Buddenbrooks: Verfall einer Familie

Part 58

Chapter 583,663 wordsPublic domain

In der Breiten Straße herrschte um Mittag reger Verkehr. Schulkinder, die Ränzel auf dem Rücken, kamen daher, erfüllten die Luft mit Lachen und Geplapper und warfen einander mit dem halb zertauten Schnee. Junge Kaufmannslehrlinge aus guter Familie, mit dänischen Schiffermützen oder elegant nach englischer Mode gekleidet, Portefeuilles in den Händen, gingen nicht ohne Würde vorüber, stolz, dem Realgymnasium entronnen zu sein. Gesetzte, graubärtige und höchlichst verdiente Bürger stießen mit dem Gesichtsausdruck unerschütterlich nationalliberaler Gesinnung ihre Spazierstöcke vor sich her und blickten aufmerksam zu der Glasurziegelfassade des Rathauses hinüber, an dessen Portal die Doppelwache aufgezogen war. Denn der Senat war versammelt. Die beiden Infanteristen schritten in ihren Mänteln, das Gewehr auf der Schulter, die ihnen zugemessene Strecke ab, indem sie kaltblütig durch die kotige und halbflüssige Schneemasse am Boden stampften. Sie begegneten sich in der Mitte vorm Eingang, sahen sich an, wechselten ein Wort und gingen nach beiden Seiten wieder auseinander. Manchmal, wenn mit emporgeklapptem Paletotkragen und beide Hände in den Taschen, ein Offizier sich näherte, der den Spuren irgendeines Mamsellchens folgte und sich gleichzeitig von den jungen Damen aus großem Hause bewundern ließ, stellte sich jeder vor sein Schilderhaus, besah sich selbst von oben bis unten und präsentierte ... Es hatte noch gute Weile, bis sie den Senatoren beim Herauskommen zu salutieren haben würden. Die Sitzung dauerte erst drei Viertelstunden. Sie würden wohl vorher noch abgelöst werden ...

Da aber, plötzlich, vernahm der eine der beiden Soldaten ein kurzes, diskretes Zischen im Innern des Gebäudes, und im selben Augenblick leuchtete im Portal der rote Frack des Ratsdieners Uhlefeldt auf, welcher mit Dreispitz und Galanteriedegen, in äußerster Geschäftigkeit zum Vorschein kam, ein leises »Achtung!« hervorstieß und sich eilfertig wieder zurückzog, während drinnen auf den hallenden Fliesen schon nahende Schritte sich hören ließen ...

Die Infanteristen machten Front, sie zogen die Absätze zusammen, steiften das Genick, blähten die Brust, setzten das Gewehr bei Fuß und präsentierten es mit ein paar prompt zusammenklappenden Griffen. Zwischen ihnen hindurch schritt ziemlich geschwind, mit gelüftetem Zylinder, ein kaum mittelgroßer Herr, der eine seiner hellen Brauen ein wenig emporgezogen hielt, und dessen weißliche Wangen von den lang ausgezogenen Schnurrbartspitzen überragt wurden. Senator Thomas Buddenbrook verließ heute lange vor Schluß der Sitzung das Rathaus.

Er bog rechts ab und schlug also nicht den Weg zu seinem Hause ein. Korrekt, tadellos sauber und elegant ging er mit dem etwas hüpfenden Schritte, der ihm eigen war, die Breite Straße entlang, indem er beständig nach allen Seiten zu grüßen hatte. Er trug weiße Glacéhandschuhe und hielt seinen Stock mit silberner Krücke unter dem linken Arm. Hinter den dicken Revers seines Pelzes sah man die weiße Frackkrawatte. Aber sein sorgfältig hergerichteter Kopf sah übernächtig aus. Verschiedene Leute bemerkten im Vorübergehen, daß ihm plötzlich die Tränen in die geröteten Augen stiegen, und daß er die Lippen auf eine ganz sonderbare, behutsame und verzerrte Weise geschlossen hielt. Manchmal schluckte er hinunter, als habe sein Mund sich mit Flüssigkeit gefüllt; und dann konnte man an den Bewegungen der Muskeln an Wangen und Schläfen beobachten, daß er die Kiefer zusammenbiß.

»Was nun, Buddenbrook, du schwänzst die Sitzung? Das ist mal was Neues!« sagte am Anfang der Mühlenstraße jemand zu ihm, den er nicht hatte kommen sehen. Es war Stephan Kistenmaker, der plötzlich vor ihm stand, sein Freund und Bewunderer, der sich in öffentlichen Fragen jede seiner Meinungen zu eigen machte. Er besaß einen rundgeschnittenen, ergrauenden Vollbart, furchtbar dicke Augenbrauen und eine lange, poröse Nase. Vor ein paar Jahren hatte er sich, nachdem er ein gutes Stück Geld verdient, von dem Weingeschäft zurückgezogen, das nun sein Bruder Eduard auf eigene Hand weiterführte. Seitdem lebte er als Privatier; da er sich dieses Standes im Grunde aber ein wenig schämte, so tat er beständig, als habe er unüberwindlich viel zu tun. »Ich reibe mich auf!« sagte er und strich mit der Hand über seinen grauen, mit der Brennschere gewellten Scheitel. »Aber wozu ist der Mensch auf der Welt, als um sich aufzureiben?« Stundenlang stand er mit wichtigen Gebärden an der Börse, ohne dort das geringste zu suchen zu haben. Er bekleidete eine Menge von gleichgültigen Ämtern. Kürzlich hatte er sich zum Direktor der Städtischen Badeanstalt gemacht. Er fungierte emsig als Geschworener, als Makler, als Testamentsvollstrecker und wischte sich den Schweiß von der Stirn ...

»Es ist doch Sitzung, Buddenbrook«, wiederholte er, »und du gehst spazieren?«

»Ach, du bist es«, sagte der Senator leise und mit widerwillig sich bewegenden Lippen ... »Ich kann minutenlang nichts sehen. Ich habe wahnsinnige Schmerzen.«

»Schmerzen? Wo?«

»Zahnschmerzen. Seit gestern schon. Ich habe in der Nacht kein Auge zugetan ... Ich war noch nicht beim Arzt, weil ich heute vormittag im Geschäft zu tun hatte und dann die Sitzung nicht versäumen wollte. Nun konnte ich es doch nicht aushalten und bin auf dem Wege zu Brecht ...«

»Wo sitzt es denn?«

»Hier unten links ... Ein Backenzahn ... Er ist natürlich hohl ... Es ist unerträglich ... Adieu, Kistenmaker! Du begreifst, daß ich Eile habe ...«

»Ja, meinst du, daß ich =keine= habe? Fürchterlich viel zu tun ... Adieu! Gute Besserung übrigens! Laß ihn ausziehen! Immer gleich raus damit, das ist das beste ...«

Thomas Buddenbrook ging weiter und biß die Kiefer zusammen, obgleich dies die Sache nur verschlimmerte. Es war ein wilder, brennender und bohrender Schmerz, eine boshafte Pein, die sich von einem kranken Backenzahn aus der ganzen linken Seite des Unterkiefers bemächtigt hatte. Die Entzündung pochte darin mit glühenden Hämmerchen und machte, daß ihm die Fieberhitze ins Gesicht und die Tränen in die Augen schossen. Die schlaflose Nacht hatte seine Nerven schrecklich angegriffen. Er hatte sich eben beim Sprechen zusammennehmen müssen, damit seine Stimme sich nicht breche.

In der Mühlenstraße betrat er ein mit gelbbrauner Ölfarbe gestrichenes Haus und stieg zum ersten Stockwerk empor, woselbst an der Tür auf einem Messingschild »Zahnarzt Brecht« zu lesen war. Er sah das Dienstmädchen nicht, das ihm öffnete. Auf dem Korridor roch es warm nach Beefsteak und Blumenkohl. Dann plötzlich atmete er die scharfriechende Luft des Wartezimmers, in das man ihn nötigte. »Nehmen Sie Platz ... einen Momang!« schrie die Stimme eines alten Weibes. Es war Josephus, der im Hintergrunde des Raumes in seinem blanken Bauer saß und ihm mit kleinen, giftigen Augen schief und tückisch entgegenstarrte.

Der Senator setzte sich an den runden Tisch und versuchte, die Witze in einem Band »Fliegender Blätter« auf sich wirken zu lassen, schlug dann aber das Buch mit Ekel zu, drückte das kühle Silber seiner Stockkrücke gegen die Wange, schloß seine brennenden Augen und stöhnte. Rings war alles still, und nur Josephus biß mit Knacken und Knirschen in das ihn umgebende Gitter. Herr Brecht war es sich schuldig, auch wenn er unbeschäftigt war, eine Weile warten zu lassen.

Thomas Buddenbrook stand hastig auf und trank an einem Tischchen aus einer dort aufgestellten Karaffe ein Glas Wasser, das nach Chloroform roch und schmeckte. Dann öffnete er die Tür zum Korridor und rief mit gereizter Betonung hinaus, wenn nicht dringende Abhaltung vorhanden sei, möge Herr Brecht die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen. Er habe Schmerzen.

Gleich darauf erschien der graumelierte Schnurrbart, die Hakennase und die kahle Stirn des Zahnarztes in der Tür zum Operationszimmer. »Bitte«, sagte er. »Bitte!« schrie auch Josephus. Der Senator folgte der Einladung ohne zu lachen. Ein schwerer Fall! dachte Herr Brecht und verfärbte sich ...

Sie gingen beide rasch durch das helle Zimmer zu dem großen, verstellbaren Stuhl mit Kopfpolster und grünplüschenen Armlehnen, der vor einem der beiden Fenster stand. Während er sich niederließ, erklärte Thomas Buddenbrook kurz, um was es sich handele, legte den Kopf zurück und schloß die Augen.

Herr Brecht schrob ein wenig an dem Stuhle und machte sich dann mit einem Spiegelchen und einem Stahlstäbchen an dem Zahne zu schaffen. Seine Hand roch nach Mandelseife, sein Atem nach Beefsteak und Blumenkohl.

»Wir müssen zur Extraktion schreiten«, sagte er nach einer Weile und erblich noch mehr.

»Schreiten Sie nur«, sagte der Senator und schloß die Lider noch fester.

Nun trat eine Pause ein. Herr Brecht präparierte an einem Schranke irgend etwas und suchte Instrumente hervor. Dann näherte er sich dem Patienten aufs neue.

»Ich werde ein bißchen pinseln«, sagte er. Und sogleich begann er, diesen Entschluß zur Tat zu machen, indem er das Zahnfleisch ausgiebig mit einer scharf riechenden Flüssigkeit bestrich. Hierauf bat er leise und herzlich, stille zu halten und den Mund sehr weit zu öffnen, und begann sein Werk.

Thomas Buddenbrook hielt mit beiden Händen die Sammetarmpolster fest erfaßt. Er empfand kaum das Ansetzen und Zugreifen der Zange, bemerkte dann aber an dem Knirschen in seinem Munde sowie an dem wachsenden, immer schmerzhafter und wütender werdenden Druck, dem sein ganzer Kopf ausgesetzt war, daß alles auf dem besten Wege sei. Gott befohlen! dachte er. Nun muß es seinen Gang gehen. Dies wächst und wächst bis ins Maßlose und Unerträgliche, bis zur eigentlichen Katastrophe, bis zu einem wahnsinnigen, kreischenden, unmenschlichen Schmerz, der das ganze Gehirn zerreißt ... Dann ist es überstanden; ich muß es nun abwarten.

Es dauerte drei oder vier Sekunden. Herrn Brechts bebende Kraftanstrengung teilte sich Thomas Buddenbrooks ganzem Körper mit, er wurde ein wenig auf seinem Sitze emporgezogen und hörte ein leise piependes Geräusch in der Kehle des Zahnarztes ... Plötzlich gab es einen furchtbaren Stoß, eine Erschütterung, als würde ihm das Genick gebrochen, begleitet von einem kurzen Knacken und Krachen. Er öffnete hastig die Augen ... Der Druck war fort, aber sein Kopf dröhnte, der Schmerz tobte heiß in dem entzündeten und mißhandelten Kiefer, und er fühlte deutlich, daß dies nicht das Bezweckte, nicht die wahre Lösung der Frage, sondern eine verfrühte Katastrophe sei, die die Sachlage nur verschlimmerte ... Herr Brecht war zurückgetreten. Er lehnte am Instrumentenschrank, sah aus wie der Tod und sagte: »Die Krone ... Ich dachte mir's.«

Thomas Buddenbrook spie ein wenig Blut in die blaue Schale zu seiner Seite, denn das Zahnfleisch war verletzt. Dann fragte er halb bewußtlos: »Was dachten Sie sich? Was ist mit der Krone?«

»Die Krone ist abgebrochen, Herr Senator ... Ich fürchtete es ... Der Zahn ist außerordentlich defekt ... Aber es war meine Pflicht, das Experiment zu wagen ...«

»Was nun?«

»Überlassen Sie alles mir, Herr Senator ...«

»Was muß geschehen?«

»Die Wurzeln müssen entfernt werden. Vermittels des Hebels ... Es sind vier an der Zahl ...«

»Vier? Also ist viermaliges Ansetzen und Ziehen nötig?«

»Leider.«

»Nun, für heute ist es genug!« sagte der Senator und wollte sich rasch erheben, blieb aber trotzdem sitzen und legte den Kopf zurück.

»Lieber Herr, Sie dürfen nur Menschliches verlangen«, sagte er. »Ich stehe nicht auf den festesten Füßen ... Für diesmal bin ich jedenfalls fertig ... Wollen Sie die Güte haben, das Fenster da einen Augenblick zu öffnen.«

Dies tat Herr Brecht und dann erwiderte er: »Es wäre mir vollkommen lieb, Herr Senator, wenn Sie morgen oder übermorgen zu einer beliebigen Stunde wieder vorsprechen möchten und wir die Operation bis dahin verschöben. Ich muß gestehen, ich selbst ... Ich werde mir jetzt erlauben, noch eine Spülung und eine Pinselung vorzunehmen, um den Schmerz vorläufig zu lindern ...«

Er nahm die Spülung und die Pinselung vor, und dann ging der Senator, begleitet von dem bedauernden Achselzucken, an das der schneebleiche Herr Brecht seine letzten Kräfte verausgabte.

»Einen Momang ... bitte!« schrie Josephus, als sie das Wartezimmer passierten, und er schrie es noch, als Thomas Buddenbrook schon die Treppe hinunterstieg.

Vermittels des Hebels ... ja, ja, das war morgen. Was nun? Nach Hause und ruhen, zu schlafen versuchen. Der eigentliche Nervenschmerz schien betäubt; es war nur ein dunkles, schweres Brennen in seinem Munde. Nach Hause also ... Und er ging langsam durch die Straßen, mechanisch Grüße erwidernd, die ihm dargebracht wurden, mit sinnenden und ungewissen Augen, als dächte er darüber nach, wie ihm eigentlich zumute sei.

Er gelangte zur Fischergrube und begann das linke Trottoir hinunterzugehen. Nach zwanzig Schritten befiel ihn eine Übelkeit. Ich werde dort drüben in die Schänke treten und einen Kognak trinken müssen, dachte er, und beschritt den Fahrdamm. Als er etwa die Mitte desselben erreicht hatte, geschah ihm folgendes. Es war genau, als würde sein Gehirn ergriffen und von einer unwiderstehlichen Kraft mit wachsender, fürchterlich wachsender Geschwindigkeit in großen, kleineren und immer kleineren konzentrischen Kreisen herumgeschwungen und schließlich mit einer unmäßigen, brutalen und erbarmungslosen Wucht gegen den steinharten Mittelpunkt dieser Kreise geschmettert ... Er vollführte eine halbe Drehung und schlug mit ausgestreckten Armen vornüber auf das nasse Pflaster.

Da die Straße stark abfiel, befand sich sein Oberkörper ziemlich viel tiefer als seine Füße. Er war aufs Gesicht gefallen, unter dem sofort eine Blutlache sich auszubreiten begann. Sein Hut rollte ein Stück des Fahrdammes hinunter. Sein Pelz war mit Kot und Schneewasser bespritzt. Seine Hände, in den weißen Glacéhandschuhen, lagen ausgestreckt in einer Pfütze.

So lag er und so blieb er liegen, bis ein paar Leute herangekommen waren und ihn umwandten.

Achtes Kapitel

Frau Permaneder kam die Haupttreppe herauf, indem sie vorn mit der Hand ihr Kleid emporraffte und mit der anderen die große, braune Muff gegen ihre Wange drückte. Sie stürzte und stolperte mehr als daß sie ging, ihr Kapotthut war unordentlich aufgesetzt, ihre Wangen waren hitzig, und auf ihrer ein wenig vorgeschobenen Oberlippe standen kleine Schweißtropfen. Obgleich ihr niemand begegnete, sprach sie unaufhörlich im Vorwärtshasten, und aus ihrem Flüstern löste sich dann und wann mit plötzlichem Vorstoße ein Wort los, dem die Angst lauten Ton verlieh ... »Es ist nichts ...« sagte sie. »Es hat gar nichts zu bedeuten ... Der liebe Gott wird das nicht wollen ... Er weiß, was er tut; =den= Glauben bewahre ich mir ... Es hat ganz sicherlich nichts zu sagen ... Ach, du Herr, tagtäglich will ich beten ...« Sie plapperte einfach Unsinn vor Angst, stürzte die Treppe zur zweiten Etage hinauf und über den Korridor ...

Die Tür zum Vorzimmer stand offen, und dort kam ihre Schwägerin ihr entgegen.

Gerda Buddenbrooks schönes, weißes Gesicht war in Grauen und Ekel ganz und gar verzogen, und ihre nahe beieinanderliegenden, braunen, von bläulichen Schatten umlagerten Augen blickten blinzelnd, zornig, verstört und angewidert. Als sie Frau Permaneder erkannte, winkte sie ihr rasch mit ausgestrecktem Arme und umarmte sie, indem sie den Kopf an ihrer Schulter verbarg.

»Gerda, Gerda, was ist!« rief Frau Permaneder. »Was ist geschehen!... Was bedeutet dies!... Gestürzt, sagen sie? Bewußtlos?... Wie ist es mit ihm?... Der liebe Gott wird das Schlimmste nicht wollen ... Sage mir doch um aller Barmherzigkeit willen ...«

Aber sie erhielt nicht sogleich eine Antwort, sondern fühlte nur, wie Gerdas ganze Gestalt sich in einem Schauer dehnte. Und dann vernahm sie an ihrer Schulter ein Flüstern ...

»Wie er aussah«, verstand sie, »als sie ihn brachten! Sein ganzes Leben lang hat man nicht ein Staubfäserchen an ihm sehen dürfen ... Es ist ein Hohn und eine Niedertracht, daß das Letzte =so= kommen muß ...!«

Gedämpftes Geräusch drang zu ihnen. Die Tür zum Ankleidekabinett hatte sich geöffnet, und Ida Jungmann stand in ihrem Rahmen, in weißer Schürze, eine Schüssel in den Händen. Ihre Augen waren gerötet. Sie erblickte Frau Permaneder und trat mit gesenktem Kopfe zurück, um den Weg freizugeben. Ihr Kinn zitterte in Falten.

Die hohen, geblümten Fenstervorhänge bewegten sich im Luftzuge, als Tony, gefolgt von ihrer Schwägerin, ins Schlafzimmer trat. Der Geruch von Karbol, Äther und anderen Medikamenten wehte ihnen entgegen. In dem breiten Mahagonibett, unter der roten Steppdecke lag Thomas Buddenbrook ausgekleidet und im gestickten Nachthemd auf dem Rücken. Seine halb offenen Augen waren gebrochen und verdreht, unter dem zerzausten Schnurrbart bewegten seine Lippen sich lallend, und gurgelnde Laute drangen dann und wann aus seiner Kehle. Der junge Doktor Langhals beugte sich über ihn, nahm einen blutigen Verband von seinem Gesicht und tauchte einen neuen in ein Schälchen, das auf dem Nachttische stand. Dann horchte er an der Brust des Kranken und fühlte den Puls ... Auf dem Wäschepuff, zu Füßen des Bettes, saß der kleine Johann, drehte an seinem Schifferknoten und horchte mit grüblerischem Gesichtsausdruck hinter sich auf die Laute, die sein Vater ausstieß. Die besudelten Kleidungsstücke hingen irgendwo über einem Stuhle.

Frau Permaneder kauerte sich zur Seite des Bettes nieder, ergriff die Hand ihres Bruders, die kalt und schwer war, und starrte in sein Gesicht ... Sie begann zu begreifen, daß, wußte der liebe Gott nun, was er tat, oder nicht, er jedenfalls dennoch »das Schlimmste« wollte.

»Tom!« jammerte sie. »Erkennst du mich nicht? Wie ist dir? Willst du von uns gehen? Du willst doch nicht von uns gehen?! Ach, es =darf= nicht sein ...!«

Nichts erfolgte, was einer Antwort ähnlich gewesen wäre. Sie blickte hilfesuchend zu Doktor Langhals auf. Er stand da, hielt seine schönen Augen gesenkt und drückte in seiner Miene, nicht ohne einige Selbstgefälligkeit, den Willen des lieben Gottes aus ...

Ida Jungmann kam wieder herein, um zu helfen, wo es zu helfen gab. Der alte Doktor Grabow erschien persönlich, drückte mit langem und mildem Gesichte allen die Hand, betrachtete kopfschüttelnd den Kranken und tat genau, was auch Doktor Langhals schon getan hatte ... Die Kunde hatte sich mit Windeseile in der ganzen Stadt verbreitet. Beständig schellte es drunten am Windfang, und Fragen nach dem Befinden des Senators drangen ins Schlafzimmer. Es war unverändert, unverändert ... jeder bekam die gleiche Antwort.

Die beiden Ärzte hielten dafür, daß auf jeden Fall für die Nacht eine barmherzige Schwester herbeigeschafft werden müsse. Es wurde nach Schwester Leandra geschickt, und sie kam. Es war keine Spur von Überraschung und Schrecken in ihrem Gesicht, als sie eintrat. Sie legte auch diesmal still ihr Ledertäschchen, ihre Haube und ihren Umhang beiseite und ging mit sanften und freundlichen Bewegungen an ihre Arbeit.

Der kleine Johann saß Stunde für Stunde auf seinem Puff, sah alles an und horchte auf die gurgelnden Laute. Er hätte sich eigentlich zum Privatunterricht im Rechnen begeben müssen, aber er begriff, daß dies Ereignisse waren, vor denen die Kammgarnröcke verstummen mußten. Auch seiner Schulaufgaben gedachte er nur kurz und mit Spott ... Manchmal, wenn Frau Permaneder zu ihm trat und ihn an sich preßte, vergoß er Tränen; aber meistens blinzelte er trockenen Auges mit einem abgestoßenen und grüblerischen Gesichtsausdruck darein, unregelmäßig und vorsichtig atmend, als erwarte er den Duft, den fremden und doch so seltsam vertrauten Duft ...

Gegen vier Uhr faßte Frau Permaneder einen Entschluß. Sie veranlaßte den Doktor Langhals, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, verschränkte die Arme und legte den Kopf zurück, wobei sie trotzdem versuchte, das Kinn auf die Brust zu drücken.

»Herr Doktor«, sagte sie, »eines steht in Ihrer Macht, und darum bitte ich Sie! Schenken Sie mir reinen Wein ein, tun Sie es! Ich bin eine vom Leben gestählte Frau ... Ich habe gelernt, die Wahrheit zu ertragen, glauben Sie mir!... Wird mein Bruder morgen am Leben sein? Reden Sie offen!«

Und Doktor Langhals wandte seine schönen Augen ab, besah seine Fingernägel und sprach von menschlicher Ohnmacht, sowie von der Unmöglichkeit, die Frage zu entscheiden, ob Frau Permaneders Herr Bruder die Nacht überleben werde oder in der nächsten Minute abberufen werden würde ...

»Dann weiß ich, was ich zu tun habe«, sagte sie, ging hinaus und schickte zu Pastor Pringsheim.

In halbem Ornat, ohne Halskrause, aber in langem Talar, erschien er, streifte Schwester Leandra mit einem kalten Blick und ließ sich am Bette auf den Stuhl nieder, den man ihm zuschob. Er bat den Kranken, ihn zu erkennen und ihm ein wenig Gehör zu schenken; da dieser Versuch aber fruchtlos blieb, so wandte er sich direkt an Gott, redete ihn in stilisiertem Fränkisch an und sprach zu ihm mit modulierender Stimme in bald dunklen, bald jäh akzentuierten Lauten, indes finsterer Fanatismus und milde Verklärung auf seinem Gesichte wechselten ... Während er das R auf eine eigenartig fette und gewandte Art am Gaumen rollte, gewann der kleine Johann die deutliche Vorstellung, daß er soeben Kaffee und Buttersemmeln zu sich genommen haben müsse.

Er sagte, daß er und die hier Anwesenden nicht mehr um das Leben dieses Lieben und Teuren bäten, denn sie sähen, daß es des Herrn heiliger Wille sei, ihn zu sich zu nehmen. Nur um die Gnade einer sanften Erlösung flehten sie noch ... Und dann sprach er mit wirksamer Pointierung noch zwei in solchen Fällen übliche Gebete und erhob sich. Er drückte Gerda Buddenbrooks und Frau Permaneders Hand, nahm den Kopf des kleinen Johann zwischen beide Hände und blickte ihm eine Minute lang zitternd vor Wehmut und Innigkeit auf die gesenkten Wimpern, grüßte Fräulein Jungmann, streifte Schwester Leandra nochmals mit einem kalten Blick und hielt seinen Abgang.

Als Doktor Langhals zurückkehrte, der ein wenig nach Hause gegangen war, fand er alles beim alten. Er nahm nur eine kurze Rücksprache mit der Pflegerin und empfahl sich wieder. Auch Doktor Grabow sprach noch einmal vor, sah mit mildem Gesicht nach dem Rechten und ging. Thomas Buddenbrook fuhr fort, gebrochenen Auges die Lippen zu bewegen und gurgelnde Laute auszustoßen. Die Dämmerung fiel ein. Draußen gab es ein wenig winterliches Abendrot, und es beschien durchs Fenster sanft die besudelten Kleidungsstücke, die irgendwo über einem Stuhle hingen.

Um fünf Uhr ließ Frau Permaneder sich zu einer Unbedachtsamkeit hinreißen. Ihrer Schwägerin gegenüber am Bette sitzend, begann sie plötzlich, unter Anwendung ihrer Kehlkopfstimme sehr laut und mit gefalteten Händen, einen Gesang zu sprechen ... »Mach' End', o Herr«, sagte sie, und alles hörte ihr regungslos zu -- »mach' Ende mit aller seiner Not; stärk' seine Füß' und Hände und laß bis in den Tod ...« Aber sie betete so sehr aus Herzensgrund, daß sie sich immer nur mit dem Worte beschäftigte, welches sie gerade aussprach, und nicht erwog, daß sie die Strophe gar nicht zu Ende wisse und nach dem dritten Verse jämmerlich stecken bleiben müsse. Das tat sie, brach mit erhobener Stimme ab und ersetzte den Schluß durch die erhöhte Würde ihrer Haltung. Jedermann im Zimmer wartete und zog sich zusammen vor Geniertheit. Der kleine Johann räusperte sich so schwer, daß es wie Ächzen klang. Und dann war in der Stille nichts als das agonierende Gurgeln Thomas Buddenbrooks zu vernehmen.

Es war eine Erlösung, als das Folgmädchen meldete, nebenan sei etwas Essen aufgetragen. Als man aber in Gerdas Schlafzimmer anfing, ein wenig Suppe zu genießen, erschien Schwester Leandra in der Tür und winkte freundlich.

Der Senator starb. Er schluchzte zwei- oder dreimal leise, verstummte und hörte auf, die Lippen zu bewegen. Das war die ganze Veränderung, die mit ihm vor sich ging; seine Augen waren schon vorher tot gewesen.

Doktor Langhals, der wenige Minuten später zur Stelle war, setzte sein schwarzes Hörrohr auf die Brust der Leiche, horchte längere Zeit und sprach nach gewissenhafter Prüfung: »Ja, es ist zu Ende.«