Part 14
Ein paar rasch gewechselte Worte, denn zu langen Berathschlagungen blieb keine Zeit, waren genügend unser weiteres Verhalten zu bestimmen -- der Bug des Fahrzeugs flog, von einer Woge gerade gehoben, rasch herum, und +vor+ Wind und Wellen suchten wir jetzt, mit wirklich äußerster Anstrengung, den vor kaum einer halben Stunde verlassenen und gegen die Wogen wenigstens geschützten Hafen zu erreichen. Aber selbst zurück zeigte sich die Fahrt schwieriger als wir gedacht; ohne Steuerruder lag das Gewicht der Wellen zu sehr auf der Außenseite, als daß wir ihm immer hätten so schnell als nothwendig begegnen können, und während wir zwar rasch vorwärts glitten, trieb das Boot auch zu gleicher Zeit dem schlammigen Ufer näher. Berührte nur der Kiel den Grund, daß die Wogen beim Anprallen den geringsten Widerstand fanden, so schlugen sie über uns hin, und unsere Lage wäre dann allerdings eine fatale gewesen; der zähe Schlamm hätte uns selbst am Schwimmen verhindert. So weit sollte es aber nicht kommen, dicht am Schlammufer hin glitt unser wackeres Fahrzeug, die äußerste Spitze des gefährlichen Ufers war erreicht, und im nächsten Augenblick befanden wir uns in ruhigem sicherem Wasser.
Rechts einbiegend, wo der kleine Fluß eine Biegung gegen die Hügel macht, glitten wir in eine kleine geschützte Bucht, befestigten dort unseren Kahn und erreichten dann, da von hier aus eine schmale Kiesbank bis fast zum Fluß führte, auf dieser die nächsten Hügel, an denen hin wir zur, am letzten Abend erst verlassenen Mission wieder zurückgelangen konnten.
An diesem Tag war an einen zweiten Aufbruch nicht zu denken, denn jedenfalls mußten wir, da der Sturm auch nicht eine Viertelstunde nachließ, die Fluth des nächsten Morgens abwarten. Um unsere Zeit deshalb nur in etwas zu benutzen, besuchten wir das Missionsgebäude.
Lieber Gott, ich hatte geglaubt die Mission Dolores stehe schon, was Kirche und Privatwohnungen anbetraf, unter den niedrigsten Erwartungen, fand aber jetzt daß sie im Vergleich mit der von San Raphael, ein wahres Prachtgebäude sei.
In Art der Anlage haben beide Aehnlichkeit mit einander; die Jesuiten sind mit ihren californischen Missionen wohl ziemlich nach einem gemeinsamen Plane verfahren, Zeit und Wetter den aus ungebrannten Lehmsteinen errichteten Gebäuden aber keineswegs günstig gewesen. Es regnete gerade was vom Himmel herunter wollte, als wir in die zwar geräumige, aber öde Kirche traten. Kirche? -- und warum nicht? -- Die Leute, die diesen allerdings etwas wüst aussehenden Platz aus freiem Antrieb aufsuchten, hier ihre Andacht zu verrichten, konnten das gewiß dort ebenso gut als wenn das Haus von prächtigem Marmor ausgeführt und von Säulen getragen worden. Die so oft gepredigte und so selten befolgte ächt christliche Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit wäre auch hier vollkommen gut repräsentirt gewesen, nur störte die Masse bunten Nürnberger Flitterwerks, das wahrscheinlich +gute+ Christen um den Altar herum aufgehäuft hatten, den wenigstens auf mich hervorgebrachten guten Eindruck, und contrastirte eigenthümlich genug mit den kahlen Lehmwänden und dem durch das zerrissene Dach in Traufen niederströmenden Regen.
Die Priesterwohnung stand in vollkommenen Verhältniß mit der Kirche; der Geistliche, ein geborner Franzose, hatte einen kranken Fuß und saß, diesen pflegend, in der hohen kahlen, kalten und feuchten Stube. Ein allem Anschein nach sehr hartes Bett, noch dazu nur dürftig mit Decken versehen, ein paar Stühle, ein wackliger Tisch, ein kleiner Bücherschrank und mehrere augenscheinlich europäische Koffer bildeten sein ganzes Hausgeräth. Die Stube schmückten noch außerdem einige Heiligenbilder -- Gott verzeih es dem Maler der die Gesichter von sicherlich ganz braven Leuten auf so scheußliche Art entstellt hatte -- und ein Bündel Rosenkränze -- wahrscheinlich zu Geschenken bestimmt. Die Bibliothek, in der ich mich nach alten, auf die Mission bezüglichen Werken vergebens umsah, enthielt nur einige spanische Gebetbücher und mehrere Predigten in Manuscript -- keinesfalls etwas erhebliches.
Indianer sahen wir nur wenige in der Mission; das Missionswerk scheint überhaupt für Californien vorbei zu sein. Man wird allerdings die wenigen armen eingebornen Teufel, die nach der gewaltsamen Entwicklung dieses wunderbaren Landes noch übrig bleiben, zu der äußeren Bekennung der christlichen Religion bringen, dabei wird es aber auch bleiben, und sich um ihr +wirkliches+ Christenthum Niemand besonders kümmern.
In San Raphael beabsichtigte man ebenfalls eine Stadt anzulegen -- wie überhaupt an sämmtlichen nur halbweg günstig gelegenen Plätzen der Bai -- und Bauplätze wurden zu 30 Dollars ausgeboten.
Die Nacht schliefen wir, um dem starken, von heftigem Wind begleiteten Regen zu entgehen, in Mr. Murphy’s Haus. Gegen Morgen legte sich der Sturm, und um 11 Uhr als sich das schlimmste Wetter gelegt und die See etwas beruhigt hatte, gingen wir aufs neue in See -- dießmal aber, mehr vom Wind begünstigt als gestern, unter Segel. Allerdings mußten wir so dicht wir konnten, bei dem Wind halten und machten deshalb keinen sehr bedeutenden Fortgang, die Ebbe war uns aber ebenfalls günstig, und nur etwas zu weit in die Mitte der Bai hinausgetrieben, hielten wir scharf auf die obere Spitze von Los Angelos zu. Nach Mittag drehte sich der Wind wieder etwas, wir mußten das Segel einziehen und zu den Rudern greifen und erreichten etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang nach schwerer Arbeit Los Angelos.
Am westlichen Ufer der Insel hin hielten wir uns diesmal, noch immer von der abströmenden Fluth begünstigt, und lagen dort etwa eine halbe Stunde still, uns theils auszuruhen, theils die nächste Fluth abzuwarten, um mit dieser gegen San Francisco hinaufzuhalten. Der Abend rückte aber rasch heran, und der Himmel selber sah viel zu drohend aus, als daß wir viel Zeit hätten unnütz versäumen dürfen. Wir setzten deshalb das Segel wieder und hielten an der Insel Alcatraces vorüber, auf die Westspitze der Insel Yerba Buena zu, von wo aus wir hoffen durften, entweder die über der Stadt und nach Dolores zu liegende Baispitze oder doch wenigstens die Stadt selber zu gewinnen. Von da an konnten wir dann, von dem hoben Ufer geschützt und von der steigenden Fluth begünstigt, noch in derselben Nacht in den Baiausfluß der Mission Dolores einlaufen. Wind und Wetter machten uns jedoch einen bedeutenden Strich durch diese Rechnung.
Noch vor Yerba Buena kam uns der Wind wieder entgegen und wir mußten rudern, und als wir kaum das erste und äußerste der vor San Francisco vor Anker liegenden Schiffe erreicht hatten, und gerade als sich die Fluth drehte, brauste er wieder über die See herüber, und der weiße Kamm der heranbrechenden Wogen kündete uns eine Fortsetzung des gestern Begonnenen. Dabei wurde es dunkel. Sollten wir nach dem über zwei Meilen entfernten Lande in solch stürmischer See hinüber halten? Jedenfalls wäre es sehr gewagt gewesen, und da die Noth es nicht dringend erforderte, beschlossen wir da, wo wir uns gerade befanden liegen zu bleiben. Hinten am Spiegel der Barke hing nämlich ein ziemlich großes Lichterboot, eine sogenannte Scow. In dieser lagen einige Bretter -- das Boot befestigten wir an die Scow, schoben uns die Bretter dachförmig zurecht, deckten unser Segel darüber -- was wenigstens vollkommenen Schutz gegen den Regen gab -- und machten uns dann bereit die Nacht hier zu verbringen.
Immer lauter heulte aber der Sturm, immer höher hoben sich die Wogen, und unser Boot drohte an der schweren Scow zu zerschellen. Mit in dem Lichter gefundenen Stricken und einem sandgefüllten Sack, den wir neben den zusammengedrehten Seilen über Bord hingen, sicherten wir in etwas unser Boot. Wie sich das Wetter aber verschlimmerte, wurde auch dessen Zustand bedenklicher, und zuletzt erreichte es einen solchen Grad, daß wir die Erhaltung unseres Fahrzeugs fast aufgaben, und wenigstens alles, was herausgenommen werden konnte, wie Ruder, Dollen u. s. w. in die Scow retteten. Provisionen hatten wir, außer etwas trockenem Schiffszwieback und den beiden, aber doch nicht roh zu verwendenden Schnepfen, keine, auch keinen Appetit etwas zu verzehren, und müde und kalt drückten wir uns, nachdem das Boot so gut verwahrt war wie es die Umstände nur gestatteten, unter unser extemporirtes Schutzdach, unter dem wir wie in einem Sarge lagen.
Ich habe schon manche schlechte Nacht in meinem Leben mit durchgemacht, so gefroren aber noch in keiner. An Schlafen war dabei gar nicht zu denken; die Wogen schlugen gegen die Scow an, hoben sie und schleuderten sie hin und wieder; der Regen klatschte auf das Segel nieder, der Sturm heulte und zum Ueberfluß hing noch ein anderer, aus Brettern roh gezimmerter Kahn an demselben Schiff mit uns, barst schon in der ersten Stunde durch die wiederholten Schläge, und donnerte nun seine Stücke die ganze Nacht hindurch gegen die Vorplanken der Scow an, auf denen wir gerade mit dem Kopfe lagen.
Schlaflos warfen wir uns auf den feuchten Planken herum, und der kalte Wind pfiff unter dem Segel durch, daß uns das Mark in den Knochen erstarrte. Die Vergangenheit trug ebenfalls nicht dazu bei, mir wenigstens meine Lage zu erleichtern -- an demselben Abend hatte ich im vorigen Jahr die Meinen verlassen, und jetzt? -- Hol der Teufel das Nachdenken, wenn der Geist sich an solche Punkte klammert, und nicht los davon zu reißen ist.
Die Nacht kam mir so lang wie ein Monat vor, und als der Morgen endlich trübe durch unser naßgraues Segel dämmerte, konnte ich die erstarrten Glieder kaum so viel bewegen, unter unserem Dachwerk vorzukriechen.
Mein erster Blick war nach dem Boot, der zweite nach Himmel und Wellen -- das Boot lag wirklich noch unbeschädigt neben uns, die See hatte sich beruhigt, der Sturm etwas nachgelassen, und wenn uns auch der Wind entgegen war, konnten wir doch jetzt leicht mit Rudern das Ufer gewinnen.
Unser Frühstück hielt uns nicht lange auf, ein Stück Schiffszwieback und ein Schluck Wasser. Rasch packten wir unsere Habseligkeiten wieder in das Boot und stießen, jetzt mit der besten Hoffnung, von unserem Nachtquartier ab.
Das Schiff an dem wir gelegen, war eine große französische Barke, +L’Abeille+ und von den Leuten die wir an Bord sahen, wie sie uns von dort herunterriefen, vor einigen Tagen aufgefangen, ohne daß weder der Capitän noch sonst irgend jemand von der Mannschaft an Bord gewesen wäre.
Nach zwei Stunden etwa erreichten wir San Francisco. Wir sahen übrigens aus wie die Räuber und Mörder, und wären in jeder Stadt Europas, augenblicklich beim Kragen genommen und durch irgend einen wohlwollenden Polizeidiener der Aufmerksamkeit der Straßenjungen entzogen worden. Hier aber fällt das nicht auf, die Leute sind an abenteuerliche Gestalten jeder Art gewöhnt. Unbelästigt konnten wir uns restauriren und liefen noch an demselben Morgen, allerdings etwas müde, sonst jedoch wohl und gesund in den kleinen Fluß der Missionsbucht ein.
Der Mexikaner in den californischen Minen.
Die Mexikaner bilden in Californien, fast wie die Chinesen, eine ganz besondere und streng in sich abgeschiedene Gesellschaft, die dem fremd Eingewanderten gleich von allem Anfang an, zuerst durch ihre dunkle Hautfarbe sowohl wie durch das Eigenthümliche ihres National-Kleidungsstückes, der bunten, oft in den lebendigsten Farben prangenden Serape ausfällt, während er, je mehr er mit ihnen zusammenkommt, desto mehr kleine Züge kennen lernt, die sie von allen anderen Stämmen deutlich abzeichnen und unterscheiden.
Wohl zu trennen dabei sind die Mexikaner von den Californiern, den eigentlichen Herren des Landes, die früher allerdings unter mexikanischer Botmäßigkeit standen, doch aber eine gänzlich verschiedene Raçe scheinen, und sich mit den eigentlichen Mexikanern auch nicht viel abgeben, jedenfalls sich für mehr und besser halten, als diese.
Der Californier (ich spreche hier nicht von dem eingebornen Indianer, der in Farbe, Haaren und Gesichtsbildung seinen östlichen Bruder nicht verleugnen kann, sondern von den Abkömmlingen der echt spanischen Raçe, die aber in Californien geboren wurde) ist schlanker und kräftiger gebaut, als der Mexikaner, auch wohl von etwas hellerer Gesichtsfarbe, aber in Tracht und Sitte ähnelt er seinem südlichen Milchbruder, wie in dem Haß gegen den Amerikaner, in dem er ihn vielleicht noch übertrifft. Doch mit diesem haben wir es hier nicht zu thun, eben so wenig mit den anderen spanischen und meist von Süd-Amerika heraufgekommenen Volksstämmen, den Chilenen wie den Argentinern, beides treffliche Lassowerfer, die selbst dem Californier nicht nachstehen darin oder den Peruanern und Bewohnern der centralamerikanischen Staaten. Der Mexikaner zeichnet sich vor Allen aus und ist leicht erkennbar.
Schon auf den Straßen die nach den Minen führen, tritt sein Charakter scharf und deutlich vor. In kleinen Trupps zusammen und mit keiner anderen Nation sich mischend, mit Maulthieren, wenn sie reich genug sind solche zu bezahlen, oder sonst zu Fuß, mit der runden hölzernen Waschschüssel auf dem Rücken, die kurze, leichte Brechstange, das einzige Werkzeug bei ihrer Arbeit, in der Hand, und das Wenige, was sie außerdem noch brauchen, in ein kleines Bündel auf den Rücken geschnallt, ziehen sie singend, lachend und erzählend ihre Straße entlang und lagern, wenn es Abend wird, seitab von dem Weg oder Pfad, in dem sie die Packsättel ihrer Maulthiere, in einem engen oder weiten Kreis, je nachdem sie zahlreich sind, um sich herum aufstellen, und mit dem anderen Gepäck dazwischen eine Art befestigtes Lager bilden, als ob sie fortwährend einen Ueberfall fürchteten.
Sie tragen leichte Hosen und Jacken und meist weiße Hemden, und ihre Serape, was der Süd-Amerikaner Poncho nennt (eine große, wollene, bunt gewebte Decke mit einem Loch in der Mitte, den Kopf hindurchzustecken), bei kaltem oder nassem Wetter halb zusammengeschlagen, den einen Zipfel über die linke Schulter gelegt, daß er nur etwas vorn herunterfällt und den anderen über den Rücken herum vorn über die Brust gezogen und dann nach hinten über die linke Schulter geworfen. Es sieht das einestheils sehr malerisch aus und hält auch Brust und Leib warm und gegen den Regen vollkommen geschützt, da das dicht gewebte wollene Zeug keinen Tropfen Wasser durchläßt. Ein Panama-Strohhut auf dem Kopf, und Ledersandalen an den Füßen vollenden ihre Toilette, die bei den Wohlhabenderen noch durch eine meist rothseidene, chinesische Schärpe, welche sie um den Leib tragen, und deren lange Zipfel von den Seiten herunterfallen, gehoben wird.
Während der Argentiner aber z. B. nie ohne sein langes Messer, das ihm hinten im Gürtel steckt, gesehen wird, und selbst der weniger blutdürstige Chilene sehr gern ein solches trägt, wird man den Mexikaner selten damit finden, er müßte es denn versteckt unter den Kleidern führen. Nur die Berittenen haben meist einen Säbel bei sich, den sie auch auf etwas eigenthümliche Art, wenn sie zu Pferd oder zu Maulthier sitzen, unter dem linken Bein durch, an den Sattel geschnallt tragen, wo der Griff solcher Art der rechten Hand leicht und bequem liegt. Der Säbel hindert sie dadurch nicht allein nicht beim Reiten, indem er, wie gewöhnlich umgeschnallt, an der Seite herumklappern würde, sondern sie können auch, besonders wenn sie durch Busch und Wald reiten, nirgends damit hängen bleiben. Pistolen führen sie ungemein selten, wissen auch nicht mit Feuerwaffen, oder doch nur sehr mittelmäßig umzugehen. Dafür haben sie ebenfalls den Lasso rechts hinter sich am Sattel zusammengerollt aufgebunden, daß er mit einem Griffe zu lösen und zu fassen ist.
Der Mexikaner ist aber keineswegs so blutdürstig und grausam wie manche seiner Stammgenossen, und die Ursache hierzu liegt sicher mit in der großentheils vegetabilischen Nahrung. Während sich der Argentiner nie um Brod bekümmert, wenn er Fleisch haben kann, und selbst der Californier es wohl ißt wenn er es gerade hat, aber sich auch keine besondere Mühe damit geben mag, bilden die auf großen Blechen gedörrten, ganz dünnen, knusprigen Weizenkuchen einen Haupt-Bestandtheil von des Mexikaners Mahlzeit, und er wird lieber dem Fleisch entsagen, ehe er diese aufgiebt. Ueberhaupt bietet ein solcher mexikanischer Lagerplatz ein belebtes, fröhliches Bild, und wenn kein Fremder zwischen ihnen ist, singen und lachen sie und tanzen auch wohl, trotz dem ermüdenden Ritt über Tag, bis spät in die Nacht hinein, um am anderen Morgen wieder mit Tages-Anbruch aufzustehen und ihren Marsch fortzusetzen, oder ihre Arbeit zu beginnen.
Eine außerordentliche Fertigkeit haben sie im Bepacken ihrer Maulthiere, auf die sie mit ihren Lassos und langen ledernen Riemen an zwei- bis dreihundert Pfund, sei dies nun in Kisten, Fässern oder Säcken, aufbinden. Säcke packen sich am besten, und ein Maulthier, schwer geladen, trägt gewöhnlich drei, von je hundert Pfund; Fässer mit gepöckeltem Schweinefleisch und anderen Provisionen werden immer zu zweien aufgeladen, und kleinere und größere Kisten auf eine Art weggestaut und befestigt, daß sich die Last nicht rühren und regen kann und das Thier, wenn es überhaupt nicht überladen ist, leicht darunter fortschreitet. Selbst einzelne große Fässer, besonders mit gepöckeltem Schweinefleisch, die oft dreihundert Pfund wiegen, wissen sie +allein+ oben auf dem Packsattel eines Maulthieres so geschickt zu befestigen, daß ein Nachschnüren unterweges fast gar nicht nöthig ist. Die Mexikaner verdienten deshalb auch gleich im Anfang viel Geld damit, Lebensmittel in die Minen und besonders in die Bergschluchten zu schaffen, die man mit Wagen und Geschirr gar nicht erreichen konnte, und wo Fracht, besonders im Winter bei schlechten Wegen, nach den entfernteren Stellen bis zu einem und einunddreiviertel Thaler preuß. Courant (siebzig, achtzig, ja, bis zu hundertzwanzig Cent) +für das einzelne Pfund+ bezahlt wurde. So verdienten sie oft mit einer einzigen Reise, die sie recht gut in acht Tagen zurücklegen konnten, ihr Maulthier.
Die Mexikaner sind dabei ungemein mäßig; sie essen nur wenig und einfache Kost und trinken fast Nichts als Wasser, sind deshalb auch vortrefflich geeignet, in den Minen und in einsamen Bergschluchten -- ihren Lieblingsstellen -- auszuhalten, und verdienen gewöhnlich eine für ihre bescheidenen Ansprüche sehr große Quantität Gold, mit dem sie sich dann eben so ruhig über die Berge wieder zurück in ihre Heimat ziehen, wie sie gekommen sind.
Der Amerikaner mag übrigens deshalb den Mexikaner eben so wenig wie den Chinesen leiden. Die Menschen +verzehren+ zu wenig, haben zu wenig Bedürfnisse, und das wenige Geld, was sie umsetzen, bleibt fast ausschließlich unter ihren Landsleuten. Sie kommen meist in Karawanen und Zügen zu +Lande+ von Mexiko herauf und weichen dem Amerikaner in Californien aus, so viel sie können. Sie suchen auch die Gesetze, die ihnen für Arbeiten in den Minen einen gewissen Beitrag auferlegen, so viel als möglich zu umgehen, indem sie fortwährend aus einer Schlucht in die andere wechseln, bis sie einen guten Platz gefunden haben den sie, ohne sich mit einem Laut zu verrathen, ausbeuten und dann wieder mit ihrem Gold verschwinden.
Sie haben dabei eine von den übrigen Stämmen ganz verschiedene Art zu arbeiten. Während die Amerikaner, wie sämmtliche übrige Nationen fast, sich der Schaufeln und Hacken zum Auswerfen der Erde und der verschiedenartigsten Maschinen zum Auswaschen derselben bedienen, bleiben die Mexikaner noch in den meisten Fällen, größere Compagnieen ausgenommen, bei ihrer hölzernen Waschschüssel und dem kleinen, kurzen Brecheisen, mit dem sie die Erde aufstoßen, dieselbe mit den Händen in die Schüssel werfen und forttragen. Natürlich ist es mit diesem unvollkommenen Handwerkszeug viel mühsamer den schweren Grund zu bearbeiten, und wollten sie dabei auf dieselbe Art verfahren, wie alle übrigen Goldwäscher, d. h. große Löcher auswerfen und frei arbeiten, und dann daran gehen, das von der oberen Decke befreite, so wie sie die Golderde einmal erreicht haben, auszuwaschen, würden sie nie und nimmer auf die Kosten ihrer Arbeit kommen, wie auch gar nicht im Stande sein so viel Erdreich mit ihrem unvollkommenen Geschirr zu bewältigen. Die Mexikaner arbeiten aber auf ganz andere Art. Gewöhnlich graben oder wühlen sie ein brunnenartiges Loch aus, von so schmaler und enger Röhre aber, daß wirklich nur ein Mexikaner sich im Geringsten darin regen könnte. Mit ledernen Säcken meist schaffen sie die taube Erde dann zu Tage, fortwährend dabei mit ihren hölzernen Pfannen versuchend, ob sie noch nicht auf goldhaltigen Grund kommen und die „Ader“ treffen. Von da an nun wühlen und stochern sie weiter, folgen der Goldader, die sich fast immer in nicht zu großem Umfange, bald hierhin, bald dorthin abkreuzend, in der Erde hinzieht, stoßen die Erde vor sich weg mit den Brechstangen gleich in ihre Pfannen oder Säcke los, und scharren und kratzen sich ordentliche Stollen unter dem Erdboden hin auf weite Strecken.
Die Amerikaner nennen dieses Arbeiten ~cayoting~, nach den kleinen Wölfen, ~cayotas~, die sich auch ihre Höhlen in die Erde graben.
Still und abgeschlossen, halten sie sich dabei für sich, ja selbst den Eingang ihrer Gruben verborgen, so weit das irgend geht, und arbeiten fleißig und unverdrossen fort, verkehren auch so wenig wie möglich mit ihren Nachbarn und stehen selten oder nie dem Fremden, der sich mit ihnen einlassen will, Rede und Antwort. Kömmt man deshalb an einer solchen Stelle vorbei wo sie arbeiten, und will sich mit ihnen in ein Gespräch einlassen, so hält das schon an und für sich schwer. Sie sehen es auch gar nicht gern, wenn man bei ihnen stehen bleibt, obgleich sie es eben auch nicht verhindern können, und antworten nur artig auf den ihnen gebotenen Gruß; jede weitere Frage wäre vollkommen nutzlos. Hundertmal wohl habe ich gehört, wie sie von Anderen angeredet wurden, die aus ihnen herauszubekommen suchten, ob sie irgend etwas verdienten.
„~Mucho oro aqui, amigo?~“ („Viel Gold hier, Freund?“) ist eine Redensart, die besonders den Amerikanern geläufig wird, da es auch ungefähr das Einzige ist, was sie von der spanischen Sprache behalten, und sie sehen dann gleichgültig und ernsthaft dabei aus, als ob ihnen eben nicht besonders viel daran läge es zu erfahren -- die Antwort bleibt +immer+ dieselbe.
„~Si, poquito, Señor~“ („Ja, ein wenig, Señor“) was sie mit einem eigenthümlich singenden Ton und einem halben Achselzucken erwiedern. Alle anderen gebrochenen Redensarten verstehen sie nicht, und wer wirklich spanisch spricht und dadurch schon näher mit ihnen bekannt geworden ist, fragt sie schon überhaupt um Nichts, denn wenn er auch Etwas erführe, könnte er sich darauf verlassen, daß es eine Lüge wäre.
Sogar an total wasserarmen Stellen, wo es keinem Amerikaner einfallen würde zu arbeiten, sieht man sie mit ihren kurzen Brechstangen stoßen und wühlen oder „trocken waschen“, wie es die Uebrigen nennen. Sie zerdrücken dann die bröckliche Erde in ihren hölzernen Pfannen und blasen den Staub mit dem Mund hinaus, wo das schwerere Gold natürlich zurückbleibt; aber es läßt sich denken, welche schwierige Arbeit das ist, und was für eine Lunge dazu gehört.