Carl Scharnhorst. Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Part 1

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Carl Scharnhorst.

Abenteuer eines deutschen Knaben in Amerika.

Von Armand.

Mit 6 Bildern in Farbendruck, nach Zeichnungen von August Hengst.

Der Verfasser behält sich das Recht der Uebersetzung vor.

Hannover. Carl Rümpler. 1863.

Druck von August Grimpe in Hannover.

Inhalt.

Seite #Abschnitt 1.# In Deutschland. -- Das Frühjahr. -- Die Fahrt mit dem Hunde. -- Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem Felsabhang. -- Die Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. -- Freude im Glück 1

#Abschnitt 2.# Abzug vom Gute. -- Der Brief von Amerika. -- Der Beschluß zur Auswanderung -- Vorbereitungen. -- Weihnachten. -- Der Neger. -- Die Nordsee. -- Die Seeschweine. -- Die Inseln. -- Der Sonnenuntergang. -- Der Eisberg. -- Amerika. -- Der Adler. -- Todesnachricht. -- Der Verlust 34

#Abschnitt 3.# Der schwarze Freund. -- Reise nach dem Westen. -- Der Hirsch. -- Die Nacht im Freien. -- Die Ueberschwemmung. -- Die wilden Pferde. -- Die Prairie. -- An der Frontier. -- Der Büffel. -- Die wilden Truthähne 79

#Abschnitt 4.# Das Land zur Niederlassung. -- Die Wölfe. -- Die Pferdediebe. -- Die hölzerne Festung. -- Das Kanoe. -- Das Feld. -- Fischfang. -- Die Bärenjagd. -- Die Felle. -- Der Jaguar. -- Der vermoderte Baum 120

#Abschnitt 5.# Lederbereitung. -- Die Poolkatze. -- Büffeljagd. -- Der Lasso. -- Die wilden Bienen. -- Weihnachtsabend. -- Vorsichtsmaßregeln. -- Der Mais. -- Die Biber. -- Der Alligator. -- Der Wacoindianer 159

#Abschnitt 6.# Biberfang. -- Die Bärin. -- Der graue Bär. -- Der Prairiebrand. -- Der wilde Rappenhengst 198

#Abschnitt 7.# Ritt durch die Wildniß. -- Wasser. -- Die Antilopen. -- Die Grenze des Prairiebrandes. -- Die Klapperschlangen. -- Der Delawaren-Häuptling. -- Das Lager der Indianer. -- Der schwarze Panther. -- Rückkehr in das Fort. -- Indianerfreundschaft. -- Der Frühling. -- Die Bestürmung. -- Letztes Mittel. -- Die nahende Rache 239

#Abschnitt 8.# Aufopferung. -- Stummer Abschied. -- Der Falbe. -- Das Rennen wider Willen. -- Das Handelshaus. -- Großer Büffelfang. -- Der Panther. -- Dankbarkeit. -- Das Wiedersehen 278

Abschnitt 1.

In Deutschland. -- Das Frühjahr. -- Die Fahrt mit dem Hunde. -- Der Sonnenaufgang. -- Carl Scharnhorst an dem Felsabhang. -- Die Gesellschaft. -- Die Schreckensbotschaft. -- Freunde im Glück.

In dem schönen gesegneten Werrathale lebte eine Familie, Namens Turner, die aus den beiden Eltern, zwei Söhnen und einer Tochter bestand. Herr Max Turner war Oeconom und hatte ein kleines Gut, die Kluse genannt, in Pacht, welches einer alten Adelsfamilie als Eigenthum angehörte. Schon sein Urgroßvater hatte dieses Gut pachtweise besessen, die Pacht war immer vom Vater auf den Sohn übertragen worden, und so war auch Herr Max Turner in dieselbe eingetreten. Ueber hundert Jahre befand sich die Kluse nun schon in den Händen der Familie Turner, so daß diese das Gut als ihr Eigenthum betrachtete, von welchem sie jährlich eine gewisse Summe Geldes an jene adelige Herrschaft abzugeben hatte. Es war niemals von einer anderweitigen Verpachtung die Rede gewesen, und als vor mehreren Jahren die Güter in Deutschland bedeutend im Werthe stiegen, hatte sich Herr Turner auch gern dazu verstanden, seiner Herrschaft eine angemessen höhere Pacht zu zahlen. Die Kluse lag kaum eine Viertelstunde von der Werra entfernt in einem engen, reich bewässerten Thale, welches sich nach dem Strome hin öffnete und zu beiden Seiten von hohen Bergen eingeschlossen war. Großes Vermögen hatten die Turners nie erworben, dazu bot das kleine Gut die Mittel nicht; doch hatten sie ihre Pacht immer pünktlich entrichtet, hatten ohne große Sorgen gelebt, ihren Kindern stets eine gute Erziehung geben lassen und dabei eine kleine Summe baaren Geldes zurückgelegt, wie man zu sagen pflegt für böse Tage, die da kommen könnten. Ebenso stand es nun mit Herrn Max Turner. Auch er besaß kleine Capitalien, die er in dem nahen Städtchen auf Grundstücke ausgeliehen hatte; er lebte zufrieden und ohne Sorgen und bot Alles auf, um seine Kinder so viel als möglich lernen zu lassen; denn er war der Ansicht, daß eine gute Erziehung bei reichen Kenntnissen mehr werth sei, als alles Vermögen. »Wer etwas Tüchtiges gelernt hat,« sagte er oft, »der führt ein Capital mit sich, das ihn in jeder Lage seines Lebens und unter allen Verhältnissen ernährt und welches ihm Niemand nehmen kann.« Seine vierzehnjährige Tochter Julie war sein ältestes Kind; darauf folgte ein Sohn, Arnold, im Alter von elf Jahren, und Wilhelm, der zweite Sohn, hatte sein neuntes Jahr erreicht. Außerdem befand sich noch ein Knabe in der Familie, welcher gleichfalls zu derselben gezählt wurde und Carl Scharnhorst hieß. Seine Mutter, die Schwester des Herrn Turner, war an einen Doctor Scharnhorst verheirathet gewesen; Beide waren vor mehren Jahren gestorben, und Carl Scharnhorst wurde als Waise von seinem Onkel in die Familie aufgenommen und als eigenes Kind betrachtet und behandelt. Carl war vierzehn Jahre alt und ein Knabe von ungewöhnlichen körperlichen wie geistigen Anlagen. Er war ein schöner, kräftiger, gesunder Junge mit braunem lockigen Haar, großen, blauen lebendigen Augen und offenem, ehrlichen, edel geformten Gesicht. Schnell und gewandt in seinen Bewegungen, war er auch rasch und entschlossen in seinen Handlungen und verrieth bei Allem, was er that, ein Herz voll Liebe, Freundschaft und Dankbarkeit. Mit leidenschaftlicher Anhänglichkeit hing er an den Kindern seines Onkels, die er Schwester und Brüder nannte, und seine Schulkameraden, denen er seine Freundschaft einmal zugesagt hatte, konnten sich bei jeder Gelegenheit unbedingt auf ihn verlassen. Die dankbare Verehrung und kindliche, herzinnige Liebe aber gegen seine Pflegeeltern kannte gar keine Grenzen, er schien nach ihren Gedanken zu haschen, um ihren Wünschen zuvorkommen zu können.

Herr Turner war ein ernster, verständiger Mann im Alter von noch nicht ganz vierzig Jahren, er war groß und stark gebaut, hatte glänzend schwarzes Haar, dunkele beredte Augen, aus denen Biederkeit und Entschlossenheit sprachen, und seine hohe offene Stirn zeugte von gründlichem tiefen Denken. Seine Frau Marie dagegen war eine helle Blondine mit himmelblauen, so freundlichen, liebreichen Augen, daß Jedermann, der ihren Blicken begegnete, sie lieb gewinnen mußte. Sie war eine schöne gesunde Frau, der man es ansah, daß sie die Hände nicht oft in den Schooß legte, und daß sie nur für ihre Familie und für ihre Wirthschaft lebte. Von früh Morgens bis Abends spät war sie in ihrem Haushalte beschäftigt, und da ihre Tochter Julie seit einigen Wochen die Schule verlassen hatte und confirmirt worden war, so mußte sie ihr bei den häuslichen Arbeiten zur Hand gehen.

Julie versprach ganz das Ebenbild ihrer Mutter zu werden, sie hatte dieselben blonden Haare und blauen Augen, und dieselbe Anmuth und Lieblichkeit lag in ihrem ganzen Wesen. Arnold, ihr jüngerer Bruder dagegen, mit schwarzem Haar und dunkeln Augen, glich mehr seinem Vater, während Wilhelm, der jüngste, wieder blond war und auf die Mutter artete. Wahres Glück und wahrer Segen ruhte auf dieser Familie; mit unbegrenzter Liebe und unermüdlicher rastloser Fürsorge wachten die Eltern über das Wohl der Kinder, und mit gleicher Liebe und Dankbarkeit hingen diese an den Eltern. Zutrauen und Einigkeit verbanden sie innig, und kein Opfer war ihnen zu groß, um einander gefällig zu werden und sich gegenseitig Freude zu bereiten. In wahrer Frömmigkeit waren sie alle Gott ergeben und bekannten mit dankbarem demüthigen Herzen in ihm den alleinigen Spender des vielen Glücks, dessen sie sich erfreuten. Sorgen und Kummer waren ihnen fremd, sie hatten Alles, was ihre bescheidenen Wünsche orderten, und eine ungestörte kräftige Gesundheit ließ ihnen jede Freude, die ihnen ihr einfaches Leben bot, im vollsten Maße genießen.

Nach einem anhaltenden strengen Winter, der noch bis in den Monat März hinein die Werra mit einer starren Eisdecke überzogen und die hohen, steilen Berge und die Kluse mit hohem Schnee bedeckt hielt, war das Frühjahr mild und segnend erschienen, und der Mai hatte Berg und Thal mit frischem jungen Grün geschmückt. Die Wälder prangten im zarten neuen Laube, die Saaten schossen üppig empor, die Wiesen zierten ihre saftig grünen Flächen mit Blumen, und die Obstbäume sahen, mit Blüthen übersäet, wie weiße und rothe Wolken aus den Gärten hervor. Klar und durchsichtig rauschten die leichten Wogen der Werra zwischen den frisch grünen Ufern hin und folgten spielend ihren Schlangenwindungen durch die mächtigen Gebirge, deren schroffe Basaltkuppen im hellen Sonnenlichte unter dem blauen wolkenlosen Aether glänzten. Alle Zugvögel waren von ihrer Winterreise aus fernen Landen zurückgekehrt, die Schwalben schwärmten in lustigen Zügen schwirrend von Berg zu Berg, die Lerche hob sich singend und trillernd zum Himmel auf, der Kukuk ließ seinen Ruf durchs Thal ertönen und die Nachtigall flötete ihre süßen melancholischen Lieder im Düster des Forstes und im schattigen Dunkel der Gärten.

Es war Pfingstsonnabend Nachmittag, und Carl Scharnhorst hatte die Feierstunden benutzt, um seinen Brüdern, wie er Arnold und Wilhelm Turner nannte, eine Freude zu bereiten. Für den großen schwarzen Hofhund, Pluto, hatte er ein Geschirr angefertigt, denselben in einen kleinen Wagen gespannt, und nun rief er seine Brüder herbei, das Fuhrwerk nach dem nahen Städtchen zu lenken, um für die Mutter allerlei Haushaltsbedürfnisse nach der Kluse zu schaffen; denn für die Feiertage mußten Küche und Keller gut versorgt werden. Die Freude der beiden Jungen war groß, als sie ihren lieben Pluto mit dem weißen Ledergeschirr im Wagen eingespannt erblickten, und Carl mußte das mächtige Thier mit Gewalt am Halsbande halten, damit es bei den Liebkosungen, die es den Knaben mit Ungestüm erwiedern wollte, das Fuhrwerk nicht umwarf. Der laute Jubel brachte auch Madame Turner und Julie vor die Hofthür, auch sie brachen in ein lautes freudiges Lachen aus, als sie den großen Hund eingespannt sahen, und Madame Turner, die in Carls Bemühung nur dessen Liebe zu ihren Kindern erkannte, strich ihm liebevoll die braunen Locken und küßte ihn zärtlich. Dann gab sie ihm die bereits geschriebene Liste über die verschiedenen Gegenstände, welche sie durch einen der Knechte hatte auf einem Schiebkarren aus der Stadt holen lassen wollen. Wilhelm setzte sich in den Wagen hinein, Arnold ging mit dem Lenkseil in der Hand nebenher, und von Carl gefolgt, trabte Pluto mit dem Wagen durch das Hofthor die Straße hinunter.

»Nur langsam, langsam, Ihr Jungen!« rief ihnen Madame Turner lachend nach; kaum hatten sie aber die offene Straße erreicht, als sie Pluto zum Laufen aufforderten, und nun davon sausten, so schnell sie ihre Füße nur tragen konnten.

Die Sonne sank zu den fernen blauen Gebirgen hinab, die vielen einzelnen Basaltkuppen, die sich hier und dort aus dem Werrathale erhoben, dehnten ihre Schatten weiter aus, der Himmel im Westen wurde immer feuriger, immer glühender, und eine heilige Ruhe legte sich auf das schöne Thal, die nur durch den friedlichen Ton der Abendglocken und zuweilen durch einen verspäteten Grasmäher unterbrochen wurde. Herr Turner kam auf einem prächtigen Rappen auf der Straße hergetrabt, die von dem Städtchen nach der Kluse führte, und holte auf halbem Wege seine drei Buben ein, von denen Arnold und Wilhelm neben dem großen Hunde hinschritten, während Carl Scharnhorst hinter dem beladenen Wagen ging und denselben vorwärts schob, damit die Last dem Thiere nicht zu schwer werden sollte.

»Ist es möglich, seid Ihr es?« rief Turner lachend und verwundert aus. »Habe ich mich doch besonnen, was für ein Fuhrwerk dies sein könnte! Aber wer hat Euch denn das Geschirr für Pluto und die ganze Einrichtung gemacht? es ist ja allerliebst!«

»Carl hat Alles heimlich hergestellt, und als er Pluto eingespannt hatte, rief er uns herbei, damit wir fahren könnten,« antworteten die beiden Söhne Turners vergnügt und sahen mit dankbaren freudigen Blicken nach Carl hin.

»Ei, Du bist ja ein Prachtbursche, Carl! Dafür sollst Du nun aber auch wahrlich Deinen Spaß haben,« sagte Turner, indem er vom Pferde sprang und Carl den Zügel hinreichte. »Komm her, mein Junge, sollst den Rappen nach Hause reiten, ich weiß, es macht Dir Freude. Wart nur, ich will die Bügel etwas kürzer schnallen.«

»Nein, bester Onkel, ich danke, ich muß bei dem Wagen bleiben, es wird Pluto zu sauer!« antwortete Carl und sah mit glänzendem Blicke nach dem Sattel hinauf, in welchem er so gern Platz genommen hätte.

»Nein, nein, Carl, eine Ehre ist der andern werth; Du hast Deinen Brüdern eine Freude gemacht, und es ist nun an mir, auch Dir eine solche zu bereiten. Steig auf, flink, ich bleibe beim Wagen und werde ihn statt Deiner schieben.«

»Aber, bester Onkel, wenn das Jemand sähe -- ich zu Pferde und Du hinter dem Wagen -- das geht ja nicht!«

»Eine jede Arbeit ehrt den Mann, Carl; wer mich nicht hinter dem Wagen sehen mag, der muß einen andern Weg blicken. Schnell auf das Pferd, darfst es einmal tüchtig laufen lassen, nimm Dich aber in Acht, schiebe die Füße nicht zu weit in die Steigbügel, damit Du mir nicht darin hängen bleibst, wenn Du herunterfallen solltest.«

»Hat nichts zu sagen, Onkel, ich habe den Rappen schon zu oft in das Wasser geritten, ich falle nicht herunter,« erwiederte Carl und sprang behend in den Sattel.

»So, nun sage der Mutter, daß ich Fuhrmann geworden sei und bald mit der reichen Ladung nachfolgen würde,« sagte Turner, worauf Carl den Rappen in Galopp setzte und davon jagte.

Die flüchtigen Tritte des Rosses, als Carl in den Hof sprengte, lockten Madame Turner in die Hausthür, wo ihr der Knabe lachend zurief, was ihm sein Onkel zu bestellen aufgetragen hatte. Dann übergab er das Pferd einem Knecht und lief nun rasch wieder nach der Straße hinunter, dem Wagen entgegen zu eilen und Herrn Turner dort abzulösen.

Der Mond stieg glühend roth über den dunkeln Bergen auf und blickte in das Thal herab, in welchem die Kluse lag, als der Wagen vor dem Hause anlangte und Pluto sich ermüdet niederlegte.

»Hier, Mutter, wir haben Alles glücklich hergebracht, es ist Nichts entzwei gegangen,« rief Arnold seiner Mutter triumphirend zu, als diese aus dem Hause hervorsprang, um ihre Lieben zu bewillkommnen.

»Und wie schön war die Fahrt, ich sage Dir, Mutter, ganz prächtig,« fiel Wilhelm ein.

»Und die Freude habt Ihr Carl zu verdanken,« erwiederte Madame Turner.

»O ich habe aber einen noch weit größern Spaß gehabt, weil Onkel so gut war und mich den Rappen reiten ließ; wie hat der aber laufen müssen!« unterbrach Carl schnell seine Tante; doch diese fuhr, zu ihren Söhnen gewandt, fort:

»Nun, bedankt Euch hübsch bei Carl, der Euch so lieb hat,« worauf die beiden Buben Carl um den Hals fielen, ihn küßten und ihm für die Freude dankten, die er ihnen bereitet hatte.

»Hast Du uns Fuhrleuten denn aber nun auch etwas Gutes gekocht, Mutter? wir haben uns tüchtig für Dich abgearbeitet,« nahm jetzt Herr Turner das Wort, indem er seinen Arm um die Schulter der geliebten Gattin legte und von ihr den gewohnten Kuß zum Willkommen empfing.

»Ihr sollt zufrieden sein. Julie hat Puffer gebacken, und wenn ich mich nicht irre, so sind sie ihr gut gerathen,« entgegnete Madame lächelnd.

»So laß uns das Abendbrod im Garten in der Laube verzehren; ich meine immer, im Freien könnten wir dem gütigen Gott besser für seine Wohlthat danken, als in dem Zimmer, dort sehen seine Wolken so freundlich auf uns hernieder, seine Größe und Allmacht tritt uns lebendiger vor die Seele. Es ist eine so herrliche Nacht, daß es schade wäre, uns in das Zimmer einzusperren,« entgegnete Turner.

»Sehr gern, es ist mir leichte Mühe, die Speisen hinauszubringen, und dort werden sie uns noch viel besser schmecken,« antwortete Madame Turner, und eilte in das Haus, um die nöthigen Anordnungen zu treffen, während ihr Gatte mit den Knaben die Ladung von dem Wagen hinein beförderte. Carl hatte Pluto das Geschirr bereits abgenommen, und der Hund folgte ihm nun auf Schritt und Tritt nach.

Eine halbe Stunde später saß die ganze Familie im Garten in der Geisblattlaube um den großen steinernen Tisch, auf dem das einfache Abendbrod aufgetragen war und auf dessen Mitte eine Lampe mit heller Glaskuppel brannte.

Herr Turner erhob sich zum Dankgebete und die Seinigen folgten seinem Beispiele. Mit wenigen klaren, aus tiefem Herzen kommenden und zum Herzen dringenden Worten dankte er Gott für die unendlich vielen Wohlthaten, die er ihm und seiner Familie hatte angedeihen lassen, und flehte um seinen ferneren Segen. Mit demüthiger Andacht folgten Mutter und Kinder dem Gebet, und nach dessen Beendigung wünschten sich Alle gegenseitig guten Appetit.

»Daran wird es uns Allen gottlob nicht fehlen, denn wir haben ja sämmtlich unsere Schuldigkeit gethan und unsere Herzen drückt keine Schuld und kein Kummer,« sagte Turner, indem er die Schüssel mit Speisen nahm, sich derselben bediente, und sie dann weiter reichte.

»Ich hätte Euch nun wohl einen Vorschlag zu machen, das heißt, wenn Ihr früh aufstehen könntet,« fuhr er nach einer Weile fort. »Wie wäre es, wenn wir morgen früh auf der Wichtelkuppe die Sonne aufgehen sähen?«

»Ach ja, lieber Vater!« fielen die Kinder jubelnd ein, und auch die Mutter stimmte freudig dafür.

Die Mahlzeit war bald gehalten und Madame Turner rückte auf der Bank näher zu ihrem inniggeliebten Gatten, um sich in treuer Liebe an seine Seite zu schmiegen. Der Mond blickte silberhell in die Laube, der Maiwurm glühte im Grase und die Nachtigall flötete ihre süßen Lieder im nahen Gesträuche. Die laue Nachtluft trug den tausendfältigen Duft der Frühlingsflur hin und wieder, und der nahe Bach rauschte und murmelte in dem Gestein, über welches seine krystallklaren Wellen spielten.

»Der allmächtige gütige Gott hat uns doch überreich gesegnet, Marie,« sagte Turner im Gefühle seines großen Glückes zu seiner Gattin, und sah nach den Kindern hin, die in den krummen Wegen des Gartens spielten und sich jauchzend und lärmend auf denselben hin- und herjagten. »Sieh unsere Kinder an, wie sie geistig und körperlich gedeihen, wie sie gut und ehrlich denken und fühlen, wie jede Unwahrheit, jedes Unrecht ihnen verhaßt ist, und wie sie kräftig und übermüthig emporwachsen.«

»Gott der Gütige erhalte uns unser Glück, Max, wir sind vor Tausenden von ihm bevorzugt. Unsere Kinder sind gut, wir haben keine Sorgen, und unsere Liebe hat uns den Himmel auf Erden gegeben. Mag unsere Bitte um Erhaltung unseres Glücks dem Allmächtigen nicht unbescheiden klingen; fast ist es zu groß für diese Welt,« sagte Madame Turner, zum Himmel aufblickend, und das Mondlicht spiegelte sich in den Freudenthränen, die unter ihren langen Wimpern glänzten.

Es war schon spät, als die Familie den Garten verließ und sich zu ihrer Ruhestätte begab, um noch einige Stunden sich in sorglosem glücklichen Schlafe zu stärken; aber lange vor dem ersten Grauen des Tages schon weckte Herr Turner die Schläfer, und Alle schossen schnell in die Kleider, um zum Aufbruch nach der Wichtelkuppe bereit zu sein.

Noch war der Mond nicht versunken und er warf sein Licht über den rohen Fahrweg, der sich, steil hinansteigend, zwischen den Bergen nach dem erwählten Ziele der frühen Wanderung hinaufwand. Herr Turner, mit einem schweren Stocke bewaffnet, schritt mit seiner Gattin voran, dann folgten ihre drei Kinder, und Carl Scharnhorst beschloß mit Pluto den Zug. Ein Jedes von ihnen hatte Etwas zu tragen, denn es waren Milch, zwei Bouteillen Wein und ein tüchtiger Vorrath von frischem Kuchen, so wie einige Gläser mitgenommen, und Alles war unter die Gesellschaft zum Tragen vertheilt worden.

»Warum heißt denn der Berg die Wichtelkuppe, Vater?« fragte Arnold.

»Es ist eine alte Sage, die dem Berge diesen Namen gegeben hat. Man erzählte sich vor langen Jahren, daß in den Kohlenbergwerken am Meißner, dort drüben an der andern Seite der Werra, gute Geister in der Gestalt von ganz kleinen Menschen leben sollten, die man Wichtelmänner nannte. Diese Geister, sagte man, hielten in mondhellen Nächten ihre Zusammenkünfte und ihre Tänze auf jenem Berge, und darum nannte man ihn die Wichtelkuppe. In früheren Jahren gab es noch viele sehr unwissende Menschen, die an solche Geistergeschichten glaubten; heutzutage aber lacht man darüber, da man weiß, daß es nur _ein_ Geist, _ein_ großer allmächtiger gütiger Geist ist, der allenthalben unsichtbar gegenwärtig und der uns und diese Erde, so wie alle die Welten geschaffen hat, die wir am Himmel über uns sehen. Dieser einzige Geist ist der gütige Gott, den Niemand zu fürchten hat, wenn er recht thut. Andere Geister giebt es nicht, und wem einmal ein angeblicher Geist begegnen sollte, der fasse ihn nur gleich beim Kragen, und er wird sogleich finden, daß er einen Menschen, oder sonst einen Gegenstand vor sich hat. Nur dumme Furcht, oder ein böses Gewissen können Gespenster sehen. Nehmt Euch hier in Acht, Ihr Jungen, daß Ihr nicht fallt, es ist dunkel in diesem Hohlweg, und es liegen viele Steine darin,« sagte Turner, sich nach den Knaben umsehend. »Wer trägt denn die zweite Flasche Wein?«.

»Ich habe sie, Onkel, ich werde sie nicht zerbrechen,« rief Carl, der etwas zurückgeblieben war.

Der dunkle Hohlweg war bald durchschritten und eine steinige Höhe erreicht, von der man auf die Kluse hinabsehen konnte. Hier wurde für einige Minuten Halt gemacht, weil der Weg bis hierher sehr steil gewesen war. Bald aber ging es wieder vorwärts, und immer noch gab der Mond Licht genug, um den Weg erkennen zu können. Ueber eine Stunde lang waren die Wanderer in der fröhlichsten Laune scherzend und lachend, beinahe fortwährend bergauf gestiegen, als sie plötzlich die höchste Spitze der Wichtelkuppe erreicht hatten, und wie von einem Thurme herab in das tiefe Werrathal hinunter schauten. Der Mond hatte den Saum der Gebirge erreicht und warf seinen letzten Blick auf den ruhigen Spiegel des Stromes, der sich wie eine glänzende silberne Schlange durch das tiefe dunkele Thal hinwand. Bald aber versank die helle Mondscheibe hinter dem Berge, die Nacht breitete ihr Dunkel über die Erde, und die Sterne blitzten und funkelten lebendiger. Nur im Osten zeigte der Himmel über den Gebirgssäumen einen bleichen Streif, der den nahenden Tag verkündete. Von Minute zu Minute wuchs dieser Lichtschein und seine bleichgelbe Farbe ging in ein zartes Rosenroth über. Zugleich zitterte die Morgendämmerung über die Berge, und die einzelnen Basaltkuppen und Waldstriche wurden im Thale sichtbar. Der Himmel färbte sich immer feuriger, immer prächtiger, bis seine ganze östliche Hälfte mit einem glühenden Roth bedeckt war.

Turner, dessen Gattin, und um sie herum die Kinder hatten sich auf Felsstücke niedergesetzt, und hielten erwartungsvoll und von heiligen Schauern durchbebt, die Blicke auf den Fleck über dem dunkeln Gebirgsrücken geheftet, von wo aus die Gluth am Himmel aufzusteigen schien. Plötzlich wurde dort ein glänzender heller Lichtpunkt sichtbar, die goldene Scheibe der Sonne stieg empor, und ihr Strahlenlicht ergoß sich über die Erde.

»Erkennt die Größe des allmächtigen Gottes in diesem seinen Werke!« sagte Turner zu den Kindern, indem er die Hand nach dem aufsteigenden Gestirn erhob. »Wie Alles in der ganzen Schöpfung Gottes Gnade bekundet, so sendet auch dieses göttliche Werk Leben, Segen und Gedeihen über unsern Erdball. Seht nur, wie die Natur erwacht und wie Alles neu belebt wird!«