Part 12
Ein klein wenig oberhalb der Bar oder dem Schenktisch, schien jetzt etwas vorzugehen, und die Neugierigen sammelten sich bald um eine Stelle, wo ein junger Bursch von vielleicht dreizehn Jahren hinter einem kleinen Tisch stand und mit einigen „~green mountain boys~“[34] ~vingt-un~ spielte. Die beiden Burschen sahen aus wie ein Paar Farmerssöhne aus dem Gebirg, die eben noch nicht viel von dem Leben und Treiben in der Welt gesehen; hier aber, mit den Französischen Karten, die sie eher kannten wie die Spanischen, und mit einem Spiel, das sie selber schon oft in New-York hatten spielen sehen, oder vielleicht selbst gespielt hatten, ihr Geld glaubten „finden“ zu können, ohne gerade in die Berge zu gehen und hart danach zu graben.
Die ersten vier fünf Male gewannen sie auch kleine Summen, und der Eine von ihnen fing an Gewissensbisse zu fühlen, daß sie dem „Kind“ das Geld abnähmen.
„~Damn it~“ -- sagte er halblaut zu seinem Bruder, denn die Aehnlichkeit zwischen den beiden langen knochigen Burschen ließ sich nicht verleugnen -- „~damn it, Bill~, ’s ist eigentlich ein Skandal, daß wir beiden großen erwachsenen und vernünftigen Menschen mit solch kleinem „~greenhorn~“[35] spielen -- wir wollen lieber wo anders hingehen.“
„Bah, das seh’ ich nicht ein,“ -- sagte der Andere eben so leise -- „wenn der Junge so dumm ist sich hier herzustellen und Andere zum Spiel aufzufordern, können wir ihn so gut rupfen wie Jemand Anders. Aber was mich freut ist nur, daß er glaubt er hätte ein Paar „Grüne“ erwischt -- halloh mein Junge, wie der sich geschnitten hat.“
Der kleine Bursch verzog, während sich die Beiden solcher Art leise mit einander unterhielten, keine Miene, nur die Lippen hielt er fest zusammengekniffen; und wären die Yankees nicht so eifrig in ihr Gespräch vertieft gewesen, hätten sie wohl sehen können, wie er mit einem Nachbar von sich, einem andern Knaben in gleichem Alter, der hinter einem großen Würfelbecher stand, ein Paar rasche Blicke wechselte. Der junge Bursch sah nicht wie ein „~greenhorn~“ aus.
„So, hier mein Herz, ist ein Dollar auf die beiden Karten,“ -- sagte der Aeltere, jetzt wieder sein Blatt aufnehmend und besehend -- „und ich kaufe“ --
„Ist’s genug, Sir?“
„Genug? -- hm -- ja -- ich passe.“
„Und Sie?“
„Ich kaufe noch“ --
„Eine Vier; die wird Ihnen recht sein.“
„~Damnit~, nein -- noch eine“ --
„Ist’s jetzt genug?“
„Dreiundzwanzig,“ rief der Jüngere, die Lippen ausstoßend und schob dem jungen Spieler das Geld hin. Dieser warf lächelnd seine Karten auf; er hatte Funfzehn.
„Ich passe auch,“ -- sagte er und der andere Amerikaner warf ihm, ohne seine Karten zu zeigen, mit einem leisen Fluch das Geld hinüber. -- Weshalb hatte der junge Gauner schon auf Funfzehn gepaßt?
Wieder begann das Spiel; die beiden Brüder verloren zu ihrem Erstaunen an den jungen Burschen und wurden immer heftiger. Zwei Dollar setzten sie auf eine Karte, dann drei, und ohne daß sie es selber merkten, hatte sich indessen eine ganze Schaar von Zuschauern um sie versammelt, um dem „Rupfen“ mit allen Zeichen augenscheinlichen Vergnügens zuzuschauen.
Nur immer gieriger dadurch gemacht, setzten die beiden Burschen, ohne selbst auf manches wohlmeinend geflüsterte Warnungswort zu hören, mehr und mehr. Der eine warf zuletzt eine ganze Hand voll Silber mit einigen Goldstücken darin -- vielleicht seine ganze Baarschaft -- zu einem letzten entscheidenden Streich auf seine Karte. Dies Mal mußte er gewinnen -- er hatte Einundzwanzig; der Bruder hatte zwei Goldstücke auf seiner Karte stehen und zwei Bilder in der Hand. -- Das Glück hatte sich gewandt.
Der junge Bursch warf seine Karten auf; er hatte ein Aß und eine Drei -- darauf konnt’ er nicht stehen bleiben. Er kaufte eine Zehn -- das waren vierzehn; er kaufte noch einmal, eine Sechs -- Zwanzig! Weiter zu kaufen wäre Wahnsinn gewesen, aber sein Blick fliegt von einem der Sätze zum anderen, und suchte verstohlen und wie nachdenkend das eigene Kartenspiel das er etwas vorgeschoben in der Hand hält.
„Ich kaufe,“ -- ruft er dann, wie mit einem verzweifelten Entschluß, und das Einzige, was ihn konnte gewinnen machen von allen Karten, -- das Aß -- fällt, während er mit einem ruhigen Lächeln das Geld einstreicht.
„Nicht verzagt, Gentlemen, nicht verzagt,“ -- ruft er dabei. „Das nächste Mal kommt die Reihe an Sie -- Glück ist Alles, nicht verzagt -- wie ist Ihr nächster Satz? -- soll ich Ihren nächsten Satz sehen?“
Aber die beiden ~green mountain boys~ hatten gerade genug, und vielleicht selber nicht einmal mehr für einen nächsten Satz übrig. Sie stießen einander an und verließen den Tisch, während sich Andere hinandrängten, ihre Stelle einzunehmen.
Der Tisch nebenan machte keine so guten Geschäfte, wenigstens keine so großartigen, obgleich ebenfalls Dollar nach Dollar einkam, wenn auch der Einsatz meist nur in Vierteln gestellt wurde. Es war ein Würfeltisch, ein Stück Leinewand mit fünf großen Buchstaben ~A. B. C. D. E.~ bemalt, darauf. -- Drei Würfel lagen daneben, von denen jeder die Buchstaben und ein blankes Feld trug. Der Knabe, der hinter dem Tisch stand, hatte einen großen Lederbecher zum Werfen vor sich stehen. Wer pointiren wollte, setzte irgend einen Satz auf einen oder mehre der Buchstaben und warf dann selber. War der gesetzte Buchstabe mit aufgeworfen, so bekam er seinen Satz herausgezahlt, ja doppelt oder dreifach, wenn es das Glück wollte, daß er zum Beispiel auf das ~D.~ gesetzt, und alle drei Würfel das ~D.~ gezeigt hätten; dagegen war der Satz verfallen, wenn andere Buchstaben kamen.
Gleich daneben war ein Roulet -- weiterhin ein Pharaotisch. Dort stand ein Spieler mit drei Karten die er, halb zusammengebogen, herüber und hinüberwarf, um die erstaunten Zuschauer einzuladen darauf zu setzen. Diese aber wagten es nicht, oder glaubten daß er nur Scherz mache, weil die Sache so entsetzlich leicht und handgreiflich schien.
Dicht vor dem Tisch stand ein Mann in einem schwarzen Leibrock und betrachtete sich die Karten und das Wechseln derselben aufmerksam; um ihn herum stand ein Schwarm Backwoodsmen und Miner und flüsterte miteinander, und der Spieler warf indessen die drei Karten langsam und in solcher Art hin und her, daß man den einzelnen recht gut und leicht mit den Augen folgen und dann auch ganz unzweifelhaft wissen konnte, wo das Aß oder die Dame oder die Zehn -- denn das waren die drei -- lagen.
„Hier, Gentlemen, hier!“ -- rief der Spieler dabei, die Karten mit der inneren Seite gegen die Zuschauer haltend, daß sie dieselben deutlich erkennen konnten -- „hier ist das Aß, das leg ich dahin, hier ist die Zehne, die kommt dahin, und hier ist die Dame, die kommt dahin -- sehen Sie, jetzt wechsle ich die Karten, nun liegt das Aß hier, nun hier -- nun hier und so -- und so und so -- passen Sie wohl auf -- wer gute Augen hat, ist in großem Vortheil -- nun, wo liegt das Aß jetzt?“
„Hier!“ sagte Einer der Miner und deutete entschlossen auf die mittlere Karte, die der Spieler für ihn umwarf -- es war in der That das Aß.
„Ja, Gentlemen, da muß ich ein wenig schneller mischen, sonst komm’ ich mit Ihnen nicht fort,“ -- sagte der Spieler achselzuckend; „so, hier ist das Aß jetzt, und nun hier, so, so, so, so“ -- und etwas rascher die Karten durcheinander stellend, aber immer noch langsam genug daß man den einzelnen recht gut mit den Augen folgen konnte, hielt er wieder ein.
„Boys,“ -- sagte da der Mann im schwarzen Frack, sich zu den Minern halb umdrehend und mit leiser unterdrückter Stimme -- „der Kerl muß toll sein, oder er hat sein Geld auf der Straße gefunden. Hier ist eine Gelegenheit etwas zu verdienen, und ich will sie nicht unbenutzt vorüber gehen lassen -- ich setze.“
Der Spieler hatte indessen die Karten wieder aufgenommen und durchgemischt, und zeigte sie den jetzt in Menge Herandrängenden, um sie dann etwas schneller als vorher wieder durcheinander zu mischen.
„Hier sind zehn Dollar auf das Aß da!“ rief der Mann im schwarzen Frack plötzlich und setzte zwei Goldstücke vor die der Länge nach halb zusammengebogene Karte.
„Thut mir leid -- nehme keinen Satz an unter fünfundzwanzig,“ sagte aber der Spieler ruhig.
„Fünfundzwanzig?“ rief der im schwarzen Frack, „das ist viel; -- aber halt nehmt die Karte nicht weg, ich halt’ es. Donnerwetter,“ flüsterte er dann dem neben ihm Stehenden zu -- „ich weiß ganz genau daß es die rechte Karte ist, und ich +muß+ gewinnen.“
„Ich weiß es auch -- ich hab’s auch gesehen,“ -- riefen die Anderen leise -- „der Mensch muß verrückt sein.“
„Wartet -- paßt einmal auf, daß er die Karten nicht verwechselt,“ -- rief der im schwarzen Frack jetzt im vollen Eifer -- „hier ist das Geld -- zwanzig, ein-, zwei-, dreiundzwanzig -- +nun+? -- keinen Dollar mehr? alle Wetter -- ich glaube doch?“ Er befühlte sich umsonst alle Taschen, dreiundzwanzig Dollar waren sein letztes Capital, und er bat einen der ihm nächst Stehenden, daß sie ihm auf die Paar Secunden die zwei Dollar borgen möchten. „Jawohl, mit dem größten Vergnügen, sicherer war noch kein Geld angelegt.“
„Hier sind die fünfundzwanzig Dollar -- +das+ ist das Aß.“
„Dank Ihnen, Sir, für den Satz -- wollen jetzt gleich nachsehen,“ -- sagte der Spieler -- „ich muß aufrichtig gestehen, ich weiß selber nicht mehr wohin ich die Karte gethan habe -- also diese?“
„Ja wohl, die.“
„Wahrhaftig das Aß,“ sagte der Spieler, sich verlegen das Kinn streichend -- „hier -- fünfundzwanzig Dollar waren es, nicht wahr?“
„Fünfundzwanzig -- hier stehen sie noch.“
„Ja, s’ist in Ordnung,“ sagte der Spieler kaltblütig -- „kann es nicht ändern -- das nächste Mal rathen Sie’s vielleicht nicht. Also hier, Gentlemen, hier geht das Spiel von vorn an. Hier ist das Aß, und nun so, und so, und so und so -- Wer setzt?“
„Ich -- ich!“ riefen mehrere Stimmen.
„Nicht unter fünfundzwanzig Dollar.“
„Hier sind sie -- hier sind noch funfzig, auch auf die Karte!“ rief ein Dritter ganz im Eifer, während der im schwarzen Frack die zwei Dollar mit den zwei Dollaren Gewinn zurückerstattete -- „das da ist das Aß und meinen Hals noch zu den funfzig, wenn Ihr ihn haben wollt.“
„Danke, danke,“ sagte der Spieler lächelnd, -- „möchte meinen nicht dagegen setzen -- also fünfundsiebzig auf die Karte; nicht mehr?“
„Nein; deckt nur auf zum Henker -- +Das+ Spiel spiel’ ich die ganze Nacht mit.“
„Also diese Karte?“
„Die hier -- nun?“
„Ist die Dame; diesmal haben Sie sich versehen, Gentlemen,“ -- sagte der Mann mit einem förmlich süßen, mitleidigen Lächeln -- „und ich habe die Karten doch so langsam umgelegt.“
„Den Teufel noch einmal,“ -- riefen die Setzenden erschreckt, denn sie hatten an nichts weniger gedacht als zu verlieren -- „und das verdammte Aß steckt da?“
„Nächste Mal mehr Glück, Gentlemen, nächste Mal mehr,“ -- lachte der Spieler mit seinem süßen, freundlich höflichen Lächeln -- „hier gehen die Karten wieder -- da das Aß, und nun da, und nun da -- da -- da -- da -- da -- wer setzt, Gentlemen? Passen Sie genau auf -- wissen Sie jetzt, wo das Aß ist? -- keiner wird es glauben, +hier+ ist’s in dieser Ecke.“
„Das habe ich gewußt -- ich auch, bei Gott!“ schrieen Mehrere.
„Schade, daß sie nicht darauf gewettet haben, Gentlemen,“ -- lachte der Spieler -- „sonderbar, daß die Menschen so leicht auf etwas schwören und so schwer auf das nämliche wetten wollen. Hier gehen die Karten wieder, Gentlemen, ~going, going, going, going, going~? -- Hier ist das Aß und nun da, und nun da und wieder da, da, da, da, da! -- Wer will setzen?“
„Ich -- hier -- da sind meine Fünfundzwanzig -- und hier meine. -- Die Karte hier ist das Aß -- wenn sie’s nicht ist, hat der Teufel die Hand im Spiele.“
„Wär’ ein gefährlicher Compagnon, Gentlemen, also funfzig Dollar gerade? wird mein Gewinn von vorher wohl wieder in die Brüche gehen. Diese Karte hier, sagen Sie?“
„Die Karte da, ja -- die mittelste!“ riefen mehrere.
„Das thut mir Leid, Gentlemen,“ sagte der Spieler achselzuckend -- „das hätt’ ich Ihnen aber vorher sagen können, das ist die Zehn. Das Aß liegt hier!“
„Teufel!“ schrieen die Getäuschten, mit dem Fuße stampfend, während die Anderen lachten.
Der Mann in dem schwarzen Frack war indeß von dem Tisch fortgetreten; er hatte nicht wieder gesetzt und -- lieferte später das gewonnene Geld zur Theilung im Ganzen, wieder an seinen „Compagnon“ ab.
Aber nicht überall sind die Spieler so glücklich. Dort an den Tisch ist ein Spanier in einer alten zerrissenen Serape, den breiträndrigen Hut tief über die Stirn gezogen, getreten, und folgt dem Lauf des Spiels mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
„Nun, Señor, wollen Sie Ihr Glück nicht versuchen heut Abend?“ -- sagte der Amerikaner verbindlich -- „weshalb stehen Sie so müßig da?“
„~Porque?~“ -- sagte der Spanier -- „ich möchte etwas lernen.“
Das zweideutige Lächeln das dabei um seine Lippen zuckt, gefällt dem Yankee nicht der die Bank hält. Die Spanier sind großentheils abgefeimte Spieler, und besonders mit den Ränken und Finessen des Monte-Tisches genau bekannt. Er zieht vorsichtig ab, denn der dunkelaugige Bursch nimmt ihm die Augen nicht von den Fingern.
„Haben Sie kein Geld, Señor?“ lächelte er endlich verlegen.
„~Si, poquito~[36]“ -- sagte der Californier und nimmt, ohne einen Blick von der Hand des Amerikaners, die die Karten hält, zu verwenden, einen alten geflickten Leinwandbeutel aus der Serape, den er auf die vor ihm liegende Karte setzt. Der Spieler taxirt ihn flüchtig, er kann etwa sechzig oder siebzig Dollar halten. Einen etwas unruhigen Blick wirft er dabei auf die eigenen Karten in seiner Hand, der dem Californier nicht entgeht.
„~’sta bueno?~“ sagt dieser mit einem leichten, fast boshaften Lächeln.
Der Spieler zögert, aber er wagt nicht seine gewöhnliche List dem gewitzten Gegner gegenüber anzuwenden. Die Gefahr, der er sich dabei ausgesetzt ist zu groß -- er zieht ab, und die Karte des Californiers hat gewonnen.
„Wie viel enthält der Sack Señor?“ sagte der Amerikaner mit anscheinender Kaltblütigkeit.
„~No se~,“ -- erwiederte der Gewinner achselzuckend -- „zählt es.“
Der Amerikaner zieht den Sack zu sich herüber, öffnet ihn und kann einen Ausruf der Ueberraschung, des Entsetzens nicht zurückhalten. Der Sack ist mit Doublonen gefüllt, und die zitternde Hand, die sie auf den Tisch schüttelt, zählt hundert und dreizehn. Des Californiers Antlitz ist dabei wie aus Marmor gehauen. Er weiß, daß ihm das Geld werden muß, und wartet vollkommen ruhig das Zählen ab, das fast den Tisch aufräumt. Den unteren Zipfel seiner alten schmutzigen Serape dann aufhaltend, streicht er das Gold hinein, nimmt den Sack wieder unter den Arm und verschwindet so geräuschlos unter der Schaar der Zuschauer, wie er gekommen. -- Aber nicht so unbeachtet, denn zwei, in dunkle Röcke gekleidete Männer sind Zeugen des Gewinnes gewesen. Ihre Augen begegnen sich dabei, aber haften nicht aufeinander. Gleichzeitig schweifen sie nach den Bildern an der Wand hinüber, und die Beiden treten, nach verschiedenen Richtungen hin und von Niemand beachtet, vom Tisch ab; doch sie behielten den dunklen Hut des Spaniers im Auge, und als dieser die düstere Plaza betritt, verlassen auch sie den hellerleuchteten Saal.
Wollen wir ihnen folgen? -- Ueber die Plaza schreitet der Mann jetzt, da er aus dem Saal hinaus ist, und summt dabei ein leises, lustiges Spanisches Lied, denn er freut sich des Triumphs den er über die verhaßten Americanos davon getragen. Er hat ein schweres Gewicht im Arm, aber sein Schritt ist nichtsdestoweniger leicht und elastisch, und er lacht sogar einmal laut auf, wenn er an das Gesicht zurückdenkt das der Amerikaner schnitt, als er den Beutel öffnete und +Gold+ fand, wo er billiges Silber vermuthete.
„Hahahaha, wie bleich er wurde!“ -- murmelte er leise vor sich hin, und die Augen funkelten in dem Gedanken -- „und wie ihm die Finger danach zuckten die Volte zu schlagen, jene fatale Karte, die der Schurke recht gut kannte, von oben fortzubringen -- ~caramba~, er wußte, daß mein Auge auf ihm haftete und ich ihn durchschaute -- er wagte es nicht. Der -- ha --“ Er horchte, ohne den Kopf zu wenden, zur Seite. Er hörte Schritte, die ebenfalls stehen blieben als er hielt. Kearney-Street hinunter und herauf gingen und kamen noch viele Leute, aber über California-Street hinüber, wo der Weg nach der Mission hinausführte, wurde es öde. Bis an die breite, sandige California-Street reichten auch die gedielten Straßen; dann hörten sie auf, und wer dort nicht Geschäfte hatte, vermied den beschwerlichen, öden Weg.
Dorthin lenkte der Spanier jetzt seine Bahn; aber im Gehen hatte er das Gold, wozu er sich im Spielhause nicht die Zeit genommen, handvollweis in den breiten, mit drei großen Taschen versehenen Ledergürtel geborgen, den er nach Art der Argentiner um den Leib trug. Nachdem er die Serape wieder von ihrer Last befreit, nahm er den Beutel mit den Doublonen unter den linken Arm und schritt rascher vorwärts; aber er sang nicht mehr. Seinem scharfen Gehör waren die vorsichtigen Schritte nicht entgangen, die ihm folgten. Es schien auch daß er gehofft hatte, zu noch nicht so später Stunde mehr Menschen unterweges und besonders in diesem Theil der Stadt zu finden, wo erst ganz kürzlich ein Circus angelegt war; denn wie er die öde Straße vor sich sah, hielt er unschlüssig an und schaute zurück. Aber auch hinter ihm war Niemand mehr zu sehen, und nur die dunklen Gestalten von zwei Männern kamen jetzt mit raschen Schritten näher.
„~Caracho~,“ -- murmelte der Mann, zum ersten Mal vielleicht die Gefahr, in der er sich wirklich befand, erkennend. Raubanfälle waren, vor der Entstehung der dadurch grade in’s Leben gerufenen ~vigilance comittee~, gar nichts Seltenes etwa, in diesen Stadttheilen von San Francisco. Vorsichtig hatte seine rechte Hand auch schon nach dem langen Messer gefühlt, das ihm im Gürtel steckte. Aber er wußte auch daß die beiden Burschen, wenn sie wirklich Böses gegen ihn im Schilde führten, jedenfalls mit Todtschlägern und Pistolen bewaffnet waren, von denen sie im Nothfall Gebrauch gemacht, und daß sie sich dabei auch auf die Scheu der Nachbarn verlassen hätten, an Händeln Theil zu nehmen bei denen sie nichts gewinnen konnten. So, ruhig und in seinem alten Schritt um die Ecke in California-Street einbiegend, floh er dort jetzt, den Verfolgern aus Sicht, mit raschen Sätzen die Straße hinauf, einer Stelle zu, wo, etwa fünfzig Schritt weiter oben, aufgeschichtete Breter für einen Bau, vielleicht für die Dielung der Straße selber bestimmt, standen, und erreichte diese gerade, als die beiden Verfolger, denn als solche erwiesen sie sich jetzt wirklich, ebenfalls flüchtigen Laufs um die Ecke bogen.
„Teufel, wo ist er hin?“ -- flüsterte der Eine von ihnen, als er an der Ecke stehen blieb und die Straße hinauf sah -- „er muß gelaufen sein, denn wir waren ja dicht hinter ihm.“
„Er wird dort hinter den Bretern stecken,“ sagte der Zweite, „und wird glauben wir geben ruhig vorüber und lassen ihm freien Lauf. -- Hahaha, vorbeigeschossen mein schlauer Señor; wir haben den Goldfuchs jetzt in der Falle.“
„Geh Du rechts davon, ich will links gehen,“ -- flüsterte der Erste rasch und heimlich -- „aber nicht schießen, nur in Selbstvertheidigung, wir sind noch zu weit in der Stadt hier, und der Teufel könnte doch sein Spiel haben.“
Ohne weiter ein Wort zu wechseln, und um keine Zeit zu verlieren, wenn der Flüchtige etwa hinter dem Holze fortgeflohen sein sollte, sprangen sie, Jeder die furchtbare Waffe dieser Art Gauner, eine Kartätschenkugel an etwa fußlanger Schlinge in der Hand, ihrem Posten zu, denn nirgends ließ sich auf dem helleren Sand der Straße eine Gestalt erkennen, und der Spanier +mußte+ noch zwischen dem Holze stecken. Noch ehe sie aber den oberen Rand desselben, der hier nach beiden Seiten etwas auslief, erreichten, schraken sie auch vor einer allerdings unerwarteten Begegnung zurück, denn aus den hier offenen Breter-Stößen heraus flog in raschem Ansprung ein +Reiter+, -- und eine lachende Stimme rief ihnen höhnisch zu:
„~Buenas noches, señores!~[37]“
„~Damn you!~“ zischte der Erste zwischen den Zähnen durch und riß fast unwillkürlich seinen Revolver aus der Tasche, aber das Pferd sprengte in vollem Carriere die Straße hinauf, und die schon so sicher geglaubte Beute war ihnen entgangen.
Es war jetzt etwa zehn Uhr; aber je später es ward und je mehr Läden draußen in der Stadt geschlossen wurden, desto mehr füllten sich die Säle der verschiedenen Spielhäuser -- die hier schon die ganze eine Front der Plaza einnahmen und noch rechts und links hinaufreichten -- mit Müßigen, die mit ihrem Abend nichts weiter anzufangen wußten als ihn hier zu verbringen.
Stunde nach Stunde verging dort in dem wilden, gierigen Ringen nach Gewinn -- nach Gold. Was für eine Welt von Leidenschaften deckte an einem solchen Abend das einzelne Dach; Triumph und Verzweiflung, Haß und Neid und Gier und Habsucht -- jede Brust ein sturmbewegtes Meer, mit Hoffnungen genährt und zertrümmert, und lauernder Betrug unter dem Schutze der Gesetze, falsches Spiel und offener Raub, des Unerfahrenen harrend, der die Höhle des Unthiers betrat. So unnatürlich wie die ganzen Verhältnisse des Landes -- so unnatürlich dies Verhältniß im Staat, das mitten im Frieden dem Räuber einen Kaperbrief giebt, auf ruhige Bürger zu fahnden und den Arglosen zu plündern.
Und die Nacht durch dauert das Drängen und Treiben, bis zwei, drei Uhr, ja oft bis der frostige Morgenwind in dem durchkälteten Saal die von Aufregung und Spirituosen Ermatteten heimtreibt auf ihr Lager -- im Traum noch die Karten fallen zu sehen, und in fieberhafter Angst dem Lauf des Spieles zu folgen.
Es war drei Uhr -- fast alle Spieler hatten ihr Gold in Säcke gepackt und mit sich fortgetragen, um die Nacht mit geladener Waffe dabei zu liegen und den Schatz zu wahren. Die Lichter waren meist schon verlöscht -- das Orchester hatte schon lange aufgehört zu spielen, und nur noch an einem der Tische schienen die Spieler gezögert zu haben, noch hier und da einen der aus anderen Häusern Zurückkehrenden heranzulocken und ihm die, vielleicht anderswo gemachte Beute -- ein keineswegs seltener Fall -- wieder abzujagen. Hinter dem Tisch stand der Eine von ihnen, vor dem in einem starken Lederbeutel verwahrten Geld; der Andere war seitwärts im Saal ein Stück vom Tisch entfernt, um etwas fortzutragen oder zu holen, als ein Mexikaner, ein kleiner brauner Bursche, der schon eine Weile in der Thür gestanden und hereingeschaut hatte, den Saal betrat, seine alte zerrissene Serape von den Schultern zog und neben die Thür legte, und dann langsam durch den Saal ging. Der Spieler betrachtete ihn im Anfang aufmerksam, aber der Mann sah nicht aus als ob er irgend Gold zu vergeben hätte; was er sonst wollte, kümmerte ihn nicht. Der Mexikaner kam den schmalen Gang herauf, der zum Tische führte, und bog etwas seitwärts ab, als ob er daran vorübergehen wollte. Der Spieler drehte ihm in diesem Augenblicke den Rücken zu, seinen eigenen Mantel umzunehmen, als der Mexikaner, den Moment benutzend, mit einem Satz am Tisch war, den Goldsack aufgriff und damit der Thüre zusprang.
„Diebe -- Diebe!“ schrie der andere Spieler, der es von weiten zu seinem Entsetzen sah, ohne, der vielen Tische und Stühle wegen, zuspringen zu können. -- „Diebe!“ -- aber der Mexikaner war schon fast an der Thür, und einmal draußen in der dunklen, vollkommen menschenleeren Straße, wäre eine Verfolgung unendlich schwer, wenn nicht ganz unmöglich gewesen.
Auf den Ruf fuhr der Mann hinter dem Tisch rasch herum, und sein erster Blick suchte das Gold -- es war fort. Aber auch ihn hemmten die Stühle und Stände, und ohne weiter viel Zeit mit Rufen oder Nachsetzen zu verlieren, riß er den immer bereiten Revolver aus der Brusttasche, zielte einen Moment vollkommen ruhig auf den flüchtigen Mexikaner und drückte ab.
Es bedurfte keines zweiten Schusses; mit dem Knall fast klirrte der schwere Sack auf den Boden nieder und mit einem Satz und Schrei war der Dieb zum Haus hinaus und auf der Straße. Deutlich konnten sie noch die hohlklingenden, flüchtigen Schritte in der anderen Straße hören.