Buch von der Deutschen Poeterey

Part 2

Chapter 23,522 wordsPublic domain

AVß oberzehlten sachen ist zue sehen, wie gar vnverstendig die jenigen handeln, welche aus der Poeterey nicht weiß ich was für ein geringes wesen machen, vnd wo nicht gar verwerffen, doch nicht sonderlich achten; auch wol vorgeben, man wisse einen Poeten in offentlichen ämptern wenig oder nichts zue gebrauchen; weil er sich in dieser angenemen thorheit vnd ruhigen wollust so verteuffe, das er die andern künste vnd wissenschafften, von welchen man rechten nutz vnd ehren schöpffen kan, gemeiniglich hindan setze. Ja wenn sie einen gar verächtlich halten wollen, so nennen sie jhn einen Poeten: wie dann _Erasmo Roterodamo_ von groben leuten geschahe. Welcher aber zur antwort gab: Er schätzte sich dessen lobes viel zue vnwürdig; denn auch nur ein mittelmässiger Poete höher zue halten sey als zehen _Philosophastri_. Sie wissen ferner viel von jhren lügen, ärgerlichen schrifften vnd leben zue sagen, vnd vermeinen, es sey keiner ein gutter Poete, er musse dann zu gleich ein böser Mensch sein. Welches allerseits vngegründetes vrtheil ich kaum einer antwort würdig achte; vnnd jhnen alleine für das erste zue bedencken gebe, wer Solon, Pythagoras, Socrates, Cicero vnd andere gewesen, die sich doch [B 3a] des Poetennamens nie geschämet haben. Ich köndte auch sonsten viel vortreffliche leute erzehlen, die auff diese kunst (wo ich sie eine kunst nennen soll) jhren höchsten fleiß gewendet haben, vnd dennoch dem gemeinen nutze mit vnsterblichem lobe vorgegangen sind. So ist auch ferner nichts närrischer, als wann sie meinen, die Poeterey bestehe bloß in jhr selber; die doch alle andere künste vnd wissenschafften in sich helt. Apuleius nennet den Homerus einen viel wissenden vnnd aller dinge erfahrenen Menschen; Tertullianus von der Seele: einen Vater der freyen künste. Plato, welcher im Tragedien schreiben so weit kommen, das er auch andern kampff anbitten dörffen, hat vermischet, wie Proclus von jhm saget, {tên te Pythagoreion kai Sôkratikên idiotêta}, die Pythagorische vnnd Socratische eigenschafft, hat die Geometrie vom Theodorus Cyreneus, die wissenschafft des Gestirnes von den Egyptischen Priestern erlernet, vnd ist aller dinge kündig gewesen. So hat man vnsere Musen zue mahlen pflegen, als sie mitt zuesammen gehenckten händen in einem reyen tantzten, jhnen auch den namen {Mousai}, gleichsam als {homousai}, gegeben, das gemeine bandt vnd verwandschafft aller künste hierdurch an zue deuten. Wann auch die verse nur blosse worte sindt, (wiewol das so wenig möglich ist, als das der Cörper ohne die Seele bestehen könne) was ist es denn das Eratosthenes ein getichte von beschreibung der Welt, so Hermus geheissen, das Parmenides vnnd Empedocles von natur der dinge, das Seruilius vnd Heliodorus, derer Galenus erwehnet, von der ärtzney geschrieben haben? Oder, wer kan leugnen, das nicht Virgilius ein gutter Ackersman, Lucretius ein vornemer naturkündiger, Manilius ein Astronomus, Lucanus ein Historienschreiber, Oppianus ein Jägermeister, vnd einer vnd der andere der Philosophie obristen sein, da sie doch nichts als Poeten sein. Es sey denn das wir glauben wollen, Theocritus habe Schaffe getrieben, vnd Hesiodus sey hin-[B 3b]ter dem Pfluge gegangen. Doch muß ich gleichwol bekennen, das auch an verachtung der Poeterey die jenigen nicht wenig schuldt tragen, welche ohn allen danck Poeten sein wollen, vnd noch eines theils zum vberfluß, ebener massen wie Julius Cesar seine kahle glitze, sie jhre vnwissenheit vnter dem Lorbeerkrantze verdecken. Gewißlich wenn ich nachdencke, was von der zeit an, seit die Griechische vnd Römische sprachen wieder sind hervor gesucht worden, vor hauffen Poeten sind herauß kommen, muß ich mich verwundern, wie sonderlich wir Deutschen so lange gedult können tragen, vnd das edele Papir mit jhren vngereimten reimen beflecken. Die worte vnd Syllaben in gewisse gesetze zue dringen, vnd verse zue schreiben, ist das allerwenigste was in einem Poeten zue suchen ist. Er muß {euphantasiôtos}, von sinnreichen einfällen vnd erfindungen sein, muß ein grosses vnverzagtes gemüte haben, muß hohe sachen bey sich erdencken können, soll anders seine rede eine art kriegen, vnd von der erden empor steigen. Ferner so schaden auch dem gueten nahmen der Poeten nicht wenig die jenigen, welche mit jhrem vngestümen ersuchen auff alles was sie thun vnd vorhaben verse fodern. Es wird kein buch, keine hochzeit, kein begräbnüß ohn vns gemacht; vnd gleichsam als niemand köndte alleine sterben, gehen vnsere gedichte zuegleich mit jhnen vnter. Mann wil vns auff allen Schüsseln vnd kannen haben, wir stehen an wänden vnd steinen, vnd wann einer ein Hauß ich weiß nicht wie an sich gebracht hat, so sollen wir es mit vnsern Versen wieder redlich machen. Dieser begehret ein Lied auff eines andern Weib, jenem hat von des nachbaren Magdt getrewmet, einen andern hat die vermeinte Bulschafft ein mal freundtlich angelacht, oder, wie dieser Leute gebrauch ist, viel mehr außgelacht; ja deß närrischen ansuchens ist kein ende. Mussen wir also entweder durch abschlagen jhre feindschafft erwarten, oder durch willfahren den würden der Poesie einen mercklichen abbruch thun. [B 4a] Denn ein Poete kan nicht schreiben wenn er wil, sondern wenn er kan, vnd jhn die regung des Geistes welchen Ovidius vnnd andere vom Himmel her zue kommen vermeinen, treibet. Diese vnbesonnene Leute aber lassen vns weder die rechte zeit noch gelegenheit: wie sich denn Politianus in einer epistel hefftig darüber beschwäret, vnd Ronsardt, wie Muretus meldet, hat pflegen zue sagen, er empfinde nicht so grosse lust wann er seine eigene Liebe beschriebe, als er grossen verdruß empfinde, wann er anderer jhre liebe beschreiben muste. Wiewol etliche, gemeiniglich aber die schlimmesten, sich selber hierzue antragen, vnd den leuten jhre träwme fast einzwingen. Diese meinet sonderlich Aristoteles, _Eth. ad Nic. lib. 9. c. 7._ da er saget, das sie jhre getichte vber die maße lieb haben, vnd so hertzlich gegen jhnen geneiget sein: wie die eltern gegen den kindern. Vnd _Cicero 5. Tusc._ spricht auch fast auff diesen schlag: _In hoc enim genere nescio quo pacto magis quam in aliis suum cuique pulchrum est. adhuc neminem cognoui Poetam, & mihi fuit cum Aquinio amicitia, qui sibi non optimus videretur._ Das ferner die Poeten mit der warheit nicht allzeit vbereinstimmen, ist zum theil oben deßenthalben Vrsache erzehlet worden, vnd soll man auch wissen, das die gantze Poeterey im nachäffen der Natur bestehe, vnd die dinge nicht so sehr beschreibe wie sie sein, als wie sie etwan sein köndten oder solten. Es sehen aber die menschen nicht alleine die sachen gerne, welche an sich selber eine ergetzung haben; als schöne Wiesen, Berge, Felde, flüße, ziehrlich Weibesvolck vnd dergleichen: sondern sie hören auch die dinge mit lust erzehlen, welche sie doch zue sehen nicht begehren; als wie Hercules seine Kinder ermordet, wie Dido sich selber entleibet, wie die Städte in den brand gesteckt werden, wie die pest gantze Länder durchwütet, vnd was sonsten mehr bei den Poeten zue finden ist. Dienet also dieses alles zue vberredung vnd vnterricht auch ergetzung der Leute; [B 4b] welches der Poeterey vornemster zweck ist. Die nahmen der Heidnischen Götter betreffendt, derer sich die stattlichsten Christlichen Poeten ohne verletzung jhrer religion jederzeit gebrauchet haben, angesehen das hierunter gemeiniglich der Allmacht Gottes, welcher die ersten menschen nach den sonderlichen wirckungen seiner vnbegreifflichen Maiestet vnterschiedene namen gegeben, als das sie, wie Maximus Tyrius meldet, durch Minerven die vorsichtigkeit, durch den Apollo die Sonne, durch den Neptunus die Lufft welche die Erde vnnd Meer durchstreichet; zue zeiten aber vorneme Leute, die wie Cicero im andern buche von den Gesetzen saget, vmb jhres vordienstes willen in den Himmel beruffen sein, zue zeiten was anders angedeutet wird, ist allbereit hin vnd wieder so viel bericht darvon geschehen, das es weiterer außführung hoffentlich nicht wird von nöthen sein. Was auch der Poeten Leben angehet, (damit ich mich nicht zue lange auffhalte) ist es nicht ohn, das freylich etliche von jhnen etwas auß der art schlagen, vnd denen, die in anderer Leute mängeln falcken, in jhren eigenen Maulwörffe sein, anlaß geben jhnen vbel nach zue reden. Die Vrsache kan wol zum theile sein, das jhre Poetische gemüter vnterweilen etwas sicherer vnd freyer sein, als es eine vnd andere zeit leidet, vnd nach des volckes Vrtheil nicht viel fragen. Zum theile thut auch der wein etwas; sonderlich bey denen, welchen Horatius besser gefellt da er schreibet:

_Prisco si credis, Mæcenas docte, Cratino, Nulla valere diu, nec viuere carmina possunt, Quæ scribuntur aquæ potoribus._

Mecenas, wil du mir vnd dem Cratinus gleuben, Der der da wasser trinckt kan kein guet carmen schreiben;

Als Pindarus, der stracks im anfange seiner bücher saget: [C 1a] {Ariston men hydôr}, +Das Wasser ist das beste das man findt+. Mit welchem es Alceus, Aristophanes, Alcman, Ennius vnd andere nicht gehalten hetten; auch Eschilus nicht, dem Sophocles vorgeworffen, der wein hette seine Tragedien gemacht, nicht er. Vnd zum theile thut auch zue dem etwas nachleßigen wandel mancher Poeten nicht wenig die gemeinschafft etlicher alten, die jhre reine sprache mit garstigen epicurischen schrifften besudelt, vnd sich an jhrer eigenen schande erlustiget haben. Mit denen wir aber vmbgehen mußen wie die bienen, welche jhr honig auß den gesunden blumen saugen, vnd die gifftigen Kräuter stehen lassen. Doch wie ehrliche, auffrichtige, keusche gemüter (welche von den auch keuschen Musen erfodert werden) derer die jhre geschickligkeit mit vblen sitten vertunckeln nicht entgelten können, so sind auch nicht alle Poeten die von Liebessachen schreiben zue meiden; denn viel vnter jhnen so züchtig reden, das sie ein jegliches ehrbares frawenzimmer vngeschewet lesen möchte. Man kan jhnen auch deßentwegen wol jhre einbildungen lassen, vnd ein wenig vbersehen, weil die liebe gleichsam der wetzstein ist an dem sie jhren subtilen Verstand scherffen, vnd niemals mehr sinnreiche gedancken vnd einfälle haben, als wann sie von jhrer Buhlschafften Himlischen schöne, jugend, freundligkeit, haß vnnd gunst reden. Wie dann hiervon der Frantzösischen Poeten Adler Peter Ronsardt ein artiges Sonnet geschrieben, welches ich nebenst meiner vbersetzung (wiewol dieselbe dem texte nicht genawe zuesaget) hierbey an zue ziehen nicht vnterlassen kan:

_Ah belle liberté, qui me seruois d'escorte, Quand le pied me portoit où libre ie voulois! Ah! que ie te regrette! helas, combien de fois Ay-ie rompu le ioug, que maulgré moy ie porte!_

_Puis ie l'ay rattaché, estant nay de la sorte, [C 1b] Que sans aimer ie suis & du plomb & du bois, Quand ie suis amoureux i'ay l'esprit & la vois, L'inuention meilleure, & la Muse plus forte._

_Il me faut donc aimer pour auoir bon esprit, Afin de conceuoir des enfans par escrit, Prolongeant ma memoire aux despens de ma vie._

_Ie ne veux m'enquerir s'on sent apres la mort: Ie le croy: ie perdroy d'escrire toute enuie: Le bon nom qui nous suit est nostre reconfort._

Du güldne Freiheit du, mein wünschen vnd begehren, Wie wol doch were mir, im fall ich jederzeit Mein selber möchte sein, vnd were gantz befreyt Der liebe die noch nie sich wollen von mir kehren,

Wiewol ich offte mich bedacht bin zue erweren. Doch lieb ich gleichwol nicht, so bin ich wie ein scheit, Ein stock vnd rawes bley. die freye dienstbarkeit, Die sichere gefahr, das tröstliche beschweren

Ermuntert meinen geist, das er sich höher schwingt Als wo der pöfel kreucht, vnd durch die wolcken dringt, Geflügelt mitt vernunfft, vnd mutigen gedancken,

Drumm geh' es wie es wil, vnd muß ich schon darvon, So vberschreit ich doch des lebens enge schrancken: Der name der mir folgt ist meiner sorgen lohn.

[C 2a] Welchen namen wenn die Poeten nicht zue gewarten hetten, würden viel derselben durch die boßheit der Leute, die sie mehr auß neide alß billicher vrsache verfolgen, von jhrem löblichen vorsatze zuerücke gehalten vnd abgeschreckt werden. Es wird aber bey jhnen nicht stehen, vnd ich bin der tröstlichen hoffnung, es werde nicht alleine die Lateinische Poesie, welcher seit der vertriebenen langwierigen barbarey viel große männer auff geholffen, vngeacht dieser trübseligen zeiten und höchster verachtung gelehrter Leute, bey jhrem werth erhalten werden; sondern auch die Deutsche, zue welcher ich nach meinem armen vermögen allbereit die fahne auffgesteckt, von stattlichen gemütern allso außgevbet werden, das vnser Vaterland Franckreich vnd Italien wenig wird bevor dörffen geben.

Das IIII. Capitel.

Von der Deutschen Poeterey.

VOn dieser Deutschen Poeterey nun zue reden, sollen wir nicht vermeinen, das vnser Land vnter so einer rawen vnd vngeschlachten Lufft liege, das es nicht eben dergleichen zue der Poesie tüchtige _ingenia_ könne tragen, als jergendt ein anderer ort vnter der Sonnen. Wein vnnd früchte pfleget man zue Loben von dem orte da sie herkommen sein; nicht die gemüter der menschen. Der weise Anacharsis ist in den Scitischen wüsten gebohren worden. Die Vornemsten Griechen sind in Egypten, Indien vnd Franckreich gereiset, die weißheit zue erlernen. Vnd, vber diß das wir so viel Vorneme Poeten, so heutiges tages bey vns erzogen worden, vnter augen können stellen, erwehnet Tacitus von den Deutschen in dem buche das er von jhnen geschrieben, das ob wol weder Mann noch Weib vnter jhnen zue seiner zeit den freyen künsten ob zue liegen pflegeten, faßeten sie doch alles was sie im [C 2b] gedächtniß behalten wolten in gewisse reimen vnd getichte. Wie er denn in einem andern orte saget, das sie viel von des Arminius seinen thaten zue singen pflegeten. Welches sie vieleichte den Frantzosen nachgethan haben, bey denen, wie Strabo im fünfften buche anzeiget, +Dreyerley Leute waren, die man in sonderlichen ehren hielt: _Bardi_, _Vates_ vnnd Druiden. Die Barden sungen Lobgetichte vnnd waren Poeten; Die _Vates_ opfferten vnd betrachteten die Natur aller dinge; Die Druiden pflegten vber die Natürliche Wissenschafft auch von gueten sitten zue vnterrichten.+ Welches auch Marcellinus im fünfften buche bekrefftiget: +Die Barden+, saget er, +haben berümbter männer ritterliche thaten mit heroischen Versen beschrieben, vnd mit süßen melodien zue der leyer gesungen+, Vnd _Lucanus_ im ersten buche des bürgerlichen Krieges:

_Vos quoque qui fortes animas belloque peremptas Laudibus in longum vates demittitis æuum, Plurima securi fudistis carmina Bardi._

Das ich der meinung bin, die Deutschen haben eben dieses im gebrauche gehabt, bestetiget mich, vber das was Tacitus meldet, auch der alten Cimbrer oder Dänen ebenmäßiger gebrauch, die von jhren Helden schöne und geistreiche Lieder ertichtet haben, deren nicht wenig von alten jahren her in Dennemarck noch verhanden sind, vnd von vielen gesungen werden. So ist auch Hiarnes bey jhnen einig vnnd alleine deßentwegen zum Königreiche kommen, weil er dem vorigen Könige zue ehren ein solch grabgetichte gemacht, das vor allen andern den preiß behalten.

[C 3a] Vnd vber diß, sind doch eines vngenannten Freyherrens von Wengen, Juncker Winsbeckens, Reinmars von Zweter, der ein Pfältzischer vom Adel vnd bey Keyser Friedrichen dem ersten vnd Heinrichen dem sechsten auffgewartet hatt, Marners auch eines Edelmannes, Meister Sigeherrens, vnd anderer sachen noch verhanden, die manchen stattlichen Lateinischen Poeten an erfindung vnd ziehr der reden beschämen. Ich wil nur auß dem Walter von der Vogelweide, Keyser Philipses geheimen rahte, den Goldast anzeucht, einen einigen ort setzen; darauß leichtlich wird zue sehen sein, wie hoch sich selbige vorneme Männer, vngeachtet jhrer adelichen ankunfft vnd standes, der Poeterey angemaßet:

Nun sende vns Vater vnd Suhn den rechten Geist heraben, Das wir mit deiner süssen füchte ein dürres hertze erlaben. Vnkristenlichen dingen ist al al dui kristenheit so vol, Swa kristentum ze siechhus lit da tut man jhm nicht wol. Ihn dürstet sehre Nach der lehre Als er vom Rome was gewon, Der jhn da schancte Vnd jhn da trancte Als é da wurde er varende von. Swas im da leides je gewar Das kam von Symonis gar. Vnd ist er da so fründebar Das er engetar [C 3b] Nicht sin schaden genügen. Kristentum vnd Kristenheit Der disü zwei zusamme sueit Gelih lanc, gelih breit, Lieb vnd leit Der wolte auch das wir trügen In kriste Kristenliches leben Sit er vns vf eine gegeben So suln wir vns nicht scheiden, &c.

Das nun von langer zeit her dergleichen zue vben in vergessen gestellt ist worden, ist leichtlicher zue beklagen, als die vrsache hiervon zue geben. Wiewol auch bey den Italienern erst Petrarcha die Poeterey in seiner Muttersprache getrieben hat, vnnd nicht sehr vnlengst Ronsardus; von deme gesaget wird, das er, damit er sein Frantzösisches desto besser außwürgen köndte, mit der Griechen schrifften gantzer zwölff jahr sich vberworffen habe; als von welchen die Poeterey jhre meiste Kunst, art vnd liebligkeit bekommen. Vnd muß ich nur bey hiesiger gelegenheit ohne schew dieses errinnern, das ich es für eine verlorene arbeit halte, im fall sich jemand an vnsere deutsche Poeterey machen wolte, der, nebenst dem das er ein Poete von natur sein muß, in den griechischen vnd Lateinischen büchern nicht wol durchtrieben ist, vnd von jhnen den rechten grieff erlernet hat; das auch alle die lehren, welche sonsten zue der Poesie erfodert werden, vnd ich jetzund kürtzlich berühren wil, bey jhm nichts verfangen können.

Das V. Capitel.

[C 4a] Von der zuegehör der Deutschen Poesie, vnd erstlich von der invention oder erfindung, vnd Disposition oder abtheilung der dinge von denen wir schreiben wollen.

WEil die Poesie, wie auch die Rednerkunst, in dinge vnd worte abgetheilet wird; als wollen wir erstlich von erfindung vnd eintheilung der dinge, nachmals von der zuebereitung vnd ziehr der worte, vnnd endtlich vom maße der sylben, Verse, reimen, vnnd vnterschiedener art der _carminum_ vnd getichte reden.

Die erfindung der dinge ist nichts anders als eine sinnreiche faßung aller sachen die wir vns einbilden können, der Himlischen vnd jrrdischen, die Leben haben vnd nicht haben, welche ein Poete jhm zue beschreiben vnd herfür zue bringen vornimpt: darvon in seiner Idea Scaliger außfürlich berichtet. An dieser erfindung henget stracks die abtheilung, welche bestehet in einer füglichen vnd artigen ordnung der erfundenen sachen. Hier mußen wir vns besinnen, in was für einem _genere carminis_ vnd art der getichte (weil ein jegliches seine besondere zuegehör hat) wir zue schreiben willens sein.

Ein Heroisch getichte (das gemeiniglich weitleufftig ist, vnd von hohem wesen redet) soll man stracks von seinem innhalte vnd der Proposition anheben; wie Virgilius in den büchern vom Ackerbawe thut:

_Quid faciat lætas segetes, quo sidere terram Vertere, Mæcenas, vlmisque adiungere vites Conueniat; quæ cura boum, qui cultus habendo Sit pecori, atque apibus quanta experientia parcis, Hinc canere incipiam._

Vnd ich (wiewol ich mich schäme, das ich in mangel ande-[C 4b]rer deutschen exempel mich meiner eigenen gebrauchen soll, weil mir meine wenigkeit vnd vnvermögen wol bewust ist) in dem ersten buche der noch vnaußgemachten Trostgetichte in Wiederwertigkeit des Krieges:

Des schweren Krieges last den Deutschland jetzt empfindet, Vnd das Gott nicht vmbsonst so hefftig angezündet Den eifer seiner macht, auch wo in solcher pein Trost her zue holen ist, soll mein getichte sein.

Nachmals haben die heiden jhre Götter angeruffen, das sie jhnen zue vollbringung des werckes beystehen wollen: denen wir Christen nicht allein folgen, sondern auch an frömigkeit billich sollen vberlegen sein. Virgilius spricht weiter an gedachtem orte:

_Vos, o clarissima mundi Lumina, labentem coelo quæ ducitis annum, Liber, & alma Ceres, &c._

Vnd ich:

Diß hab ich mir anjetzt zue schreiben fürgenommen. Ich bitte wollest mir geneigt zue hülffe kommen Du höchster trost der welt, du zueversicht in not, Du Geist von GOtt gesandt, ia selber wahrer GOtt.

Gieb meiner Zungen doch mit deiner glut zue brennen, Regiere meine faust, vnd laß mich glücklich rennen Durch diese wüste bahn, durch dieses newe feldt, Darauff noch keiner hat für mir den fuß gestelt.

Wiewol etliche auch stracks zue erste die anruffung setzen. Als Lucretius:

[D 1a] _Aeneadum genetrix, hominum diuumque voluptas, Alma Venus, &c._

Vnd Wilhelm von Sallust in seiner andern woche:

_Grand Dieu, qui de ce Tout m'as fait voir la naissance, Descouure son berceau, monstre-moy son enfance. Pourmeine mon esprit par les fleuris destours Des vergers doux-flairans, où serpentoit le cours De quatre viues eaux: conte-moy quelle offence Bannit des deux Edens Adam, & sa semence._

Gott, der du mich der welt geburt hast sehen lassen, Laß mich nun jhre wieg' vnd kindheit jetzt auch fassen, Vnd meinen Geist vnd sinn sich in dem kreiß' ergehn Der gärte vol geruchs, hier wo vier flüsse schön' Hinrauschen mitten durch: erzehl vmb was für sachen Sich Adam vnd sein sam' auß Eden muste machen.

Doch ist, wie hier zue sehen, in der anruffung allzeit die proposition zuegleich begrieffen. Auff dieses folget gemeiniglich die dedication; wie Virgilius seine _Georgica_ dem Keiser Augustus zuegeschrieben. Item die vrsache, warumb man eben dieses werck vor sich genommen: wie im dritten buche vom Ackerbawe zue sehen:

+_Cetera, quæ vacuas tenuissent carmina mentes, Omnia, jam vulgata_+;

vnd wie folget. Dem ich in den Trostgetichten auch habe nachkommen wollen:

Das ander ist bekandt. wer hat doch nicht geschrieben [D 1b] Von Venus eitelkeit, vnd von dem schnöden lieben, Der blinden jugendt lust? wer hat noch nie gehört Wie der Poeten volck die grossen Herren ehrt,

Erhebt sie an die lufft, vnd weiß herauß zue streichen Was besser schweigens werth, lest seine feder reichen Wo Menschen tapfferkeit noch niemals hin gelangt, Macht also das die welt mit bloßen lügen prangt?

Wer hat zue vor auch nicht von riesen hören sagen, Die Waldt vnd Berg zuegleich auff einen orth getragen, Zue stürtzen Jupitern mit aller seiner macht, Vnnd was des wesens mehr? nun ich bin auch bedacht

Zue sehen ob ich mich kan auß dem staube schwingen, Vnd von der dicken schar des armen volckes dringen So an der erden klebt. ich bin begierde voll Zue schreiben wie man sich im creutz' auch frewen soll,

Sein Meister seiner selbst. ich wil die neun Göttinnen, Die nie auff vnser deutsch noch haben reden können, Sampt jhrem Helicon mit dieser meiner handt Versetzen allhieher in vnser Vaterlandt.

Vieleichte werden noch die bahn so ich gebrochen, Geschicktere dann ich nach mir zue bessern suchen, [D 2a] Wann dieser harte krieg wird werden hingelegt, Vnd die gewündschte rhue zue Land vnd Meer gehegt.