Buddenbrooks: Verfall einer Familie
Part 18
»Versteht sich.« Der Konsul atmete auf und fuhr fort: »Ich kann nicht annehmen, liebes Kind, daß du über die Lage ... die Lage deines Mannes unterrichtet bist?«
Er hatte sich auf einem der Fauteuils niedergelassen, die den großen Tisch umgaben, während Tony auf einem kleinen Sessel, der drei schräg übereinander getürmte seidene Kissen darstellte, zu seinen Füßen saß. Die Finger seiner Rechten spielten behutsam mit den Diamanten an ihrem Halse.
»Nein, Papa«, antwortete Tony; »das muß ich dir gestehen, ich weiß gar nichts. Mein Gott, ich bin eine Gans, weißt du, ich habe gar keine Einsicht! Neulich habe ich ein bißchen zugehört, als Kesselmeyer mit Grünlich sprach ... Zum Schlusse schien es mir, als ob Herr Kesselmeyer wieder nur Spaß machte ... er redet immer so lächerlich. Ein- oder zweimal verstand ich deinen Namen ...«
»Du verstandest meinen Namen? In welcher Beziehung?«
»Nein, von der Beziehung weiß ich gar nichts, Papa!... Grünlich war seit diesem Tage mürrisch ... ja, unausstehlich, das muß ich sagen!... Bis gestern ... gestern war er sanft gestimmt und fragte zehn- oder zwölfmal, ob ich ihn liebe, ob ich ein gutes Wort bei dir für ihn einlegen würde, wenn er dich etwas zu bitten hätte ...«
»Ah ...«
»Ja ... er teilte mir mit, er habe dir geschrieben, du würdest kommen ... Gut, daß du da bist! Es ist ein bißchen unheimlich ... Grünlich hat den grünen Spieltisch hergerichtet ... es liegen eine Menge Papiere und Bleistifte darauf ... daran sollst du nachher mit ihm und Kesselmeyer eine Beratung abhalten ...«
»Höre, mein liebes Kind«, sagte der Konsul, indem er mit der Hand über ihr Haar strich ... »Ich muß dich nun etwas fragen, etwas Ernstes! Sage mir einmal ... du liebst doch deinen Mann von ganzem Herzen?«
»Gewiß, Papa«, sagte Tony mit einem so kindisch heuchlerischen Gesicht, wie sie es ehemals zustande gebracht, wenn man sie gefragt hatte: Du wirst nun doch niemals wieder die Puppenliese ärgern, Tony?... Der Konsul schwieg einen Augenblick.
»Du liebst ihn doch so«, fragte er dann, »daß du nicht ohne ihn leben könntest ... unter keinen Umständen, wie? auch wenn durch Gottes Willen seine Lage sich ändern sollte, wenn er in Verhältnisse versetzt werden würde, die es ihm nicht mehr erlaubten, dich fernerhin mit allen diesen Dingen zu umgeben ...?« Und seine Hand beschrieb eine flüchtige Bewegung über die Möbel und Portieren des Zimmers hin, über die vergoldete Stutzuhr auf der Spiegeletagere und endlich über ihr Kleid hinunter.
»Gewiß, Papa«, wiederholte Tony in dem tröstenden Ton, den sie beinahe immer annahm, wenn jemand ernst zu ihr sprach. Sie blickte an ihres Vaters Gesicht vorbei aufs Fenster, hinter dem lautlos ein zarter und dichter Schleierregen sich hernieder bewegte. Ihre Augen waren voll von einem Ausdruck, wie Kinder ihn annehmen, wenn man beim Märchenvorlesen so taktlos ist, eine allgemeine Betrachtung über Moral und Pflichten einfließen zu lassen ... einem Mischausdruck von Verlegenheit und Ungeduld, Frömmigkeit und Verdrossenheit.
Der Konsul betrachtete sie während einer Minute stumm und mit nachdenklichem Blinzeln. War er mit ihrer Antwort zufrieden? Er hatte daheim und unterwegs alles reiflich erwogen ...
Jeder Mensch begreift, daß Johann Buddenbrooks erster und aufrichtigster Beschluß dahin ging, eine Auszahlung irgendwelcher Höhe an seinen Schwiegersohn nach Kräften zu vermeiden. Als er sich aber erinnerte, wie dringend er, um ein gelindes Wort zu gebrauchen, diese Ehe befürwortet hatte, als er sich den Blick ins Gedächtnis zurückrief, mit dem das Kind nach der Hochzeitsfeier von ihm Abschied genommen und ihn gefragt hatte: »Bist du mit mir zufrieden?«, da mußte er einem ziemlich niederdrückenden Schuldbewußtsein seiner Tochter gegenüber Raum geben und sich sagen, daß diese Sache ganz und gar durch ihren Willen entschieden werden müsse. Er wußte wohl, daß sie in diese Verbindung nicht aus Gründen der Liebe gewilligt hatte, aber er rechnete mit der Möglichkeit, daß diese vier Jahre, die Gewöhnung und die Geburt des Kindes vieles verändert haben konnten, daß Tony sich jetzt ihrem Manne mit Leib und Seele verbunden fühlen und aus guten christlichen und weltlichen Gründen jeden Gedanken an eine Trennung zurückweisen konnte. In diesem Falle, überlegte der Konsul, müsse er sich zur Hergabe jeder Geldsumme bequemen. Zwar verlangten Christenpflicht und Frauenwürde, daß Tony ihrem angetrauten Gatten bedingungslos auch ins Unglück folgte; wenn sie aber tatsächlich diesen Entschluß an den Tag legen würde, so fühlte er sich nicht berechtigt, sie fortan alle die Verschönerungen und Bequemlichkeiten des Lebens, an die sie von Kindesbeinen an gewöhnt war, unverschuldet entbehren zu lassen ... so fühlte er sich verpflichtet, eine Katastrophe zu verhüten und B. Grünlich um jeden Preis zu halten. Kurz, das Ergebnis seiner Erwägungen war der Wunsch gewesen, seine Tochter mitsamt ihrem Kinde zu sich zu nehmen und Herrn Grünlich seiner Wege gehen zu lassen. Mochte Gott dies Äußerste verhüten! Für jeden Fall bewegte er den Rechtsparagraphen bei sich, der bei bestehender Unfähigkeit des Gatten, Frau und Kinder zu ernähren, zur Scheidung berechtigte. Vor allem aber mußte er die Ansichten seiner Tochter erforschen ...
»Ich sehe«, sagte er, indem er fortfuhr, zärtlich ihr Haar zu streicheln, »ich sehe, mein liebes Kind, daß du von guten und lobenswerten Grundsätzen beseelt bist. Allein ... ich kann nicht annehmen, daß du die Dinge betrachtest, wie sie, Gott sei's geklagt, betrachtet werden müssen: nämlich als Tatsachen. Ich habe dich nicht gefragt, was du in diesem oder jenem Falle vielleicht tun =würdest=, sondern was du jetzt, heute, sogleich tun =wirst=. Ich weiß nicht, inwiefern du die Verhältnisse kennst oder ahnst ... ich habe also die traurige Pflicht, dir zu sagen, daß dein Mann sich genötigt sieht, seine Zahlungen einzustellen, daß er sich geschäftlich nicht mehr halten kann ... ich glaube, du verstehst mich ...«
»Grünlich macht Bankerott ...?« fragte Tony leise, indem sie sich halb von ihren Kissen erhob und rasch des Konsuls Hand ergriff ...
»Ja, mein Kind«, sagte er ernst. »Du vermutetest das nicht?«
»Ich habe nichts Bestimmtes vermutet ...«, stammelte sie. »Dann hat Kesselmeyer also nicht Spaß gemacht ...?« fuhr sie fort, indem sie schräg vor sich hin auf den braunen Teppich starrte ... »=O Gott!=« stieß sie plötzlich hervor und sank auf ihren Sitz zurück. Erst in diesem Augenblick ging alles vor ihr auf, was in dem Worte »Bankerott« verschlossen lag, alles, was sie schon als kleines Kind dabei an Vagem und Fürchterlichem empfunden hatte ... »Bankerott« ... das war etwas Gräßlicheres als der Tod, das war Tumult, Zusammenbruch, Ruin, Schmach, Schande, Verzweiflung und Elend ... »Er macht Bankerott!« wiederholte sie. Sie war dermaßen geschlagen und niedergeschmettert von diesem Schicksalswort, daß sie an keine Hilfe dachte, auch nicht an eine, die von ihrem Vater kommen könnte.
Er betrachtete sie mit emporgezogenen Brauen, mit seinen kleinen, tiefliegenden Augen, die traurig und müde aussahen und dennoch eine ganz außerordentliche Spannung verrieten.
»Ich fragte dich also«, sagte er sanft, »meine liebe Tony, ob du dich bereit hältst, deinem Manne auch in die Armut hinein zu folgen?...« Gleich darauf gestand er sich, daß er das harte Wort »Armut« instinktiv als Abschreckungsmittel gewählt habe, und fügte hinzu: »Er kann sich wieder emporarbeiten ...«
»Gewiß, Papa«, antwortete Tony. Aber das hinderte nicht, daß sie in Tränen ausbrach. Sie schluchzte in ihr Batisttüchlein, das mit Spitzen besetzt war und das Monogramm _AG_ trug. Sie hatte noch völlig ihr Kinderweinen: ganz ungeniert und ohne Ziererei. Ihre Oberlippe machte einen unaussprechlich rührenden Eindruck dabei.
Ihr Vater fuhr fort, sie mit den Augen zu prüfen. »Das ist dein Ernst, mein Kind?« fragte er. Er war genau so ratlos wie sie.
»Muß ich nicht ...«, schluchzte sie. »Ich muß doch ...«
»Durchaus nicht!« sagte er lebhaft; aber schuldbewußt verbesserte er sich sofort: »Ich würde dich nicht unbedingt dazu zwingen, meine liebe Tony. Gesetzt den Fall, daß deine Gefühle dich nicht unverbrüchlich an deinen Mann fesselten ...«
Sie sah ihn mit in Tränen schwimmenden und verständnislosen Augen an.
»Wieso, Papa ...?«
Der Konsul wand sich ein wenig hin und her und fand ein Auskunftsmittel.
»Mein gutes Kind, du kannst glauben, daß ich es sehr schmerzhaft empfinden würde, dich all den Unbilden und Peinlichkeiten aussetzen zu müssen, die durch das Unglück deines Mannes, durch die Auflösung des Geschäftes und deines Hausstandes unmittelbar werden herbeigeführt werden ... Ich habe den Wunsch, dich diesen ersten Unannehmlichkeiten zu entziehen und dich sowie unsere kleine Erika vorderhand zu uns nach Hause zu nehmen. Ich glaube, daß du mir das danken wirst ...?«
Tony schwieg einen Augenblick, während dessen sie ihre Tränen trocknete. Sie hauchte umständlich auf ihr Taschentuch und drückte es gegen die Augen, um die Entzündung zu verhüten. Hierauf fragte sie in entschiedenem Tone, ohne die Stimme zu erheben: »Papa, =ist= Grünlich schuldig! =kommt= er aus Leichtsinn und Unredlichkeit ins Unglück!«
»Höchst wahrscheinlich!...« sagte der Konsul. »Das heißt ... nein, ich weiß es nicht, mein Kind. Ich sagte dir, daß die Auseinandersetzung mit ihm und seinem Bankier noch aussteht ...«
Tony schien auf diese Antwort gar nicht geachtet zu haben. Gebückt auf ihren drei seidenen Kissen stützte sie den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die Hand und blickte mit tiefgesenktem Kopfe versunken und träumerisch von unten herauf ins Zimmer hinein.
»Ach, Papa«, sagte sie leise und beinahe ohne die Lippen zu bewegen, »wäre es damals nicht besser gewesen ...«
Der Konsul konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber es trug den Ausdruck, der an manchem Sommerabend, wenn sie zu Travemünde an dem Fenster ihres kleinen Zimmers lehnte, darauf gelegen hatte ... Ihr einer Arm ruhte auf den Knien ihres Vaters, während die Hand schlaff und ohne Stütze nach unten hing. Selbst diese Hand drückte eine unendlich wehmütige und zärtliche Hingebung aus, eine erinnerungsvolle und süße Sehnsucht, die in die Ferne schweifte.
»Besser ...?« fragte Konsul Buddenbrook. »Wenn was nicht geschehen wäre, mein Kind?«
Er war von Herzen zu dem Geständnis bereit, daß es besser gewesen wäre, diese Ehe nicht zu schließen; aber Tony sagte nur mit einem Seufzer: »Ach, nichts!«
Es schien, daß ihre Gedanken sie fesselten, daß sie weit abseits weilte und den »Bankerott« beinahe vergessen hatte. Der Konsul sah sich genötigt, selbst auszusprechen, was er lieber nur bestätigt hätte.
»Ich glaube deine Gedanken zu erraten, liebe Tony«, sagte er, »und auch ich meinerseits, ich zögere nicht, dir zu bekennen, daß ich den Schritt, der mir vor vier Jahren als klug und heilsam erschien, in dieser Stunde bereue ... aufrichtig bereue. Ich glaube, vor Gott nicht schuldig zu sein. Ich glaube, meine Pflicht getan zu haben, indem ich mich bemühte, dir eine deiner Herkunft angemessene Existenz zu schaffen ... Der Himmel hat es anders gewollt ... du wirst von deinem Vater nicht glauben, daß er damals, leichtfertig und unüberlegt, dein Glück aufs Spiel gesetzt hat! Grünlich trat mit mir in Verbindung, versehen mit den besten Empfehlungen, ein Pastorssohn, ein christlicher und weltläufiger Mann ... Später habe ich geschäftliche Erkundigungen über ihn eingezogen, die so günstig lauteten als möglich. Ich habe die Verhältnisse geprüft ... Das alles ist dunkel, dunkel und harrt noch der Aufklärung. Aber nicht wahr, du klagst mich nicht an ...«
»Nein, Papa! wie kannst du dergleichen sagen! Komm, laß es dir nicht zu Herzen gehen, armer Papa ... Du siehst blaß aus, soll ich nicht ein paar Magentropfen herunterholen?« Sie hatte ihre Arme um seinen Hals gelegt und küßte ihn auf die Wangen.
»Ich danke dir«, sagte er; »so, so ... laß nur, ich danke dir. Ja, ich habe angreifende Tage hinter mir ... Was soll man tun? Ich habe viel Ärgernis gehabt. Das sind Prüfungen von Gott. Aber das hindert nicht, daß ich mich dir gegenüber nicht ganz ohne Schuld fühlen kann, mein Kind. Alles kommt jetzt auf die Frage an, die ich dir schon vorgelegt habe, die du mir aber noch nicht hinlänglich beantwortet hast. Sprich offen zu mir, Tony ... hast du in diesen Jahren der Ehe deinen Mann lieben gelernt?«
Tony weinte aufs neue, und indem sie mit beiden Händen, in denen sie das Batisttüchlein hielt, ihre Augen bedeckte, brachte sie unter Schluchzen hervor: »Ach ... was fragst du, Papa!... Ich habe ihn niemals geliebt ... er war mir immer widerlich ... weißt du das denn nicht ...?«
Es wäre schwer zu sagen, was auf dem Gesichte Johann Buddenbrooks sich abspielte. Seine Augen blickten erschrocken und traurig, und dennoch kniff er die Lippen zusammen, so daß Mundwinkel und Wangen sich falteten, wie es zu geschehen pflegte, wenn er ein vorteilhaftes Geschäft zum Abschluß gebracht hatte. Er sagte leise: »Vier Jahre ...«
Tonys Tränen versiegten plötzlich. Das feuchte Taschentuch in der Hand, richtete sie sich auf ihrem Sitze empor und sagte zornig: »Vier Jahre ... ha! manchmal hat er abends bei mir gesessen und die Zeitung gelesen in diesen vier Jahren ...!«
»Gott hat euch beiden ein Kind geschenkt ...«, sagte der Konsul bewegt.
»Ja, Papa ... und ich habe Erika sehr lieb ... obgleich Grünlich behauptet, ich sei nicht kinderlieb ... Ich würde mich nie von ihr trennen, das sage ich dir ... aber Grünlich -- nein!... Grünlich -- nein!... Nun macht er auch noch Bankerott!... Ach Papa, wenn du mich und Erika nach Hause nehmen willst ... mit Freuden! Nun weißt du es!«
Der Konsul kniff wiederum die Lippen zusammen; er war äußerst zufrieden. Immerhin mußte der Hauptpunkt noch berührt werden, aber bei der Entschlossenheit, die Tony an den Tag legte, riskierte man wenig damit.
»Bei alledem«, sagte er, »scheinst du völlig zu vergessen, mein Kind, daß ja Hilfe denkbar wäre ... und zwar durch mich. Dein Vater hat dir bereits bekannt, daß er sich dir gegenüber nicht unbedingt schuldlos fühlen kann, und in dem Falle ... nun, in dem Falle, daß du es von ihm erhoffst ... erwartest ... würde er einspringen, würde er das Falliment verhüten, würde er die Schulden deines Mannes wohl oder übel decken und sein Geschäft flott erhalten ...«
Er prüfte sie gespannt, und ihr Mienenspiel erfüllte ihn mit Genugtuung. Es drückte Enttäuschung aus.
»Um wieviel handelt es sich eigentlich?« fragte sie.
»Was tut das zur Sache, mein Kind ... um eine große, große Summe!« Und Konsul Buddenbrook nickte einigemal mit dem Kopfe, als ob die Wucht des Gedankens an diese Summe ihn langsam hin und her schüttelte. »Dabei«, fuhr er fort, »darf ich dir nicht verhehlen, daß die Firma, ganz abgesehen von dieser Sache, Verluste erlitten hat, und daß die Hergabe dieser Summe eine Schwächung für sie bedeuten würde, von der sie sich schwer ... schwer wieder erholen könnte. Ich sage das keineswegs, um ...«
Er vollendete nicht. Tony war aufgesprungen, sie war sogar ein paar Schritte zurückgetreten und, noch immer das nasse Spitzentüchlein in der Hand, rief sie: »Gut! Genug! Nie!«
Sie sah beinahe heroisch aus. Das Wort »Firma« hatte eingeschlagen. Höchst wahrscheinlich wirkte es entscheidender als selbst ihre Abneigung gegen Herrn Grünlich.
»Das tust du =nicht=, Papa!« redete sie ganz außer sich fort. »Willst auch du noch Bankerott machen? Genug! Niemals!«
In diesem Augenblick öffnete sich die Korridortür ein wenig zögernd, und Herr Grünlich trat ein.
Johann Buddenbrook erhob sich mit einer Bewegung, welche ausdrückte: Erledigt.
Achtes Kapitel
Herrn Grünlichs Gesicht war rot gefleckt, aber er war aufs sorgfältigste gekleidet. Er trug einen ähnlichen schwarzen, faltigen, soliden Leibrock, ähnliche erbsenfarbene Beinkleider, wie diejenigen, in denen er einstmals in der Mengstraße seine ersten Visiten gemacht. In einer schlaffen Haltung blieb er stehen und sprach, den Blick zu Boden gerichtet, mit weicher und matter Stimme: »Vater ...«
Der Konsul verbeugte sich kalt und ordnete dann mit einigen energischen Griffen seine Halsbinde.
»Ich danke Ihnen, daß Sie gekommen sind«, setzte Herr Grünlich hinzu.
»Das war meine Pflicht, mein Freund«, erwiderte der Konsul; »nur fürchte ich, daß es das einzige bleiben wird, was ich in Ihrer Sache zu tun vermag.«
Sein Schwiegersohn warf ihm einen hastigen Blick zu und nahm dann eine noch schlaffere Haltung an.
»Ich höre«, fuhr der Konsul fort, »daß Ihr Bankier, Herr Kesselmeyer, uns erwartet ... welchen Ort haben Sie für die Unterredung bestimmt? Ich stehe zu Ihrer Verfügung ...«
»Ich bitte Sie um die Güte, mir zu folgen«, murmelte Herr Grünlich.
Konsul Buddenbrook küßte seine Tochter auf die Stirn und sagte: »Geh hinauf zu deinem Kinde, Antonie!«
Dann schritt er mit Herrn Grünlich, der sich bald vor ihm, bald hinter ihm bewegte und die Portieren öffnete, durch das Speisezimmer ins Wohngemach.
Als Herr Kesselmeyer, der am Fenster stand, sich umwandte, richteten die weißen und schwarzen Flaumfedern auf seinem Kopfe sich auf und sanken dann sanft auf den Schädel zurück.
»Herr Bankier Kesselmeyer ... Großhändler Konsul Buddenbrook, mein Schwiegervater ...«, sagte Herr Grünlich ernst und bescheiden. Des Konsuls Gesicht war bewegungslos. Herr Kesselmeyer bückte sich mit hängenden Armen, indem er seine beiden gelben Eckzähne auf die Oberlippe setzte und sagte: »Ihr Diener, Herr Konsul! Meine lebhafte Satisfaktion, das Vergnügen zu haben!«
»Verzeihen Sie gütigst, daß Sie haben warten müssen, Kesselmeyer«, sagte Herr Grünlich. Er war voll Höflichkeit für den einen wie für den anderen.
»Kommen wir zur Sache?« bemerkte der Konsul, indem er sich suchend hin und her wandte ... Der Hausherr beeilte sich zu antworten: »Ich bitte die Herren ...«
Während man ins Rauchkabinett hinüberging, sagte Herr Kesselmeyer aufgeräumt: »Eine angenehme Reise gehabt, Herr Konsul?... Aha, Regen? Ja, eine schlechte Jahreszeit, eine häßliche, schmutzige Jahreszeit! Gäbe es ein bißchen Frost, ein bißchen Schnee ...! Aber nichts da! Regen! Kot! Höchst, höchst widerwärtig ...«
Was für ein sonderbarer Mensch, dachte der Konsul.
In der Mitte des kleinen Zimmers, dessen Tapeten dunkel geblümt waren, stand ein ziemlich umfangreicher, viereckiger, grünbezogener Tisch. Der Regen draußen hatte zugenommen. Es war so finster, daß Herr Grünlich die drei Kerzen, die in silbernen Leuchtern auf der Tafel standen, alsbald entzündete. Bläuliche, mit Firmenstempeln versehene Geschäftsbriefe und abgegriffene, hie und da eingerissene, mit Daten und Namenszügen bedeckte Papiere lagen auf dem grünen Tuch. Außerdem bemerkte man ein dickleibiges Hauptbuch und ein von wohlgeschärften Gänsefedern und Bleistiften starrendes Tinten- und Streusandfaß aus Metall.
Herr Grünlich machte die Honneurs mit den stillen, taktvollen und zurückhaltenden Mienen und Bewegungen, mit denen man die Gäste bei einem Begräbnis komplimentiert.
»Lieber Vater, bitte, nehmen Sie den Armstuhl«, sagte er sanft. »Herr Kesselmeyer, haben Sie die Freundlichkeit, sich =hier= zu setzen?...«
Endlich war die Ordnung hergestellt. Der Bankier saß dem Hausherrn gegenüber, während der Konsul im Armsessel an der Breitseite des Tisches präsidierte. Die Rückenlehne seines Stuhles berührte die Korridortür.
Herr Kesselmeyer bückte sich, ließ die Unterlippe hängen, entwirrte auf seiner Weste einen Kneifer und hieb ihn sich auf die Nase, indem er dieselbe krauste und den Mund aufriß. Dann kraute er sich mit einem nervös machenden Geräusch den geschorenen Backenbart, stemmte die Hände auf die Knie, nickte den Papieren zu und bemerkte kurz und fröhlich: »Aha! Da haben wir die ganze Bescherung!«
»Sie erlauben nun, daß ich mir einen genaueren Einblick in die Lage der Dinge verschaffe«, sagte der Konsul und griff nach dem Hauptbuch. Plötzlich jedoch streckte Herr Grünlich schirmend beide Hände über den Tisch hin, lange, von hohen blauen Adern durchzogene Hände, die ersichtlich zitterten, und rief mit bewegter Stimme: »Einen Augenblick! Noch einen Augenblick, Vater! Oh, lassen Sie mich noch eine einleitende Bemerkung vorausschicken!... Ja, Sie werden Einblick gewinnen, Ihrem Blick wird nichts entgehen ... Aber glauben Sie mir: Sie werden Einblick in die Lage eines Unglücklichen gewinnen, nicht eines Schuldigen! Sehen Sie in mir einen Mann, Vater, der sich ohn' Ermatten gegen das Schicksal gewehrt hat, der aber von ihm zu Boden geschlagen ist! In diesem Sinne ...«
»Ich werde sehen, mein Freund, ich werde sehen!« sagte der Konsul mit sichtlicher Ungeduld; und Herr Grünlich zog seine Hände zurück, um dem Geschicke seinen Lauf zu lassen.
Es vergingen lange, furchtbare Minuten des Schweigens. In dem unruhigen Kerzenlicht saßen die drei Herren, eingeschlossen von vier dunklen Wänden, dicht beieinander. Man vernahm keine Bewegung als das Rascheln des Papieres, mit dem der Konsul hantierte. Sonst war draußen der fallende Regen das einzige Geräusch.
Herr Kesselmeyer hatte seine Daumen in die Armlöcher der Weste geschoben, spielte mit den übrigen Fingern an den Schultern Klavier und sah mit unsäglicher Heiterkeit von einem zum anderen. Herr Grünlich saß ohne sich zurückzulehnen, die Hände auf dem Tisch, starrte trüb vor sich hin und ließ dann und wann einen ängstlichen Blick seitwärts zu seinem Schwiegervater gleiten. Der Konsul blätterte im Hauptbuch, verfolgte mit dem Fingernagel Kolonnen von Zahlen, verglich Daten und warf mit dem Bleistift seine kleinen, unleserlichen Ziffern aufs Papier. Sein abgespanntes Gesicht drückte Entsetzen vor den Verhältnissen aus, in die er nun »Einblick gewann« ... Endlich legte er seine Linke auf Herrn Grünlichs Arm und sagte erschüttert: »Sie armer Mann!«
»Vater ...« brachte Herr Grünlich hervor. Dem bedauernswerten Menschen liefen zwei große Tränen die Wangen hinab und in die goldgelben Favoris hinein. Herr Kesselmeyer verfolgte den Weg dieser beiden Tropfen mit dem größten Interesse; er stand sogar ein wenig auf, beugte sich vor und starrte seinem Gegenüber mit offenem Munde ins Gesicht. Konsul Buddenbrook war heftig bewegt. Weich gemacht durch das Unglück, das ihn selbst betroffen, fühlte er, wie das Erbarmen ihn mit sich fortriß; aber rasch wurde er wieder Herr seiner Gefühle.
»Wie ist es möglich!« sagte er mit einem trostlosen Kopfschütteln ... »In diesen wenigen Jahren!«
»Kinderspiel!« antwortete Herr Kesselmeyer gut gelaunt. »In vier Jahren kann man allerliebst vor die Hunde kommen! Wenn man bedenkt, wie munter Gebrüder Westfahl in Bremen vor kurzer Zeit noch umhersprangen ...«