Californische Skizzen

Part 2

Chapter 23,752 wordsPublic domain

In allem Grimm ließ er sich jetzt nicht abhalten, die Provisionen erst nachzusehen, um herauszubekommen was der Esel eigentlich Alles gefressen habe, zündete eins der mitgebrachten Lichter an und las den Speisezettel ab.

Es war für drei Personen auf die Woche bestimmt.

25 Pfd. Mehl 4 Dollar 25 Cent, ist noch da. -- 3 Pfd. Zucker 1 Dl. 50 Ct. hinten in dem Paket. -- 1 Pfd. Kaffee 75 Ct. -- hier -- da steckt der Käse mit dabei. -- 2½ Pfd. Käse 2 Dl. 93¾ Ct. Donnerwetter, das ist genau berechnet. 6½ Pfd. gesalz. Schweinfl. 2 Dl. 43 Ct. das steckt mit im Sack bei den Kartoffeln -- hier. -- 10 Pfd. Kartoffeln ~à~ 25 Ct. 2 Dl. 50 Ct. 4 Pfd. getrocknete Aepfel 2 Dl. 50 Ct. -- laufen jetzt da unten irgendwo im Gulch herum -- es ist nur ein Glück, daß der Satan die Zwiebeln nicht mag. -- 4 Pfd. Bohnen 2 Dl. 25 Ct. hier. -- 2 Päckchen Streichhölzer 25 Ct. Na das ist gescheit, die haben wir lange brauchen können. -- 2 Pfd. Seife 1 Dl. 25 Ct. -- ½ Pfd. Lichter 1 Dl. 25 Ct. sind nicht da -- ja wohl -- müssen da sein, die stecken mit beim Mehl drin. Na, da werden sie auch gut aussehen -- ach die brennen doch. -- 4 Pfd. Schiffszwieback 1 Dl. -- Aepfel frißt der Racker lieber -- hier. -- 2 Pfd. Zwiebeln 2 Dl. -- stecken bei den Aepfeln -- ne, Gott sei Dank nicht -- hier. -- 18 Pfd. frisch Fleisch 5 Dl. 50 Ct. hängt hieroben im Sack -- wir hätten lieber die Aepfel aufhängen und das Fleisch liegen lassen sollen. -- 3 Flaschen Brandy 4 Dl. 50 Ct. Ah -- wieder der alte wackre Stoff No. 1792 was für eine solide Nummer das ist. -- Das macht zusammen: --

„Na nun hört einmal mit Eurer langweiligen Rechnerei da auf!“ rief Meier, „kommt hier mit her. Heute ist Sonntag Abend und der Teufel hole die Calculationen. -- Du, Landrath, was ist das nur für ein lumpiges Feuer, und da soll ein Mensch bei sehen.“

Meier war an und für sich eine Hauptpersönlichkeit, ja früher schon hier im deutschen Camp zum Alkalden ernannt worden, alle vorkommenden Streitigkeiten, die aber nicht selten von ihm selber ausgingen, zu schlichten. Er trug einen Strohhut mit schmalem Rand, von welchen Dimensionen aber ließ sich nicht gut erkennen, da er oben im Deckel auf eine mehr gewaltthätige als künstliche Weise so eingedrückt war, daß sich der Deckel wie eine Schnecke in ihr Haus, fast bis zu dem fabelhaft schmalen Rand niedergezogen hatte, und ringsherum eine tiefe Falte legte.

Seine Sonntagskleider waren nach Minengebrauch einfach aber stark und reinlich -- die Wochen- oder Arbeitskleider hätten dagegen auf jeder Maskerade Furore gemacht. Das erste Paar Hosen was er bei der allerdings sehr schweren Arbeit im Gulch getragen, war, wenn auch nicht den Weg alles Fleisches, doch jedenfalls den aller Hosen gegangen, und um nicht der Arbeit einer, überdieß schwerlich vorhaltenden Reparatur ausgesetzt zu sein, hatte er ein Paar andere, die nicht eben an denselben Stellen zerrissen waren als die ersten, darüber gezogen. Nur an einigen Stellen correspondirten sie mit einander, und da schaute dann das neugierige Fleisch allerdings hie und da hervor. Morgens und Abends trug er einen weiten Ueberzieher, der aussah wie ein heruntergekommner gebildeter Mensch in liederlicher gemeiner Gesellschaft -- der Schnitt war gut daran, weiter ließ sich aber auch nichts darüber sagen, denn Farbe wie Stoff gehörten einem so vergangenen Zeitalter an, daß beide gewissermaßen in einander verschwammen.

Schuhe hatte er allerdings, diese waren auch früher einmal genäht gewesen, wenigstens ließen sich noch überall in den Nähten die Faden und die Löcher erkennen, welche die Ahle des Schusters daran hervorgebracht, jetzt hingen sie aber freilich nur noch durch Bindfaden zusammen, und um die Sohle vielleicht zu schonen, ging er neben derselben her.

Es ist das übrigens das sicherste Zeichen eines Miners -- den rechten Schuh oder Stiefel schief getreten zu haben, was von dem Abstechen mit dem Spaten oder der Schaufel herrührt. -- Am Hut trug Meier noch, als Verzierung, eine alte bronzene Broche mit vier oder fünf nachgemachten und theilweis eingedrückten Perlen besetzt.

Die Miner machen darin überhaupt nicht selten Staat -- des Landraths Hut glänzte besonders mit einer alten Straußfeder, die er Gott weiß wo aufgetrieben, und von einer Agraffe aus einem kleinen Zinnspiegel und einer darumgewundenen Glasperlenschnur auf das künstlichste gebildet. Wer solchen Putz nicht aufbringen konnte, trug wenigstens eine Broche an Mütze oder Hut.

In der Art wie ich Meiers Tracht beschrieben habe, sahen die meisten Uebrigen, Panning, Albert und Haye vielleicht ausgenommen, ebenfalls aus -- es war eine wilde Bande.

Meier schien indeß der Nerv, der dem Ganzen Leben gab, und wenn er sich besonders erst ein wenig „hinein gearbeitet hatte“ war an Schlafen nicht mehr zu denken. Fiel dann aber am Ende, wenn es Nachts zwölf und ein Uhr wurde, Einer nach dem andern ab und ging, wie es hieß, +zu Coye+; so lag er nachher wohl noch zwei und drei Stunden allein am Feuer und sah in die Flammen.

„Nun Landrath,“ sagte Meier zu diesem, als das Abendessen vorüber war und sich die Umlagernden ziemlich Alle um das Feuer gesammelt hatten -- „wie hast Du nun heute Deinen Tag hingebracht -- heh? -- geschlafen natürlich.“

„Ne,“ sagte Försterling -- seinem Geschäft nach ein Klempner, aber sonst ein fideles Haus und eine gute Seele -- „ich bin heute auf der Jagd gewesen.“

„Mit der Büchsflinte?“ --

„Versteht sich, das ist ein famoses Gewehr -- die Kugel schlägt sich ein Bischen schwer hinein, aber sie kommt verdammt schnell wieder heraus -- ein paar Mal ist sie mir von selber losgegangen.“

„Aber der Schrothlauf taugt nichts,“ sagte Klaußen -- „ich möchte das alte Ding nicht geschenkt haben.“ -- Meier und Klaußen waren zusammen von Adelaide gekommen.

„Der Schrothlauf taugt nichts?“ rief Försterling -- „Du hast noch keine Flinte gesehen, Klaußen, die so schön den Hagel auseinander wirft wie die -- wenn ich in einen Baum hinein schieße und eine gute Portion Hagel drin habe, da ist auch kein Blatt drinnen von oben bis unten, das nicht was abkriegt.“

Der eine Amerikaner und Haye hatten sich indessen zum Feuer gesetzt und spielten eine Partie sechsundsechzig. Der Pole und der Deutsche von Texas waren auch mit zum Feuer gekommen, und lagerten Meier gerade gegenüber.

Der Pole, dessen Name, glaub’ ich, Keiner von allen wußte, hieß immer nur der +Pole+ (er sprach übrigens ganz gut deutsch und war aus einer der deutsch-polnischen Provinzen, und zwar aus den untersten Klassen). Er hieß aber auch „der arme Mann“ weil er fortwährend lamentirte und behauptete, was einmal ein „armer Mann“ wäre, sollte es auch auf der Welt zu Nichts bringen.

„Nun Pole,“ rief ihm Hammerschmidt mit seiner feinen Stimme hinüber -- „Ihr wart ja heute nicht in Charles Store -- ist’s die letzte Woche wieder schlecht gegangen?“

„Ach, wie immer,“ brummte der Pole mit einem finsteren theilweise resignirten Gesicht -- „unser Einer gewöhnt sich schon daran. -- Sechs und acht Fuß tiefe Löcher und nachher zwei oder drei Thaler drinnen -- aber wer kann’s helfen -- der liebe Gott wills nicht haben -- Gott +dam+ it.“

„-Haben denn die Amerikaner die Woche was gefunden?“ frug ein Anderer.

„Ich weiß nicht -- sie sind die Creek hinunter gegangen -- da liegt aber Nichts wie feines Gold. Ich glaube nicht daß es lohnt!“

„Das laß gut sein,“ meinte der Landrath -- „das ist jetzt die dritte Compagnie die hinunter geht und die anderen beiden haben tüchtig ausgehalten; wenn die nicht Tagelohn machten, blieben sie nicht unten.“

„Oben ist das Gold jedenfalls gröber,“ meinte Meier. --

„So haben wir’s allerdings bis jetzt gefunden, damit ist aber nicht gesagt, daß sich nicht auch grobes Gold nach unten verloren haben sollte -- der Pole hat z. B. jetzt jedenfalls einen guten Platz, denn er lamentirt in einem fort, und das ist immer ein sicheres Zeichen.“

„Gott verdamm mich wenn ich das Bischen Fressen dabei mache!“ rief der Pole, der hochaufgehorcht hatte, indem er mit der einen Hand in die andere schlug.

„Die zwei Engländer die gerade unter dem umgefallenen Baume arbeiten, haben gestern ein herrliches Quarzstück gefunden,“ sagte der Deutsche aus Texas -- „Brauner Quarz, mit breiten Goldstreifen quer durch, ein Goldschmidt hätte es nicht schöner machen können.“

„Wie habt Ihr beiden denn jetzt da unten ausgemacht, Klaußen -- gehts besser?“ --

„Ach, es ist immer Nichts -- weiß der Henker man kriegts zuletzt ordentlich satt, immer ein Loch nach dem andern umsonst zu graben. -- Wir sind aber noch nicht ganz hinunter und in der einen Ecke haben wir Felsen und auch etwas Gold gefunden.“

„Was für Felsen hat Ihr?“ frug Meier.

„Wunderliches Zeug -- es sieht so natürlich wie grobes Salz aus, daß ich zuerst wahrhaftig d’ran leckte, um zu sehen ob es nicht wirklich Salz wäre.“

„Das sind gute Felsen,“ rief Hammerschmidt, „dabei haben wir das schönste Gold gefunden; Ihr müßt nur ein Bischen tief hineingehen, und nicht blos an der Oberfläche kratzen.“

„Ja aus den „Rocks“ hier am Mosquitogulch soll der Teufel klug werden,“ brummte der Pole -- „einmal liegt das Gold oben drauf, und wenn’s tief hinunter geht ist gar nichts -- und ein ander Mal muß man die Felsen auseinander brechen wenn man dazu kommen will.“

„Merkwürdig ist es jedenfalls wie das Gold hierhergekommen sein kann,“ sagte Klaußen, „hier bei diesem Gulch wird man besonders ganz irre und es ist beinah gar nicht anders möglich, als daß ein vulkanischer Ausbruch das +geschmolzene+ Metall so wild umher gestreut hat.“

„Sonderbar ist dabei,“ sagte Meier, „wie man einer solchen Eruption sogar zu folgen vermag, und gerade die Stellen wo in den tiefen Löchern und Felsspalten +kein+ Gold liegt, sind ein Beweis dafür, denn diese Stellen findet man jedesmal mit einer grauen festen vulkanischen Asche ausgefüllt, so daß es ordentlich scheint, als ob zuerst diese Asche ausgeworfen und durch den Bergstrom hier heruntergeschwemmt, durch die Gewalt und Schwere des Wassers festgedrückt, und dann später das Gold nachgefolgt wäre. Wo es aber hergekommen möcht ich wissen, denn bald glaubt man die Ader sei von rechts, bald von links herunter gekommen und nirgends liegen doch hier hohe vulkanische Berge.“

„Ja, das möcht’ ich auch wissen,“ brummte der Pole, „nachher brauchte man nicht mehr so viele Löcher umsonst zu graben. Aber das ist eben das Elend!“ --

„Wie nennen Sie denn ~diamond~ auf deutsch?“ frug der Amerikaner, der noch mit Haye im eifrigen sechs und sechzig Spiel begriffen war, diesen.

„~Caro~,“ lautete die Antwort.

„Ahem, und ~spade~?“ --

„~Pique!~“

„Hm!“ murmelte der Amerikaner, dem das nicht so recht einleuchten wollte, „die Deutschen sind doch curioses Volk -- einen Spaten nennen sie nun gar eine Picke[1].“

„O laßt Euer langweiliges Spiel da und kommt mit her in den Kreis!“ rief jetzt Meier -- „Du Klaußen, sing uns einmal ein Lied -- nachher kommt anderes Leben in die Sache.“

„Ja, mir wär’- gerade wie singen,“ brummte Klaußen -- „mir ist den ganzen Abend schon schlecht zu Muthe gewesen -- wenn mir’s morgen nicht besser ist, nehme ich was ein.“

„Du wirst wohl den Katzenjammer haben,“ sagte der Landrath.

„Schade daß unser alter Doctor von zu Haus nicht hier ist,“ rief Meier -- „der würde Dir das Einnehmen ersparen -- der hatte ein famoses Mittel.“

„Nun er kanns Einem doch nicht aus dem Magen heraus magnetisiren,“ brummte Klaußen.

„Und doch so was,“ lachte Meier -- „es war auch ein Doctor aus der guten alten Zeit, der weder seinen alten breit abgestutzten Frack noch seinen Zopf ablegen wollte, und in der That war ihm der Zopf so nöthig wie seine rechte Hand, denn darin bestand gerade sein Universalmittel.“

„Na nu komm nicht wieder mit Deinen Flunkereien,“ rief Hammerschmidt -- „als ob er den Kranken den Zopf eingegeben hätte.“

„Ruhig Hammerstrick,“ sagte Meier -- „knurre nicht Pudel. Er gab ihnen allerdings den Zopf ein, denn wenn sich Jemand nicht wohl befand, anstatt wie unsere, jetzt in der Cultur wieder zurückgegangenen Aerzte, diesem ein Brechmittel einzugeben, steckte er ihnen nur den Zopf in den Hals. -- Ja ihr braucht gar nicht darüber zu lachen, das hatte er nicht einmal bei allen nöthig, denn seine Methode war so bekannt geworden, und er konnte ja natürlich nur immer den einen Zopf verwenden, daß er vielen Patienten in vorkommenden Fällen nur bloß den Zopf zu +zeigen+ brauchte, um ganz genau dieselbe Wirkung wie bei der strengsten Anwendung zu erzwecken.“

„War das der Doktor mit der platten Nase?“ frug Klaußen während die Andern lachten.

„Ja wohl,“ sagte Meier -- „das will nun Klaußen auch wieder nicht glauben -- der kleine Kerl hatte eine so platte Nase, daß mich mein Onkel oft versichert, er hätte sich nie anders als mit einer Kneipzange schneuzen können.“

„Ist der Esel da?“ fragte in diesem Augenblick eine laute Stimme mitten in das Gelächter hinein -- im Nu war Todtenstille, Alles schaute auf, aber im nächsten Augenblick brach es desto toller los, denn hinter dem Kreis, und ganz unbemerkt herangekommen, stand, etwas verstört aussehend und nun durch das furchtbare Hurrah ganz außer Fassung gebracht, +Panning+, und sah Einen nach dem Andern verwundert an.

Es dauerte wohl eine Viertelstunde ehe irgend Jemand zu Worte kommen konnte, ihn des Maulthiers wegen zu beruhigen.

„Aber Donnerwetter, Ihr sitzt hier so trocken!“ rief Panning, als sich der Lärm nur erst einmal ein klein wenig gelegt hatte, und Albert aufgestanden war dem Neugekommnen noch etwas Abendbrod zusammen zu suchen und Thee warm zu stellen -- „kein Brandy mehr? -- kein Grog?“

„Ich glaube daß ist der erste gescheute Gedanke, den Panning heute gehabt hat,“ sagte Meier.

„Und wo kommst Du denn noch heute Abend her?“ sagte Albert -- „wer von Euch Beiden ist denn nun wieder einmal am gescheutesten gewesen?“

„Jedenfalls der Esel, Albertchen,“ lachte Panning, heute Abend viel zu guter Laune um irgend eines Wortes wegen zu streiten -- „jedenfalls der Esel; da der immer zuerst kommt.“

„Und wie siehts unten bei Charles aus?“ frug Meier -- „Alle noch fidel? wir sind eigentlich heute zwei Stunden zu früh fortgegangen.“

„Ja, ich wäre auch schon lange da,“ sagte Panning, „aber ich mußte auf das Fleisch warten; sie schlachteten erst noch einen Ochsen.“

„Aber unser Fleisch lag ja schon auf dem Esel?“ -- rief Albert dagegen.

„So?“ lachte Panning mit einem verschmitzten Ausdruck, „siehst Du Albertchen, da hat der Esel dann wieder recht -- aber auf das Schlachten hab ich doch gewartet.“

„Ja, Panning ist ein tüchtiger Kerl,“ sagte Hammerschmidt -- „der ist von klein auf in der Welt gewesen.“

„Bist Du nur ruhig, Du liederlicher Hammerstrick Du,“ sagte Panning, -- „wenn ich was erzählen wollte --“

„Hallo, was giebts da zu erzählen? heraus damit -- heraus damit,“ schrieen fast Alle.

„Wenn Du +das+ erzählst, komme ich auch mit +dem+ heraus,“ sagte Hammerschmidt trotzig.

„Hurrah, da sind zwei Geschichten!“ rief der Landrath -- „heraus Panning, herunter vom Herzen!“ Die beiden mußten jedoch einen zu festen Halt aneinander haben und es wollte keiner mit der Sprache heraus. Meier hatte aber indessen Wasser zum Feuer gesetzt, von verschiedenen Seiten wurden Brandyflaschen herbeigeschafft, und ein tüchtiger Grog gebraut. Das Erzählen, Lachen und Jubeln ging nun lauter und immer lauter durcheinander; Försterling war mit seinem Brodbacken ebenfalls fertig und „der Pabst lebt herrlich in der Welt,“ -- „Rinaldini stolzer Räuber,“ und der „Prinz Eugen“ waren schon in den stillen Californischen Wald hineingeschrieen worden, als Meier zuletzt dazwischen rief:

„Halt -- nun erst noch einmal trinken -- Hammerschmidt Donnerwetter, das ist +mein+ Becher -- und dann das Goldwäscher-Lied -- aber singt auch den Rundreim kräftig mit!“ und mit lauter kecker Stimme setzte er ein:

Mit der Schaufel Pfann’ und Hacke Goldgräber ho! Und dabei noch Huckepacke Immer nur so -- Eine Decke und zwei Hemden Ziehn wir so froh, In die Berge, wir, die fremden Goldgräber, ho!

Dort wo zwischen Schlucht und Spalten, Goldgräber ho! Gnomen ihren Schatz gehalten, Wüßten wir wo -- Hau’n wir ein und waschen, graben Lustig und froh, Tief hinein -- wir müssens haben Goldgräber ho!

Sorgen? -- pah, wer kennt hier Sorgen Goldgräber ho! Sucht vielleicht das Glück uns morgen! Was uns entfloh, Soll uns nicht mit Sorgen quälen, Lustig und froh Sind wir immer die fidelen Goldgräber, ho!

Spricht das Herz dann auch zuweilen „Goldgräber ho! Willst Du in der Fremde weilen, Immer nur so? Kannst Du hier so lustig graben, Sorglos und froh? Trauernd Lieb zu Hause haben? Goldgräber ho?“

Herz, was soll das Klagen nützen, Goldgräber ho! Kann nicht stets zu Hause sitzen, Immer nur so. Denn der Mann muß schaffen, wagen, Muthig und froh Und im Sturm das Glück erjagen, Goldgräber ho!

Doch wenn wir, das wirst Du loben, Goldgräber ho! Erst, Glück auf, den Schatz erhoben, Hier oder wo; Geht es heimwärts mit den vollen Säcken, so froh, Hurrah dann, die wackern, tollen Goldgräber ho! --

Mit tüchtigem Nachdruck, der sich besonders bei den letzten Versen, wo sie die Melodie etwas wegbekamen, zu einem wahren Jubel steigerte, wurde der Chor abgesungen, und alle nur möglichen und unmöglichen Lieder kamen jetzt an die Reihe. Haye schrie sogar wieder „Bumsfallera“, und Hammerschmidt „ich bin liederlich“ und von den benachbarten Hügelhängen hatten sich indessen auch schon die nächsten Engländer und Amerikaner herangezogen, die Lieder mit anzuhören. Meier sang jetzt das Ständchen -- „ich will vor Deiner Thüre stehn,“ mit den dazu gehörigen Gesten und zwar, statt der Geliebten Fenster, unter einem Eichbaum -- Klaußen hatte sich ebenfalls „einen Kleinen“ angetrunken und wurde harmonisch; Wohlgemuth nahm Albert in die eine Ecke und erzählte ihm eine entsetzlich lange Geschichte aus seinen Schuljahren, wo sie dem Lehrer einmal einen Knochen unter den Stuhl gelegt und mit welcher Geistesgegenwart er sich damals aus der Affaire gezogen. Renich hatte sich an den Landrath gemacht, der aber unter der Zeit immer mit sang, und erzählte ihm aus der alten Römischen Geschichte irgend einen an sich gewiß sehr wichtigen, für Försterling aber fürchterlich gleichgültigen Fall, den er nachher wieder mit der neueren Geschichte, von der sein immer daneben hinausschreiender Zuhörer nichts wissen wollte, in Verbindung brachte.

Indessen nahm Feuer und Grog ein Ende, Einer nach dem Andern drückte sich in sein Zelt -- Renich wie Wohlgemuth hatten schon beide ihre Zuhörer verloren und Renich war ebenfalls zu Bett gegangen; noch aber blieb ein kleiner Rest beim Becher. Meier und Wohlgemuth hielten zusammen aus. Meier weil er nie früher zu Bett ging, und Wohlgemuth, weil er noch das Bedürfniß fühlte sich mitzutheilen.

Natürlich dauerte es keine viertel Stunde und die Beiden staken bis über die Ohren in Politik. Wohlgemuth war früher in den Vereinigten Staaten gewesen und vertheidigte den 40 ~acres grant~ -- Meier dagegen schimpfte auf unsere deutschen Verhältnisse, und ob sie sich nun einander nicht verstanden, oder in diesen beiden Puncten gegenseitig genug Anhalt fanden einander zu Leibe zu rücken weiß ich nicht, aber sie wurden hitzig, und Haye guckte ein paar Mal aus dem Zelte hinaus, zu sehen ob sie sich nicht beim Kopfe hätten.

Da Wohlgemuth sehr schwer hörte mußte Meier sehr schreien, und da Meier sehr schrie, konnte Wohlgemuth +seine+ Argumente ebenfalls nicht mit leiser Stimme geltend machen. So entstand endlich allein zwischen den beiden Menschen ein solcher Scandal, daß hier und da die Schläfer wieder munter und murrende Stimmen laut wurden. Endlich konnte es Försterling nicht länger aushalten.

„Zum Donnerwetter, Meier!“ rief er zum Zelt hinaus -- „Ihr habt ja alle Beide recht, aber komm nun zu Bett.“

„Halt’s Maul Landrath, das verstehst Du nicht,“ rief Meier in allem Eifer.

Wenn jedoch der Landrath die Unordnung nicht zu dämpfen verstand, so wußte er das mit dem Feuer desto geschickter anzufangen. Das war zu einem kleinen Punct zusammengebrannt, um den sich die Debattirenden, da die Nacht hier oben sehr kühl war, dicht hinangedrängt hatten, und dahinein wußte der Landrath den Eimer Wasser, den er selber am Abend zum morgenden Kaffee aus dem Bach heraufgeholt hatte, so geschickt zu opfern, daß im Nu auch keine Spur von einer glühenden Kohle mehr zu sehen war.

Die Beiden wollten sich nun dadurch allerdings nicht vertreiben lassen, und setzten ihren Wortstreit im Dunkeln fort, aber der ~animus~ fehlte, und eine halbe Stunde später war Alles, unter manchem leise gemurmelten „Gott sei Dank“ todtenstill.

Nur die Cayotas -- die kleinen Wölfe oder wilden Hunde fingen an zu heulen, und hie und da schrie eine Eule ihr monotones Nachtlied darein.

Als Meier am andern Morgen meinte, die Nacht habe es so sonderbar in den Bäumen gerauscht, sagte der Landrath, „das wäre gar kein Wunder, denn sein Rausch allein, den +er+ ausgeschlafen hätte, müßte einen Mordspectakel gemacht haben.“

Mit der Morgendämmerung kam aber auch wieder ein anderes frisches Leben in die Schläfer -- die Einzelnen welche „die Woche“ hatten, standen auf und bereiteten das Frühstück, weckten dann die Uebrigen, und eine Stunde später wanderten die verschiedenen Parthieen mit ihren Pfannen und Wassereimern, denn das Werkzeug lag meistentheils noch unten an den Plätzen, wo sie am Sonnabend Abend aufgehört hatten zu arbeiten, den verschiedenen Stellen zu, an denen sie in dieser Woche ihr Glück versuchen wollten.

Gleich darauf fingen die Maschinen unten in der Schlucht an zu klappern, die Axt räumte Bäume und Wurzeln aus dem Wege, die Spitzhacke trieb mit kräftigen Schlägen in den harten Boden hinein, und das +Arbeitsleben+ der Miner hatte wieder begonnen.

Die Mission Dolores bei San Francisco.

Wenn man in früherer Zeit die Geschichte irgend eines Ortes schrieb, den man vor ein oder zwei Jahren besucht hatte, so sagte man gewöhnlich „dort ist es so, und so, und so; die Gebäude sehen so aus, die Straße führt dorthin, es ist auch ein gutes Wirthshaus da und heißt so und so.“ -- Das mochte für die Welt im Allgemeinen passen. Wenn man aber eine solche Beschreibung +jetzt+ von einem californischen Orte machen wollte, schriebe man lauter Lügen. Es ist +so+, kann man von irgend einem Gebäude oder einer Straße in und um San Francisco z. B. nur sagen, wenn man wirklich davor steht, und mit seinen eignen Augen sieht, daß es wirklich so ist; biegt man aber um die nächste Ecke und will ganz gewissenhaft zu Werke gehen, so kann man in der That nicht mehr thun, als behaupten, +es war so+, denn kein Mensch kann bestimmen, ob nicht selbst in der Zeit schon ein Nachbar angefangen hatte, daneben zu bauen, ob die Straße nicht aufgerissen wurde, oder ein Haus weggefahren, oder sonst irgend eine andere entsetzliche Veränderung mit dem Platz im Handumdrehen vorgenommen sei.

Sehr natürlich mußte es ebenso mit dem Districte der Fall sein, der nicht allein im Bereich oder in der Nähe San Franciscos lag, sondern auf den die Stadt selber gleich von Anfang an, der sie einschließenden Küstenberge wegen, angewiesen war sich auszudehnen. So, wer die Mission Dolores selbst noch 1850 im Frühjahr und wer sie im Herbst sah, hätte sie kaum mehr wieder erkannt -- und wie mag sie jetzt aussehen? --

Von San Francisco etwa eine Stunde Wegs durch hohe und entsetzliche Sandhügel getrennt, die im heißen Sommer Menschen und Vieh zu Tod erschöpften, schien nichtsdestoweniger eine wirkliche Vereinigung der Mission mit der Stadt noch mit unendlich vielen Schwierigkeiten zu kämpfen zu haben, ehe sie bewerkstelligt werden konnte -- wenn eben nicht Amerikaner das Ganze in Händen gehabt hätten. Aber das ~go ahead~ Princip bewährte sich hier einmal wirklich wieder auf eine fast fabelhafte Art.