Californische Skizzen

Part 11

Chapter 113,691 wordsPublic domain

Die Bilder waren aber das beste Mittel gegen jedes derartige wehmüthige Gefühl -- das junge Mädchen in fast unmittelbarer Nähe mit den frivolen, ja halb obscönen Gemälden, zerstörte jeden derartigen Zauber. Die in stiller Anschauung bis dahin Versunkenen wandten sich kopfschüttelnd ab, Anderen Raum zu geben -- und die junge Dame goß Thee auf die Anbetung.

Aber halt, was ist das? -- um jenen Tisch dort drängen sich die Spieler oder Neugierigen -- dort wird wahrscheinlich hoch gespielt, und wer noch einen Platz bekommen kann, sei es auch nur um auf den Zehen zu stehen und über die Glücklicheren weg zu schauen, der preßt hinan, einen Blick von dem zu gewinnen was da vorgeht.

Ein junger Bursche steht dort am Tisch, zwischen den Spielenden und seinen Helfershelfern. Langsam mischt er die Karten, eine Beschäftigung zu haben bis das Spiel beginnt, und überwacht dann mit den kleinen, scharfen, grauen Augen, während die Hände fast unwillkührlich die Bewegung fortsetzen, die gesetzten Karten.

Das Spiel selbst ist uns allerdings fremd; der Spanier an der anderen Seite dagegen, der den Gang desselben und den Händen des Ausgebenden mit einem feinen, kaum bemerkbaren Lächeln folgt, ohne bis jetzt zu setzen, scheint es desto besser zu kennen. Es ist ~Monte~, ein Spanisches Spiel, auch mit Spanischen Karten gespielt, und die wunderlichen Figuren der Karten selber, die gekreuzten Schwerter und goldenen Kugeln, die Reiter statt der Dame etc. etc., fesseln das Auge des Fremden im Anfang vor allen Dingen, und geben den keck darauf gesetzten Rollen und Säckchen von Silber und Gold einen noch viel höheren und geheimnißvolleren Reiz.

Das Spiel selbst hat Aehnlichkeit mit unserem +Landsknecht+; die links aufgeworfene Karte ist für den Banquier, die rechts geworfene für den Spieler, und es wird dadurch ein doppeltes, daß er zwei oben und zwei unten auswirft, dem einzelnen Spieler also auch Gelegenheit giebt, zwei zu gleicher Zeit zu setzen.

Der junge Bursch, für den wir uns gleich von vornherein interessirten, kann höchstens sechzehn Jahre alt sein. Er ist hoch und schlank aufgeschossen, aber seine Züge hätten noch etwas weichliches, kindliches, strafte den Gedanken nicht das dunkel und leidenschaftlich glühende, eingesunkene Auge, wie die fest und krampfhaft zusammengepreßten bleichen Lippen Lügen. Seine rechte Hand stützt sich geballt auf das grüne Tuch des Tisches, in dessen Mitte aufgestapelte Dollare eine Mauer um einen Haufen kleineren Goldes und Goldstücke, sowie kleiner eingenähter Säckchen mit Goldstaub bilden, und drei oder vier größere Klumpen Gold, und gemünzte kleine Barren, mehr als Zierrath als zum wirklichen Gebrauch obenauf liegen. Seine Linke hat er in der Weste, und der zurückgeschobene Filzhut läßt einzelne blonde Locken, wie die hohe feuchte Stirn frei. Sein Gold, vielleicht zwanzig oder fünfundzwanzig halbe „Eagles“ (5 Dollar), steht auf dem Reiter, und die in ihren Höhlen glühenden Augen haften in peinlicher Spannung auf den Händen des Spielenden.

Dieser, ein Amerikaner, sitzt kalt und ruhig hinter seinem Tisch, die abzuziehende Karte schon im Griff, und nur mit den Augen noch den Satz rings umher revidirend, ob Alles in Ordnung sei. Das Aß und die Dame sind die obersten Karten -- der junge Bursche hat gewonnen, und ein triumphirendes Lächeln zuckt um seine Lippen.

„Heut zahl ich Euch zurück, was Ihr mir neulich angethan, Robertson,“ lachte er heiser zwischen den kaum geöffneten Zähnen durch.

„Hoffentlich,“ erwiedert der Spieler ruhig, mit einem zweideutigen Lächeln -- „Ihr seid im Glück heute, Lowel, und solltet es eigentlich forciren.“

„Die Summe bleibt auf der Dame und +das+ da auf die Drei!“ -- Hier und da am Tisch werden kleinere Umsätze ausgezahlt oder eingezogen, und wieder fallen die Karten -- beide Sätze haben verloren.

„~Damn it~,“ knirscht der junge Bursch leise und kaum hörbar vor sich hin, aber die Hand bringt fast unwillkührlich neue Beute zu Tage, ein Säckchen mit Goldstaub, das der Spieler selbst keines Blicks würdigt. Das Säckchen mochte etwa zwei Pfund enthalten, und der Spanier, der ihm gegenübersteht, wirft jetzt ein Paar Unzen auf die entgegengesetzte Karte.

„Ihr mißtraut dem Glück des Gentleman da, Señor,“ lächelte der Spieler, die Karten fest und ruhig mit der linken Hand umspannt, den eigenen Blick aber forschend auf die Augen des Californiers geheftet.

„~Quien sabe?~“ murmelt dieser gleichgültig, aber -- seine Karte hat gewonnen.

„Teufel,“ zischte der junge Spieler zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, und die Hand suchte in krampfhafter Hast in seinen Taschen nach anderem Gold -- umsonst -- nicht in der -- nicht in der -- „Fort -- gestohlen!“ stammelt er dabei vor sich hin, und die stieren Blicke schweifen mißtrauisch und scheu dabei von Einem zum Andern der ihn dicht Umdrängenden. Er begegnet nur gleichgültigen oder spöttischen Mienen.

„Kommt, Fremder -- wenn Ihr nicht mehr spielt laßt einem Anderen den Platz!“ sagte ein in ein blaues, schmutziges und zerrissenes Staubhemd gekleideter bärtiger Gesell, dem der arg mitgenommene zerknitterte Filzhut seitwärts auf dem wirren Haar sitzt -- „es scheint mir, Ihr seid fertig.“

„Ich stehe hier so lange als es mir gefällt.“

„Bitte, Sir, wenn Sie nicht mehr spielen, geben Sie Anderen Raum,“ -- sagte aber auch jetzt der neben ihm sitzende zweite Spieler gleichgültig -- „unser Tisch ist überdies gedrängt voll.“

„Ich bin bestohlen worden,“ -- ruft der junge Mann jetzt, einen ingrimmigen Blick dabei auf den im Staubhemd werfend -- „schändlich, niederträchtig bestohlen worden.“

„Dann sieh mich nicht so dabei an, mein Bursch, wenn ich bitten darf,“ sagt der im Staubhemd ruhig.

„Ich sehe an, wen ich mag!“ -- trotzte der Aufgeregte -- „und wer den Blick nicht ertragen kann, der sehe weg.“

„Platz da!“ -- brummte der Miner im Staubhemd, den Kopf halb zurückdrehend zu den hinter ihm Stehenden, und den jungen Spieler mit riesiger Kraft packend, hob er ihn auf und warf ihn hinter sich.

„Hab’ Acht -- hab’ Acht!“ -- schrieen in dem Augenblick mehrere Stimmen, und zwei oder drei Hände fuhren zu und warfen den Arm des Rasenden in die Höhe, der, mit einem Revolver bewaffnet und, unbekümmert um die Folgen, gerade auf den Kopf des Angreifers gerichtet war. Ob aber auch gefaßt, zuckte der Finger des jungen Verbrechers zweimal, ehe sie ihm die Waffe entreißen konnten, und die eine Kugel schmetterte die Glocke einer Astrallampe auf die Untenstehenden, die lachend und fluchend auseinanderstoben, während die andere harmlos in die Decke schlug, dort nur ein wenig Kalk niederwerfend. -- Es war nicht das einzige derartige Zeichen da oben.

„Ich danke,“ -- sagte der Miner im blauen Jagdhemd ruhig zu den Umstehenden, und ohne sich weiter um den Rasenden zu kümmern, der sich in den Händen der ihn Haltenden wand und förmlich schäumte vor Wuth, nahm er ein Päckchen Gold aus seiner Blouse und setzte es auf die ihm nächste Karte.

Der junge Spieler, von dem man fürchtete daß er noch andere Waffen bei sich haben könne, wurde indessen von einigen handfesten Irländern, die sich der Sache freundlich unterzogen, bis an die Thür geschleppt, wo ihn zwei durch den Schuß herbeigerufene Polizeidiener in Empfang nahmen und fortführten.

Die Neugierigen im Saal hatten indessen alle dahin gepreßt wo der Schuß gefallen war, so viel wie möglich von einem dort vermutheten Kampf zu sehen, und die Spieler der nächsten Tische mußten ein Paar Minuten wirklich Gewalt brauchen, die Andrängenden zurückzuhalten -- selbst der Kuchentisch war für ein Paar Augenblicke leer geworden -- aber nicht lange.

Zu viel des Neuen, zu viel des Interessanten bot sich indessen überall, die Aufmerksamkeit der Zuschauer lange auf einem Punkt, an einen Platz zu fesseln, selbst wenn ein solches Intermezzo mit einem Schuß gewürzt war. Von einer andern Seite des Saales her tönte in diesem Augenblick wieder Lärmen, Geschrei und Lachen -- was war dort geschehen?

„Das war brav gemacht -- bravo -- hurrah!“ schrie die Menge, und die gellende Stimme eines Mannes, der gegen etwas eifrig protestirte, wurde immer wieder auf’s Neue von dem Jubelruf unterbrochen.

Ein eigener Zwischenfall hatte sich hier ereignet, bei dem sich die Menge bald zum Richter aufwarf und entschied.

Ein Mann in schwarzem Frack und dunklen Hosen, ganz anständig und reinlich gekleidet, war schon seit mehreren Abenden -- heute am siebenten -- regelmäßig um dieselbe Zeit zu ein und demselben Tisch getreten, hatte dem Spiel eine Weile beobachtend zugesehen, bis er zuletzt einen leinenen Sack aus seiner Brusttasche holte und ihn auf eine Karte setzte. Die Karte gewann am ersten Abend, und er schüttete den Sack, um das Geld zu zählen, auf den Tisch aus. Es waren achtundzwanzig Spanische Dollar, die ihm der Spieler ruhig auszahlte, und der „~gentleman~“ verließ mit seinem Gewinn, ohne Fortuna einen zweiten Wurf anzuvertrauen, und wahrscheinlich gegen die Erwartung des Spielers, den Tisch wieder.

Am zweiten Abend kam er wieder, setzte wieder und -- verlor. Mit größter Kaltblütigkeit aber, ohne auch nur eine Miene zu verziehen, öffnete er den Sack, faßte ihn an den beiden unteren Zipfeln, schüttelte ihn aus -- und er enthielt genau die gleiche Summe, wie am vorigen Abend -- rollte ihn dann wieder zusammen und verließ, ihn in seine Tasche zurückschiebend, den Saal.

Am dritten, vierten und fünften Abend dieselbe Sache -- die Spieler lernten den Mann kennen und amüsirten sich über sein wunderliches Wesen; wieder verlor er und betrug sich genau wie die ersten Male, den Sack nahm er jedesmal wieder mit sich fort.

Am sechsten Abend -- und so regelmäßig hielt er dabei seine Zeit, daß die Spieler untereinander lachend sagten -- „es ist noch nicht acht Uhr, der Mann hat uns seine achtundzwanzig Dollars noch nicht gebracht“ -- dasselbe Spiel. Wieder verlor er sein Geld, und der Barkeeper oder Ausschenker am Spirituosentisch, dem gerade gegenüber dieser Spieltisch stand, lachte laut auf, als der merkwürdige Gesell das Geld so ruhig ausschüttete, als ob er für Jemand Anders hier seine regelmäßige Zahlung zu leisten, und nicht das eigene Geld verspielt und weggeworfen hätte.

Der siebente Abend kam. Es war schon eine volle Minute nach acht Uhr, und der eine Spieler rief lachend dem andern zu: „Wir sind zu hart mit ihm verfahren und haben ihn verscheucht;“ als sein Kamerad lächelnd zur Seite zeigte und der Mann im schwarzen Frack, ohne eine Miene zu verziehen oder auf das Kichern und Flüstern um ihn her zu achten, zu seinem gewöhnlichen Platz am Tisch trat, den ihm einige der zufällig schon früher mit ihm hier Zusammengetroffenen willig räumten, gerade bis ein Viertel auf neun dem Spiel ruhig zusah und dann den Allen wohlbekannten Leinwandsack neben die eben ausgeworfene Zwei niedersetzte.

Ein paar Karten wurden indeß abgezogen, ohne daß die Zwei erschien -- jetzt fiel die Drei links, und rechts -- ein feines, kaum bemerkbares Lächeln zuckte um des Spielers Lippen -- die Zwei. Der Fremde wurde todtenbleich, aber ohne auch nur eine Sylbe über den endlichen Wechsel seines Glücks zu äußern, streckte er ruhig wieder die Hand nach dem Leinwandsack aus und war eben im Begriff ihn aufzubinden, die Dollar, wie er das am ersten Abend gethan, überzuzählen, als der Spieler lachend sagte:

„Laßt nur sein ich weiß schon wie viel d’rin sind. -- Achtundzwanzig -- hab’ ich nicht Recht?“

„Nein!“ sagte der Mann ruhig und schüttelte das Silber auf den Tisch und schüttelte den Sack stärker, und hinter dem Silber her eine Rolle fest zusammengewickelter Banknoten und ein fest ineinandergefaltetes Papier.

„Was ist das?“ riefen die Spieler erschreckt, und die Umstehenden drängten überrascht und neugierig hinzu.

„Mein Satz,“ sagte der Mann anscheinend gleichgültig und knüpfte das Band auf, das die Banknoten zusammenhielt.

„Halt, das gilt nicht!“ schrie aber der Spieler, seine Karten niederwerfend, „das ist falsches Spiel -- Ihr habt die vorigen Abende nur achtundzwanzig Dollar gezahlt.“

„Falsches Spiel?“ -- rief der Mann, und seine Augenbrauen zogen sich drohend zusammen -- „beweist mir falsches Spiel, Ihr Kartenmischer. Hab’ ich den Sack nicht vollständig, wie er da ist, auf jene Karte gesetzt? und habt Ihr Euch etwa geweigert, ihn uneröffnet anzunehmen?“

„Nein, das ist Alles in Ordnung -- Alles in Richtigkeit!“ riefen die Umstehenden, immer gern bereit, gegen den Spieler Parthei zu nehmen. Sie sind fest überzeugt, daß er nicht ehrlich spielt, und trotzdem treten sie doch immer und immer wieder selber hinzu, ihr Geld ebenfalls in den Brunnen zu werfen. „Er hat es gesetzt und gewonnen, und muß es bekommen!“ riefen Andere.

„Zählt Euer Geld -- wie viel habt Ihr?“ sagte der Spieler, der rasch ein Paar Worte mit dem Gegenübersitzenden geflüstert hatte -- „wie viel ist es?“

„Erstlich achtundzwanzig Dollar in Silber,“ sagte dieser ruhig, und die Anderen lachten -- „dann hier in Banknoten ein, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, achthundert Dollar, und dann hier“ --

„Was noch?“

„Eine kleine Anweisung auf Dollsmith und Penneken, so gut wie Silber, acceptirt und Alles; das Geld braucht nur abgeholt zu werden, auf -- drei Tausend.“

„Drei Tausend?“ -- schrie der Spieler, erschreckt von seinem Stuhl aufspringend -- „das wären beinah vier tausend Dollar zusammen; seid Ihr wahnsinnig? -- das brauch’ ich nicht zu zahlen.“

„+Braucht+ Ihr nicht?“ -- sagte der Fremde erstaunt -- „hättet Ihr’s nicht +genommen+, wenn ich’s +verloren+?“

„Gewiß hätt’ er -- das versteht sich -- ob die’s nehmen? -- Alles, was sie kriegen können und ein klein Bischen noch mehr,“ -- schrieen die Stimmen um den Tisch herum. -- „Er muß zahlen, da hilft ihm kein Gott.“

„Gentlemen,“ -- protestirte aber der Spieler jetzt gegen die Schaar, in der trostlosen Hoffnung diese zu seinen Gunsten zu lenken. -- „Gentlemen, der Herr da hat jeden Abend die ganze vorige Woche gesetzt --“

„Und jedesmal verloren,“ -- fiel ein Anderer ihm in die Rede -- „ich bin einige Male selber dabei gewesen und habe es von Anderen erzählen hören, und er hat nie ein Wort dagegen eingewandt.“

„Aber das waren nur achtundzwanzig Dollar.“

„Und wenn es jetzt so viele Tausende wären.“

„Aber so lassen sie mich ausreden,“ -- schrie der Spieler, mit Todtenblässe im Gesicht und funkelnden Augen -- „es waren nur achtundzwanzig Dollar die er mir auf den Tisch schüttelte, und die Papiere hielt er zurück -- dreimal schon hab’ ich die Summe von ihm gewonnen.“

„Beweist mir, daß ich einen Cent mehr wie die achtundzwanzig Dollar im Beutel gehabt!“ rief aber der Fremde verächtlich -- „mit solchen Ausflüchten kommt Ihr nicht durch.“

„Warum hast Du den Sack nicht mitbehalten, ~compañero~,“ -- lachte ein Spanier, der dabei stand -- „+wir+ behalten Alles was auf die Karte gesetzt wird.“

„Hätt’ er wieder verloren, so wären nicht mehr aus dem alten verdammten Leinwandbeutel herausgekommen, wie die Paar lumpigen Silberdollar“ -- fluchte der Andere.

„Möglich, aber nicht zu beweisen,“ -- lachten die Umstehenden -- „Ihr müßt zahlen.“

„Verdammt, wenn ich’s thue,“ -- schrie der Spieler und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. -- „Eine neue Art von Betrug und Schurkerei ist’s, die sie an mir versuchen wollen -- aber sie sind an den Unrechten gekommen. -- Ich zahle nicht.“

„Ich habe an Dich hundert Dollar die letzte halbe Stunde verloren“ -- schrie da ein langer riesiger Kentuckier, sich zum Tisch durchdrängend, und über der Anderen Schultern fort -- „und hab’ sie Dir zahlen müssen bis zum letzten Cent. Weigerst Du Dem die Zahlung, mußt Du mir mein Geld auch wieder herausgeben.“

„Und mir auch -- mir auch!“ -- schrieen eine Menge Stimmen durcheinander -- „ich habe auch verloren -- ich auch -- ich zehn Dollar -- ich funfzig -- ich fünfundzwanzig -- ich ein Pfund Gold -- heraus mit dem Geld, wenn er nicht zahlen will.“

Ein anderer Spieler vom Nachbartisch war indessen zu dem Kameraden getreten und hatte, während der Tumult wuchs, einige Worte mit ihm geflüstert. Der Verlierende stritt ebenfalls mit unterdrückter Stimme dagegen an, wich aber doch zuletzt dessen Zureden und nahm das Geld, um es noch einmal zu überzählen, wonach Beide die Banknoten wie den fälligen Wechsel eines der ersten Banquierhäuser in der Stadt sorgfältig prüften. Es war gegen beide Nichts einzuwenden, und während der Fremde wieder, in dem Tumult um sich her, seine frühere, vollkommen ruhige Stellung eingenommen hatte und dem Lärm scheinbar so gleichgültig zusah, als ob ihn das Ganze auch nicht das mindeste anging, zählte indessen einer der Spieler das Geld ab, das fast die ganze prahlerisch aufgestapelte Baarschaft des Tisches mit fortnahm. Mehrere Pakete mit Goldstaub mußten sogar noch dazu gelegt werden, die der Fremde, ehe er sie acceptirte, aufschnitt, aufmerksam betrachtete und an dem Spirituosentisch, wo er sich zugleich ein Glas Brandy; einschenken ließ, abwog. Es war Alles in Richtigkeit, und das Gold in den verschiedenen Taschen bergend, schüttete er, was übrig blieb, in den verhängnißvollen Leinenbeutel, schob die Banknoten und Papiere in seine Brusttasche zurück und verließ jetzt mit einem freundlichen Dank gegen die Umstehenden, der mit einem donnernden Hurrah erwiedert wurde, den Saal.

Die Uebrigen lachten und plauderten noch eine Weile über den Fall. Von allen Gegenwärtigen waren vielleicht nicht drei der Meinung, daß er die Banknoten und den Wechsel, wie der Spieler behauptete, die vorigen Abende nicht auch schon im Beutel gehabt, die wohl zu Tage gekommen wären, wenn er nur einmal gewonnen hätte; aber es galt ihnen das nicht als Betrug; es war Schlauheit. Der Spieler wahrte sich ebenfalls jeden rechtlichen oder unrechtlichen Vortheil den er gewinnen konnte; dafür hatte jeder seine Augen, daß er aufpasse.

Oben im Saal und so weit erhöht, daß es von allen darin Befindlichen gesehen werden konnte, befand sich das Orchester, eine etwas zusammengewürfelte Schaar von Streich- und Blaseinstrumenten, die, nur mittelmäßig eingeübt, da oben, wie es der Amerikaner nennt „einen angenehmen Spektakel,“ machten. Die Musici spielten Tänze und Märsche aus Französischen und Deutschen Opern, Negerlieder und Englische Balladen, was gerade vorkam; und der Zweck war viel weniger eine Unterhaltung, als ein Halten des Publikums, das sich in dem warmen, hell erleuchteten und von Musik durchströmten Raum wohl fühlen sollte. Blieben die Leute dann lange da, so ließen sie sich auch wohl verleiten, wie fest Viele auch im Anfang zum Gegentheil entschlossen waren, einmal zu setzen; und das Honorar der Musiker zahlte reichlich die entsetzlich hohe Miethe der Spieltische.

Das Publikum drängte auch gleichgültig unter der Musik hin und her. Nur die Backwoodsmen, die, wie ein Yankee meinte, lange genug vor dem Kuchentisch gestanden, „ihren Schatten an der Wand zu lassen,“ machten auch hier Front und schauten erst in stummer Verwunderung zu den vielen Trompeten hinauf, bis die Posaune anfing aus- und einzuziehen, und stießen sich dann feixend in die Rippen und lachten über den wunderlichen Mann mit der Trompete von „glänzendem Gummi“.

Jetzt schwiegen die Blas-Instrumente. Die der Mitte Nächsten traten ein wenig zurück, und mit einem kleinen leichten Notenpult in der rechten, einer Violine mit dem Bogen unter dem linken Arm, trat ein junges, bildschönes Mädchen auf das Orchester.

„Da ist sie wieder -- da oben steht sie“ -- flüsterten die Nächststehenden einander zu, und die Augen von Hunderten richteten sich, wie die Worte unten von Mund zu Mund liefen, oben auf die liebliche Erscheinung. Selbst der Thee wurde in diesem Augenblick vernachlässigt, und nur ein langer Yankee blieb, eine volle Tasse vor sich -- es war die siebzehnte heute Abend -- beide Ellbogen auf den Ladentisch gestemmt, allein und als Sieger zurück. So starrte er in das freundliche Gesicht der Verkäuferin -- die allerdings hart an sich halten mußte nicht gerad’ herauszulachen, und dadurch einen ihrer besten Kunden zu verscheuchen.

Die Violinspielerin oben begann jetzt auf dem Orchester ein Adagio-Solo, dessen leise, schwellende Töne aber in dem Murmeln der Versammlung gänzlich verschwammen. -- „Bst -- bst“ -- tönte es von den Lippen der Zunächststehenden; aber was kümmerte die Spieler die Melodie da oben. Wenn in diesem Augenblick ein Engel niedergestiegen wäre, seine himmlischen Weisen anzustimmen, Karten und Würfel würden ihre Augen gefesselt, ihre Ohren verschlossen gehalten haben, und leise gemurmelte oder laut ausgestoßene Flüche waren die einzige Antwort, wenn Jemand etwa gar direkt gemahnt wurde weniger Geräusch zu machen „der Musik wegen“.

„~Damn the music~,“ -- lautete dann wohl die barsche Antwort, mit einem noch schlimmeren Fluch als Träger -- „was zum Teufel hab’ ich damit zu thun -- die Fiedelspieler geben +mir+ mein verlorenes Gold nicht wieder -- geht zum Teufel.“

Das Mädchen oben aber kümmerte sich nicht um den Lärm und spielte ruhig weiter. Ihre Töne hoben sich und drangen zitternd und weich und doch so mächtig, bis in den entferntesten Winkel des weiten Raumes, und die Musici oben saßen still und schweigend und lauschten tief ergriffen den wunderbaren Lauten.

Es war ein junges Mädchen von etwa siebzehn Jahren, jedenfalls südlicher Abkunft, mit dunklen rabenschwarzen Locken und eben solchen Augen, aber marmorbleichen und doch so zarten, fast durchsichtigen Zügen, die jetzt in der Erregung des Augenblicks, wie tief unter der Haut, von einem schwachen rothen Schimmer durchzogen wurden. Wie kam das arme Kind hier in diesen entsetzlichen Aufenthalt des Lasters? wie hatte sich die Nachtigall dazu hergeben können, ihren Ton zu leihen, die Beute in die Fänge der Eule zu locken? -- Was hatte sie überhaupt an diese wilden, ungastlichen Ufer getrieben, wo die Gier nach Gold jedes edle Gefühl, jede zarte Sitte und stille Weiblichkeit unter die Füße trat? -- Ein Lockvogel in einem Spielhaus -- trauriges, trauriges Brod, das sie vielleicht mit ihren Thränen netzte. Oder wäre auch dieses junge Herz schon verdorben gewesen von dem Gifthauch des ~El Dorado~? Das seelenvolle, unschuldige Auge strafte den Verdacht Lügen, und die milden schwellenden Töne des Instruments klangen doch wieder wie wehzerrissene Klagen schuldiger Brust.

„Verdammt feines Mädchen das da oben,“ -- sagte ein Miner zum Andern, mit dem er unter dem Orchester stand und hinaufschaute, „wollte ein Paar Pfund drum geben, wenn ich die mit oben in unserm Winterzelt hätte. Donnerwetter, wie die Jungens droben schauen würden, wenn ich solch einen Brodverzehrer mit hinaufbrächte.“

„Würde auch theuer zu kaufen sein,“ -- meinte Anderer -- „sie sieht stolz und vornehm aus, die ist Nichts für unsereins.“

„Bah,“ -- sagte der Andere verächtlich -- „Nichts für unsereins! weshalb? -- mit Gold kauf’ ich Alles -- möchte wissen, wo sie herkommt?“

„Aus dem alten Lande,“ -- sagte ein Dritter, der das Gespräch überhört hatte, leise zu den beiden Minern, -- „ist aber nicht zu bekommen. Das hat schon Mancher versucht. Dort steht ihr Alter.“

„Wo? -- der da mit dem schwarzen abgetragenen Rock und den dunklen langen Haaren? -- Das ist ein Spanier.“

„Ja wohl, und so stolz, als ob er der König selber wäre.“

„Aber er spielt hoch --“

„Beide,“ -- lachte der Amerikaner -- „die Eine da oben, der Andere hier unten, nur mit dem einen Unterschied, daß die Dirne dort der Brodverdiener ist, und der Alte hier das Geld allabendlich schon im Voraus verspielt, was sie da oben von den Spielern bekommt, um Grüne hereinzulocken.“

„Und wovon leben die Leute?“

„Gott weiß es -- keinenfalls kostbar, und ich glaube, sie haben ein Zimmerchen hier im Hause irgendwo, hoch oben unterm Dach.“

„Aber was zum Teufel spielt sie für Zeug?“ -- sagte der Erste wieder -- „hübsch ist sie, aber mit der Fiedel weiß sie nicht umzugehen; da kann ja kein Mensch einen Tackt dazu tanzen.“

„Ja, zum Tanzen spielt sie’s auch wohl eigentlich nicht,“ -- sagte der Hinzugekommene -- „wer geht mit, eins zu trinken?“

„Wer geht +nicht+ mit?“ -- lachte der Erste -- „Trinken ist immer besser wie Musik!“