Part 10
Noch während des Uebersetzens stießen die beiden Franzosen wieder zu ihnen, die gestern Brief und Nachricht von Sonora nach Murphys und der dortigen Gegend gebracht hatten. Als diese die Absicht ihrer Landsleute hörten, erboten sie sich augenblicklich vorauszureiten, und ihnen bestimmte Nachricht, wie die Sachen +jetzt+ ständen, unverweilt zu bringen. Hiergegen opponirten indessen einige, und besonders Deutsche, und meinten es wäre besser, dießmal andere hineinzusenden, da man der beiden Männer Urtheil über Sonora schon gehört habe. Sie wurden aber überstimmt; die zwei Franzosen gaben ihren Pferden die Sporen und sprengten voraus, der Zug rückte bis auf 1½ Meilen von Sonora, als dem mit den Abgesandten verabredeten Sammelplatz vor, und lagerte dort, die Rückkehr dieser zu erwarten. Alle unter der Zeit noch nachfolgenden Franzosen zogen sie indessen an sich heran, und es mochten damals wohl auf solche Art 4 bis 500 Bewaffnete vor Sonora versammelt liegen, von denen jedenfalls drei Viertheile Franzosen waren.
Die beiden Ausgesandten hätten etwa wieder zurück sein können, noch immer aber ließ sich nichts von ihnen sehen. Einzelne gingen den halben Weg ihnen entgegen, doch umsonst, sie mußten ohne sie getroffen zu haben, wieder umkehren. Was war aus ihnen geworden? Freiwillige meldeten sich jetzt, das feindliche Terrain zu recognosciren, unter ihnen Fischer, der an demselben Morgen von einem der ihnen begegnenden Spanier ein Pferd mit Sattel und Zaum gekauft hatte. Rasch schwangen sie sich in die Sättel und galopirten auf Sonora zu, erwarteten auch dabei nichts weniger, als die Stadt in Vertheidigungszustand und alle Punkte von amerikanischen Scharfschützen besetzt zu finden. Im Anfang erstaunten sie nun zwar, daß man sie so weit und ungehindert in die Stadt hineinließ, ihr Erstaunen wuchs aber, als sie Sonora endlich, den letzten Hügel übersteigend, ansichtig wurden und auch nicht das geringste Auffällige darin bemerkten. Allerdings standen hie und da Gruppen von Menschen zusammen, denn es war in Sonora kein Geheimniß geblieben wie eine bewaffnete Macht im Anzug dagegen sei, man schien aber weiter gar keine Notiz davon zu nehmen, und die Abgesandten ritten, etwas verdutzt darüber, die Hauptstraße hinunter vor allen Dingen einmal ihre ersten beiden Boten aufzusuchen und dann bei ihren Landsleuten anzufragen wie es mit den Gefangenen stände.
Die Nachrichten die sie hier erhielten, waren indessen wohl geeignet, sie den jetzt versuchten friedlichen Schritt, nicht bereuen zu lassen. Die Geschichte mit den gefangenen und gefährdeten Franzosen war rein aus der Luft gegriffen. Einen Deutschen hatte man allerdings vorgestern aufgegriffen, aber auch gleich wieder losgelassen, da ihn mehrere dort kannten, und er nur im Trunk gegen einen Amerikaner angeritten sein sollte, um ihn vom Pferd zu werfen. Der Angegriffene brachte das im Anfang mit den in letzterer Zeit häufig vorgefallenen Räubereien in Verbindung, und klagte deßhalb, zog aber seine Klage augenblicklich zurück, als er erfuhr wer der Mann, und in welchem Zustande er gewesen sei. Die in Sonora zahlreich wohnenden Franzosen wußten dabei gar nichts von dem Brief und der ausgesandten Botschaft, und waren aufs äußerste entrüstet darüber. Eben so wenig konnten die beiden Boten wiedergefunden werden; sie blieben trotz der genauesten Nachforschungen spurlos verschwunden, und es unterlag gar keinem Zweifel mehr, daß dies Gerücht boshafter oder doch wenigstens unkluger und vielleicht selbstsüchtiger Ursachen wegen verbreitet worden.
Allerdings hatte vor zwei Tagen eine Demonstration zwischen Mexicanern und Amerikanern stattgefunden, und die ersteren ihre Flagge aufgepflanzt und erklärt, sie würden die ihnen an Zahl weit unterlegenen Amerikaner aus den Minen treiben, wenn sie die Taxgesetze in Kraft wollten treten lassen. Wie es aber gewöhnlich mit den Mexicanern ist, so hörten sie sich gerne reden, und als es zur That kam, wollte Niemand bei der einmal erfaßten Sache, bei der sie übrigens auch wie sie recht gut wußten, im Unrecht waren, Stand halten. Die Amerikaner rückten mit ihrer Flagge und klingendem Spiel gegen die Mexicaner an, und diese gingen ruhig auseinander, und ließen ohne Widerstand geschehen, daß ihre Flagge gestrichen und die amerikanische dafür aufgezogen wurde. Es fiel kein Schuß bei der ganzen Sache, eben so wenig war der Sheriff, wie das Gerücht gegangen, erstochen, oder auch nur bedroht worden. Die ganze Geschichte lief auf einen großen Humbug aus, und Amerikaner und Fremde kamen dadurch in Gefahr, sich ganz ohne hinreichenden Grund feindlich gegenüber zu stehen.
Die von dem Zug zum zweitenmal abgesandten Männer beschlossen jetzt, da sich die Boten aus dem Staub gemacht hatten, und sie den Ihrigen doch bestimmte Nachricht zurückbringen mußten, wenigstens den unberufenen Briefschreiber mit hinaus zu nehmen, damit er sich dort selber vertheidigen und eine Erklärung seines Betragens abgeben könne. Dieser zeigte sich allerdings nichts weniger als geneigt, der Aufforderung Folge zu leisten; weder Ausreden noch Sträuben halfen ihm aber, denn indessen hatten sich auch die meisten seiner Landsleute und eine Menge Amerikaner, welche die Ursache des Zusammenlaufs erfahren, vor und in dem Zelte versammelt, und man drohte, ihn, wenn er nicht gutwillig ginge, zu binden und gewaltsam hinauszuschaffen. Der arme Teufel war durch diese Alternative nichts weniger als beruhigt, und suchte nach allerlei Ausflüchten, all sein Sträuben war aber umsonst und er mußte wohl oder übel, seinen Führern folgen. Diese brachten ihn denn auch von vielen der Sonorier gefolgt, hinaus zu den Ihrigen, dort über das Begangene Rede zu stehen.
Seinen Empfang dort kann man sich denken. In der ersten halben Stunde war allerdings kein Wort, weder von der einen noch andern Partei zu verstehen. Alles schrie und gesticulirte wild durcheinander, und man bekümmerte sich fast gar nicht um den Gefangenen; er hätte in diesem Gewirr, wenn er überhaupt Geistesgegenwart genug behalten, sogar entwischen können. Nach und nach regelte sich aber das Getöse etwas mehr, einzelne Stimmen drangen schon hie und da durch, und es bildete sich zuletzt, durch im Gespräch selbst aufgerufene Wahl, eine Art Jury, die über den Beklagten zu Gericht sitzen sollte.
So manche komische Seite die ganze Sache auch vom ersten Anfang bis zuletzt gehabt haben mochte, so ernsthaft wurde sie jetzt, denn es handelte sich in diesem Augenblick um nichts weniger als ein Menschenleben. Dem Gefangenen hielt man sein Vergehen vor, wie er, durch einen lügenhaften Brief, dessen nähere Gründe sie gar nicht weiter untersuchen wollten, da sie in der Hauptsache nichts ändern könnten, das ganze Land in Aufruhr gebracht, seine zu vermeinter Hülfe eilenden Landsleute und andere Freunde nicht allein lächerlich gemacht, sondern auch beinahe Blutvergießen herbeigeführt, und jetzt jedenfalls nach diesem Schritt Mißtrauen zwischen Amerikanern und Fremden ausgesäet hätte. Vergebens entschuldigte er sich dagegen, daß er die ganze Sache mit zu schwarzen Farben gesehen, daß es nur übereilter Eifer gerade für seine Landsleute gewesen sei, der ihn dazu getrieben; daß man ihm selber die Nachricht gebracht, zwei Franzosen seien wirklich grundlos verhaftet worden, wonach er gleich in der ersten Aufregung Brief und Boten abgesandt habe. Es half ihm nichts, die Jury sprach ihr +Schuldig+ über ihn aus; er wurde einstimmig +zum Strange+ verurtheilt, und das Urtheil sollte gleich an Ort und Stelle vollzogen werden.
Stumm und regungslos standen die Männer um den Verurtheilten her, und sahen starr vor sich nieder -- vergebens suchte sein ängstlicher Blick Mitleiden in einem der rauhen bärtigen Gesichter -- Todtenstille herrschte, und nur außerhalb des Kreises stand der Bäcker und wickelte einen Lasso vom Halse des nächsten Pferdes los. Der Mann trug noch den gestrigen Aerger mit sich herum, und schien jetzt eine Art von Genugthuung darin zu finden, denselben an irgend etwas, das ihn mit hervorgerufen, auslassen zu können.
„Ihr wollt mich doch nicht mit kaltem Blut morden?“ sagte der Gefangene endlich mit leiser, heiserer Stimme zu den ihn nächst Stehenden, „ich habe Frau und Kind daheim.“
Keiner antwortete ihm; Manchem mochte es wohl ins Herz schneiden, aber sie fühlten auch wie strafbar er sei, und wollten dem gethanen Spruche nicht entgegenstehen.
„Dieß ist ein guter Baum,“ sagte der Bäcker, der sich indessen den benachbarten Holzwuchs angeschaut hatte, „über den Ast dort können wir den Lasso leicht hinüberwerfen.“
Die beiden Männer, die neben dem Verurtheilten standen, und deren Bewachung er anvertraut war, nahmen jetzt seine Hände und banden ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammen.
„Landsleute, Freunde, Ihr wollt mich doch nicht morden?“ rief jetzt der Unglückliche zum erstenmal mit lauter, aber immer noch heiserer Stimme. Sein Antlitz hatte Leichenblässe überzogen, und wie Fieberfrost schüttelte es seine Glieder.
Der Kreis öffnete sich indeß geräuschlos dem Baume zu; der geschäftige Bäcker hatte das kleine mitgenommene Brandyfaß als Springbret unter den vorragenden Ast einer Eiche, über dem der Lasso hing, gestellt. Die Schlinge wehte, von dem leichten Luftzug bewegt, hin und her.
„O Gott!“ stöhnte der Mann, und zum erstenmal brach eine Thräne aus seinen Augen.
Da trat plötzlich aus der Schaar der umstehenden Männer ein Franzose, ein schlanker Gesell mit gutmüthigem Gesicht und braunem Bart hervor. Er streckte die linke Hand gegen den Gefangenen aus und sagte mit herzlicher Stimme:
„Laßt den Mann gehen, Freunde. Der arme Teufel hat jetzt Angst genug ausgestanden, und die ganze Sache doch eigentlich keinenfalls so bös gemeint, den Tod zu verdienen. Laßt ihn gehen; er wird in Zukunft vorsichtiger sein, und mit seinem Tode wär’ doch nichts weiter gut gemacht.“
„Allerdings wird damit gut gemacht,“ riefen indessen einige Stimmen von verschiedenen Seiten her; „die Folgen seines Leichtsinns hätten zu furchtbar sein können, und deshalb verdient er die Strafe.“
„Ja,“ sagte der freiwillige Vertheidiger hier wieder mit ruhiger Stimme; „aber straft Ihr dadurch, daß Ihr +ihn+ richtet, nicht seine unschuldige Frau und Kinder weit mehr als ihn?“
„Und haben wir nicht auch Frau und Kinder?“ riefen andere, aber schon ruhiger als vorher, „und war er nicht auf dem besten Weg unser aller Leben zu riskiren?“
Der Gefangene sagte kein Wort mehr, aber sein Auge fuhr mit neu auflebender Hoffnung im Kreise umher; er wagte kaum zu athmen. Hie und da wurden jetzt noch Einwürfe gegen eine Begnadigung gemacht; der erste Zorn war aber einmal gebrochen, der ersten Rachlust Genüge geschehen, und die in den meisten vorherrschende Gutmüthigkeit, die zwar in dem hitzigen Blut leicht einmal untergehen konnte, aber doch zuletzt immer wieder oben schwamm, siegte endlich. Die Wächter des Gefangenen selber schnitten seine Bande entzwei, und kaum fühlte er seine Arme frei, als er die Hände der ihm nächststehenden griff und sie drückte, und einzelne der wilden Gestalten sogar an die Brust zog, und im Uebermaaß seines Gefühls des neugeschenkten Lebens küßte.
Hiermit hatte aber auch die ganze Revolution ein Ende. Einzelne beschlossen zwar nun, da sie doch einmal so nahe bei Sonora wären, hineinzugehen und den Ort zu besuchen, jetzt in allerdings freundlicherer Absicht, als sie gestern Abend gedacht. Viele mochte auch wohl der Hunger hineintreiben. Die meisten schämten sich aber doch den Ort, wo sie auf so verzweifelte Art angekündigt waren, zu betreten, und entschlossen sich lieber mit leerem Magen den weiten Weg nach Murphys zurückzulegen. Dort mußte außerdem das Gerücht, daß alles Humbug gewesen, schon vor ihnen eingetroffen sein, und je stiller sie wieder in ihre alte Heimath einrückten, und mit je weniger Aufsehen, desto besser war es.
Sie machten sich also ohne weiteres auf den Rückweg, und kamen nach einem tüchtigen Marsch fast sämmtlich noch an dem nämlichen Abend, oder doch vor Tagesanbruch am nächsten Morgen wieder nach Murphys.
Die Franzosen sandten später den Amerikanern eine Art brieflicher Entschuldigung über ihr allerdings gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstoßendes „bewaffnetes Ausrücken,“ und die Amerikaner hatten ein paar „Meetings,“ worin über diesen Gegenstand eine Masse von Anträgen gestellt und nicht ein einziger angenommen wurde. Dabei blieb es aber auch; später lachte man darüber, und der Zug selber erhielt den Namen der „französischen Revolution.“
Eine Nacht in einer Californischen Spielhölle.
Auf der Plaza von San Francisco wogte eine halb geschäftige, halb mäßige Menschenmasse herüber und hinüber. Kaufleute und Mäkler, die Waaren erstehen oder an den Mann bringen wollten; neue Ankömmlinge, frisch von den Schiffen herunter, die in stummem Erstaunen oder lauten Ausrufen der Ueberraschung die Wunder der neuen Welt, des so ganz anders erträumten „Eldorados“ vor und um sich auftauchen sahen, und noch nicht im Stande waren, die in einander fließenden Wirren zu einem festen Ganzen zu gestalten; die wettergebräunten, in Kleidungsstücken arg vernachlässigten, kräftigen Gestalten der aus den Minen zurückgekehrten Goldwäscher, die, den kleinen strammen und schweren Lederbeutel im Gurt, in ruhigem Selbstbewußtsein durch die Straßen schlenderten; und dazwischen der Californische Spanier in seiner bunten Serape und mit den schweren klingenden Sporen, der bezopfte Chinese in seiner dünnen, weiten, blauen Jacke, wie dem, jeden Hemdkragen verschmähenden, nackten Hals -- die Schwärme reinlich und drall gekleidet Matrosen von einem der Amerikanischen Kriegsschiffe in der Bai, Franzosen, Amerikaner, Deutsche, Engländer, Argentiner, Spanier, Südseeländische Indianer, Neger und Mulatten, das Alles drängte und preßte in müßiger Eile auf und ab; Gold die Nadel, um die sich Alles drehte, Gold das Ziel, dem die Masse, welches Vaterland, welche Farbe auch immer, entgegen strebte.
Der erste wilde Rausch war aber vorüber, der die Menschen wie blind und toll hinauf in die Berge jagte, um selber zu sehen, selber zu graben. Die Meisten „~had seen the elephant~“[32] und waren vollkommen befriedigt zurückgekehrt; d. h. sie hatten nicht allein kein Gold oben gefunden, sondern das wenige, was sie mit hinaufgenommen, noch obendrein zugesetzt, und schienen nun zu der Ueberzeugung gelangt zu sein, daß es auch andere Mittel und Wege in Californien gäbe, ihren „~pile~“[33] zu bekommen.
Diese warfen sich jetzt in die Städte und wurden Kaufleute oder Makler, Handarbeiter oder Handwerker, Bootsleute, Straßenarbeiter, Markthelfer, Polizeidiener, Händler, Köche, Holzhacker, Conditoren, Restauranten, Kellner, Commis, kurz Alles, was sich nur denken ließ, um so rasch als möglich Geld zu verdienen und -- dann damit nach Hause zurückzukehren? -- Nein, sondern noch einmal damit in die Minen zu gehen, denn sie „hatten es das erste Mal nicht richtig angefangen.“
Nur +eine+ Klasse Menschen von all den Herübergekommenen dachte nicht daran, weder zu arbeiten noch zu handeln, weder zu kaufen noch zu verkaufen. Mit eigends dazu in den Vereinigten Staaten präparirten falschen Karten, wo ganze Fabriken in diesem Geschäft arbeiten, das innere Blatt durch die Punktirungen auf der Rückseite gleich erkennen zu können, kamen sie nach Californien, und sie thaten Nichts von dem Augenblick an, wo sie das Land, ja das Schiff selber betraten, das sie hinüberführen sollte, als Karten zu mischen und Gold zu zählen oder zu wiegen.
Es waren und sind dies die +privilegirten Spieler+, die ihre Centralmacht in San Francisco selber haben, und von hier aus in Strahlen nach den verschiedenen Minen in +jeder+ Richtung hin ausschießen. Menschen, die mit dem Betrug als Grundlage ihres Geschäfts, Californien betraten, um Gold zu verdienen und reich zu werden, und die fest entschlossen dieser Bahn folgen, und wenn ihnen Mord und Raub dazu helfen müßte.
Werft den Engländern die Deportirten Australiens vor -- sie sind Heilige gegen diesen Auswurf der Amerikanischen Bevölkerung, zu der merkwürdiger Weise keineswegs Engländer und Irländer gehören -- eine +sehr+ kleine Zahl vielleicht ausgenommen. Die verworfensten dieser Spieler und die einzigen in der That, die mit dem schlauen, im Hazardspiel so merkwürdig kaltblütigen Spanier concuriren können, sind Amerikanische „~Boys~,“ wie die Jugend der Städte der Vereinigten Staaten genannt wird.
Von dem prachtvoll ausgestatteten Salon San Franciscos mit seinen üppigen Gemälden und Verzierungen und hunderten von goldbelasteten Tischen, bis zu dem dünnen Zelt in den letzten Bergen oben, wo die Serape, über einen dürftig zusammengenagelten Tisch geworfen, als Spieltuch die Nacht hindurch, und mit dem dämmernden Morgen als Bett und Decke dienen muß, überall sind sie zu finden, jeden Augenblick bereit, dem armen Miner den eben mühsam ausgewaschenen Lohn durch falsches Spiel wieder zu entwenden. Der Spanische Mantel verbirgt dabei das erbeutete Gut sowohl, wie den sechsläufigen Revolver und das scharfe Bowiemesser als Vertheidigungs- oder Angriffswaffe, wie es der Augenblick oder die Aussicht auf Gewinn gerade erfordern.
Doch mit den Minen haben wir es jetzt nicht zu thun; wir sind auf der Plaza von San Francisco, und die Dämmerung ist blitzesschnell hereingebrochen über das Land, wie die Sonne kaum hinter der niederen „~coast range~“ verschwunden und in das Meer getaucht war, um Indien seinen Morgen zu bringen. Aber welch’ reges Leben beginnt da plötzlich in den gewaltigen Gebäuden, die Kearneystreet mit der Plaza abschneiden? -- Weit öffnen sich die mächtigen Flügelthüren, und von einer Masse Astrallampen blendend hell erleuchtet, schwimmt und glüht darin ein Meer von Licht, dem die Menschenmenge fluthend entgegenströmt.
Rechts und links liegen ähnliche Gebäude, aus Backsteinen aufgebaut und mit eisernen Balkonen und Fensterladen, dem nächsten Feuer, das diese Reihen nun schon dreimal in Asche gelegt, trotzig und mit Erfolg die Stirn bieten zu können. Aus allen quillt ein Strom von Licht; aus allen tönt wilde rauschende Musik, in allen wogen dichte Schwärme von Menschen herüber und hinüber, und die Wahl wird dem Schauenden schwer, welches zu betreten. Aber das prachtvollste und großartigste ist jenes dort, über dessen Eingang mit großen goldblitzenden Buchstaben der Name ~El Dorado~ prangt, und noch unentschlossen, ob wir uns in die „Höhle des Löwen“ wagen sollen, läßt uns, die Schwelle einmal betreten, die Neugier nicht mehr zurück, und die nächsten Minuten führen den Neuling, förmlich trunken von Allem was er sieht, in die Mitte des Raumes, ehe er sich dessen selber klar und bewußt ist.
Ein ungeheurer Saal, dessen Decke von zwei Reihen weiß lackirter Säulen getragen wird, breitet sich um uns aus; überall hängen Astrallampen und geben dem Raum fast Tageshelle, und die Wände sind mit üppigen Gemälden geschmückt. Nackende schlafende Frauen zeigen sich dort; badende Nymphen und bacchantische Mädchengestalten; bunte Bilder, die Sinne zu reizen, und darauf berechnet, mit der rauschenden Musik Schaulustige hereinzulocken. Einmal dann im Innern, mögen die goldbeladenen Tische das Ihrige thun, die Fremden zu +halten+. Die Masse, die hereindrängt, achtet auch wahrlich im Anfang nicht auf die Tische, die einzeln zerstreut und nur immer weit genug von einander entfernt sind, um einer Anzahl Menschen zu gestatten, zwischen ihnen zu stehen oder zu sitzen, und zugleich einen Gang für die Auf- und Abwandernden zu lassen. Zu viel des Neuen bietet sich außer dem Spiel, und die Sinne müssen das erst erfassen und verdauen, ehe sie sich mit Andacht dem Spiele selber zuwenden können.
Rechts im Saal, hinter dem langen Ladentisch, steht ein +Mädchen+, ein wirklich lebendiges, junges, recht hübsches und anständig aussehendes Mädchen in schwarzem, enganschließenden Seidenkleid, die zarten weißen Finger mit Ringen bedeckt, dort Thee, Kaffee und Chocolade auszuschenken, wie Kuchen, Confekt und Candy oder andere Näschereien zu verkaufen, während in der anderen Ecke des Saales, hinter einem entsprechenden Tisch ein +Mann+ angestellt ist, Weine und Spirituosen zu verabreichen.
An dem Thee- oder Kuchentisch lehnen aber vier oder fünf lange, ungeschlachte Gestalten und schmachten nach der jungen Dame hinüber, gießen eine Tasse Thee ~à~ ¼ Dollar nach der andern hinunter, um eine passende Entschuldigung zu haben dort zu bleiben, und verderben sich den Magen aus eben dem Grunde an dem süßen Gebäck und den Näschereien, die sie in Gedanken verzehren.
Ein Trupp von Hinterwäldlern steht ein Paar Schritt zurück von dem Tisch, hartnäckig den Weg versperrend, und, allerdings auf billigere Art, den Genuß mit den Schmachtenden theilend. Es sind meist derbe, kräftige Gestalten, in ihre selbstgewebten Stoffe gekleidet, die hier in stummem Staunen all’ das Neue, nie Gesehene anstarren. Sie kommen aber auch +direkt aus dem Wald+. Im fernen Westen der Vereinigten Staaten erzogen, trieb sie der Ruf nach Californien durch die weiten Steppen und über die Felsengebirge. So erreichten sie die Minen, fanden dort im Walde, außer dem Golde, nichts Anderes, als was sie von Jugend auf gekannt: Bäume und Berge, Thäler und Quellen, ein Rindendach zum Schlafen und Wild zum Schießen, und erst, nachdem sie sich etwas verdient, oder auch das Leben voll harter Arbeit in den Bergen satt hatten, stiegen sie in’s Thal hinab, um die berühmte Stadt San Francisco zu besuchen. Daß sie hier staunten, darf ihnen nicht verdacht werden; staunte ja doch der Europäer, der, an großstädtisches Leben gewohnt, kaum etwas Unerwartetes hier zu finden glaubte, und sich jetzt plötzlich mitten in einem Treiben sah, das die tollste, überspannteste Phantasie nicht toller, nicht überspannter sich hätte ausmalen können.
Aber um das Mädchen drehte sich nach und nach der ganze Saal. Wenn auch schon einmal gesehen, sie Alle kehrten noch einmal hierher zurück, und Wenige verlassen den Platz wieder, ohne nicht wenigstens ihren Viertel Dollar für irgend etwas Genießbares oder Ungenießbares da zurückgelassen zu haben. Wäre es auch nur, die Paar Worte mit ihr zu reden die sie sprechen mußte, ihnen den Preis der Waare zu sagen.
Und weshalb? das Mädchen hatte ein recht liebes, freundliches Gesicht und war hübsch gewachsen, sonst aber keinesweges eine besondere Schönheit, und wir brauchen in anderen Städten keine Straße entlang zu gehen, in der wir nicht drei oder vier ebenso hübschen oder hübscheren begegneten, aber -- es war ein weibliches Wesen, mit all der sorgfältigen Sauberkeit gekleidet und ausgestattet, wie sie dieselben wohl zu Hause -- aber seitdem nicht wieder -- gesehen hatten. In ganz San Francisco existirten in jener Zeit nur erst sehr wenig ordentliche Frauen, und diese kamen selten oder nie auf die Straße; die Schiffe brachten fast gar keine, und durch die Prärien kamen nur sehr wenige. Es war ein Staat von Männern, rauh und kräftig, wüst und verwildert, -- Männer, meist alle mit den geladenen Waffen in den Taschen, oder im Gürtel unter Jagdhemd und Rock, die sich viele lange Monate in Wald und Wildniß herumgeschlagen nur mit ihres Gleichen, und die nun nach langem mühseligen Marsche, nach schwerer Arbeit in den Bergen, nach Kämpfen vielleicht mit den gereizten Eingeborenen, oder auch nach langer monotoner Seefahrt, zum ersten Mal wieder ein freundliches Mädchengesicht in einem reich eingerichteten, hell erleuchteten Hause -- hinter Geschirr und Tassen sahen. Kein Wunder, daß sie eine Weile dabei stehen blieben, um sich satt zu schauen an den freundlichen und doch so dunklen Augen, und dann vielleicht seufzend weiter gingen. Sie seufzten nicht des fremden Mädchens wegen, das da aufgeputzt hinter dem Laden- oder Schenktisch stand, sondern die eigene Heimath, Alles, was sie dort zurückgelassen, fiel ihnen dabei ein, und um das Gefühl wieder abzuschütteln, wandten sie sich zu den Bildern oder Spieltischen.