Californische Skizzen

Part 7

Chapter 73,771 wordsPublic domain

Hilgen ging indeß mit seiner Frau auf den Arbeitsplatz zurück, die Uebrigen reinigten ihre Maschinen und trugen das ausgewaschene Gold in den Pfannen nach Hause. Nur Erbe, der an diesem Morgen noch kein Handwerkszeug angerührt hatte, ließ seine Hände in den Taschen, und schlenderte langsam seinem Zelte zu, sich etwas Thee zu bereiten und dazu ein Stück Schiffszwieback und Speck zu essen. Anderes war in der Gegend herum kaum zu bekommen.

In der Nähe hielt ein Amerikaner ein Trinkzelt, in dem die Deutschen gewöhnlich des Abends zusammenkamen. Selten aber nahmen sie, außer Johnny, an den in einem Nebenzelt gehaltenen Hazardspielen Theil, sondern hielten sich mehr „an die Getränke“ bis sie den gehörigen Grad geistiger Lebendigkeit erreicht hatten, und zu singen anfingen. Das war dann auch wieder reiner Profit für den Wirth, denn besonders Fischer sang sehr gut und lockte oft damit die ganze stets durstige Nachbarschaft in den kleinen Raum.

An diesem Abend, als einer besonders feierlichen Gelegenheit, waren sie aber außergewöhnlich lustig und Johnny besonders ging ganz aus sich heraus, erzählte tausend Anekdoten aus seiner fröhlichen Gesellenzeit in Frankreich, von der hübschen Meisterstochter, der er sein Herz dort gelassen, und seinen tollen Streichen. Von seiner Auswanderung nach Amerika, der Fahrt nach Californien, den ersten Ansiedlungen dort, und wie ihn dann der Teufel geplagt habe sein Geschäft in San Francisco an den Nagel zu hängen und in die Minen zu gehen.

Wenn er zu diesem Punkt seiner Erzählung kam, wurde er stets melancholisch; denn er hatte damals ein hübsches Vermögen zum Fenster hinaus geworfen. Aber mit einem Satz sprang seine Phantasie nach Frankreich zurück, und er begann dann mit Fuchs französisch zu sprechen.

„Ach was,“ -- rief Erbe dazwischen -- „tahkt daß man’s unterständen kann -- das soll ja der Teufel herauskriegen, was Ihr da mitsammen schwatzt.“

„Mr. Fuchs,“ sagte in diesem Augenblick der Wirth, „heute ist auch ein Brief mit für Sie von San Francisco heraufgekommen -- beinahe hätt’ ich’s vergessen, -- hier -- ein Dollar, funfzig.“

„Briefe?“ rief Johnny aufspringend, -- „und keiner für mich? -- eine Million für einen Brief.“

„Woher erwartest Du Briefe, Johnny?“ frug Fischer, „von San Francisco?“

„Von Havre,“ lachte Hilgen. „Da wohnt die schöne Meisterstochter, die nun seit funfzehn Jahren nicht geschrieben hat.“

„Hilgen, Du bist ein -- Ehemann,“ sagte Johnny mit Achselzucken; „ich kann Dir nichts weiter auf Deine Bemerkung erwiedern.“

„Hier sind alle die Briefe,“ unterbrach sie der zurückkehrende Wirth, und hielt Fischer etwa zehn oder zwölf Briefe hin, die heute, für dortige Miner bestimmt, durch einen der Leute, die hier oben ein Zelt hatten, heraufgebracht worden waren. Noch jetzt gehen diese Leute in San Francisco auf die Postoffice, lassen sich an Briefen geben, was für die Minen, nach denen sie gerade hinaufgehen, bereit liegt, zahlen ein geringes Porto dafür, und rechnen dann für den Brief ein -- zwei Dollar Botengeld. Die Bestellungen, für die sie dort keine Liebhaber finden, nehmen sie selten oder nie wieder zurück, und es läßt sich denken, daß auf solche Art eine Menge Briefe für die wirklichen Eigenthümer verloren gehen müssen. So hatte der letzte Bote zwei für einen Mr. Fischer mitgebracht, weil Einer der Deutschen hier, wie er wußte, Fischer hieß. Es war aber keiner der rechte und beide blieben oben liegen. Für John Smith lagen wenigstens sechs dergleichen dort.

Fischer blätterte auch die andern Briefe durch. „Edward Hustings,“ murmelte er dabei vor sich hin, „William Roberts -- Charles Roberts -- John -- ja, zum Henker,“ unterbrach er sich, seine Finger zwischen den Briefen lassend und Johnny dabei ansehend, „wie heißt Du denn eigentlich mit Deinem Zunamen, Johnny -- hier ist einer für John Was -- Wes -- Wesley -- Wetter noch einmal, ist das eine Pfote -- ich habe Dich noch nie anders wie Johnny nennen hören, und das kann doch nicht so einfach auf der Adresse stehen.“

„Nein,“ sagte Johnny, den Hut, wie er dies fast hundert Mal des Tags that, vorn an der Krempe fassend und mit einem plötzlichen Ruck etwa sechs Zoll von links nach rechts rückend, wodurch die eigentlich vorn sitzen sollende Brosche alle vier und zwanzig Stunden etwa zwanzig Mal einen Zirkel um seinen Kopf beschrieb -- „nein, die Briefe müssen französische Adresse haben an ~Monsieur Jean Stülbeng~.“

„Stüllbeng -- hm,“ brummte Fischer, „das ist ja gar kein deutsches Wort. Stammst Du denn aus Frankreich, Johnny? -- Haben Sie schon ’mal einen solchen Namen gehört, Herr Erbe?“

„Nein,“ sagte Erbe kopfschüttelnd, „aber in Leipzig workte (arbeitete) ich einmal mit einem Gesellen zusammen, der hieß Sturzmeier, was auch ein sonderbarer Name ist.“

„Ja Herr Erbe,“ sagte Fischer lachend und ihm zunickend, „aber wie buchstabirst Du denn den, Johnny?“ „~S -- t -- ü -- asch --~“

„O bleib mir mit Deinem ~ash~ vom Leibe, Johnny,“ unterbrach ihn aber Fischer -- „Du weißt ich verstehe von Deinem Französischen Nichts, damit mußt Du mich ungeschoren lassen. Da -- hier ist ein Bleistift -- da schreib ihn einmal auf die Karte, nachher werden wir ja sehen.“

Johnny nahm eine der alten auf dem Tische herumliegenden Karten und schrieb mit kühnem Zuge den Namen, den er dann Fischer hinhielt. Dieser las:

„Jean -- Stu -- Stuhlbein -- bei Gott!“ rief er laut auflachend -- „und wie sprachst Du das aus, Johnny?“

„~Well!~“ meinte Erbe, und durch das breite dicke Gesicht zuckte es ihm nach allen Seiten hin -- „das ist doch am Ende ein deutscher Name -- Jean heißt ja wohl Hans?“

„Laßt mir Napoleon zufrieden,“ rief aber Fuchs dazwischen, während der Kleine finster die Brauen zusammenzog -- „es ist heute sein Geburtstag, und da dürfen wir ihn nicht ärgern. Wir sitzen aber meiner Meinung nach verdammt trocken hier -- hallo Jean, was sagst Du dazu?“

„Nun,“ sagte Johnny, dadurch freundlicher geworden und die Broche verschwand hinten am Hut, „dann, denk’ ich, bleiben wir jetzt bei französischem Weine -- der Medoc, den Drewler hier hat, ist wirklich ausgezeichnet und auch billig -- nicht wahr, Drewler, nur fünf Dollar die Flasche?“

„Kann’s wahrhaftig nicht unter sechs, Mr. Johnny,“ sagte aber dieser achselzuckend -- „die Fracht ist zu enorm theuer hier herauf, und der Wein jetzt auch schwer zu bekommen in San Francisco.“

„~Eh bien!~ dann geben Sie uns einmal -- wie viel sind wir, sechs -- ~eh bien!~ sechs Flaschen Medoc, setzen Sie’s nur mit auf meine Seite zu dem übrigen -- es ist heute +mein+ Tag. Ich glaube, Mr. Erbe’s Geburtstag ist heut in acht Tagen.“

„Meiner?“ sagte Erbe schnell und erstaunt aufsehend, „~yes~, wenn ich auf solche Art dazu komme, als wie Sie hinte, dann könnt’s passiren -- sonst weiß ich gar nicht ob ich wirklich einen habe.“

„Das wäre mir aber lieb,“ lachte Fischer mit seiner feinen Stimme, „nicht wahr, Johnny, dann könnten wir ihm einen geben -- dann taufen wir ihn, wenn wir gerade einmal durstig sind.“

„Wenn dann alle Heiden so schnell gebapteist würden,“ sagte Erbe, die rechte Hand aus der Tasche nehmend, denn der Wirth setzte eben ein Glas vor ihn hin, „dann sollten bald keine Ungläubigen mehr existiren.“

„Der Erbe mißhandelt doch das Deutsch auf eine schmähliche Weise,“ lachte Johnny und schenkte sich sein Glas voll. Erbe aber, der ebenfalls solcher Art sehr angenehm beschäftigt war, sah mit einem höchst trocknen Blick, die linke Hand aber dabei noch immer in der Tasche, nach Johnny hinüber und sagte:

„Na heren Se Mister Stuhlbeen.“

„Wißt Ihr denn, wie es Kramer und Schütten gestern Nacht hier oben in Creek ergangen ist?“ fragte Starke, der bis jetzt kein Wort gesprochen hatte, „vorhin beim Essen kam Louis von oben herunter und erzählte uns die Historie.“

„Wie denn?“ forschte Hilgen. -- „Die machen famos aus da oben, und sollen ein höllisch reiches Loch in Arbeit haben.“

„Na, also gestern,“ berichtete Starke, „hatten sie wieder hinunter gegraben, bis sie auf die grüne Lehmerde kamen, die hier ja auch am reichsten ist und wo das Gold eigentlich erst drin liegt. Weil es dunkel wurde, ließen sie ihr Werkzeug drin und gingen nach Haus, am nächsten Morgen das Gold herauszusuchen. Wie sie aber heute Morgen wieder an ihren Fleck kommen, hatten sie das gar nicht mehr nöthig, denn das Nest war beinah leer, das gröbste wenigstens Alles rein herausgelesen.“

„Da müssen sie doch die Erde mit fortgenommen haben,“ sagte Fischer.

„Bewahre, bei Licht haben sie’s gethan,“ rief Starke, „ein halbes Licht hatten sie drin vergessen, das lag noch in der Ecke und die Fußspuren waren überall abgedrückt.“

„Und haben sie gar keinen Verdacht?“ fragte Johnny.

„O ja, starken noch dazu -- natürlich frugen sie gleich überall nach und machten es bekannt, und bekamen denn auch heraus, daß zwei Amerikaner gestern im nächsten Store zwei Pfund eben solcher Lichte gekauft hatten. Aber was können sie ihnen damit beweisen? gar Nichts. Das Gold, was die herausgegraben haben, kennt ja keiner von ihnen, also schwören können sie gar nicht darauf, und englisch verstehen sie auch nicht, was sollen sie also machen. -- Und dann sind’s noch dazu Amerikaner.“

„Und wenn sie Gott weiß was wären,“ rief Fischer. -- „~Caracho~, wenn sie mir einmal auf die Art in’s Gehege kämen, ich wollte ihnen zeigen, wie viel Pulver meine Flinte schießt.“

„Ja da weiter hinauf soll schmähliches Gold sitzen,“ -- meinte Johnny. -- „Ich habe auch große Lust, es da oben noch einmal zu versuchen. Aber Ihr trinkt ja gar nicht. Donnerwetter, Fischer, Erbe hat wieder ein leeres Glas vor sich. Du mußt ein Bischen auf Deine Nachbarn passen.“

„Nu, ich denke,“ sagte Fischer, „wenn ich +den+ in vollen Gläsern halten wollte, da hätt’ ich eine lebenslängliche Anstellung, -- bei dem ist’s gerade, als ob’s in ein Sieb flösse.“

„~Well~, Mr. Fischer,“ sagte Erbe, und nickte, ihn von der Seite ansehend, bedeutungsvoll mit dem Kopf dazu. „Ihre Gurgel ist Ihnen auch nicht zuge~tied~, und wenn Sie so fortfahren, so kann man Ihnen wenigstens prophezeihen, daß Sie einmal der Durst nicht killt (umbringt).“

„Sagen Sie einmal, Herr Hilgen,“ frug jetzt Fischer, die beiden Ellbogen auf den Tisch gestützt, mit freundlichem Blick zu diesem hinüber, -- „die Leute hier in der Gegend behaupten Sie hätten einen neuen Platz aufgefunden, der überreich sein soll. Ist denn da was dran?“

„Unsinn!“ sagte Hilgen und leerte sein Glas, schien aber doch verlegen zu werden. „Ich bin ja gar nicht prospectiren gewesen. Ich hatte nicht einmal Werkzeug mit, und habe nur ein paar Mexikaner arbeiten sehen; weiß aber der liebe Gott, ob sie Gold fanden oder nicht. Sagen thun sie’s Einem doch nicht, wenn man sie auch frägt.“

„Sind gute Burschen das,“ lachte Fischer, „wenn man sie anredet, ob die Arbeit was ausgiebt, ist die ewige unausbleibliche Antwort: ~Si -- poquito Señor~ (ja, ein Bischen), aber, Herr Hilgen, ich glaube doch nicht, daß Ihre Sache so recht richtig ist. Ihre Frau will auch nicht mit der Sprache heraus, und das ist immer ein böses Zeichen. Aus alter Freundschaft sollten Sie uns doch wenigstens reinen Wein einschenken.“

„Laßt uns ein Bündniß schließen, Freunde! Brüder!“ rief Johnny plötzlich, in Begeisterung auf den Tisch schlagend, „ein Bündniß zu Schutz und Trutz -- mit einander zu leben und zu sterben. Fort mit schnödem Eigennutz -- fort mit der Gier nach jenem nichtswürdigen Metall, jenem ekelhaften Gold. Manneswürde -- Mannesfreundschaft -- was giebt es Höheres als dies auf der Welt. Ihr wollen wir uns weihen. Vom Norden und Süden, vom Osten und Westen sind wir zusammengeschneit aus Deutschland, aus den vereinigten Staaten, aus Chile, aus dem schönen -- o, dem wunderschönen Frankreich, ~ma belle France~. Selbst aus Texas sitzt dort ein Individuum“ -- Erbe guckte hoch auf -- „aus allen Theilen der Erde sind wir hier zusammengekommen, Deutsche -- biedere, rechtschaffene, treue Deutsche, und so laßt uns denn ein Bündniß beschwören, Alle für Einen und Einer für Alle zu stehen. Jeder schaale Eigennutz sei bei Seite geworfen, jede unedle Leidenschaft unterdrückt, und unsere sechs +deutschen+ Herzen glühen in +einer+ reinen Liebesflamme zusammen auf. Was der Eine hat, habe der Andere; was dem Einen fehlt, fehle dem Anderen, und hier ist meine Hand zum großen, zum herrlichen Männer-Bündniß, das seines Gleichen noch nicht hat auf der weiten Gotteswelt.“

Johnny streckte, sich zu seiner ganzen Länge emporrichtend, -- was eben nicht viel war -- die rechte Hand offen über den Tisch, und Fischer und Fuchs schlugen ein -- Starke und Hilgen sahen sich verdutzt an, und Erbe hatte seine rechte Hand halb aus der Tasche, ließ sie indeß vorläufig noch stecken, erst abzuwarten, ob sie auch wirklich nöthig wäre, ehe er sie unnütz der Abendluft aussetzte.

„Eure Hände her, Männer!“ rief aber Johnny, wie von einem höheren Geiste beseelt, „Eure Hände -- Mr. Drewler, Champagner (dieser Zuruf galt dem Wirth) Champagner, dies Bündniß zu besiegeln“ -- fuhr er fort -- „zu Schutz und Trutz, wir deutschen Männer in Californien.“

Diesem letzten Grund, d. h. dem Champagner, konnte selbst Erbe nicht widerstehen, und Starke und Hilgen legten ihre Hände ebenfalls in Johnny’s Rechte.

Die Amerikaner, die im Zelt herum standen und lehnten, traten näher zum Tische, da sie wohl erkannten, daß etwas Ungewöhnliches vorging. Von den Verhandlungen selbst konnten sie freilich Nichts verstehen, doch kannten sie Alle den kleinen Schneider und wußten, daß er manchmal an schwärmerischen Einfällen litt. Johnny fuhr unbeirrt fort:

„Hier halte ich Euch, Bürger einer neuen Welt -- Erbe, nehmt die andere Hand auch aus der Tasche, es ist dies ein feierlicher Act -- Bürger einer neuen Welt sag’ ich, aus deren kalten, eigennützigen Herzen ich endlich einmal einen Funken Menschlichkeit herausgeschlagen habe, hier halte ich Euch an Euren Händen und an Eurem Männerwort. Aber es hat Mühe gekostet. Es mußte erst alles Schlechte und Gemeine, was in Euch steckt, förmlich ersäuft werden und das keineswegs mit Wasser.“

„Johnny hat doch ein höllisches Maulwerk,“ sagte Fischer, freundlich grinsend. „Es geht ihm nur so vom Munde weg wie -- wie am Fädchen.“

„Und grob ist er wie Bohnenstroh,“ sagte Erbe, „ich „„wundere nur““ wo er hinaus will.“

„So, nun laß aber wieder los,“ bemerkte Fuchs und suchte seine Hand aus dem Knäuel herauszubekommen, „da ist der Champagner und der darf nicht warm werden.“

„Herr Hilgen,“ nickte Fischer, während er den neben ihm sitzenden Johnny mit dem Fuße anstieß, diesem zu, „das ist schön, so sind wir auf einmal Brüder geworden und dürfen nichts mehr vor einander geheim haben. Jetzt werden Sie uns ja wohl sagen, wo der gute Fleck ist. Die Amerikaner verstehen uns nicht, lassen Sie die ruhig zuhören.“

„Schon diese Frage ist eine Beleidigung, Fischer!“ rief Johnny dagegen, der indeß den ersten Kork hoch in die Zeltspitze hineinsandte. „Bürger Hilgen hat jetzt das Wort. Ich sehe, daß er vor Begierde brennt, seine aufrichtige Mittheilung zu machen.“

Hilgen sah sich in eine peinliche Bedrängniß versetzt, denn wußte er wirklich eine hoffnungsvolle Stelle, so durfte er sie schon seiner Frau wegen keinem Anderen verrathen. Vor allen Dingen trank er einmal. Dann sagte er halb lächelnd, halb ernsthaft:

„Aber so treibt doch keinen Unsinn. Wenn ich einen reicheren Platz wüßte, da blieb ich ja doch nicht hier sitzen, sondern ginge gleich auf und davon.“

„Das scheint natürlich,“ sagte Starke.

„Ja aber Herr Hilgen,“ -- fuhr Fischer fort -- „Sie haben ja auch heute wieder aufgehört hier zu arbeiten, werden Sie denn da morgen wieder anfangen? an diesem selben Creek?“

„Du lieber Gott,“ erwiederte Hilgen und ließ sich sein Glas von Neuem vollschenken, „das weiß ich wahrhaftig nicht. Ich hatte eigentlich Lust, einmal prospectiren zu gehen.“

„Also Bürger Hilgen,“ fuhr Johnny aufstehend und die Hand feierlich gegen ihn ausstreckend fort, „so leugnen Sie hiemit jede Wissenschaft irgend eines aufgefundenen oder auch nur, vermutheten außergewöhnlich reichen Goldnestes?“

„Aber ich weiß ja wahrhaftig gar nicht was Ihr redet,“ klagte Hilgen, „Ihr seid wohl verrückt geworden.“

„Um ganz ~sure~ zu gehen,“ meinte Erbe, „könnte man ihm ja nur einmal einen Schwur ab~täke~n.“

„Halt,“ sagte Johnny, den Arm emporwerfend und mit einem plötzlichen Ruck die Broche seines Hutes grade über das linke Ohr bringend, „+noch+ wollen wir nicht anfangen an der Menschheit zu verzweifeln, noch haben wir keine Ursache, Hilgen so schmählich zu mißtrauen.“

„Dennoch, Herr Hilgen,“ sagte Fischer, „schlage ich vor, daß wir Ihnen ein Bischen auf die Finger sehen, oder vielmehr auf die Füße aufpassen, sonst brennen Sie uns doch am Ende trotz aller Brüderlichkeit durch.“

„Donnerwetter, Fischer, halten Sie den Flaschenhals da nicht so lang in den Händen,“ mischte sich jetzt auch Fuchs in das Gespräch. „Mein Glas ist so trocken, daß es ordentlich stäubt.“

„Und nun ein Lied!“ rief Johnny. „Wir sind hier ächte Deutsche, zusammen und müssen singen. Wer fängt an? Du Fischer, Du hast die beste Stimme.“

„~Allons enfans de la patrie~“ begann dieser.

„~Le jour de gloire est arrivé~“ donnerte Johnny mit los, um sich durch alle sieben Verse der Marseillaise durchzuarbeiten. Die Anderen tranken. Es war indessen draußen dunkel geworden. Hilgen stand auf, indem er sagte, er müsse noch Feuerholz in sein Zelt tragen, sonst könne seine Frau heute Abend nicht einmal ihren Thee kochen.

„Aber Sie kommen doch wieder, Herr Hilgen?“ fragte Fischer.

„Gewiß, in einer halben Stunde bin ich zurück,“ erwiederte dieser und verschwand aus dem Zelt.

Die „Fahnenwacht“ und eine Menge Lieder kamen nach der Marseillaise an die Reihe. Fischer hatte ebenfalls Champagner aufsetzen lassen. Starke und Fuchs folgten dem Beispiele und es mochte etwa eine Stunde seit Hilgen’s Entfernung vergangen sein, als Johnny, nachdem er das Zelt einen Augenblick verlassen hatte, sich neben Fischer setzte, diesen heimlich anstieß, ihm zublinzte und dann nochmals hinausging. Andere Gäste hatten sich theils um den Tisch gestellt, theils Platz daran genommen. Englische Lieder wechselten bereits mit deutschen ab. Fischer aber, sobald er es unbemerkt ausführen konnte, stand ebenfalls langsam auf, steckte eine frische Cigarre an und folgte Johnny.

Johnny erwartete ihn draußen mit Ungeduld.

„Sie sind wahrhaftig los,“ flüsterte er dem Gefährten hastig zu, als sie das Zelt im Rücken hatten. „Ich hab’s wohl geahnt. Nun komm, Fischer, wir wollen ihnen nach.“

„Wer ist los? -- Was ist los?“ sagte aber Fischer, der erst glaubte, Johnny habe wieder einen von seinen nicht selten tollen Streichen im Kopfe, „komm Napoleon, mach’ keinen Unsinn.“

Was Johnny hier vorhatte, betraf aber eine „Geschäftssache“ und darin trieb er selten oder nie Unsinn. Fischer jedoch auch ohne Weiteres über seine Entdeckung aufzuklären, sagte er rasch aber leise:

„Hilgen ist eben mit seiner Frau und Sack und Pack da oben den Pfad hinaufgegangen.“

„Hilgen?“ rief Fischer erstaunt, „aber wohin?“

„Das wollen wir bald herauskriegen,“ lachte Johnny, „sie können noch keine Viertelmeile Vorsprung haben, und der Pfad läuft hier steil den Berg hinan und geht weder links noch rechts ab -- komm nur, das können wir Alles unterwegs besprechen. Ha der schlaue Fuchs, das ist seine deutsche Redlichkeit.“

„Ja Fuchs,“ lachte Fischer, „wollen wir denn da von wegen der deutschen Redlichkeit, den andern Fuchs mit Zubehör auch mitnehmen?“

„Fällt mir nicht ein,“ rief Johnny rasch, „schlägst Du meinen Juden, schlag ich Deinen Juden.“

Und ohne Fischer weiter eine Einwendung zu gestatten, faßte er ihn am Arme, und zog ihn mit in den Pfad hinein, der etwa hundertfünfzig Schritt vom Zelt vorüberführte.

„Aber wie hast Du die vom Zelt aus nur in der Dunkelheit erkennen können?“ frug Fischer, immer noch zweifelnd -- „wenn Du Dich nur nicht geirrt hast.“

„Das war Vorsehung -- Schicksal -- was mich geleitet hat, Fischer,“ sagte aber Johnny ernst -- „Ich stand vor dem Zelt und dachte daran, wo Hilgen nur bliebe und da fiel mir’s ein hier einmal die kurze Strecke nach dem Hügel hinaufzugehen, von wo aus ich sehen kann, ob Hilgen Licht in seinem Zelt hat oder nicht. Kaum bin ich aber hier oben, als mir die ganze heilige Caravane, Madame Hilgen mit dem Esel und ihrem Manne, fast auf den Hals kam -- ich behielt eben noch Zeit, mich hinter einen alten dort liegengelassenen Baumstumpf zu werfen. Gerade als sie bei mir vorbeigingen, sagte Madame Hilgen lachend -- „Wenn sie jetzt dort im Zelte wüßten, daß wir hier bei Nacht und Nebel fortziehn, wie sollten sie da so schnell hinter uns her sein. Also sie wollten aus Dir heraus haben, wo es wäre?“ -- „O sie waren wie verteufelt drauf,“ antworte Hilgen, „besonders Fischer und der kleine Napoleon“ -- weiter konnte ich aber nichts hören und machte auch rasch daß ich zurückkam, Dich zu holen. Nun aber still -- wir dürfen kein Wort mehr mit einander reden, denn sie könnten auch ebensogut einmal angehalten haben, und wenn sie merken, daß sie verfolgt werden, ist Madame Hilgen schlau genug, hier irgendwo abzubiegen und lieber ihren Mann und uns die ganze Nacht spatzieren zu führen, ehe wir durch sie herausbekommen sollten wo sie hinwollen.“

Schweigend und lautlos verfolgten sie von da ab ihren Weg, bis sie von weitem die kleine Caravane hörten, und nun dicht, aber sich wohl hütend nicht gesehen zu werden, in ihren Fährten blieben.

Fischer hatte übrigens kaum das Zelt verlassen, als Fuchs Starke anstieß und leise sagte:

„Du -- Starke -- Johnny hat irgend ’was auf dem Kieker, der winkte eben Fischer, und ist wieder hinausgegangen -- wenn wir nun einmal sähen, wo die blieben.“

„Ach laß sie,“ sagte Starke, der noch einen Rest in der einen Flasche sah, „wenn die ’was besonderes hätten, sagten sie’s uns auch -- komm, schenk noch einmal ein.“

„Ne, ne,“ fuhr aber Fuchs dringender fort -- „komm einmal mit heraus, wir wollen wenigstens sehen was sie haben, nachher können wir ja immer wieder zurückkommen.“

Während Einer der Amerikaner gerade eine endlose langweilige Ballade von irgend einer Seeschlacht mit monotoner Stimme ableierte, standen die Beiden auf und verließen das Zelt.

Erbe saß jetzt allein auf der Bank, war aber keineswegs so vernagelt, daß er nicht hätte Unrath merken sollen. -- Erst trank er jedoch vor allen Dingen die Flasche leer, die noch halb gefüllt vor ihm stand, damit der weiter kein Unglück passiren könnte, dann steckte er die rechte Hand wieder in die Tasche und simulirte.

„~Well~, wenn +das+ unsere deutsche Treue und Einigkeit ist, so will ich auch Spießruthen laufen -- lassen Einen hier ganz allein sitzen und putten ihre Köpfe zusammen -- aber wart Johnny -- wenn das so ist, wie ich’s calculire, dann sollst Du doch hell ketschen (~to catch hell~ was tüchtiges abkriegen). Doch ne,“ fuhr er dann fort -- „so ganz ruhig will ich sie auch nicht abtravveln lassen!“ Und damit stand er auf, rückte sich die Mütze noch ein klein wenig mehr auf die Seite und verließ, ganz in seiner gewöhnlichen Art, nur heute mit einem etwas außergewöhnlich rothen Gesicht, das Zelt. Als er übrigens hinauskam, war Niemand mehr zu sehen wie ein Neger, der eben sein Pferd an das kleine, zu dem Zwecke dort angebrachte ~rack~ band.

„Hallo Mister!“ frug diesen Erbe auf englisch, „habt Ihr nicht eben ein paar Männer hier fortgehen sehn?“

„~Yes Massa~,“ sagte der Schwarze freundlich -- „gingen eben da den Hügel herauf, wie ich herunter kam -- können nur eben jetzt in dem kleinen Weg sein, der oben hinläuft.“

„Ahem? -- danke, aber stop -- seid Ihr weiter Niemand begegnet?“ --

„Ich,“ -- sagte der Schwarze -- „nein -- ja doch, ein Stück am Berg dort hinauf einer weißen Frau auf einem Esel und einem Mann.“

„Phssss“ -- pfiff Erbe zwischen den Zähnen durch -- „so türnt sich die Sache rum -- aber wart’.“ Und damit verließ er dießmal rascher als seine Art war, das Zelt, und stieg mit schnellen Schritten den Hügel hinan, der sich dort schräg hinauf und einer bedeutenderen Bergkette zuzog.