Buch von der Deutschen Poeterey

Part 5

Chapter 53,447 wordsPublic domain

_En bonne part ce qu'on dit tu dois prendre, Et l'imparfaict du prochain supporter Couurir sa faute, et ne la rapporter: Prompt à louër, et tardif à reprendre._

Was man dir sagt solt du zum besten wenden, Vnd wie du kanst des nechsten seine schuldt Beseite thun, vnd tragen mit gedult: Zum loben schnell', vnd langsam sein zum schenden.

[H 2b] Hier reimen sich der erste vnd letzte verß so weiblich sind zuesammen, vnd die mitleren zwey männlichen deßgleichen zuesammen. Wiewol man auch einen vmb den andern schrencken mag, oder lauter männliche oder weiblich setzen. Als:

An meine Venus.

Du sagst, es sey der Spiegel voller list, Vnd zeige dich dir schöner als du bist: Komm, wilt du sehn das er nicht lügen kan, Vnd schawe dich mit meinen augen an.

Welch _epigramma_ im lateinischen bei dem _Grudio_, sonsten einem bösen Poeten, wiewol er eines gueten Poetens bruder ist, gefunden wird.

Die andern verse mag ein jeder mit sieben, acht, fünff, sechs, auch vier vnd drey sylben, vnd entweder die männlichen oder die weiblichen lenger machen nach seinem gefallen.

Die reimen der ersten strophe sind auch zue schrencken auff vielerley art, die folgenden strophen aber mussen wegen der Music, die sich zue diesen _generibus carminum_ am besten schicken, auff die erste sehen. Ein exempel einer Trocheischen Ode oder Liedes ist in dem fünfften Capitel zue finden. Wil ich derhalben einen Iambischen gesang hieher schreiben.

~Ode.~

Derselbe welcher diese nacht Erst hat sein leben hingebracht, Ist eben auch wie die gestorben Die lengst zueuor verbliechen sein, Vnd derer leichnam vnd gebein Vor vielen Jharen sind vertorben. Der Mensch stirbt zeitlich oder spat, [H 3a] So baldt er nur gesegnet hat So wird er in den Sandt versencket, Vnd legt sich zue der langen rhue. Wenn Ohr vnd Auge schon ist zue, Wer ist der an die Welt gedencket? Die Seele doch allein vnd bloß, Fleugt wann sie wird des Cörpers loß, Zum Himmel, da sie her gerhüret. Was diesen schnöden leib betrifft, Wird nichts an jhm als stanck vnd gifft, Wie schön' er vormals war, gespüret. Es ist in jhm kein geist mehr nicht, Das fleisch felt weg, die haut verbricht. Ein jeglich haar das muß verstieben; Vnd, was ich achte mehr zue sein, Die jenige kömpt keinem ein, Die er für allem pflag zue lieben. Der todt begehrt nichts vmb vnd an: Drumb, weil ich jetzt noch wündtschen kan, So wil ich mir nur einig wehlen Gesunden leib vnd rechten sinn: Hernachmals, wann ich kalt schon bin, Da wil ich Gott den rest befehlen. Homerus, Sappho, Pindarus, Anacreon, Hesiodus, Vnd andere sind ohne sorgen, [H 3b] Man red' jetzt auff sie was man wil: So, sagt man nun gleich von mir viel, Wer weiß geschieht es vber morgen. Wo dient das wündtschen aber zue, Als das ein Mensch ohn alle rhue Sich tag vnd nacht nur selbst verzehret? Wer wündtschet kränckt sich jeder zeit, Wer todt ist, ist ohn alles leidt. O wol dem, der nichts mehr begehret.

Zue zeiten werden aber beydes Iambische vnd Trocheische verse durch einander gemenget. Auch kan man Alexandrinische oder gemeine vor vnd vnter die kleinen setzen. Als:

Jhr schwartzen augen, jhr, vnd du, auch schwartzes Haar, Der frischen Flavia, die vor mein hertze war, Auff die ich pflag zue richten, Mehr als ein weiser soll, Mein schreiben, thun vnd tichten, Gehabt euch jetzundt wol. Nicht gerne sprech' ich so, ruff' auch zue zeugen an Dich, Venus, vnnd dein kindt, das ich gewiß hieran Die minste schuldt nicht trage: Ja alles kummers voll Mich stündlich kränck' vnd plage Das ich sie lassen soll, &c.

Die Saphischen gesänge belangendt, bin ich des Ronsardts meinung, das sie, in vnseren sprachen sonderlich, nimmermehr können angeneme sein, wann sie nicht mit lebendigen stimmen [H 4a] vnd in musicalische instrumente eingesungen werden, welche das leben vnd die Seele der Poeterey sind. Dann ohne zweiffel, wann Sappho hat diese verse gantz verzucket, mit vneingeflochtenen fliegenden haaren vnnd lieblichem anblicke der verbuhleten augen, in jhre Cither, oder was es gewesen ist, gesungen, hat sie jhnen mehr anmutigkeit gegeben, als alle trompeten vnd paucken den mannhafftigen vnnd kühnen versen, die jhr Landtsmann Alcéus, als er ein Kriegesoberster gewesen, ertichtet hat. Zum exempel gleichwol wil ich zwey Strophen des Ronsardts herschreiben: Dann ich dergleichen nie vor mich genommen.

_Belle dont les yeux doucement m'ont tué, Par vn doux regard qu'au coeur ils m'ont rué, Et m'ont en vn roc insensible mué En mon poil grison: Que i'estois heureux en ma ieune saison Auant qu'auoir beu l'amoureuse poison! Bien loin de souspirs, de pleurs et de prison! Libre ie vivoy, &c._

Eine ander solche Ode hebet er also an:

_Mon âge et mon sang ne sont plus en vigeur: Les ardents pensers ne m'eschauffent le coeur, Plus mon chef grison ne se veut enfermer. Sous le ioug d'aimer, &c._

In den Pindarischen Oden, im fall es jemanden sich daran zue machen geliebet, ist die {strophê} frey, vnd mag ich so viel verse vnd reimen darzue nemen als ich wil, sie auch nach meinem gefallen eintheilen vnd schrencken: {antistrophê} aber muß auff die {strophên} sehen, vnd keine andere ordnung der reimen machen: {epôdos} ist wieder vngebunden. Wan wir dann mehr strophen tichten wol-[H 4b]ten, mussen wir den ersten in allem nachfolgen: wiewol die Gelehrten; vnd denen Pindarus bekandt ist, es ohne diß wissen, vnd die andern die es aus jhm nicht wissen, werden es auß diesem berichte schwerlich wissen lernen. Ich vor meine person, bin newlich vorwitzig gewesen, vnd habe mich vnterwinden dürffen auff Bernhardt Wilhelm Nüßlers, meines gelehrtesten freundes, vnd statlichen Poetens, es sey in vnserer oder lateinischer sprache, hochzeit eine dergleichen Oden vnd eine andere auff absterben eines vornemen vom adel zue schreiben; mit welchen ich, ob sie schon auff der eile weg gemacht sindt, dieses Capitel beschlissen wil.

{Strophê a.}

Du güldne Leyer, meine ziehr Vnd frewde, die Apollo mir Gegeben hat von hand zue handt, Zwar erstlich das mein Vaterlandt Den völckern gleiche möge werden Die jhre sprachen dieser zeit Durch schöne verse weit vnd breit Berhümbt gemacht auff aller erden: (Italien, ich meine dich, Vnd Franckreich, dem auch Thebe sich, Wie hoch sie fleuget, kaum mag gleichen, Dem Flaccus willig ist zue weichen.) Vnd dann, das derer heller schein Die gantz nach rhum' vnd ehren streben, Bey denen welche nach vns leben, Auch möge klar vnd prächtig sein:

{Antistrophos a.}

[I 1a] Du güldne Leyer, nun ist zeit Zue suchen alle ziehrligkeit Die ein Poete wissen soll: Jetzt solt du billich mehr als wol, O meine lust, Pindarisiren; Dein bester freund der leben mag, Der Musen rhum, hebt diesen tag Ein newes leben an zue führen: Sein gantzes wündtschen wird erfült; Ein bildt, ein außerwehltes bildt Ersättigt alles sein begehren: Die lieder, die gelehrten zehren, Darmit er vormals war gewohnt, Weit ausser dem gemeinen hauffen, Nicht einen schlechten weg zue lauffen, Die werden reichlich jetzt belohnt.

{Epôdos a.}

Krieget nicht gar recht vnd eben Solchen danck ein hoher Geist, Welcher einig sich befleist Bey dem Himmel selbst zue schweben, Ist auff lob vnd rhum bedacht Wenn die schöne Sonn' erwacht, Vnd der tag dem schatten weichet Wie gar hoch der name reichet Welchen giebt der künste liecht, Denen die nach tugendt trachten, [I 1b] Ist es minder doch zue achten, Wann der liebe lohn gebricht.

{Strophê b.}

Die Lieb' hat erstlich Gott gerührt Das er der dinge grund vollführt; Sie ist es die den baw der welt Vor allem brechen frey behelt; Sie pflegt die sternen zue bewegen, Das sie den elementen nicht Versagen jhrer schönheit liecht; Das fewer pflegt die lufft zue regen Durch hitz' auff jhren angetrieb, Die lufft hat dann das wasser lieb. Das wasser das bewegt die erden; Vnd wiederumb, die wässer werden Gesogen von der erden klufft, Das wasser zeucht die lufft zuesammen, Das fewer wird mit seinen flammen Verzogen in die kühle lufft.

{Antistr. b.}

Das hier vnd dorte Berg vnd Waldt Mit grünen Bäwmen mannigfalt Sehr luftig vberschattet steht, Das so manch heilsam kraut auffgeht, Das Wiesen, Felder, Büsch' vnd Awen Mit zarten blumen sein geziehrt, Das Saate newes korn gebiehrt, Das so viel wildpret ist zue schawen, [I 2a] Das wann der Lentz das Jhar verjüngt Ein jeder Vogel frölich singt, Vnd leßt sich nicht gern' vber stimmen, Das so viel Fisch' im Meere schwimmen, Ja das wir Menschen selber sein, Vnd vns das blutige beginnen Der waffen nicht hat tilgen können, Das thut die liebe nur allein.

{Epôd. b.}

Liebe nun wer nur zue lieben Rechten fug vnd mittel hat; Es ist keine solche that Die verbotten ist zue vben, Wann du nur bestrickt nicht bist Von der wollust hinterlist, Die mit jhrem falschen scheine Jung vnd nicht jung in gemeine Leitet an verkehrten wahn, Außer diesen eiteln sachen, Die den klügsten wahnloß machen, Liebe wer da lieben kan.

{Str. g.}

Du, Bernhardt Wilhelm, den zuevor Der drey mal dreyen Schwestern chor Mit alle dem was er gehabt Gantz ohne masse hat begabt, Wirst ietzt von Venus auch verehret [I 2b] Mit einer ohne welcher gunst Du hassen kanst verstand vnd kunst, Vnd was zur wissenschafft gehöret; In derer augen freundtligkeit, Im munde die verschwiegenheit, Zucht in den höfflichen geberden, Im gange demut funden werden; Die der natur bekandte macht An tugendt, witz' vnd andern gaben Fast vber jhr geschlecht' erhaben, Vnd als jhr Meisterstück' erdacht.

{Antistr. g.}

Nichts bessers wündsch' ich selber mir: Du wirst hinfort mit grosser ziehr, Durch deine hochgelehrte handt, Die ohne diß weit ist bekandt, Dein' eigne frewde können schreiben: Du wirst besitzen alles gut Was Hermus auß der gelben flut An seinen reichen strandt soll treiben; Was der verbrandte Mohr besitzt Wo stets die rote Sonne hitzt, Was Spanien von edlen dingen Pflegt auß der newen welt zue bringen. Getrewe hertzen bleiben rein Von kummer schätz' vnd Goldt zue kriegen, Jhr meistes hoffen vnd genügen Ist lieben, vnd geliebet sein.

{Epôd. g.}

[I 3a] O jhr seligen zwey liebe, Venus schickt jhr abendt liecht, Vnd errinnert das man nicht Jhre frewde mehr verschiebe. Bräutlein leget euch zue rhue; Jupiters Fraw saget zue Auß den sawersüssen nöthen Einen artigen Poeten. Was das liebe Kindelein Wirdt mit halbem munde machen, Was es kürmeln wird vnd lachen Werden lauter verse sein.

Trawerliedt vber das absterben Herren Adams von Bibran, auff Profen vnd Damßdorff.

_Ex Italico summi viri Abrahami Bibrani, Adami fratris, quamuis paullò liberiùs, translatum._

_STRO. I._

O Die selig' edle Seele, Die sich in die wahre rhue Nach dem hohen Himmel zue Auß des Leibes finstern höle Frewdig hat hienauff gemacht; Da sie dann, wie bey der nacht Vor den andern kleinen Sternen Phebe selber, gläntzt von fernen, Da sich Gott jhr vmb vnd an, Zeigt zue sehn vnd zue geniessen, [I 3b] Da sie mit nicht-menschen-füssen Das gestirne tretten kan.

_ANTISTRO. I._

Wie die vlmen durch die reben Mehr als sonsten lieblich sein; Wie der Lorbeerbawm den schein Seinen wäldern pflegt zue geben, Also war auch deine ziehr. Pallas weinet für vnd für, Ceres voll von weh vnd zehren Leget jhren krantz von ähren Vnd die sichel hinter sich: Profen, deine lust vnd frewde Lieget gantz vertiefft im leide, Vnd gedencket nur an dich.

_EPOD. I._

Das auch betrübte graß beklagt dich bey den brunnen, Für das reiche korn Wächset tresp' vnd dorn; Es trawret selbst das große radt der Sonnen, Vnd hüllet vmb sich her der wolcken schwartzes kleidt; Tranck vnd eßen Wird vergeßen Von aller herd' vnd vieh' ohn vnterscheidt.

_STRO. II._

Berg' vnd thäler hört man ruffen Bibran, Bibran, tag vnd nacht; Aber nein, des todes macht Lest sie gantz vergebens hoffen. Wird der klee zue winterszeit Durch das eiß gleich abgemeyt, Sehen wir jhn doch im Lentzen [I 4a] Nachmals auff den awen gläntzen: Täglich fellt die Sonn' in's meer, Scheinet aber morgen wieder: Legt ein mensch ein mal sich nieder Er kömpt nimmer zue vns her.

_ANTISTRO. II._

Wil derwegen vns gebühren Wie es möglich nur mag sein Sein begräbniß vnd gebein Allenthalben außzueziehren Mit dem frembden tulipan Tausendtschön vnd maioran, Mit violen vnd narcißen, Vnd den blumen bey den flüssen Die vom Mertzen sind genannt. Sonderlich soll jhm sein leben Auff das newe wiedergeben Der Poeten weise handt.

_EPOD. II._

Jhr keuschen Lorbeersträuch', an denen gäntzlich lieget, Das ein mensch der schon Muß allhier darvon Doch in der grub' ein ewiges lob krieget, Schawt das jhr für den todt dem edlen cörper hier Gleichfalls rahtet, Vnd vmbschatet Mit grüner lust sein' asche für vnd für.

Das VIII. Capitel.

Beschluß dieses buches.

[I 4b] SO viel ist es, was ich von vnserer Poesie auffsetzen wollen. Wiewol ich keinen zweiffel trage, es sey noch allerseits eines vnd das andere zue erinnern, welches nicht weniger notwendig seyn mag, als etwas von denen sachen, derer ich erwehne. Es kan auch wol sein, das mir in dem eilen (denn ich vor fünff tagen, wie meine freunde wissen, die feder erst angesetzt habe) diß vnd jenes mag einkommen sein, das entweder gar außengelassen, oder ja im minsten verbeßert sollte werden. Ich hoffe aber, es wird mir der guethertzige Leser, in betrachtung der kurtzen zeit so ich hierbey verschloßen, etwas vbersehen, vnd bedencken, Rom sey nicht auff einen tag gebawet worden. Was noch vbrig ist, wil ich entweder inkünfftig selbst gründtlicher verführen, oder denen lassen, die mir an liebe gegen vnsere sprache gleiche, vnd an geschickligkeit vberlegen sein. Von denselben zue lernen bin ich so begierig, als ich willig gewesen bin, andere, die auch dieses nicht gewust haben, zue vnterrichten. Welche meine geringschätzige arbeit bey statlichen auffgeweckten gemütern, wo nicht mehr, doch so viel verfangen wird, das sie gleichsam als durch einen sporen hiermit auffgemuntert, vnserer Muttersprache die hand bietten, vnd jhrer Poesie den glantz, welchen sie lengest hette kriegen sollen, geben werden. Welches aber alsdenn vollkömlich geschehen kan, wenn zue dem was hiebevor in diesem buche erzehlet ist worden, die vornemlich jhren fleiß werden anlegen, welche von natur selber hierzue geartet sein, vnnd von sich sagen können was Ovidius:

_Est Deus in nobis, agitante calescimus illo._

Es ist ein Geist in vns, vnd was von vns geschrieben, Gedacht wird vnd gesagt, das wird durch jhn getrieben.

Wo diese natürliche regung ist, welche Plato einen Göttli-[K 1a]chen furor nennet, zum vnterscheide des aberwitzes oder blödigkeit, dürffen weder erfindung noch worte gesucht werden; vnnd wie alles mit lust vnd anmutigkeit geschrieben wird, so wird es auch nachmals von jederman mit dergleichen lust vnd anmutigkeit gelesen. An den andern wollen wir zwar den willen vnd die bemühung loben, der nachkommenen gunst aber können wir jhnen nicht verheißen.

Wiewol wir die vbung vnd den fleiß nicht verwerffen: dann im fall dieselbigen mit der natur vereiniget werden, muß etwas folgen das böse mäuler leichtlicher tadeln können als nachmachen.

Eine guete art der vbung aber ist, das wir vns zueweilen auß den Griechischen vnd Lateinischen Poeten etwas zue vbersetzen vornemen: dadurch denn die eigenschafft vnd glantz der wörter, die menge der figuren, vnd das vermögen auch dergleichen zue erfinden zue wege gebracht wird. Auff diese weise sind die Römer mit den Griechen, vnd die newen scribenten mit den alten verfahren: so das sich Virgilius selber nicht geschämet, gantze plätze auß andern zue entlehnen; wie sonderlich Macrobius im fünfften vnd sechsten buche beweiset. Wir sollen vns auch an vnserem eigenen fleiße nicht genügen laßen; sondern, weil viel augen mehr sehen als eines, vber die sachen welche wir an das liecht zue bringen vermeinen, berühmbter männer vrtheil ergehen laßen. Welches inngleichen die Römer so wol verstanden, vnd in acht genommen, das sie nicht leichtlich etwas offentlich außkommen laßen, das nicht zuevor von einem vnd dem andern geschätzet vnd durchgezogen worden. Ja, wie man keinen ringer oder fechter in offentlichen schawplatze auffführete, er mußte vorher seinen namen geben, vnd eine probe thun: welches sie {apographesthai} vnnd {enkrinesthai} . einschreiben vnnd approbiren hiessen: so gaben auch die, welche in der zahl der Poeten wolten gerechnet werden, jhre getichte anderen Poeten zue vbersehen, vnd erkündigten sich darüber jhrer meinung: dieses war [K 1b] jhre {apographê} vnnd {enkrisis}; wie _Casaubonus_ vber den _Persium_ erinnert, vnd auß einer alten Inscription zue sehen ist:

_HIC . CVM . ESSET . ANNORVM. XIII . ROMAE . CERTAMINE. IOVIS . CAPITOLINI . LVSTRO. SEXTO . CLARITATE . INGENI. CORONATUS . EST . INTER. POETAS . LATINOS . OMNIBVS. SENTENTIIS . IVDICVM._

Plinius der Jüngere, welcher vber alle seine sachen gelehrter freunde guet achten erfordert, saget in der 17. Epistel des 7. Buches, das jhn diese gewohnheit gar nicht rewe. Denn er bedächte, welch ein grosses es sey, durch der leute hände gehen, vnd könne jhm nicht einbilden, das man dasselbe nicht solle mit vielen vnd zum offtern vbersehen, was man begehret, das es allen vnd immer gefallen solle. Welches denn der grösseste lohn ist, den die Poeten zue gewarten haben; daß sie nemlich inn königlichen vnnd fürstlichen Zimmern platz finden, von grossen vnd verständigen Männern getragen, von schönen leuten (denn sie auch das Frawenzimmer zue lesen vnd offte in goldt zue binden pfleget) geliebet, in die bibliothecken einverleibet, offentlich verkauffet vnd von jederman gerhümet werden. Hierzue kömpt die hoffnung vieler künfftigen zeiten, in welchen sie fort für fort grünen, vnd ein ewiges gedächtniß in den hertzen der nachkommenen verlassen. Diese glückseligkeit erwecket bey auffrichtigen gemüttern solche wollust, das Demosthenes sagete, es sey jhm nichts angenemers, als wenn auch nur zwey weiblein welche wasser trügen (wie zue Athen bräuchlich war) einer den andern einbliesse: Das ist Demosthenes. Welcher ob er zwar als der vornemeste redener in hohen ehren gehalten worden, ist doch der rhum nicht geringer denn Homerus erlanget. Vnd wie der Autor des gespreches von den Oratoren saget, +des _Euripidis_ [K 2a] oder _Sophoclis_ berhümbter name ist so weit erschollen als des Lysiæ oder Hyperidis; vnd viel begehren weniger den rhum des _Ciceronis_ alß _Virgilii_. Es ist auch kein buch des _Asinii_ oder _Messallæ_ so beschrieen, als des _Ouidii_ _Medea_, oder _Varii_ sein Thyestes. Vnd+, redet er weiter, +ich schewe mich nicht den zuestand der Poeten vnd jhr glückhafftes wesen mit dem vnruhigen vnd sorglichen leben der Redner zue vergleichen. Ob zwar diese durch streitsachen vnnd gefahr zue dem Bürgermeister ampte sind erhoben worden; so wil ich doch lieber _Virgilii_ sichere vnnd geheime einsamkeit, in welcher es jhm weder an gnade bey dem Keyser Augusto, noch an kundschafft bey dem Römischen volcke gemangelt hat.+

Nebenst dieser hoheit des gueten namens, ist auch die vnvergleichliche ergetzung, welche wir bey vns selbst empfinden, wenn wir der Poeterey halben so viel bücher vnnd schrifften durchsuchen: wenn wir die meinungen der weisen erkündigen, vnser gemüte wieder die zuefälle dieses lebens außhärten, vnd alle künste vnnd wissenschafften durchwandern? So war ich dieses für meine grösseste frewde vnd lust auff der Welt halte, so war wündsche ich, das die die in ansehung jhres reichthumbs vnnd vermeineter vberflüssigkeit aller notdurfft jhren stand weit vber den vnserigen erheben, die genüge vnd rhue, welche wir schöpffen auß dem geheimen gespreche vnd gemeinschafft der grossen hohen Seelen, die von so viel hundert ja tausendt Jharen her mit vns reden, empfinden solten; ich weiß, sie würden bekennen, das es weit besser sey, viel wissen vnd wenig besitzen, als alles besitzen vnd nichts wissen. Vber dieser vnglaublichen ergetzung haben jhrer viel hunger vnd durst erlitten, jhr gantze [K 2b] vermögen auffgesetzt, vnd fast jhrer selbst vergessen. Zoroaster, welcher, wie oben erwehnet, alle seine gedancken Poetisch auffgesetzt, soll zwantzig Jhar in höchster einsamkeit zuegebracht haben, damit er in erforschung der dinge nicht geirret würde. Vnd da alle andere wollüsten vns vnter den händen zuegehen, auch offtermals nichts von sich vbrig lassen als blosse rewe vnd eckel; so begleitet vns diese vnsere durch alle staffeln des alters, ist eine ziehr im wolstande, vnd in wiederwertigkeit ein sicherer hafen. Derentwegen wolle vns ja niemandt verargen, das wir die zeit, welche viel durch Fressereyen, Bretspiel, vnnütze geschwätze, verleumbdung ehrlicher leute, vnd sonderlich die lustige vberrechnung des vermögens hinbringen, mit anmutigkeit vnsers studierens, vnd denen sachen verschliessen, welche die armen offte haben, vnd die reichen nicht erkauffen können. Wir folgen dem, an welches vns Gott vnd die natur leitet, vnd auß dieser zueversicht hoffen wir, es werde vns an vornemer leute gunst vnd liebe, welche wir, nebenst dem gemüte vnserem Vaterlande zue dienen, einig hierdurch suchen, nicht mangeln. Den verächtern aber dieser göttlichen wissenschaft, damit sie nicht gantz leer außgehen, wollen wir inn den Tragedien so wir künfftig schreiben möchten die Personen derer geben, welche in dem Chore nach erzehlung trawriger sachen weinen vnd heulen mussen: da sie sich denn vber jhren vnverstand vnd grobheit nach der lenge beklagen mögen.

[L 1a] An den Leser.

Günstiger Leser, weil ich bey verfertigung des Büchleins nicht gewesen, ist es, sonderlich was die Griechischen wörter betrifft, etwas falsch gesetzet worden; dessen ich euch hiermit errinnern wollen.[2]

[2] _Hier folgt ein Verzeichniss von 30 Druckfehlern, die in unserem Abdrucke danach verbessert worden sind. Vgl. übrigens die Einleitung, sowie den Abdruck des Verzeichnisses bei Witkowski S. 206._

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Das vbrige, dessen ich vieleichte nicht gewahr worden; wollet jhr vnbeschweret selber zu rechte bringen.