Part 16
„Dann hat mich der verwünschte Franzose damit angeschmiert,“ entgegnete der Wirth mit einem derben Fluche -- „ich weiß überhaupt nicht, weshalb wir sie hier noch ihr Wesen in den Minen treiben lassen. Zu Hunderten kommen sie angeströmt, und ob Einer von den Hallunken wohl etwas von einem Amerikaner kaufte, -- Gott bewahre, und wenn der ihm dicht auf der Nase sitzt, läuft das französische Gesindel doch lieber fünf Meilen, um nur irgend einem Landsmanne die paar Bit zuzutragen. Man hat keinen Nutzen, nur Schaden von den Parlevuß.“
„Ich wollte überhaupt wir Amerikaner hielten einmal ordentlich zusammen,“ meinte da ein langer Texaner, der sich phlegmatisch auf einen der Tische hinflegelte, „und trieben die ganze Fremdenbande zum Teufel -- Franzosen, Mexikaner, Deutsche und wie sie alle heißen -- sie gehören nicht in’s Land, und wenn alle Amerikaner dächten wie ich, wären sie lange draußen.“
„Wenns mit dem Munde abgethan wäre,“ entgegnete ruhig ein Franzose, der gerade eingetreten war, sein Gold -- ein paar Unzen -- an der Bar wiegen zu lassen.
„Hallo,“ sagte der Texaner, hob, ohne seine bequeme Stellung zu verändern, den Kopf etwas in die Höh’ und sah den Sprecher erstaunt an -- „habt Ihr gesprochen?“ -- der würdigte ihn aber keiner Antwort weiter, wog sein Gold und verließ das Zelt.
„So, das ist recht,“ brummte Rogers -- „läßt sein Gold wiegen, trinkt nicht einmal ein Glas und ist dann auch noch obendrein prutzig -- hol Euch Alle der“ --
„Alle Wetter, was ist dort los?“ unterbrach ihn da plötzlich der eine Spieler, der sich eben dem Eingange des Zeltes zugewandt hatte, und hinaus über die Ebene hin nach den Hügeln zu zeigte, wo sich allerdings etwas Außergewöhnliches zuzutragen schien. Wenigstens versammelten sich die im Zelt befindlich Gewesenen augenblicklich vor dem Eingang, und schienen an dem ganzen Vorgange besonderes Interesse zu nehmen.
Die Ebene oder Douglas-Flat, war hier etwa eine halbe Meile breit, und nach den Hügeln zu von keinem Baume beschattet, hinter ihr aber dehnte sich ein langer, an manchen Stellen steil aufsteigender Bergrücken hin, der zur linken einen vollkommen abgerundeten Gipfel zeigte, nach rechts zu aber unten mit Eichen und nach oben mit schlanken Fichten ziemlich dicht bewaldet war. In diesen Bergen, an einer klaren, dort aus dem Felsen sprudelnden Quelle, hatte bis dahin ein Stamm der Kayota-Indianer ihr einfaches Buschlager gehabt, das jedoch von den Zelten nicht zu sehen war; von der Richtung her aber sprang eine wunderliche Gestalt und ihr folgten mit Bogen und Pfeilen, die sie aber unbenützt in der linken Hand trugen, sonst aber schreiend und gellend, ein halb Dutzend Indianer, und es war augenscheinlich daß sie den Ersten, der übrigens fast dieselbe Hautfarbe mit ihnen trug, sonst aber mehr europäisch gekleidet war, verfolgten.
Dieser Erstere verdient eine nähere Beschreibung. Ostindiens heiße Sonne hatte ihn gebräunt; er war aus der Gegend von Bombay gebürtig und seine Hautfarbe dunkelbraun und glänzend, das Haar schwarz und gelockt, und sein Auge eben so dunkel und feurig, aber unstät, vielleicht von der Angst sich von den braunen Söhnen der Wildniß also verfolgt zu sehen, und er schien dabei sonderbarer Weise noch unschlüssig, ob er den Zelten der Weißen, wo er doch jedenfalls Schutz fand, zufliehen, oder rechts den kleinen Creek hinab, flüchten sollte -- wo er bis Murphys Diggins weiter keine Zelte fand. Eine kleine Gruppe von Indianern, die aber auch nach dort zu, vielleicht zufällig, vor ihm auftauchte, machte seinen Zweifeln, wenn er die irgend noch gehabt, ein rasches Ende und er nahm gerade die Richtung nach Rogers Zelt zu, als die Zechenden darin sein gewahr wurden und vor den Eingang traten. Sobald die Indianer das bemerkten, kehrten sie um, und nur zwei von ihnen blieben noch, wie eine Art Vorposten, stehen, während sich die andern nach den Bergen hinüber zogen. Sie schienen jeden Gedanken an Verfolgung aufgegeben zu haben.
Der Ostindier trug eine, einst weiß gewesene Drillhose, ein rothwollenes Hemd, Schuhe und Strümpfe und eine blauschottische wollene Mütze, um den Leib auch noch statt des Gürtels, ein rothseidenes Tuch. Kaum war er aber in Rufs-Nähe der Zelte gekommen, als er kläglicher zu lamentiren anfing, und in sehr gebrochenem Englisch, aber doch so daß man etwa verstehen konnte was er eigentlich wollte, schrie, er sei bestohlen und beraubt und die Indianer hätten ihm neunzehn Tausend Dollar in Goldstaub, den er bei sich gehabt, abgenommen.
„Neunzehn Tausend Dollar?“ schrie einer der Spieler -- „Donnerwetter Mensch, das ist ein Heidengeld -- und das haben die braunen Schufte dort?“ --
„All -- All“ -- kreischte der Indianer wieder und warf sich heulend dem Spieler vor die Füße -- „all -- all -- todt -- todt - ich bin todt -- ich bin verloren!“
„Bei Gott!“ schwur der eine Texaner, dabei fast wie unwillkürlich nach seiner Büchse greifend, die an dem Brunnen vor dem Zelte lehnte, -- „wenn die Canaillen dem armen Teufel Alles abgenommen haben, so sollte man das ihnen doch nicht so ruhig hingehen lassen. Sie werden so immer dreister. Ich habe verdammte Lust einmal zu versuchen, ob ich nicht schneller laufen kann als sie -- Hallo Ben, was meinst Du dazu?“
„Neunzehn Tausend Dollar!“ murmelte Ben, der Spieler, dem das Geld im Kopfe herumging, denn er wußte recht gut, daß es, wenn erst einmal in seinen Krallen, zu seinem rechtmäßigen Eigenthümer schwerlich wieder zurückkehren würde. „Der Schuft, der neunzehn Tausend Dollar in Gold schleppt, kann auch nicht so rasch laufen als die Uebrigen -- hol’s der Teufel, ich gehe mit -- wo ist meine Büchse Rogers?“ --
„Hilfe, Hilfe!“ schrie der Ostindier dazwischen, dessen dunkle Augen indeß blitzesschnell von einem zum andern der Sprecher gezuckt waren -- „all, -- all -- ~I am lost~.“
„Neunzehn Tausend Dollar haben sie dem Schwarzen gestohlen?“ frug ein anderer Amerikaner, ein Arkansas-Mann, der am nächsten Zelte gestanden und den Lärmen gehört hatte -- „ei, da soll ja die Pest die diebische Rotte holen -- wer geht mit?!“
„Halt, wir Alle!“ rief Ben, dem schon Angst war, es könnte ihm einer der Uebrigen zuvor kommen. -- „Ich muß nur erst meine Büchse haben -- zum Teufel Rogers, Ihr macht eine Ewigkeit und die schuftigen Hallunken bekommen zu vielen Vorsprung -- o da kommen noch mehr!“
In der That strömten auch jetzt von allen Ecken die Goldwäscher herbei, und ohne weiter viel zu fragen, was der Lärm eigentlich bedeute, oder ob die Anklage auch gegründet sei, wurde eine Verfolgung der Indianer kaum schneller beschlossen, als ausgeführt.
„Aber der schwarze Schuft sieht gar nicht aus als ob er neunzehn Tausend Dollar im Vermögen gehabt hätte!“ rief der Franzose und wollte gegen ein so rasches Einschreiten der Amerikaner protestiren. Damit kam er aber schlecht an. --
„Wenn’s blos nach dem Aussehen geht, dann seht Ihr noch viel lumpiger aus,“ rief der Texaner. „Hol mich der Teufel, wenn’s nicht wahr ist,“ lachte der Spieler und warf die Büchse, die ihm Rogers eben gereicht hatte, über die Schulter -- „zurück Mann -- eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus, und uns, den Eigenthümern vom Boden, gebührt es auch Gerechtigkeit zu üben. -- Hurrah Boys.“ --
„Eigenthümern vom Boden!“ wiederholte der Franzose zürnend, „und wie zum Hohn vertreibt und mißhandelt Ihr dabei die wirklich rechtmäßigen Eigenthümer, die armen harmlosen Indianer von den Gräbern ihrer Väter. Hätte ich meinen Willen, ich wollte Euch da bald einen Riegel vorschieben. Aber hallo Sir,“ unterbrach er sich plötzlich und vertrat dem Ostindier den Weg, der sich, als er den einen Theil so eifrig mit der Verfolgung der Indianer, den andern mit Zuschauen beschäftigt sah, leise von dem Zelte ab, und nach einer ganz anderen Richtung fortzudrücken suchte -- „wollt Ihr nicht abwarten, bis sie Euch die neunzehn Tausend Dollar zurückbringen? -- he Rogers, der Kerl ist mir verdächtig, ich glaube gar nicht, daß sie ihm Gold gestohlen haben.“
„Das kümmert mich nichts,“ sagte der Händler, und drehte ihm den Rücken -- „was geht mich der Schwarze an -- aha, die braunen Canaillen riechen Lunte. Hui, wie sie auskneifen.“
„Dann will wenigstens +ich+ mich um ihn kümmern,“ sagte der Franzose und sich dann zu dem Ostindier wendend, der damit gar nicht besonders einverstanden schien, rief er ihm zu: „Du Bursche bleibst jetzt bei mir, bis die Amerikaner wieder zurückkommen, und dann wollen wir einmal sehen, ob wir hier oben einen Alkalden blos zum Spaß haben, oder ob er auch seiner Zeit ordentlich und gesetzlich einschreiten kann.“ Damit nahm er ohne Weiteres den Ostindier beim Kragen und führte den armen Teufel, der sich lieber ein paar Meilen von hier fortzuwünschen schien, ohne ein Wort weiter mit ihm zu wechseln, in sein Zelt.
Die Verfolgung.
Indessen bot die Ebene Interesse genug, die Aufmerksamkeit der bei den Zelten Zurückgebliebenen zu fesseln. Die Indianer, die noch eine Zeit lang zurückgeblieben waren, als ob sie den Rückzug der Anderen decken, oder doch wenigstens beobachten wollten was von Seiten der Weißen geschehe, stießen, als sie diese auf sich zueilen sahen, einen eigenthümlich gellenden Schrei aus und flogen in nächster Richtung den Bergen zu. Zu gleicher Zeit wurden die andern wieder auf einer kleinen nackten Anhöhe sichtbar, und wandten sich dann ebenfalls rasch in die Berge.
„+Das+ sind die Hallunken die das Gold haben,“ brummte Ben vor sich hin, und lief schräg über die Ebene den letzteren zu, während ihm einige seiner Kameraden, wie der Texaner und noch zwei andere Amerikaner folgten. Die Uebrigen blieben hinter den zwei anderen, weil ihnen diese näher schienen und sie dieselben leichter einzuholen hofften. Noch immer mochten aber die Indianer glauben, es sei mit der Verfolgung nicht so rechter Ernst, oder sie wollten ihren Verfolgern auch vielleicht zeigen, daß sie sich nicht sonderlich vor ihnen fürchteten, denn erstlich liefen sie gar nicht so rasch, wie sie es sicher gekonnt hätten, und dann blieben sie auch manchmal stehen und überschauten das Terrain, als ob sie die Zahl der Verfolger und ihren Fortgang überzählen wollten.
Damit zogen sie sich aber nach und nach in die Berge hinein und waren den Zelten lange schon aus den Augen gekommen, als plötzlich der eine Indianer rasch über eine Anhöhe rannte, und hinter dieser verschwand. Die Amerikaner folgten jetzt mit so größerem Eifer und Ben besonders hatte gesehen, daß der Eine von ihnen etwas Schweres zu tragen schien. „Das ist das Gold,“ dachte er bei sich, und ohne den Anderen ein Wort von seiner gemachten Beobachtung mitzutheilen, beschloß er, diesen Wilden ganz besonders im Auge zu behalten. Gerade hinter dem niederen Hügel aber lag das indianische Dorf, und als die vier bewaffneten Amerikaner auf der kahlen Anhöhe erschienen, sahen sie eben noch, wie die Frauen mit den kleinsten Kindern auf dem Rücken, und andere hie und da ängstlich an der Hand, nach allen Richtungen hinausstoben und ihre Lagerfeuer, wie sie davon aufgesprungen, in den Händen der tollen Verfolger zurückließen.
Im nächsten Augenblicke waren Ben und der Texaner, die ihren Begleitern eine ganze Strecke vorausgeeilt waren, mitten dazwischen, der erste hatte aber sein ausersehenes Opfer nicht aus den Augen verloren und als er es gerade wieder den nächsten Hügelrücken hinanspringen sah, griff er, laut dabei auflachend, einen der Brände, an denen er vorbeisetzte, auf, und schleuderte ihn mit den Worten: „wir wollen den Canaillen doch wenigstens leuchten!“ in die nächste Laubhütte.
Der Lagerplatz, wie ihn die aufgeschreckten Weiber verlassen hatten, bestand aus niederen, mit trockenen Büschen dicht überdecken Hütten, eng zusammen errichtet Schutz gegen die sengenden Sonnenstrahlen zu gewähren. Die kleinen Feuer, an denen auch hie und da Fleisch stak für die einfache Mahlzeit brannten dicht dabei, und an mehreren Orten lag Mais und Gebröckel trockenen Schiffszwiebacks, den sie sich theuer genug für Gold von den Weißen eingehandelt. Auf einer wollenen Decke lag etwa ein halber Büschel gelbes Maismehl, und in einer Ecke befanden sich die flachen runden, mit Eichelmus gefüllten Erdgruben, in denen die Frauen das gewöhnliche Eichelpoe auf gar geschickte und eigenthümliche Weise zubereiten. Diese Gruben vernichteten die Tritte der Verfolger, die noch wilde Flüche ausstießen, weil sie sich dabei die Füße beschmutzten und wie Pulver fast zündeten dabei die dürren ausgetrockneten Fichtennadeln und Eichenblätter, so daß kaum eine Minute später das halbe Lager schon in Flammen stand und dem Ganzen kaum mehr zu vermeidendes Verderben drohte. Der Spieler und der Texaner sahen sich aber kaum darnach um.
„Hui, das flackert ja, wie ein Bund Schwefelhölzer,“ lachte der Erste, als er leicht wie ein Hirsch, über einen quer vor ihm liegenden Baum wegsetzte -- „wohl bekomm’s!“
„Ihr hättet das Lager nicht sollen anstecken,“ meinte aber der Texaner, ohne sich jedoch selber darnach weiter umzuschauen -- „’s ist nur um der armen Weiber willen.“
„Hol die schwarzbraunen Bestien der Teufel,“ lachte der Spieler, „sie sollen froh sein, daß wir jetzt Besseres zu thun haben, uns nicht noch weiter um sie zu bekümmern, -- alle Wetter, da biegt der Kerl rechts ab,“ und ohne ein Wort weiter sprang der schnellfüßige Yankee seinem Opfer nach, das eben wieder einen der Hügelgipfel erreicht hatte. Der Texaner blieb etwas mehr links, um den andern vielleicht den Weg abzuschneiden.
Indessen hatten die beiden anderen Amerikaner, die nicht so schnell auf den Füßen waren, ebenfalls das jetzt hell aufflackernde Lager, in dem schon die zurückgelassenen Provisionen und Decken brannten erreicht und der Erste blieb stehen.
„Das ist nicht recht,“ rief dieser, ein junger kräftiger Mann, mit braundichten Locken, während er mit der linken Hand den Strohhut abnahm, die Büchse mit den Kolben auf die Erde stieß und in den gebogenen linken Arm fallen ließ, und sich mit dem rechten Rockärmel den Schweiß von der Stirne trocknete. „Die Frauen haben uns nichts gethan, daß wir wie Banditen sengen und brennen sollten.“ -- Und von einem besseren Gefühle ergriffen, warf er sein Gewehr in’s Gras nieder und riß die eine Hütte, die etwas einzeln stand, und eben gleichfalls an zu brennen fing, durch die aber dann auch das Feuer in den andern Theil des Lagers gebracht worden wäre, auseinander. Sein Gefährte half ihm dabei, und in wenigen Minuten hatten sie das Feuer so weit gebändigt, daß es wenigstens nicht weiter mehr um sich greifen konnte. Eben als der Erste seine Büchse wieder aufgriff, fiel ein Schuß.
„Alle Wetter!“ schrie da der Andere, „sie sind handgemein geworden -- da müssen wir dabei sein,“ und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, sprang er bergauf. Der Andere folgte ihm und sie standen Beide gleich darauf auf dem Gipfel des Hügels, von wo aus sie das ganze Schauspiel übersehen konnten.
Der Spieler kniete im nächsten kleinen Thal auf der Erde, griff etwas auf, und schleuderte es dann ingrimmig wieder zu Boden; der Texaner war ihm jetzt ein Stück voraus und zielte eben wieder auf einen andern Indianer, der aber rasch, nachdem er seinen letzten Pfeil auf den Feind abgedrückt hatte, hinter den Büschen verschwand. Ueber einen andern Hügel schleppten aber vier Mann mit unglaublicher Schnelle einen Verwundeten oder Todten, und sechs andere standen mit aufgelegten Pfeilen, den Rückzug der Kameraden zu decken. Die ganze Verfolgung hatte jedenfalls einen höchst ernsthaften Charakter angenommen -- es war Blut geflossen und so harmlos und ruhig der Californische Indianer sonst auch ist, und so selten er die Weißen belästigt, so krümmt sich auch der Wurm, und wenn gestellt, greift selbst der scheue Hirsch den Jäger an. Die beiden Amerikaner die es hier zu einem wirklichen Gefecht kommen sahen, wollten sich jetzt aber mit einem lauten Hurrah recht mitten hineinstürzen, und sprangen, die Büchsen über den Köpfen schwingend, in langen Sätzen an dem Spieler vorbei. Dieser richtete sich aber in dem Augenblicke auf, und rief ihnen mit mürrischer Stimme zu:
„Halt an Boys -- Gott verdamme mich, wenn ich nicht an zu glauben fange, daß die ganze Geschichte Humbug ist, und der Canaille von Ostindier eben so wenig neunzehn Tausend Dollar gestohlen sind, wie mir!“
„Kein Gold gestohlen?“ rief da der junge Amerikaner verwundert. „Habt Ihr denn den Einen nicht verwundet, und schossen die Indianer nicht mit Pfeilen herüber? Da stecken ja noch zwei in der Erde.“
„Ah bah“ -- sagte der Spieler verächtlich -- „was können sie denn mit dem Kinderspielwerk für Schaden thun. -- Auf achtzig Schritte schießen sie doch keinen Bogen Papier mehr durch -- und der eine Kerl -- nun der, von dem ich glaubte, daß er das Gold trüge und dem ich eine Kugel nachbrannte, -- hatte nur ein Stück eingewickeltes Fleisch -- ein Stück von einem Ochsenbein unter dem Arme. Der Lump muß einen schmählichen Hunger gehabt haben, eine Partie Knochen und Sehnen soweit mit herum zu schleppen.“
„Und da habt Ihr den armen Teufel so ohne weiteres niedergeschossen?“
„Ei, zum Henker, ich konnte nicht mehr mitkommen und fortlassen wollte ich die schwarze Bestie, die ich nun einmal für den Dieb hielt, auch nicht. Nun, wenn er’s jetzt nicht verdient hat, schadet’s gar nichts, an der Bande dann und wann ein Exempel zu statuiren; sie werden doch mit der Zeit zu frech und übermüthig -- der Kerl schoß ja wahrhaftig alle seine Pfeile nach mir ab, wie er die Kugel schon im Leibe hatte.“
„Ist er todt?“ frug ihn der Andere, tupfte seinen Finger in das Blut, das auf dem Laube lag, und besah es dann aufmerksam.
„Ich weiß nicht,“ -- sagte der Spieler gleichgiltig, der indessen seine Büchse wieder geladen hatte und nun schulterte, „ich habe ihm aber auf’s Blatt gehalten und treffe sonst nicht übel.“
Damit wandte er sich und wollte der Richtung nach Douglas-Flat wieder zu schlendern.
„Aber Gift und Klapperschlangen,“ rief der Amerikaner ärgerlich, „sollen wir denn die Verfolgung schon aufgeben und sind wir nur deshalb herausgekommen, daß wir den Frauen die Hütten über den Köpfen ansteckten und dem armen Teufel eine Kugel durch den Leib jagten? -- was machen wir jetzt mit dem Ostindier, wenn es doch wahr ist?“
„Der Ostindier kann zu -- Grase gehn,“ brummte der Spieler und stieg den Berg wieder hinan nach Rogers Zelt zurück, „des Lumps wegen habe ich mir den Athem nicht aus der Lunge gerannt. Ich wollte nur sehen ob die Canaillen wirklich das Gold hätten oder nicht.“
Er war bei den letzten Worten schon fast außer Sprechweite und den andern Männern blieb jetzt, da die Indianer indessen auch zuviel Vorsprung gewonnen hatten sie wieder einzuholen, nichts weiter übrig als seinem Beispiele zu folgen.
„Der schwarze ostindische Schuft soll aber, wenn wir zurückkommen, beweisen, daß ihm das Gold wirklich gestohlen worden ist,“ rief da ein Amerikaner, den diese Art Gerechtigkeitspflege doch nicht so recht gefallen mochte, entrüstet aus: „Und wenn er das nicht vermag, so kann er sich darauf verlassen, das es ihm eine Weile schlecht geht.“
„Ja, der wird warten bis wir zurückkommen,“ lachte der Texaner, indem er die dort in der Erde steckenden Pfeile herauszog und zusammen nahm -- „der ist jetzt schon gewiß über alle Berge. Es sind aber doch bösartige Dinger, diese gläsernen Pfeilspitzen, und wenn die so in einer Wunde abbrechen wie hier im Boden, müssen sie verdammt böse Folgen nach sich ziehen -- vergiften sie ihre Pfeilspitzen auch manchmal?“
„Nein, ich glaube nicht,“ erwiederte ihm der Amerikaner, -- „habe wenigstens nie davon gehört, und so bösartig sind diese Stämme nicht. Aber kommt, es wird spät, und ich möchte nach dem Vorgefallenen hier nicht im Walde campiren. Verdenken könnte man’s den braunen Burschen wenigstens nicht wenn sie Rache nähmen.“
„O, hol’ sie der Böse, dazu sind sie zu feig,“ rief der Texaner, beschleunigte seine Schritte aber doch, und die Sonne stand noch ziemlich hoch am Himmel, als sie Douglas-Flat wieder erreichten.
Das Verhör.
Wie der Texaner glaubte, wäre es auch wohl geschehen, und der Ostindier nach dem Vorgefallenen schwerlich mehr an dem Abend in Douglas-Flat zu finden gewesen. Durch des Franzosen Dazwischenkunft war er aber verhindert worden diesen löblichen Vorsatz auszuführen, und als die Amerikaner zurückkamen und ihn noch vorfanden, ihr Gewissen überdies von einer übereilten Handlung nicht frei wußten, beschlossen sie ihn den Gerichten zu übergeben, damit diese die Sache jetzt (die nun doch einmal verpfuscht war) wieder in Ordnung bringen könnten.
Der Ostindier sollte vorher übrigens noch gestehen ob er wirklich Gold bei sich gehabt hätte oder nicht. Er schien aber urplötzlich jede Kenntniß der englischen Sprache total verlernt zu haben, und fing auf eine so fürchterliche Art an zu kauderwelschen, daß weder Sinn noch Verstand in das was er sagte zu bringen war. Seine Inquisitoren mußten es in Verzweiflung aufgeben, und ein paar Freiwillige wurden aufgerufen, die ihn noch an dem Abend an den Alkalden in Murphys New Diggins oder Stoutenburgk, wie der Ort genannt wurde, abliefern sollten.
Freiwillige fanden sich hiezu genug, denn die zahlreichen Spieltische in Stoutenburgk lockten doch fast jeden Abend einen großen Theil der Goldwäscher aus Douglas-Flat dort hinüber, und bald darauf wurde der Ostindier, wegen dem vor ein paar Stunden die ganzen Minen in Alarm gekommen, und auf dessen bloses Wort hin Menschenblut -- und wahrscheinlich das Blut eines Unschuldigen -- vergossen war, mit auf den Rücken gebundenen Händen nach Stoutenburgk geführt, und dort dem Sheriff zu weiterer Untersuchung übergeben.
Noch an demselben Abend kamen aber zwei der Kayota-Indianer als Abgesandte ihres Stammes nach Stoutenburgk. Beide sprachen etwas englisch, ließen sich vor den Alkalden führen und brachten dort ihre Klagen gegen die weißen Männer vor, die sie überfallen und auf sie geschossen hätten. Sie frugen dabei, ob die Bleichgesichter wirklich Krieg mit ihnen, die sie nie gekränkt oder beleidigt hätten, führen wollten, oder ob das blos ein Paar „~bad men~“ gewesen wären, die ihren armen Kameraden „~potolok~“ gemacht.
Major Lyatt, der Alkalde von Murphys New Diggins, ein kleiner dicker Mann, der vielleicht manchen andern Platz -- besonders wo Fleisch nöthig war -- vortrefflich ausgefüllt haben würde, hatte jedoch nicht den mindesten Begriff von irgend einer Rechtssache, und stürzte sich in alle dergleichen Geschichten mit wahrer Todesverachtung, nur der Unzen wegen, die er nie versäumte daraus zu ziehen. Hier aber schien ein ganz verwickelter Fall vorkommen zu sollen, und -- das schlimmste bei der ganzen Sache -- weder Kläger noch Verklagte hatten Gold, nicht einmal das übliche Honorar, eine einzelne lumpige Unze war zu erwarten. Trotzdem konnte er hier, wo Blut vergossen war, die Kläger nicht abweisen, noch dazu da die Regierung der Vereinigten Staaten durch besondere Statuten die Indianer Californiens unter die Gerichtsbarkeit, also auch unter den Schutz der respectiven Alkalden oder Friedensrichter gestellt hatte. Er mußte also nothgedrungen in den sauren Apfel beißen und versprach, die Sache morgen zu untersuchen; auch den Angeklagten so lange in Verhaft zu halten und bewachen zu lassen.
Davon wollten die Indianer aber nichts hören. Sie schienen den Weißen insofern nicht zu trauen, daß diese den Ostindier vielleicht wieder über Nacht entwischen ließen und damit auf eine geschickte Weise den eigenen Nacken aus der unangenehm gewordenen Affaire zögen. Selber erboten sie sich daher den Gefangenen, der die Ursache des vergossenen Blutes gewesen sei, zu bewachen. Sie warteten auch gar keine Antwort weiter ab, sondern nahmen jeder zwei Pfeile aus ihren Köchern von Fuchsfellen, hielten diese auswendig am Köcher mit der linken Hand, während die rechte den gespannten Bogen trug, und setzten sich so gerüstet neben den Gefangenen nieder.