Candida: Ein Mysterium in drei Akten

Chapter 2

Chapter 23,673 wordsPublic domain

(Morell etwas kurz angebunden:) Ich weise meinem Unterpfarrer immer seinen Platz an, nämlich an meiner Seite als meinem Helfer und Kameraden. Wenn es Ihnen gelingt, so viel Arbeit aus Ihren Kommis und Angestellten herauszukriegen wie ich aus meinem Unterpfarrer, dann müssen Sie ziemlich rasch reich werden. Bitte, setzen Sie sich in Ihren gewohnten Stuhl. (Er weist mit trockener Autorität auf den Armstuhl neben dem Kamin, dann ergreift er einen freien Stuhl und setzt sich in zurückhaltender Entfernung von seinem Besucher.)

(Burgess ohne sich zu rühren:) Sie sind ganz der alte, Jakob.

(Morell.) Als Sie mich das letztemal besuchten--ich glaube, es war vor drei Jahren--da sagten Sie genau dasselbe. Nur etwas aufrichtiger. Ihr wörtlicher Ausspruch war damals: "Derselbe Narr wie immer, Jakob."

(Burgess sich rechtfertigend:) Vielleicht sagte ich das, aber (mit versöhnender Heiterkeit:) ich meinte nichts Beleidigendes damit. Ein Geistlicher hat das Privilegium, ein wenig närrisch sein zu dürfen--wissen Sie, das liegt schon in seinem Beruf. Einerlei, ich bin nicht hergekommen, um alte Meinungsverschiedenheiten aufzuwärmen, sondern um die Vergangenheit vergessen sein zu lassen. (Er wird plötzlich sehr feierlich und nähert sich Morell.) Jakob, vor drei Jahren haben Sie mir übel mitgespielt. Sie haben mich um meine Lieferungen gebracht, und als ich Ihnen in meiner erklärlichen Verzweiflung böse Worte gab, brachten Sie meine Tochter gegen mich auf. Nun, ich bin gekommen, um Ihnen zu zeigen, daß ich ein guter Christ bin. (Ihm seine Hand darreichend:) Ich verzeihe Ihnen, Jakob.

(Morell auffahrend:) Verdammt frech!

(Burgess weicht zurück mit fast schluchzendem Vorwurf über diese Behandlung:) Ziemt diese Sprache einem Pastor, Jakob? Und besonders Ihnen?

(Morell bitzig:) Nein, sie ziemt ihm nicht, ich habe das falsche Wort gebraucht,--ich hätte sagen sollen: "Der Teufel soll Ihre Frechheit holen!" Das würde Ihnen der heilige Paulus und jeder andere brave Priester gesagt haben. Glauben Sie, ich habe Ihr Anerbieten vergessen, als Sie für das Armenhaus vertragsmäßig Kleider liefern sollten?

(Burgess in höchster Erbitterung, weil ihm seine Forderung nur recht und billig erscheint:) Ich habe im Interesse der Steuerzahler gehandelt, Jakob,--es war das niedrigste Angebot, das können Sie nicht leugnen.

(Morell.) Jawohl, das niedrigste, weil Sie schlechtere Löhne zahlten als irgendein anderer Unternehmer--Hungerlöhne,--ach, ärger als Hungerlöhne war die Bezahlung, die Sie den Frauen für ihre Näharbeit geboten haben. Ihre Löhne hätten die Armen auf die Straße getrieben, um Leib und Seele zu verkaufen. (Immer wütender werdend:) Jene Frauen waren aus meinem Kirchsprengel, ich habe die Armenpfleger dazu gebracht, daß sie sich schämten, Ihr Angebot anzunehmen, ich habe die Steuerzahler dazu gebracht, daß sie sich schämten, es zuzulassen, ich habe jeden bis auf Sie dazu gebracht, sich deswegen zu schämen. (Überschäumend vor Wut:) Wie können Sie es wagen, Herr, hierherzukommen und mir etwas vergeben zu wollen und über Ihre Tochter zu sprechen und...

(Burgess.) Beruhigen Sie sich, Jakob,--still, still, regen Sie sich nicht für nichts und wieder nichts so auf. Ich habe ja zugegeben, daß ich unrecht hatte.

(Morell wütend:) Haben Sie das? Ich habe nichts davon bemerkt!

(Burgess.) Natürlich gab ich's zu, so wie ich's noch jetzt zugebe. Na, ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Briefes, den ich Ihnen geschrieben habe,--genügt Ihnen das?

(Morell mit den Fingern schnalzend:) Ganz und gar nicht! Haben Sie die Löhne erhöht?

(Burgess triumphierend:) Ja!

(Morell verblüfft innehaltend:) Was?

(Burgess salbungsvoll:) Ich bin das Muster eines Arbeitgebers geworden. Ich beschäftige keine Frauen mehr, sie haben alle den Laufpaß bekommen, und die Arbeit wird jetzt durch Maschinen verrichtet. Nicht ein Mann verdient jetzt weniger als sechs Pence die Stunde, und die alten geübten Arbeiter bekommen die von den Gewerkschaften festgesetzten Löhne. (Stolz:) Was sagen Sie jetzt?

(Morell überwältigt:) Ist das möglich? Na, es ist mehr Freude im Himmel über einen Sünder, der Buße tut--(Er geht auf Burgess zu mit einem Ausbruch entschuldigender Herzlichkeit.) Mein lieber Burgess, ich bitte Sie herzlichst um Verzeihung wegen der schlechten Meinung, die ich von Ihnen hatte. (Seine Hand fassend:) Und fühlen Sie sich nicht wohler nach dieser Veränderung? Gestehen Sie es! Sie sind glücklicher, Sie sehen glücklicher aus.

(Burgess kläglich:) Na ja, vielleicht fühle ich mich jetzt glücklicher, ich muß wohl, da Sie es bemerken. Tatsache ist, daß mein Angebot von der Behörde angenommen wurde. (Wild:) Sie wollte nichts mit mir zu schaffen haben, ehe ich anständige Löhne zahlte--der Teufel soll diese verdammten Narren holen, die ihre Nase in alles stecken müssen!

(Morell läßt seine Hand fahren, aufs tiefste entmutigt:) Das ist also der Grund, warum Sie die Löhne erhöht haben! (Er setzt sich niedergeschlagen.)

(Burgess streng, anmaßend, lauter werdend:) Weswegen sollt' ich es sonst getan haben? Wohin anders führt es, als zu Trunksucht und Ausschweifungen? (Er setzt sich wie ein Richter in den großen Lehnstuhl.) Das ist alles sehr schön und gut für Sie: es bringt Sie in die Zeitungen und macht Sie zu einem berühmten Manne; aber Sie denken nie an den Schaden, den Sie anrichten, indem Sie die Taschen der Arbeiter mit Geld anfüllen, das sie doch nicht vernünftig auszugeben verstehen, während Sie es Leuten fortnehmen, die gute Verwendung dafür hätten.

(Morell nach einem schweren Seufzer, mit kalter Höflichkeit:) Was wollen Sie also heute von mir? Ich bilde mir nicht ein, daß nur verwandtschaftliche Gefühle Sie herführen.

(Burgess hartnäckig:) Doch--gerade verwandtschaftliche Gefühle und nichts anderes!

(Morell mit müder Ruhe:) Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess springt drohend auf:) Sagen Sie mir das nicht ein zweites Mal, Jakob Morell!

(Morell unerschütterlich:) Ich werde es genau so oft sagen, als es nötig ist, Sie davon zu überzeugen.--Das glaub' ich Ihnen nicht.

(Burgess versinkt in einen Zustand von tief verwundetem Gefühl:) Nun gut, wenn Sie durchaus unfreundlich sein wollen, dann ist es wohl am besten, ich gehe. (Er bewegt sich zögernd gegen die Tür, Morell gibt kein Zeichen. Burgess zögert noch.) Ich habe nicht erwartet, Sie unversöhnlich zu finden, Jakob. (Da Morell noch immer nicht antwortet, macht er noch einige zögernde Schritte nach der Tür, dann kommt er zurück, jammernd:) Wir haben uns doch immer ganz gut vertragen, trotz unserer verschiedenen Anschauungen, warum sind Sie mir gegenüber jetzt so verändert? Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich bloß aus Freundschaft hergekommen bin und nicht, um mich mit dem Manne meiner eigenen Tochter auf schlechten Fuß zu stellen. Seien Sie doch ein Christ, Jakob, reichen Sie mir Ihre Hand. (Er legt seine Hand sentimental auf Morells Schulter.)

(Morell blickt nachdenklich zu ihm auf.) Schauen Sie, Burgess, wollen Sie hier ebenso willkommen sein, wie Sie es waren, ehe Sie Ihren Vertrag verloren?

(Burgess.) Jawohl, Jakob, das möchte ich wirklich.

(Morell.) Warum benehmen Sie sich dann nicht wie damals?

(Burgess nimmt seine Hand behutsam weg:) Wie meinen Sie das?

(Morell.) Das will ich Ihnen sagen. Damals hielten Sie mich für einen jungen Dummkopf!

(Burgess schmeichelnd:) Nein, dafür habe ich Sie nicht gehalten, ich--

(Morell ihn unterbrechend:) Ja, dafür hielten Sie mich! Und ich hielt Sie für einen alten Schurken.

(Burgess will diese schwere Selbstanklage Morells heftig abwehren:) Nein, das haben Sie nicht getan, Jakob. Jetzt tun Sie sich selbst unrecht.

(Morell.) Doch, das tat ich. Na, das hat aber nicht gehindert, daß wir ganz gut miteinander ausgekommen sind. Gott hat aus Ihnen das gemacht, was ich einen Schurken nenne, und aus mir das, was Sie eben einen Dummkopf nennen. (Diese Bemerkung erschüttert die Grundfesten von Burgess' Moral. Ihm wird schwach, und während er Morell hilflos anblickt, streckt er die Hand ängstlich aus, um sein Gleichgewicht zu bewahren, als ob der Boden unter ihm wankte. Morell fährt im selben Tone ruhiger Überzeugung fort:) Es ist in beiden Fällen nicht meine Sache, mit Gott darüber zu rechten. Solange Sie offen als ein sich selbst achtender, echter, überzeugter Schurke hierherkommen und, stolz darauf, Ihre Schurkereien zu rechtfertigen versuchen, sind Sie willkommen. Aber (und nun wird Morells Ton furchtbar; er erhebt sich und stützt sich zur Bekräftigung mit der Faust auf die Rückenlehne des Stuhles:) ich mag Sie hier nicht herumschnüffeln haben, wenn Sie so tun, als ob Sie das Muster eines Arbeitgebers wären und ein bekehrter Mann dazu, während Sie nur ein Abtrünniger sind, der seinen Rock nach dem Winde trägt, um einen Vertrag mit der Behörde zustande zu bringen. (Er nickt ihm zu, um seiner Rede Nachdruck zu verleihen, dann geht er zum Kamin, wo er in bequemer Kommandostellung, mit dem Rücken gegen das Feuer gekehrt, lehnt und fortfährt:) Nein, ich liebe es, wenn ein Mensch wenigstens sich selber treu bleibt, selbst im Bösen! Also, nehmen Sie jetzt entweder Ihren Hut und gehen Sie, oder setzen Sie sich und geben Sie mir einen guten, schurkischen Grund dafür an, warum Sie mein Freund sein wollen. (Burgess, dessen Erregung sich genügend gelegt hat, um in einem Grinsen ausgedrückt werden zu können, fühlt sich durch diesen konkreten Vorschlag sichtlich erleichtert. Er überlegt einen Augenblick, und dann setzt er sich langsam und sehr bescheiden in den Stuhl, den Morell eben verlassen hat.) So ist's recht,--nun heraus damit.

(Burgess kichernd gegen seinen Willen:) Nein, Sie sind wirklich ein sonderbarer Kauz, Jakob! (Beinahe enthusiastisch:) Aber man muß Sie gern haben, ob man will oder nicht. Außerdem nimmt man, wie ich schon sagte, nicht jedes Wort eines Geistlichen für bare Münze, sonst müßte die Welt untergehn. Habe ich nicht recht? (Er faßt sich, um einen ernsteren Ton anzuschlagen, und die Augen auf Morell gerichtet, fährt er mit eintönigem Ernste fort:) Nun, meinetwegen, da Sie es wünschen, daß wir gegeneinander ehrlich sind, will ich Ihnen zugeben, daß ich Sie--ein wenig--für einen Narren hielt; aber ich fange an zu glauben, daß ich damals etwas hinter meiner Zeit zurückgeblieben war.

(Morell frohlockend:) Aha, haben Sie das endlich herausgefunden?

(Burgess bedeutungsvoll:) Ja, die Zeiten haben sich mehr verändert, als man glauben sollte! Vor fünf Jahren noch hätte sich kein vernünftiger Mensch mit Ihren Ideen abgegeben. Ich wunderte mich sogar, daß man Sie auf Ihrem Posten als Pastor beließ. Ich kenne einen Geistlichen, der durch den Bischof von London auf Jahre hinaus seiner Funktionen enthoben wurde, obwohl der arme Teufel nicht einen Funken mehr religiös war als Sie. Aber wenn heute jemand mit mir um tausend Pfund wetten wollte, daß Sie selbst noch einmal als Bischof enden werden, ich würde die Wette nicht anzunehmen wagen. (Sehr eindrucksvoll:) Sie und Ihre Sippschaft werden täglich einflußreicher, wie ich überall merke. Man wird Sie einmal irgendwie befördern müssen, und wäre es bloß, um Ihnen den Mund zu stopfen. Sie haben doch den richtigen Instinkt gehabt, Jakob! Der Weg, den Sie eingeschlagen haben, ist der einträglichste für einen Mann Ihres Schlages.

(Morell reicht ihm jetzt die Hand mit fester Entschlossenheit:) Hier meine Hand, Burgess, jetzt reden Sie ehrlich. Ich glaube nicht, daß man mich zum Bischof ernennen wird; aber wenn es geschieht, dann will ich Sie mit den größten Spekulanten bekannt machen, die ich zu meinen Diners bekommen kann.

(Burgess der sich mit einem verschmitzten Grinsen erhoben und die Freundschaftshand ergriffen hat:) Sie bleiben nun mal bei Ihrem Witz, Jakob. Unser Streit ist jetzt beigelegt, nicht wahr?

(Die Stimme einer Frau.) Sag "Ja", Jakob!

(Erstaunt wenden sie sich um und bemerken, daß Candida eben eingetreten ist und sie mit jener belustigten, mütterlichen Nachsicht betrachtet, die ihr charakteristischer Gesichtsausdruck ist. Sie ist eine Frau von dreiunddreißig Jahren, schön gewachsen, gut genährt. Man errät, daß sie später eine Matrone sein wird, aber jetzt steht sie noch in ihrer Blüte, mit dem Doppelreiz der Jugend und der Mutterschaft. Ihr Benehmen ist das einer Frau, die erfahren hat, daß sie die Menschen immer lenken kann, wenn sie ihre Neigung gewinnt, und die dies unbekümmert offen und instinktiv tut. In diesem Punkte ist sie wie jede andere hübsche Frau, die gerade klug genug ist, aus ihrer weiblichen Anziehungskraft zu alltäglich selbsttüchtigen Zwecken so viel Kapital wie möglich zu schlagen. Aber Candidas heitere Stirn und ihre mutigen Augen, der schön geformte Mund und ihr Kinn kennzeichnen umfassenden Geist und Würde des Charakters, der ihre Schlauheit im Gewinnen von Neigungen adelt. Ein kluger Beobachter würde, sie betrachtend, sofort erraten, daß wer das Bild der Assunta auch über ihren Kamin gehängt haben mochte, ein seelisches Band zwischen den beiden Frauengestalten geahnt hatte, obwohl er weder ihrem Manne, noch ihr selbst den Gedanken zutraute, sie mit der Kunst Tizians irgendwie in Zusammenhang zu bringen.--Sie ist in Hut und Mantel und hat eine zusammengeschnürte Reisedecke, durch die ihr Schirm gesteckt ist, eine Handtasche und eine Menge illustrierter Zeitungen in den Händen.)

(Morell über seine Nachlässigkeit erschrocken:) Candida! Ei nun!--(Er sieht auf seine Uhr und ist entsetzt, daß es schon so spät ist.) Mein Schatz! (Er eilt ihr entgegen und nimmt ihr die Reisedecke ab, indem er fortfährt, sein reumütiges Bedauern hervorzusprudeln:) Ich hatte die Absicht, dich von der Bahn abzuholen, aber ich bemerkte nicht, daß die Zeit schon um war, (die Reisedecke aufs Sofa werfend:) ich war so sehr in Anspruch genommen--(Wieder zu ihr kommend:) daß ich das vergaß--oh! (Er umarmt sie mit reumütiger Ergriffenheit.)

(Burgess etwas beschämt und ungewiß, wie er von seiner Tochter empfangen werden wird:) Wie geht es dir, Candy? (Candida, noch in Morells Armen, bietet ihm ihre Wange, die er küßt:) Jakob und ich sind zu einer Verständigung gekommen--zu einer ehrenvollen Verständigung. Nicht wahr, Jakob?

(Morell heftig:) Reden Sie nicht von unserer Verständigung! Ihretwegen habe ich versäumt, Candida abzuholen.

(Teilnahmsvoll:) Du arme Liebe, wie bist du nur mit deinem Gepäck fertig geworden? Wie--

(Candida unterbricht ihn und macht sich los:) Na, na, na! ich war nicht allein. Eugen ist mit uns gekommen--wir sind zusammen hergefahren.

(Morell erfreut:) Eugen?!

(Candida.) Ja. Er plagt sich eben mit meinem Gepäck ab, der arme Junge. Ich bitte dich, lieber Jakob, geh gleich hinunter, sonst bezahlt er den Wagen, und das möchte ich nicht. (Morell eilt hinaus. Candida stellt ihre Handtasche nieder, nimmt dann ihren Mantel und Hut ab und legt sie auf das Sofa neben die Decke und plaudert inzwischen.) Nun, Papa, wie geht's zu Hause?

(Burgess.) Es lohnt sich nicht mehr, dort zu leben, seit du uns verlassen hast, Candy. Ich wollte, du kämst einmal, um nachzusehn und mit dem Mädchen zu sprechen.--Wer ist dieser Eugen, der dich begleitet hat?

(Candida.) Oh, Eugen ist eine von Jakobs Entdeckungen. Er fand ihn im verflossenen Juni schlafend auf dem Kai. Hast du unser neues Bild nicht bemerkt? (Ruf das Bild der Assunta zeigend:) Das haben wir von ihm.

(Burgess ungläubig:) Was soll das heißen? Willst du mir, deinem eigenen Vater, etwa einreden, daß ein Landstreicher, den man schlafend auf dem Kai findet, solche Bilder schenkt? (Strenge:) Betrüg mich nicht, Candy; es ist ein katholisches Bild, und Jakob hat es selbst gekauft.

(Candida.) Du irrst. Eugen ist kein Landstreicher.

(Burgess.) Was ist er denn? (Sarkastisch:) Ein Edelmann wahrscheinlich?

(Candida nickt belustigt:) Jawohl, sein Onkel ist ein Pair--ein wirklicher, leibhaftiger Graf.

(Burgess wagt es nicht, so eine gute Nachricht zu glauben:) Nein!

(Candida.) Ja! Er trug einen Wechsel auf fünfundfünfzig Pfund--zahlbar in acht Tagen--in der Tasche, als Jakob ihn am Kai fand. Er dachte, daß er dafür kein Geld bekommen könnte, bevor die acht Tage um wären, und er war zu schüchtern, Kredit zu verlangen. Oh, er ist ein lieber Junge, wir haben ihn sehr gern.

(Burgess der so tut, als verachte er die Aristokraten, aber mit glänzenden Augen:) Hm, ich dachte mir's, daß der Neffe eines Pairs nicht bei euch im Viktoriapark zu Besuch sein würde, wenn er nicht ein bißchen verrückt wäre. (Er blickt wieder auf das Bild.) Ich bin natürlich mit dem Vorwurf dieses Bildes, als strenggläubiger Protestant, nicht einverstanden, Candy; aber daß es ein erstklassiges, großes Kunstwerk ist, das habe ich sofort erkannt. Nicht wahr, du stellst mich ihm vor, Candy? (Er sieht ängstlich auf seine Uhr.) Ich kann aber höchstens noch zwei Minuten bleiben.

(Morell kommt mit Eugen zurück, den Burgess mit feuchten Augen begeistert anstarrt. Eugen ist ein seltsamer, scheuer Jüngling von achtzehn Jahren, schlank, weibisch, mit einer zarten, kindlichen Stimme, einem gehetzten, gequälten Ausdruck und mit einem Benehmen, das die schmerzliche Empfindlichkeit sehr schnell und plötzlich gereifter Knaben kennzeichnet, bevor ihr Charakter volle Festigkeit erreicht hat. Erbärmlich unentschlossen, weiß er nie, wo er stehen und was er tun soll. Burgess erschreckt ihn, und er möchte am liebsten fort von ihm in die Einsamkeit laufen, wenn er es wagte. Aber die Intensität, mit der er eine so ganz gewöhnliche Lage empfindet, zeugt doch nur von seiner übergroßen nervösen Kraft; und seine Nasenflügel, sein Mund und seine Augen verraten einen leidenschaftlich ungestümen Eigensinn, über dessen äußersten Grad seine Stirne, die schon vom Mitleid gefurcht ist, wieder beruhigt. Er sieht absonderlich aus, beinahe wie nicht von dieser Welt--und prosaische Leute sehen etwas Ungesundes in dieser überirdischen Art, so wie poetische Menschen darin etwas Engelgleiches sehen. Seine Kleidung ist ganz frei; er trägt ein altes Jakett aus blauem Serge, aufgeknöpft, über einem wollenen Lawn-Tennis-Hemd, mit einem seidenen Halstuch als Krawatte, zu dem Jackett passende Beinkleider und braune Schuhe aus Segeltuch. In diesem Aufzuge hat er augenscheinlich im Heidekraut gelegen und ist durch das Wasser gewatet; es ist auch nicht ersichtlich, daß er die Kleider jemals abgebürstet hat. Da er beim Eintritt einen Fremden sieht, hält er inne und drückt sich längs der Wand nach der entgegengesetzten Seite des Zimmers weiter.)

(Morell beim Eintreten:) Kommen Sie. Sie haben sicher doch eine Viertelstunde für uns übrig. Das ist mein Schwiegervater, Herr Burgess--Herr Marchbanks.

(Marchbanks weicht geängstigt gegen den Bücherschrank zurück:) Sehr angenehm--

(Burgess geht mit großer Herzlichkeit auf ihn zu, während Morell vor den Kamin zu Candida tritt:) Es freut mich sehr, Sie kennen zu lernen, Herr Marchbanks. (Nötigt ihn, ihm die Hand zu geben.) Wie geht es Ihnen bei diesem Wetter? Ich hoffe, Jakob versucht nicht, Ihnen verrückte Ideen in den Kopf zu setzen.

(Marchbanks.) Verrückte Ideen? Ach, Sie meinen sozialistische? Nein, o nein!

(Burgess.) Das ist recht. (Sieht wieder auf seine Uhr.) Na, jetzt muß ich aber gehen, da ist nichts zu machen. Haben Sie vielleicht denselben Weg, Herr Marchbanks?

(Marchbanks.) Nach welcher Richtung gehen Sie?

(Burgess.) Station Viktoriapark. Um zwölf Uhr fünfundzwanzig geht ein Zug nach der City.

(Morell.) Unsinn, Eugen, Sie frühstücken doch hoffentlich mit uns!

(Marchbanks sich ängstlich entschuldigend:) Nein, ich--ich--

(Burgess.) Nun, ich will Ihnen nicht zureden. Ich wette, daß Sie es vorziehen, mit Candy zu frühstücken. Ich hoffe aber, dafür werden Sie eines Abends im Bürgerklub in Norton Folgate mit mir dinieren,--bitte, sagen Sie zu!

(Marchbanks.) Ich danke Ihnen, Herr Burgess. Wo ist Norton Folgate?--Unten in Surrey, nicht wahr?

(Burgess, unaussprechlich belustigt, fängt zu lachen an.)

(Candida zu Hilfe kommend:) Du wirst deinen Zug versäumen, Papa, wenn du nicht sofort gehst; komm am Nachmittag wieder und erkläre Herrn Marchbanks dann, wie man nach dem Klub gelangt.

(Burgess mit schallendem Gelächter:) In Surrey, ha ha, das ist nicht schlecht! Nun, ich habe noch nie einen Menschen getroffen, der nicht Norton Folgate gekannt hätte.

(Betroffen über den Lärm seiner eigenen Stimme:) Leben Sie wohl, Herr Marchbanks; ich weiß, Sie sind zu vornehm, um meinen Scherz schlecht aufzufassen. (Er reicht ihm abermals die Hand.)

(Marchbanks erfaßt sie mit nervösem Griff.) O bitte, bitte!

(Burgess.) Adieu, adieu, Candy. Ich werde später wiederkommen--auf Wiedersehen, Jakob.

(Morell.) Müssen Sie wirklich gehen?

(Burgess.) Laßt euch nicht stören. (Er gebt mit unverminderter Herzlichkeit hinaus.)

(Morelt.) Ich werde Sie hinausbegleiten. (Er folgt ihm, Eugen starrt ihnen ängstlich nach und hält seinen Atem an, bis Burgess verschwunden ist.)

(Candida lachend:) Nun, Eugen? (Er wendet sich mit einem Ruck um und kommt heftig auf sie zu, hält aber unschlüssig inne, als er ihren belustigten Blick bemerkt.) Wie gefällt Ihnen mein Vater?

(Marchbanks.) Ich--ich kenne ihn doch kaum,--er scheint ein sehr lieber alter Herr zu sein.

(Candida mit leiser Ironie:) Und Sie werden seine Einladung in den Bürgerklub annehmen, nicht wahr?

(Marchbanks unglücklich, es für Ernst nehmend:) Gerne, wenn Sie es wünschen.

(Candida gerührt:) Wissen Sie, daß Sie ein sehr lieber Junge sind, Eugen, trotz all Ihrer Sonderlichkeiten. Wenn Sie meinen Vater ausgelacht hätten, so wäre nichts dabei gewesen, aber es gefällt mir um so besser von Ihnen, daß Sie nett zu ihm waren.

(Marchbanks.) Hätte ich lachen sollen? Mir war, als ob er etwas scherzhaftes sagte, aber ich fühle mich Fremden gegenüber so bedrückt, und ich kann Witze nie verstehen. Es tut mir sehr leid. (Er setzt sich auf das Sofa, die Ellbogen auf den Knien und die Schläfen zwischen den Fäusten, mit dem Ausdruck hoffnungslosen Leidens.)

(Candida heitert ihn gutmütig auf:) Oh, Sie großes Kind,--Sie sind heute noch ärger als sonst. Warum waren Sie auf der Fahrt in der Droschke so melancholisch?

(Marchbanks.) Oh, das war nichts. Ich dachte darüber nach, wieviel ich dem Kutscher geben sollte. Ich weiß, es ist äußerst dumm, aber Sie wissen nicht, wie schrecklich mir solche Dinge sind,--wie ich mich davor scheue, mit fremden Leuten zu unterhandeln. (Frisch und beruhigend:) Aber jetzt ist alles gut. Er lachte mit dem ganzen Gesicht und berührte seinen Hut, als Ihr Mann ihm zwei Schilling gab; ich war im Begriff, ihm zehn zu bieten. (Candida lacht herzlich, Morell kommt mit einigen Briefen und Zeitungen zurück, die mit der Mittagspost gekommen sind.)

(Candida.) Oh, lieber Jakob, denke nur, er wollte dem Kutscher zehn Schilling geben,--zehn Schilling für eine Fahrt von drei Minuten, was sagst du?

(Morell vor dem Tisch die Briefe überfliegend:) Machen Sie sich nichts daraus, Marchbanks. Der Trieb, zuviel zu bezahlen, ist ein Beweis von Großmut und viel besser als der entgegengesetzte, und nicht so gewöhnlich.

(Marchbanks wieder in Niedergeschlagenheit verfallend:) Nein, Feigheit, Untauglichkeit ist das. Frau Morell hat ganz recht.

(Candida.) Gewiß hat sie recht. (Sie nimmt ihre Handtasche auf.) Und nun muß ich Sie Jakob überlassen. Ich nehme an, Sie sind zu sehr Poet, um sich den Zustand vorstellen zu können, in dem eine Frau ihr Haus wiederfindet, wenn sie drei Wochen fortgewesen ist. Geben Sie mir meine Decke. (Eugen nimmt die eingeschnallte Decke vom Sofa und gibt sie ihr; sie nimmt sie in die linke Hand, da sie ihre Tasche in der rechten hält.) Nun, bitte, hängen Sie mir den Mantel über den Arm. (Er gehorcht.) Nun meinen Hut. (Er gibt ihn ihr in die Hand, die das Gepäck hält.) Nun öffnen sie mir die Tür.--(Er läuft ihr voraus und öffnet die Tür.) Danke. (Sie geht hinaus, und Marchbanks schließt sie hinter ihr wieder.)