Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.
Part 10
Daniel war mit diesem Lande genau bekannt, da er sich oft mit den Indianern Monate lang hier aufgehalten hatte; bei seinem letzten Besuche in dieser Gegend stand jedoch auf Tagereisen weit noch kein einziges Haus. Turner erkundigte sich darum bei einem der Kaufleute, von welchem er mehrere unbedeutende Gegenstände erstand, wie weit westlich sich die Ansiedelungen von hier aus noch erstreckten, und erfuhr, daß zehn Meilen von hier an dem Choctawbache sich die letzten Niederlassungen befänden. Auf die Frage, ob man dort Kühe, Schweine und Federvieh kaufen könne, wurde ihm gesagt, daß er dies Alles im Ueberfluß dort finden und die Leute sehr erfreuen würde, wenn er sich in ihrer Nähe niederlassen wolle. Nachdem Turner dem Kaufmann das Versprechen gegeben hatte, von ihm gelegentlich seine Bedürfnisse zu beziehen, setzte er die Reise noch eine Meile weiter fort, bis zu einem Bache, wo er das Lager für die Nacht aufschlug. Am folgenden Tage langten die Wanderer gegen Abend an dem Choctawbache an, zu dessen beiden Seiten sich einige Meilen breit prächtiger hoher Urwald hinzog. Der Weg durch denselben war durch Fällen der Bäume geöffnet und führte Turners über den klaren rauschenden Bach bis an den äußeren Waldsaum, wo im schattigen Dunkel der Riesenbäume eine Ansiedelung versteckt lag. Von den Häusern derselben sahen nur die Dächer über eine hohe Pallisadenwand hervor, welche aus aufrechtstehenden, neben einander in die Erde gegrabenen Baumstämmen bestand und sämmtliche Gebäude umgab. Auf der offenen Prairie, welche sich an den Waldsaum anlehnte, grasten in Schußweite vor den Pallisaden viele Pferde, die dort mit langen ledernen Stricken an Pfählen angebunden waren, und weiter auf der Grasflur weideten mehrere hundert Stück Rindvieh.
Bei Annäherung Turners kamen ihnen viele Hunde bellend entgegen gerannt, und gleich darauf erschienen mehrere Männer vor der hölzernen Mauer und sahen verwundert nach den Kommenden hin. Es war der Eigenthümer der Niederlassung, Herr Warwick, mit seinen drei erwachsenen Söhnen und mehreren jungen Amerikanern, die bei ihm wohnten, weil sie unentgeltlich bei ihm lebten, nicht zu arbeiten brauchten, und sich mit der Jagd und Fischerei belustigten. Herrn Warwick war der Aufenthalt dieser Leute in seinem Hause sehr erwünscht, da die Lebensmittel für dieselben nichts kosteten, und sie ihm und den Seinigen eine Sicherheit mehr gegen die Angriffe der Indianer gewährten. Warwick war der erste Ansiedler in dieser Gegend gewesen und hatte manche große Gefahr hier bestanden. Er war ein schon bejahrter, doch noch kräftiger, rüstiger Mann von gutmüthigem freundlichen Wesen. Indem er Turners entgegen kam, bewillkommnete er sie aufs Herzlichste und bot ihnen seine Hülfe und Unterstützung nach allen Kräften an. Die Wagen wurden nahe vor die Pallisaden gefahren, die Pferde an Stricken in das Gras gebunden, während die beiden Füllchen lustig um sie hersprangen, und die Stiere ließ Daniel frei gehen, band aber einem derselben eine große Metallglocke um den Hals, damit er immer hören konnte, wo die Thiere weideten. Turners folgten nun der freundlichen Einladung Warwicks und begaben sich in dessen Wohnung, die aus mehreren, innerhalb der hohen Pallisaden nebeneinanderstehenden Blockhäusern bestand. Die Hausfrau, so wie deren Töchter nahmen die Gäste ebenso freundlich auf, wie es Warwick gethan hatte, und führten sie zum Abendessen, welches soeben aufgetragen war. Daniel mußte in der Küche speisen, weil die Amerikaner es nicht dulden, daß sich ein Schwarzer in ihrer Gesellschaft aufhalte. Nach dem Essen aber eilten Alle hinaus vor die Einzäunung und setzten sich unter eine alte Lebenseiche in das Gras nieder, um die erquickende Abendluft zu genießen, die nicht so frisch und frei in die Häuser eindringen konnte. Eine friedliche heimische Ruhe lag auf der Gegend, in dem hohen dunkeln Walde hinter den Wohnungen ließ sich nur noch hier und dort ein Vogel hören, auf der Prairie, an deren duftig blauer Ferne die Sonne versunken war, zogen die Heerden unter klingendem Glockenton der Leitkühe langsam heran, um sich in der Nähe der Ansiedelung zu lagern, und das Tageslicht wich vor dem bleichen Schimmer des Mondes, der schon hoch am Himmel stand. Turners dachten an die schönen Abende auf der Kluse, an den ruhigen, im Mondlicht glänzenden Spiegel der Werra, an die blauen Berge der lieben alten Heimath -- wie ganz anders war Alles hier und doch auch, wie schön -- nur die feierlichen Töne der Abendglocken hätten sie gerne jetzt gehört -- es war ihnen ein wehmüthiger Gedanke, daß dies nie wieder geschehen sollte.
Warwick hatte seinen Söhnen verschiedene Aufträge gegeben und wandte sich jetzt an Turners, wodurch er deren Gedanken von dem Werrathale abzog. Zuerst sprach er sich ausführlich über die großen Vortheile aus, welche diese Länder vor anderen dem Ansiedler boten, er wies namentlich auf das herrliche gesunde Klima hin, dann auf den reichen Boden, auf die immer grünen üppigen Weiden, auf die Menge von Wild, von Fischen und von Bienen, und malte zuletzt die große Zukunft aus, die dieser Gegend in nicht gar langer Zeit bevorstände, eine Zukunft, die wohl werth sei, daß man jetzt Etwas dafür wage. Dann theilte er Turner mit, daß alles Land an diesem Bache bereits Eigenthum der zehn Ansiedler sei, die jetzt daran wohnten, und daß keiner von ihnen, auch er selbst nicht, ein Stück davon verkaufen würde. Fünf Meilen weiter westlich aber, sagte er, befände sich an dem sogenannten Bärfluß das ausgezeichnetste Land, welches sämmtlich noch der Regierung gehöre, und Derjenige, welcher zuerst dort hinzöge, würde die Auswahl haben und könnte sich ganz nach seinem Wunsche und nach seinem Geschmack anbauen. Turner bemerkte ihm, daß aber dieser Erste dort sehr großen Gefahren ausgesetzt sein würde und daß es ihm selbst wohl kaum möglich sei, sich mit seinen wenigen Kräften gegen die Indianer zu behaupten.
»Wir Alle hier am Choctawbache werden Ihnen helfen,« fiel ihm Warwick in die Rede, »denn sehen Sie, es ist ja in unserm eignen Interesse, daß dort Ansiedelungen entstehen, da dieselben für uns Vorposten gegen die Indianer sein werden. Das ist so der Gebrauch an der Frontier, Einer muß immer der Vorderste sein und eine Zeitlang die Widerwärtigkeiten des Grenzlebens ertragen; hab' ich ja doch viele Jahre lang hier allein gewohnt.«
»Sie kamen aber wohl mit mehr Arbeitskräften hierher, als ich, und konnten sich schnell jene Festung bauen?« versetzte Turner.
»Mit keinen andern Kräften, als diese beiden Arme mir boten, bin ich hier angelangt, denn mein ältester Junge war kaum neun Jahr alt. Meine Frau hat mir aber treulich geholfen, sowohl bei der Arbeit als auch beim Fechten; ihre Kugeln haben manchmal zur rechten Zeit getroffen. Uebrigens, lassen Sie es sich nicht bange werden, wir sämmtlich hier am Bache ziehen mit Ihnen hinaus und bauen Ihnen die Häuser nebst den Pallisaden, das ist nicht mehr, als Schuldigkeit,« entgegnete Warwick und ließ sich dann darüber aus, welche Vorsicht der Frontiermann beobachten müsse, um sich gegen die List der Indianer zu sichern. Turner fragte nun, ob Rindvieh, Schweine und Schafe hier in den Niederlassungen zu kaufen seien, worauf Warwick sich erbot, ihn hiemit ganz nach Wunsche zu versorgen, und zwar zu den allerbilligsten Preisen. Federvieh aller Art wollte er ihm unentgeltlich liefern und so auch hinreichend Mais zur Aussaat und zum eigenen Verbrauch für die Zeit, bis er die erste Ernte gemacht habe. Dies sei ein altes Herkommen an der Grenze und die Ansiedler am Choctawbache würden Alles aufbieten, um ihrem ersten Vorposten gegen die Indianer zu helfen.
Daniel hatte sich, wie für die Befehle seiner Herrschaft bereit, in kurzer Entfernung hinter die Gesellschaft in das Gras gelegt und die ganze Unterhaltung mit angehört. Gegen zehn Uhr nahm Warwick seine Gäste mit sich in seine Wohnung, Carl aber dankte für die Einladung und machte sich mit Daniel ein Nachtlager bei den Wagen zurecht, wo sie auch ein Feuer anzündeten. Pluto ruhte wie gewöhnlich neben ihnen, und ganz in ihrer Nähe hatten sich auch die beiden Füllen ins Gras gelegt. Als sie sich auf ihren wollenen Decken ausgestreckt hatten, nahm Daniel das Wort und sagte:
»Ich kenne jenen Bärfluß ganz gut, von welchem Herr Warwick sprach, das Land in seiner Nähe ist besser und die Weiden sind viel reicher als hier, denn dort giebt es nur das reine Mosquitogras; nirgends in diesem Lande fanden wir damals so viel Wild, als gerade dort an jenem Flusse. Ich werde mit Herrn Turner morgen früh darüber sprechen, er soll nur dort hinziehen und sich seine Häuser bauen lassen, mit den Indianern wollen wir schon fertig werden; ich bin ja selbst Indianer genug, um mich nicht von ihnen überlisten zu lassen. Da giebt es aber Jagden, junger Herr; ich habe dort manches Mal sicher sechs- bis achttausend Büffel mit einem Blick übersehen. Und wilde Pferde giebt es dort, so schön, wie nirgend anderswo.«
»Das soll aber ein Spaß werden, Daniel, wie wollen wir Beide uns die besten Pferde herausfangen! Wenn ich nur erst mit dem Lasso umzugehen wüßte.«
»Das werden Sie bald lernen; ich verstehe es aus dem Grunde,« entgegnete der Neger und erzählte nun seinem jungen Freunde von den Jagden und Abenteuern, die er hier in der Gegend bestanden hatte, als er noch unter den Indianern lebte. Bald aber fielen Beiden die Augen zu, sie sanken auf ihre Sättel zurück, und die wonnigsten Träume beglückten ihren erquickenden Schlaf.
Frühzeitig am folgenden Morgen kam Herr Turner zu ihnen, um sich mit Daniel über Warwicks Vorschlag zu bereden und war sehr erfreut, daß der Neger so eifrig für die Annahme desselben stimmte. Er beschloß, dessen Rath zu befolgen, und setzte alsbald Herrn Warwick davon in Kenntniß. Nach dem Frühstück ritt dieser mit Turner, Carl und Daniel auf die Prairie hinaus zu den Heerden, damit Turner das Vieh auswähle, welches er zu kaufen wünsche, und Warwick erbot sich, ihm dasselbe an Ort und Stelle abzuliefern, sobald seine Niederlassung gegründet sein würde. Noch am selbigen Nachmittag, als die Sonne ihre Gewalt verlor, bestiegen sie mit Warwick wieder ihre Pferde, und begaben sich nach dem Bärfluß hinüber, damit Turner sich ein Stück Land dort wählen möge, auf dem er seine Niederlassung begründen wolle. Noch vor Sonnenuntergang langten sie dort an und ritten noch mehrere Meilen weit an dem äußersten Rand des hohen Waldes, der sich zu beiden Seiten des Flusses hinzog. Die Pferde gingen dabei fortwährend bis an die Sättel in dem feinsten, üppigsten Gras, und wohin man blickte, standen Rudel von Hirschen und schauten verwundert nach den Reitern. Carl war außer sich vor Freude über das viele Wild, und nur die Versicherung des Herrn Warwick, daß er noch heute Abend einen Hirsch erlegen solle, hielt ihn ab, während des Reitens vom Pferde zu springen, um sich an einen solchen anzuschleichen. Endlich als die Sonne unterging, hielt Warwick sein Pferd an einem Platze an, wo der Fluß in einem Bogen aus dem Walde hervortrat und sich dicht an die Prairie lehnte. Hier wurde beschlossen, die Nacht zuzubringen, um frühzeitig am folgenden Morgen das Land an dieser Seite des Flusses weiter zu besichtigen, und dann auch das jenseitige in Augenschein zu nehmen. Den Pferden wurde Sattel und Zeug abgenommen, die Vorderfüße wurden ihnen zusammengebunden, und dann ließ man sie gehen, damit sie sich an dem reichen Grase laben konnten. Warwick und Turner zündeten neben einem umgefallenen trockenen Mosquitobaume ein Feuer an, neben welchem sie ihre Satteldecken für das Nachtlager ausbreiteten, Carl aber eilte mit Daniel und Pluto davon, um nun schnell noch eine Jagd zu machen. Sie waren wohl eine Viertelstunde lang an dem Waldsaume hingeschritten, als der Neger Carl rasch beim Arm ergriff und zugleich ins Gras niederkniete. Dann deutete er mit der Hand seitwärts und gab zu verstehen, daß dort Wild stände. Vorsichtig hoben Beide sich wieder empor, und Carl gewahrte nun einen starken Hirsch, der soeben den Kopf in die Höhe richtete, so daß sein mit vielen Enden prangendes Geweih sichtbar wurde. Er stand noch außer Schußweite und die Jäger schlichen sich langsam und vorsichtig näher zu ihm hin, indem sie immer den Augenblick dazu benutzten, wenn der Hirsch den Kopf in das Gras versenkte. Endlich hatten sie ihn bis auf hundert Schritte erreicht, Daniel winkte Carl zu, noch näher zu gehen, doch dieser war seines Schusses gewiß und hob die Büchse an die Schulter, um zu schießen, als der Neger ihn plötzlich wieder beim Arm niederzog und und mit blitzenden Augen nach der andern Seite hinzeigte. Beide hatten sich tief ins Gras niedergebeugt und Daniel flüsterte seinem Gefährten zu, daß ein Trupp Büffel vom Walde her auf sie zukäme. Carl stockte vor freudiger Ueberraschung der Athem und sein Herz pochte hörbar.
»Lassen Sie sie nahe herankommen und schießen Sie dann dicht hinter das Schulterblatt, aber sehr tief nach unten, sonst fällt der Büffel nicht,« sagte der Neger leise, indem er sich nahe an Carl drückte. »Nehmen Sie sich die Zeit, schießen Sie ruhig und werfen Sie sich nach dem Schuß in das Gras, damit die Büffel Sie nicht sehen -- da kommen sie.«
Bei diesen Worten spannte Daniel gleichfalls seine Doppelbüchse und Carl hob sich vorsichtig aus dem Grase empor. Als sein Blick über dasselbe hinstrich, stand eine schwere, schwarze Riesengestalt auf vierzig Schritte vor ihm, die sich wie ein Berg von dem glühend rothen Abendhimmel abzeichnete. Es war ein kolossaler männlicher Büffel, der seiner Heerde in einiger Entfernung voranging. Er war stehen geblieben und schüttelte seinen schwer umlockten ungeheuren Kopf, wobei die langen Mähnen, die sein ganzes Vordertheil bis hinter die Schultern bedeckten, ihn wild umwogten. Dann blickte er sich nach der Heerde um, die wie eine schwarze Masse langsam herangezogen kam.
»Lassen Sie ihn näher kommen, junger Herr,« flüsterte Daniel, denn er sah, daß die Aufregung es Carl unmöglich machte, die Büchse ruhig zu halten.
Der Büffel schritt wieder vorwärts und blieb auf zwanzig Schritte von den Jägern entfernt abermals stehen. Carl hob die Büchse wieder empor, doch Daniel sagte kaum hörbar: »Noch nicht, warten Sie, bis er zur Seite tritt.«
Carl hatte seinen Hut abgeworfen, um sich nicht durch denselben dem Thiere zu verrathen, und er wagte kaum, nach diesem durch die Grashalme hinzublicken. Jetzt wandte sich aber der Büffel mit einem dumpfen Brummen etwas seitwärts und gab Carl seine ganze Schulter preis. Im Augenblick hatte dieser die Büchse am Kopf. »Schießen Sie nicht zu hoch,« flüsterte der Neger. Das Feuer flog aus dem Rohre, der Büffel bäumte sich mit lautem Wuthgebrüll und stürzte dann vorwärts, bis er wenige Schritte vor den Jägern zusammenbrach. Die Heerde aber stürmte zu ihrem gefallenen Führer heran und würde die beiden Schützen unfehlbar unter ihren Füßen zermalmt haben, wäre Daniel nicht aufgesprungen und ihr mit einem Zetergeschrei entgegengerannt, indem er seinen Hut hoch über sich durch die Luft schwang. Links und rechts stoben jetzt die kolossalen Thiere in wilder Flucht auseinander und suchten das Weite, während der verwundete Büffel sich wieder auf seine Vorderfüße erhoben hatte, seinen wüthenden Blick auf Daniel richtete, und Anstrengungen machte, ganz aufzustehen. In diesem Augenblick krachten aber die Büchsen der beiden Jäger zugleich, und, durchs Herz geschossen, sank der Büffel todt zur Erde nieder.
Der Jubel Carls war groß, als er das ungeheure Thier hingestreckt vor sich liegen sah.
»Sie haben ihn sehr gut getroffen, junger Herr; Ihre erste Kugel würde ihn schon nach kurzer Zeit getödtet haben, doch es war besser, daß wir ihm noch Eins gaben. Ihr zweiter Schuß ist ihm durchs Herz gegangen,« rief Daniel freudig, indem er sein Messer aus der Scheide zog. »Das heißt, wenn es Dein Schuß nicht war, der ihn ins Herz getroffen hat,« entgegnete Carl lachend. »Nein, wirklich, junger Herr, ich habe etwas zu weit nach hinten geschossen; sehen Sie, dies ist meine Kugel,« sagte der Neger, indem er auf eine blutige Wunde zeigte, welche auf den Rippen des Thieres saß; denn er wollte Carl die Freude lassen, daß er allein den Büffel erlegt habe. Er schnitt nun schnell dem Thiere die Zunge unter der Kinnlade heraus, da seine und Carls Kräfte nicht hinreichten, demselben das Maul zu öffnen, spaltete dann die Haut auf dem Höcker, welcher sich über den Schultern des Büffels erhob, und löste ihn von dem Rücken ab.
»Dies ist das beste Stück am ganzen Thiere, sehen Sie nur, wie es mit Fett durchwachsen ist,« sagte Daniel, indem er dasselbe und die Zunge mit einem Seil zusammenband und über die Schulter hing.
»Was sollen wir denn aber mit dem übrigen Fleische anfangen?« fragte Carl.
»Wir überlassen es den Wölfen zum Abendbrod, Sie werden hören, welche Musik sie dabei anstimmen; bis morgen früh ist Nichts mehr vom Büffel übrig, als die Knochen,« entgegnete Daniel.
»Das ist ja aber schade, das viele, gute Fleisch,« bemerkte Carl.
»Ja freilich, wir können es aber doch nicht mitnehmen,« entgegnete Daniel und schritt nun eilig voran, auf kürzestem Wege den Lagerplatz zu erreichen. Der letzte Tagesschimmer war verschwunden, und das Mondlicht zeigte den Jägern die Richtung, die sie zu nehmen hatten. Schon von Weitem sahen sie den Schein des Lagerfeuers, wie es sich auf der hohen, dunkelgrünen Wand des Urwaldes spiegelte, und als sie näher herangeschritten kamen, rief Turner ihnen freudig entgegen: »Nun, Carl, hast Du einen Hirsch geschossen?«
»Einen Büffel, einen ungeheuren Büffel, Onkel, noch einmal so groß wie unsere Stiere,« antwortete Carl überglücklich.
»Ei, was Tausend, wirklich, einen Büffel? den muß ich mir doch morgen früh auch einmal betrachten,« sagte Turner.
»Das wird wohl nicht möglich werden, denn Daniel sagte, daß die Wölfe ihn in dieser Nacht vollständig verzehren würden,« entgegnete Carl, als der Neger herankam und die Beute in dem hohen Grase niederlegte.
»Sieh, das ist ein guter Bursche gewesen, so feist trifft man sie nicht immer,« sagte Warwick, auf den Höcker blickend, »davon muß ich mir doch auch ein Stück ausbitten.«
Hiemit stand der Alte auf, schnitt einige dünne Stücke von dem Fleisch ab, rieb sie mit Salz und Pfeffer ein, welches er in einer Büchse in der Kugeltasche mit sich führte, stieß sie an einen Stock, und stach denselben vor dem Feuer in die Erde, so daß das Fleisch über dessen Gluth schmorte. Turner, Carl und Daniel folgten seinem Beispiel und bereicherten mit diesem kostbaren Braten ihre Abendmahlzeit, welche aus von Hause mitgenommenem Fleisch und Zwieback bestand. Warwick hatte auch in einem großen Blechgefäß Kaffee gekocht, der, wenn auch ohne Milch und Zucker, Allen vortrefflich mundete. Nach dem Essen zündeten die drei Männer ihre Pfeifen an, und Warwick erzählte von den herrlichen Jagden, die er an diesem Flusse so oft gemacht hatte, als plötzlich ein lautes, gellendes Geheul ertönte, wie wenn es von hundert Kehlen angestimmt würde.
»Hören Sie, junger Herr, jetzt wird Ihr Büffel verspeist; ich wette, daß in kurzer Zeit viele hundert Wölfe sich dabei einfinden. Sie kommen schon von allen Seiten,« sagte der Neger zu Carl, und wirklich wurde jetzt das Geheul weithin in allen Richtungen beantwortet.
»Sage einmal, Daniel, könnten wir uns nicht zu ihnen hinschleichen und einen von ihnen schießen? ich möchte wohl einen Wolf in der Nähe sehen,« sagte Carl hochauflauschend.
»Das möchte ich Ihnen doch nicht rathen, junger Freund,« entgegnete Warwick; »mit den kleineren Prairiewölfen würde es so leicht Nichts zu sagen haben, es dürften aber wohl auch von den großen weißen Wölfen welche darunter sein, und die verstehen keinen Spaß. Sie werden auch noch genug dieser Räuber in der Nähe zu sehen bekommen.«
Trotz des immer zunehmenden Geheuls sanken doch die Lagernden bald auf ihre wollenen Decken nieder und verbrachten die Nacht in ungestörtem wonnigen Schlafe. Der anbrechende Tag aber fand sie schon mit Zubereitung des Frühstücks beschäftigt, wobei der Büffelhöcker wieder in Anspruch genommen wurde, und ehe noch die Sonne über der flachen Ferne auftauchte, saßen die Reiter wieder zu Roß, um das weitere Land in Augenschein zu nehmen.
Als sie in die Nähe des Ortes kamen, wo der Büffel lag, erblickten sie noch einzelne Wölfe, die bei ihrer Annäherung davon flohen; aber von dem erlegten Thiere war Nichts mehr übrig, als das Skelett.
»Das muß ja ein riesenhafter Büffel gewesen sein, wie viel sollte er wohl gewogen haben?« sagte Turner, indem er mit Verwunderung auf das ungeheure Knochengebäude schaute.
»Er ist sicher achtzehnhundert Pfund schwer gewesen,« entgegnete Daniel, und sprang dann mit den Worten vom Pferde: »Ich will aber doch seine Hörner mitnehmen, es ist Ihr erster Büffel, junger Herr, von dem Sie ein Andenken haben müssen, ich werde Ihnen ein Trinkhorn und ein Pulverhorn daraus verfertigen.« Nun hieb er mit dem kleinen, sehr scharfen Beile, welches er in einer ledernen Scheide am Sattel hängen hatte, schnell die kurzen, breiten Hörner von dem Schädel, und folgte dann mit Carl im Galopp den beiden Andern, die in raschem Schritt vorangeritten waren. Turner blickte staunend und stumm bald über die in der frischen Morgenluft wogende Prairie, bald nach dem zweihundert Fuß hohen Urwald; eine so reiche, üppige Vegetation hatte er bis jetzt noch nicht gesehen. Dabei prangte die Grasflur, so weit das Auge reichte, durch ihre Blumen in den prächtigsten, buntesten Farben, und der lieblichste Blüthenduft umwehte die Reiter. In allen Richtungen sah man Rudel von Hirschen und Antilopen weiden, und mehrere Züge wilder Pferde wurden sichtbar. Der Urwald dehnte sich oft in Spitzen weit in die Prairie hinaus und wich dann wieder in tiefen, schattigen Buchten zurück; hier hatte noch niemals eine andere Axt als die eines Jägers einen Baum gefällt, und die zerstörende Hand der Civilisation hatte der Urschönheit der Natur noch keinen Abbruch gethan. Wie seit Jahrtausenden dieser Wald im ewigen Aufkeimen und Absterben seine Kronen dichtverschlungen gegen den Himmel emporgehalten hatte, so überschattete er noch jetzt die zur Erde gefallenen Riesenstämme und die nach dem Lichte aufstrebenden jungen Schößlinge.
Warwick, der das Erstaunen Turners bemerkte, unterbrach das Schweigen und sagte: »Nicht wahr, ich habe Ihnen nicht zu viel von diesem Lande erzählt? es ist bedeutend besser als das unserige am Choctawbache. Ich hätte mich gern selbst hier angesiedelt, damals aber war es mir noch zu gefährlich, und jetzt mag ich den Ort, wo ich so viel Arbeit gethan habe, nicht wieder verlassen. Solches Land wie dieses ist wohl werth, daß man Etwas darum wagt.«
Turner gab nun seiner Verwunderung und seiner Freude Worte, und erklärte sich bereit, alle seine Kräfte aufzubieten, um sich hier zu behaupten, wobei ihm Warwick wiederholt die Versicherung gab, daß er und seine Nachbarn ihm treulich mit Rath und That beistehen würden.