten Schusse aus dem Zelte hervorgekommen, und Daniel mußte nun den ganzen Hergang des Vorfalls berichten.
»Laßt uns schnell auf die Gäule springen und ihnen nachjagen!« riefen mehrere der Männer, doch Warwick entgegnete ihnen: »Den Ritt können wir sparen. Die Schurken haben bereits das Dickicht am Pflaumenbach erreicht, dort werden sie ihre Pferde verborgen haben, und wir sollten wohl lange nach ihnen suchen. Sie kommen sobald nicht wieder; einige zwanzig Kugeln sind mehr, als sie lieben.«
Turner schlug vor, die Pferde aus dem Grase zu holen und in der Nähe anzubinden, doch Warwick versicherte ihm, daß es jetzt unnöthig sei, diese Vorsicht zu gebrauchen. Er rieth, sich wieder zur Ruhe zu legen und war der Erste, der sich bei dem frisch angefachten Feuer auf seine Satteldecke ausstreckte.
Die Nacht verging ohne alle Störung und der anbrechende Tag rief die Männer wieder zu der Arbeit. Madame Turner und Julie hatten schnell Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken und Speck gebraten, das Frühstück wurde verzehrt, und Warwick führte seine Gefährten an dem Flusse hinunter, dahin, wo derselbe wieder in den Wald einbog. Dort begannen die Männer nun, auf dem diesseitigen Ufer Bäume zu fällen, um aus deren Stämmen die Häuser und Einzäunungen für die Ansiedler aufzuführen. Es wurde auch eine mächtige Cypresse gehauen, und von ihrem Stamme zwei Fuß lange Stücke abgesägt, welche Daniel mit einem Paar Ochsen nach dem Hügel schleifte. Diese Stücke wurden zu dünnen, breiten Brettern gespalten, welche als Schindeln zu den Dächern der Häuser verwandt werden sollten. Sobald die Bäume nun in größerer Zahl fielen, nahm auch Carl ein Paar Stiere, und schleifte die Stämme, so wie Daniel es that, zu dem Hügel hin. Vier Tage lang setzten sie Alle die Arbeiten unermüdet fort, und am fünften hatten sie bereits so viel Holz um den Hügel liegen, als nöthig war, die Ansiedelung zu gründen. Nun ging es an das Aufbauen der Häuser. Es wurden zwei Baumstämme von zwanzig Fuß Länge in gleicher Richtung vierzehn Fuß von einander entfernt auf die Erde gelegt, und dieselben durch zwei sechzehn Fuß lange Stämme mit einander verbunden, welche auf ihre Enden gehoben wurden, so daß sie zusammen ein Viereck bildeten. In dieser Weise wurden nun immer mehr Stämme aufeinandergelegt, bis dadurch die vier Wände eines Blockhauses zwölf Fuß Höhe erreicht hatten. Solche Häuser stellte man drei nebeneinander und zwar zehn Fuß von einander entfernt, und deckte über alle drei _ein_ Schindeldach, so daß auch die beiden Zwischenräume zwischen den Häusern mit dem Dache überdeckt wurden. Nun schnitt man mit der Säge Thüren und Fenster in die Holzwände, schnitt gleichfalls Oeffnungen in dieselben, wo die Kamine angebracht werden sollten, und führte von diesen Schornsteine von Holz, Lehm und Steinen auf. Die Thüren und Fensterladen wurden von gespaltenem Cypressenholz verfertigt und mit Eisenbeschlägen, welche Turner mitgebracht hatte, eingehangen. Als die Häuser nun auf der Höhe des Hügels unter den schattigen Ulmen fertig standen, begannen die Männer an der Aufführung der Pallisadenmauer. Rund um den Hügel wurde ein zwei Fuß tiefer Graben angebracht, so daß er sich mit seinen beiden Enden an den steilen Abhang über dem Flusse anlehnte, und in diesen Graben stellte man die Baumstämme dicht nebeneinander aufrecht hinein und warf ihn um dieselben mit Erde zu. Die in dieser Weise aufgeführte Mauer war vierzehn Fuß hoch, und alle Oeffnungen in derselben zwischen den Stämmen wurden mit Holz ausgefüllt. Der Eingang, den man an der Seite in dieser Einzäunung ließ, wurde mit einem starken Thor versehen, welches man innerhalb mit schweren Ketten verschließen konnte. Außerdem wurde in kurzer Entfernung von dieser hölzernen Festung eine Einzäunung errichtet, in welcher Nachts die Milchkühe und bei Tage deren Kälber eingesperrt werden sollten. Hiermit waren die Arbeiten vollbracht, welche die Männer vom Choctawbache für ihre neuen Nachbarn auszuführen übernommen hatten, und nach vierzehntägigem Aufenthalt bei ihnen nahmen sie nun Abschied und wünschten ihnen alles Glück und allen Segen zu ihrer Unternehmung. Warwick versprach, ganz in der Kürze das von Turner gekaufte Vieh hier abzuliefern, so wie den zugesagten Mais und die Hühner herzuschaffen, und für die Folge recht oft hier vorzusprechen, um zu sehen, wie es ihm und seiner Familie ergehe.
Mit recht traurigen Herzen blickten Turners den Männern nach, und sahen sie auf dem neugeschaffnen Wege in dem Walde verschwinden. Es war ihnen, als ob sie aller menschlichen Gesellschaft Lebewohl gesagt, als wenn sie von der übrigen Welt Abschied genommen hätten. Sie waren allein in einer Wildniß, die nur von wilden Thieren und von feindseligen wilden Menschen bewohnt wurde, und es drängte sich ihnen ein unheimliches Gefühl auf bei dem Gedanken, daß vor ihnen nach Westen hin bis an das stille Weltmeer noch niemals ein weißer Mensch seine Hütte aufgeschlagen hatte. Um so sehnlicher wandten sich ihre Herzen nach den wenigen Niederlassungen am Choctawbache zurück, welche nun noch ihre einzige Stütze, das einzige Band zwischen ihnen und der civilisirten Welt blieben.
Demohngeachtet war Turner weit davon entfernt, zu verzagen; der Gedanke, für das Wohl der Seinigen zu handeln, stählte seinen Willen, und das Gefühl, nun in der Wirklichkeit für sie thätig sein und schaffen zu können, gab ihm Muth und Zuversicht in seine eigene Kraft. Dabei stützte er sich auf die vielseitigen Erfahrungen, auf die Treue und Anhänglichkeit des braven Negers und zugleich auf die Hülfe Carls, den die Vorsehung erwählt zu haben schien, seiner Familie in der Noth als Retter zu erscheinen.
Die erste Grundlage zu der Niederlassung war gelegt, Turners hatten ein Obdach und einen Schutz gegen einen ersten Angriff der Wilden; die eigentliche Arbeit aber, diesen Ort zu einer wirklichen Heimath umzugestalten, sollte jetzt erst beginnen, und mit allen Kräften gingen die Ansiedler an dies schwere Werk. Das Erste, was unternommen wurde, war die Anlage eines Gartens. Dies geschah unmittelbar neben der Festung an dem Ufer des Flusses, so daß das Wasser der Quelle, welche innerhalb der Pallisaden entsprang, durch den Garten nach dem Strome floß. Daniel hatte dort in wenigen Tagen zu diesem Zwecke ein kleines Stück Land mit einer Einzäunung umgeben, und mit Hülfe Turners und Carls dasselbe umgegraben, so wie die feste schwarze Erde, die der Prairie eigen ist, mit Mühe und Sorgfalt bearbeitet. Es wurden sogleich Beete angelegt und dieselben mit Erbsen, Bohnen, Melonen und Kürbissen, mit Kohl und Rüben bestellt, bei welcher Arbeit auch Arnold und Wilhelm fleißig halfen. Als am vierten Tage dieselbe beendigt war und man sich zum Mittagsessen in das Fort begeben wollte, kam Warwick mit einem leichten Wagen angefahren und brachte auf demselben den versprochenen Mais, die Hühner und eine Sau, während zwei seiner Söhne das von Turner gekaufte Vieh herantrieben. Die Freude der Ansiedler war groß, weil das Wiedererscheinen der Nachbarn ihnen das Gefühl gab, daß sie doch nicht so ganz verlassen seien. Die Kälber wurden in die dafür bestimmte Einzäunung gesperrt, während man deren Mütter sich selbst überließ, da man gewiß war, daß diese sich Abends bei ihren Kleinen einfinden würden. Die Hühner befreite man innerhalb der Festung und gab ihnen dort etwas Futter, die Sau wurde gleichfalls dort bewahrt, und für den Mais baute Daniel schnell ein kleines Häuschen aus leichten Stämmen, welches er mit Schindeln bedeckte. Warwick war sehr überrascht, als er in die Wohnung trat; denn in dem einen Zimmer fand er schon Tische und Bänke vor, welche Carl aus leeren Kisten verfertigt hatte, die Oeffnungen zwischen den Balken waren mit Stücken Holz ausgefüllt, und die Wände mit großen Leinentüchern behangen, von denen eine mit einem Spiegel in goldenem Rahmen prangte. An der Wand, der Thür gegenüber, hingen alle Waffen hübsch geordnet, so wie auch Sättel und Zäume, und Alles im Zimmer war sauber und nett, und gab Zeugniß von der Ordnungsliebe und dem Fleiß der Hausfrau.
Die drei Nachbarn mußten sich mit zu Tische setzen und wurden dort bei dem sehr einfachen Mahle aufs Herzlichste willkommen geheißen.
»Ihr Europäer richtet Euch doch, wohin Ihr auch kommen mögt, sofort behaglich und gemüthlich ein, während wir Amerikaner nur den Nutzen im Auge halten, und unsere eigene Bequemlichkeit und Annehmlichkeit darüber vergessen,« sagte Warwick, sich wohlgefällig umschauend, und heftete dann seinen Blick auf die schönen Waffen an der Wand.
»Nun, beim Himmel, damit können Sie ja das Fort gegen eine ganze Armee vertheidigen,« rief er erstaunt aus, »das sind ja nicht weniger als sechszehn Gewehre und außerdem noch viele Revolver und Pistolen -- da braucht Ihnen wahrlich nicht bange vor den Indianern zu sein. Als ich zuerst nach dem Choctawbache zog, besaß ich Nichts an Waffen, als eine einfache Büchse und ein Jagdmesser. Demungeachtet rathe ich Ihnen die größte Vorsicht an, denn die Rothhäute sind schlau wie die Wölfe und grausam wie die wildesten Thiere. Nun, Daniel kennt sie ja hinreichend und weiß, wie weit man ihnen trauen darf.«
»An Vorsicht soll es nicht fehlen,« entgegnete Turner, »und wenn die Wilden uns dazu zwingen, auch nicht an tapferer Gegenwehr.«
»Sie thun besser daran, wenn Sie sich nicht erst von ihnen zur Nothwehr zwingen lassen, denn dann möchte es schon zu spät sein. Machen Sie es sich zum Grundsatz, jeden Indianer wie ein Raubthier zu betrachten und ihn zu tödten, wo und wie Sie können, er ist nichts anders, und ist auch nichts anders werth,« sagte Warwick etwas in Eifer, den auch die Röthe verrieth, die sein Gesicht überzog.
»Das wäre wohl nicht ganz recht,« entgegnete Turner, »es sind doch Menschen, die uns nur darum feindlich entgegentreten, weil wir Weißen uns in den Besitz von Land drängen, welches sie als ihr Eigenthum betrachten. So sehr übel kann ich es ihnen nicht nehmen, wenn sie sich nicht geduldig davon verjagen lassen.«
»Es sind Menschen,« sagte Warwick, »freilich, das ist nicht abzuleugnen; es sind aber wilde Menschen, die so wie die wilden Thiere, nur für die Wildniß bestimmt sind, und die ihr Recht auf das Land da verlieren, wo die Cultur erscheint. Die Erde ist doch sicher nicht dazu geschaffen, damit sie immer eine Wildniß bleiben sollte. Warum bauen sich denn die Rothhäute nicht auch an und leben ein friedliches gesetzliches Leben? dann würde sie Niemand von ihrem Stück Land vertreiben. Glauben Sie mir, der erste Schuß ist immer der beste; ich habe es stets so gehalten, und nur dadurch habe ich mich am Choctawbache behaupten können.«
Die Unterhaltung bewegte sich während des Essens ausschließlich um die Wilden, es war Warwicks Lieblingsthema, und mit einem gewissen Stolze gab er eine Menge feindseliger Zusammentreffen mit den Indianern zum Besten, in denen er Sieger geblieben war.
Daniel hatte sich nicht mit an den Tisch gesetzt, um den freundlichen Nachbarn durch seine Gegenwart nicht einen Anstoß zu geben. Madame Turner aber sandte ihm durch Julie die Speisen und den Kaffee in das andere Haus, wo er eine leere Kiste statt eines Tisches benutzte.
Als die Sonne sich neigte, begaben sich Warwick und seine Söhne unter den Versicherungen treuester Nachbarschaft auf den Heimweg, und Turner eilte zu der Einzäunung, vor welcher die Kühe darauf warteten, daß man sie zu ihren Kälbern einlasse. Erstere wurden durch Madame Turner und Julie gemolken und in die Einzäunung gesperrt, während man die Kälber in das Gras trieb, damit sie noch bis zur Dunkelheit dort weiden konnten; denn während der Nacht wagte man es nicht, sie draußen zu lassen. Durch die große Menge Milch, welche die Kühe lieferten, war die Haushaltung sehr bereichert worden, und Madame Turner wußte sie in gar vieler verschiedener Weise zu verwenden.
Die nächste Arbeit, welche man in Angriff nahm, war, ein Kanoe zu verfertigen, wozu ein ungeheurer Pappelbaum gefällt wurde.
Ein zwölf Fuß langes Stück seines Stammes wurde auf der obern Seite platt gehauen und etwas ausgehöhlt, wonach Daniel ein Feuer darauf anzündete und dasselbe in fortwährender Kohlengluth erhielt. In dieser Weise brannte er den Stamm hohl, so daß er, nachdem dies geschehen, nur wenig mit dem Beil und dem Stemmeisen nachzuhelfen brauchte. Dann hieb er den Stamm äußerlich in die Form eines Schiffes, brachte ein Paar Bänke in demselben an, und bald schwamm es zu aller Freude leicht und beweglich auf der klaren Fluth des Bärflusses.
Auf einer Stelle in nicht großer Entfernung vom Fuße des Hügels flachte sich das Ufer nach dem Wasser hin ab, so daß man dort die Pferde tränken konnte, und hier wurde das Kanoe mit einer Kette an einem Baum befestigt. Während Daniel das Boot anfertigte, schuf Carl ein anderes Werk von ebenso großem Nutzen; er baute nämlich ein Mühlenrad, und brachte dessen Welle auf einem kleinen Floß an, welches er auf dem Flusse zusammengefügt hatte, so daß die starke Strömung das Rad drehen mußte. Die Welle setzte er mit einer großen eisernen Maismühle, die Turner vorsichtigerweise früher angekauft hatte, in Verbindung, welche durch dieselbe in Bewegung gesetzt wurde und die viel mehr Maismehl lieferte, als die Ansiedler gebrauchten. Es wurde ihnen hierdurch die sehr beschwerliche Arbeit erspart, selbst täglich den Mais für den Brodbedarf zu mahlen. Nach Beendigung dieser Arbeit begann Carl einen Pflug zu bauen, wozu alles Eisenwerk fertig mitgebracht war. Turner und Daniel dagegen widmeten sich einer schweren Aufgabe, indem sie ein Stück des Waldes am diesseitigen Ufer zu einem Felde umschufen. Der Waldboden ist leicht zu bearbeiten und trägt gleich im ersten Jahre die reichste Maisernte, während ein Feld, in der Prairie angelegt, erst im dritten Jahre zum vollen Ertrag kömmt. Diese Erde ist zu fest und hart, als daß man sie gleich im ersten Jahre hinreichend lockern könnte. Die größeren Bäume des Waldes blieben stehen, wurden aber rundum einige Zoll breit von der Rinde entblößt, welches sie bis zum kommenden Frühjahr tödten mußte. Die kleineren Stämme und die Büsche wurden abgehauen und dicht um die großen Bäume aufgehäuft, um sie dort zu verbrennen, sobald sie trocken sein würden. Dann zäunte man das Feld ein, und da um diese Zeit der Pflug durch Carl hergestellt war, so wurde dasselbe zum ersten Male umgebrochen, um es während der Winterzeit so liegen zu lassen und im Frühjahr zu besäen. Neben diesen Hauptarbeiten führten die Ansiedler noch unzählige kleinere aus, die theils durch die Nothwendigkeit bedingt wurden, theils aber zur größern Bequemlichkeit verhelfen, oder auch nur Vergnügen bereiten sollten. So spannte zum Beispiel Daniel ein starkes Seil über den Fluß und befestigte es auf beiden Ufern an schwanke Bäume. An dieses Seil band er nun viele kurze, mit starken Angelhaken versehene Fischleinen, so daß dieselben in den Strom hinabhingen, und befestigte auch eine Metallschelle daran, die verkünden sollte, wenn sich ein Fisch gefangen habe und an dem Seile zuckte. Zu irgend einer Zeit, wenn Madame Turner nun Fische zu haben wünschte, wurden die Angelhaken mit Fleisch versehen, und es dauerte dann auch nie lange, bis die Glocke ertönte und man in dem Kanoe hinfuhr, um den gefangenen Fisch aus dem Strome zu ziehen. Der Reichthum dieses Wassers war unglaublich, es lebte von Fischen, deren viele ein Gewicht von dreißig Pfund erreichten, und es gewährte dem Auge einen überraschenden reizenden Anblick, dieselben in dem krystallklaren Elemente im Sonnenlichte in allen Farben schillern zu sehen. Auch die köstlichen Schildkröten, die dies Wasser zu Tausenden beherbergte, gelangten oft zu einem Gewicht von dreißig Pfund.