Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 11
Während mehrerer Stunden folgten sie dem Laufe des Flusses an der Außenseite des Waldes, und erst als die Sonnenstrahlen drückend wurden, bogen sie auf einem Büffelpfade in den Wald ein, um denselben zu durchschreiten und dann das Land an der anderen Seite zu besichtigen. Wie mit einem Netz sind diese westlichen Länder Amerika's mit uralten Büffelpfaden überzogen, und sie allein gestatten es dem Wanderer, die undurchdringlichen Waldstriche zu durchziehen. Der Pfad, auf dem unsere Reiter in den Wald eindrangen, kam weit aus der Prairie her, und war selbst auf dem festesten Boden mehrere Fuß tief eingetreten, während seine Breite nur _einem_ Pferde Raum gab, darin zu gehen. Warwick ritt voran und nahm dabei sein schweres Jagdmesser in die Hand, um diejenigen Ranken damit zu durchhauen, welche von den Bäumen herab über den Pfad hingen und welche er nicht zur Seite schieben, noch ihnen ausweichen konnte. Tiefer in dem Walde aber wurden die Weinranken und Schlingpflanzen über dem Wege immer zahlreicher, so daß die Reiter sich genöthigt sahen abzusteigen und ihre Pferde zu führen, damit sie den Büffeln es nachmachen konnten, die gebückt unter dem Geflecht hingehen, wie die allenthalben an den Dornen und Ranken hängenden lockigen Haare dieser Thiere bezeugten.
Der Weg wand sich wie eine Schlange zwischen den riesigen Baumstämmen hin und her, das hohe Laubdach wölbte sich immer dichter, und immer üppiger und kräftiger erhoben sich die Pflanzen aus der schwarzen Walderde, je näher man dem Flusse kam. Wie Blumengewinde schwangen sich die buntblühenden Lianen von Baum zu Baum, von Ast zu Ast, und hingen leicht und graziös aus der höchsten Höhe herab, oder schlangen sich um die kolossalen Weinranken, die wie Riesenschaukeln auf und niederstiegen. Oft sperrte der ungeheure Stamm eines umgefallenen Baumes den Pfad, so daß die Reiter sich einen weiten Umweg um ihn bahnen mußten, und hier und dort hing ein solcher Koloß der Pflanzenwelt schwebend in tausend Ranken, die ihn in seinem Sturz aufgehalten hatten und an denen er seine Nachbaren zu sich niederbeugte. Nur einzeln stahl sich ein Sonnenstrahl durch die dichten Baumkronen und blitzte auf dem silbergrauen glänzenden Schaft einer Magnolie, auf dem weißgelben Stamm einer Platane; doch das Licht war nicht hinreichend, das wohlthuende Halbdunkel des Waldes zu verscheuchen. Eine reine wunderbar labend kühle Luft füllte den grünen Raum, und die heimliche Stille und Ruhe in demselben wurde nur durch das Brausen des Flusses unterbrochen, der wild schäumend in seinem felsigen, dreißig Fuß tiefen Bett dem rothen Strome zueilte.
»Wie ganz anders ist es in diesen Wäldern, als in denen von Arkansas, Onkel,« sagte Carl zu Turner, welche Beide ihre Hüte abgenommen hatten und ihre Schläfe von der duftigen frischen Waldluft umwehen ließen.
»Die Wälder in diesen Gegenden bergen keine stehenden Gewässer, keine Sümpfe, wie die in jenem Lande, und darum giebt es keine so bösartigen Fieber hier, als dort,« antwortete Turner, »wir können dem gütigen Gott nicht genug danken, daß er uns hierher leitete. Sieh, Carl, was wir oft im Leben als das größte Unglück betrachten, was wir gar nicht glauben ertragen zu können, was uns wohl verzweifeln lassen will: nach einiger Zeit finden wir aus, daß es gerade zu unserem Besten gewesen, daß ein großes Glück für uns daraus entstanden ist. Hätten wir meinen Vetter Victor bei unserer Ankunft in Amerika noch am Leben getroffen, so würden wir uns sicher bei ihm niedergelassen haben, und vielleicht hätte Viele von uns dort dasselbe Schicksal erreicht, welches ihm ein so frühes Ende bereitete. Ohne daß wir das Geld in der Bank verloren hätten, würden wir niemals unsern treuen lieben Freund Daniel bekommen haben, und ohne ihn wären diese gesunden herrlichen Länder uns vielleicht nie bekannt geworden. Darum, Carl, was Dir auch im Leben begegnen mag, sei es noch so hart und niederschlagend, gieb niemals die Ueberzeugung auf, daß Gott es zu Deinem Besten lenken wird.«
Der Anblick des Bärflusses, den die Reiter jetzt erreichten, unterbrach Turner in seiner Rede, und mit der größten Ueberraschung blickte er und Carl auf die pfeilschnell dahineilende Fluth, die so klar und so durchsichtig war, daß man in der tiefsten Tiefe jeden Stein, jeden Fisch, jede Schildkröte auf dem Grunde erkennen konnte, und daß man, wenn keine Bewegung in dem Wasser gewesen wäre, jedenfalls darüber in Zweifel gekommen sein würde, ob überhaupt Wasser in dem Flußbette sich befinde, oder nicht. Die Bewunderung, die man dem herrlichen Gewässer zollte, wurde aber plötzlich auf etwas Anderes gelenkt, was die Aufmerksamkeit aller vier Reiter in Anspruch nahm. Pluto nämlich stöberte in diesem Augenblicke einige hundert wilde Truthähne von dem Ufer des Flusses aus den Büschen auf, so daß das donnerähnliche Prasseln ihrer Flügel die Pferde erschreckte. Wie Raketen stiegen sie gerade in die Höhe und schwangen sich nach allen Seiten hin auf die höchsten Aeste der umstehenden himmelhohen Bäume. Schnell gaben die Reiter die Zügel ihrer Pferde an Daniel, und eilten mit ihren Büchsen in verschiedenen Richtungen durch das Dickicht, um sich solchen Bäumen zu nähern, auf denen diese riesigen Vögel standen. Carl folgte dabei dem Gebell Pluto's, der auf einer kleinen Blöße im Kreise um eine ungeheure Cypresse sprang und, an ihr hinaufsehend, seine Stimme ertönen ließ. Auf den gewaltigen Aesten, die der Riesenbaum weit über den Fluß hinausstreckte, standen wohl einige zwanzig Truthähne und schauten, ihre langen Hälse niederbeugend, nach dem bellenden Hunde. Carl hatte den Baum bald erreicht, richtete seine Büchse nach der luftigen Höhe, und mit dem Krach des Schusses stürzte ein mächtiger Hahn von dem Aste herab und fiel schwirrend und flatternd in den Fluß hinein. Carl sprang schnell an das Ufer, um Pluto hinter dem Vogel herzusenden. Dieser trieb auf der Fluth, indem er dieselbe mit den Flügeln peitschte, und der Hund, der ihn jetzt gewahrte, sprang von dem hohen Ufer hinab, um ihn für seinen Herrn an das Land zu holen. Die Strömung nahm sie Beide rasch mit sich fort, Pluto kam dem Hahn aber bald näher, und hatte ihn in einer Biegung des Flusses bis auf wenige Schritte erreicht, als ein großer Alligator plötzlich unter dem Ufer hervorschoß, vor dem Hunde auf der Oberfläche des Wassers erschien und seinen furchtbaren Rachen nach dem Vogel öffnete.
Carl, der auf dem Ufer gefolgt war, hatte kaum das verhaßte Thier erkannt, als er seine Büchse auf dasselbe richtete und ihm eine Kugel in den gepanzerten Rücken schoß. Der Alligator jedoch ließ sich nicht in seinem Raub stören, sondern ergriff den Truthahn mit den grimmigen Zähnen und sank mit ihm in der klaren Fluth am Ufer hinab, bis er unter demselben verschwand. Carl hatte Pluto mit Angst und Schrecken aus dem Flusse zurückgerufen, und schaute verdrießlich nach dem Platze im Wasser, wo der Räuber mit der Beute sich seinen Blicken entzogen hatte, welcher Fleck durch aufsteigenden Schlamm bezeichnet wurde. Da traten Turner und Warwick, ein jeder mit einem geschossenen Hahn beladen, zu dem Knaben, und erfuhren nun von ihm das Mißgeschick, welches ihn betroffen hatte. Dabei blickte derselbe betrübt auf die beiden prächtigen Vögel, welche die Männer erlegt hatten und sagte schließlich:
»Daß ich aber auch solch Unglück haben muß!«
»Sage lieber solch Glück, Carl. Denke Dir nur, wenn der Alligator statt des Vogels Deinen Hund erfaßt und mit sich fortgenommen hätte, wäre das nicht viel schlimmer gewesen? Außerdem muß man nicht täglich und fortwährend nur auf Gelingen seiner Unternehmungen rechnen; hast Du denn schon vergessen, daß Dir das Jagdglück gestern Abend so sehr hold war?« sagte Turner liebevoll zu Carl und strich ihm über die Wangen, worauf dieser des Onkels Hand ergriff und sie küßte, als danke er ihm für seine Zurechtweisung. Sie schritten nun am Ufer hin bis zu Daniel zurück, und bestiegen dort wieder ihre Pferde, während der Neger die beiden erlegten Vögel an seinen Sattel befestigte. Der Büffelpfad war sehr tief in das Ufer eingetreten, so daß er nicht allzusteil nach dem Flusse hinabführte, dessen Grund man in der kristallhellen Fluth ganz deutlich erkennen konnte.
»Halten Sie Ihre Büchsen und Kugeltaschen in die Höhe, damit dieselben nicht naß werden, wenn die Pferde in das Wasser sinken,« sagte Warwick zu seinen Gästen.
»Das wird hier wohl kaum nöthig sein, das Wasser reicht meinem Pferde ja nicht bis an den Sattel,« entgegnete Turner und blickte Warwick verwundert an.
»Irren Sie sich nicht,« sagte dieser, »das Wasser ist hier wenigstens zehn Fuß tief, man läßt sich durch dessen Klarheit sehr leicht täuschen. Ich will voranreiten, damit Sie sehen, wie tief es ist.«
Hiemit lenkte er sein Pferd zu dem Flusse hinab und in denselben hinein, wo es sofort mit dem schweren Manne auf seinem Rücken bis an den Kopf versank. Gleich aber tauchte es wieder bis zur Oberfläche empor, und trug seinen Reiter in wenigen Augenblicken auf das jenseitige Ufer. Turner, der ihm folgte, sank beim Hineinreiten in den Fluß bis unter die Arme in das Wasser, Carl jedoch, dessen Gewicht das Pferd nicht so sehr drückte, wurde kaum bis an den Leib naß. Die Büchsen, Kugeltaschen und Pulverhörner waren aber nach Warwicks Rath vor Nässe bewahrt worden.
»Das war doch tiefer, als ich gedacht hatte,« sagte Turner, auf seine Füße schauend, von denen das Wasser aus seinen Kleidern in Strömen herabfloß. »Ich bin wirklich bis unter die Arme naß geworden.«
»Das muß man an der Frontier gewohnt werden,« entgegnete Warwick sich schüttelnd. »Es thut auch keinen Schaden in diesem Klima; in einer halben Stunde sind Sie wieder trocken.«
»In meinem Vaterlande dürfte man es freilich nicht wagen, so in dem nassen Zeug zu bleiben, man würde sich eine Krankheit dadurch zuziehen,« bemerkte Turner.
»Darüber können Sie sich beruhigen, das Bad wird Ihnen sehr gut bekommen. Lassen Sie uns nur weiter reiten, der Wald ist hier nicht mehr breit und in der Prairie jenseits soll uns die Sonne bald genug trocknen,« antwortete Warwick und ließ, wo es die Schlingpflanzen ihnen gestatteten, sein Pferd tüchtig ausschreiten.
Nach Verlauf von einer Viertelstunde zeigte sich auch in der Ferne vor den Reitern eine Oeffnung in den dichten dunkeln Baummassen, durch welche der Pfad, wie durch eine Pforte hinaus in die, mit hellem blendenden Sonnenlichte bedeckte Prairie führte. Als Warwick diese Oeffnung erreichte und sein Pferd mit ihm unter den weitausgestreckten Aesten einer uralten Eiche in das Freie hinaus schreiten wollte, hielt er es plötzlich an und sagte, indem er sich zu seinen Gefährten umwandte:
»Jetzt aber, Herr Turner, sollen Sie Büffel sehen! Seit langer Zeit bin ich so zahlreichen Heerden nicht begegnet. Schauen Sie nur über die Prairie; alle jene schwarzen Striche bis in die weite Ferne sind Büffelheerden.« Hierbei zeigte er mit der Hand über die unabsehbare Grasflur. Nur wenige hundert Schritte vom Walde weideten wohl über tausend Büffel in einer Heerde zusammen, die sich um die anderen, weiterhin grasenden nicht zu kümmern schienen; denn als die vier Reiter sich vor dem Walde zeigten, hoben sie sämmtlich ihre Köpfe aus dem Grase hervor und schauten verwundert nach den Fremden hin, während hier und dort die Heerden sich in einen schwerfälligen Galopp setzten und davon jagten. So weit das Auge reichte, war die Prairie von diesen riesigen Thieren belebt, und zwischen ihren einzelnen Abtheilungen sah man Rudel von wilden Pferden, von Hirschen und von Antilopen weiden.
»Hier kommt Niemand in die Gefahr, Hunger zu leiden,« sagte Warwick, der das Erstaunen seines Gastes bemerkte. »Es würde uns ein Leichtes sein, zwischen eine solche Heerde hineinzujagen, und ein Dutzend dieser Thiere zu erlegen. Die Weide hier muß einen eigenen Reiz für sie haben, denn wenn man weit und breit kein Wild antrifft, hier geht man niemals fehl.«
»Wollen wir nicht einmal dazwischen sprengen und ein Paar Büffel schießen?« sagte Carl, indem er mit strahlendem Blick auf die immer noch unbeweglich dastehenden Thiere sah.
»Es würde unsre Pferde ermüden und uns von dem eigentlichen Zweck unseres Rittes abziehen,« entgegnete Warwick.
»Und wir würden ja auch gar keinen Nutzen von den erlegten Thieren haben, da wir Fleisch nicht mit uns nehmen können; nur um des Vergnügens willen muß man kein Geschöpf tödten,« bemerkte Turner freundlich, und Carl stellte sich damit zufrieden, obgleich er gar gern seinem Falben die Zügel hätte schießen lassen. Sie ritten nun in die Prairie hinaus und folgten dem Waldsaume, während die Büffelheerde, die sie so verwundert betrachtet hatte, sich jetzt in Galopp setzte und ihren Kameraden nacheilte.
Abschnitt 4.
Das Land zur Niederlassung. -- Die Wölfe. -- Die Pferdediebe. -- Die hölzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld. -- Fischfang. -- Die Bärenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. -- Der vermoderte Baum.
Die Gegend gewährte den Reitern während mehrerer Stunden fortwährend denselben Anblick: zu ihrer linken Seite stand der prächtige Urwald, wie eine hohe grüne Mauer, und zu ihrer rechten lag die üppige Prairie, deren Ende mit der duftigen Ferne verschwamm. Vor ihnen aber stieg jetzt über dem äußersten Rand der Grasflur ein Wald auf, der sich wie blaues Gewölk von Westen her nach dem Bärflusse zog und den Warwick als das Gehölz bezeichnete, welches die Ufer eines Baches bedeckte. Dieser Bach wurde der Pflaumenbach genannt, wegen der unglaublich vielen wilden Pflaumen, die auf seinen Ufern wuchsen; er kam mehrere Stunden weit aus der Prairie und ergoß sich in den Bärfluß. Nachmittags erreichten die Reiter das Gehölz, welches den Bach in seinem tiefen Schatten verbarg und welches hier, wo es im rechten Winkel auf den Wald am Bärfluß stieß, mehrere tausend Schritte breit war. Ein Büffelpfad, dem die Jäger schon seit einigen Stunden gefolgt waren, führte gerade in das Holz hinein und auf ihm langten sie sehr bald an dem herrlichen silberklaren Bache an, der nahebei rauschend in den Bärfluß stürzte. Nicht umsonst wurde er Pflaumenbach genannt, denn da, wo die Reiter ihre Pferde in demselben tränkten, waren die Ufer allenthalben mit Pflaumenbäumen bedeckt, die ihre mit herrlichen blauen Früchten beladenen Aeste weit über das Wasser hinausstreckten. Dasselbe war nicht tief, so daß die Reiter unter die herabhangenden Zweige reiten, und sich nach Herzenslust an den Pflaumen laben konnten. Ihre Kleidung war wieder ganz trocken geworden und die Kühlung, welche sie hier in dem dunkeln Schatten des über ihnen geschlossenen Waldes duftig und belebend umwehte, that ihnen nach dem langen Ritt in der brennenden Sonne außerordentlich wohl. Nachdem sie selbst und ihre Pferde sich erfrischt und erholt hatten, folgten sie wieder dem Büffelpfad, der sie an der andern Seite des Holzes abermals in die Prairie führte und sich an dem hohen Walde des Bärflusses hinzog. Hier hielt Warwick sein Pferd an und wandte sich mit den Worten zu Turner: »Sehen Sie, Herr Turner, dies ist das Stück Land, welches ich so gern zu meiner Niederlassung gewählt haben würde und welches ich jetzt Ihrer Beachtung empfehle. Gerade in diesem Winkel, wo der Wald des Baches auf den des Bärflusses stößt, liegt der reichste Boden, der mir auf weit und breit bekannt ist; schauen Sie nur, welch üppiger Graswuchs und welch riesige Pflanzen hier stehen; die Sonnenblumen reichen ja viele Fuß über unsere Köpfe hinaus. Hier in dieser Ecke, dachte ich, sollten Sie Ihr Feld anlegen und dort einige tausend Schritte weiter am Walde hin, wo der Bärfluß sich aus demselben hervorwindet und sich an die Prairie anlehnt, würde ein sehr passender Platz für Ihre Wohnung sein. Lassen Sie uns hinreiten, damit Sie denselben selbst in Augenschein nehmen.«
Hiermit ritt Warwick durch das hohe Gras voran, welches ihm bis an den Sattel hinaufreichte, und bald hielt er mit seinen Gefährten auf dem steilen, dreißig Fuß hohen Ufer, unter welchem die brausende Fluth des Bärflusses wild tobend dahineilte. Der Platz bestand aus einem Hügel, der wohl funfzehn Fuß über der anderen Uferfläche erhaben war und hierdurch einen weiten Blick über die flache Prairie gewährte. Auf der Höhe standen mehrere dichtbelaubte rothe Ulmen, welche den Hügel beschatteten, und an seiner Abdachung nach dem Pflaumenbache hin rieselte ein frischer kühler Quell aus zu Tage liegendem Gestein hervor. Etwas weiter, nur etwa hundert Schritte von dem Hügel, wand sich der Bärfluß wieder in den Wald hinein.
»Sie haben hier alle Vortheile, die Sie wünschen können,« nahm Warwick wieder, zu Turner gewandt, das Wort. »Sie übersehen die ganze Prairie, den Quell hier am Fuß des Hügels können Sie mit in Ihre Einzäunung fassen, diese prächtigen Ulmen geben Ihnen den herrlichsten Schatten, dort unten, wo der Fluß in den Wald einbiegt, haben Sie auf diesem Ufer so viel Holz in Ihrer Nähe, wie Sie nur bedürfen, und von da aus bis an den Pflaumenbach können Sie Ihr Feld in beliebiger Größe anlegen. Außerdem haben Sie hier im Flusse eine Wasserkraft, die hinreicht, irgend ein Mühlwerk zu treiben. Ich für meinen Theil könnte mir keinen passenderen und angenehmeren Platz wünschen.«
»Auch mir sagt er in jeder Weise zu und ich bin Ihnen unendlich dankbar dafür, Herr Warwick, daß Sie mich hierher geführt haben. In Gottes Namen will ich denn hier den Meinigen die neue Heimath gründen und mag er mich dabei gnädig beschützen und mir die Kräfte verleihen, mein Ziel zu erreichen,« entgegnete Turner und hielt Warwick die Hand zum Danke hin.
»Und auf uns am Choctawbache dürfen Sie zu jeder Zeit rechnen, wir werden Ihnen gute Nachbarn sein,« erwiederte Warwick, indem er Turner die Hand schüttelte.
»Es ist eine etwas weitläufige Nachbarschaft,« sagte Turner lächelnd, »und doch wird sie mir ein Trost werden.«
»Seien Sie guten Muthes, Sie werden hier nicht lange allein bleiben; es kommen sicher bald mehr Ansiedler in unsere Gegend, und am Choctawbache nehmen wir sie nicht auf, wir senden sie Alle hierher zu Ihnen!« antwortete Warwick und sagte dann, indem er sein Pferd den Hügel hinab lenkte: »Nun wollen wir aber den ersten Büffelpfad durch den Wald einschlagen, damit wir nicht zu spät nach Hause kommen.«
Er ritt nun mit seinen Gefährten am Ufer hin, bis wo der Fluß aus dem Holze hervorkam, und folgte dann wohl eine halbe Stunde weit dem Waldsaum bis zu einem tief ausgetretenen Büffelpfade, der aus der Prairie in denselben hineinführte. Daniel war der Letzte im Zuge, und wollte eben hinter Carl her in den Wald einlenken, als er diesem zurief:
»Halt, junger Herr, steigen Sie schnell ab, vielleicht können Sie einen Wolf schießen; dort kommt ein ganzes Rudel hinter einem Büffel her. Schnell, schnell!«
Zugleich stieg er vom Pferde, führte dasselbe in den Wald und ergriff den Zügel des Falben, während Carl absprang und hinter dem letzten Baume an die Prairie trat. Ein lautes Wolfsgeheul, welches jetzt zu Carls Ohren drang, lenkte seinen Blick weit über die Prairie, wo er einen Büffel erkannte, der im Sturmlauf herangesaust kam. Derselbe hatte nur noch wenig Vorsprung vor einer Schaar Wölfe, die ihm nachfolgte. Sie kamen schnell näher, das Geheul wurde immer lauter, immer wüthender, und immer größer wurde die Anstrengung des Büffels, den Wald zu erreichen. Er kam in gerader Richtung auf Carl zu, wie es schien, um dem Pfad zu folgen. Seine Flanken waren mit weißem Schaum bedeckt, seine brennendrothe Zunge hing ihm weit aus dem Maule hervor und die Erde dröhnte unter seinen schwerfälligen, doch sehr flüchtigen weiten Sprüngen. Die wüthende Schaar hinter ihm hatte ihn bis auf wenige Schritte erreicht und schwärmte heulend nach beiden Seiten auseinander, um ihm in die Flanken zu fallen. Es waren wohl vierzig von den kleinen Prairiewölfen, doch ihnen voran setzte ein ungeheurer weißer Wolf, der jetzt mit geöffnetem Rachen den Büffel erreichte. In diesem Augenblick blitzte es aus Carls Büchse, der weiße Wolf überschlug sich heulend, der Büffel schreckte zur Seite, dem nahen Dickicht zu, und die Schaar der Wölfe stob nach allen Richtungen hin auseinander. Carl sprang hinter dem Baume hervor, richtete sein Geschoß auf einen fliehenden glänzend schwarzen Wolf, und als das Feuer aus dem Laufe fuhr, rollte derselbe kopfüber in das Gras.
»Ei, ei, allen Respect vor Ihrem Schießen, junger Freund!« rief Warwick, der in die Oeffnung des Waldes geritten war, »wo haben Sie das gelernt? So in aller Flucht zwei Kugeln anzubringen, da muß der älteste Frontiermann seinen Hut abnehmen.« Dann wandte er sich nach Turner um und sagte:
»Von solchen Schützen halten sich die Indianer gern entfernt; der Knabe wird Ihnen eine gewaltige Stütze werden.«
»Das ist er mir in der That schon oft gewesen, wofür ich ihm vielen Dank schulde; er ist ein äußerst braver Junge,« erwiederte Turner, indem er nach Carl hinsah, der bei dem weißen Wolf stand und untersuchte, wohin er ihn getroffen hatte. Er warf ihn auf die andere Seite, um zu sehen, ob die Kugel auch durchgeschlagen sei und strich ihm mit der Hand das schöne weiße Haar glatt. Dann rief er dem Neger zu:
»Daniel, sollen wir die Felle nicht mitnehmen?«
»Wenn es Ihnen Freude macht, junger Herr, so will ich sie schnell abstreifen, es sind aber Sommerfelle, an denen das Haar nicht so gut ist, wie im Winter,« entgegnete der Neger.
»Ach, laß sie uns mitnehmen, wir können sie doch wohl benutzen,« sagte Carl, und begann seine Büchse wieder zu laden.
»Gern, gern,« rief Daniel, band schnell seinem Pferde die Vorderfüße zusammen und ließ es mit dem Falben im Grase gehen, und machte dann sich rasch an die Arbeit, um den Wölfen die Häute abzunehmen.
Mit außerordentlicher Geschicklichkeit und Gewandtheit hatte er es bald vollbracht, hing die beiden Felle hinter seinen Sattel über das Pferd, schwang sich auf dessen Rücken und folgte seinen Gefährten in den Wald hinein.