Buddenbrooks: Verfall einer Familie
Part 35
Kein Zweifel, Hermann Hagenström hatte Anhänger und Bewunderer. Sein Eifer in öffentlichen Angelegenheiten, die frappierende Schnelligkeit, mit der die Firma Strunck & Hagenström emporgeblüht war und sich entfaltet hatte, des Konsuls luxuriöse Lebensführung, das Haus, das er führte, und die Gänseleberpastete, die er frühstückte, verfehlten nicht, ihren Eindruck zu machen. Dieser große, ein wenig zu fette Mann mit seinem rötlichen, kurzgehaltenen Vollbart und seiner ein wenig zu platt auf der Oberlippe liegenden Nase, dieser Mann, dessen Großvater noch niemand und er selbst nicht gekannt hatte, dessen Vater infolge seiner reichen, aber zweifelhaften Heirat gesellschaftlich noch beinahe unmöglich gewesen war und der dennoch, verschwägert sowohl mit den Huneus als mit den Möllendorpfs, seinen Namen denjenigen der fünf oder sechs herrschenden Familien angereiht und gleichgestellt hatte, war unleugbar eine merkwürdige und respektable Erscheinung in der Stadt. Das Neuartige und damit Reizvolle seiner Persönlichkeit, das, was ihn auszeichnete und ihm in den Augen vieler eine führende Stellung gab, war der liberale und tolerante Grundzug seines Wesens. Die legere und großzügige Art, mit der er Geld verdiente und verausgabte, war etwas anderes als die zähe, geduldige und von streng überlieferten Prinzipien geleitete Arbeit seiner kaufmännischen Mitbürger. Dieser Mann stand frei von den hemmenden Fesseln der Tradition und der Pietät auf seinen eigenen Füßen, und alles Altmodische war ihm fremd. Er bewohnte keines der alten, mit unsinniger Raumverschwendung gebauten Patrizierhäuser, um deren ungeheure Steindielen sich weißlackierte Galerien zogen. Sein Haus in der Sandstraße -- der südlichen Verlängerung der Breiten Straße --, mit schlichter Ölfassade, praktisch ausgebeuteten Raumverhältnissen und reicher, eleganter, bequemer Einrichtung, war neu und jedes steifen Stiles bar. Übrigens hatte er in dieses sein Haus noch vor kurzem, gelegentlich einer seiner größeren Abendgesellschaften, eine ans Stadttheater engagierte Sängerin geladen, hatte sie nach Tische vor seinen Gästen, unter denen sich auch sein kunstliebender und schöngeistiger Bruder, der Rechtsgelehrte, befand, singen lassen und die Dame aufs glänzendste honoriert. Er war nicht der Mann, in der Bürgerschaft die Bewilligung größerer Geldsummen zur Restaurierung und Erhaltung der mittelalterlichen Denkmäler zu befürworten. Daß er aber der erste, absolut in der ganzen Stadt der erste gewesen war, der seine Wohnräume und seine Kontors mit Gas beleuchtet hatte, war Tatsache. Gewiß, wenn Konsul Hagenström irgendeiner Tradition lebte, so war es die von seinem Vater, dem alten Hinrich Hagenström, übernommene unbeschränkte, fortgeschrittene, duldsame und vorurteilsfreie Denkungsart, und hierauf gründete sich die Bewunderung, die er genoß.
Das Prestige Thomas Buddenbrooks war anderer Art. Er war nicht nur er selbst; man ehrte in ihm noch die unvergessenen Persönlichkeiten seines Vaters, Großvaters und Urgroßvaters, und abgesehen von seinen eigenen geschäftlichen und öffentlichen Erfolgen war er der Träger eines hundertjährigen Bürgerruhmes. Die leichte, geschmackvolle und bezwingend liebenswürdige Art freilich, in der er ihn repräsentierte und verwertete, war wohl das Wichtigste; und was ihn auszeichnete, war ein selbst unter seinen gelehrten Mitbürgern ganz ungewöhnlicher Grad formaler Bildung, der, wo er sich äußerte, ebensoviel Befremdung wie Respekt erregte ...
Donnerstags, bei Buddenbrooks, war von der bevorstehenden Wahl in Gegenwart des Konsuls meist nur in Form von kurzen und fast gleichgültigen Bemerkungen die Rede, bei denen die alte Konsulin diskret ihre hellen Augen beiseiteschweifen ließ. Hie und da aber konnte Frau Permaneder sich trotzdem nicht entbrechen, ein wenig mit ihrer erstaunlichen Kenntnis der Staatsverfassung zu prunken, deren Satzungen sie, soweit sie die Wahl eines Senatsmitgliedes betrafen, ebenso eingehend studiert hatte wie vor Jahr und Tag die Scheidungsparagraphen. Sie sprach dann von Wahlkammern, Wahlbürgern und Stimmzetteln, erwog alle denkbaren Eventualitäten, zitierte wörtlich und ohne Anstoß den feierlichen Eid, der von den Wählern zu leisten ist, erzählte von der »freimütigen Besprechung«, die verfassungsmäßig von den einzelnen Wahlkammern über alle diejenigen vorgenommen wird, deren Namen auf der Kandidatenliste stehen, und gab dem lebhaften Wunsche Ausdruck, an der »freimütigen Besprechung« der Persönlichkeit Hermann Hagenströms teilnehmen zu dürfen. Einen Augenblick später beugte sie sich vor und begann, die Pflaumenkerne auf dem Kompotteller ihres Bruders zu zählen: »Edelmann -- Bedelmann -- Doktor -- Pastor -- -- Ratsherr!« sagte sie und schnellte mit ihrer Messerspitze den fehlenden Kern auf den kleinen Teller hinüber ... Nach Tische aber, unfähig, an sich zu halten, zog sie den Konsul am Arme beiseite, in eine Fensternische.
»O Gott, Tom! wenn du es wirst ... wenn unser Wappen in die Kriegsstube im Rathause kommt ... ich sterbe vor Freude! ich falle um und bin tot, du sollst sehen!«
»So, liebe Tony! Nun etwas mehr Haltung und Würde, wenn ich dich bitten darf! Das pflegt dir doch sonst nicht abzugehen? Gehe ich umher wie Henning Kurz? Wir sind auch ohne `Senator´ was ... Und du wirst hoffentlich am Leben bleiben, im einen wie im anderen Falle.«
Und die Agitation, die Beratungen, die Kämpfe der Meinungen nahmen ihren Fortgang. Konsul Peter Döhlmann, der Suitier, mit seinem gänzlich verkommenen Geschäft, das nur noch dem Namen nach existierte, und seiner 27jährigen Tochter, deren Erbe er verfrühstückte, beteiligte sich daran, indem er bei einem Diner, das Thomas Buddenbrook gab, und bei einem ebensolchen, das Hermann Hagenström veranstaltete, jedesmal den betreffenden Wirt mit schallender und lärmender Stimme »Herr Senator« nannte. Siegismund Gosch aber, der alte Makler Gosch, ging umher wie ein brüllender Löwe und machte sich anheischig, ohne Umschweife jeden zu erdrosseln, der nicht gewillt sei, für Konsul Buddenbrook zu stimmen.
»Konsul Buddenbrook, meine Herren ... ha! welch ein Mann! Ich habe an der Seite seines Vaters gestanden, als er _anno_ 48 mit einem Worte die Wut des entfesselten Pöbels zähmte ... Gäbe es eine Gerechtigkeit auf Erden, so hätte schon sein Vater, schon der Vater seines Vaters dem Senate angehören müssen ...«
Im Grunde jedoch war es nicht sowohl Konsul Buddenbrook selbst, dessen Persönlichkeit das Innere des Herrn Gosch in Flammen setzte, als vielmehr die junge Frau Konsulin, geborene Arnoldsen. Nicht als ob der Makler jemals ein Wort mit ihr gewechselt hätte. Er gehörte nicht zu dem Kreise der reichen Kaufleute, speiste nicht an ihren Tafeln und tauschte nicht Visiten mit ihnen. Aber, wie schon erwähnt, Gerda Buddenbrook war nicht sobald in der Stadt erschienen, als der immer sehnsüchtig nach Außerordentlichem schweifende Blick des finsteren Maklers sie auch schon erspäht hatte. Mit sicherem Instinkte hatte er alsbald erkannt, daß diese Erscheinung geeignet sei, seinem unbefriedigten Dasein ein wenig mehr Inhalt zu verleihen, und mit Leib und Seele hatte er sich ihr, die ihn kaum dem Namen nach kannte, als Sklave ergeben. Seitdem umkreiste er in Gedanken diese nervöse und aufs äußerste reservierte Dame, der niemand ihn vorstellte, wie der Tiger den Bändiger: mit demselben verbissenen Mienenspiel, derselben tückisch-demütigen Haltung, in der er auf der Straße, ohne daß sie das erwartet hätte, seinen Jesuitenhut vor ihr zog ... Diese Welt der Mittelmäßigkeit bot ihm keine Möglichkeit, für diese Frau eine Tat von gräßlicher Ruchlosigkeit zu begehen, welche er, bucklig, düster und kalt in seinen Mantel gehüllt, mit teuflischem Gleichmut verantwortet haben würde! Ihre langweiligen Gewohnheiten gestatteten ihm nicht, diese Frau durch Mord, Verbrechen und blutige Listen auf einen Kaiserthron zu erhöhen. Nichts ließ sie ihm übrig, als im Rathause für die Wahl ihres ingrimmig verehrten Gatten zu stimmen und ihr, vielleicht, dereinst, die Übersetzung von Lope de Vegas sämtlichen Dramen zu widmen.
Viertes Kapitel
Jede im Senate erledigte Stelle muß binnen vier Wochen wieder besetzt werden; so will es die Verfassung. Drei Wochen sind seit James Möllendorpfs Hintritt verflossen, und nun ist der Wahltag herangekommen, ein Tauwettertag am Ende des Februar.
In der Breiten Straße, vor dem Rathause mit seiner durchbrochenen Glasurziegelfassade, seinen spitzen Türmen und Türmchen, die gegen den grauweißlichen Himmel stehen, seinem auf vorgeschobenen Säulen ruhenden gedeckten Treppenaufgang, seinen spitzen Arkaden, die den Durchblick auf den Marktplatz und seinen Brunnen gewähren ... vorm Rathause drängen sich mittags um 1 Uhr die Leute. Sie stehen unentwegt in dem schmutzig-wässerigen Schnee der Straße, der unter ihren Füßen vollends zergeht, sehen sich an, sehen wieder geradeaus und recken die Hälse. Denn dort, hinter jenem Portale, im Ratssaale, mit seinen vierzehn im Halbkreise stehenden Armsesseln, erwartet noch zu dieser Stunde die aus Mitgliedern des Senates und der Bürgerschaft bestehende Wahlversammlung die Vorschläge der Wahlkammern ...
Die Sache hat sich in die Länge gezogen. Es scheint, daß die Debatten in den Kammern sich nicht beruhigen wollen, daß der Kampf hart ist, und daß, bis jetzt, der Versammlung im Ratssaale keineswegs ein und dieselbe Person vorgeschlagen wurde, denn sie würde vom Bürgermeister sofort als gewählt erklärt werden ... Sonderbar! Niemand begreift, woher sie kommen, wo und wie sie entstehen, aber Gerüchte dringen aus dem Portale auf die Straße heraus und verbreiten sich. Steht dort drinnen Herr Kaspersen, der ältere der beiden Ratsdiener, der sich selbst nie anders als »Staatsbeamter« nennt, und dirigiert, was er erfährt, mit geschlossenen Zähnen und abgewandten Augen durch einen Mundwinkel nach draußen? Jetzt heißt es, daß die Vorschläge im Sitzungssaale eingelaufen sind, und daß von jeder der drei Kammern ein anderer vorgeschlagen wurde: Hagenström, Buddenbrook, Kistenmaker! Gott gebe, daß nun wenigstens die allgemeine Wahl durch geheime Abstimmung mittels Stimmzettel eine unbedingte Stimmenmehrheit ergibt! Wer nicht warme Überschuhe trägt, fängt an, die Beine zu heben und zu stampfen, denn die Füße schmerzen vor Kälte.
Es sind Leute aus allen Volksklassen, die hier stehen und warten. Man sieht Seeleute mit bloßem, tätowiertem Halse, die Hände in den weiten, niedrigen Hosentaschen, Kornträger mit ihren Blusen und Kniehosen aus schwarzem Glanzleinen und ihrem unvergleichlich biederen Gesichtsausdruck; Fuhrleute, die von ihren zu Hauf geschichteten Getreidesäcken geklettert sind, um, die Peitsche in der Hand, des Wahlergebnisses zu harren; Dienstmädchen mit Halstuch, Schürze und dickem, gestreiftem Rock, die kleine, weiße Mütze auf dem Hinterkopf und den großen Henkelkorb am nackten Arme; Fisch- und Gemüsefrauen mit ihren Strohschuten; sogar ein paar hübsche Gärtnermädchen mit holländischen Hauben, kurzen Röcken und langen, faltigen, weißen Ärmeln, die aus dem buntgestickten Mieder hervorquellen ... Dazwischen Bürger, Ladenbesitzer aus der Nähe, die ohne Hut herausgetreten sind und ihre Meinungen tauschen, junge, gutgekleidete Kaufleute, Söhne, die im Kontor ihres Vaters oder eines seiner Freunde ihre drei- oder vierjährige Lehrzeit erledigen, Schuljungen mit Ränzeln und Bücherpaketen ...
Hinter zwei tabakkauenden Arbeitsleuten mit harten Schifferbärten steht eine Dame, die in großer Erregung den Kopf hin und her wendet, um zwischen den Schultern der beiden vierschrötigen Kerle hindurch auf das Rathaus sehen zu können. Sie trägt eine Art von langem, mit braunem Pelz besetzten Abendmantel, den sie von innen mit beiden Händen zusammenhält, und ihr Gesicht ist gänzlich von einem dichten, braunen Schleier verhüllt. Ihre Gummischuhe trippeln rastlos in dem Schneewasser umher ...
»Bi Gott, hei ward dat wedder nich, din Herr Kurz«, sagt der eine Arbeitsmann zum andern.
»Nee, du Döhsbartel, dat brukst mi nich mehr tau vertellen. Sei stimmen nu je all öwer Hagenström, Kistenmaker un Buddenbrook af.«
»Je, un nu is dat de Frag', wekker von de dre die annern öwer is.«
»Je, dat seg du man noch mal.«
»Weitst wat? Ick glöw, sei wählen Hagenström.«
»Je, du Klaukscheeter ... Red' du un de Düwel.«
Dann speit er seinen Tabak vor sich nieder, denn das Gedränge erlaubt ihm nicht, ihn im Bogen von sich zu geben, zieht mit beiden Händen die Hosen höher unter den Leibriemen hinauf und fährt fort: »Hagenström, dat's so'n Freßsack, un krigt nich mal Luft durch die Näs, so fett is hei all ... Nee, wo min Herr Kurz dat nu wedder nich warden daut, nu bün ick vör Buddenbrook. Dat's 'n fixen Kierl ...«
»Je, dat segst du wull; öäwer Hagenström is all veel rieker ...«
»Doar kömmp es nich auf an. Dat steiht nich in Frag'.«
»Un denn is Buddenbrook ook ümmer so höllschen fien mit sin Manschetten un sin sieden Krawatt un sin pielen Snurrboart ... Hest em gehen seihn? Hei huppt ümmer so'n beeten as 'n Vagel ...«
»Je, du Dömelklaas, doarvon is nich de Red'.«
»Hei het je woll 'ne Swester, die von twe Männern wedder aff kamen is?«
... Die Dame im Abendmantel erbebt ...
»Je, dat's so'n' Saak. Öäwer doar weiten wi nix von, un denn kann der Kunsel doar ook nix för.«
Nein, nicht wahr?! denkt die Dame im Schleier, indem sie ihre Hände unterm Mantel zusammenpreßt ... Nicht wahr? Oh, Gott sei Dank!
»Un denn«, fügt der Mann hinzu, der zu Buddenbrook hält, »un denn hat ook Bürgermeester Överdieck Gevadder bi sinen Söhn standen; dat will wat bedüden, will 'k di man vertellen ...«
Nicht wahr? denkt die Dame. Ja, Gott sei Dank, es hat gewirkt!... Sie zuckt zusammen. Ein neues Gerücht ist herausgedrungen, läuft im Zick-Zack nach hinten und gelangt zu ihr. Die allgemeine Wahl hat keine Entscheidung gebracht. Eduard Kistenmaker, der die wenigsten Stimmen erhalten, ist ausrangiert worden. Der Kampf zwischen Hagenström und Buddenbrook dauert fort. Ein Bürger bemerkt mit gewichtiger Miene, daß, wenn sich Stimmengleichheit ergibt, es nötig sein wird, fünf »Obmänner« zu erwählen, die nach Stimmenmehrheit zu entscheiden haben ...
Plötzlich ruft ganz vorn am Portal eine Stimme: »Heine Seehas is wählt!«
Und dabei ist Seehase ein immer und ewig betrunkener Mensch, der Dampfbrot auf einem Handwagen herumfährt! Alles lacht und stellt sich auf die Zehenspitzen, um sich den Witzbold anzusehen. Auch die Dame im Schleier wird von einem nervösen Lachen ergriffen, das einen Augenblick ihre Schultern erschüttert. Dann jedoch, mit einer Bewegung, die ausdrückt: Ist dies die Stunde, Späße zu machen?... nimmt sie sich ungeduldig zusammen und lugt wieder leidenschaftlich zwischen den beiden Arbeitsmännern hindurch zum Rathaus hinüber. Aber in demselben Augenblick läßt sie die Hände sinken, daß ihr Abendmantel sich vorne öffnet, und steht da, mit hinabgefallenen Schultern, erschlafft, vernichtet ...
=Hagenström!= -- Die Nachricht ist da, niemand weiß woher. Sie ist da, wie aus dem Erdboden hervorgekommen oder vom Himmel gefallen und ist überall zugleich. Es gibt keinen Widerspruch. Es ist entschieden. Hagenström! -- Ja, ja, er ist es nun also. Da ist nichts mehr zu erwarten. Die Dame im Schleier hätte es vorher wissen können. So geht es immer im Leben. Man kann nun ganz einfach nach Hause gehen. Sie fühlt, wie das Weinen in ihr aufsteigt ...
Und kaum hat dieser Zustand eine Sekunde lang gedauert, als ein plötzlicher Stoß, eine ruckartige Bewegung durch die ganze Menschenansammlung geht, ein Schub, der sich von vorn nach hinten fortsetzt und die Vorderen gegen ihre Hintermänner lehnt, während zu gleicher Zeit dort hinten im Portale etwas Hellrotes aufblitzt ... Die roten Röcke der beiden Ratsdiener, Kaspersen und Uhlefeldt, welche in Gala, mit Dreispitz, weißen Reithosen, gelben Stulpen und Galanteriedegen, Seite an Seite erscheinen und durch die zurückweichende Menge hindurch ihren Weg gehen.
Sie gehen wie das Schicksal: ernst, stumm, verschlossen, ohne nach rechts oder links zu sehen, mit gesenkten Augen ... und schlagen mit unerbittlicher Entschiedenheit die Richtung ein, die ihnen das Ergebnis der Wahl, von dem sie unterrichtet sind, gewiesen hat. Und es ist =nicht= die Richtung der Sandstraße, sondern sie gehen nach rechts die Breite Straße hinunter!
Die Dame im Schleier traut ihren Augen nicht. Aber rings um sie her sieht man es gleich ihr. Die Leute schieben sich in eben derselben Richtung den Ratsdienern nach, sie sagen einander: »Nee, nee, Buddenbrook! nich Hagenström!« ... und schon kommen in angeregten Gesprächen allerlei Herren aus dem Portale, biegen um und gehen geschwinden Schrittes die Breite Straße hinunter, um die ersten bei der Gratulation zu sein.
Da nimmt die Dame ihren Abendmantel zusammen und läuft davon. Sie läuft, wie eine Dame sonst eigentlich nicht läuft. Ihr Schleier verschiebt sich und läßt ihr erhitztes Gesicht sehen; aber das ist gleichgültig. Und obgleich einer ihrer pelzbesetzten Überschuhe in dem wässerigen Schnee beständig ausschlappt und sie in der boshaftesten Weise behindert, überholt sie alle Welt. Sie erreicht zuerst das Eckhaus an der Bäckergrube, sie schellt am Windfang Feuer und Mordio, sie ruft dem öffnenden Mädchen zu: »Sie kommen, Kathrin, sie kommen!« sie nimmt die Treppe, stürmt droben ins Wohnzimmer, woselbst ihr Bruder, der wahrhaftig ein bißchen bleich ist, die Zeitung beiseite legt und ihr eine etwas abwehrende Handbewegung entgegen macht ... sie umarmt ihn und wiederholt: »Sie kommen, Tom, sie kommen! Du bist es, und Hermann Hagenström ist durchgefallen!«
* * * * *
Das war ein Freitag. Schon am folgenden Tage stand Senator Buddenbrook im Ratssaale vor dem Stuhle des verstorbenen James Möllendorpf, und in Gegenwart der versammelten Väter sowie des Bürgerausschusses leistete er diesen Eid: »Ich will meinem Amte gewissenhaft vorstehen, das Wohl des Staates nach allen meinen Kräften erstreben, die Verfassung desselben getreu befolgen, das öffentliche Gut redlich verwalten und bei meiner Amtsführung, namentlich auch bei allen Wahlen, weder auf eigenen Vorteil noch auf Verwandtschaft oder Freundschaft Rücksicht nehmen. Ich will die Gesetze des Staates handhaben und Gerechtigkeit üben gegen jeden, er sei reich oder arm. Ich will auch verschwiegen sein in allem, was Verschwiegenheit erfordert, besonders aber will ich geheimhalten, was geheimzuhalten mir geboten wird. So wahr mir Gott helfe!«
Fünftes Kapitel
Unsere Wünsche und Unternehmungen gehen aus gewissen Bedürfnissen unserer Nerven hervor, die mit Worten schwer zu bestimmen sind. Das, was man Thomas Buddenbrooks »Eitelkeit« nannte, die Sorgfalt, die er seinem Äußeren zuwandte, der Luxus, den er mit seiner Toilette trieb, war in Wirklichkeit etwas gründlich anderes. Es war ursprünglich um nichts mehr, als das Bestreben eines Menschen der Aktion, sich vom Kopf bis zur Zehe stets jener Korrektheit und Intaktheit bewußt zu sein, die Haltung gibt. Die Anforderungen aber wuchsen, die er selbst und die Leute an seine Begabung und seine Kräfte stellten. Er war mit privaten und öffentlichen Pflichten überhäuft. Bei der »Ratssetzung«, der Verteilung der Ämter an die Mitglieder des Senates, war ihm als Hauptressort das Steuerwesen zugefallen. Aber auch Eisenbahn-, Zoll- und andere staatliche Geschäfte nahmen ihn in Anspruch, und in tausend Sitzungen von Verwaltungs- und Aufsichtsräten, in denen ihm seit seiner Wahl das Präsidium zufiel, bedurfte es seiner ganzen Umsicht, Liebenswürdigkeit und Elastizität, um beständig die Empfindlichkeit weit bejahrterer Leute zu berücksichtigen, sich scheinbar ihrer älteren Erfahrung unterzuordnen und dennoch die Macht in Händen zu behalten. Wenn das Merkwürdige zu beobachten war, daß gleichzeitig seine »Eitelkeit«, das heißt dieses Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am Tage die Kleidung zu wechseln, sich wiederherzustellen und morgenfrisch zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das, obgleich Thomas Buddenbrook kaum 37 Jahre zählte, ganz einfach ein Nachlassen seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit ...
Bat der gute Doktor Grabow ihn, sich ein wenig mehr Ruhe zu gönnen, so antwortete er: »Oh, mein lieber Doktor! Soweit bin ich noch nicht.« Er wollte damit sagen, daß er noch unabsehbar viel an sich zu arbeiten habe, bevor er, dermaleinst vielleicht, sich einen Zustand erobert haben würde, den er, fertig und am Ziele, nun in Behagen würde genießen können. In Wahrheit glaubte er kaum an diesen Zustand. Es trieb ihn vorwärts und ließ ihm keinen Frieden. Auch wenn er scheinbar ruhte, nach Tisch vielleicht, mit den Zeitungen, arbeiteten, während er mit einer gewissen langsamen Leidenschaftlichkeit die ausgezogene Spitze seines Schnurrbartes drehte und an seinen blassen Schläfen die Adern sichtbar wurden, tausend Pläne in seinem Kopf durcheinander. Und sein Ernst war gleich heftig beim Ersinnen eines geschäftlichen Manövers oder einer öffentlichen Rede, wie bei dem Vorhaben, nun endlich einmal kurzerhand seinen gesamten Vorrat an Leibwäsche zu erneuern, um wenigstens in dieser Beziehung für einige Zeit fertig und in Ordnung zu sein!
Wenn solche Anschaffungen und Restaurierungen ihm vorübergehend eine gewisse Befriedigung und Beruhigung gewährten, so mochte er die Ausgaben dafür sich skrupellos gestatten, denn seine Geschäfte gingen in diesen Jahren so ausgezeichnet wie ehemals nur zur Zeit seines Großvaters. Der Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen. Jedermann anerkannte mit Neid oder freudiger Teilnahme seine Tüchtigkeit und Geschicklichkeit, während er selbst vergeblich danach rang, mit Behagen in Reihe und Ordnung zu schaffen, weil er hinter seiner planenden Phantasie sich beständig zum Verzweifeln im Rückstande fühlte.
So war es nicht Übermut, daß Senator Buddenbrook im Sommer dieses Jahres 63 umherging und über dem Plane sann, sich ein großes, neues Haus zu bauen. Wer glücklich ist, bleibt am Platze. Seine Rastlosigkeit trieb ihn dazu, und seine Mitbürger hätten dies Unternehmen seiner »Eitelkeit« zurechnen können, denn es gehörte dazu. Ein neues Haus, eine radikale Veränderung des äußeren Lebens, Aufräumen, Umzug, Neuinstallierung mit Ausscheidung alles Alten und Überflüssigen, des ganzen Niederschlages vergangener Jahre: diese Vorstellungen gaben ihm ein Gefühl von Sauberkeit, Neuheit, Erfrischung, Unberührtheit, Stärkung ... und er mußte alles dessen wohl bedürftig sein, denn er griff mit Eifer danach und hatte sein Augenmerk schon auf eine bestimmte Stelle gerichtet.
Es war ein ziemlich umfangreiches Grundstück in der unteren Fischergrube. Ein altersgraues, schlecht unterhaltenes Haus stand dort zum Verkaufe, dessen Besitzerin, eine steinalte Jungfer, die es als ein Überbleibsel einer vergessenen Familie ganz allein bewohnt hatte, kürzlich gestorben war. An diesem Platze wollte der Senator sein Haus erstehen lassen, und auf seinen Gängen zum Hafen passierte er ihn oft mit prüfenden Blicken. Die Nachbarschaft war sympathisch: gute Bürgerhäuser mit Giebeln; am bescheidensten unter ihnen erschien das _vis-à-vis_: ein schmales Ding mit einem kleinen Blumenladen im Erdgeschoß.
Er beschäftigte sich angestrengt mit diesem Unternehmen. Er machte einen ungefähren Überschlag der Kosten, und obgleich die Summe, die er vorläufig festsetzte, nicht gering war, fand er, daß er sie ohne Überanstrengung zu leisten vermochte. Dennoch erblaßte er bei dem Gedanken, daß das Ganze vielleicht ein unnützer Streich sein könne, und gestand sich, daß sein jetziges Haus für ihn, seine Frau, sein Kind und die Dienerschaft ja eigentlich Raum in Fülle hatte. Aber seine halbbewußten Bedürfnisse waren stärker, und in dem Wunsche, von außen her in seinem Vorhaben bekräftigt und berechtigt zu werden, eröffnete er sich zunächst seiner Schwester.