Candida: Ein Mysterium in drei Akten

Chapter 4

Chapter 43,623 wordsPublic domain

(Proserpina erhebt sich plötzlich und preßt ihre Hand aufs Herz.) Oh, es ist vergeblich, arbeiten zu wollen, während Sie so reden. (Sie verläßt ihren kleinen Tisch und setzt sich auf das Sofa. Ihre Gefühle sind heftig aufgewühlt.) Es kümmert Sie gar nichts, ob mein Herz schreit oder nicht, aber es ist mir so, als müßte ich nun doch über all das zu Ihnen sprechen.

(Marchbanks.) Das brauchen Sie nicht; ich weiß doch, daß es so ist.

(Proserpina.) Merken Sie sich: wenn Sie jemals behaupten sollten, daß ich derlei gesagt habe, dann werde ich es leugnen.

(Marchbanks mitleidig:) Ja, das weiß ich. Deshalb finden Sie auch nicht den Mut, es ihm zu sagen.

(Proserpina aufspringend:) Ihm?! Wem?!

(Marchbanks.) Wem es auch sei. Dem Manne, den Sie lieben. Irgend jemandem. Dem Unterpfarrer Herrn Mill vielleicht.

(Proserpina verachtungsvoll:) Herrn Mill? Wahrhaftig, das ist der rechte Mann, mir das Herz zu brechen. Da wären Sie mir noch lieber.

(Marchbanks zurückweichend:) Nein, wirklich! Es tut mit leid, aber daran dürfen Sie nicht denken. Ich--

(Proserpina scharf, geht ans Feuer und bleibt davor stehen, ihm den Rücken zuwendend:) Oh, fürchten Sie nichts, Sie sind es nicht. Es ist gar keine bestimmte Person.

(Marchbanks.) Ich verstehe. Sie fühlen, daß Sie jeden Mann lieben könnten, der Ihnen sein Herz anböte--

(Proserpina außer sich:) Nein, das könnte ich nicht! Jeden, der mir sein Herz anböte! Für was halten Sie mich?

(Marchbanks entmutigt:) Es ist vergebens, Sie wollen mir keine wirklichen Antworten geben, nur diese leeren Worte, die jedermann sagt. (Er geht nach dem Sofa und setzt sich trostlos nieder.)

(Proserpina die es wurmt, in den Augen eines Aristokraten manierlos zu erscheinen:) Wenn Sie originelle Unterhaltung wünschen, dann ist es besser, Sie sprechen mit sich selbst.

(Marchbanks.) Das tun alle Dichter; sie sprechen laut mit sich selbst; und die Welt überhört sie. Aber es ist furchtbar einsam, nicht manchmal auch jemand anders sprechen zu hören.

(Proserpina.) Warten Sie, bis Herr Morell kommt. Der wird schon mit Ihnen reden. (Marchbanks schaudert.) Oh, Sie brauchen die Nase nicht zu rümpfen, er kann besser sprechen als Sie. (Lebhaft:) Er wird Ihnen den kleinen Kopf schon zurechtsetzen. (Sie ist im Begriff ärgerlich an ihren Platz zurückzugeben, als er, plötzlich erleuchtet, aufspringt und sie anhält.)

(Marchbanks.) Ah, jetzt begreife ich!

(Proserpina errötend:) Was begreifen Sie?

(Marchbanks.) Ihr Geheimnis! Sagen Sie mir, ist es wirklich und wahrhaftig möglich, daß eine Frau ihn liebt?

(Proserpina als ob dies ihr über den Spaß ginge:) Genug!

(Marchbanks leidenschaftlich:) Nein, antworten Sie mir! Ich will es wissen, ich muß es wissen, ich kann es nicht begreifen. Ich kann an ihm nichts finden als Worte, fromme Vorsätze, was die Leute Güte nennen! Sie können ihn deswegen doch nicht lieben!

(Proserpina versucht, ihn durch ihr kühles Wesen stutzig zu machen:) Ich weiß ganz einfach nicht, wovon Sie sprechen--ich verstehe Sie nicht.

(Marchbanks heftig:) Sie verstehen mich ganz gut. Sie lügen!

(Proserpina.) Oh!

(Marchbanks.) Sie verstehen, und Sie wissen. (Entschlossen, eine Antwort zu bekommen:) Ist es möglich, daß eine Frau ihn lieben kann? Ja oder nein!

(Proserpina ihm gerade ins Gesicht blickend:) Ja! (Er bedeckt sein Gesicht mit den Händen.) Was in aller Welt fehlt Ihnen denn? (Er nimmt die Hände herab und sieht sie an. Erschreckt über das traurige Gesicht, das sich ihr darbietet, eilt sie so weit wie möglich von ihm fort, behält aber ihre Augen auf ihn gerichtet, bis er sich von ihr abwendet und nach dem Kinderstuhl am Kamin geht, wo er sich in tiefster Trostlosigkeit niederläßt. Proserpina eilt zur Tür, die Tür geht auf und Burgess tritt ein. Als sie ihn erblickt, ruft sie aus:) Gott sei Dank, es kommt jemand! (Setzt sich wieder beruhigt an ihren Tisch. Sie legt einen neuen Bogen in die Maschine, während Burgess zu Eugen hinübergebt.)

(Burgess beflissen, sich um den vornehmen Besucher zu kümmern:) Na, gehört sich das, wie man Sie hier sich selbst überläßt, Herr Marchbanks? Ich bin gekommen, Ihnen Gesellschaft zu leisten. (Marchbanks siebt zu ihm mit einer Bestürzung auf, die Burgess aber gar nicht merkt.) Jakob empfängt eine Deputation im Speisezimmer, und Candy ist oben und unterrichtet eine junge Näherin, für die sie sich interessiert. Sie sitzt bei ihr und lehrt sie lesen, in einem frommen Buche: die himmlischen Zwillinge. (Teilnahmsvoll:) Sie müssen es hier recht langweilig finden, so ohne einen Menschen, mit dem Sie reden können, außer der Schreiberin.

(Proserpina äußerst erbittert:) Er wird sich jetzt ganz wohl fühlen, da er das Glück hat, Ihre gebildete Unterhaltung zu genießen,--das ist schon ein Trost. (Sie beginnt mit heftigem Geräusch zu schreiben.)

(Burgess erstaunt über ihre Kühnheit:) Mit Ihnen hab' ich nicht gesprochen, soviel ich weiß, Sie junges Ding!

(Proserpina scharf zu Marchbanks:) Haben Sie jemals solche Manieren gesehen, Herr Marchbanks?

(Burgess mit wichtigtuendem Ernst:) Herr Marchbanks ist ein Edelmann, der seine Stellung kennt; das ist mehr, als manche Leute von sich sagen können.

(Proserpina zornig:) Glücklicherweise gehören Sie und ich nicht zu den "Damen" und "Herren"; ich würde Ihnen schon meine Meinung sagen, wenn Herr Marchbanks nicht zugegen wäre. (Sie zieht den Brief so heftig aus der Maschine heraus, daß er zerreißt.) So! nun habe ich den Brief verdorben, jetzt kann ich noch mal von vorne anfangen. Oh, ich kann mich nicht beherrschen.--Sie dummer alter Schafskopf, Sie!

(Burgess erhebt sich, atemlos vor Entrüstung:) Was, ein dummer alter Schafskopf bin ich?! Das ist stark! (Außer Atem:) Gut, gut! Warten Sie nur, das werde ich Ihrem Prinzipal sagen--ich will Sie lehren--Sie sollen es sehen!

(Proserpina.) Ich--

(Burgess sie unterbrechend:) Genug, Ihr Reden nützt Ihnen nun nichts mehr, Sie sollen mich kennen lernen! (Proserpina schiebt ihre Walze mit einem zornigen Stoß herum und setzt verachtungsvoll ihre Arbeit fort.) Nehmen Sie keine Notiz von ihr, Herr Marchbanks, sie ist es nicht wert. (Er setzt sich stolz wieder hin.)

(Marchbanks fürchterlich nervös und verlegen:) Wäre es nicht besser, wir würden von etwas anderem sprechen. Ich--ich glaube nicht, daß Fräulein Garnett es böse gemeint hat.

(Proserpina mit fester Überzeugung:) Ob ich es böse gemeint habe! Doch!

(Burgess.) Ich will mich nicht so weit erniedrigen, von ihr überhaupt noch Notiz zu nehmen. (Eine elektrische Klingel läutet zweimal.)

(Proserpina rafft Notizhlock und Papier zusammen:) Das gilt mir! (Sie eilt hinaus.)

(Burgess ihr nachrufend:) Oh, wir können Sie entbehren. (Er freut sich über den Triumph, das letzte Wort behalten zu haben, und doch halb und halb geneigt, noch mehr zu sagen, sieht er ihr einen Augenblick lang nach, dann läßt er sich auf seinen Platz neben Eugen nieder und spricht sehr vertraulich zu ihm:) Jetzt, wo wir allein sind, Herr Marchbanks, lassen Sie mich Ihnen einen freundlichen Wink geben, den ich nicht jedermann geben würde. Wie lange kennen Sie meinen Schwiegersohn Jakob schon?

(Marchbanks.) Ich weiß nicht. Ich kann mir Daten niemals merken, --vielleicht einige Monate.

(Burgess.) Haben Sie nie etwas Sonderbares an ihm bemerkt?

(Marchbanks.) Nicht daß ich wüßte.

(Burgess ausdrucksvoll:) Das werden Sie auch schwerlich. Darin liegt eben die Gefahr. Nun--er ist verrückt.

(Marchbanks.) Verrückt?!

(Burgess.) Total verrückt. Beobachten Sie ihn nur, und Sie werden es selbst finden.

(Marchbanks ängstlich:) Aber das scheint Ihnen gewiß nur so, weil seine Ansichten--

(Burgess berührt Eugens Knie mit dem Zeigefinger und drückt es, um seine Aufmerksamkeit zu erregen:) Genau dasselbe habe ich früher gedacht, Heir Marchbanks. Ich glaubte lange genug, es wären nur seine Ansichten, obwohl Ansichten zu sehr ernsten Angelegenheiten werden, sobald Leute danach handeln, wie er; aber danach habe ich nicht geurteilt. (Er siebt umher, um sich zu überzeugen, daß sie allein sind, und neigt sich zu Eugens Ohr.) Was, glauben Sie, hat er heute morgen in diesem Zimmer zu mir gesagt?

(Marchbanks.) Was denn?

(Burgess.) Er sagte mir, daß ich--so wahr, als wir hier sitzen--er sagte ganz ruhig: "Ich bin ein Narr und Sie sind ein Schurke"... Ich ein Schurke--bedenken Sie nur--und dann schüttelte er mir die Hand dazu, als ob seine Meinung schmeichelhaft für mich wäre. Wollen Sie behaupten, daß so ein Mensch nicht verrückt ist?

(Morell von außen "Proserpina" rufend, während er die Tür öffnet:) Schreiben Sie alle Namen und Adressen auf, Fräulein Garnett.

(Proserpina aus der Entfernung:) Jawohl, Herr Pastor! (Morell tritt ein, mit den Dokumenten der Deputation in der Hand.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Oh, da ist er. Beobachten Sie ihn nur, Sie werden schon sehen. (Erhebt sich mit wichtiger Miene:) Ich bedaure, Jakob, mich bei Ihnen beklagen zu müssen. Ich tue es nicht gerne, aber ich fühle, daß es meine Pflicht und mein Recht ist.

(Morell.) Was ist denn geschehen?

(Burgess.) Herr Marchbanks wird es bestätigen, er war Zeuge. (Sehr feierlich:) Ihre Schreiberin vergaß sich so weit, mich einen dummen alten Schafskopf zu nennen.

(Morell mit größter Herzlichkeit:) Oh, sieht das Prossi nicht ganz ähnlich? Sie ist so aufrichtig, sie kann sich nicht beherrschen. Arme Prossi, ha, ha!

(Burgess zitternd vor Wut:) Und erwarten Sie, daß ich mir das von ihresgleichen ruhig gefallen lasse?

(Morell.) Bah, Unsinn. Nehmen Sie keine Notiz davon, lassen Sie's gut sein. (Er geht an das Schreibpult und legt die Papiere in eines der Schubfächer.)

(Burgess.) Oh, ich mache mir nichts daraus. Ich bin über derlei erhaben. Aber war es recht? Das ist es, was ich zu wissen wünsche! --war es recht?

(Morell.) Das ist eine Frage für die Kirche und nicht für Laien. Wurde Ihnen dadurch irgendein Schaden zugefügt? danach müssen Sie fragen--selbstverständlich "nein". Also denken Sie nicht mehr daran. (Er läßt den Gegenstand fallen, geht nach seinem Platz an den Tisch und beginnt an seiner Korrespondenz zu arbeiten.)

(Burgess beiseite zu Marchbanks:) Was habe ich Ihnen gesagt? Total verrückt! (Er geht an den Tisch und fragt mit der Höflichkeit eines Hungrigen:) Wann wird zu Tisch gegangen, Jakob?

(Morell.) Erst nach einigen Stunden.

(Burgess mit klagender Entsagung:) Dann geben Sie mir, bitte, ein hübsches Buch, am Kamin zu lesen--sein Sie so gut, Jakob.

(Morell.) Was für ein Buch,--ein gutes?

(Burgess beinahe mit einem Aufschrei des Widerwillens:) Nein. Irgend was Lustiges, womit man die Zeit totschlagen kann.

(Morell nimmt eine illustrierte Zeitschrift vom Tisch und bietet sie ihm an, er ergreift sie demütig:) Ich danke Ihnen, Jakob. (Er geht zurück zum Kamin, läßt sich bequem in den großen Stuhl nieder und liest.)

(Morell während er schreibt:) Candida wird gleich kommen und Ihnen Gesellschaft leisten. Sie ist jetzt fertig mit ihrer Schülerin und füllt die Lampen.

(Marchbanks fährt empor in wildem Entsetzen:) Aber das wird ihre Hände beschmutzen,--das kann ich nicht dulden, Herr Pastor, das ist eine Schande; ich werde die Lampen füllen. (Er wendet sich nach der Tür.)

(Morell.) Lassen Sie es lieber sein. (Marchbanks bleibt unschlüssig stehen: ) Sie würde Ihnen höchstens meine Schuhe zu putzen geben, um mir die Arbeit zu ersparen, es morgen früh selbst zu tun.

(Burgess mit großer Mißbilligung:) Halten Sie kein Mädchen mehr, Jakob?

(Morell.) Ja, aber es ist keine Sklavin, und das Haus sieht aus, als ob ich drei hielte. Daraus folgt, daß jeder mithelfen muß. Das geht ganz gut. Prossi und ich können nach dem Frühstück, während wir abwaschen, über unsere Geschäfte sprechen; das Abwaschen macht keine Mühe, wenn es zwei besorgen.

(Marchbanks gequält:) Glauben Sie, daß jede Frau so grobkörnig ist wie Fräulein Garnett?

(Burgess pathetisch:) Sie haben ganz recht, Herr Marchbanks, vollkommen recht,--die ist grobkörnig!

(Morell ruhig und bedeutungsvoll:) Marchbanks!

(Marchbanks.) Ja.

(Morell.) Wie viele Dienstboten hält Ihr Vater?

(Marchbanks.) Oh, ich weiß nicht. (Er gebt unbehaglich an das Sofa zurück, als ob er sich so weit fort wie möglich vor Morells Fragen retten möchte, setzt sich in großer Verstörtheit und denkt an das Petroleum.)

(Morell sehr ernst:) So viele, daß Sie es nicht einmal wissen. (angriffsbereit:) Immerhin, wenn irgendeine grobkörnige Arbeit zu verrichten ist, dann klingeln Sie und halsen sie jemand anders auf--das ist eine der großen Tatsachen in Ihrem Dasein, nicht wahr?

(Marchbanks.) Oh, quälen Sie mich nicht. Die eine große Tatsache hier ist jetzt, daß die wundervollen Finger Ihrer Frau mit Petroleum beschmutzt werden, während Sie bequem hier sitzen und darüber Reden halten--endlose Reden und Predigten--Worte--Worte--nichts als Worte!

(Burgess dem diese Erwiderung sehr gelegen kommt:) Hört, hört! Besser konnte er's ihm nicht geben! (Strahlend:) Da haben Sie es, Jakob! Ganz so ist es. (Candida trat ein, in einer reinen Schürze, mit einer geputzten und gefüllten, zum Anzünden fertigen Arbeitslampe. Sie stellt sie auf den Tisch neben Morell, damit er sie zur Hand hat.)

(Candida reibt ihre Fingerspitzen gegeneinander, mit einem leichten Krausziehen ihrer Nase:) Wenn Sie bei uns bleiben, Eugen, ich glaube, dann werde ich Ihnen das Füllen der Lampe übertragen.

(Marchbanks.) Ich werde überhaupt nur unter der Bedingung bleiben, daß Sie mir alle grobe Arbeit übertragen.

(Candida.) Das ist zwar sehr galant, aber ich möchte doch vorher wissen, wie Sie sie machen. (Wendet sich zu Morell:) Jakob, du hast in meiner Abwesenheit nicht gehörig nach dem Rechten gesehen.

(Morell.) Was habe ich denn getan oder nicht getan, meine Liebe?

(Candida ernstlich ärgerlich:) Meine eigene kleine Lieblingsnagelbürste wurde zum Stiefelputzen verwendet. (Ein herzzerreißender Klagelaut entringt sich Marchbanks' Brust. Burgess sieht sich erstaunt um, Candida eilt ans Sofa:) Was ist los? Sind Sie krank, Eugen?

(Marchbanks.) Nein, nicht krank. Nur Jammer erfaßt mich, Jammer, Jammer! (Er schlägt die Hände vor das Gesicht.)

(Burgess erschreckt:) Was haben Sie, Herr Marchbanks? Oh, das ist schlimm in Ihrem Alter; Sie müssen trachten, sich das Trinken nach und nach abzugewöhnen.

(Candida beruhigt:) Unsinn, Papa. Das ist nur poetischer Jammer. Nicht wahr, Eugen? (Streichelt ihn.)

(Burgess verlegen:) Oh, poetischen Jammer hat er,--verzeihen Sie, das wußte ich nicht. (Er wendet sich wieder nach dem Feuer, seine Unüberlegtheit bereuend.)

(Candida.) Was ist's denn, Eugen? Wegen der Nagelbürste? (Er schaudert.) Es ist ja nichts dabei, lassen Sie's gut sein. (Sie setzt sich neben ihn.) Wollen Sie mir eine hübsche neue schenken, mit Elfenbeinrücken und eingelegtem Perlmutter?

(Marchbanks sanft und melodisch, aber traurig und schmachtend:) Nein, keine Nagelbürste, aber ein Boot, eine kleine Schaluppe, um darin fortzusegeln, weit fort von der Welt, dorthin, wo Marmorböden vom Regen gewaschen und von der Sonne getrocknet werden, und wo der Südwind die wundervoll grünen und purpurnen Teppiche fegt. Oder einen Wagen möchte ich Ihnen schenken; uns hinaufzutragen in den Himmel, wo die Lampen Sterne sind und nicht täglich mit Petroleum gefüllt werden müssen.

(Morell barsch:) Und wo es nichts anderes zu tun gibt, als faul, selbstsüchtig und unnütz zu sein.

(Candida unangenehm berührt:) Oh, Jakob, wie kannst du nur alles so verderben!

(Marchbanks feurig:) Ja: faul, selbstsüchtig und unnütz, das heißt schön, frei und glücklich sein. Hat das nicht jeder Mann mit seiner ganzen Seele für die Frau gewünscht, die er liebte? Das ist auch mein Ideal. Was ist das Ihre und das all der entsetzlichen Menschen, die in diesen fürchterlichen Häuserreihen wohnen? Predigten und Schuhbürsten! Für Sie die Predigten und für Ihre Frau die Bürste!

(Candida drollig:) Er putzt die Schuhe, Eugen. Morgen werden Sie sie putzen müssen, weil Sie das von ihm gesagt haben.

(Marchbanks.) Oh, sprechen Sie nicht von Schuhen; Ihre Füße würden auch in einer Wildnis schön bleiben.

(Candida.) Meine Füße würden auf der Hackneystraße ohne Schuhe nicht sehr schön aussehn.

(Burgess daran Anstoß nehmend:) Geh, Candy, sei nicht ordinär. Herr Marchbanks ist daran nicht gewöhnt. Du hast ihm schon wieder Jammer eingeflößt,--ich meine poetischen Jammer. (Morell schweigt, scheinbar ist er mit seinen Briefen beschäftigt. Tatsächlich ist er aber über seine neue und beunruhigende Erfahrung in sorgenvolle Gedanken vertieft: je sicherer er seiner moralischen Ausfälle ist, desto sicherer und wirkungsvoller pariert sie Eugen. Es schmerzt Morell sehr, daß er einen Menschen zu fürchten anfängt, den er nicht achten kann. Fräulein Garnett kommt mit einem Telegramm herein.)

(Proserpina händigt das Telegramm Morell ein:) Rückantwort bezahlt, der Bote wartet. (Zu Candida, während sie zu ihrer Maschine geht und sich setzt:) Marie wartet auf Sie in der Küche, Frau Morell. (Candida erhebt sich:) Die Zwiebeln sind gekommen.

(Marchbanks krampfhaft:) Zwiebeln!?

(Candida.) Ja, Zwiebeln, und nicht einmal spanische! garstige, kleine rote Zwiebeln! Sie können mir helfen, sie zu zerschneiden; kommen Sie. (Sie nimmt ihn am Handgelenk und läuft, ihn nachziehend, hinaus. Burgess erhebt sich verblüfft und starrt ihnen, auf dem Kaminteppich stehend, nach.)

(Burgess.) Candy sollte den Neffen eines Pairs nicht so behandeln. Das geht doch zu weit, Jakob. Hat er öfters solche komischen Anfälle?

(Morell kurz, ein Telegramm schreibend:) Ich weiß nicht.

(Burgess sentimental:) Er spricht sehr nett. Ich habe immer etwas Sinn für Poesie gehabt. Candy schlägt mir darin nach. Ich mußte ihr immer Märchen erzählen, als sie noch ein so kleines Mädchen war. (Er hält die Hand ungefähr zwei Fuß hoch über den Fußboden.)

(Morell beschäftigt:) So, wirklich? (Er löscht das Telegramm ab und geht hinaus.)

(Proserpina.) Haben Sie die Märchen, die Sie Ihrer Tochter erzählten, selbst erfunden?

(Burgess würdigt sie keiner Antwort und nimmt vor dem Kamin die Stellung tiefster Verachtung gegen sie ein.)

(Proserpina sehr ruhig:) Ich hätte nie gedacht, daß Sie derlei könnten. Übrigens möchte ich Sie doch warnen, da Sie so großes Interesse an Herrn Marchbanks nehmen. Er ist verrückt.

(Burgess.) Verrückt! Was? Der auch?

(Proserpina.) Total verrückt! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr er mich vorhin erschreckte--das kann ich Ihnen versichern, gerade bevor Sie kamen.--Haben Sie das merkwürdige Zeug, das er sprach, nicht gehört?

(Burgess.) So, das ist also der poetische Jammer? Potztausend, es ist mir selbst schon ein oder zweimal aufgefallen, daß es nicht ganz richtig mit ihm ist. (Er durchschreitet das Zimmer und hebt seine Stimme, während er geht:) Na, das ist ein hübsches Irrenhaus für einen Menschen, der außer Ihnen niemanden hat, sich um ihn zu kümmern.

(Proserpina während er bei ihr vorbeikommt:) Ja, wie fürchterlich wäre es, wenn Ihnen da etwas zustieße.

(Burgess hochmütig:) Erlauben Sie sich keine Bemerkungen! Sagen Sie Ihrem Prinzipal, daß ich in den Garten gegangen bin, meine Pfeife zu rauchen.

(Proserpina spottend:) Oh!--(Ehe Burgess erwidern kann, kehrt Morell zurück.)

(Burgess gefühlvoll:) Ich gehe in den Garten, meine Pfeife zu rauchen, Jakob.

(Morell kurz angebunden:) Schon gut, schon gut! (Burgess geht würdevoll hinaus, wie ein müder alter Mann. Morell steht vor dem Tisch, wendet seine Papiere um und spricht zu Proserpina hinüber, halb humorvoll, halb geistesabwesend.)

(Morell.) Nun, Prossi, warum haben Sie meinen Schwiegervater mit Schimpfnamen belegt?

(Proserpina wird feuerrot und sieht rasch zu ihm auf, halb vorwurfsvoll, halb erschrocken:) Ich--(Sie bricht in Tränen aus.)

(Morell lehnt sich mit leisem Humor zu ihr hinüber und tröstet sie:) Oh, lassen Sie, lassen Sie nur! es ist ja nichts dabei: er ist ein alter Schafskopf, nicht wahr? (Mit einem krampfhaften Schluchzen stürzt sie nach der Tür und verschwindet, die Tür zuschlagend. Morell schüttelt resigniert den Kopf, seufzt und geht müde an seinen Stuhl, wo er sich an die Arbeit setzt. Er sieht alt und vergrämt aus. Candida kommt herein; sie hat ihre häusliche Arbeit beendet und die Schürze abgenommen. Sie bemerkt sofort Morells niedergeschlagenes Aussehen, setzt sich ruhig auf den Besuchsstuhl und betrachtet ihn aufmerksam. Sie schweigt.)

(Morell sieht auf, die Feder einen Moment absetzend:) Nun, wo ist Eugen?

(Candida.) Er wäscht sich die Hände in der Waschküche--unter der Wasserleitung. Er wird ein ausgezeichneter Koch werden, wenn er nur erst seine Furcht vor Marie überwunden hat.

(Morell kurz:) Gewiß, zweifellos. (Er fängt wieder zu schreiben an.)

(Candida geht näher und legt ihre Hände sanft auf die seinen, um ihn aufzuhalten, und sagt:) Komm zu mir, mein Lieber. Laß dich anschauen. (Er legt seine Feder weg und stellt sich ihr zur Verfügung; sie laßt ihn aufstehen, zieht ihn ein wenig vom Tisch fort und betrachtet ihn mit kritischen Blicken.) Wende dein Gesicht einmal gegen das Licht. (Sie stellt ihn mit dem Gesicht gegen das Fenster.) Mein alter Junge sieht nicht gut aus,--hat er sich überanstrengt?

(Morell.) Nicht mehr als gewöhnlich.

(Candida.) Er sieht sehr bleich und grau, runzelig und alt aus. (Seine Melancholie nimmt zu und Candida faßt sie geflissentlich lustig an.) Komm her. (Sie zieht ihn zum Lehnstuhl:) Du hast für heute genug geschrieben. Überlaß Prossi alles Weitere, und wir wollen ein bißchen plaudern.

(Morell.) Aber--

(Candida nachdrücklich:) Ja, du mußt mit mir plaudern. (Sie zwingt ihn, Platz zu nehmen, und setzt sich auf den Teppich zu seinen Füßen.) Nun (seine Hände streichelnd:) fängst du schon an, besser auszusehen. Warum gibst du alle diese ermüdenden Extraarbeiten nicht auf? Jeden Abend gehst du aus, um zu predigen und zu reden. Freilich, was du sagst, ist alles schön und gut; aber es nützt ja nichts: sie geben nicht das geringste darauf. Sie sind natürlich deiner Ansicht--aber was hat man davon, wenn Leute mit einem einverstanden sind und dann hingehen und das Gegenteil von allem tun, sobald man den Rücken kehrt? Denke nur an unsere Gemeinde in St. Dominik? Warum wollen sie dich jeden Sonntag über Christentum reden hören? Nur weil sie mit ihren Geschäften und Geldangelegenheiten sechs Tage lang so sehr beschäftigt waren, daß sie am siebenten Tage nichts davon hören mögen. Da wollen sie ruhen und sich erbauen, damit sie frisch zurückkehren und besser als je dem Gelde nachjagen können. Du hilfst ihnen nur noch dabei, anstatt sie daran zu hindern.

(Morell mit energischem Ernst:) Du weißt sehr gut, Candida, daß ich sie deswegen oft tüchtig ausschelte. Aber wenn ihr Kirchgang ihnen nichts anderes bedeutet als Ruhe und Zerstreuung, warum wählen sie dann nichts Lustigeres, Angenehmeres? Es muß doch etwas Gutes in der Tatsache liegen, daß sie die Kirche am Sonntag schlimmeren Orten vorziehen.

(Candida.) Oh, die schlimmen Orte sind eben nicht offen, und selbst wenn sie es wären, sie würden sich nicht trauen hinzugehen, aus Angst gesehn zu werden. Überdies, lieber Jakob, predigst du so wundervoll, daß es für sie so gut wie ein Schauspiel ist. Warum, glaubst du, sind die Frauen alle so begeistert?

(Morell verletzt:) Candida!

(Candida.) Oh, ich weiß. Du Ahnungsloser, du glaubst, dein Sozialismus und deine Religion machen es,--doch wenn's bloß das wäre, dann würden sie tun, was du ihnen sagst, anstatt nur hinzugehen und dich anzustarren;--sie haben alle Prossis Leiden.

(Morell.) Prossis Leiden? Was meinst du damit, Candida?