Part 8
Hilgen und seine Frau wanderten indessen auf dem schmalen, bei Nachtzeit keineswegs bequemen Wege weiter. Der Mann blieb allerdings manchmal stehen, zu horchen ob ihnen auch Niemand folge; Fischer und Johnny aber waren viel zu vorsichtig, ihre Gegenwart ahnen zu lassen. Sie hielten sich in der gehörigen Entfernung, und da sie beide mit der Gegend umher bekannt genug waren, wurde es ihnen nach kaum einstündigem Marsche nicht schwer zu errathen, wo eigentlich das Ziel ihrer Wanderschaft liege. Endlich senkte sich auch der Weg wieder thalab, und einem ziemlich steilen aber breiten Gulch zu, woran fast noch gar nicht gearbeitet war. Untersucht hatten sie den Gulch selbst schon einmal, aber, wie das gewöhnlich geschieht, nur oberflächlich. Je weniger sie zweifelten daß Hilgen hier Halt machen würde, um so behutsamer eben folgten sie. Der Esel, der über den ungewohnten Nachtmarsch mißvergnügt sein mochte und fortwährend schnob und prustete, stand schließlich an einem umgestürzten Baume still, ward seines Gepäcks entladen, und bald loderte neben ihm ein lustiges Feuer in die klare Nachtluft hinauf.
Fischer und John zogen sich jetzt zurück, zu berathen, was sie eigentlich thun sollten. Wie sie aber leise den schmalen Hirschpfad, den sie niedergekommen, wieder aufstiegen, außer Gehörsweite der „flüchtigen Familie“ zu gelangen, rannten sie beinahe gegen Fuchs und Starke an, die, der letztere voraus, etwas rascher vorwärts eilten, ihre Vorgänger nicht zu verlieren.
„Herr Je!“ rief Starke -- Fischer packte ihn aber gleich und bedeutete ihn stille zu sein und Fuchs lachte, während Johnny im ersten Augenblick ein wenig verlegen schien. -- Das gab sich aber bald, und die vier Verbündeten gingen nun etwa eine halbe Meile den Berg wieder hinauf und hielten dort Kriegsrath, was sie jetzt thun wollten. Es verstand sich von selber daß sie heute Nacht nach ihrem Zelte zurückkehrten; Fischer und Fuchs stimmten aber dann dafür, daß sie gleich am nächsten Morgen mit ihrem ganzen Geschirr herüberkämen und der „Familie Hilgen“ einen Besuch abstatteten, während Johnny vollkommen dagegen war.
„Verlassen wir jetzt ebenfalls den Mormongulch,“ schloß er ganz richtig, „so ist der Teufel los. -- Alle Welt weiß dann auf einmal daß die Deutschen einen neuen Platz gefunden haben, nach dem sie Alle heimlich aufgebrochen sind, und das ganze Amerikanische Gesindel, das ohnedieß den ganzen Tag in den Bergen herumliegt, stiebte augenblicklich nach allen Richtungen auseinander, uns aufzufinden. Das würde ihnen dann bald gelingen, denn dieser Gulch liegt gar nicht so weit aus dem Weg. Ueberdieß wissen wir nicht ob der Platz wirklich so reich ist, wie jetzt Hilgen zu glauben scheint, und das können wir also jedenfalls erst einmal ruhig abwarten. Bleibt Hilgen hier, dann ist es ein Beweis daß er recht hatte, und dann verlieren wir uns so langsam ohne viel Aufhebens zu machen, vom Mormongulch weg, -- ist er aber nicht so gut, dann kommt Hilgen schon früher wieder von selber zurück, und dann können wir ihn eben so gut auslachen und haben noch außerdem einen jedenfalls beschwerlichen Umzug erspart.“
Dieser Vorschlag war zu vernünftig, als daß sich die Andern nicht vollkommen einverstanden damit erklärt hätten. -- Starke war es überdem gleich, was sie machten, solange er nur nicht selber über etwas nachzudenken brauchte.
„Aber wo ist denn Erbe eigentlich geblieben?“ frug Fischer, sich jetzt erst nach diesem umsehend, „habt Ihr ihn mitgebracht? oder ist er allein zurückgeblieben?“
„Mitgebracht?“ lachte Fuchs -- „habt Ihr +uns+ etwa auch mitgebracht? Nein, Erbe sitzt jetzt noch wahrscheinlich bei den Weinresten, und wartet auf unsere Zurückkunft, und ich glaube es ist auch das gescheiteste was wir thun können, daß wir selbst noch heut Abend in das Zelt zurückgingen und uns wenigstens dort zeigten, denn übrig wird der Doktor wohl nichts gelassen haben.“
Dem stimmten die Andern bei und die vier Männer marschirten jetzt, rascher als sie gekommen, und von dem aufsteigenden Mond begünstigt, nach ihrem alten Lagerplatz, den sie etwa um zwei Uhr erreichten, zurück. In dem Amerikanischen Trinkzelt war allerdings noch Licht sowohl als Gesellschaft, denn die Spieler saßen dort oft bis zum hellen Tageslicht -- von Erbe aber nicht die Spur mehr zu sehen und der Wirth behauptete, daß er gleich unmittelbar nach den anderen Herren das Zelt verlassen, vorher aber noch sämmtliche Rester ausgetrunken habe. Das war viel zu wahrscheinlich, auch nur einen Augenblick an der Wahrheit dieses Berichts zu zweifeln, und die Viere zerbrachen sich jetzt nur den Kopf, was aus ihm könne geworden sein.
„Geworden?“ meinte Starke erfreut, -- „er wird in seinem Zelte liegen und schlafen.“
Das war eine neue Möglichkeit und Starke wurde abgeschickt es zu untersuchen. Starke kam indeß nach etwa zehn Minuten wieder zurück und meldete, das Zelt sei nicht nur leer, sondern die darin liegende Decke kalt und unberührt, und Erbe habe es keinen Falls heute Abend noch betreten.
Was war nun aus ihm geworden? -- selbst der nächste Morgen, der nächste Abend brachte keine Spur von dem Vermißten, und drei volle Tage vergingen, ohne daß irgend Jemand hätte angeben oder auch nur muthmaßen können, was aus ihm geworden sei. Die Deutschen dort fürchteten auch schon, es könne ihm ein Unglück zugestoßen sein, als er eines schönen Morgens, die Hände, wie immer in den Taschen, die Mütze wie immer auf der Seite, das Gesicht, wie immer roth und fidel, den Gulch, wo die Uebrigen noch arbeiteten, herauf kam. Als er bei Johnny’s und Fischers Arbeitsplatz von diesen mit lautem Jubel begrüßt wurde und dort anhielt, sprangen Starke und Fuchs herbei, und Alle wollten nun von ihm wissen wo er die Zeit über gesteckt, und was er, ohne Decke, ohne Provisionen, ohne Handwerkszeug, selbst ohne Zelt die ganze lange Zeit über getrieben habe. Erst hielt er freilich zurück und suchte Ausreden zu machen, meinte, er sei „prospectiren“ gewesen etc. Die Andern ließen indessen nicht nach, und als sie ihn endlich, weil es doch bald Mittag war, mit ins Trinkzelt nahmen, konnte er einigen rasch auf einander folgenden Gläsern heißen Brandypunsches nicht länger widerstehen, und die ganze Geschichte kam heraus.
„~Well~,“ fing er hier in seinem tollen Kauderwelsch zu erzählen an, das ich dem Leser hier, nur der Probe wegen, einmal wörtlich wiedergeben will[5] -- „~well~, ich saß noch ganz innocent bei den Bottels und wußte von Nichts, bis Fuchs und Starke da auf einmal aufrehsten[6] und weggingen, da fiel mir unsere geschworene Treue und Einigkeit ein, und da kams mir in den Sinn, daß sie mich wohl hier mit der ganzen Eintracht wollten bei mir selber[7] sitzen lassen. Ich rehste also auch auf, und wie ich vor das Tent[8] komme, find’ ich da einen von den Schwarzen, der mir auf die Sprünge half. Erst hatte er zwei Männer den Hill[9] hinaufgehen sehen und oben auch noch einen Mann, eine Frau und einen Jackaß[10] getroffen. Nun wußt ich ja gleich woran ich war, und machte auf Curs[11] augenblicklich dahinter her. -- Es dauerte auch nicht lange, so sah ich zwei dunkle Gestalten vor mir hintraweln[12] die alle Minuten schtoppten und horchten und dann wieder vorwärts marschirten. Ich konnte mir wohl denken, daß das Fuchs und Starke wären, und suchte nun mit ihnen aufzukiepen[13]. Gerade aber, ehe man auf den Hill hinaufkommt, und wie ich so ruhig fortlaufe und denke, daß Alles sicher ist, schtumble[14] ich und falle, weil ich die Hände zufällig in den Pockets[15] hatte, in so ein verwünschtes Hole[16] hinein, das dicht am Wege war. Glücklicher Weise fiel ich blos auf den Kopf und wurde nicht weiter gehürtet[17], wie ich aber wieder in die Höhe kam, mußte ich tüchtig zutraweln bis ich wieder Jemand vor mir merkte. Diesmal wars aber kein Mensch, sondern ich hörte das Schnauben eines Jackaß, und überlegte mir nun, daß Fuchs und Starke wahrscheinlich meine Schritte hinter sich gehört hätten und aus der Road[18] gegangen wären, um nicht gesehen zu werden. Das war aber kein Matter[19] so lange ich nur hinter Hilgens Jakaß blieb, aber auch das ein hart Stück Arbeit und kostete mir vielen Trubbel[20]. Einmal lief der Satan so rasch, daß ich kaum hinterher konnte, und dann schtoppte er wieder und wartete, als ob sie nach mir herüberhorchten. Ich hatte dann immer genug zu thun, daß ich mich irgendwo rasch hinter einen Schtump[21] oder Busch drückte, und Hill auf- und runter durch Wasserholes und Breiars[22] ging’s, bis er endlich, ganz oben auf einem steilen Hügel für gut[23] zu schtoppen schien. „Nun +da+ sind die Minen gewiß nicht“ dachte ich so bei mir selber, wollte mich aber auch nicht melden und war überhaupt durch das Trinken vorher, und den langen Marsch so vollkommen aufgenockt[24] daß ich, wie ich kaum eine halbe Stunde so gesessen haben mochte, richtig in eine Dose fiel[25].
„Wo ist er ’nein gefallen?“ schrie aber jetzt Fuchs, der kein Englisch verstand und dem die Sache zu bunt wurde, Fischer und Johnny hatten überdieß schon Mühe gehabt, ihn abzuhalten, Erbe’s Bericht nicht alle Augenblicke zu unterbrechen, -- „in eine +Dose+ ist er gefallen, -- was zum Donnerwetter ist das?“
„Ruhig, störe Herrn Erbe nicht,“ rief aber Fischer, der sich natürlich über die Erzählung köstlich amüsirte, „er ist eingeschlafen gewesen -- fahren Sie fort, Herr Erbe.“
„~Yes~,“ sagte Erbe, und nahm erst noch einmal einen tüchtigen Zug, -- „da ist nicht viel fortzufahren. Wie ich wieder aufwachte war es heller Tag, und clos zu mir[26] stand ein großer brauner Jackaß -- und Hilgens haben einen grauen -- und schrie und schlenkerte immer mit dem rechten Ohr, und dann sah er mich wieder an und schrie wieder. Ich lukte[27] erst um mich her, und wußte nicht recht wo ich eigentlich war; aber endlich fiel’s mir von gestern Abend ein, und nun schmellte ich eine Ratte[28].“
Fuchs wollte wieder Einspruch thun, Fischer verhinderte ihn aber daran und Erbe erzählte weiter.
„Durch Breiars und Wasserholes, über Hills und Rocks[29] hinweg, war ich fast die ganze Nacht dem verkehrten Jackaß nachgestiefelt, und einen Durscht hatt’ ich, o Herr Gott von Meißen, wie durschtig war ich. Wie ich mich denn aber nun auszufinden suchte, wo ich eigentlich wäre, krahlte[30] ich natürlich wieder den falschen Hill hinunter und kam an den Stanislaus. Dort fand ich glücklicher Weise einen guten Bekannten, und mit dem wollte ich, da ich doch gerade da drüben war, prospectiren gehen. Wir kamen aber nicht dazu, denn im Anfang hatte er sehr guten Brandy, und er sagte mir, er hätte sich schon lange Jemanden gewünscht, mit dem er prospectiren gehen könnte, und wir wollten nur erst den Brandy austrinken und dann lostraweln -- und damit war ich auch vollkommen satisfeid[31]. Wie aber der Brandy alle war, kriegt ich so eine Art Heimweh nach dem Mormongulch, und da bin ich denn wieder herübergekommen.“
Erbe wurde natürlich seines Abenteuers wegen tüchtig ausgelacht, da er indes so viel ausgestanden hatte, erzählten sie ihm auch jetzt wo Hilgen und seine Frau arbeite, und daß sie Ende dieser Woche, wenn jene bis dahin nicht zurückgekommen wären, dorthin aufbrechen wollten.
Erbe war damit vollkommen einverstanden, und fast mehr noch durch den delikaten Punsch, als diese Mittheilung, über alles Ausgestandene getröstet. Hilgen kam aber nicht wieder, ja hielt sich, weil er sich noch vollkommen unentdeckt glaubte, so geheim, daß er nicht einmal seine Provisionen aus der Nachbarschaft des Mormongulch holte, sondern lieber einen viel weitern Weg nahm, von seinen „Verbündeten“ nicht gesehen und aufgespürt zu werden. Er erschrack auch nicht wenig, als diese am nächsten Sonntag plötzlich mit Sack und Pack vor seinem Zelt erschienen und ihm sämmtlich der Reihe nach um den Hals fielen und ihn umarmten, mußte übrigens wohl gute Miene zum bösen Spiel machen. Wenn er sich auch ärgerte, so überlistet zu sein, noch dazu da ihm Johnny wieder mit pathetischen Mienen sein gebrochenes Schutz- und Trutzbündniß vorhielt, kam Erbe doch auch wieder mit der Erzählung +seiner+ Fahrten als Balsam dahinter her, und die kleine deutsche Colonie ließ sich an diesem Gulch jetzt gerade so nieder wie vorher an dem Nachbarbach. Da nun der Bach doch auch getauft werden mußte, und zwei Esel eine so bedeutende Rolle bei seiner Entdeckung gespielt hatten, (Erbe’s und Hilgen’s, welcher letztere ja durch sein fortwährendes Schnauben die Verfolger auf der richtigen Spur gehalten) so wurde er der „Jackaßgulch“ genannt. Diesen Namen hat er bis auf den heutigen Tag behalten, und in seinen Uferbetten sind selbst bis jetzt noch die reichsten Stellen Californischer Schätze gefunden worden.
Von all den Deutschen freilich, die dort arbeiteten, haben nur sehr wenige wirklichen Nutzen aus dem gezogen was sie damals gefunden; Hilgen und seine Frau ausgenommen. Madame Hilgen hielt zusammen, was sie Beide mit schwerer und wackerer Arbeit verdienten, errichtete auch noch später ein Kaffeehaus und einen Schenkstand, in dessen Casse manche Unze der Nachbarn floß. Beide Eheleute haben jetzt Häuser und Grundstücke mit einem ~boarding~ oder Kosthaus in San Francisco und sind auf dem besten Wege reich zu werden -- wenn sie es nicht schon geworden.
Die Uebrigen verjubelten ihr Gold, wie sie es verdienten, hofften immer auf mehr und fanden bald zu ihrem Schrecken, daß die früher unerschöpflich geschienenen Minen in der That gar nicht unerschöpflich gewesen wären.
Um aber dem Leser einen Begriff zu geben, wie wenig damals das Gold geachtet wurde, und daß die ersten Berichte von Californien, so übertrieben sie schienen, dennoch Thatsachen zum Grunde hatten, will ich ihnen Starke’s Fall mittheilen.
Starke verließ, wie gesagt, den Mormongulch, nach dem Jackaßgulch hinüberzugehen, trotzdem daß er einen ausgezeichnet ergiebigen Platz auszubeuten hatte, ja noch an demselben Morgen, an welchem er sein Werkzeug zusammenpackte, in wenigen Stunden zwei Unzen Gold mit der Pfanne herauswusch. Die Unze Gold galt schon damals 16 Dollar. Nichts desto weniger glaubte er aber wo anders besser zu thun, und verkaufte das gegrabene und noch nicht halb ausgearbeitete Loch für +eine+ Unze an einen Amerikaner. Dieser nahm noch 5000 Dollar heraus und verkaufte dann den Platz an einen Dritten für fünf Unzen, der ebenfalls wieder einige Wochen darin arbeitete. Niemand erfuhr, was der Letzte herausbekommen hatte, aber bald darauf verließ er Californien.
Der Mann an den es Starke verkaufte, stocherte schon in der ersten Stunde über anderthalb Unzen nur mit seinem Messer heraus, und als ich Starke ein Jahr später in Murphys Diggins fand, war er froh wenn er mit harter Arbeit noch so viel Dollars werth Gold finden konnte, als er früher in einem Tag +Unzen+ gewonnen.
Johnny hatte seit der Zeit noch dreimal ein wirkliches Vermögen ausgegraben, und dreimal wieder verspielt und als ich ihn zuletzt sah, nicht Geld genug, sich neues Handwerkszeug zu kaufen, soll aber nachher eine reiche Stelle, jedenfalls zum Besten der nächsten Spielbank aufgefunden haben.
Doch in Californien zieht man gar wild die kreuz und quer umher und es würde mich gar nicht wundern, wenn der Leser und ich noch einmal Einem oder dem Andern unserer alten Bekannten in irgend einer der übrigen Minen begegneten.
Die französische Revolution.
Murphys neue Minen, oder Murphys New Diggins, wie sie von Amerikanern wie Deutschen, Franzosen und Spaniern genannt wurden, (obgleich sie auch manchmal sogar den allerdings noch nicht verdienten der „reichen“ bekamen) liegen an Angelscreek -- der sich weiter unten in den Stanislaus ergießt. Sie bestehen theils aus kleinen Bergbächen, die von den Hügeln kommend in den größeren Bach oder Creek fließen, theils und hauptsächlich in der sogenannten Flat oder Barre, die durch eine Biegung von Angelscreek gebildet ist, und über deren Reichthum die fabelhaftesten Gerüchte verbreitet wurden. In der Zeit wo unsere kleine Erzählung spielt, Mitte Mai, war aber noch zu viel Wasser in den Quellen wie Bächen, als daß man schon tief in den Grund der Erde hätte hineingraben können. Für jetzt ließen sich also nur Vorbereitungen treffen die Arbeit, wenn die rechte Zeit (d. h. der Spätsommer) einmal kam, gleich mit Kraft und Energie zu beginnen. Solche Vorbereitungen waren aber: Pumpen bauen, Wasserrinnen ausschlagen, die abgesteckten Gruben bis auf das Wasser hinunterzugraben, u. s. w.
Während die Miner oder Goldwäscher selbst diesen Beschäftigungen oblagen, gab es noch eine andere Menschenclasse in „Murphys“, die nicht weniger eifrig ihren eigenen, von diesen aber verschiedenen Interessen oblag. Es waren dieß die in den Minen nur unter dem Namen „Store Keeper“ bekannten Händler oder Kaufleute, die Zelt nach Zelt in der Nähe des Flats bauten, Provisionen und Getränke einlegten und, den täglich mehr hinzuströmenden Arbeitern nach, hoffen durften ein recht einträgliches Geschäft den Sommer hindurch zu machen. Ein unternehmender Yankee stellte sogar eine Kegelbahn auf, Kosthäuser wurden errichtet, und die Spieler, diese Aasgeier des Geldes, kamen von allen Seiten herbei, um gleich an Ort und Stelle zu sein wenn die erste Ausbeute beginnen würde.
Unmassen von Franzosen, und zum großen Theil Basken, hatten sich ebenfalls in Murphys eingefunden, und eine Menge französischer Läden sprangen zwischen den amerikanischen auf. In diesen figurirten besonders einige Grisetten -- jedoch sämmtlich aus dem Mittelalter -- und eine von ihnen, die Jüngste, ging sehr zum Ergötzen der eben aus dem Innern Nordamerika’s kommenden Backwoodsburschen, denen bis dahin noch nicht einmal der Gedanke in den Kopf gekommen war, daß ein Frauenzimmer auch Mannskleider tragen könne, in kurzer Jacke, weiter Hose und weißem kek auf die Seite gestülptem Filzhut umher.
Auch Deutsche, Spanier und Engländer befanden sich in Murphys, die Franzosen waren ihnen aber an Zahl weit überlegen, und bildeten jedenfalls drei Viertheil der totalen Bevölkerung dieses kleinen Minenstädtchens.
Gerade zu demselben Zeitraum, und zwar in den letzten Tagen des April oder ersten des Mai, war ein Gesetz von der Californischen Legislatur erlassen worden, daß sämmtliche fremde Goldwäscher in den Minen Californiens mit einer monatlichen Taxe von 20 Dollars belastet werden, und falls sie das nicht bezahlen wollten, oder nicht im Stande seien es zu entrichten, ohne weiteres die Minen verlassen sollten. Würden sie hiernach aber dennoch wieder an einer andern Mine, ebenfalls mit Goldwaschen beschäftigt betroffen, so sollte dieß als ein Vergehen gegen den Staat angesehen und als solches bestraft werden etc.
Man kann sich denken welchen Eindruck die Bekanntmachung dieses Gesetzes auf die „fremden Goldwäscher“ machte, und selbst die Vernünftigen unter den Amerikanern schüttelten darüber den Kopf, und meinten das sei ein unsinniges Gesetz und würde viel unnöthigen Spectakel und Unfrieden machen. Die Franzosen besonders schimpften und raisonnirten auf das freisinnigste; erklärten das Gesetz für infam, und beschlossen nicht einen Cent zu zahlen. Unter den Deutschen waren einige Elsasser die ihnen besonders beistimmten, und die Basken holten ohne weiteres ihre Musketen und Flinten vor, indem sie erklärten: es sei das Beste, sich gleich von vorn herein in den Vertheidigungszustand zu setzen, damit die Amerikaner Respect bekämen.
Die Amerikaner kümmerten sich aber gar nicht um sie. Bis jetzt war die ganze Sache überhaupt noch viel zu neu, um schon ernstere Maßregeln im entferntesten nöthig zu machen. Dem Gesetze nach sollten gewisse Collectoren die verschiedenen Minen bereisen, und bis diese, oder einer von diesen nicht nach Murphys selber kam, ließ sich gar nichts in der Sache thun.
Es war ein wundervoller Abend in der letzten Hälfte des Mai, die Sonne sank eben hinter die stattlichen Fichtenstämme, die Murphys Hügel bedeckten. Die Leute kamen von ihrer Arbeit zurück, hie und da stieg vor den Zelten der blaue Rauch der Feuer auf, an denen die Goldwäscher ihr frugales Abendbrod kochten. Aus verschiedenen Seiten der Stadt (denn eines solchen Namens erfreute sich die kleine Zeltgruppe wirklich, und zwar als Stadt +Stoutenburg+) tönten zugleich die wunderbarsten Klänge -- Klänge wie von alten zusammengeschlagenen eisernen Kochtöpfen, ein chinesischer Gong, eine kleine blecherne Kindertrompete u. s. w. herüber -- es waren die Zeichen der verschiedenen Kosthäuser, daß das Abendessen fertig sei und der „Boarder“ harre. Dahinein mischten wieder eine Menge von frei herumlaufenden Eseln, die von den Minern gehalten wurden, ihre lieblichen Y-ahs, und mit dem Schlagen der Holzäxte die Feuerholz für den nächsten Morgen hieben, mit den einzelnen Fragmenten französischer Lieder, die aus Zelt und Busch hervorschallten, den lebendigen Gruppen die in der breiten, durch die Kaufläden gebildeten Straße standen und lachten und sangen und gestikulirten, mit der auf der langen über des Sheriffs Zelt errichteten Stange wehenden amerikanischen Flagge, dem sich immer dunkler schattirenden Nadelholz und dem herrlichen, nur von leisen, goldenen Wölkchen bestreuten Abendhimmel gab es ein Bild, das einem armen Teufel wohl in seiner Lieblichkeit auf kurze Zeit all die Strapazen und Mühen konnte vergessen machen, die er den langen Tag über in der heißen Sonnenhitze und bei der schweren, ungewohnten Arbeit ausgestanden.
Das Abendessen in den meisten Häusern hatte schon lange begonnen -- was standen die Leute da noch so eifrig vor den Thüren und gestikulirten so lebhaft mitsammen?
„Die Franzosen haben’s heute recht eifrig miteinander,“ sagte ein langer Texaner zu einem eben so langen „Down Easter“ (der amerikanische Scherzname für die ächten Yankees, oder Bewohner der nordöstlichen Staaten der Union), mit dem er zusammen die Straße hinunterschlenderte und selbstgefällig vor sich hinlächelte -- „könnt Ihr nicht verstehen was sie zusammen schwatzen?“
„Ich?“ sagte der Yankee erstaunt, daß sein Begleiter ihn auch nur im Verdacht hatte er verstände französisch oder irgend eine andere Sprache der Welt außer „amerikanisch“ -- „wie soll ich das Geschlabber kennen? s’wird nichts Wichtiges sein.“
„Und wie sie dabei mit den Händen herum agiren“ meinte der Texaner, und sah sich noch einmal nach der letztverlassenen Gruppe um -- „ohne das geht es aber auch nicht, denn bind’ einem Franzosen die Hände auf den Rücken zusammen, und er bringt kein Wort über die Zunge.“
Die beiden Männer traten gleich darauf in ein amerikanisches Spielhaus, und dort, wo sie nur Landsleute von sich fanden, hatte das Spiel zu viel Interesse für sie, sich noch um etwas anderes zu bekümmern.
Gar verschieden sah es dagegen in einem, diesem schräg gegenüber liegenden französischen Zelt aus, das ein gewisser Louis mit einer Grisette -- die man anstandshalber Madame Louis nannte -- hielt. Hier wogten Franzosen, und besonders Basken und Deutsche bunt durcheinander, und vermischte Ausbrüche des Zornes, wie: ~mechant, au secours, à bas les Américains etc. etc.~ ließen eine nur sehr unbestimmte Ahnung in dem eben Hinzutretenden aufkommen, um was es sich eigentlich handle und was vorgefallen sei.
Die Unterhaltung wurde hauptsächlich französisch, doch auch hie und da spanisch, natürlich mit den verschiedenen bunt durcheinander gewürfelten Dialekten geführt, und die hauptsächlichste und hervorragendste Gruppe waren ein Deutscher Namens Fuchs, mit großem rothen Bart, ein kleiner Baske, pockennarbig mit hämischen, scharf ausgeprägten Gesichtszügen, ein Schweizer, eine hohe stattliche Gestalt, einen argentinischen Poncho über die Schulter geworfen, und ein eben solches Messer hinten im Gürtel, und ein vierschrötiger Baske, der eben den magern loyalen Wirth des Hauses, Mr. Louis, an der Schulter herbeischleppte, und zum Beweis dessen was er wahrscheinlich gesagt, gegen den Tisch stellte.
„Hier, Louis,“ rief er dann in allem Eifer, „zeige ihnen einmal den Brief den wir heute bekommen -- sie wollens noch nicht glauben.“
„Ja es ist wahr,“ bestätigte der kleine Mann, nur vermuthend von was bis dahin die Rede gewesen -- „meine Frau hat den Brief.“