Buch von der Deutschen Poeterey
Part 3
Das getichte vnd die erzehlung selber belangend, nimpt sie es nicht so genawe wie die Historien, die sich an die zeit vnd alle vmbstende nothwendig binden mußen, vnnd wiederholet auch nicht, wie Horatius erwehnet, den Troianischen krieg von der Helenen vnd jhrer brüder geburt an: lest viel außen was sich nicht hin schicken wil, vnd setzet viel das zwar hingehöret, aber newe vnd vnverhoffet ist, vntermenget allerley fabeln, historien, Kriegeskünste, schlachten, rathschläge, sturm, wetter, vnd was sonsten zue erweckung der verwunderung in den gemütern von nöthen ist; alles mit solcher ordnung, als wann sich eines auff das andere selber allso gebe, vnnd vngesucht in das buch keme. Gleichwol aber soll man sich in dieser freyheit zue tichten vorsehen, das man nicht der zeiten vergeße, vnd in jhrer warheit irre. Wiewol es Virgilius, da er vorgegeben, Eneas vnd Dido hetten zue einer zeit gelebet, da doch Dido hundert jahr zuevor gewesen, dem Keyser vnd Römischen volcke, durch welches die stadt Carthago bezwungen worden, zue liebe gethan, damit er gleichsam von den bösen flüchen der Dido einen anfang der feindschafft zwischen diesen zweyen mächtigen völckern machte. Ob aber bey vns Deutschen so bald jemand kommen möchte, der sich eines vollkommenen Heroischen werckes vnterstehen werde, stehe ich sehr im zweifel, vnnd bin nur der gedancken, es sey leichtlicher zue wündschen als zue hoffen.
Die Tragedie ist an der maiestet dem Heroischen getichte gemeße, ohne das sie selten leidet, das man geringen standes personen vnd schlechte sachen einführe: weil sie nur von Königlichem willen, Todtschlägen, verzweiffelungen, Kinder- vnd Vätermörden, brande, blutschanden, kriege vnd auffruhr, kla-[D 2b]gen, heulen, seuffzen vnd dergleichen handelt. Von derer zugehör schreibet vornemlich Aristoteles, vnd etwas weitleufftiger Daniel Heinsius; die man lesen kan.
Die Comedie bestehet in schlechtem wesen vnnd personen; redet von hochzeiten, gastgeboten, spielen, betrug vnd schalckheit der knechte, ruhmrätigen Landtsknechten, buhlersachen, leichtfertigkeit der jugend, geitze des alters, kupplerey vnd solchen sachen, die täglich vnter gemeinen Leuten vorlauffen. Haben derowegen die, welche heutiges tages Comedien geschrieben, weit geirret, die Keyser vnd Potentaten eingeführet; weil solches den regeln der Comedien schnurstracks zuewieder laufft.
Zue einer Satyra gehören zwey dinge: die lehre von gueten sitten vnd ehrbaren wandel, vnd höffliche reden vnd schertzworte. Jhr vornemstes aber vnd gleichsam als die seele ist, die harte verweisung der laster vnd anmahnung zue der tugend: welches zue vollbringen sie mit allerley stachligen vnd spitzfindigen reden, wie mit scharffen pfeilen, vmb sich scheußt. Vnd haben alle Satyrische scribenten zum gebrauche, das sie vngeschewet sich vor feinde aller laster angeben, vnd jhrer besten freunde ja jhrer selbst auch nicht verschonen, damit sie nur andere bestechen mögen: wie es denn alle drey Horatius, Juuenalis vnnd Persius meisterlich an den tag gegeben.
Das Epigramma setze ich darumb zue der Satyra, weil die Satyra ein lang Epigramma, vnd das Epigramma eine kurtze Satyra ist: denn die kürtze ist seine eigenschafft, vnd die spitzfindigkeit gleichsam seine seele vnd gestallt; die sonderlich an dem ende erscheinet, das allezeit anders als wir verhoffet hetten gefallen soll: in welchem auch die spitzfindigkeit vornemlich bestehet. Wiewol aber das Epigramma aller sachen vnnd wörter fähig ist, soll es doch lieber in Venerischem wesen, vberschrifften der begräbniße vnd gebäwe, Lobe vornemer Männer vnd Frawen, kurtzweiligen schertzreden vnnd anderem, es sey was [D 3a] es wolle, bestehen, als in spöttlicher hönerey vnd auffruck anderer leute laster vnd gebrechen. Denn es ist eine anzeigung eines vnverschämten sicheren gemütes, einen jetwedern, wie vnvernünfftige thiere thun, ohne vnterscheidt anlauffen.
Die Eclogen oder Hirtenlieder reden von schaffen, geißen, seewerck, erndten, erdgewächsen, fischereyen vnnd anderem feldwesen; vnd pflegen alles worvon sie reden, als von Liebe, heyrathen, absterben, buhlschafften, festtagen vnnd sonsten auff jhre bäwrische vnd einfältige art vor zue bringen.
In den Elegien hat man erstlich nur trawrige sachen, nachmals auch buhlergeschäffte, klagen der verliebten, wündschung des todes, brieffe, verlangen nach den abwesenden, erzehlung seines eigenen Lebens vnnd dergleichen geschrieben; wie dann die meister derselben, Ouidius, Propertius, Tibullus, Sannazar, Secundus, Lotichius vnd andere außweisen.
Das ich der Echo oder des Wiederruffes zue ende der wörter gedencke, thue ich erstlich dem Dousa zue ehren, welcher mit etlichen solchen getichten gemacht hat, das wir etwas darvon halten; wiewol das so Secundus geschrieben (wie alle andere seine sachen) auch sehr artlich ist: darnach aber, weil ich sehe, das sie bey den Frantzosen gleichfalls im gebrauche sein; bey denen man sich ersehen kan. So sind jhrer auch zwey in meinen deutschen _Poematis_, die vnlengst zue Straßburg auß gegangen, zue finden. Welchen buches halben, das zum theil vor etlichen jahren von mir selber, zum theil in meinem abwesen von andern vngeordnet vnd vnvbersehen zuesammen gelesen ist worden, ich alle die bitte denen es zue gesichte kommen ist, sie wollen die vielfältigen mängel vnd irrungen so darinnen sich befinden, beydes meiner jugend, (angesehen das viel darunter ist, welches ich, da ich noch fast ein knabe gewesen, geschrieben habe) vnnd dann denen zuerechnen, die auß keiner bösen meinung meinen gueten namen dadurch zue erweitern bedacht ge-[D 3b]wesen sein. Ich verheiße hiermitt, ehestes alle das jenige, was ich von dergleichen sachen bey handen habe, in gewiße bücher ab zue theilen, vnd zue rettung meines gerüchtes, welches wegen voriger vbereileten edition sich mercklich verletzt befindet, durch offentlichen druck jedermann gemeine zue machen.
Hymni oder Lobgesänge waren vorzeiten, die sie jhren Göttern vor dem altare zue singen pflagen, vnd wir vnserem GOtt singen sollen. Dergleichen ist der lobgesang den Heinsius vnserem erlöser, vnd der den ich auff die Christnacht geschrieben habe. Wiewol sie auch zuezeiten was anders loben; wie bey dem Ronsard ist der Hymnus der Gerechtigkeit, Der Geister, des Himmels, der Sternen, der Philosophie, der vier Jahreszeiten, des Goldes, &c.
Sylven oder wälder sind nicht allein nur solche _carmina_, die auß geschwinder anregung vnnd hitze ohne arbeit von der hand weg gemacht werden, von denen Quintilianus im dritten Capitel des zehenden buches saget: _Diuersum est huic eorum vitium, qui primùm discurrere per materiam stylo quàm velocissimo volunt, & sequentes calorem atque impetum ex tempore scribunt: Hoc syluam vocant_; vnd wie an den schönen _syluis_ die _Statius_ geschrieben zue sehen ist, welche er in der Epistel für dem ersten buche nennet _libellos qui subito calore & quadam festinandi voluptate ipsi fluxerant_: sondern, wie jhr name selber anzeiget, der vom gleichniß eines Waldes, in dem vieler art vnd sorten Bäwme zue finden sindt, genommen ist, sie begreiffen auch allerley geistliche vnnd weltliche getichte, als da sind Hochzeit- vnd Geburtlieder, Glückwündtschungen nach außgestandener kranckheit, item auff reisen, oder auff die zuerückkunft von denselben, vnd dergleichen.
Die Lyrica oder getichte die man zur Music sonderlich gebrauchen kan, erfodern zueföderst ein freyes lustiges gemüte, vnd wollen mit schönen sprüchen vnnd lehren häuffig geziehret [D 4a] sein: wieder der andern Carminum gebrauch, da man sonderliche masse wegen der sententze halten muß; damit nicht der gantze Cörper vnserer rede nur lauter augen zue haben scheine, weil er auch der andern glieder nicht entberen kan. Jhren inhalt betreffendt, saget Horatius:
_Musa dedit fidibus diuos, puerosque deorum Et pugilem victorem, & equum certamine primum, Et iuuenum curas, & libera vina referre._
Er wil so viel zue verstehen geben, das sie alles was in ein kurtz getichte kan gebracht werden beschreiben können; buhlerey, täntze, banckete, schöne Menscher, Gärte, Weinberge, lob der mässigkeit, nichtigkeit des todes, &c. Sonderlich aber vermahnung zue der fröligkeit: welchen inhalts ich meiner Oden eine, zue beschliessung dieses Capitels, setzen wil:
~Ode.~
Ich empfinde fast ein grawen Das ich, Plato, für vnd für Bin gesessen vber dir; Es ist zeit hienauß zue schawen, Vnd sich bei den frischen quellen In dem grünen zue ergehn, Wo die schönen Blumen stehn, Vnd die Fischer netze stellen.
Worzue dienet das studieren, Als zue lauter vngemach? Vnter dessen laufft die Bach Vnsers lebens das wir führen, Ehe wir es innen werden, [D 4b] Auff jhr letztes ende hin; Dann kömpt (ohne geist vnd sinn), Dieses alles in die erden.
Hola, Junger, geh' vnd frage Wo der beste trunck mag sein; Nim den Krug, vnd fülle Wein. Alles trawren leidt vnd klage, Wie wir Menschen täglich haben Eh' vns Clotho fortgerafft Wil ich in den süssen safft Den die traube giebt vergraben.
Kauffe gleichfals auch melonen, Vnd vergiß des Zuckers nicht; Schawe nur das nichts gebricht. Jener mag der heller schonen, Der bey seinem Gold vnd Schätzen Tolle sich zue krencken pflegt Vnd nicht satt zue bette legt; Ich wil weil ich kan mich letzen.
Bitte meine guete Brüder Auff die music vnd ein glaß Nichts schickt, dünckt mich, nicht sich baß Als guet tranck vnd guete Lieder. Laß ich gleich nicht viel zue erben, Ey so hab' ich edlen Wein; Wil mit andern lustig sein, Muß ich gleich alleine sterben.
[E 1a] Das VI. Capitel.
Von der zuebereitung vnd ziehr der worte.
NAch dem wir von den dingen gehandelt haben, folgen jetzund die worte; wie es der natur auch gemeße ist. Denn es muß ein Mensch jhm erstlich etwas in seinem gemüte fassen, hernach das was er gefast hat außreden. Die worte bestehen in dreyerley; inn der elegantz oder ziehrligkeit, in der _composition_ oder zuesammensetzung, vnd in der dignitet vnd ansehen.
Die ziehrligkeit erfodert das die worte reine vnd deutlich sein. Damit wir aber reine reden mögen, sollen wir vns befleissen deme welches wir Hochdeutsch nennen besten vermögens nach zue kommen, vnd nicht derer örter sprache, wo falsch geredet wird, in vnsere schrifften vermischen: als da sind, +es geschach+, für, +es geschahe+, +er sach+, für, +er sahe+; +sie han+, für +sie haben+ vnd anderes mehr: welches dem reime auch bißweilen außhelffen sol; als:
Der darff nicht sorgen für den spot, Der einen schaden krieget hot.
So stehet es auch zum hefftigsten vnsauber, wenn allerley Lateinische, Frantzösische, Spanische vnnd Welsche wörter in den text vnserer rede geflickt werden; als wenn ich wolte sagen:
Nennt an die _courtoisie_, vnd die _deuotion_, Die euch ein _cheualier_, _madonna_, thut erzeigen: Ein' handvol von _fauor_ _petirt_ er nur zue lohn, Vnd bleibet ewer Knecht vnd _seruiteur_ gantz eigen.
Wie selttzam dieses nun klinget, so ist nichts desto weniger die thorheit innerhalb kurtzen Jharen so eingeriessen, das ein jeder, [E 1b] der nur drey oder vier außländische wörter, die er zum offtern nicht verstehet, erwuscht hat, bey aller gelegenheit sich bemühet dieselben herauß zue werffen, Da doch die Lateiner eine solche abschew vor dergleichen getragen, das in jhren versen auch fast kein griechisch wort gefunden wird, das zwar gantz griechisch ist. Dann Juuenalis setzet inn einem orte {zôê kai psychê}, eben dieselben auß zue lachen, die sich in jhren buhlereyen mit griechischen wörtern behelffen: in dem andern orte aber thut er es darumb, das er die schändliche sünde, daran Christen auch nicht gedencken sollen, lateinisch auß zuesprechen abschew treget: wiewol er sonsten kein blat für das maul nimpt. Was aber die _nomina propria_ oder eigentlichen namen der Götter, Männer vnd Weiber vnd dergleichen betrifft, dürffen wir nach art der Lateiner vnd Griechen jhre casus nicht in acht nemen, sondern sollen sie so viel möglich auff vnsere endung bringen. Als, ich mag künlich nach der Deutschen gebrauche sagen:
Der schnelle plitz, des Jupiters geschoß,
vnd nicht, +des Jouis+. Item, +der Venus pfeile+, nicht +veneris+. Wie es denn auch die Römer mit den griechischen wörtern machen. Die Frantzosen gleichfals. Bartaß in seinem Buche, dem er den titel die Herrligkeit gegeben:
_Vn grand Gymnosophiste, vn Druyde, vn Brachman._
Item die Hollender. Als Heinsius:
van daer is zij gegaen By Thetis haer vrindin, en sprack Neptunus aen.
Doch können wir anfanges, weil es in vieler ohren noch etwas harte lautet, etliche lateinische endungen noch gebrauchen, biß wir in die gewonheit kommen sind. Als wenn ich der Erinnen, die Stobeus anzeucht, verß geben wollte.
{Chaire moi Rhôma thygatêr Arêos},
mag ich wol setzen:
[E 2a] +O Rom, des Martis kind, sey sehr gegrüßt von mir+; denn im fall ich spreche, +O Rom, du kind des Mars+, möchte es vielen zue anfange seltzam vorkommen.
Die _diphthongi_ oder doppeltlautenden Buchstaben, weil sie bey vns nicht vblich, dürffen nur mit dem selblautenden buchstaben geschrieben werden, dessen thon sie haben; als +Enéas+, +Eschylus+, +Mecenas+ &c.
Newe wörter, welches gemeiniglich _epitheta_, derer wir bald gedencken werden, vnd von andern wörtern zuesammen gesetzt sindt, zue erdencken, ist Poeten nicht allein erlaubet, sondern macht auch den getichten, wenn es mässig geschiehet, eine sonderliche anmutigkeit. Als wenn ich die nacht oder die Music eine arbeittrösterinn, eine kummerwenderinn, die Bellona mit einem dreyfachen worte kriegs-blut-dürstig, vnd so fortan nenne. Item den Nortwind einen wolckentreiber, einen felssen stürmer vnd meerauffreitzer: wie jhn Ronsardt (denn die Frantzosen nechst den Griechen hierinnen meister sindt) im 202. Sonnet seines andern buches der Buhlersachen heisset:
_Fier Aquilon horreur de la Scythie, Le chasse-nue, & l'esbransle-rocher, L'irrite-mer._
Welches auß dem _Ouidio_ genommen ist.
_Apta mihi vis est, hac tristia nubila pello, Hac freta concutio, nodosaque robora verto._
Solches stehet auch an seinem orte bey den Lateinern nicht vbel; als da Catullus saget in seinem vberauß schönen getichte vom Atys:
+_Vbi cerua syluicultrix, vbi aper nemoriuagus_+ Vnd Publius Syrus von dem storche:
_Pietaticultrix, gracilipes, crotalistria, Auis exulhiemis._
[E 2b] In welchen erfindungen Joseph Scaliger zue vnserer zeit meines bedünckens alle andere, auch die alten selber, vbertroffen.
Darbey aber vns Deutschen diß zue mercken ist, das das _nomen verbale_, als treiber, stürmer, auffreitzer, &c. allzeit, wie bey den Lateinern, muß hinten gesetzt werden; wieder der Frantzosen gebrauch, derer sprache es nicht anders mit sich bringt. So Heinsius in dem Lobgetichte des Weingottes, welches er auch zum theil von dem Ronsardt entlehnet:
Nacht-looper, Heupe-soon, Hooch-schreeuwer, Groote-springer, Goet-geuer, Minne-vrient, Hooft-breker, Leeuwen-dwinger, Hert-vanger, Herßen-dief, Tong-binder, Schudde-dol, Geest-roerder, Waggel-voet, Staet-kruijßer, Altijet-vol.
Vnd nach meiner verdolmetschung:
Nacht-leuffer, Hüffte-sohn, Hoch-schreyer, Lüfften-springer, Guet-geber, Liebesfreundt, Haupt-brecher, Löwen-zwinger, Hertz-fänger, Hertzen-dieb, Mund-binder, Sinnen-toll, Geist-rhürer, wackel-fuß, Stadt-kreischer, Allzeit-voll.
Wie denn auch sonsten die _epitheta_ bey vns gar ein vbel außsehen haben, wenn sie hinter jhr _substantiuum_ gesetzet werden, als: +Das mündlein roht+, +der Weltkreiß rund+, +die hände fein+; für: +das rothe mündlein+, +der [E 3a] runde Weltkreiß+, +die feinen hände+, &c. wiewol bey vnsern reimenmachern nichts gemeiner ist.
So bringen auch die Frantzosen newe _Verba_ herfür, welche, wenn sie mit bescheidenheit gesetzet werden, nicht vnartig sind. Als Ronsardt brauchet in einer Elegie an die Caßandra, das wort _Petrarquiser_, das ist, wie Petrarcha buhlerische reden brauchen:
_Apprendre l'art de bien Petrarquiser._
Vnd ich habe es jhm mit einem anderen worte nachgethan, da ich die Leyer anrede:
Jetzt solt du billich mehr als wol, O meine lust, Pindarisiren.
Ich darff aber darumb nicht bald auß dem Frantzösischen sagen: _approchiren_, _marchiren_; oder auß dem Lateine: _dubitiren_, _seruiren_; _gaudiren_, wie zwar die zue thun pflegen, die eher jhre Muttersprache verterben, als das sie nicht wollen sehen laßen, das sie auch was frembdes gelernet haben.
Wie nun wegen reinligkeit der reden frembde wörter vnnd dergleichen mußen vermieden werden; so muß man auch der deutligkeit halben sich für alle dem hüten, was vnsere worte tunckel vnd vnverstendtlich macht. Als wann ich sagen wollte: +Das weib das thier ergrieff+. Hier were zue zweiffeln, ob das weib vom thiere, oder das thier vom weibe were ergrieffen worden: welches die Griechen eine {amphibolian} nennen.
Der {pleonasmos}, da etwas vbriges gesaget wird, verstellet auch die rede zue weilen nicht wenig. Als wann ich spreche:
Ein schwartzes Kind das nicht war weiß;
weil es sich wol ohne diß verstehet. So wie Pansa sagete: Das Kind were von der Mutter zehen monat im leibe getragen worden: fragete Cicero: ob andere weiber die kinder im rocke trügen. Doch hilfft bißweilen das was vbrig hinzue gesetzet wird auch zu [E 3b] auffmutzung der rede. So saget Virgilius:
_Vocemque his auribus hausi._
Mit meinen ohren hab' ich es vernommen;
zue mehrer bestetigung deßen das er erzehlet.
Die {anastrophê} oder verkehrung der worte stehet bey vns sehr garstig, als: +Den sieg die Venus kriegt+; für: +Die Venus kriegt den sieg+. Item: +Sich selig dieser schätzen mag+; für: +Dieser mag sich selig schätzen+. Vnnd so offte dergeleichen gefunden wird, ist es eine gewiße anzeigung, das die worte in den verß gezwungen vnd gedrungen sein.
Auff die außlesung der worte, sagen wir nun billich auch von jhrer zuesammensetzung; wie wir nemlich die buchstaben, syllaben vnd wörter aneinander fügen sollen.
Weil ein buchstabe einen andern klang von sich giebet als der andere, soll man sehen, das man diese zum offteren gebrauche, die sich zue der sache welche wir für vns haben am besten schicken. Als wie Virgilius von dem berge Etna redet, brauchet er alles harte vnd gleichsam knallende buchstaben:
_Vidimus vndantem ruptis fornacibus Aetnam Flammarumque globos, liquefactaque voluere saxa_
wie Etna, wenn er strewet Die flammen in die lufft, vnd siedend' hartz außspeyet, Vnd durch den holen schlund bald schwartze wolcken bläßt, Bald gantze klüfften stein' vnd kugeln fliegen lest.
Heinsius saget:
Gelyck als Etna schiet vyt haere diepe kolcken Een grondeloose zee van vlammen in de wolcken.
So, weil das L vnd R fließende buchstaben sein kan ich mir [E 4a] sie in beschreibung der bäche vnd wäßer wol nütze machen, als:
Der klare brunnen quilt mitt lieblichem gerausche &c.
Wie nun bißweilen eine solche zuesammenstoßung der buchstaben recht vnd guet ist; soll man sie doch sonsten mitt einander so wißen zue vermengen, das nicht die rede dadurch gar zue raw oder zue linde werde. Eben dieses ist es auch, wann eine syllabe oder wort zue offte wiederholet wird; als: +Die die dir diese dinge sagen+.
Item, Es siehet nicht wol auß, wenn ein Verß in lauter eynsylbigen wörtern bestehet. Deßen exempel Ronsard giebet:
_Ie vy le ciel si beau, si pur et net._
Wiewol wir deutschen, wegen der menge der einsylbigen wörter die wir haben, es zuezeiten kaum vermeiden können.
Hergegen sollen die verß, sonderlich die Masculini (wie wir sie im folgenden Capitel nennen werden) sich nicht mit viel sylbigen wörtern enden.
Ich wil euch williglich mit vnterthänigkeit. Zue dienste sein, Hertzlieb, bey der gelegenheit.
Dann die verß gar zue grob vnd harte dadurch gemacht werden.
Das ansehen vnd die dignitet der Poetischen rede anlangt, bestehet dieselbe in den _tropis_ vnnd _schematibus_, wenn wir nemblich ein wort von seiner eigentlichen bedeutung auff eine andere ziehen. Dieser figuren abtheilung, eigenschafft vnd zuegehör allhier zue beschreiben, achte ich darumb vnvonnöthen, weil wir im deutschen hiervon mehr nicht als was die Lateiner zue mercken haben, vnd also genungsamen vnterricht hiervon neben den exempeln aus Scaligers vnnd anderer gelehrten leute büchern nemen können. Dessen wil ich nur erinnern, das für allen dingen nötig sey, höchste möglichkeit zue versuchen, wie man die _epitheta_; an denen bißher bey vns grosser mangel ge-[E 4a]wesen, sonderlich von den Griechen vnd Lateinischen abstehlen, vnd vns zue nutze machen möge: Dann sie den Poetischen sachen einen solchen glantz geben, das Stesichorus für den anmutigsten Poeten ist gehalten worden, weil er desselbigen zum füglichsten sich gebraucht hat.
Sie mussen aber so gemacht werden, das sie entweder die dinge von denen wir reden von andern vnterscheiden; als da der Poet spricht: _nigra hirundo_, +die schwartze Schwalbe+, oder sie vermehren als: _frigida bello Dextera_, +eine handt die im kriege nicht viel außrichtet+.
Sie mussen auch warhafftig sein, vnd etwas nicht anders beschreiben als es ist. Zum exempel: _florida Hybla_; weil viel Blumen darauff wachsen sollen: _Parnassia laurus_, _æstuosa Calabria_, vnd dergleichen. Strabo rhümet den Homerus, das er die eigenschafft eines, etwedern dinges sehr genaw in acht genommen, vnd jhm vnfehlber sein gehöriges _epitheton_ allzeit gegeben habe. Die Poeten, denen mehr freyheit als den Oratoren eingeräumet ist, können auch wol den schnee weiß, vnnd den wein feuchte nennen: wie Aristoteles im dritten buche der Rhetoric, vnnd Quintilianus im sechsten Capitel des achten buches saget. Wiewol Virgilius nicht ohne vrsache setzet:
_cæduntque securibus humida vina;_
Denn in dem er spricht, das man in den Mitternächtischen Ländern den gefrorenen Wein, der doch von natur sonst naß ist, mit äxten zuehawen muß, macht er das man desto mehr der vngewöhnlichen kälte nachdenckt.
Letzlich haben wir in vnserer sprache dieses auch zue mercken, das wir nicht vier oder fünff _epitheta_ zu einem worte setzen, wie die Italiener thun, die wol sagen dürffen:
_Alma, bella, angelica, et fortunata donna;_
Du schönes, weisses, englisches, glückhafftes, edles bildt;
[F 1a] Denn solches bloß zue außfüllung des verses dienet.
Dieses sey nun von der allgemeinen zuegehör der Poetischen rede: weil aber die dinge von denen wir schreiben vnterschieden sind, als gehöret sich auch zue einem jeglichen ein eigener vnnd von den andern vnterschiedener Character oder merckzeichen der worte. Denn wie ein anderer habit einem könige, ein anderer einer priuatperson gebühret, vnd ein Kriegesman so, ein Bawer anders, ein Kauffmann wieder anders hergehen soll: so muß man auch nicht von allen dingen auff einerley weise reden; sondern zue niedrigen sachen schlechte, zue hohen ansehliche, zue mittelmässigen auch mässige vnd weder zue grosse noch zue gemeine worte brauchen.
In den niedrigen Poetischen sachen werden schlechte vnnd gemeine leute eingeführet; wie in Comedien vnd Hirtengesprechen. Darumb tichtet man jhnen auch einfaltige vnnd schlechte reden an, die jhnen gemässe sein: So Tityrus bey dem Poeten, wenn er seines Gottes erwehnet, redet er nicht von seinem plitze vnd donner, sondern
+_Ille meas_+, sagt er, +_errare boues, vt cernis, & ipsum Ludere quæ vellem calamo permisit agresti._+
Du siehst, er leßt mein Vieh herumb gehn ohne ziehl, Vnd mich auff meiner flöt' auch spielen was ich wil.
Wie Theocritus sonsten inn dem paß wol jederman vberlegen, so weiß ich doch nicht wie sein Aites mir sonderlich behaget: inmassen ich denn auch halte, das Heinsius gleichfals grossen gefallen daran treget, der dieses Idyllion Lateinisch vnnd Hollendisch gegeben. Weil ich jhm aber im deutschen nachgefolget, vnd den niedrigen Character, von dem wir jetzo reden, nicht besser vorzuestellen weiß, wil ich meine übersetzung hierneben fügen.
[F 1b] =Theocriti Aites.=