Candida: Ein Mysterium in drei Akten
Chapter 7
(Morell fortfahrend:) Eugen hatte recht! Wie du mir einige Stunden später klarmachtest, hat er immer recht. Er sagte nichts, was du nicht viel besser selbst gesagt hättest. Er ist der Dichter, der alles sieht; und ich bin der arme Pastor, der nichts versteht.
(Candida reuevoll:) Ärgert dich, was ein närrischer junge gesagt hat, weil ich im Scherz etwas Ähnliches sagte?
(Morell.) Der närrische Junge kann mit der Begeisterung eines Kindes und mit der Verschlagenheit einer Schlange sprechen. Er hat behauptet, daß du ihm gehörst und nicht mir, und, ob mit Recht oder Unrecht, ich beginne zu fürchten, daß es wahr sein könnte. Ich will nicht umhergehen von Zweifeln und Verdächtigungen gequält. Ich will nicht mit dir leben und ein Geheimnis vor dir haben. Ich will nicht die entwürdigende Qual der Eifersucht erdulden. Deshalb haben wir beschlossen--er und ich--daß du jetzt zwischen uns wählen sollst! Ich erwarte deine Entscheidung.
(Candida weicht langsam einen Schritt zurück, verletzt über sein Pathos, trotz des aufrichtigen Gefühls, das sie heraushört:) Oh, ich muß also wählen? Ich nehme an, daß eines vollkommen feststeht: daß ich einem o d e r dem andern gehören muß.
(Morell entschlossen:) Vollkommen; du mußt endgültig wählen.
(Marchbanks ängstlich:) Herr Pastor,--Sie verstehen nicht: sie meint, daß sie sich selbst gehört.
(Candida sich zu ihm wendend:) ja, das meine ich, Junker Eugen, und noch sehr viel mehr, wie Ihr beide sofort herausfinden werdet. Und ich frage, meine Herren und Gebieter, was habt Ihr für meine Wahl zu geben? Es scheint, daß ich versteigert werden soll. Wieviel bietest du, Jakob?
(Modell vorwurfsvoll:) Cand.... (Er bricht zusammen, seine Augen füllen sich mit Tränen, und seine Kehle schnürt sich zu, der Redner wird zu einem verwundeten Tier.) Ich kann nicht sprechen.
(Candida geht impulsiv zu ihm hin:) O Liebster!
(Marchbanks in wildem Aufruhr:) Halten Sie ein, das ist nicht gerecht. Sie dürfen ihr nicht zeigen, daß Sie leiden, Morell.--Ich bin auch auf der Folter, aber ich weine nicht.
(Morell nimmt seine ganze Kraft zusammen:) Ja, Sie haben recht. Es ist nicht Mitleid, worum ich bitte. (Er befreit sich von Candida.)
(Candida zieht sich frostig zurück:) Entschuldige, Jakob, ich hatte nicht die Absicht, dich zu berühren. Ich warte auf dein Angebot.
(Morell mit stolzer Demut:) Ich habe dir nichts zu bieten als meine Kraft zu deinem Schutze, mein ehrliches Wollen für deine Ruhe, meine Tüchtigkeit und Arbeit für deinen Unterhalt und mein Ansehen und meine Stellung für deine Würde. Das ist alles, was einem Manne ansteht, einer Frau zu bieten.
(Candida ganz ruhig:) Und Sie, Eugen, was bieten Sie?
(Marchbanks.) Meine Schwäche! meine Trostlosigkeit! meine Herzensnot!
(Candida gerührt:) Das ist ein gutes Angebot, Eugen; nun weiß ich, wie ich meine Wahl zu treffen habe. (Sie hält inne und blickt seltsam von einem zum andern, als ob sie beide abschätzte. Morell, dessen hochtmütiges Zutrauen sich in herzzerreißende Angst bei Eugens Gebot verwandelt hat, verliert alle Beherrschung, und kann seine Angst nicht verbergen. Eugen dagegen, mit äußerst angespannter Kraft, zuckt mit keiner Wimper.)
(Morell mit halb erstickter Stimme--ein Hilferuf entringt sich den Tiefen seiner Verzweiflung:) Candida!
(Marchbanks beiseite mit einem Aufwallen der Verachtung:) Feigling!
(Candida bedeutsam:) Ich gebe mich dem Schwächeren von beiden. (Eugen errät ihre Meinung sofort; sein Gesicht wird weiß wie scbmelzender Stahl.)
(Morell neigt seinen Kopf mit der Ruhe der Gebrochenheit:) Ich nehme deine Entscheidung an, Candida.
(Candida.) Verstehen Sie, Eugen?
(Marchbanks.) Oh, ich fühle, ich bin verloren. Er könnte die Last nicht ertragen!
(Morell ungläubig, hebt seinen Kopf empor, mit prosaischer Stumpfheit:) Meinst du mich, Candida?
(Candida lächelt ein wenig:) Setzen wir uns und plaudern wir gemütlich darüber wie drei Freunde. (Zu Morell:) Setze dich, mein Lieber. (Morell nimmt den Stuhl vom Kamin--den Kindersessel.) Bringen Sie mir diesen Stuhl, Eugen. (Sie weist auf den Lehnstuhl, er holt ihn schweigend, sogar mit etwas wie kühler Beherrschung und setzt ihn neben Morell, etwas hinter ihn. Sie setzt sich, er geht an das Sofa und läßt sich dort nieder, noch immer schweigsam und unergründlich. Als sie alle sitzen, beginnt Candida,--einen Hauch von Ruhe um sich breitend, mit ihrer sanften, gesunden, zärtlichen Stimme:) Sie erinnern sich doch, was Sie mir über sich selbst erzählten, Eugen: wie sich niemand um Sie gekümmert hat, seit Ihre alte Amme starb. Wie Ihre gescheiten, vornehmen Schwestern und erfolgreichen Brüder die Lieblinge Ihrer Eltern waren, wie elend es Ihnen in Eton erging, wie Ihr Vater Sie durch Entbehrungen zwingen will, nach Oxford zurückzukehren, wie Sie leben mußten ohne Behaglichkeit oder Willkommen, ohne Zufluchtsstätte, immer einsam und fast immer ungern gesehen und mißverstanden! Sie armer Junge!
(Marchbanks der Größe seines Schicksals würdig:) Ich hatte meine Bücher. Ich hatte die Natur. Und endlich bin ich Ihnen begegnet.
(Candida.) Lassen wir das im Augenblick beiseite. Nun möchte ich, daß Sie sich diesen andern Jungen hier betrachten,--meinen verwöhnten Jungen,--verwöhnt von seiner Wiege an. Einmal alle vierzehn Tage besuchen wir seine Eltern. Da sollten Sie mit uns kommen, Eugen, und die Bilder des Helden dieser Familie sehen. Jakob als Baby, das wundervollste aller Babys! Jakob, als er seinen ersten Schulpreis erhielt, gewonnen im reifen Alter von acht Jahren! Jakob als der Führer seiner Mitschüler beim Cricketspiel! Jakob in seinem ersten schwarzen Anzug! Jakob in allen möglichen ruhmvollen Posen. Sie wissen, wie stark er ist--ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan--wie gescheit er ist--wie glücklich! (Mit wachsendem Ernst:) Fragen Sie Jakobs Mutter und seine drei Schwestern, was es sie gekostet hat, Jakob die Mühe zu ersparen, irgend etwas zu tun, als stark, gescheit und glücklich zu sein. Fragen Sie mich, was es mich kostet, Jakobs Mutter und seine drei Schwestern und seine Frau und Mutter seiner Kinder--alles in einer Person--zu sein! Fragen Sie Prossi und Marie, wieviel Arbeit das Haus gibt, selbst wenn wir keine Besucher haben, die uns helfen Zwiebeln schneiden. Fragen Sie die Geschäftsleute, die Jakob stören und seine prachtvollen Predigten gefährden wollen, wer es ist, der sie abschüttelt! Wenn Geld zu geben ist, so gibt er es; wenn Geld zu verweigern ist, so verweigere ich es. Ich habe ihm ein Schloß von Behaglichkeit, Nachsicht und Liebe erbaut und stehe immer Schildwache davor, um all den täglichen kleinen Lebenssorgen den Eintritt zu verwehren. Ich mache ihn hier zum Herrn, obwohl er es nicht weiß und Ihnen vor einem Augenblicke nicht sagen konnte, wie er dazu gekommen ist, es zu sein. (Mit süßer Ironie:) Und als er dachte, ich könnte mit Ihnen fortgehen, da war seine einzige Sorge, was aus mir werden würde; und um mich zum Bleiben zu bewegen, bot er mir-- (sie neigt sich vor und streicht ihm bei jedem Satze über das Haar) seine Kraft zu meinem Schutze, seine Arbeit für meinen Unterhalt, seine Stellung für meine Würde, seine (zögernd:) ah, ich verwechsle deine wunderschönen Sätze und verderbe sie, nicht wahr, Liebling?
(Morell kniet ganz überwältigt neben ihren Stuhl und umschlingt sie mit knabenhafter Leidenschaft:) Alles ist wahr, jedes Wort. Was ich bin, hast du aus mir gemacht, durch die Arbeit deiner Hände und die Liebe deines Herzens. Du bist mein Weib, meine Mutter, meine Schwester,--du bist die Summe aller Liebessorgen für mich.
(Candida in seinen Armen, lächelnd zu Marchbanks:) Bin ich Ihnen auch Mutter und Schwester, Eugen?
(Marchbanks erhebt sich mit einer heftigen Bewegung des Ekels:) Oh, niemals! Hinaus denn in die Nacht mit mir!
(Candida erhebt sich rasch und unterbricht ihn:) sie werden nicht so von uns gehn, Eugen!
(Marchbanks mit dem Tonfall eines entschlossenen Mannes, nicht mit der Stimme eines Knaben:) Ich weiß, wann die Stunde geschlagen hat. Ich bin ungeduldig zu tun, was getan werden muß.
(Morell erhebt sich von seinen Knien, beunruhigt:) Candida, laß ihn nichts Übereiltes begehen!
(Candida lächelt Eugen vertrauensvoll an:) Oh, sei unbesorgt, er hat gelernt, ohne Glück zu leben.
(Marchbanks.) Ich ersehne nicht mehr Glück; das Leben kann Höheres bieten. Pastor Jakob, ich gebe Ihnen mein Glück mit beiden Händen hin; ich liebe Sie, weil Sie das Herz der Frau, ganz ausgefüllt haben, die ich liebte. Leben Sie wohl! (Er geht zur Tür.)
(Candida.) Ein letztes Wort. (Er hält inne, aber ohne sich nach ihr umzuwenden.) Wie alt sind Sie, Eugen?
(Marchbanks.) Jetzt bin ich so alt wie die Welt. Heute morgen war ich achtzehn Jahre!
(Candida geht zu ihm hin und steht hinter ihm, eine Hand liebkosend auf seiner Schulter:) Achtzehn... Wollen Sie mir zuliebe ein kleines Gedicht aus zwei Zeilen machen, die ich Ihnen sagen will? Und wollen Sie mir versprechen, sich's immer vorzusagen, so oft Sie an mich denken.
(Marchbanks ohne sich zu rühren:) Sagen Sie die beiden Zeilen.
(Candida.) Wenn ich dreißig sein werde, dann wird sie fünfundvierzig sein; wenn ich sechzig sein werde, dann wird sie fünfundsiebzig sein.
(Marchbanks wendet sich nach ihr um:) In hundert Jahren werden wir gleich alt sein! Aber ich trage ein besseres Geheimnis als das in meinem Herzen! Lassen Sie mich jetzt gehen, die Nacht wächst draußen ungeduldig.
(Candida.) Leben Sie wohl! (Sie nimmt sein Gesicht in die Hände, und da er ihre Absicht errät und sein Knie beugt, küßt sie ihn auf die Stirne, dann flieht er hinaus in die Nacht.--Sie wendet sich zu Morell, mit ausgebreiteten Armen:) O Jakob! (Sie umarmen einander. Aber das Geheimnis in des Dichters Herzen, das kennen sie nicht.)
(Vorhang)
Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes CANDIDA, von George Bernard Shaw.