Buddenbrooks: Verfall einer Familie

Part 41

Chapter 413,528 wordsPublic domain

Der Senator nahm heute nicht erst die Kontorjacke, sondern zog zu seinem hellen Beinkleid sofort einen schwarzen, offenen Rock an, der die weiße Pikeeweste sehen ließ. Besuche waren für den Vormittag zu erwarten. Er warf einen letzten Blick in den Toilettespiegel, ließ noch einmal die langen Spitzen des Schnurrbartes durch die Brennschere gleiten und wandte sich mit einem kurzen Seufzer zum Gehen. Der Tanz begann ... Wäre erst dieser Tag vorüber! Würde er einen Augenblick allein sein, einen Augenblick seine Gesichtsmuskeln abspannen können? Empfänge während des ganzen Tages, bei denen es galt, den Gratulationen von hundert Menschen mit Takt und Würde zu begegnen, nach allen Seiten mit Umsicht und sicherer Nuancierung passende Worte zu finden, ehrerbietige, ernste, freundliche, ironische, scherzhafte, nachsichtige, herzliche ... und vom Nachmittag bis in die Nacht hinein ein Herrendiner im Ratsweinkeller ...

Es war nicht wahr, daß er Kopfschmerzen hatte. Er war nur müde und fühlte wieder, kaum daß der erste Morgenfriede der Nerven vorbei, diesen unbestimmten Gram auf sich lasten ... Warum hatte er gelogen? War es nicht beständig, als hätte er seinem Übelbefinden gegenüber ein schlechtes Gewissen? Warum? Warum?... Aber es war jetzt keine Zeit, darüber nachzudenken.

Als er ins Eßzimmer trat, kam Gerda ihm lebhaft entgegen. Auch sie war schon in Empfangstoilette. Sie trug einen glatten Rock aus schottischem Stoff, eine weiße Bluse und ein dünnes, seidenes Zuavenjäckchen darüber, von der dunkelroten Farbe ihres schweren Haares. Sie zeigte lächelnd ihre breiten, ebenmäßigen Zähne, die noch weißer waren als ihr schönes Gesicht, und auch ihre Augen, diese nahe beisammen liegenden, rätselhaften, braunen Augen mit den bläulichen Schatten, lächelten heute.

»Ich bin schon stundenlang auf den Füßen; woraus du schließen kannst, wie enthusiastisch meine Glückwünsche sind.«

»Sieh da! Die hundert Jahre machen Eindruck auf dich?«

»Den allertiefsten!... Aber es ist auch möglich, daß es nur das Festliche überhaupt ist ... Was für ein Tag! Dies da, zum Beispiel«, und sie wies auf den Frühstückstisch, der mit Blumen aus dem Garten bekränzt war, »ist Fräulein Jungmanns Werk ... Übrigens irrst du, wenn du denkst, du könntest jetzt Tee trinken. Im Salon erwarten dich schon die wichtigsten Mitglieder der Familie, und zwar mit einer Festgabe, an der ich ebenfalls nicht ganz unbeteiligt bin ... Höre, Thomas, dies ist natürlich nur der Anfang des Reigens von Visiten, der sich entwickeln wird. Zu Anfang will ich aushalten, aber gegen Mittag ziehe ich mich zurück, das sage ich dir. Der Himmel ist, obgleich das Barometer ein wenig gefallen ist, noch immer von einem unverschämten Blau -- was zwar zu den Flaggen ... denn die ganze Stadt ist beflaggt ... sehr gut aussieht -- aber es wird eine fürchterliche Hitze geben ... Komm jetzt hinüber. Dein Frühstück muß warten. Du hättest früher aufstehen sollen. Nun mußt du die erste Rührung auf deinen leeren Magen wirken lassen ...«

Die Konsulin, Christian, Klothilde, Ida Jungmann, Frau Permaneder und Hanno befanden sich im Salon, und die beiden letzteren hielten, nicht ohne Anstrengung, die Festgabe der Familie, eine große Gedenktafel, aufrecht ... Die Konsulin umarmte ihren Ältesten in tiefer Bewegung.

»Mein lieber Sohn, das ist ein schöner Tag ... ein schöner Tag ...« wiederholte sie. »Wir dürfen niemals aufhören, Gott in unseren Herzen zu preisen für alle Gnade ... für alle Gnade ...« Sie weinte.

Den Senator befiel eine Schwäche in dieser Umarmung. Es war, als ob in seinem Inneren sich etwas löste und ihn verließ. Seine Lippen bebten. Ein hinfälliges Bedürfnis erfüllte ihn, in den Armen seiner Mutter, an ihrer Brust, in dem zarten Parfüm, das von der weichen Seide ihres Kleides ausging, mit geschlossenen Augen zu verharren, nichts mehr sehen und nichts mehr sagen zu müssen ... Er küßte sie und richtete sich auf, um seinem Bruder die Hand zu reichen, der sie mit der halb zerstreuten und halb verlegenen Miene drückte, die ihm bei Feierlichkeiten eigen war. Klothilde sagte etwas Gedehntes und Freundliches. Was Fräulein Jungmann betraf, so beschränkte sie sich darauf, sich sehr tief zu verbeugen, wobei ihre Hand mit der silbernen Uhrkette spielte, die an ihrem flachen Busen hing ...

»Komm her, Tom«, sagte Frau Permaneder mit wankender Stimme; »wir können es nun nicht mehr halten, Hanno und ich.« Sie trug die Tafel beinahe allein, da Hannos Arme nicht viel vermochten, und bot in ihrer begeisterten Überanstrengung das Bild einer verzückten Märtyrerin. Ihre Augen waren feucht, ihre Wangen hoch gerötet, und ihre Zungenspitze spielte mit einem halb verzweifelten, halb spitzbübischen Ausdruck an der Oberlippe ...

»Ja, nun zu euch!« sagte der Senator. »Was ist denn das? Kommt, laßt los, wir wollen sie anlehnen.« Er stellte die Tafel neben dem Flügel aufrecht gegen die Wand und blieb, umgeben von den Seinen, davor stehen.

Der schwere, geschnitzte Nußholzrahmen umspannte einen Karton, welcher unter Glas die Porträts der vier Inhaber der Firma Johann Buddenbrook zeigte; Name und Jahreszahl standen in Golddruck unter jedem. Da war, nach einem alten Ölgemälde angefertigt, das Bild Johan Buddenbrooks, des Gründers, ein langer und ernster alter Herr, der mit festgeschlossenen Lippen streng und willensfest über sein Jabot hinwegblickte; da war das breite und joviale Angesicht Johann Buddenbrooks, Jean Jacques Hoffstedes Freund; da hielt, mit seinem in die Vatermörder geschobenen Kinn, seinem breiten und faltigen Munde und seiner großen, stark gebogenen Nase, der Konsul Johann Buddenbrook die geistvollen, von religiöser Schwärmerei sprechenden Augen auf den Beschauer gerichtet; und endlich war da Thomas Buddenbrook selbst, in etwas jüngeren Jahren ... Eine stilisierte, goldene Kornähre zog sich zwischen den Bildern hin, unter denen, ebenfalls in Golddruck, die Zahlen 1768 und 1868 bedeutsam nebeneinander prangten. Zu Häupten des Ganzen aber war in hohen gotischen Lettern und in der Schreibart dessen, der ihn seinen Nachfahren überliefert, der Spruch zu lesen: »Mein Sohn, sey mit Lust bey den Geschäften am Tage, aber mache nur solche, daß wir bey Nacht ruhig schlafen können.«

Die Hände auf dem Rücken betrachtete der Senator die Tafel längere Zeit.

»Ja, ja«, sagte er plötzlich mit ziemlich spöttischem Akzent, »eine ungestörte Nachtruhe ist eine gute Sache ...« Dann, ernst, wenn auch ein wenig flüchtig, sagte er an alle Anwesenden gewandt: »Ich dank' euch herzlich, meine Lieben! Das ist ein sehr schönes und sinniges Geschenk!... Was meint ihr -- wohin hängen wir es? Ins Privatkontor?«

»Ja, Tom, über deinen Schreibtisch im Privatkontor!« antwortete Frau Permaneder und umarmte ihren Bruder; dann zog sie ihn in den Erker und wies hinaus.

Unter dem tiefblauen Sommerhimmel flatterten die zweifarbigen Flaggen von allen Häusern -- die ganze Fischergrube hinunter, von der Breitenstraße bis zum Hafen, woselbst der »Wullenwewer« und die »Friederike Oeverdieck« ihrem Reeder zu Ehren unter vollem Wimpelschmuck lagen.

»So ist die ganze Stadt!« sagte Frau Permaneder, und ihre Stimme bebte ... »Ich bin schon spazieren gegangen, Tom. Auch Hagenströms haben geflaggt! Ha, sie können nicht anders ... Ich würde ihnen die Fenster einwerfen ...«

Er lächelte, und sie zog ihn ins Zimmer zurück an den Tisch.

»Und hier sind Telegramme, Tom ... nur die ersten, persönlichen natürlich, von der auswärtigen Familie. Die von den Geschäftsfreunden gehen ans Kontor ...«

Sie öffneten ein paar Depeschen: von den Hamburgern, von den Frankfurtern, von Herrn Arnoldsen und seinen Angehörigen in Amsterdam, von Jürgen Kröger in Wismar ... Plötzlich errötete Frau Permaneder tief.

»Er ist in seiner Art ein guter Mensch«, sagte sie und schob ihrem Bruder ein Telegramm zu, das sie erbrochen. Es war gezeichnet: »=Permaneder=«.

»Aber die Zeit vergeht«, sagte der Senator und ließ den Deckel seiner Taschenuhr springen. »Ich möchte Tee trinken. Wollt ihr mir Gesellschaft leisten? Das Haus wird nachher wie ein Taubenschlag ...«

Seine Gattin, der Ida Jungmann ein Zeichen gegeben hatte, hielt ihn zurück.

»Einen Augenblick, Thomas ... Du weißt, Hanno muß gleich in die Privatstunde ... Er möchte dir ein Gedicht hersagen ... Komm her, Hanno. Und nun als ob niemand da wäre. Keine Aufregung!«

Der kleine Johann mußte auch während der Ferien -- denn im Juli waren Sommerferien -- Privatunterricht im Rechnen nehmen, um in diesem Fache mit seiner Klasse Schritt halten zu können. Irgendwo in der Vorstadt Sankt Gertrud, in einer heißen Stube, in der es nicht zum besten roch, erwartete ihn ein Mann mit rotem Bart und unreinlichen Fingernägeln, um mit ihm dies verzweifelte Einmaleins zu exerzieren. Zuvor aber galt es, dem Papa das Gedicht aufzusagen, das Gedicht, das er mit Ida auf dem Altan in der zweiten Etage sorgfältig erlernt ...

Er lehnte am Flügel, in seinem Kopenhagener Matrosenanzug mit dem breiten Leinwandkragen, dem weißen Halseinsatz und dem dicken Schifferknoten, der unter dem Kragen hervorquoll, die zarten Beine gekreuzt, Kopf und Oberkörper ein wenig abgewandt, in einer Haltung voll scheuer und unbewußter Grazie. Vor zwei oder drei Wochen war sein langes Haar ihm abgeschnitten worden, weil in der Schule nicht nur seine Kameraden, sondern auch seine Lehrer sich darüber lustig gemacht hatten. Aber auf dem Kopfe war es noch stark und weich gelockt und wuchs tief in die Schläfen und in die zarte Stirn hinein. Er hielt seine Lider gesenkt, daß die langen, braunen Wimpern auf die bläuliche Umschattung seiner Augen fielen, und seine geschlossenen Lippen waren ein wenig verzerrt.

Er wußte wohl, was geschehen würde. Er würde weinen müssen, vor Weinen dies Gedicht nicht beenden können, bei dem sich einem das Herz zusammenzog, wie wenn am Sonntag in der Marienkirche Herr Pfühl, der Organist, die Orgel auf eine gewisse, durchdringend feierliche Weise spielte ... weinen, wie es immer geschah, wenn man von ihm verlangte, daß er sich produziere, ihn examinierte, ihn auf seine Fähigkeit und Geistesgegenwart prüfte, wie Papa das liebte. Hätte nur Mama lieber nichts von Aufregung gesagt! Es sollte eine Ermutigung sein, aber sie war verfehlt, das fühlte er. Da standen sie und sahen ihn an. Sie fürchteten und erwarteten, daß er weinen werde ... war es da möglich, =nicht= zu weinen? Er hob die Wimpern und suchte die Augen Idas, die mit ihrer Uhrkette spielte und ihm in ihrer säuerlich-biderben Art mit dem Kopfe zunickte. Ein übergroßes Bedürfnis befiel ihn, sich an sie zu schmiegen, sich von ihr fortbringen zu lassen und nichts zu hören, als ihre tiefe, beruhigende Stimme, die da sagte: Sei still, Hannochen, mein Jungchen, brauchst nichts hersagen ...

»Nun, mein Sohn, laß hören«, sagte der Senator kurz. Er hatte sich in einen Lehnsessel am Tische niedergelassen und wartete. Er lächelte durchaus nicht -- heute so wenig wie sonst bei ähnlichen Gelegenheiten. Ernst, die eine Braue emporgezogen, maß er die Gestalt des kleinen Johann mit prüfendem, ja sogar kaltem Blick.

Hanno richtete sich auf. Er strich mit der Hand über das glattpolierte Holz des Flügels, ließ einen scheuen Rundblick über die Anwesenden hingleiten, und ein wenig ermutigt durch die Milde, die ihm aus den Augen Großmamas und Tante Tonys entgegenleuchtete, sagte er mit leiser, ein wenig harter Stimme: »Schäfers Sonntagslied ... Von Uhland.«

»Oh, mein Lieber, das ist nichts!« rief der Senator. »Man hängt dort nicht am Klavier und faltet die Hände auf dem Bauche ... Frei stehen! Frei sprechen! Das ist das Erste. Hier stelle dich mal zwischen die Portieren! Und nun den Kopf hoch ... und die Arme ruhig hängen lassen ...«

Hanno stellte sich auf die Schwelle zum Wohnzimmer und ließ die Arme hängen. Gehorsam erhob er den Kopf, aber die Wimpern hielt er so tief gesenkt, daß nichts von seinen Augen zu sehen war. Wahrscheinlich schwammen schon Tränen darin.

»Das ist der Tag des Herrn«, sagte er ganz leise, und desto stärker klang die Stimme seines Vaters, der ihn unterbrach: »Einen Vortrag beginnt man mit einer Verbeugung, mein Sohn! Und dann viel lauter. Noch einmal, bitte! `Schäfers Sonntagslied´ ...«

Das war grausam, und der Senator wußte wohl, daß er dem Kinde damit den letzten Rest von Haltung und Widerstandskraft raubte. Aber der Junge sollte ihn sich nicht rauben lassen! Er sollte sich nicht beirren lassen! Er sollte Festigkeit und Männlichkeit gewinnen ... »Schäfers Sonntagslied ...!« wiederholte er unerbittlich und aufmunternd ...

Aber mit Hanno war es zu Ende. Sein Kopf hing tief auf der Brust, und seine kleine Rechte, die blaß und mit bläulichen Pulsadern aus dem unten ganz engen, dunkelblauen, mit einem Anker bestickten Matrosenärmel hervorsah, zerrte krampfhaft an dem Brokatstoff der Portiere. »Ich bin allein auf weiter Flur«, sagte er noch, und dann war es endgültig aus. Die Stimmung des Verses ging mit ihm durch. Ein übergewaltiges Mitleid mit sich selbst machte, daß die Stimme ihm ganz und gar versagte, und daß die Tränen unwiderstehlich unter den Lidern hervorquollen. Eine Sehnsucht nach gewissen Nächten überkam ihn plötzlich, in denen er, ein wenig krank, mit Halsschmerzen und leichtem Fieber im Bette lag und Ida kam, um ihm zu trinken zu geben und liebevoll eine frische Kompresse auf seine Stirn zu legen ... Er beugte sich seitwärts, legte den Kopf auf die Hand, mit der er sich an der Portiere hielt, und schluchzte.

»Nun, das ist kein Vergnügen!« sagte der Senator hart und gereizt und stand auf. »Worüber weinst du? Weinen könnte man darüber, daß du selbst an einem Tage, wie heute, nicht genug Energie aufbringen kannst, um mir eine Freude zu machen. Bist du denn ein kleines Mädchen? Was soll aus dir werden, wenn du so fortfährst? Gedenkst du dich später immer in Tränen zu baden, wenn du zu den Leuten sprechen sollst?...«

Nie, dachte Hanno verzweifelt, nie werde ich zu den Leuten sprechen!

»Überlege dir die Sache bis heute nachmittag«, schloß der Senator; und während Ida Jungmann bei ihrem Pflegling kniete, ihm die Augen trocknete und halb vorwurfsvoll, halb zärtlich tröstend auf ihn einsprach, ging er ins Eßzimmer hinüber.

Während er eilig frühstückte, verabschiedeten sich die Konsulin, Tony, Klothilde und Christian von ihm. Sie sollten heute zusammen mit den Krögers, den Weinschenks und den Damen Buddenbrook hier bei Gerda zu Mittag speisen, indes der Senator wohl oder übel bei dem Diner im Ratskeller zugegen sein mußte, aber nicht so lange dort zu bleiben gedachte, als daß er nicht hoffte, die Familie abends noch in seinem Hause vorzufinden.

Er trank an dem bekränzten Tische den heißen Tee aus der Untertasse, aß hastig ein Ei und tat auf der Treppe ein paar Züge aus der Zigarette. Grobleben, seinen wollenen Schal auch zu dieser Sommerszeit um den Hals, einen Stiefel über den linken Unterarm gezogen, die Wichsbürste in der Rechten und einen länglichen Tropfen an der Nase, kam vom Gartenflur auf die vordere Diele und trat seinem Herrn am Fuße der Haupttreppe entgegen, wo jetzt der aufrechte Braunbär mit seiner Visitkartenschale seinen Platz hatte ...

»Je, Herr Senater, hunnert Jahr' ... un de Ein is arm, und de Anner is riek ...«

»Schön, Grobleben, is all gaut!« Und der Senator ließ ein Geldstück in die Hand mit der Wichsbürste gleiten, worauf er über die Diele und durch das Empfangskontor schritt, das ihr zunächst lag. Im Hauptkontor kam der Kassierer, ein langer Mann mit treuen Augen, ihm entgegen, um ihm in sorgfältigen Redewendungen die Glückwünsche des gesamten Personals zu übermitteln. Der Senator dankte in zwei Worten und ging an seinen Platz am Fenster. Aber kaum hatte er begonnen, einen Blick in die bereitliegenden Zeitungen zu tun und die Post zu öffnen, als an die Tür gepocht wurde, die zum vorderen Flur führte, und Gratulanten erschienen.

Es war eine Abordnung der Speicher-Arbeiterschaft, sechs Männer, die breitbeinig und schwer wie Bären hereinkamen, mit ungeheurer Biederkeit ihre Mundwinkel nach unten zogen und ihre Mützen in den Händen drehten. Ihr Wortführer spie den braunen Saft seines Kautabaks in die Stube, zog seine Hose empor und redete mit wildbewegter Stimme von »hunnert Jahren« und »noch veelen hunnert Jahren« ... Der Senator stellte ihnen eine beträchtliche Lohnerhöhung für diese Woche in Aussicht und entließ sie.

Steuerbeamte kamen, um im Namen des Ressorts ihren Chef zu beglückwünschen. Als sie gingen, trafen sie in der Tür mit einer Anzahl Matrosen zusammen, welche, unter der Führung zweier Steuermänner, von den beiden zur Reederei gehörigen Schiffen »Wullenwewer« und »Friederike Oeverdieck« gesandt waren, die augenblicklich im Hafen lagen. Und es kam eine Deputation der Kornträger in schwarzen Blusen, Kniehosen und Zylindern. Dazwischen meldeten sich einzelne Bürger. Schneidermeister Stuht aus der Glockengießerstraße erschien, einen schwarzen Rock über dem wollenen Hemd. Dieser oder jener Nachbar, Blumenhändler Iwersen gratulierte. Ein alter Briefträger, mit weißem Bart, Ringen in den Ohren und Triefaugen, ein origineller Kauz, den der Senator an guten Tagen auf der Straße anzureden und »Herr Oberpostmeister« zu nennen pflegte, rief schon in der Tür: »Es is nich =da=rum, Herr Senator, ick komm nich =da=rum! Ick weet wull, de Lüd vertellen sick dat all, dat hier hüt jeder wat schenkt kriegt ... öäwer dat is nicht darum ...!« Dennoch nahm er dankbar sein Geldstück entgegen ... Das fand kein Ende. Als es halb elf Uhr war, meldete das Folgmädchen, daß die Senatorin im Salon die ersten Gäste empfange.

Thomas Buddenbrook verließ das Kontor und eilte die Haupttreppe hinan. Droben am Eingang zum Salon verweilte er eine halbe Minute vorm Spiegel, ordnete seine Krawatte und sog einen Augenblick den Eau-de-Cologne-Duft seines Taschentuches ein. Er war bleich, obgleich sein Körper sich in Transpiration befand; seine Hände und Füße aber waren kalt. Die Empfänge im Kontor hatten ihn beinahe schon abgenutzt ... Er atmete auf und trat ein, um in dem von Sonnenlicht erfüllten Gemach den Konsul Huneus, Holzgroßhändler und fünffacher Millionär, seine Gemahlin, ihre Tochter und deren Gatten, Herrn Senator Doktor Gieseke, zu begrüßen. Die Herrschaften waren zusammen von Travemünde hereingekommen, woselbst sie, wie mehrere der ersten Familien, die nur dem Buddenbrookschen Geschäftsjubiläum zu Ehren ihre Badekur unterbrachen, den Juli verbrachten.

Man saß nicht drei Minuten auf den hellen, geschweiften Fauteuils beieinander, als Konsul Oeverdieck, Sohn des verstorbenen Bürgermeisters, mit seiner Gattin, der geborenen Kistenmaker, eintraf; und als Konsul Huneus sich verabschiedete, begegnete er seinem Bruder, der eine Million weniger besaß, aber dafür Senator war.

Nun war der Reigen eröffnet. Die große, weiße Tür mit dem Relief von musizierenden Amoretten darüber blieb kaum einen Augenblick geschlossen und gewährte beständig den Ausblick auf das vom einfallenden Licht durchflutete Treppenhaus, sowie auf die Haupttreppe selbst, auf der sich unaufhörlich die Gäste herauf- und hinunterbewegten. Da aber der Salon geräumig war und die Gruppen, die sich bildeten, von Gesprächen zusammengehalten wurden, so waren die Kommenden weit zahlreicher als die Gehenden, und bald beschränkte man sich nicht mehr auf das Zimmer, sondern überhob das Dienstmädchen des Öffnens und Schließens der Tür, ließ sie offen und stand auch auf dem parkettierten Korridor beisammen. Schwirrendes und dröhnendes Gespräch von Damen- und Männerstimmen, Händeschütteln, Verbeugungen, Scherzworte und lautes, behagliches Lachen, das sich zwischen den Säulen des Treppenhauses emporschwingt und von der Decke, der großen Glasscheibe des »Einfallenden Lichtes«, widerhallt. Senator Buddenbrook nimmt bald zu Häupten der Treppe, bald drinnen an der Schwelle des Erkers ernst und formell gemurmelte oder kordial hervorgestoßene Glückwünsche entgegen. Bürgermeister Doktor Langhals, ein vornehm untersetzter Herr, der sein rasiertes Kinn in der weißen Binde birgt, mit kurzen, grauen Koteletts und müdem Diplomatenblick, wird mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen. Der Weinhändler Konsul Eduard Kistenmaker nebst seiner Gattin, der geborenen Möllendorpf, sowie sein Bruder und Teilhaber Stephan, Senator Buddenbrooks treuester Anhänger und Freund, mit seiner Frau, einer außerordentlich gesunden Gutsbesitzerstochter, sind eingetroffen. Die verwitwete Senatorin Möllendorpf thront im Salon inmitten des Sofas, während ihre Kinder, Herr Konsul August Möllendorpf mit seiner Gemahlin Julchen, geborene Hagenström, soeben anlangen, ihre Gratulation erledigen und sich grüßend durch die Versammlung bewegen. Konsul Hermann Hagenström hat für seinen schweren Körper eine Stütze am Treppengeländer gefunden und plaudert, während seine platt auf der Oberlippe liegende Nase ein wenig mühsam in den rötlichen Bart hineinatmet, mit Herrn Senator Doktor Cremer, dem Polizeichef, dessen braungrau melierter Backenbart sein mit einer gewissen milden Schlauheit lächelndes Gesicht umrahmt. Staatsanwalt Doktor Moritz Hagenström, dessen schöne Gattin, die geborene Puttfarken aus Hamburg, ebenfalls anwesend ist, zeigt irgendwo lächelnd seine spitzigen, lückenhaften Zähne. Einen Augenblick sieht man, wie der alte Doktor Grabow Senator Buddenbrooks Rechte zwischen seinen beiden Händen hält, um gleich darauf vom Baumeister Voigt verdrängt zu werden. Pastor Pringsheim, in bürgerlicher Kleidung und nur durch die Länge seines Gehrockes seine Würde andeutend, kommt mit ausgebreiteten Armen und gänzlich verklärtem Angesicht die Treppe herauf. Auch Friedrich Wilhelm Marcus ist zugegen. Diejenigen Herren, die irgendeine Körperschaft, den Senat, die Bürgerschaft, die Handelskammer repräsentieren, sind im Frack erschienen. -- Halb zwölf Uhr. Die Hitze ist sehr stark geworden. Die Dame des Hauses hat sich vor einer Viertelstunde zurückgezogen ...

Plötzlich wird drunten am Windfang ein stampfendes und schlürfendes Geräusch laut, wie wenn viele Leute auf einmal die Diele beträten, und gleichzeitig klingt eine lärmende und schallende Stimme auf, die das ganze Haus erfüllt ... Alles drängt zum Geländer; man staut sich auf dem ganzen Korridor, vor den Türen zum Salon, zum Eßzimmer und Rauchzimmer, und lugt hinunter. Dort unten ordnet sich eine Schar von fünfzehn oder zwanzig Männern mit Musikinstrumenten, kommandiert von einem Herrn mit brauner Perücke, grauem Schifferbart und einem künstlichen Gebiß von breiten gelben Zähnen, das er lautredend zeigt ... Was geschieht? Konsul Peter Döhlmann hält mit der Kapelle vom Stadttheater seinen Einzug! Schon steigt er selbst im Triumphe die Treppe herauf, ein Paket mit Programmen in der Hand schwingend!

Und nun beginnt in dieser unmöglichen und maßlosen Akustik, in der die Töne zusammenfließen, die Akkorde einander verschlingen und sinnlos machen, und in der das überlaut knarrende Grunzen der großen Baßtrompete, in welche ein dicker Mann mit verzweifeltem Gesichtsausdruck stößt, alles übrige dominiert, das Ständchen, das man dem Hause Buddenbrook zu seinem Jubiläum bringt -- es beginnt mit dem Chorale »Nun danket alle Gott«, dem alsbald eine Paraphrase über Offenbachs »Schöne Helena« folgt, worauf zunächst ein Potpourri von Volksliedern erklingen wird ... Es ist ein ziemlich umfangreiches Programm.

Ein hübscher Einfall von Döhlmann! Man beglückwünscht den Konsul, und niemand ist nun geneigt, aufzubrechen, bevor das Konzert zu Ende. Man steht und sitzt im Salon und auf dem Korridor, hört zu und plaudert ...