Buddenbrooks: Verfall einer Familie
Part 26
Als um halb zwölf Uhr heute der Konsul sich neben seiner Mutter am Frühstückstische niederließ, las sie ihm folgenden Brief vor:
München, den 2. April 1857. Am Marienplatz Nr. 5.
Meine liebe Mama,
ich bitte um Verzeihung, denn es ist eine Schande, daß ich noch nicht geschrieben habe, während ich doch schon acht Tage hier bin; ich bin zu sehr in Anspruch genommen worden von allem, was es hier zu sehen gibt -- aber davon später. Nun frage ich erst einmal, ob es Euch Lieben, Dir und Tom und Gerda und Erika und Christian und Thilda und Ida und allen gut geht; das ist das Wichtigste.
Ach, was habe ich in diesen Tagen nicht zu sehen bekommen! Da ist die Pinakothek und die Glyptothek und das Hofbräuhaus und das Hoftheater und die Kirchen und viele andere Dinge. Ich muß davon mündlich erzählen, sonst schreibe ich mich tot. Auch eine Wagenfahrt im Isartal haben wir schon gemacht, und für morgen ist ein Ausflug an den Würmsee in Aussicht genommen. Das geht immer so weiter; Eva ist sehr lieb zu mir, und Herr Niederpaur, der Brauereidirektor, ist ein gemütlicher Mann. Wir wohnen an einem sehr hübschen Platz inmitten der Stadt, mit einem Brunnen in der Mitte, wie bei uns auf dem Markt, und unser Haus steht ganz in der Nähe des Rathauses. Ich habe niemals ein solches Haus gesehen! Es ist von oben bis unten ganz kunterbunt bemalt, mit heiligen Georgs, die den Drachen töten, und alten bayerischen Fürsten in vollem Ornat und Wappen. Stellt Euch vor!
Ja, München gefällt mir ganz ausnehmend. Die Luft soll sehr nervenstärkend sein, und mit meinem Magen ist es im Augenblick ganz in Ordnung. Ich trinke mit großem Vergnügen sehr viel Bier, um so mehr, als das Wasser nicht ganz gesund ist; aber an das Essen kann ich mich noch nicht recht gewöhnen. Es gibt zuwenig Gemüse und zuviel Mehl, zum Beispiel in den Soßen, deren sich Gott erbarmen möge. Was ein ordentlicher Kalbsrücken ist, das ahnt man hier gar nicht, denn die Schlachter zerschneiden alles aufs jämmerlichste. Und mir fehlen sehr die Fische. Und dann ist es doch ein Wahnsinn, beständig Gurken- und Kartoffelsalat mit Bier durcheinander zu schlucken! Mein Magen gibt Töne von sich dabei.
Überhaupt muß man ja an mancherlei sich erst gewöhnen, könnt Ihr Euch denken, man befindet sich eben in einem fremden Lande. Da ist die ungewohnte Münze, da ist die Schwierigkeit, sich mit den einfachen Leuten, dem Dienstpersonal zu verständigen, denn ich spreche ihnen zu rasch und sie mir zu kauderwelsch -- und dann ist da der Katholizismus; ich hasse ihn, wie Ihr wißt, ich halte gar nichts davon ...
Hier fing der Konsul an zu lachen, indem er, ein Stück Butterbrot mit geriebenem Kräuterkäse in der Hand, sich in das Sofa zurücklehnte.
»Ja, Tom, du lachst ...«, sagte seine Mutter, und ließ ein paarmal den Mittelfinger ihrer Hand auf das Tischtuch fallen. »Aber mir gefällt es völlig an ihr, daß sie an dem Glauben ihrer Väter festhält und die unevangelischen Schnurrpfeifereien verabscheut. Ich weiß, daß du in Frankreich und Italien eine gewisse Sympathie für die päpstliche Kirche gefaßt hast, aber das ist nicht Religiosität bei dir, Tom, sondern etwas anderes, und ich verstehe auch, was; aber obgleich wir duldsam sein sollen, ist Spielerei und Liebhaberei in diesen Dingen in hohem Grade strafbar, und ich muß Gott bitten, daß er dir und deiner Gerda -- denn ich weiß, sie gehört ebenfalls nicht gerade zu den Gefesteten, mit den Jahren den nötigen Ernst darin gibt. Diese Bemerkung wirst du deiner Mutter verzeihen.«
»Oben auf dem Brunnen«, las sie weiter, »den ich von meinem Fenster aus sehen kann, steht eine Maria, und manchmal wird er bekränzt, und dann knien dort Leute aus dem Volke mit Rosenkränzen und beten, was ja recht hübsch aussieht, aber es steht geschrieben: Gehe in dein Kämmerlein. Oft sieht man hier Mönche auf der Straße, und sie sehen recht ehrwürdig aus. Aber stelle Dir vor, Mama, gestern fuhr in der Theatinerstraße irgendein höherer Kirchenmann in seiner Kutsche an mir vorüber, vielleicht war es der Erzbischof, ein älterer Herr -- genug, und dieser Herr wirft mir aus dem Fenster ein paar Augen zu wie ein Gardeleutnant! Du weißt, Mutter, ich halte nicht so sehr große Stücke auf Deine Freunde, die Missionare und Pastoren, aber Tränen-Trieschke ist sicherlich nichts gegen diesen Suitier von einem Kirchenfürsten ...«
»Pfui!« schaltete die Konsulin bekümmert ein.
»Echt Tony!« sagte der Konsul.
»Wieso, Tom?«
»Na, sollte sie ihn nicht ein bißchen provoziert haben ... zur Prüfung? Ich kenne doch Tony! Und jedenfalls hat dieses `Paar Augen´ sie köstlich amüsiert ... was wohl die Absicht des alten Herrn gewesen ist.«
Hierauf ging die Konsulin nicht ein, sondern fuhr zu lesen fort: »Vorgestern hatten Niederpaurs Abendgesellschaft, was wunderhübsch war, obgleich ich der Unterhaltung nicht immer folgen konnte und den Ton manchmal ziemlich _équivoque_ fand. Sogar ein Hofopernsänger war da, welcher Lieder sang, und ein junger Kunstmaler, der mich bat, mich von ihm porträtieren zu lassen, was ich aber ablehnte, weil ich es nicht für passend halte. Am besten habe ich mich mit einem Herrn =Permaneder= unterhalten -- hättest Du jemals gedacht, daß jemand so heißen könnte? --, Hopfenhändler, ein netter, spaßhafter Mann in gesetzten Jahren und Junggeselle. Ich hatte ihn zu Tische und hielt mich an ihn, weil er der einzige Protestant in der Gesellschaft war, denn obgleich er ein guter Münchener Bürger ist, stammt seine Familie aus Nürnberg. Er versicherte, daß er unsere Firma dem Namen nach sehr wohl kenne, und Du kannst Dir denken, Tom, welche Freude mir der respektvolle Ton machte, in welchem er das sagte. Auch erkundigte er sich genau nach uns, wie viele Geschwister wir seien und dergleichen mehr. Auch nach Erika und sogar nach Grünlich fragte er. Er kommt manchmal zu Niederpaurs und wird wohl morgen mit uns zum Würmsee fahren.
Nun adieu, liebe Mama, ich kann nicht mehr schreiben. Bei Leben und Gesundheit, wie Du immer sagst, bleibe ich noch drei oder vier Wochen hier, und dann kann ich Euch mündlich von München erzählen, denn brieflich weiß ich nicht, womit ich anfangen soll. Aber es gefällt mir sehr gut, das kann ich sagen, nur müßte man sich eine Köchin auf anständige Saucen dressieren. Siehst Du, ich bin eine alte Frau, die das Leben hinter sich hat, und habe nichts mehr zu erwarten auf Erden, aber wenn zum Beispiel Erika später bei Leben und Gesundheit sich hierher verheiratete, so würde ich nichts dagegen haben, das muß ich sagen ...«
Hier mußte der Konsul wieder aufhören, zu essen, und sich lachend in das Sofa zurücklegen.
»Sie ist unbezahlbar, Mutter! Wenn sie heucheln will, ist sie unvergleichlich! Ich schwärme für sie, weil sie einfach nicht imstande ist, sich zu verstellen, nicht über tausend Meilen weg ...«
»Ja, Tom«, sagte die Konsulin; »sie ist ein gutes Kind, das alles Glück verdient.«
Dann las sie den Brief zu Ende ...
Zweites Kapitel
Am Ende des April zog Frau Grünlich wieder im Elternhause ein, und obgleich nun abermals ein Stück Leben hinter ihr lag, obgleich das alte Dasein wieder begann, sie wieder den Andachten beiwohnen und am Jerusalemsabend Lea Gerhardt vorlesen hören mußte, befand sie sich ganz augenscheinlich in froher und hoffnungsvoller Stimmung.
Gleich als ihr Bruder, der Konsul, sie vom Bahnhofe abgeholt hatte -- sie war von Büchen gekommen -- und mit ihr durch das Holstentor in die Stadt gefahren war, hatte er nicht umhin gekonnt, ihr das Kompliment zu machen, daß -- nächst Klothilden -- sie doch noch immer die Schönste in der Familie sei, worauf sie geantwortet hatte: »O Gott, Tom, ich hasse dich! Eine alte Frau in dieser Weise zu verhöhnen ...«
Aber es hatte trotzdem seine Richtigkeit: Madame Grünlich konservierte sich aufs vorteilhafteste, und angesichts ihres starken, aschblonden Haares, das zu beiden Seiten des Scheitels gepolstert, über den kleinen Ohren zurückgestrichen und auf der Höhe des Kopfes mit einem breiten Schildkrotkamm zusammengefaßt war -- angesichts des weichen Ausdrucks, der ihren graublauen Augen blieb, ihrer hübschen Oberlippe, des feinen Ovals und der zarten Farben ihres Gesichtes hätte man nicht auf dreißig, sondern auf dreiundzwanzig Jahre geraten. Sie trug höchst elegante herabhängende Ohrringe von Gold, die in etwas anderer Form schon ihre Großmutter getragen hatte. Eine lose sitzende Taille aus leichtem, dunklem Seidenstoff mit Atlasrevers und flachen Epaulettes von Spitzen gab ihrer Büste einen entzückenden Ausdruck von Weichheit ...
Sie befand sich in bester Laune, wie gesagt, und erzählte Donnerstags, wenn Konsul Buddenbrooks und die Damen Buddenbrook aus der Breitenstraße, Konsul Krögers, Klothilde und Sesemi Weichbrodt mit Erika zu Tische kamen, aufs anschaulichste von München, von dem Biere, den Dampfnudeln, dem Kunstmaler, der sie hatte porträtieren wollen, und den Hofequipagen, die ihr den größten Eindruck gemacht hatten. Sie erwähnte im Vorübergehen auch des Herrn Permaneder, und gesetzt den Fall, daß Pfiffi Buddenbrook eine oder die andere Bemerkung darüber fallen ließ, daß so eine Reise ja recht angenehm sei, daß jedoch irgendein praktischer Erfolg sich nicht scheine eingestellt zu haben, so überhörte Frau Grünlich das mit einer unsäglichen Würde, indem sie den Kopf zurücklegte und trotzdem das Kinn auf die Brust zu drücken suchte ...
Übrigens eignete sie sich die Gewohnheit an, immer, wenn die Glocke der Windfangtür über die große Diele schallte, auf den Treppenabsatz zu eilen, um zu sehen, wer käme ... Was mochte dies zu bedeuten haben? Das wußte wohl nur Ida Jungmann, Tonys Erzieherin und langjährige Vertraute, die hier und da etwas zu ihr sagte, wie: »Tonychen, mein Kindchen, sollst sehen, er wird kommen! Er wird doch kein Dujak sein wollen ...«
Die einzelnen Familienglieder wußten der heimgekehrten Antonie Dank für ihre Heiterkeit; die Stimmung im Hause bedurfte dringend der Aufmunterung, und zwar aus dem Grunde, weil das Verhältnis zwischen dem Firmenchef und seinem jüngeren Bruder sich im Verlaufe der Zeit nicht gebessert, sondern in trauriger Weise verschlimmert hatte. Ihre Mutter, die Konsulin, die diesen Gang der Dinge mit Kummer verfolgte, hatte genug zu tun, zwischen den beiden notdürftig zu vermitteln ... Ihren Ermahnungen, das Kontor mit größerer Regelmäßigkeit zu besuchen, war Christian mit zerstreutem Schweigen begegnet, und diejenigen seines Bruders selbst hatte er mit einer ernsten, unruhigen und nachdenklichen Beschämung ohne Widerspruch über sich ergehen lassen, um dann während weniger Tage der englischen Korrespondenz mit etwas mehr Eifer obzuliegen. Mehr und mehr aber entwickelte sich in dem Älteren eine gereizte Verachtung gegen den Jüngeren, die dadurch nicht beeinträchtigt wurde, daß Christian ihre gelegentlichen Äußerungen ohne Gegenwehr und mit nachdenklich umherwandernden Augen entgegennahm.
Thomas' angestrengte Tätigkeit, der Zustand seiner Nerven gestattete ihm nicht, mit Teilnahme oder Gelassenheit Christians eingehende Mitteilungen über seine wechselnden Krankheitserscheinungen anzuhören, und seiner Mutter oder Schwester gegenüber nannte er sie mit Unwillen »die albernen Ergebnisse einer widerwärtigen Selbstbeobachtung«.
Die Qual, die unbestimmte Qual in Christians linkem Beine, war seit einiger Zeit mehreren äußerlichen Mitteln gewichen; die Schluckbeschwerden aber kehrten noch oft bei Tische wieder, und neuerdings war eine zeitweilige Atemnot, ein asthmatisches Übel hinzugetreten, das Christian während längerer Wochen für Lungenschwindsucht hielt und dessen Wesen und Wirkungen er seiner Familie mit gekrauster Nase in ausführlichen Beschreibungen mitzuteilen bemüht war. Doktor Grabow wurde zu Rate gezogen. Er stellte fest, daß Herz und Lunge recht kräftig arbeiteten, daß aber der gelegentliche Atemmangel auf eine gewisse Trägheit gewisser Muskeln zurückzuführen sei, und verordnete zur Erleichterung der Respiration erstens den Gebrauch eines Fächers, zweitens ein grünliches Pulver, das man entzünden und dessen Rauch man einatmen mußte. Des Fächers bediente Christian sich auch im Kontor, und auf einen Vorhalt des Chefs antwortete er, daß in Valparaiso jeder Kontorist schon der Hitze wegen einen Fächer besessen habe: »Johnny Thunderstorm ... du lieber Gott!« Als er aber eines Tages, nachdem er längere Zeit ernst und unruhig auf seinem Sessel hin und her gerückt, auch sein Pulver im Kontor aus der Tasche zog und einen so starken und übelriechenden Qualm entwickelte, daß mehrere Leute heftig zu husten begannen und Herr Marcus sogar ganz blaß wurde ... da gab es einen öffentlichen Eklat, einen Skandal, eine fürchterliche Auseinandersetzung, die zum sofortigen Bruch geführt haben würde, hätte nicht die Konsulin noch einmal alles vertuscht, mit Vernunft besprochen und zum Guten gewandt ...
Es war nicht dies allein. Auch das Leben, das Christian außerhalb des Hauses, und zwar meistens gemeinsam mit dem Rechtsanwalt Doktor Gieseke, seinem Schulkameraden, führte, verfolgte der Konsul mit Widerwillen. Er war kein Mucker und Spielverderber. Er erinnerte sich wohl seiner eigenen Jugendsünden. Er wußte wohl, daß seine Vaterstadt, diese Hafen- und Handelsstadt, in der die geschäftlich hochachtbaren Bürger mit so unvergleichlich ehrenfester Miene das Trottoir mit ihren Spazierstöcken stießen, keineswegs die Heimstätte makelloser Moralität sei. Man entschädigte sich hier für seine auf dem Kontorbock seßhaft verbrachten Tage nicht nur mit schweren Weinen und schweren Gerichten ... Aber ein dicker Mantel von biederer Solidität bedeckte diese Entschädigungen, und wenn es Konsul Buddenbrooks erstes Gesetz war, »die Dehors zu wahren«, so zeigte er sich in dieser Beziehung durchdrungen von der Weltanschauung seiner Mitbürger. Der Rechtsanwalt Gieseke gehörte zu den »Gelehrten«, die sich der Daseinsform der »Kaufleute« behaglich anpaßten, und zu den notorischen »Suitiers«, was ihm übrigens jedermann ansehen konnte. Aber wie die übrigen behäbigen Lebemänner verstand er es, die richtige Miene dazu zu machen, Ärgernis zu vermeiden und seinen politischen und beruflichen Grundsätzen den Ruf unanfechtbarer Solidität zu wahren. Seine Verlobung mit einem Fräulein Huneus war soeben publik geworden. Er erheiratete also einen Platz in der ersten Gesellschaft und eine bedeutende Mitgift. Er war mit stark unterstrichenem Interesse in städtischen Angelegenheiten tätig, und man sagte sich, daß er sein Augenmerk auf einen Sitz im Rathause und zuletzt wohl auf den Sessel des alten Bürgermeisters Doktor Överdieck gerichtet halte.
Christian Buddenbrook aber, sein Freund, derselbe, der einst entschlossenen Schrittes zu Mademoiselle Meyer-de la Grange gegangen war, ihr sein Blumenbukett gegeben und zu ihr gesagt hatte: »O Fräulein, wie schön haben Sie gespielt!« -- Christian hatte sich infolge seines Charakters und seiner langen Wanderjahre zu einem Suitier von viel zu naiver und unbekümmerter Art entwickelt und war in Herzenssachen so wenig wie im übrigen geneigt, seinen Empfindungen Zwang anzutun, Diskretion zu üben, die Würde zu wahren. Über sein Verhältnis zu einer Statistin vom Sommertheater zum Beispiel amüsierte sich die ganze Stadt, und Frau Stuht aus der Glockengießerstraße, dieselbe, die in den ersten Kreisen verkehrte, erzählte es jeder Dame, die es hören wollte, daß »Krischan« wieder einmal mit der vom »Tivoli« auf offener, hellichter Straße gesehen worden sei.
Auch das nahm man nicht übel ... Man war von einer zu biderben Skepsis, um ernstlich moralische Entrüstung an den Tag zu legen. Christian Buddenbrook und etwa Konsul Peter Döhlmann, den sein gänzlich darniederliegendes Geschäft veranlaßte, in ähnlich harmloser Weise zu Werke zu gehen, waren als Amüseurs beliebt und in Herrengesellschaft geradezu unentbehrlich. Aber sie waren eben nicht ernst zu nehmen; sie zählten in ernsthaften Angelegenheiten nicht mit; es war bezeichnend, daß in der ganzen Stadt, im Klub, an der Börse, am Hafen, nur ihre Vornamen genannt wurden: »Krischan« und »Peter«, und Übelwollenden, wie den Hagenströms, stand es frei, nicht über Krischans Geschichten und Späße, sondern über Krischan selbst zu lachen.
Er dachte daran nicht oder ging, seiner Art gemäß, nach einem Augenblick seltsam unruhigen Nachdenkens darüber hinweg. Sein Bruder, der Konsul, aber wußte es; er wußte, daß Christian den Widersachern der Familie einen Angriffspunkt bot, und ... es waren der Angriffspunkte bereits zu viele. Die Verwandtschaft mit den Överdiecks war weitläufig und würde nach dem Tode des Bürgermeisters ganz wertlos sein. Die Krögers spielten gar keine Rolle mehr, lebten zurückgezogen und hatten arge Geschichten mit ihrem Sohne ... Des seligen Onkel Gotthold Mißheirat blieb etwas Unangenehmes ... Des Konsuls Schwester war eine geschiedene Frau, wenn man auch die Hoffnung auf ihre Wiedervermählung nicht fahren zu lassen brauchte -- und sein Bruder sollte ein lächerlicher Mensch sein, durch dessen Clownerien sich tätige Herren mit wohlwollendem oder höhnischem Lachen die Mußestunden ausfüllen ließen, der zu alledem Schulden machte und am Ende des Quartals, wenn er kein Geld mehr hatte, sich ganz offenkundig von Doktor Gieseke freihalten ließ ... eine unmittelbare Blamage der Firma.
Die gehässige Verachtung, die Thomas auf seinem Bruder ruhen ließ und die dieser mit einer nachdenklichen Indifferenz ertrug, äußerte sich in all den feinen Kleinlichkeiten, wie sie nur zwischen Familiengliedern, die aufeinander angewiesen sind, zutage treten. Kam zum Beispiel das Gespräch auf die Geschichte der Buddenbrooks, so konnte Christian in die Stimmung geraten, die ihm allerdings nicht sehr gut zu Gesichte stand, mit Ernst, Liebe und Bewunderung von seiner Vaterstadt und seinen Vorfahren zu reden. Alsbald beendete der Konsul mit einer kalten Bemerkung das Gespräch. Er ertrug das nicht. Er verachtete seinen Bruder so sehr, daß er ihm nicht gestattete, dort zu lieben, wo er selbst liebte. Er hätte es viel lieber gehört, wenn Christian im Dialekte Marcellus Stengels davon gesprochen hätte. Er hatte ein Buch gelesen, irgendein historisches Werk, das starken Eindruck auf ihn gemacht und das er mit bewegten Worten rühmte. Christian, ein unselbständiger Kopf, der das Buch allein gar nicht ausfindig gemacht haben würde, aber eindrucksfähig und jeder Beeinflussung zugänglich, las es, in dieser Weise vorbereitet und empfänglich gemacht, nun gleichfalls, fand es ganz herrlich, gab seinen Empfindungen möglichst genauen Ausdruck ... und fortan war das Buch für Thomas erledigt. Er sprach mit Gleichgültigkeit und Kälte davon. Er tat, als habe er es kaum gelesen. Er überließ seinem Bruder, es allein zu bewundern ...
Drittes Kapitel
Konsul Buddenbrook kehrte aus der »Harmonie«, dem Lesezirkel für Herren, in dem er nach dem zweiten Frühstück eine Stunde verbracht hatte, in die Mengstraße zurück. Er durchschritt das Grundstück von hinten, kam rasch zur Seite des Gartens über den gepflasterten Gang, der, zwischen bewachsenen Mauern hinlaufend, den hinteren Hof mit dem vorderen verband, ging über die Diele und rief in die Küche hinein, ob sein Bruder zu Hause sei; man solle ihn benachrichtigen, wenn er käme. Dann schritt er durch das Kontor, wo die Leute an den Pulten bei seinem Erscheinen sich tiefer über die Rechnungen beugten, in sein Privatbureau, legte Hut und Stock beiseite, zog den Arbeitsrock an und begab sich an seinen Fensterplatz, Herrn Marcus gegenüber. Zwei Falten standen zwischen seinen auffallend hellen Brauen. Das gelbe Mundstück einer aufgerauchten russischen Zigarette wanderte unruhig von einem Mundwinkel in den anderen. Die Bewegungen, mit denen er Papier und Schreibzeug zur Hand nahm, waren so kurz und schroff, daß Herr Marcus sich mit zwei Fingern bedächtig den Schnurrbart strich und einen ganz langsamen, prüfenden Blick zu seinem Sozius gleiten ließ, während die jungen Leute sich mit erhobenen Augenbrauen ansahen. Der Chef war im Zorn.
Nach Verlauf einer halben Stunde, während der man nichts als das Kratzen der Federn und das bedächtige Räuspern des Herrn Marcus vernommen hatte, blickte der Konsul über den grünen Fenstervorsatz hinweg und sah Christian die Straße daherkommen. Er rauchte. Er kam aus dem Klub, wo er gefrühstückt und ein kleines Jeu gemacht hatte. Er trug den Hut ein wenig schief in der Stirn und schwenkte seinen gelben Stock, der »von drüben« stammte und dessen Knopf die in Ebenholz geschnitzte Büste einer Nonne darstellte. Ersichtlich war er bei guter Gesundheit und bester Laune. Irgendeinen _song_ vor sich hinsummend, kam er ins Kontor, sagte »Morgen, meine Herren!«, wiewohl es ein heller Frühlingsnachmittag war, und schritt auf seinen Platz zu, um »mal eben ein bißchen zu arbeiten«. Aber der Konsul erhob sich, und im Vorübergehen sagte er, ohne ihn anzublicken: »Ach ... auf zwei Worte, mein Lieber.«
Christian folgte ihm. Sie gingen ziemlich rasch über die Diele. Thomas hatte die Hände auf den Rücken gelegt, und unwillkürlich tat Christian dasselbe, wobei er dem Bruder seine große Nase zuwandte, die oberhalb des englisch über den Mund hängenden rotblonden Schnurrbartes scharf, knochig und gebogen zwischen den hohlen Wangen hervortrat. Während sie über den Hof gingen, sagte Thomas: »Du mußt mich mal ein paar Schritte durch den Garten begleiten, mein Freund.«
»Schön«, antwortete Christian. Und dann folgte wieder ein längeres Schweigen, während sie, links herum, auf dem äußeren Wege, an der Rokokofassade des »Portals« vorbei, den Garten umschritten, der die ersten Knospen trieb. Schließlich sagte der Konsul nach einem schnellen Aufatmen mit lauter Stimme: »Ich habe eben schweren Ärger gehabt, und zwar infolge deines Betragens.«
»Meines ...«
»Ja. -- Man hat mir in der `Harmonie´ von einer Bemerkung erzählt, die du gestern abend im Klub hast fallen lassen, und die so deplaziert, so über alle Begriffe taktlos war, daß ich keine Worte finde ... Die Blamage hat nicht auf sich warten lassen. Es ist dir eine klägliche Abfertigung zuteil geworden. Hast du Lust, dich zu erinnern?«
»Ach ... nun weiß ich, was du meinst. -- Wer hat dir denn das erzählt?«
»Was tut das zur Sache. -- Döhlmann. -- Mit einer Stimme selbstverständlich, daß die Leute, die die Geschichte etwa noch nicht kannten, sich nun ebenfalls darüber freuen können ...«
»Ja, Tom, ich muß dir sagen ... Ich habe mich für Hagenström geschämt!«
»Du hast dich für ... Aber das ist denn doch ... Höre mal!« rief der Konsul, indem er beide Hände, die Innenflächen nach oben, vor sich ausstreckte und sie, mit seitwärts geneigtem Kopfe, erregt demonstrierend schüttelte. »Du sagst in einer Gesellschaft, die sowohl aus Kaufleuten als aus Gelehrten besteht, daß alle es hören können: Eigentlich und bei Lichte besehen sei doch jeder Geschäftsmann ein Gauner ... du, selbst ein Kaufmann, Angehöriger einer Firma, die aus allen Kräften nach absoluter Integrität, nach makelloser Solidität strebt ...«
»Lieber Himmel, Thomas, ich machte Spaß!... Obgleich ... eigentlich ...« fügte Christian hinzu, indem er die Nase krauste und den Kopf ein wenig schräge nach vorne schob ... In dieser Haltung machte er mehrere Schritte.
»Spaß! Spaß!« rief der Konsul. »Ich bilde mir ein, einen Spaß zu verstehen, aber du hast ja gesehen, wie der Spaß verstanden worden ist! `Ich meinerseits halte meinen Beruf =sehr= hoch´, hat Hermann Hagenström dir geantwortet ... Und da saßest du nun, ein verbummelter Mensch, der von seinem eignen Beruf nichts hält ...«
»Ja, Tom, ich bitte dich, was sagst du dazu! Ich versichere dich, die ganze Gemütlichkeit war plötzlich zum Teufel. Die Leute lachten, als ob sie mir recht gaben. Und da sitzt dieser Hagenström und sagt fürchterlich ernst: `Ich meinerseits ...´ Der dumme Kerl. Ich habe mich wahrhaftig für ihn geschämt. Noch gestern abend im Bett habe ich lange darüber nachgedacht und hatte ein ganz sonderbares Gefühl dabei ... Ich weiß nicht, ob du das kennst ...«