Buddenbrooks: Verfall einer Familie

Part 61

Chapter 613,626 wordsPublic domain

Seine Stimme brach sich beim Sprechen, merklich im Wechseln begriffen, was bei seinem Freunde noch nicht der Fall war. Er war in gleichem Maße gewachsen wie dieser, aber sonst war er ganz und gar derselbe geblieben. Immer noch trug er einen Anzug von unbestimmter Farbe, an dem hie und da ein Knopf fehlte, und dessen Gesäß von einem großen Flicken gebildet ward. Immer noch waren seine Hände nicht ganz reinlich, aber schmal und außerordentlich edel gebildet, mit langen, schlanken Fingern und spitz zulaufenden Nägeln. Und immer noch fiel sein flüchtig in der Mitte gescheiteltes, rötlich gelbes Haar in eine alabasterweiße und makellose Stirn, unter welcher, tief und scharf zugleich, die hellblauen Augen blitzten ... Der Gegensatz zwischen seiner arg vernachlässigten Toilette und der Rassereinheit dieses zartknochigen Gesichts mit der ganz leicht gebogenen Nase und der ein wenig geschürzten Oberlippe sprang jetzt noch mehr in die Augen als ehemals.

»Nein, Kai«, sagte Hanno mit verzogenem Munde und indem er eine Hand in der Gegend des Herzens umherbewegte, »wie kannst du mich dermaßen erschrecken! Warum bist du hier oben? Warum hast du dich versteckt? Bist du auch zu spät gekommen?«

»Bewahre«, antwortete Kai. »Ich bin schon lange hier ... Am Montagmorgen kann man es ja nicht erwarten, endlich wieder in die Anstalt zu gelangen, wie du selbst am besten weißt, mein Lieber ... Nein, ich bin nur zum Spaß hier oben geblieben. Der tiefe Oberlehrer hatte die Aufsicht und achtete es nicht für Raub, das Volk zur Andacht hinunterzutreiben. Da machte ich es so, daß ich mich immer dicht hinter seinem Rücken hielt ... Wie er sich auch drehte und um sich lugte, der Mystiker, ich war immer dicht hinter seinem Rücken, bis er wegging, und so konnte ich oben bleiben ... Aber du«, sagte er mitleidig und setzte sich mit einer zärtlichen Bewegung neben Hanno auf die Bank ... »Du hast rennen müssen, wie? Armer! Du siehst ganz verhetzt aus. Das Haar klebt dir ja an den Schläfen ...« Und er nahm ein Lineal vom Tische und lockerte damit, ernst und sorgsam, das Haar des kleinen Johann. »Du hast also die Zeit verschlafen?... Übrigens sitze ich hier auf Adolf Todtenhaupts Platz«, unterbrach er sich und blickte um sich, »auf des Primus geweihtem Platze! Nun, für diesmal macht es wohl nichts ... Du hast also die Zeit verschlafen?«

Hanno hatte sein Gesicht wieder auf die gekreuzten Arme gebettet. »Ich war ja im Theater gestern Abend«, sagte er nach einem schweren Seufzer.

»Oh, richtig, das hatte ich vergessen!... War es so schön?«

Kai bekam keine Antwort.

»Du hast es doch gut«, fuhr er überredend fort, »das solltest du bedenken, Hanno. Sieh, ich bin noch nie im Theater gewesen, und es besteht auf lange Jahre hinaus nicht die geringste Aussicht, daß ich jemals hineinkomme ...«

»Wenn nur der Katzenjammer nicht wäre«, sagte Hanno gepreßt.

»Ja, den Zustand kenne ich ohnehin.« Und Kai bückte sich nach dem Hut und dem Überzieher seines Freundes, die neben der Bank auf dem Boden lagen, nahm die Sachen und trug sie leise auf den Korridor hinaus.

»Dann hast du die Metamorphosenverse wohl nicht sehr genau im Kopfe?« fragte er, als er wieder hereinkam.

»Nein«, sagte Hanno.

»Oder bist du vielleicht auf das Geographie-Extemporale präpariert?«

»Ich bin gar nichts und kann gar nichts«, sagte Hanno.

»Also auch nicht Chemie und Englisch! _All right!_ Wir sind Herzensfreunde und Waffenbrüder!« Kai war sichtlich erleichtert. »Ich bin in genau derselben Lage«, erklärte er munter. »Ich habe am Sonnabend nicht gearbeitet, weil morgen Sonntag war, und am Sonntag nicht, aus Pietät ... Nein, Unsinn ... hauptsächlich, weil ich etwas Besseres zu arbeiten hatte, natürlich«, sagte er mit plötzlichem Ernst, indem eine leichte Röte sein Gesicht überflog. »Ja, heute kann es vergnüglich werden, Hanno.«

»Wenn ich noch einen Tadel bekomme«, sagte der kleine Johann, »so bleibe ich sitzen; und den bekomme ich sicher, wenn er mich im Lateinischen darannimmt. Der Buchstabe B ist an der Reihe, Kai, das ist nicht aus der Welt zu schaffen ...«

»Warten wir's ab! Ha, Cäsar geht aus. Mir haben stets Gefahren im Rücken nur gedroht; wenn sie die Stirn des Cäsar werden sehen ...« Aber Kai kam mit seiner Deklamation nicht zu Ende. Es war ihm ebenfalls sehr schlecht zumute. Er ging zum Katheder, setzte sich darauf und fing an, sich mit finsterer Miene in dem Armstuhl zu schaukeln. Hanno Buddenbrook ließ seine Stirn noch immer auf den gekreuzten Armen ruhen. So saßen sie sich eine Weile schweigend gegenüber.

Plötzlich klang irgendwo in weiter Ferne ein dumpfes Summen auf, das schnell zum Brausen ward und sich binnen einer halben Minute bedrohlich heranwälzte ...

»Das Volk«, sagte Kai erbittert. »Herr, mein Gott, wie rasch sie fertig sind! Nicht einmal um zehn Minuten ist die Stunde kürzer geworden ...«

Er stieg vom Katheder hinab und begab sich zur Tür, um sich unter die Hereinkommenden zu mischen. Was Hanno betraf, so erhob er nur einen Augenblick den Kopf, verzog den Mund und blieb einfach sitzen.

Es kam heran, mit Schlürfen, Stampfen und einem Gewirr von männlichen Stimmen, Diskanten und sich überschlagenden Wechselorganen, flutete über die Treppen herauf, ergoß sich über den Korridor und strömte auch in dieses Zimmer, das plötzlich von Leben, Bewegung und Geräusch erfüllt ward. Sie kamen herein, die jungen Leute, die Kameraden Hannos und Kais, die Realuntersekundaner, etwa fünfundzwanzig an der Zahl, schlenderten, die Hände in den Hosentaschen oder mit den Armen schlenkernd an ihre Plätze und schlugen ihre Bibeln auf. Es waren da angenehme und konfiszierte Physiognomien, solche, die wohl und gesund, und andere, die bedenklich aussahen, lange, starke Schlingel, die demnächst Kaufleute werden oder gar zur See gehen wollten und sich um gar nichts mehr kümmerten, und kleine, über ihr Alter hinaus vorgeschrittene Streber, die in den Fächern brillierten, in denen es auswendig zu lernen galt. Adolf Todtenhaupt aber, der Primus, wußte alles; er war seiner Lebtage noch nicht eine Antwort schuldig geblieben. Das lag zum Teil an seinem stillen, leidenschaftlichen Fleiße, zum Teil daran, daß die Lehrer sich hüteten, ihn etwas zu fragen, was er vielleicht nicht hätte wissen können. Es hätte sie schmerzlich berührt und beschämt, es hätte sie in ihrem Glauben an menschliche Vollkommenheit erschüttert, ein Verstummen Adolf Todtenhaupts zu erleben ... Er besaß einen merkwürdig gebuckelten Schädel, dem das blonde Haar spiegelglatt angeklebt war, graue, schwarz umringte Augen und lange, braune Hände, die aus den zu kurzen Ärmeln seiner sauber gebürsteten Jacke hervorsahen. Er setzte sich neben Hanno Buddenbrook, lächelte sanft und ein wenig tückisch und bot dem Nachbar einen Guten Morgen, wobei er sich dem herrschenden Jargon anbequemte, der das Wort zu einem kecken und nachlässigen Laute verzerrte. Dann begann er, während um ihn her alles halblaut plauderte, sich präparierte, gähnte und lachte, stillschweigend in dem Klassenbuch zu arbeiten, indem er die Feder auf unvergleichlich korrekte Art mit schlank und gerade ausgestreckten Fingern handhabte.

Nach Verlauf von zwei Minuten wurden draußen Schritte laut, die Inhaber der vorderen Bänke erhoben sich ohne Eile von ihren Plätzen, und weiter hinten folgte dieser und jener ihrem Beispiel, während andere sich in ihren Beschäftigungen nicht stören ließen und kaum Notiz davon nahmen, daß Herr Oberlehrer Ballerstedt ins Zimmer kam, seinen Hut an die Tür hängte und sich zum Katheder begab.

Er war ein Vierziger von sympathischem Embonpoint, mit großer Glatze, rötlichgelbem, kurz gehaltenem Vollbart, rosigem Teint und einem Mischausdruck von Salbung und behaglicher Sinnlichkeit um die feuchten Lippen. Er nahm sein Notizbuch zur Hand und blätterte schweigend darin; da aber die Ruhe in der Klasse vieles zu wünschen übrig ließ, erhob er den Kopf, streckte den Arm auf der Pultplatte aus und bewegte, während sein Gesicht langsam so dunkelrot anschwoll, daß sein Bart hellgelb erschien, seine schwache und weiße Faust ein paarmal kraftlos auf und nieder, wobei seine Lippen eine halbe Minute lang krampfhaft und fruchtlos arbeiteten, um schließlich nichts hervorzubringen als ein kurzes, gepreßtes und ächzendes »Nun ...« Dann rang er noch eine Weile nach ferneren Ausdrücken des Tadels, wandte sich schließlich wieder seinem Notizbuch zu, schwoll ab und gab sich zufrieden. Dies war so Oberlehrer Ballerstedts Art und Weise.

Er hatte ehemals Prediger werden wollen, war dann jedoch durch seine Neigung zum Stottern wie durch seinen Hang zu weltlichem Wohlleben bestimmt worden, sich lieber der Pädagogik zuzuwenden. Er war Junggeselle, besaß einiges Vermögen, trug einen kleinen Brillanten am Finger und war dem Essen und Trinken herzlich zugetan. Er war derjenige Oberlehrer, der nur dienstlich mit seinen Standesgenossen, im übrigen aber vorwiegend mit der unverheirateten kaufmännischen Lebewelt der Stadt, ja auch mit den Offizieren der Garnison verkehrte, täglich zweimal im ersten Gasthause speiste und Mitglied des »Klubs« war. Begegnete er größeren Schülern nachts um zwei oder drei Uhr irgendwo in der Stadt, so schwoll er an, brachte einen »Guten Morgen« zustande und ließ die Sache für beide Teile auf sich beruhen ... Hanno Buddenbrook hatte nichts von ihm zu befürchten und wurde fast nie von ihm gefragt. Der Oberlehrer hatte sich mit seinem Onkel Christian allzuoft in allzurein menschlicher Weise zusammengefunden, als daß es ihn hätte freuen können, mit dem Neffen in dienstliche Konflikte zu geraten ...

»Nun ...« sagte er abermals, sah in der Klasse umher, bewegte wieder seine schwach geballte Faust mit dem kleinen Brillanten und blickte in sein Notizbuch. »Perlemann. Die Übersicht.«

Irgendwo in der Klasse erhob sich Perlemann. Man merkte es kaum, daß er emporstieg. Es war einer von den Kleinen, Vorgeschrittenen. »Die Übersicht«, sagte er leise und artig, indem er mit ängstlichem Lächeln den Kopf vorstreckte. »Das Buch Hiob zerfällt in drei Teile. Erstens der Zustand Hiobs, ehe er in das Kreuz oder Züchtigung des Herrn geraten; Kapitel _I_, Vers eins bis sechs. Zweitens das Kreuz selbst und was sich dabei zugetragen; Kapitel ...«

»Es war richtig, Perlemann«, unterbrach ihn Herr Ballerstedt, gerührt von soviel zager Willfährigkeit, und schrieb eine gute Note in sein Taschenbuch. »Heinricy, fahren Sie fort.«

Heinricy war einer von den langen Schlingeln, die sich um gar nichts mehr kümmerten. Er schob das griffeste Messer, mit dem er sich beschäftigt hatte, in die Hosentasche, stand geräuschvoll auf, ließ die Unterlippe hängen und räusperte sich mit rauher und roher Männerstimme. Alle waren unzufrieden, daß nun er statt des sanften Perlemann an die Reihe kam. Die Schüler träumten und brüteten in der warmen Stube unter den leise sausenden Gasflammen im Halbschlafe vor sich hin. Alle waren müde vom Sonntag, und alle waren an dem kalten Nebelmorgen seufzend und mit klappernden Zähnen aus den warmen Betten gekrochen. Jedem wäre es lieb gewesen, wenn der kleine Perlemann die ganze Stunde lang weitergesäuselt hätte, während Heinricy nun sicherlich Streit machen würde ...

»Ich habe gefehlt, als dies durchgenommen wurde«, sagte er mit grober Betonung.

Herr Ballerstedt schwoll an, er bewegte seine schwache Faust, arbeitete mit den Lippen und starrte dem jungen Heinricy mit emporgezogenen Augenbrauen ins Gesicht. Sein dunkelroter Kopf zitterte vor ringender Anstrengung, bis er schließlich ein »Nun ...« hervorzustoßen vermochte, womit der Bann gebrochen und das Spiel gewonnen war. »Von Ihnen ist nie eine Leistung zu erlangen«, fuhr er mit Leichtigkeit und Redegewandtheit fort, »und immer haben Sie eine Entschuldigung bei der Hand, Heinricy. Wenn Sie vorige Stunde krank waren, so hätten Sie sich doch in diesen Tagen sehr wohl über das durchgenommene Pensum unterrichten können, und wenn der erste Teil vom Zustande vor dem Kreuze und der zweite vom Kreuze selbst handelt, so könnten Sie sich am Ende an den Fingern abzählen, daß der dritte Teil den Zustand =nach= vorbesagtem Jammer betrifft. Aber es fehlt Ihnen an der rechten Hingebung, und Sie sind nicht allein ein schwacher Mensch, Sie sind auch immer bereit, ihre Schwäche zu beschönigen und zu verteidigen. Merken Sie sich aber, daß, solange dies der Fall, an eine Erhebung und Besserung nicht zu denken ist, Heinricy. Setzen Sie sich. Wasservogel, fahren Sie fort.«

Heinricy, dickfellig und trotzig, setzte sich mit Scharren und Knarren, raunte seinem Nachbar eine Frechheit zu und zog sein griffestes Messer wieder hervor. Der Schüler Wasservogel stand auf, ein Junge mit entzündeten Augen, aufgestülpter Nase, abstehenden Ohren und zerkauten Fingernägeln. Er vollendete mit weichlicher Quetschstimme die »Übersicht« und fing an, von Hiob, dem Manne im Lande Uz, zu erzählen, und was sich mit ihm begeben. Er hatte das Alte Testament hinter dem Rücken seines Vordermannes aufgeschlagen, las darin mit dem Ausdruck vollendeter Unschuld und hingebender Nachdenklichkeit, starrte dann auf einen Punkt der Wand und sprach, indem er das Erschaute unter Stocken und quäkendem Husten in ein hilfloses, modernes Deutsch übersetzte ... Er hatte etwas äußerst Widerliches an sich, aber Herr Ballerstedt lobte ihn sehr für alle seine Bemühungen. Der Schüler Wasservogel hatte es insofern gut im Leben, als die meisten Lehrer ihn gern und über seine Verdienste lobten, um ihm, sich selbst und den anderen zu zeigen, daß sie sich durch seine Häßlichkeit keineswegs zur Ungerechtigkeit verführen ließen ...

Und die Religionstunde nahm ihren Fortgang. Verschiedene junge Leute wurden noch aufgerufen, um sich über ihr Wissen um Hiob, den Mann im Lande Uz, auszuweisen, und Gottlieb Kaßbaum, Sohn des verunglückten Großkaufmanns Kaßbaum, erhielt trotz seiner zerrütteten Familienverhältnisse eine vorzügliche Note, weil er mit Genauigkeit feststellen konnte, daß Hiob an Vieh siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder, fünfhundert Esel und sehr viel Gesindes besessen habe.

Dann durften die Bibeln aufgeschlagen werden, die meistens schon aufgeschlagen waren, und man fuhr mit Lesen fort. Kam eine Stelle, die Herrn Ballerstedt der Erläuterung bedürftig erschien, so schwoll er an, sagte »Nun ...« und hielt nach den üblichen Vorbereitungen einen kleinen mit allgemeinen moralischen Betrachtungen untermischten Vortrag über den fraglichen Punkt. Kein Mensch hörte ihm zu. Friede und Schläfrigkeit herrschten im Zimmer. Die Hitze war durch die beständig arbeitende Heizung und die Gaslampen schon ziemlich stark geworden und die Luft durch diese fünfundzwanzig atmenden und dünstenden Körper schon ziemlich verdorben. Die Wärme, das gelinde Sausen der Flammen und die monotone Stimme des Vorlesenden legten sich um die gelangweilten Gehirne und lullten sie in dumpfe Traumseligkeit. Kai Graf Mölln hatte außer seiner Bibel auch die »Unbegreiflichen Ereignisse und geheimnisvollen Taten« von Edgar Allan Poe vor sich aufgeschlagen und las darin, den Kopf in die aristokratische und nicht ganz saubere Hand gestützt. Hanno Buddenbrook saß zurückgelehnt und zusammengesunken und blickte mit schlaffem Munde und schwimmenden, heißen Augen auf das Buch Hiob, dessen Zeilen und Buchstaben zu einem schwärzlichen Gewimmel verschwammen. Manchmal, wenn er sich des Gralmotives oder des Ganges zum Münster erinnerte, senkte er langsam die Lider und fühlte ein innerliches Schluchzen. Und sein Herz betete, es möchte möglich sein, daß diese gefahrlose und friedevolle Morgenstunde niemals ein Ende nähme.

Und dennoch kam es, wie es in der Ordnung der Dinge lag, und der schrill heulende Klang der Kustosglocke, der durch die Korridore gellte und hallte, riß die fünfundzwanzig Gehirne aus ihrem warmen Dämmern.

»So weit!« sagte Herr Ballerstedt und ließ sich das Klassenbuch reichen, um darin mit seinem Namenszeichen zu bescheinigen, daß er diese Stunde seines Amtes gewaltet.

Hanno Buddenbrook schloß seine Bibel und reckte sich zitternd und mit nervösem Gähnen; als er aber die Arme senkte und die Glieder abspannte, mußte er eilig und mühsam aufatmen, um sein Herz, das einen Augenblick schwach und wankend den Dienst versagte, ein wenig in Takt zu bringen. Jetzt kam das Lateinische ... Er warf einen hilfesuchenden Seitenblick zu Kai hinüber, der das Ende der Stunde gar nicht bemerkt zu haben schien und immer noch in Versunkenheit seiner Privatlektüre oblag, zog den in marmorierte Pappe gebundenen Ovid aus seiner Mappe und schlug die Verse auf, die für heute auswendig zu lernen waren ... Nein, es gab keine Hoffnung, diese schwarzen Zeilen, die sich, mit Bleistiftzeichen versehen, schnurgerade und zu fünfen numeriert aneinanderreihten und ihn so hoffnungslos dunkel und unbekannt anstarrten, sich jetzt noch ein wenig vertraut zu machen. Er verstand kaum ihren Sinn, geschweige denn hätte er eine einzige davon aus dem Kopfe hersagen können. Und von denjenigen, die sich daran schlossen und die für heute zu präparieren waren, enträtselte er nicht ein Sätzchen.

»Was heißt denn `_deciderant, patula Jovis arbore, glandes_´?« wandte er sich mit verzweifelter Stimme an Adolf Todtenhaupt, der neben ihm im Klassenbuch arbeitete. »Das ist ja alles Unsinn! Nur um einen zu schikanieren ...«

»Wie?« sagte Todtenhaupt und fuhr fort, zu schreiben ... »Die Eicheln vom Baum des Jupiter ... Das ist die Eiche ... Ja, ich weiß selbst nicht recht ...«

»Sage mir nur ein bißchen zu, Todtenhaupt, wenn ich darankomme!« bat Hanno und schob das Buch von sich. Dann, nachdem er mit düsterem Blick des Primus unachtsames und unverbindliches Nicken betrachtet hatte, schob er sich seitwärts aus der Bank hinaus und stand auf.

Die Situation hatte sich verändert. Herr Ballerstedt hatte das Zimmer verlassen, und statt seiner stand jetzt am Katheder, ganz gerade und stramm, ein kleines, schwaches und ausgemergeltes Männchen mit dünnem weißen Bart, dessen rotes Hälschen aus einem engen Klappkragen hervorragte, und das mit dem einen seiner weißbehaarten Händchen seinen Zylinder, die Öffnung nach oben, vor sich hinhielt. Es führte bei den Schülern den Namen »die Spinne« und hieß in Wirklichkeit Professor Hückopp. Da ihm während dieser Pause auf dem Korridor die Aufsicht zuerteilt war, hatte es auch in den Klassenzimmern nach dem Rechten zu sehen ... »Die Lampen aus! Die Vorhänge auf! Die Fenster auf!« sagte es, indem es seinem Stimmchen soviel Kommandokraft wie möglich gab und mit unbeholfen energischer Geste seinen Arm in der Luft bewegte, als drehe es eine Kurbel ... »Und alles hinunter, hinaus in die frische Luft, potztausendnochmal dazu!«

Die Lampen verloschen, die Vorhänge flogen empor, das fahle Tageslicht erfüllte das Zimmer, und die kalte Nebelluft stürzte durch die breiten Fenster herein, während die Untersekundaner sich an Professor Hückopp vorbei zum Ausgange schoben; nur der Primus durfte hier oben bleiben.

Hanno und Kai trafen an der Tür zusammen und gingen nebeneinander die komfortable Treppe hinunter und drunten über die stilvollen Vorplätze. Sie schwiegen beide. Hanno sah jämmerlich elend aus und Kai war in Gedanken. Auf dem großen Hofe angelangt, begannen sie auf und nieder zu wandern, inmitten der Menge von Kameraden verschiedenen Alters, die sich auf den feuchtroten Fliesen geräuschvoll durcheinander bewegten.

Ein noch jugendlicher Herr mit blondem Spitzbart führte hier unten die Aufsicht. Dies war der feine Oberlehrer. Er hieß Doktor Goldener und unterhielt ein Knabenpensionat, das von reichen und adeligen Gutsbesitzerssöhnen aus Holstein und Mecklenburg besucht war. Beeinflußt von den feudalen jungen Leuten, die seiner Hut empfohlen waren, pflegte er sein Äußeres in einer Weise, wie sie unter seinen Kollegen gänzlich ungebräuchlich war. Er trug buntseidene Krawatten, ein stutzerhaftes Röckchen, zartfarbene Beinkleider, die mit Strippen unter den Sohlen befestigt waren, und parfümierte Taschentücher mit farbigen Borten. Bescheidener Leute Kind wie er war, stand ihm solcher Prunk eigentlich gar nicht zu Gesicht, und seine großmächtigen Füße zum Beispiel nahmen sich in den spitz zulaufenden Knöpfstiefeln ziemlich lächerlich aus. Unbegreiflicherweise war er eitel auf seine plumpen und roten Hände, die er unaufhörlich aneinanderrieb, ineinanderschlang und liebevoll prüfend betrachtete. Er pflegte seinen Kopf schräg zurückgelehnt zu tragen und mit blinzelnden Augen, gekrauster Nase und halboffenem Munde beständig ein Gesicht zu schneiden, als sei er im Begriffe, zu sagen: »Was ist denn nun schon wieder los?« ... Dennoch war er zu vornehm, um nicht alle kleinen Unerlaubtheiten auf distinguierte Art zu übersehen, die sich etwa auf dem Hofe ereigneten. Er übersah, daß dieser oder jener Schüler ein Buch mit sich heruntergebracht hatte, um sich im letzten Augenblick ein wenig zu präparieren, übersah, daß seine Pensionäre Herrn Schlemiel, dem Kustos, Geld einhändigten, um sich Bäckereien holen zu lassen, daß hier eine kleine Kraftprobe zwischen zwei Tertianern in eine Prügelei ausartete, um die sich sofort ein Ring von Sachverständigen bildete, und daß dort hinten jemand, der auf irgendeine Weise eine unkameradschaftliche, feige oder unehrenhafte Gesinnung an den Tag gelegt hatte, von seinen Klassengenossen zwangsweise zur Pumpe befördert wurde, um zu seiner Schande mit Wasser begossen zu werden ...

Es war ein wackeres und ein bißchen ungehobeltes Geschlecht, die laute Menge, in der Kai und Hanno hin und wider wanderten. Herangewachsen in der Luft eines kriegerisch siegreichen und verjüngten Vaterlandes, huldigte man Sitten von rauher Männlichkeit. Man redete in einem Jargon, der zugleich salopp und schneidig war und von technischen Ausdrücken wimmelte. Trink- und Rauchtüchtigkeit, Körperstärke und Turnertugend standen sehr hoch in der Schätzung, und die verächtlichsten Laster waren Weichlichkeit und Geckenhaftigkeit. Wer mit emporgeklapptem Rockkragen getroffen wurde, durfte der Pumpe gewärtig sein. Wer sich aber gar auf der Straße mit einem Spazierstock hatte sehen lassen, an dem wurde in der Turnhalle auf ebenso schimpfliche wie schmerzhafte Art eine öffentliche Züchtigung vollzogen ...

Das, was Hanno und Kai miteinander sprachen, ging fremd und sonderbar in dem Stimmengewirr unter, das die kalte und feuchte Luft erfüllte. Diese Freundschaft war seit langem in der ganzen Schule bekannt. Die Lehrer duldeten sie mit Übelwollen, weil sie Unrat und Opposition dahinter vermuteten, und die Kameraden, außerstande, ihr Wesen zu enträtseln, hatten sich gewöhnt, sie mit einem gewissen scheuen Widerwillen gelten zu lassen und diese beiden Genossen als _outlaws_ und fremdartige Sonderlinge zu betrachten, die man sich selbst überlassen mußte ... Übrigens genoß Kai Graf Mölln eines gewissen Respekts wegen der Wildheit und zügellosen Unbotmäßigkeit, die man an ihm kannte. Was aber Hanno Buddenbrook betraf, so konnte selbst der große Heinricy, der doch alle Welt prügelte, sich nicht entschließen, wegen Geckenhaftigkeit und Feigheit Hand an ihn zu legen, aus unbestimmter Furcht vor der Weichheit seines Haares, vor der Zartheit seiner Glieder, vor seinem trüben, scheuen und kalten Blick ...

»Ich habe Angst«, sagte Hanno zu Kai, indem er an der einen Seitenwand des Hofes stehenblieb, sich gegen die Mauer lehnte und mit fröstelndem Gähnen seine Jacke fester zusammenzog ... »Ich habe eine unsinnige Angst, Kai, sie tut mir überall weh im Körper. Ist nun Herr Mantelsack der Mann, vor dem man sich derartig fürchten dürfte? Sage selbst! Wenn diese widerliche Ovidstunde erst vorüber wäre! Wenn ich meinen Tadel im Klassenbuch hätte und sitzenbliebe und alles in Ordnung wäre! Ich fürchte mich nicht =davor=, ich fürchte mich vor dem Eklat, der damit verbunden ist ...«

Kai verfiel in Gedanken. »Dieser Roderich Usher ist die wundervollste Figur, die je erfunden worden ist!« sagte er schnell und unvermittelt. »Ich habe eben die ganze Stunde gelesen ... Wenn ich jemals eine so gute Geschichte schreiben könnte!«