Buch von der Deutschen Poeterey
Part 4
Bist du gekommen dann, nach dem ich nun gewacht Nach dir, mein liebstes Kind, den dritten tag vnnd Nacht? Du bist gekommen, ja. doch wer nicht kan noch mag Sein lieb sehn wann er wil, wird alt auff einen tag. So viel der Früling wird dem Winter vorgesetzt, Vor wilden pflaumen vns ein Apffel auch ergetzt, Das Schaff mit dicker woll' ein Lamb beschämen kan, Die Jungfraw süsser ist als die den dritten Man Bereit hat fort geschickt; so viel als besser springt Ein rehbock als ein Kalb, vnd wann sie lieblich singt Die leichte Nachtigall den Vogeln abgewint, So ist dein beysein mir das liebste das man findt. Ich habe mich gesetzt bey diesen Buchbawm hin, Gleich wie ein Wandersman thut im fürüber ziehn, In dem die Sonne sticht. ach, das die liebe doch Vns wolte beyderseits auch fügen an jhr ioch, An jhr gewündtschtes Ioch, vnd das die nach vns sein Von vns mit stettem rhum erzehlten vberein: Es ist ein liebes par gewesen vor der zeit, Das eine freyte selbst, das ander ward gefreyt: Sie liebten beyde gleich. ward nicht das volck ergetzt Wie liebe wiederumb mit liebe ward ersetzt! Ach Jupiter, vnd jhr, jhr Götter gebt mir zue, [F 2a] Wann ich nach langer zeit schon lieg' in meiner rhue, Das ich erfahren mag, das dem der mich jtzt liebt Vnd meiner trewen gunst ein jeder zeugniß giebt; Doch mehr das junge volck. nun diß muß nur ergehn, Jhr Götter, wie jhr wolt. es pflegt bey euch zue stehn Doch lob' ich dich zwar hoch, so hoff' ich dennoch nicht Das jrrgend jemand ist der etwas anders spricht. Dann ob dein grimm mir schon offt' etwas vbels thut So machst du es hernach doch doppelt wieder gut. O volck von Megara, jhr schiffer weit bekandt, Ich wündsche das jhr wol bewohnt das reiche landt Vnd vfer bey Athen, weil jhr so höchlich liebt Dioclem der sich auch im lieben sehr geübt: Weil allzeit vmb sein grab sehr viel liebhaber stehn, Die lernen einig nur mit küssen vmb recht gehn, Vnd streiten gleich darumb, vnd wer dann Mundt an mundt Am aller besten legt, dem wird der krantz vergunt, Den er nach hause dann zue seiner Mutter bringt. Ach, ach, wie glücklich ist dem es so wol gelingt Das er mag richter sein. wie offte rufft er wol Das Ganymedes jhm den Mund so machen sol Als einen Stein durch den der goldschmiedt vrtheil spricht Ob auch gewiß das Goldt recht gut sey oder nicht.
[F 2b] Hergegen in wichtigen sachen, da von Göttern, Helden, Königen, Fürsten, Städten vnd der gleichen gehandelt wird, muß man ansehliche, volle vnd hefftige reden vorbringen, vnd ein ding nicht nur bloß nennen, sondern mit prächtigen hohen worten vmbschreiben. Virgilius sagt nicht: _die_ oder _luce sequenti_; sondern
_vbi primos crastinus ortus Extulerit Titan, radiisque retexerit orbem._
Wann Titan morgen wird sein helles liecht auffstecken, Vnd durch der stralen glantz die grosse welt entdecken.
Die mittele oder gleiche art zue reden ist, welche zwar mit jhrer ziehr vber die niedrige steiget, vnd dennoch zue der hohen an pracht vnd grossen worten noch nicht gelanget. In dieser gestalt hat Catullus seine Argonautica geschrieben; welche wegen jhrer vnvergleichlichen schönheit allen der Poesie liebhabern bekandt sein, oder ja sein sollen. Bißhieher auch dieses: nun ist noch vbrig das wir von den reimen vnd vnterschiedenen art der getichte reden.
Das VII. Capitel.
Von den reimen, jhren wörtern vnd arten der getichte.
EIn reim ist eine vber einstimmung des lautes der syllaben vnd wörter zue ende zweyer oder mehrer verse, welche wir nach der art die wir vns fürgeschrieben haben zuesammen setzen. Damit aber die syllben vnd worte in die reimen recht gebracht werden, sind nachfolgende lehren in acht zue nemen.
Erstlich, weil offte ein Buchstabe eines doppelten lautes ist, soll man sehen, das er in schliessung der reimen nicht vermenget [F 3a] werde. Zum exempel: Das e in dem worte +ehren+ wird wie ein griechisch {e}, in dem worte +nehren+ wie ein {ê} außgesprochen: kan ich also mit diesen zweyen keinen reim schliessen. Item, wenn ich des Herren von Pybrac _Epigramma_ wolte geben:
_Adore assis, comme le Grec ordonne, Dieu en courant ne veut estre honoré, D'vn ferme coeur il veut estre adoré, Mais ce coeur là il faut qu'il nous le donne._
Zum beten setze dich, wie jener Grieche lehret, Denn GOtt wil auff der flucht nicht angeruffen sein: Er heischet vnd begehrt ein starckes hertz' allein; Das hat man aber nicht, wann er es nicht bescheret.
Hier, weil das e im +lehret+ wie {e}, das im +bescheret+ wie {ê} gelesen wird, kan ich vor +bescheret+ das wort +verehret+ setzen. So schicken sich auch nicht zusammen +entgegen+ vnd +pflegen+; +verkehren+ vnd +hören+: weil das ö von vnns als ein {e}, vnnd die mitlere sylbe im +verkehren+ wie mit einem {ê} gelesen wirdt. So kan ich auch +ist+ vnd +bist+ wegen des vngleichen lautes gegen einander nicht stellen.
Das e, wann es vor einem andern selblautenden Buchstaben zue ende des wortes vorher gehet, es sey in wasserley versen es wolte, wird nicht geschrieben vnd außgesprochen, sondern an seine statt ein solches zeichen ' darfür gesetzt. Zum exempel wil ich nachfolgendes Sonnet setzen, weil diese außenlaßung zue sechs malen darinnen wiederholet wird:
Ich muß bekennen nur, wol tausendt wündtschen mir, [F 3b] Vnd tausendt noch dar zue, ich möchte die doch meiden Die mein' ergetzung ist, mein trost, mein weh vnd leiden Doch macht mein starckes hertz', vnd jhre grosse ziehr,
An welcher ich sie selbst dir, Venus setze für, Das ich, so lang' ein Hirsch wird lieben püsch' vnd Heiden, So lange sich dein Sohn mit threnen wird beweiden, Wil ohne wancken stehn, vnd halten vber jhr.
Kein menschlich weib hat nicht solch gehn, solch stehn, solch lachen, Solch reden, solche tracht, solch schlaffen vnnd solch wachen: Kein Waldt, kein Heller fluß, kein hoher Berg, kein Grundt
Beherbrigt eine Nymf' an welcher solche gaben, Zue schawen mögen sein; die so schön haar kan haben, Solch' augen als ein stern, so einen roten mundt.
Hiervon werden außgeschlossen, wie auch Ernst Schwabe in seinem Büchlein erinnert, die eigenen namen, als: +Helene+, +Euphrosine+; darnach alle einsylbige wörter, als: +Schnee+, +See+, +wie+, +die+, &c.
Zue ende der reimen, wann ein Vocalis den folgenden [F 4a] verß anhebet, kan man das e stehen lassen oder weg thun. Stehen bleibt es:
wie rufft er vor dem ende Vns seinen Kindern zue.
Weg gethan aber wird es:
Jhr hölen voller moß, jhr auffgeritzten stein' Jhr felder, &c.
Wann auff das e ein Consonans oder mitlautender Buchstabe folget, soll es nicht aussen gelassen werden: ob schon niemandt bißher nicht gewesen ist, der in diesem nicht verstossen. Ich kan nicht recht sagen:
Die wäll der starcken Stadt vnnd auch jhr tieffe Graben;
Weil es +die Wälle+ vnd +jhre Graben+ sein soll. Auch nicht wie Melißus:
Rot rößlein wolt' ich brechen,
für, +Rote rößlein+.
Gleichfals nicht:
Nemt an mein schlechte reime,
für: +Meine+.
Es soll auch das e zueweilen nicht auß der mitten der wörter gezogen werden; weil durch die zuesammenziehung der sylben die verse wiederwertig vnd vnangeneme zue lesen sein. Als, wann ich schriebe:
Mein Lieb, wann du mich drücktst an deinen lieblchen Mundt, So thets meinm hertzen wol vnd würde frisch vnd gsundt.
Welchem die reime nicht besser als so von statten gehen, [F 4b] mag es künlich bleiben lassen: Denn er nur die vnschuldigen wörter, den Leser vnd sich selbst darzue martert vnnd quelet. Wiewol es nicht so gemeinet ist, das man das e niemals aussenlassen möge: Weil es in Cancelleyen (welche die rechten lehrerinn der reinen sprache sind) vnd sonsten vblich, auch im außreden nicht verhinderlich ist. Vnnd kan ich wol sagen, +vom+ für +von dem+, +zum+ für +zue dem+, vnd dergleichen. So ist es auch mit den _verbis_. Als:
Die Erde trinckt für sich, die Bäwme trincken erden, Vom Meere pflegt die lufft auch zue getruncken werden, Die Sonne trinckt das Meer, der Monde trinckt die Sonnen; Wolt dann, jhr freunde, mir das trincken nicht vergonnen?
Hier, ob gleich die wörter +trincket+, +pfleget+, +wollet+, inn eine sylbe gezogen sind, geschieht jhnen doch keine gewalt. Hiesige verß aber sindt in Griechischen bei dem Anacreon:
{Hê gê melaina pinei Pinei de dendre' autên Pinei thalassa d' auras, O d' hêlios thalassan, Ton d' hêlion selênê. Ti moi machesth' hetairoi, K' autô thelonti pinein?}
Welche oden ich sonst auch in ein _distichon_ gebracht; weil ich zue den lateinischen Anacreonten weder lust noch glück habe.
[G 1a] _Terra bibit, terram plantæ, auras æquor, amici, Æquor Sol, Solem Luna; nec ipse bibam?_
Stehet das h zue anfange eines wortes, so kan das e wol geduldet werden; als:
Vnd was hilfft es das mein spiel Alle die es hören loben Du hergegen, o mein licht? Die ich lobe, hörst es nicht.
Oder auch aussen bleiben; als:
Was kan die künstlich' hand?
Ferner soll auch das e denen wörtern zue welchen es nicht gehöret vnangehencket bleiben; als in _casu nominatiuo_:
+Der Venus Sohne.+ Item, wie Melißus sagt: +Ein wolerfahrner helde.+
Vnd:
Dir scheint der Morgensterne;
Weil es +Sohn+, +Held+, +Stern+ heisset.
Vber diß, die letzte sylbe in den männlichen, vnd letzten zwo inn den weiblichen reimen (wie wir sie bald abtheilen werden) sollen nicht an allen Buchstaben gleiche sein; als, in einem weiblichen reime:
Wir sollen frembdlingen gar billich ehr' erzeigen, Vnd so viel möglich ist, ein willig hertze zeigen.
Es ist falsch; weil die letzten zwo sylben gantz eines sindt: kan aber so recht gemacht werden:
Wir sollen frembdlingen gar billich ehr' erzeigen, Vnd, wann es müglich ist, die Sonn' auch selbst zueneigen.
Wiewol es die Frantzosen so genaw nicht nemen. Dann in [G 1b] nachfolgender Echo, welche vom tantze redet, alle verß gleiche fallen.
_Qui requiert fort & mesure & cadance? Dance. Qui faict souuent aux nopces residence? Dance. Qui faict encor filles en abondance? Dance. Qui faict sauter fols par outrecuidance? Dance. Qui est le grand ennemy de prudence? Dance. Qui met aux frons cornes pour euidence? Dance. Qui faict les biens tomber en decadence? Dance._
Gleichfals begehet man einen fehler, wann in dem _rythmo foeminino_ die letzte sylbe des einen verses ein t, des andern ein d hat; weil t harte vnd d gelinde außgesprochen wird. Als im 23. Psalme:
Auff einer grünen Awen er mich weidet, Zum schönen frischen wasser er mich leitet.
So auch, wann das eine u ein selblautender, das andere ein doppeltlautender Buchstabe ist, vnd fast wie ein i außgesprochen wird. Als im 42. Psalme:
Bey jhm wird heil gefunden, Israel er von sünden.
Dann in dem worte +sünden+ ist das u ein _diphthongus_.
Vnd letzlich wird der reim auch falsch, wann in dem einen verse das letzte wort einen doppelten _consonantem_; vnnd das in dem andern einen einfachen hat; als: wann der eine verß sich auff das wort +harren+; der andere auff das wort +verwahren+, oder der eine auff +rasen+, der andere auff +gleicher massen+ endete. Denn es eine andere gelegenheit mit der Frantzösischen sprache hatt, da zwar zweene _consonantes_ geschrieben, aber gemeiniglich nur einer außgesprochen wird.
[G 2a] Das wir nun weiter fortfahren, so ist erstlich ein jeglicher verß, wie sie die Frantzosen auch abtheilen, (denn der Italiener zarte reimen alleine auf die weibliche endung außgehen) entweder ein _foemininus_, welcher zue ende abschiessig ist, vnd den accent in der letzten sylben ohne eine hat, Als:
Er hat rund vmb sich her das wasser außgespreitet, Den köstlichen pallast des Himmels zue bereitet;
Oder _masculinus_, das ist, männlicher verß, da der thon auff der letzten sylben in die höhe steiget; als:
Den donner, reiff vnd schnee, der wolcken blawes zelt, Ost, Norden, Sud vnd West in seinen dienst bestelt.
Nachmals ist auch ein jeder verß entweder ein _iambicus_ oder _trochaicus_; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können inn acht nemen; sondern das wir aus den _accenten_ vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden. Ein Iambus ist dieser:
Erhalt vns Herr bey deinem wort.
Der folgende ein Trochéus:
Mitten wir im leben sind.
Dann in dem ersten verse die erste sylbe niedrig, die andere hoch, die dritte niedrig, die vierde hoch, vnd so fortan, in dem anderen verse die erste sylbe hoch, die andere niedrig, die dritte hoch, &c. außgesprochen werden. Wiewol nun meines wissens noch niemand, ich auch vor der zeit selber nicht, dieses genawe in acht genommen, scheinet es doch so hoch von nöthen zue sein, als hoch von nöthen ist, das die Lateiner nach den _quantitatibus_ oder grössen der sylben jhre verse richten vnd reguliren. Denn es gar einen übelen klang hat:
[G 2b] +Venus die hat Juno nicht vermocht zue obsiegen+; weil +Venus+ vnd +Juno+ Iambische, +vermocht+ ein Trochéisch wort sein soll: +obsiegen+ aber, weil die erste sylbe hoch, die andern zwo niedrig sein, hat eben den thon welchen bey den lateinern der _dactylus_ hat, der sich zueweilen (denn er gleichwol auch kan geduldet werden, wenn er mit vnterscheide gesatzt wird) in vnsere sprache, wann man dem gesetze der reimen keine gewalt thun wil, so wenig zwingen leßt, als _castitas_, _pulchritudo_ vnd dergleichen in die lateinischen _hexametros_ vnnd _pentametros_ zue bringen sind. Wiewol die Frantzosen vnd andere, in den eigentlichen namen sonderlich, die accente so genawe nicht in acht nemen wie ich dann auch auff art des Ronsardts in einer Ode geschrieben:
Bin ich mehr als Anacreon, Als Stesichór vnd Simonídes, Als Antimáchus vnd Bion, Als Phílet oder Bacchylídes?
Doch, wie ich dieses nur lust halben gethan, so bin ich der gedancken, man solle den lateinischen accenten so viel möglich nachkommen.
Vnter den Iambischen versen sind die zue föderste zue setzen, welche man Alexandrinische, von jhrem ersten erfinder, der ein Italiener soll gewesen sein, zue nennen pfleget, vnd werden an statt der Griechen vnd Römer heroischen verse gebraucht: Ob gleich Ronsardt die _Vers communs_ oder gemeinen verse, von denen wir stracks sagen werden, hierzue tüchtiger zue sein vermeinet; weil die Alexandrinischen wegen jhrer weitleufftigkeit der vngebundenen vnnd freyen rede zue sehr ähnlich sindt, wann sie nicht jhren mann finden, der sie mit lebendigen farben herauß zue streichen weiß. Weil aber dieses einem Poeten zuestehet, vnd die vber welcher vermögen es ist nicht gezwungen sind [G 3a] sich darmit zue ärgern, vnsere sprache auch ohne diß in solche enge der wörter wie die Frantzösische nicht kan gebracht werden, mussen vnd können wir sie an statt der heroischen verse gar wol behalten: inmassen dann auch die Niederländer zue thun pflegen.
Der weibliche verß hat dreyzehen, der männliche zwölff sylben; wie der _iambus trimeter_. Es muß aber allezeit die sechste sylbe eine _cæsur_ oder abschnitt haben, vnd _masculinæ terminationis_, das ist, entweder ein einsylbig wort sein, oder den _accent_ in der letzten sylben haben; wie auch ein vornemer Mann, der des Herren von Bartas Wochen in vnsere sprache vbersetzt hat, erinnert. Zum exempel sey dieses:
Dich hette Jupiter, nicht Paris, jhm erkohren, Vnd würd' auch jetzt ein Schwan wann dich kein schwan gebohren, Du heissest Helena, vnd bist auch so geziehrt, Vnd werest du nicht keusch, du würdest auch entführt.
Hier sind die ersten zweene verß weibliche, die andern zweene männliche: Denn mann dem weiblichen in diesem _genere carminis_ gemeiniglich die oberstelle leßt; wiewol auch etliche von den männlichen anfangen.
Bey dieser gelegenheit ist zue erinnern, das die _cæsur_ der sechsten syllben, sich weder mit dem ende jhres eigenen verses, noch des vorgehenden oder nachfolgenden reimen soll; oder kürtzlich; es sol kein reim gemacht werden, als da wo er hin gehöret: als:
Ein guet gewissen fragt nach bösen mäulern nicht, Weil seiner tugend liecht so klar hereiner bricht Als wie Aurora selbst, &c.
Dann solches stehet eben so vbel als die reimen der lateini-[G 3b]schen verse; deren exempel zwar bey den gutten Autoren wenig zue finden, der Mönche bücher aber vor etzlich hundert Jahren alle voll sindt gewesen.
So ist es auch nicht von nöthen, das der _periodus_ oder sententz allzeit mit dem verse oder der _strophe_ sich ende: ja es stehet zierlich, wann er zum wenigsten biß zue des andern, dritten, vierdten verses, auch des ersten in der folgenden strophe _cæsúr_ behalten wird. Zum exempel:
1. nein nein, wie bleich ich bin, Nicht vom studiren nur, so bleibt doch wie vorhin Mein vorsatz vnbewegt; 2. ich wil mein glücke tragen So lang' ich kan vnd mag; wil setzen auff den wagen Der grawen ewigkeit durch meiner Leyer kunst Die braune Flauia: 3. an stat der Musen gunst Ist jhrer augen glut: 4. das sternenliechte fewer Kömpt, wie der schöne Nort den Schieffen, mir zue stewer.
Item:
1. Ja wir gedencken vns wie meister fast zue werden Des grossen Jupiters, vnd donnern auff der erden Durch des Geschützes plitz; 2. die Berge zittern auch, Die wolcken werden schwartz von vnsers Pulvers rauch', Vnd lauffen schneller fort. 3. verhaw' vns zue dem strande Des meeres weg vnd steg, wir segeln auch zue lande, Vnd schiffen ohne see. 4. veriag' vns aus der welt, [G 4a] Wir haben eine new', in welcher Gold vnd Geldt Nicht minder häuffig ist. 5. wilt du vnns gifft beybringen, Die Porcellane wird vns in der hand zuespringen, Vnd sagen was du thust. 6. wie schlecht die Bügel sein, So setzen wir vns doch mit jhnen fester ein, Vnd lassen vnns so bald nicht auß dem sattel heben. 7. Es pflegt die Sonnenvhr vns vnterricht zue geben Vmb welche zeit es sey. 8. Der köstliche Magnet Zeigt wo das schwache Schiff auch bey der nacht hingeht, Vmbringt mit wind' vnnd flut. 9. wir kennen hier von fernen Durch eines glases liecht den Monden vnnd die Sternen, Als stünden wir darbey, vnd sind zue krieges zeit Vor einem einfall auch viel mehr als sonst befreit.
Die reimen deren weibliche verß eilff sylben, vnd die männlichen zehen haben, nennen die Frantzosen _vers communs_ oder gemeine verse, weil sie bey jhnen sehr im brauche sind. Wie aber die Alexandrinischen verse auff der sechsten sylben, so haben diese auff der vierdten jhren abschnitt. Als:
Im fall du wilt Was Göttlich ist erlangen. So laß den leib in dem du bist gefangen, Auff, auff, mein Geist, vnd du mein gantzer sinn, Wirff alles das was welt ist von dir hin.
Weil die Sonnet vnnd _Quatrains_ oder vierversichten _epi-[G 4b]grammata_ fast allezeit mit Alexandrinischen oder gemeinen versen geschrieben werden, (denn sich die andern fast darzue nicht schicken) als wil ich derselben gleich hier erwehnen.
Wann her das Sonnet bey den Frantzosen seinen namen habe, wie es denn auch die Italiener so nennen, weiß ich anders nichts zue sagen, als dieweil _Sonner_ klingen oder wiederschallen, vnd _sonnette_ eine klingel oder schelle heist, diß getichte vielleicht von wegen seiner hin vnd wieder geschrenckten reime, die fast einen andern laut als die gemeinen von sich geben, also sey getauffet worden. Vnd bestetigen mich in dieser meinung etzliche Holländer, die dergleichen _carmina_ auff jhre sprache klincgetichte heissen: welches wort auch bey vnns kan auffgebracht werden; wiewol es mir nicht gefallen wil.
Ein jeglich Sonnet aber hat viertzehen verse, vnd gehen der erste, vierdte, fünffte vnd achte auff eine endung des reimens auß; der andere, dritte, sechste vnd siebende auch auff eine. Es gilt aber gleiche, ob die ersten vier genandten weibliche termination haben, vnd die andern viere männliche: oder hergegen. Die letzten sechs verse aber mögen sich zwar schrencken wie sie wollen; doch ist am bräuchlichsten, das der neunde vnd zehende einen reim machen, der eilffte vnd viertzehende auch einen, vnd der zwölffte vnd dreyzehende wieder einen. Zum exempel mag dieses sein, welches ich heute im spatzieren gehen, durch gegebenen anlaß, ertichtet.
Sonnet.
Du schöne Tyndaris, wer findet deines gleichen, Vnd wolt' er hin vnd her das gantze landt durchziehn? Dein' augen trutzen wol den edelsten Rubin, Vnd für den Lippen muß ein Türkiß auch verbleichen, [H 1a] Die zeene kan kein goldt an hoher farb' erreichen, Der Mund ist Himmelweit, der halß sticht Attstein hin. Wo ich mein vrtheil nur zue fellen würdig bin, Alecto wird dir selbst des haares halber weichen, Der Venus ehemann geht so gerade nicht, Vnd auch der Venus sohn hat kein solch scharff gesicht; In summa du bezwingst die Götter vnnd Göttinnen. Weil man dan denen auch die vns gleich nicht sindt wol, Geht es schon sawer ein, doch guttes gönnen soll, So wündtsch' ich das mein feind dich möge lieb gewinnen.
Oder, im fall dieses jemanden angenemer sein möchte; Welches zum theil von dem Ronsardt entlehnet ist:
Jhr, Himmel, lufft vnnd wind, jhr hügel voll von schatten, Jhr hainen, jhr gepüsch', vnd du, du edler Wein, Jhr frischen brunnen, jhr, so reich am wasser sein, Jhr wüsten die jhr stets mußt an der Sonnen braten, Jhr durch den weissen taw bereifften schönen saaten, Jhr hölen voller moß, jhr auffgeritzten stein', Jhr felder welche ziehrt der zarten blumen schein, Jhr felsen wo die reim' am besten mir gerhaten, [H 1b] Weil ich ja Flavien, das ich noch nie thun können, Muß geben guete nacht, vnd gleichwol mundt vnnd sinnen Sich fürchten allezeit, vnd weichen hinter sich, So bitt' ich Himmel, Lufft, Wind, Hügel, hainen, Wälder, Wein, brunnen, wüsteney, saat', hölen, steine, felder, Vnd felsen sagt es jhr, sagt, sagt es jhr vor mich.
Item diß, von gemeinen versen:
Au weh! ich bin in tausendt tausendt schmertzen, Vnd tausendt noch! die seufftzer sind vmbsonst Herauff geholt, kein anschlag, list noch kunst Verfängt bey jhr. wie wann im kühlen Mertzen Der Schnee zuegeht durch krafft der Himmels kertzen, Vnd netzt das feldt; so feuchtet meine brunst Der zehren bach, die noch die minste gunst Nicht außgebracht: mein' augen sind dem hertzen Ein schädlich gifft: das dencken an mein liecht Macht das ich irr' vnd weiß mich selber nicht, Macht das ich bin gleich einem blossen scheine, Das kein gelenck' vnd gliedtmaß weder krafft Noch stercke hat, die adern keinen safft Noch blut nicht mehr, kein marck nicht die gebeine.
Vnd letzlich eines, in welchem die letzten sechs verse einer vmb den andern geschrencket ist:
Ich machte diese verß in meiner Pierinnen [H 2a] Begrünten wüsteney, wie Deutschland embsig war Sein mörder selbst zuesein, da herdt vnd auch altar In asche ward gelegt durch trawriges beginnen Der blutigen begiehr, da gantzer völcker sinnen Vnd tichten ward verkehrt, da aller laster schar, Mord, vnzucht, schwelgerey vnd triegen gantz vnd gar Den platz, der alten ehr' vnd tugendt hielten innen. Damit die böse zeit nun würde hingebracht, Hab' ich sie wollen hier an leichte reime wenden. Mars thuts der liebe nach das er der threnen lacht: Mein krieg ist lobens werth, vnd seiner ist zue schenden: Denn meiner wird gestilt durch zweyer leute schlacht, Den andern können auch viel tausendt noch nicht enden.
_Quatrains_ oder _quatrini_, wie auß dem namen zue sehen, sind vierverßichte getichte oder _epigrammata_; derer hat der Herr von Pybrac hundert vnd sechs vnd zwantzig im Frantzösischen geschrieben; von welchen ich nur dieses setzen wil: